Montag, 28. Mai 2012

Trompeterlied im Schweinsgalopp

Es beginnt, wie solche Filme immer beginnen. Nur ein bisschen schneller. Der Trompeter hat wohl Jagdwurst gefressen, würde der Hallenser sagen, denn am Anfang des Defa-Filmes „Das Lied vom Trompeter“ eilt das bekannte Trompeterlied im Schweinsgalopp vorüber. Aber was der Youtube-Nutzer TheBaer1986 auf seinen Kanal geladen hat, ist dennoch der echte, der völlig unverfälschte Konrad-Petzold-Klassiker aus dem Jahr 1964: Im Garten hinter dem Volkspark steht Günther Simon als Ernst „Teddy“ Thälmann, und schickt seinem Freund Fritz Weineck mit bebender Stimme ein paar rührende Worte hinterher. Dann reißen sich alle die Mützen vom Kopf. Fred Delmare als Kleckchen. Jürgen Frohriep. Und Rolf Römer. Die Trompete weint aus dem Off herein. Der größte hallesche Lokalmythos der Neuzeit, er war jahrzehntelang vergessen, obwohl nicht nur die Trompetergeschichte selbst, sondern auch ihre Übersetzung in Propaganda-Kunst ein ganz und gar hallesches Thema war. Otto Gotsche, Sohn eines Eisleber Bergmannes, Widerstandskämpfer, Künstler und später SED-Funktionär, schrieb die ebenso rührende wie klassenkampftaugliche Tragödie des jungen Fritz Weineck auf, der die Musik liebt, aber im Kugelhagel einer arbeiterfeindlichen Soldateska stirbt, weil er seine Klasse nicht verrät. Vor dem Mauerbau geschrieben, wurde das Buch drei Jahre später zum Drehbuch. Die Defa-Gruppe „Konkret“ drehte an den Originalschauplätzen, so dass die 81 Minuten zu einer Zeitreise in ein Halle werden, dessen Hinterhöfe, Straßen und Plätze, Backsteinmauern und Ladeninschriften die 20er Jahre auch in den 60ern noch gut nachzustellen wussten. Horst Jonischkan spielt den Fritz Weineck als Träumer, der durch Glaucha läuft oder am Saaleufer sitzt und Mundharmonika spielt. „Ich möchte so gern Musik machen“, sagt er und schaut verloren über den Fluss.Es wird anders kommen, denn die Zeiten sind so. In satten Schwarz-weiß-Tönen mit Hilfe des Totalvision-verfahrens sparsam auf 35-Millimeter-Film, dennoch aber im Kino-Breitbildforma gedreht, benutzt der spätere Indianerfilm-Spezialist Petzold die Biografie des Bürstenbinders, der im Roten Frontkämpferbund seine Klassenwurzeln entdeckt, als Leinwand, auf der ein Zeitpanorama nach SED-Lehre abläuft: Reiche tragen Pelze, horten Würste und sprechen mit keifender stimme. Arme teilen gern, reden nachdenklich und tragen ihr Schicksal mit kämpferischem Mut. „Die Brigade Halle schlägt Dich kurz und klein, Du Arbeiterschwein“, singt die Konterrevolution im Keller, während Fritz Weineck sich schon entschlossen hat. „Ich lenk´ sie auf mich, ihr nehmt die Gewehre“, sagt er. Diesmal kriegen sie ihn noch nicht, doch der Kampf geht weiter und am Ende ist Fritz tot. Die Szenen im Volkspark, der viel kleiner scheint als in Wirklichkeit, sind beeindruckend dicht komponiert, doch die Dramaturgie folgt keiner Logik, sondern den Erfordernissen des politischen Kampfes: Der Saalschutz der Arbeiter formiert sich vor Teddy, dem Führer und KPD-Präsidentschaftskandidat. Ein heute nur noch als „Leutnant Pietzger“ bekannter Schutzpolizist schießt dennoch, während Fritz warnend seine Trompete bläst. Frauen schreien. Die Kamera wackelt. Ein Geländer bricht. Panik. Tod. Fritz springt Helga Göring bei, die seine Mutter spielt. Von hinten naht ein Schupomann und schießt ihm in den Rücken. Eine Legende ist geboren, die im Internet weitergeht. „Youtube ist ein Massenmedium mit geringer Zugangshürde für Millionen Menschen“, beschreibt TheBaer1986, der den Defa-Film komplett hochgeladen hat. Als einer von vielen Genossen trage er „hier einen kleinen Teil dazu bei, unsere Agitprop auf breiter Linie verfügbar zu machen“.http://www.youtube.com/watch?v=R3vS0sVYsNQ Filme aus Halle: „Fritz Weineck“ Horst Jonischkan spielt auch in der Konrad-Wolf-Verfilmung „Der geteilte Himmel“ mit, die auf Basis des gleichnamigen Buches von Christa Wolf entstand, das die Autorin während ihrer Jahre in Halle geschrieben hatte. Deshalb wurde auch in Halle gedreht, unter anderen im Waggonbau Ammendorf. Wolf hatte zuvor schon „Professor Mamlock" in Halle gedreht, vor allem eine Villa zwischen Kirchtor und Neuwerk spielt in dem Film eine große Rolle. Drehort für den 2005 vom New Yorker Museum of Modern Art in New York gefeierten Film „Das zweite Gleis“ war dagegen der Güterbahnhof in Halle, "Rabenvater" mit Uwe Kickisch entstand im Jahr 1986 dann hauptsächlich in Halle-Neustadt. Die unweit von Halle gelegenen Muschelkalkhänge von Köllme wiederum dienten beim Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" als Kulisse, während "Das Fahrrad“ Heidemarie Schneider in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter Anfang der 80er Jahre zeigt, die in Halles Altstadt mit DDR-typischen Problemen fertigwerden muss.

Montag, 14. Mai 2012

Lieber ein Verlierer sein

Fußball-Fusion in Halle: Der Kopf sagt ja, die Herzen bluten: Die Fans des HFC mögen nicht über ihren Schatten springen

Vor ein paar Wochen erst haben sie mal wieder den Kürzeren gezogen. Wie eigentlich immer in den letzten Jahren. Bei einem einigermaßen unwichtigen Hallenturnier war das, und es sah ausnahmsweise gar nicht so schlecht aus für die Mannschaft des Halleschen FC. Gegen den Stadtrivalen VfL 96 endlich mal nicht verloren, dazu ein Sieg und eine unglückliche Niederlage. Anschließend hätte es gereicht, wenn die Konkurrenz vom VfL ihr letztes Spiel nur ja recht hoch gewinnt. Beide halleschen Klubs wären ins Halbfinale eingezogen.

 Doch die Seele der HFC-Fans rechnet nicht wie ein Liga-Statistiker. Jede andere Mannschaft hätten die 500, 600 Rot-Weißen auf den Rängen vorwärtsgepeitscht, um die eigene Truppe im Turnier zu halten. Jede andere. Aber nicht den VfL, den der Anhang des Halleschen FC in Anspielung auf dessen "Stadion am Zoo" nur abfällig die "Affen" nennt. Die? Nie! Stattdessen haben sie ein neues Lied gesungen, alle Mann. "Lieber ein Verlierer sein, als ein dummes Affenschwein", ging das. Der VfL gewann nicht. Der HFC schied aus. Und der rot-weiße Block feierte seine Spieler danach wie die neuen Weltmeister.

Michael Schädlich mag das vergessen haben. Doch am Donnerstag in der knackvollen HFC-Kneipe "Bischoff" muss es dem HFC-Vizepräsidenten wieder eingefallen sein. Vier Tage nach der Mitteilung der Präsidien, dass beide Vereine eine Fusion anstreben (die MZ berichtete), war Schädlich gekommen, für den Plan "zu werben, zu kämpfen und Verständnis zu wecken". Eine Mission Impossible.

Zuviel ist geschehen in den langen, dürren Jahren seit dem Abstieg des HFC aus der 2. Bundesliga, dem der Absturz in die fünfte Liga folgte. Und Muckel und Korni, Hans, Micha, Rainer und die anderen haben keine Sekunde vergessen. Nicht die Tage, als alle Spieler fortliefen; Präsidenten vor dem himmelhohen Schuldenberg türmten und Bürgermeister im Angesicht der Katastrophe unparteiisch die Achseln zuckten. Nicht die Saison, als die HFC-Notelf aus 18-jährigen Nachwuchsspielern ganze drei Punkte holte. Und nicht die Tatsache, dass der Überlebenskampf begleitet war von den Ankündigungen des bis dato unterklassigen VfL 96, den größeren Stadtkonkurrenten in die Bedeutungslosigkeit befördern zu wollen. "Wir sind die neue Nummer eins", tönte VfL-Präsident Wilfried Klose triumphierend.

Jedes Wort traf Anhänger wie Jens Schumann, Jürgen Böhm oder Marco Hein mitten ins Herz. Die Wunden bluten noch. Im schwarzen Rolli steht Schädlich vor ihnen, von Zigarettenqualm umgeben wie von Pulverdampf, und führt Vernunftgründe an. "Keine Basis" gebe es für eine weitere sportliche Entwicklung. Das habe man in den letzten Monaten sowohl beim VfL als auch beim HFC feststellen müssen. "Für uns sind keine neuen Finanzquellen mehr erschließbar, und auch der VfL sieht für sich allein keine Perspektiven."

 Hier fehle das Geld, dort das Umfeld. Gehe man jedoch zusammen, "verschwindet der VfL von der Landkarte und Herr Klose bringt die Sponsoren mit zu uns." Eine einfache Lösung. Schädlich, seit 1976 in Halle und Vater eines Sohnes, der in der HFC-A-Jugend spielt, schiebt die Hand in die Tasche. "Wir reden nicht über eine Verschmelzung", sagt er, "hier geht es um einen Anschluss des VfL an den HFC." Wenn sie das doch nur glauben könnten, die Jungs mit den Schals, auf denen "HFC forever" und "Affen in den Zoo" steht.

Aber da ist der Preis, den die beiden Präsidien ausgehandelt haben als Prämie für den Übertritt des VfL. Und der lässt sie Verrat wittern und Unterwanderung durch den Feind, der allein Identität stiftete, als rundum alles in Scherben fiel. Ausgerechnet "Hallescher Fußballklub von 1896" soll der neue Verein heißen. "Dass das der Gründungsname der Affen ist, wissen Sie so gut wie wir", empört sich Rainer Hempel. Sind sie dafür all die Jahre nach Völpke und Borna gefahren? Haben sie dafür gelitten und sich demütigen lassen in Braunsbedra und Wolfen? "Ausgerechnet jetzt, wo wir auf dem Weg nach oben sind und der VfL auseinander bricht, sollen wir mit denen zusammengehen?"

Nein, Jens Schumann begreift es nicht: "Noch ein halbes Jahr, dann sind die sowieso tot." Über kurz oder lang werde jeder Sponsor überlegen, ob er sein Geld nicht lieber zum HFC tragen wolle. Schädlich würde sich wohl wünschen, dass es so wäre. "Auch mein Gefühl sagt nein", ruft er, "ich will diese Scheiß-96 nicht im Namen haben." Nur Klose und seine Drähte brauche man, und die seien nun mal nicht zu haben ohne die beiden Ziffern. "Doch diese Zahl ist das Einzige, was wir aufgeben."

Alle übrigen Punkte auf der Verhandlungsliste sprächen eine deutliche Sprache: "Da wird es eine klare HFC-Dominanz geben", verspricht auch Schädlichs Präsidiumskollege Bodo Sommer. Nur will ihm das kaum einer hier abnehmen. "Was wird mit Leuten, die über Jahre die Knochen hingehalten haben?", will Muckel wissen. Wird aus der unglücklichen Geliebten, die schon in der DDR-Oberliga mehr stolperte als siegte und nach der Wende tiefer stürzte als jeder andere Ost-Klub, ein Retortenverein, in dem nur noch gesichtslose Legionäre spielen wie heute schon bei Kloses VfL?

 Es schüttelt sie bei dem Gedanken, die lauten Kerle, über deren Bierbäuchen die HFC-Dresse spannen. Fan sein hier unten in Liga vier funktioniert anders als bei der Fußball-Operette im Bundesliga-Theater. Da ist Kumpelei zwischen Kurve und Kabine. HFC-Torwart Maik Völkner ist ein Typ zum Anfassen. Abwehrmann Marcel Geidel, den sie liebevoll "Marcello" nennen, kühlt seinen Hitzkopf in denselben Kneipen wie die Fans. Und wenn Nico Steffen auf Rechtsaußen nicht richtig läuft, fordert Trainer Reinhard Häfner schon mal die Hilfe der Fans an. Die rufen dann "Geh, Nico!" Bis er geht.

Fast könnte man glauben, Oberliga sei kein Geschäft. Ist sie aber doch, weiß Bodo Sommer, der die HFC-Finanzen managt. "So wie jetzt können wir auch weitermachen, aber auf niedrigerem Niveau", stellt er klar. Man müsse begreifen, dass auch der HFC dem Leistungsprinzip unterliege, sekundiert Nachwuchskoordinator Harald Kühr: "Wir leben nun mal im kapitalistischen System." So ist das. "Und ohne Fusion krepeln wir doch ewig weiter rum", fürchtet Heinz Marquardt, der vor 50 Jahren sein erstes HFC-Spiel gesehen hat. "Dann fahren wir eben wieder auf die Dörfer", schreit es von hinten, "immer noch besser, als sich an die Affen zu verkaufen!" Michael Schädlich schaut ratlos zu Bodo Sommer. Harald Kühr verstummt. "Lieber ein Verlierer sein", fangen sie zu singen an.