Donnerstag, 19. Dezember 2013

Das schwierige Geschäft mit der Geschichte

Es ist immer wieder wunderbar und höchst beeindruckend, wie die Geschichte über Bande spielt, um augenzwinkernd darauf aufmerksam zu machen, dass Schwarz und Weiß keine Farben sind. Den jüngsten Beleg für den subtilen Humor, den die Zeitläufte zu entwickeln vermögen, lieferte die Tagesordnung des halleschen Stadtrates. Dort folgten zwei Anträge aufeinander, die schöner nicht hätten illustrieren können, wie schwierig das Geschäft mit der Bewältigung der Geschichte ist: In Antrag eins verlangte die grüne Fraktion die Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße, weil der frühere Präsident der Leopoldina zum „Establishment des Dritten Reiches“ gehört habe. Antrag zwei kam vom „Mitbürger“ Martin Bauersfeld, und er forderte die Beseitigung eines Denkmals des halleschen Bildhauers Gerhard Geyer, das vor der ehemaligen Stasi-Bezirksbehörde steht.

Er wisse nicht viel über die Plastik, so der Antragsteller, doch sie zeige seiner Ansicht "drei Rotarmisten“ und habe somit eine „kritische politische Ausrichtung“. “Was sie darstellen ist eine Aussage, die nicht für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit steht”, sagte der gescheiterte Bundestagskandidat bei der Vorstellung seines Vorhabens.

Eigentlich also zwei Anträge, die sich blind ergänzen. Bilderstürmerei als Mittel der Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Radiergummi als Waffe im Kampf gegen unliebsame Erinnerungen. Doch ausgerechnet hier offenbart sich bei genauerer Betrachtung ein tieferer Zusammenhang, der mehr über die Verfasstheit der Gesellschaft im Jahr 2013 erzählt als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Denn die Abderhalden-Straße soll nach dem Willen von Oberbürgermeister Bernd Wiegand demnächst Anton Wilhelm Amo benannt werden, dem ersten aus Afrika stammenden Studenten, der je eine deutsche Uni besucht hat. In der Stadt, in der er das tat, aber auch 23 Jahre nach dem Mauerfall mit keinem Straßennamen geehrt wird. Und ausgerechnet der am 9. April 1989 verstorbene Händel-Preisträger Gerhard Geyer war es, der eine Amo-Plastik schuf, die bis heute am Universitätsring der Saalestadt steht, wenn auch völlig unbeachtet und halb überwuchert.

Geyers Plastik vor der früheren MfS-Zentrale soll geschliffen werden, Geyers Amo-Bildnis nicht. Natürlich, geht es nach den Anhängern der These, dass Geschichte immer mal wieder von authentischen Zeugnissen der Vergangenheit bereinigt werden muss, ist das Amo-Denkmal zweifellos Kunst. Die Bronze mit den drei angeblichen “Rotarmisten“, von denen einer seltsamerweise unbewaffnet, mit offener Jacke und Pullover bekleidet Dienst tut, hingegen nicht. Die Kunst des Weidanz-Schülers Geyer wäre insgesamt gesehen also nur noch dann Kunst, wenn ihre Absicht bis heute auf Zustimmung trifft. Ein Gedanke, den weiterzudenken sich lohnt.

Dem Stadtrat, der vorerst beide Anträge abgelehnt hat, ist für die Anregung dazu zu danken.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

5 vor 12: Geplante Obsoleszenz

So sieht das aus, wenn das Bürgertum aufsteht. Die Leute sitzen um ein Feuer, das selbstverständlich in einer ordentlichen Schale prasselt. Ein Sponsor hat Glühwein spendiert, Freiwillige tragen Matratzen zusammen für die, die nicht länger wach bleiben wollen, wie das Motto der 48-Stunden-Protestaktion am neuen theater lautet. Auf der Bühne singen ein paar junge Menschen den Rauchhaus-Song von Ton Steine Scherben in staunende Gesichter: Wer sind diese Schmidt und Press und Mosch, von denen da immerfort gesungen wird? Und wo sind die Bullen, von denen die Rede ist?

Hier allerhöchstens im Publikum, zivil, aber rein privat, als Kunstfreunde, die sich wehren wollen gegen die von der Landesregierung geplanten Millionenkürzungen der Zuschüsse für die Theater. Kommen die, geht die Kultur, dieser Überzeugung sind alle, die sich im Innenhof versammelt haben. Dann wäre Halle keine Kulturhauptstadt mehr.

Ist es aber eine? Mehr als 200.000 Einwohner hat die Stadt, immer noch, vergleichbar viele Menschen wohnen im näheren Umkreis. Dennoch sind es nicht  endlose Heerscharen, die sich in den diesen letzten Kampf für ihre Kultureinrichtungen stürzen. Der OB ist da, die Ex-OB, viele Kulturarbeiter, viel von dem, was in einer Stadt wie Halle Geschmackselite darstellt. Aber das gemeine Volk? Die Leute, die zu "Wetten, dass..." tausendfach auf den Markt strömen? Die zu zehntausenden Laternenfeste feiern oder das Fußballstadion bevölkern? Liegt es an der späten Stunde, dass kaum Studenten unter den Protestierenden sind? An schlechten Bahnverbindungen, dass kaum jemand aus Halle-Neustadt angereist ist?

Nein, die von der Landesregierung geplante Obdoleszenz der städtischen Kultur trifft offenkundig auf ein bereitwilliges Desinteresse an derselben bei der Mehrheit der Bürger, für die sie angefertigt wird. 5 vor 12? In Halle gehen die Uhren anders.

Samstag, 7. Dezember 2013

Erstaunliches von Abderhalden

Es ist schon seltsam mit diesem Emil Abderhalden. Je länger man sich mit dem Mann beschäftigt, desto erstaunter ist man von der Vehemenz, mit der er durch den Saal getragen wird, um mit nachholendem Mut zu beweisen, wie gut man die Lektionen der eigenen Geschichte gelernt hat.

Dabei stellt sich die Faktenlage beim Betrachten der Biografie des angeblichen Angehörigen des Nazi-Establishments als sehr viel heterogener dar als dass die Anhänger einer Vergangenheitsbewältigung per Ausblendung gespaltener Lebensläufe gern hätten. Im Fall von Heinz Kürten etwa, einem Edel-Nazi, der bereits 1931 der NSDAP beitrat und später als Gaufachberater für Rassenhygiene in der Gauleitung Halle-Merseburg tätig war, stand der heute als Rassist kritisierte Abderhalden auf der Seite der wissenschaftlichen Redlichkeit, von der heute so viel die Rede ist.

 Kürten, der nicht nur wie Abderhalden dem kurzlebigen und einflußlosen NS-Lehrerbund beitrat, sondern ein Jahr später in den nun für Hochschullehrer zuständigen NS-Dozentenbund wechselte, war der Vertrauensmann der NSDAP an der Medizinischen Fakultät Halle und er wurde "in Anerkennung seiner Verdienste" 1934 zum außerordentlichen Professor an die Universität München berufen, wo er Lehrgänge für Rassenhygiene leitete.

Im Dezember 1934 wurde Kürten zum Ordinarius für Innere Medizin, Erblehre und Rassenhygiene an der Universität München ernannt. Von 1935 bis 1937 war er dann dort Dekan der Medizinischen Fakultät mit Forschungsschwerpunkt menschliche Erblichkeitslehre und Rassenpflege.

Was das mit Emil Abderhalden zu tun hat? Nun, der verhinderte 1936 eine Berufung Kürtens auf den Lehrstuhl für Innere Medizin an der Universität Halle, in dem er ankündigt, in diesem Fall seine eigene wissenschaftliche Arbeit einzustellen.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Blick zurück nach vorn

2013, das waren die zwölf Monate, die auf den so lange erwarteten Weltuntergang folgten. Was das dann aber wieder für ein Jahr gewesen sein wird!

Die Jahre, die mit den beiden Zahlen enden, die jeder Hotelchef bei den Zimmernummern überspringt, haben es in sich. 1713 etwa besetzten russische Truppen die Insel Rügen! 1813 mussten Blüchers Preußen Halle von der französischen Besatzung freikämpfen. Und 1913 gründete der Bäcker Karl Albrecht in Essen einen Tante-Emma-Laden mit dem Namen Aldi.

Immer was los, immer liegt Spannung in der Luft. Doch so weitsichtig wie Hotelchefs waren sie eben nicht, die Erfinder der Zeitrechnung. Und so steht er am ersten Januar da, der bislang jüngste 1.1.13. Das Jahr beginnt mit Inkrafttreten des Euro-Rettungsschirmes und der Übernahme der EU-Präsidentschaft durch Irland. Die meisten Menschen bemerken beides nicht. Die USA feiern den Sprung von der Fiskal-Klippe. In Deutschland wird die GEZ-Pflicht von Leuten, die keine Rundfunkgeräte besitzen, auf die ausgeweitet, die keine Geräte besitzen, zudem aber noch blind und taub sind.

Alle müssen mitmachen, denn schon am 20. Januar steht der erste Urnengang des Superwahljahres an. In Niedersachsen entscheidet sich nicht nur das Schicksal von CDU und FDP, sondern auch das von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eng ist es bis zuletzt in Hannover, aber das Wahlergebnis ist dann eindeutig: Alle Parteien bedanken sich bei ihren Wählern und lassen keinen Zweifel daran, dass sie das Votum der Niedersachsen als Auftrag begreifen. In Berlin kommt es dennoch zum Streit um die Themen, um die bis zur Bundestagswahl gestritten werden soll.

FEBRUAR

Bei der Oscar-Verleihung triumphiert der Film zum Musical "Les Misérables", der Preis der Tourismusindustrie geht an den Knüller "Der kleine Hobbit". Der deutsche Beitrag "Barbara", in Sachsen-Anhalt gedreht, geht leer aus. Neue Daten aus der Wirtschaft machen im Februar Mut, dass das Schlimmste überstanden ist: Die San Francisco 49ers gewinnen den Football-Super Bowl. Einer alten Regel nach ist das ein gutes Omen.

MÄRZ

Im März übernimmt Xi Jinping das Amt des chinesischen Staatspräsidenten. Xi kündigt in seiner Geheimrede an, Europa mit Chinas Dollarreserven retten zu wollen. Dazu werde ein Staatsfonds gehebelte binäre Optionen erwerben, die die EZB zurückleast. Im EZB-Rat geht der Plan glatt durch. Griechenland ist über Nacht schuldenfrei, Spanien wehrt sich noch, Hilfen zu beantragen. Bayern München jubelt nach einem 2:0 gegen denHSV vorzeitig über die 22. Meisterschaft. Nachrichtenagenturen schreiben von der "Gähnliga", der Papst twittert: "Wahre Freude kommt aus der Vereinigung mit Gott." Man werde sich nun auf das Champions-League-Finale vorbereiten, sagt ein auch im Triumph bescheidener Manager Matthias Sammer.

APRIL

Es geht aufwärts, nicht nur in Bayern. Zu Ostern sind die Benzinpreise wie immer auf ein Rekordhoch gestiegen, es wird erste Kritik an der neuen Markttransparenzstelle laut. Angeblich lohne es sich bei Preisen um 1,75 Euro gar nicht, 50 Kilometer zu fahren, um dort für drei Cent weniger zu tanken. Nicht mehr als ein gut gemeinter Versuch bleibt auch eine Mondfinsternis am 25. April: Wohl aus Kostengründen treten nicht einmal zwei Prozent der Mondscheibe in den Kernschatten der Erde. Umso mehr Begeisterung herrscht auf der Hamburger Reeperbahn, wo der evangelische Kirchentag feiert. Udo Lindenberg bringt seinen Klassiker "Reeperbahn" zum Event noch einmal heraus. Statt "Du geile Meile, auf die ich kann" heißt es jetzt "Du heil´je Meile, ich bet´ Dich an". In der Champions League unterliegt München wie üblich gegen Mailand. Nach dem Spiel poltert Bayern-Präsident Uli Hoeneß, Kapitän Lahm und Mannschaftskopf Schweinsteiger hätten "wie beim Löw" gespielt. Für den glücklosen Jupp Heynckes wird Matthias Sammer Trainer.

JUNI

Anfang Juni meldet sich das Enthüllungsportal Wikileaks zurück. Diesmal veröffentlicht die Plattform verschlüsselte Dokumente der Piratenpartei. Ein Parteisprecher nimmt bei "Anne Will" barfuß Stellung, wird aber von FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki übertönt. "Ich würde in Berlin zum Trinker werden", sagt der mit Blick auf die Bundestagswahl. "Trinkerhauptstadt Berlin" titelt ein Nachrichtenmagazin daraufhin. Weil keine Fußball-WM ansteht, ist das Sommerloch dieses Jahr früh dran.

JULI

Zum 1. Juli hat Europa Grund zum feiern: Kroatien tritt der Union als 28. Nation bei. Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite, die von Irland den EU-Vorsitz übernommen hat, begrüßt die Kroaten während einer Zeremonie in Brüssel. Später wird bekannt, dass Kommissionspräsident Barroso, Ratspräsident van Rompuy und Parlamentschef Schulz zuvor wie die Kesselflicker darum gestritten hatten, wer den Festakt leiten darf. Grybauskaite war nur eingesprungen, weil der Aufnahmezeitplan zu platzen drohte. Bei der Fußball-EM der Frauen in Schweden holen die deutschen Damen nach dem üblichen 2:0 gegen Norwegen den sechsten Titel in Folge. Eine Radioreporterin spricht von einem "Gähn-Championat". Im Zuge der Umsetzung der EU-Gleichbehandlungsrichtlinie übernimmt Bundestrainerin Silvia Neid danach den neuen Drittligisten RB Leipzig, den sie in die Champions League führen soll.

SEPTEMBER

Wenig später kommt es wie erwartet zur Bundestagswahl. SPD-Herausforderer Peer Steinbrück kämpft bis zuletzt, unter anderem im Netz, wo sieben Mitarbeiter für ihn twittern. Amtsinhaberin Angela Merkel konzentriert sich stärker auf klassische Marktplatzreden. Das Rennen ist lange offen, das Wahlergebnis aber eindeutig: Die Spitzenkandidaten aller Parteien bedanken sich noch am Wahlabend bei den Wählern und lassen keinen Zweifel daran, dass sie das Votum als Auftrag begreifen. In den Wochen danach mehren sich die Gerüchte über Inhalte der Koalitionsgespräche, überschattet allerdings von Gerüchten über das neue iPhone 6. Das Handy soll angeblich über eine spezielle App Holzschnitzereien in 3D zulassen.

NOVEMBER

Anfang November erhellt der Komet Ison den Nachthimmel. In seinem fahlen Schein hoffen viele enttäuschte Untergangsanhänger von 2012, dass ihre Vorsorgeinvestitionen sich nun doch noch auszahlen. US-Forscher widersprechen, der Komet kündige lediglich die Wiederkunft von Jesus Christus an. Der Papst twittert nachdenklich: "Jedermanns Leben hat Zeiten des Lichtes und der Dunkelheit."

In Berlin steht nun die Koalition, die sofort gebraucht wird: Die Haushaltslöcher in Griechenland sind wie erwartet größer als erwartet. Am ersten Advent beschließt der Bundestag ein erstes Rettungspaket für den Rettungsschirm. Sebastian Vettel ist da schon nicht mehr nur alter, sondern auch wieder neuer Formel-1-Weltmeister. Eine Zeitschrift in Italien schreibt von der "Gähn-Formel", ein deutsches Magazin fragt "Warum ist Sport nicht mehr spannend?"

DEZEMBER

Mitte Dezember stehen die Fussballer des FC Bayern trotzdem wie üblich mit zwölf Punkten Vorsprung auf Platz 1 der Tabelle. Verfolger Dortmund erwägt, sich der niederländischen Eredivisie anzuschließen. "Die Entfernungen sind kürzer", sagt Trainer Jürgen Klopp. Die Gesellschaft für deutsche Sprache muss nach diesen bewegten Monaten nicht lange nach dem "Wort des Jahres" suchen. "Gähn", verkündet die Jury, sei diesmal nicht nur das "Wort des Jahres". Sondern gleich auch noch das "Unwort".

Donnerstag, 14. November 2013

Der Lindividualist in Leipzig



Eine qualmende Zigarre in der Hand, den Hut tief ins Gesicht gezogen, fit und in aufgeräumter Stimmung, so hat Deutschrock-Idol Udo Lindenberg in Leipzig Werbung für seine im kommenden Jahr anstehenden Open-Air-Konzerte in der Red-Bull-Arena gemacht. Werbung, die der 67-Jährige eigentlich gar nicht nötig hätte: Der erste der beiden Auftritte, die Lindenberg zum ersten Mal in seiner mehr als 40-jährigen Karriere überhaupt in große Stadien führen, war bereits drei Stunden nach Vorverkaufsstart ausverkauft. Insgesamt wird Lindenberg vor rund 100.000 Fans spielen. "Ein großes Treffen der Lindianer", sagte der Star, der 2008 mit seinem Album "Stark wie zwei" ein überaus erfolgreiches Comeback gefeiert hatte...

Der ganze Text hier

Mittwoch, 13. November 2013

Hit aus der Hütte

Das Lied ist der Hit in Nepal, ein übler Ohrwurm, der keine Gnade mit seinen Zuhörern kennt. Im Song, der ein nepalesischer Folksong ist, geht es offenbar um Schmetterlinge, allerdings weiß niemand so genau, inwiefern. Immerhin hat "Resham Firiri" trotzdem eine eigene Tumblr-Seite.

Der Text ist überschaubar komplex:
Resham Firiri Resham Firiri
Udayra Jauki Dadama Vanjyang
Resham Firiri
Resham Firiri Resham Firiri
Udayra Jauki Dadama Vanjyang
Resham Firiri
Resham Firiri Resham Firiri
Udayra Jauki Dadama Vanjyang
Resham Firiri
Udayra Jauki Dadama Vanjyang Resham Firiri

Ak nalay Banduk Doenalay Banduk Mirgalai Takayko
Ak nalay Banduk Doenalay Banduk Mirgalai Takayko
Mirgalai Mailay Takayko Hoina Mayalai Takayko
Mirgalai Mailay Takayko Hoina Mayalai Takayko

Freitag, 1. November 2013

Great Elk: Große kleine Band


Paul Basile leidet wie ein Hund, wenn er von "Beverly" singt. Aber es klingt gut! Zum dritten Mal war der Mann aus New York jetzt in der Mojo-Bluesbar, nach zwei Soloauftritten hatte er diesmal seine Band Great Elk mit. Aus den verhuschten Balladen wurde so zum Teil deftiger Rock - und aus dem Songwriter ein Frontmann, der manchmal sogar die Kurzhaarfrisur schüttelte. Als Zugabe lieferte Basile allerdings einen seiner Klassiker, vorgetragen allein zur Gitarre: "Grab your Guns" hatte er vor Jahren geschrieben, um seiner Wut auf George W. Bush Ausdruck zu verleihen. Nach dem Konzert aber nickt er ernsthaft. Ja, irgendwie passt der Ruf zu den Waffen auch heute noch.

Donnerstag, 19. September 2013

Sparen nach Zahlen

Irgendwer hat jetzt das Aufsichtsratspapier der Theater- und Orchester GmbH ins Netz gestellt. Interessante Zahlen, interessante Aussichten - eigentlich kann man zu der Frage nur diskutieren, wenn man diese paar Blätter gelesen hat.

Montag, 16. September 2013

Halle-Neustadt anno 1963


Das habe ich gern: alter Hallenser sein wollen, sich vor sieben Jahren aus dem Staube machen, plötzlich durch Zeitungsnotizen aufmerksam werden und nun schneller als schnell Antwort auf brennende Fragen haben wollen.

Ich weiß, ihr seid damals nach dem Norden gegangen, weil dort dringend gut ausgebildete Agronomen gebraucht wurden. Das war sicher auch ein richtiger Entschluß, ober daß Ihr Euch seitdem in Eurer alten Vaterstadt nicht mehr habt sehen lassen, das kann man Euch so leicht nicht verzeihen. Also: das Beste, um sich richtig zu informieren, ist: setzt Euch in Euren motorisierten Untersatz und nichts wie her. . .

Dennoch will ich Eurem Wunsche nachkommen und ein bißchen über unsere tausend Jahre alte, aber doch so junge und moderne Stadt berichten. Es ist ja auch ein guter Anlaß, ein bißchen zu bilanzieren - schließlich ist heute der 21. Jahrestag der Republik. Ich sitze hier im Cafe am Hochhaus und lasse mir einen Mokka munden. Ein schöner Sonnentag ist heute, aber doch schon recht kühl. Am Vormittag hatten wir hier auf dem großen, mit Steinplatten belegten Platz die traditionelle Kundgebung, die früher immer auf dem Markt in der Altstadt stattfand. Mein' Junge war auch mit. Ihr wißt ja, daß er die Sportschule besucht. Jetzt ist er mit seinen Freunden hier gleich nebenan auf dem Sportforum. Das Mädel ist übrigens Lehrerin geworden, was immer ihr Wunsch war. Noch dazu an einer der drei neuen Oberschulen hier in der Chemiearbeiterstadt.

Doch halt, ich wollte Euch ja schildern, wie es jetzt hier aussieht. Ihr werdet es ja noch kennen; wir fuhren damals Immer an den Graebsee zum Baden. Und dieser See ist eigentlich das einzige, was noch an selige Zeiten erinnert. Freilich, er sieht heute viel gepflegter aus - mit Rasenteppichen umsäumt und modernen Parkanlagen. Ich erinnere mich noch recht gut, damals sollte hier ein Campinglager für die Jugend errichtet werden - aber es kam nicht zustande. Dafür steht jetzt direkt an den Ufern ein Hochhaus mit 22 Stockwerken, das "Haus der Chemie", eine Symphonie aus Glas und Beton. Ich muß mich fast zur Erde beugen, um von meinem Platz im Cafe durch die Glaswände das oberste Stockwerk zu erblicken. Von' dort oben hat man vielleicht eine Ausschau!

Anders als von den Hausmannstürmen, die wir mal zusammen bestiegen hatten, um einen Blick auf das damalige Halle zu werfen, Ich weiß nur, daß uns "Turf"-Konsumenten - oder wie die Zigaretten damals hießen - die Lunge ob der 226 Stufen fast zum Halse-heraushin. Zu Mittag war ich auf dem Dach des Hochhauses. Mit dem Schnelllift ging es rasend schnell aufwärts. Ich glaube, es war nicht einmal eine Minute. Was sieht das Auge alles von dort oben? In östlicher Richtung der Blick auf die tausendjährige Stadt mit dem Markt und dem Roten Turm, südöstlich das Panorama der Bunawerke und noch weiter die immer noch wie ein Wahrzeichen in die Luft ragen, den Schlote der Leuna-Werke.

An der 70 Meter hohen Fassade hinunterzuschauen, traut man sich kaum. Der Blick geht die breite Autostraße hinunter, die sich durch den neuen Stadtteil zieht. Ihr wißt ja, die Straße, die von Eisleben kommend, früher in einer Rechtskurve bergab nach Nietleben hineinführte.

Jetzt geht sie von jenem Knick gerade weiter durch die Chemiearbeiterstadt, über die Saale, bis sie am ehemaligen Keglerheim Paradies" auf den Waisenhausring einmündet. Für den, der per Auto oder Autobus in die Stadt will, gibt es keine Schlängelei mehr durch die Mansfelder Straße.

 Aber zurück zum Ausgangspunkt. Links dieser Straße wird zur Zeit noch gebaut, aber rechts bietet sich bietet dem Auge ein herrliches Ensemble fünf-, zehn-, ja sogar 20.-geschossiger Wohnbauten. 15000 Wohnungen wurden hier bis jetzt geschaffen. 11000 allein für Chemiearbeiter. Insgesamt wohnen jetzt. 45000 Menschen hier. Sie haben  von hier aus eine viel bessere Verbindung zu ihren Arbeitsstätten in Buna und Leuna als von der Altstadt.

Nicht wenige von ihnen waren vor Jahren vier und fünf Stunden unterwegs, um an ihren Arbeitsplatz und von dort wieder nach Hause zu kommen. Da blieb wenig Zeit für Qualifizierung oder einen Theaterbesuch. Heute steigen sie hier draußen in die Schnellbahn und in 25 Minuten sind sie in Buna und etwas später vielleicht in Leuna. Für die Motorisierten unter ihnen ist die Schnellstraße nach Schkopau und Leuna übrigens Sechsbahnenverkehr der kürzeste Weg. Das ist einer der großen Vorteile des Aufbaus dieser Stadt: nach allen Richtungen hin gute Verkehrsverbindungen.

In nordwestlicher Richtung saugt sich das Auge dann im Grün der Dölauer Heide fest d. h. zu dieser Jahreszeit bietet sich mir eine Palette bunter. Herbstfarben. Östlich, entlang der Saale, das wunderschöne Auegebiet. Das ist ein weiterer Vorteil: hier herrscht frische Luft, hier reicht der Chemiedunst nicht her. ..

Da oben weht ein ganz schön kühles Lüftchen, und so habe ich mich auch bald wieder verzogen. Hier im Cafe ist es wohltemperiert Fernheizung, von der alle Wohn- und Geschäftshäuser versorgt werden. Nachher wird mich mein Weg zur Bushaltestelle zur Straße hinabführen. Dort unten soll noch ein 'großer kombinierter Baukomplex entstehen: Ladenstraße, Kaufhaus, Hotel u. a. m. Zur gleichen Zeit wird oben am Hochhaus die Mehrzweckhalle gebaut, ich glaube für. 6000 Besucher.

Also, Halle hat jetzt eine alte und eine neue City oder man kann auch sagen, die Altstadt ist zum Vorort geworden. 70 000 Menschen sollen ja hier in der Chemiearbeiterstadt mal insgesamt wohnen. Doch wie gesagt, kommt recht bald und schaut Euch alles mit eigenen Augen an. Aber nach dem alten Stadtplan werdet Ihr Euch nicht mehr zurechtfinden, denn auch in den Euch bekannten Mauern hat sich einiges verändert. Ihr werdet ja von Magdeburg kommen. Haltet Euch links und fahrt  in Richtung Leuna. Die Straße führt am ehemaligen Bahnhof Trotha vorbei, entlang der Halberstädter. Bahn und kommt etwa an der Albert-Richter-Kampfbahn heraus.

Gleich hinter dem einstigen Wasserturm am Platz der Thälmann-Pioniere beginnt dann eine Hochstraße, die am Haus der Einheit vorbei etwa 6 Meter hoch - über den Marx-Engels-Platz in Richtung Thälmannplatz führt. Wollt Ihr In die Stadt, müßt ihr hier abfahren; ansonsten geht es von hier wie auch früher geradewegs zum Thälmannplatz.

Nur daß heute die Straßenbahn unter der Autostraße verkehrt! Mit das Imposanteste das in den letzten Jahren entstand, ist übrigens das Verkehrskreuz der Hochstraße am Thälmannplatz. Die Straße nach Leuna führt gerade über ihn hinweg, vorbei am Hotel "Berlin", das ja bereits 1965 fertig wurde.

Wer in Richtung Chemiearbeiterstadt will, begibt sich von hier aus auf die unter der Hochstraße hinwegführende Ost-West-Achse. Sie führt dann am Stadtkulturhaus vorbei über den Franckeplatz nach Eisleben. Die Klement-Gottwald- Straße ist nur noch Fußgängerboulevard. Sicher werdet ihr auch darüber staunen, wie sich das Bild am ehemaligen Rummelplatz verändert hat: einen schöneren Park haben die mecklenburgischen Gutsbesitzer nicht gehabt!

Und überhaupt: Wißt Ihr noch, wie wir vor zehn Jahren unsere Witze darüber machten, daß Halle ein Dorf mit Straßenbahnen sei? Nebenbei gesagt: die Straßenbahn ist aus dem Kern der Stadt verschwunden, es gibt nur noch Ringverkehr - und das geht wunderbar. Heute läßt sich darüber kaum noch frotzeln, wir werden nämlich wirklich eine Großstadt. Das ist der endgültig letzte Brief bis zum Wiedersehen!

Dienstag, 13. August 2013

Paddeln auf der Drawa

Viel schöner geht es nicht. Das Flüsschen liegt flüsternd im Sonnenlicht, die Kanus sind pünktlich, das Schilf wiegt sich in einem Hauch von Wind. Nicht zu heiß und nicht zu kalt, also ab ins Abenteuer, rauf auf die Drawa, im Gegensatz zur Krutynia, die ein paar hundert Kilometer östlich durch die Masuren fließt, ein ebenso nahe liegendes wie vielen Deutschen noch unbekanntes polnisches Paddelgewässer. Nur rund 90 Kilometer hinter der Grenze liegt der zumeist schmale Fluss, der an der Pommerschen Seenplatte entspringt, 186 Kilometer nach Süden fließt und dann bei Krzyz Wielkopolski in die Netze mündet. Papst Johannes Paul II. war ein großer Liebhaber des Wassersportgebietes - als junger Mann unternahm Karol Wojtyla mehrere ausgedehnte Touren, an die heute überall Hinweisschilder und Kreuze erinnern. In flotter Strömung Das eigentlich Sehenswerte auf der Drawa aber ist die Natur. Wird das Landschaftsbild hinter der Brücke von Prostynia, die viele Paddelgruppen zum Einsetzen nutzen, noch von weiten Schilfflächen bestimmt, verengt sich der Horizont später immer mehr. Es wird waldiger, grüner und feuchter. Dank der flotten Strömung, die der auf deutsch Drage genannte Wasserlauf seinem sportlichen Gefälle verdankt, treiben die Boote fast wie von selbst flussabwärts. In Schweiß gerät niemand, dennoch geht es flott voran. Zumindest bis nach Drawno, ehemals Dramburg, das am Großen Lübbesee dem Zugang zum Drawienski-Nationalpark liegt. Der schützt den letzten großen Urwald Mitteleuropas - und wie. Was bis hierhin Urlaubspaddeln war, nicht schwerer als am Strand zu liegen, wird hinter dem Eingangstor, das eine alte Brückenkonstruktion markiert, binnen Minuten zu Schwerstarbeit. Denn die Drawa will nicht befahren werden, schon gar nicht mit schweren Dreier-Kanus. Die Behauptung des Reiseführers, "immer wieder" lägen "einige Bäume im Wasser", stellt sich binnen kürzester Zeit als leeres Versprechen heraus. Richtig muss es natürlich heißen "immer liegen Bäume nicht nur im Wasser, sondern auch im Weg". So schnell wie möglich gilt es deshalb herauszufinden, wie das jeweilige Hindernis zu überwinden sein könnte. Manchmal geht es gerade noch unten drunter durch. Manchmal gelingt es, mit Anlauf oben darüber hinweg zu rutschen. Oft aber hilft alles nichts: Die nun zeitweise beinahe an einen Wildwasserkanal erinnernde Strömung drückt das Boot so energisch gegen einen querliegenden Stamm, dass Besatzung samt Ladung im Wasser landen. Jeder Meter ist ein Kampf Was für ein Spaß. Und es gibt kein Zurück. Die Drawa fließt in den Grenzen des Nationalparkes zumeist durch ein tiefeingeschnittenes Tal, selbst das Herausheben und Umtragen der Boote ist unmöglich. Allerdings wäre die Frage, wo am besten wieder einzusetzen ist, ohnehin nicht zu beantworten. Weil im Nationalparkgebiet jeder Baum liegenbleibt, wo er hinfällt, sieht der Paddler gelegentlich den Fluss vor lauter Bäumen nicht. Jeder Meter ist ein Kampf, zu Fuß im Fluss watend, auf Bäumen balancierend oder flach im Boot unter natürlichen Sperren durchtreibend. Karol Wojtyla wusste schon, warum er dem Oberlauf der Drawa bei seinen Touren den Vorzug gab. Denn wer Abenteuer sucht, findet hier am Unterlauf mehr davon, als er einpacken kann. Sieben Kilometer dauern fünf Stunden und kosten viel Hängen und Würgen und nasse Klamotten. Dann endlich taucht die Anlegestelle des idyllischen Biwakplatzes Barnimie auf. Erst ab Bogdanka wird der Weg einfacher, die Drawa liegt flüsternd im Sonnenlicht, als sei sie der netteste Fluss der Welt. Im Wald verstecken sich nun Teile des Pommernwalls, mit dem Hitler einst die Sowjetarmee aufhalten wollte. Hin und wieder gibt es auch wieder Einkaufsgelegenheiten am Wasser. Höchste Zeit, die fortgeschwommenen Vorräte aufzufrischen.

Donnerstag, 8. August 2013

Von Sommermythen und Hitzemärchen

Glaube versetzt bekanntlich Berge, aber im Hochsommer ist er seit einigen tausend Jahren sogar noch zu viel mehr in der Lage. Glaube versetzt ganze Sternenhaufen, gestaltet das All nach dem eigenen Maß und verändert den Lauf der Welten! Nur darum bezeichnen Deutsche, Italiener und Russen die heißesten Tage des Jahres - nach allen meteorologischen Erfahrungen zwischen dem 23. Juli und 23. August gelegen - traditionell als "Hundstage". Sie beziehen sich damit auf das Sternbild Großer Hund, dessen zentraler Stern der Sirius ist. Stehen der leuchtende Sirius, früher auch "Der Sengende" genannt, und der Rest der Hundeversammlung am Himmel, ist nämlich Hochsommer. So zumindest ein fester Volksglaube, der allerdings faktisch schon ein paar hundert Jahre lang nicht mehr zu halten ist. Denn seit der Antike, in der die Hundstage erfunden wurden, haben sich Erde und das lateinisch "Canis Major" genannte Hunde-Sternbild doch ein wenig auseinandergelebt. Statt am 23. Juli gehen Sirius und Co. heute erst am 30. August auf - wenn die einst nach ihnen benannten Hundstage längst vorüber sind und mit ihnen auch die Urlaubszeit. Gut, dass unsere Vorväter wenigstens das vorhergesehen haben. In Russland waren sie nicht ganz so schlau. Dort heißen die Sommerferien bis heute nach dem Großen Hund "Kanikuly". Der erscheint dann, sobald sie vorbei sind. Was man trinken soll - und was nicht
Warum es keine Hitzerekorde mehr gibt
Warum der Kopf auch nicht anders schwitzt
Warum Trockengewitter ein Mythos sind
Warum Eier nicht auf Straßen braten
Warum Urlauber am Strand niemals allein sein können Warum Butter nicht gegen Sonnenbrand hilft Warum die Hundstage immer zu spät kommen Warum Autofahren bei Hitze viel sicherer ist

Mittwoch, 26. Juni 2013

Generation Gummistiefel: Wie geht es nun weiter?

Juliane Gringer hat einen schönen Text dazu geschrieben, den ich auf diesem Weg mal nachreiche: Sandsäcke schleppen, für Verpflegung sorgen oder Menschen unterstützen, die durch das Hochwasser ihr Zuhause vorübergehend verloren haben: Tausende freiwillige Helfer sind in den vergangenen Tagen spontan aktiv geworden, um die Schäden durch die Flut in Sachsen-Anhalt einzudämmen. Unter ihnen waren auffällig viele junge Leute.

Braucht es erst so eine Katastrophe, damit diese "Generation Gummistiefel" Engagement zeigt und sich selbstlos für ihre Mitmenschen einsetzt? Und wie geht es nach der Flut weiter? Sind diese Helfer jetzt "auf den Geschmack gekommen" und wollen vielleicht regelmäßig aktiv werden? "Wenn um mich herum die Stadt unter Wasser steht, kann ich ja nicht einfach nur zugucken", erklärt Linda Löbig. Aus diesem Grund hat die 24-Jährige vergangene Woche in Halle und Bitterfeld-Wolfen Sandsäcke befüllt, geschleppt und gestapelt. Mehrere Tage und eine ganze Nacht lang. Sie hat ganz kurzfristig mit angepackt - als sei das selbstverständlich.

"Für mich war es das auch", sagt sie. Linda hatte vorher so gut wie keine Erfahrung mit ehrenamtlicher Arbeit, sie ist in keinem Verein Mitglied oder bei anderen Organisationen engagiert. "Das wäre nichts für mich, da extra Mitglied zu werden. Ich helfe lieber dann, wenn irgendwo konkret Unterstützung gebraucht wird", so die Lehramtsstudentin, die die Fächer Sozialkunde und Geschichte belegt. So hat sie beispielsweise vor kurzem eine Freundin unterstützt, die ein Konzert organisiert hat. Für Christopher Stimpel von der Freiwilligenagentur Halle ist sie damit eine ganz typische Vertreterin ihrer Generation: "Jugendliche haben eine hohe Bereitschaft sich zu engagieren - aber nicht in klassischen Formen wie bei Vereinen", erklärt er.

Wissenschaftliche Untersuchungen wie der Freiwilligensurvey oder die Shell-Studie bestätigen das. Muss es dann aber trotzdem erst eine Flutkatastrophe geben, damit sie aktiv werden? "Nein, auf keinen Fall", so Stimpel, "Jugendliche sind bereits sehr aktiv - in vielen kleinen Initiativen, die aber nicht so intensiv wahrgenommen werden. Die Bilder dieses Hochwassereinsatzes aber, die sieht die Öffentlichkeit ganz bewusst. Es brauchte also vielleicht so ein großes Ereignis, um das Engagement sichtbar zu machen." Aber warum war es gerade dieses Hochwasser, das so viele Helfer so schnell mobilisierte? Marc Beyer, Bereichsleiter Berufliche Qualifizierung der halleschen Jugendwerkstatt "Frohe Zukunft", glaubt: "Durch viele verschiedene Nuancen haben die Leute gemerkt, dass hier wirklich etwas Schlimmes passiert ist: Da fährt der Bus nicht mehr, zu Hause im Fernsehen sieht man schlimme Bilder aus der eigenen Stadt und es herrscht so eine gespenstische Stille in den Straßen." An diesem Punkt hätten sie beschlossen, einfach loszugehen - und sich dann völlig verausgabt. Als Linda gesehen hat, wie viele Leute nur rumstanden und den Helfern zuguckten, statt selbst aktiv zu werden, da hat sie gedacht: "So will ich nicht sein."

Das war für sie die Initialzündung. "Jetzt bin ich stolz darauf, dass ich sagen kann, ich habe etwas getan." Der Einsatz sei sehr anstrengend gewesen, aber: "Ich powere mich gern mal aus. Und die Stimmung war einfach richtig cool. Ich habe in kurzer Zeit so viele Leute kennen gelernt, das war ganz locker, man hat zusammen gearbeitet und sich dabei unterhalten." Motiviert sie dieses Erlebnis zum Weitermachen, wird sie versuchen, sich in Zukunft anderswo zu engagieren? "Ja, auf jeden Fall, aber wie bisher eher spontan und nicht in offiziellem Rahmen." Jetzt müsse sie aber "erst mal runterkommen.

Es gab die ganzen letzten Tage ja kein anderes Thema mehr." Marc Beyer ist überzeugt, dass das Hochwasser nicht nur die Stadt, sondern auch ihre Bewohner verändert hat: "Diese Helfer sind vor sich selber erschrocken, was sie leisten können. Und auch wenn das Wasser zurückgegangen sein wird, haben sie sich verändert, genau wie Halle sicher nicht mehr die Stadt ist, die es mal war." Er glaubt unter anderem, dass gerade die jungen Bewohner sorgsamer mit ihrer Umwelt umgehen werden. "Die Graffiti-Sprühereien an der Eissporthalle zum Beispiel werden bestimmt abnehmen", denkt er.

Und wird sich die "Generation Gummistiefel" weiter sozial engagieren? "Zivilcourage wird auf jeden Fall ein Thema sein", so Beyer. "Wer so etwas erlebt hat, wird sensibler für das, was in der eigenen Umgebung passiert und die Momente, in denen Mitmenschen Hilfe brauchen." Abgesehen davon müsse nun "von den Offiziellen des Landes richtig mit dem Thema umgegangen werden, um die Energie zu bewahren." Das hieße für ihn, den Helfern nicht nur zu danken und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen, sondern einen Weg zu finden, das Gefühl zu bewahren, das die Helfer mit jedem Sandsack weitergaben: "Das war so eine heikle Situation, in der alle zusammengehalten haben. Die Erinnerung daran darf nicht verblassen, man muss die Bilder davon zeigen und die Geschichte weitererzählen."

Samstag, 15. Juni 2013

Fluttext von früher

Wenn die Helfer im Boot kommen, könnte Ralf Seilitz das Gewehr rausholen. "Preschen hier lang, volle Pulle", schimpft er, "gerade haben wir alles ein bisschen trocken gekriegt, da spülen die uns alles wieder rein." Seilitz ist sauer, aber ist das ein Wunder? Am dritten Tag der großen Flut, die das kleine Örtchen Jeßnitz überschwemmte wie noch keine Flut jemals zuvor, leben die Menschen, die trotz aller Evakuierungsaufforderungen in den Dachgeschossen ihrer Häuser ausharren, nur noch von der Hoffnung.

Der Hoffnung etwa, die nächste Welle möge nie kommen. Der Hoffnung auch, das Wasser möge vielleicht doch schneller verschwinden, als alle jetzt noch fürchten. Und der Hoffnung auch, die Versicherungen, die Regierung, die EU oder sonstwer mögen Geld geben, damit das schmucke Dörfchen auferstehen kann aus den Ruinen, die erst richtig zutage treten werden, wenn die Flut getrocknet ist. "Was bleibt uns denn sonst?", sagt Christel Luge, die mit ihrem Mann Frank, ihrem gehbehinderten Vater und Nachbarin Beate Gase ausharrt im Haus Anger 49. Längst ist kein Strom mehr im Haus, kein Wasser und kein Gas. Luges aber halten durch. "Sollen wir in eine Turnhalle ziehen?", fragt die resolute Frau. "Alles hier zurücklassen, ohne zu wissen, was passiert?"

Nein, schüttelt Beate Gase da den Kopf: "Verzweifelt sein können wir hier genauso gut." Draußen fahren die Männer vom Technischen Hilfswerk (THW) die Anwohner vorbei, die nach dem Dammbruch ein paar Meter entfernt vor der Mulde flüchteten und nun zum ersten Mal wieder nachschauen wollen, was aus Häusern, Haustieren und Autos geworden ist. "Ich bin nur bis zu meiner Haustür gekommen", erzählt Ria Geller, die als ortskundiger Lotse auf dem Boot sitzt. Mehr habe sie sich nicht zumuten wollen: "Warum muss ich wissen, dass alles hinüber ist, solange das Wasser steht?" Solange das Wasser steht wird Ria Geller, die eigentlich beim Ordnungsamt für Umweltfragen zuständig ist, gemeinsam mit der Unterstufenlehrerin Heike Scholz Rettungsdienst fahren. Fahren wie seit Montag, ohne viel Schlaf, ohne große Pausen. "Es gibt immer noch Leute, die einfach rauswollen", sagt sie. Und irgendwer müsse sie schließlich holen.

Es sind Schiffe voller Verzweiflung, voller Tränen und Zukunftsangst, die die beiden Frauen vorbei an versunkenen Autos und überspülten Briefkästen lotsen. Ein Ehepaar hatte sein Haus gerade renoviert. Jetzt ist alles zerstört. Ein junger Mann kommt, sich seinen Neubau anzuschauen. Wortlos fährt er zurück, rücksichtsvoll flüstern andere sich zu: "Bei dem stand das Wasser bis zum Kronleuchter." In 82 Jahren hat es so etwas nicht gegeben, da ist sich Helene Günther sehr sicher. "Wir hatten immer Hochwasser", sagt die 82-Jährige, "aber dass es uns den Damm wegschlägt, das war noch nie." Sohn Frank und die Nachbarn vom Halleschen Tor haben gekämpft bis zuletzt.

Als die Verwaltung die Helfer von THW und Feuerwehr am Mittwochnachmittag abrücken ließ, weil Jeßnitz als verloren galt, warfen sich Günther und die anderen allein in die Fluten. "Wir wollten den Damm halten, irgendwie", beschreibt Alfred Tschisgale, "denn wir wussten, wenn der bricht, ist alles vorbei." Zusätzliche Sandsäcke haben sie herangekarrt, verzweifelt geackert und die Löcher fast so schnell gestopft wie sie aufbrachen. "Aber dann war Schluss", beschreibt Frank Günther, "der Damm brach auf zwölf Metern Länge ein, und wir sind gerannt wie die Hasen, um nicht mitgerissen zu werden." Jetzt schwappt es im Garten, in der Laube, in der Werkstatt, im Keller und im Wohnzimmer, und ein Geruch nach Diesel und Moder hängt in der Luft. "Es ist alles kaputt", sagt Günther, "Heizung, Fernseher, Tiefkühltruhe, alles."

 Die Nachbarn nicken, denn allen hier geht es so, alle wissen nicht weiter und fangen deshalb einfach an, aufzuräumen, was aufzuräumen geht inmitten der Wogen. Paul Meissner hat den Grill rausgeschoben und ein paar Würste gebraten. "Wir haben auch Bier gefunden", sagt sein Sohn Michael betont fröhlich. Helene Günther birgt das Gesicht in den Händen und schüttelt den Kopf: "Nur dass die Sonne scheint, macht einem noch Hoffnung."

Mittwoch, 12. Juni 2013

Kampf der Konsolen

Seit Jahren tobt der Kampf um die Vorherrschaft im Reich der Spielkonsolen schon - und nun geht er in eine neue Runde. Kurz nacheinander haben Sony und Microsoft für das Weihnachtsgeschäft neue Modelle angekündigt - ein halbes Jahr nach Wettbewerber Nintendo, der die Wii U herausgebracht hat. Sony wird Ende des Jahres die Playstation 4 anbieten, die für 399 Euro direkt auf überzeugte Spieler zielt, aber dank Wlan, Bluetooth und Blue-Ray-Laufwerk auch als Medienzentrale fürs Wohnzimmer taugt. Microsoft setzt den Preis gleich noch 100 Euro höher an - die XBox One genannte Neuerscheinung soll den gehobenen Geschmack ansprechen, als nicht nur die begeisterte Spieler-Gemeinschaft, sondern auch Familien mit Kindern, die nur gelegentlich spielen. Beide neuen Konsolen werdenins Weihnachtsgeschäft geworfen, wo sie Boden gegen die zuletzt immer erfolgreicheren, weil viel billigeren Spiele für Tablets und Smartphones gutmachen sollen. Microsoft schränkt die Verfügungsmöglichkeiten der Käufer über die Konsole dabei rigoros ein: Täglich einmal muss die XBox One online gehen, von fern kontrolliert Microsoft so, ob alle Spiele legal erworben wurden. Sony hält sich in dieser Beziehung zurück: Es gibt keinen Online-Zwang und gekaufte Spiele, die man nicht mehr haben mag, kann man wie bisher einfach weiterverkaufen.

Samstag, 8. Juni 2013

Generation Gummistiefel

Hier der Text zum Lied zur Generation Gummistiefel, die dank einer kostenlosen Onleihe des "Bild"-Kollegen Franz Joseph Wagner jetzt auch bundesweit die Runde macht.

Die Hannoversche Allgemeine beschreibt die Situation sehr zutreffend: "Auch in Halle an der Saale, wo seit Tagen gegen das Hochwasser gekämpft wird, organisieren sie sich über Twitter und Facebook. Auch hier stellen Hotels ihre Zimmer für die Helfer zur Verfügung, bieten Firmen Sachspenden an und finden Betroffene nicht genutzte Pumpen gegen das Wasser im Keller. Vor allem aber sind es die jungen Helfer, die sich über das soziale Netzwerk koordinieren. In Halle sprechen sie bereits von der „Generation Gummistiefel“: junge Menschen, die sich über das Netz gegenseitig mobilisieren und mit Schaufeln und Stiefeln bewaffnet wenig später Sandsäcke befüllen."

Die Kollegen dort nennen das Phänomen "Twitterflut", ich habe es in der MZ von heute "Facebook-Flut" getauft...

Donnerstag, 6. Juni 2013

Drei Helden von Halle

Rico, Sven und Stefan sind extra aus Chemnitz nach Halle gekommen, um hier beim Kampf gegen das Hochwasser zu helfen. Die drei haben erst in Chemnitz geholfen, sind dann nach Dresden, durften dort nicht rein, sind weiter nach Grimma, durften dort auch nicht rein, haben dann im Radio von Halle gehört - und waren willkommen.

Rico hat übrigens ein kleines Kind zu Hause, das er seit letzten Freitag nicht mehr gesehen hat.

Wie der Begriff "Starkregen" entstand Generation Gummistiefel

Freitag, 31. Mai 2013

Wie der Begriff "Starkregen" entstand


Älteren Menschen ist der Begriff aus den eigenen Kinder- und Jugendtagen keiner. Ein Wort "Starkregen" existierte nicht - jedenfalls nicht vor dem Jahr 1957. Damals tauchte die starke Vokabel zum ersten Mal in der Tageszeitung "Freiheit" auf, in einem populärwissenschaftlichen Text, der meterologische Phänomene erklärte. Darunter eben auch den "großtropfigen Starkregen" (Zitat).

So imposant das klang, durchsetzen konnte sich die Formulierung nicht. Nach der Erfindung des „Starkregens" wurde das Wort ausweislich des "Freiheit"-Archives bis 1977 nur dreimal verwendet. Zwischen 1977 und 1990   musste der originär ostdeutsche Begriff "Starkregen" sogar als Kreuzworträtselvokabel überwintern. Sei es, dass es zuwenig regnete. Sei es, dass der Regen zu schwach für starke Worte war (Foto oben: so sonnig war die DDR).

 Immerhin ein kleiner Zwischenerfolg im Jahr 1987: Erstmals wagte der renommierte "Spiegel" im Jahr des Honecker-Besuches eine Verwendung der Ost-Erfindung.  "Grober Unfug" heißt der Text, der "öffentlich Anklage gegen einen gewissen Herrn Sommer" (Zitat) erhebt, denn  der war damals - etwa wie heute der Frühling - "eine Zumutung für den Menschen" (Zitat).

Es muss dann aber besser geworden sein, denn erst 1994 wechselte der "Starkregen" regelmäßig in die Wetterberichterstattung. Seit 1998 dann macht das Wort bundesweit eine beeindruckende Karriere: Im Archiv der Mitteldeutschen Zeitung gibt es heute sagenhafte 1900 Fundstellen zu dem Wort. Dabei datieren 95 Prozent aus der Zeit nach 1998. Beim „Spiegel" spiegelt sich dieselbe Entwicklung: 80 mal taucht "Starkregen" im Archiv der Hamburger auf. 75 mal nach 2001.

Dienstag, 7. Mai 2013

Feuer unterm Blues

Als Jan Grünfeld noch Rockmusik träumte, hießen seine Bands Zoon und Remmscheckl. Für ein paar Momente sah es sogar so aus, als könnte aus dem Trio etwas ganz Großes werden. Stattdessen ist Grünfeld dann aber doch lieber abgetaucht - um jetzt wieder zurückzukommen, in einem kleinen Klub, begleitet von Joris Hering und seiner Bluesband. Als Jan Grünfeld noch Rockmusik träumte, hießen seine Bands Zoon und Remmscheckl. Die Songs des Hallensers klangen damals nach Hamburger Schule, auf einem steifgeschlagenen Beat tanzten Texte wie "Ich bin scharf auf Deine Freundin". Solche Stücke, die gut auch von Tocotronic oder Blumfeld hätten stammen können, schrieb Grünfeld im Dutzend und für ein paar Momente sah es sogar so aus, als könnte aus dem Trio etwas ganz Großes werden. Stattdessen ist Grünfeld dann aber doch lieber abgetaucht. Der Musiker, der schon in den 80er Jahren zusammen mit dem heutigen Stoa-Chef Olaf Parusel die Band "Revanche" betrieb, fing ganz von vorn wieder an. Nicht mehr nach Rock, sondern nach Ambient klingen die 13 Stücke auf seinem gerade veröffentlichten Album "A Trace", das Grünfeld mit Hilfe des in Halle, Weimar und Leipzig beheimateten Labels Headphonica zum kostenlosen Download ins Internet gestellt hat. Wirklich - keine Spur mehr von knurrenden Gitarren und hoppelnden Rhythmen. "A Trace" ist leiser als laut, bedächtiger als rhythmisch und trotz gelegentlich auch deutschsprachiger Liednamen wie "Die Insel" oder "Gute Nacht" liegen Assoziationen zu den zarten Klanghäkeleien von Ólafur Arnalds, Gravenhurst und The White Birch näher als jeder Vergleich mit aktuellen deutschen Rockgruppen. Gesungen wird wenig, getanzt wird höchstens mal bei "The Ticket", einem vergleichweise fast schon metallischen Stück inmitten der anderen Flüster-Pop-Hymnen. Meist entwickelt sich eine Soundskulptur aus einer stillen Gitarrenfigur, zu der Geräusche aus dem richtigen Leben treten. Rascheln, Knistern, Kindergeschrei - seit 2005 schon arbeitet Jan Grünfeld an solchen Kollagen aus Echtweltklängen und instrumentalen Übermalungen. Als Technik dienen dabei Kassetten- oder Minidiscrecorder, denen Stücke wie das mit Zikadengesang grundierte "In the Fields" ihr "warmes, verrauschtes und sehr persönliches Klangbild" verdanken, wie Grünfeld selbst beschreibt. Alle Kompositionen entstehen dabei durch Improvisationen an der Akustikgitarre, die übereinander geschichtet und dann mit Fieldrecordings zu mehrdimensionalen Klanglandschaften erweitert werden. "A Trace" ist bereits das dritte Album, das wie der Soundtrack zu einem nur noch nicht gedrehten Film klingt. Wie schon die früheren Werke, auf denen Grünfeld aus Depeche Modes "Enjoy the Silence" ein vorsichtig nach Liebe tastendes Akustikstück gemacht hatte, entsteht aus wenigen Akkorden großes Kino für den Kopf, gerade weil sich die meisten Songs mangels eines Textes jeder Interpretationsvorgabe enthalten. "Diesen Weg möchte ich unbedingt weiter verfolgen", sagt der Musiker selbst über seinen "experimentellen Ansatz, der aber nicht experimentell klingt". Melodien, so empfindet er es selbst, kommen und gehen hier - "wie Spuren im Sand, deshalb auch der Albumtitel ,A Trace'" - deutsch: "Eine Spur". Als nächsten Schritt sieht Jan Grünfeld nun Auftritte mit seinen Tracks. "Alles soll dann live entstehen und damit jedes Mal einzigartig bleiben."

Dienstag, 30. April 2013

Halle singt bis zum Grundeinkommen

Erst zugehört, dann mitgesungen - und am Ende landeten wir im Gespräch mit dem Singer/Songwriter Robert Carl Blank beim bedingungslosen Grundeinkommen, der politischen Ökonomie und anderen Basisfragen des Rock'n'Roll. Wieder was gelernt: Je kleiner der Club, desto größer die Chancen, einen schönen Abend zu haben. Solltet ihr die Gelegenheit haben, Robert Carl Blank mal live zu sehen - die Wahrscheinlichkeit ist groß, weil er eigentlich immer auf Tour ist - dann unbedingt hingehen. Tolle Songs, feines Gitarrenspiel, lustige Geschichten zwischendurch. Besser geht es nicht.

Montag, 22. April 2013

Halo über Halle: Rätselhafte Naturerscheinungen


Das Wort Halo stammt vom griechischen halos ab, das eigentlich Tenne, aber eben auch Scheibe bedeutet. Auch Sonne und Mond selbst bezeichneten die Griechen als Halo, also Sonnen- oder Mondscheibe. Daraus entwickelte sich dann der spezielle Begriff für die in Regenbogenfarben leuchtenden Himmelserscheinungen. In Nordeuropa entsteht durchschnittlich einmal pro Woche ein Halo. Immer verrückter, dieser Klimawandel. Mal ist es im Sommer heiß, mal kalt, mal müssen sogar die Delegierten zur Klimakonferenz Regenschirme über sich halten, gleichzeitig stöhnen Spanienurlauber unter sengender Hitze.

Und kaum kommt die Sonne mal raus, erscheint dann auch noch dieser rätselhafte runde Ring am Himmel: Ein Kreis aus allen Regenbogenfarben, der sich um die Sonne windet wie ein warnendes Zeichen eines zornigen Gottes. Gott aber hat mit dem Phänomen so wenig zu tun wie der Klimawandel. Bei den kreisrunden Regenbögen um die Sonne, die immer mal wieder am Firmament auftauchen, handelt es sich um so genannte Halos, eine Lichterscheinung, die von Eiskristallen in der Atmosphäre hervorgerufen wird.

Damit es dazu kommt, müssen diese möglichst regelmäßig und annähernd durchsichtig sein. Reichert sich die Luft nur langsam mit Wasserdampf an, haben die Kristalle viel Zeit zum Wachsen - die Wahrscheinlichkeit, dass sie klar ausfallen, steigt dann. Schweben diese klaren Kristalle dann in einer Höhe von acht bis zehn Kilometern, kann sich ein so genannter 22-Grad-Ring bilden. Das ist der Klassiker unter den ungewöhnlichen Himmelserscheinungen, die ebenso häufig wie fast unbekannt sind, weil sie sich nur von einer ganz bestimmten Position am Boden beobachten lassen. Der 22-Grad-Ring zieht sich genau diese namensgebenden 22 Grad entfernt von der Sonne um diese herum.

Die Regenbogenfarben, die durch die Lichtbrechung entstehen, sind dabei umgekehrt zu denen in einem normalen Regenbogen angeordnet. Oft zeigt der Himmel in denselben Momenten, in denen sich ein 22-Grad-Ring bildet, auch noch eine so genannte Nebensonne. Dabei handelt es sich um eine Wolke aus Eiskristallen, die in Regenbogenfarben erstrahlt. Das Prinzip hinter der Entstehung der beeindruckenden Himmelsereignisse ist dasselbe wie das hinter dem Aufleuchten eines Regenbogens. Wo dort Licht in den annähernd kugelförmigen Wassertropfen einer Regenwolke gebrochen wird, ist es bei den verschiedenen Formen des Halo das in dünne sechseckige Plättchen und sechseckige Säulen kristallisierte Wasser, das die Lichtstrahlen brechen lässt. Und das nicht irgendwo, sondern nach Gesetzmäßigkeiten, die im Ergebnis meist zu einem 22-Grad-Halo führen: Weil Wasser sich sechseckig anordnet, wenn es fest wird, werden Lichtstrahlen, die durch ein Eiskristall brechen, im Winkel von 22 bis 46 Grad abgelenkt.

Steht nun ein Beobachter an einer Stelle auf dem Boden, an dem er genau auf diesem Winkel zur Sonne, die die Lichtstrahlen aussendet, schaut, kann er das beeindruckende Schauspiel sehen. Aber auch nur dann. Während ein Regenbogen aus vielen Winkeln zu sehen ist, bleibt das Vergnügen, eine Halo-Erscheinung wahrzunehmen, wenigen Menschen vorbehalten. Deshalb wohl sagt der Name Halo kaum jemandem etwas - dabei sind die Erscheinungen häufiger als Regenbögen.

Dienstag, 16. April 2013

Kurt Vonnegut lässt grüßen

Paul Basile spielt eigentlich bei der New Yorker Band Great Elk, manchmal ist er aber auch allein unterwegs. Dann ersetzt die Gitarre die klassische Rockbegleitung und Basile spielt nicht nur großartige Song wie "In Our Tunnel Underwarter" und "Give Up", die auf dem aktuellen Great-Elk-Album "Autogeography" zu hören sind. Sondern auch das Springsteen-Cover "Dancing in the Dark" und das eigene, unveröffentliche "Bulletproof Bibles", das von Kurt Vonneguts Dresden-Roman "Schlachthof 5" inspiriert wurde. Klare Botschaft: "It´s not safe to go outside". Gerade heute passt das ja leider.

Freitag, 5. April 2013

Herbst im Winter


Ich glaube, sie waren die letzte Band, die in der DDR verboten wurden. Fast ein Vierteljahrhundert danach ist Rex Joswig wieder mit Herbst in Peking unterwegs - Besetzung nunmehr Laptop und zwei Gitarren. Was bei anderen Kapellen ein fürchterlicher Abend voller Regression werden würde, gerät dem Trio, das gerade eine Art Best-Of-Album herausgebracht hat, zu einer hypnotischen Messe.

Samstag, 30. März 2013

Das ist der Saaleschaum-Blues

Gerade bei Saaleschwimmer.de gefunden - ein ganz altes Bild, das ich Ende der 80er Jahre in der Nähe des Buna-Werkes gemacht habe. Das Foto hatte sich das Stadtmuseum auch schon mal für eine Ausstellung.

Komischerweise scheint es nicht viele Bilder dieser apokalyptischen Landschaften zu geben, obwohl die doch damals fast täglich zu besichtigen gewesen wären. Vermutlich fanden wir das alles normal. Und was normal ist, fotografiert man halt nicht.

Mittwoch, 27. März 2013

Todestag von Diestelmann



Immer noch beeindruckend, welche Präsenz dieser Mann selbst auf einer Bühne gehabt hat, die ein kleines Boot auf dem Ammersee war. Der hat eigentlich sein ganzes Leben gespielt - und nicht nur den Blues. Den aber konnte er besonders gut - heute vor sechs Jahren ist Stefan Diestelmann gestorben. Die genauen Umstände sind immer noch unbekannt, vermutlich werden sie nie offenbar werden. Ich schätze, das hätte ihm gefallen.



Dienstag, 26. März 2013

Als die Erde erwachsen wurde

Seine Kinder hütet Klaus Vogel ganz oben unter dem Dach. Im Studierzimmer sind sie aufmarschiert wie zur Parade: Auf dem Bücherregal eine bunte Prachttruppe, die sich über eine Mechanik synchron drehen lässt. Auf dem Schreibtisch ein paar Zwergausgaben, gegenüber auf dem Schrank einige große gläserne Exemplare. Erdbälle, wie sie in keinem Geographie-Kabinett einer deutschen Schule stehen.

Klaus Vogels Exemplare haben zwar dieselben schrägen Achsen, sie zeigen auch dieselben Kontinente. Doch in seinem durchsichtigen Bauch trägt jeder Globus aus der Werkstatt des Sachsen immer noch einen zweiten, kleineren Erdball. So baut Klaus Vogel seit mehr als 30 Jahren an einer Erklärung der Welt, die seiner Ansicht nach ganz anders ist als alle Schulweisheit behauptet. "Unsere Erde", ist der 81-Jährige sicher, "ist ein Planet, der aus allen Nähten geht." Seit Jahrmillionen wachse die Weltkugel beständig - einst war sie eine kleine Kuller, heute ist sie angeschwollen wie die Außenschale seiner Weltmodelle aus Klebstoff und Plastik, die von hier aus seit Jahrzehnten auf Reisen rund um die echte Erde gehen. Bei Tagungen in Kanada dienten Vogel-Globen ebenso zur Verdeutlichung der Theorie von der expandierenden Erde wie in Italien, den USA und Asien.

Eine Weltkarriere, geboren aus tiefer Enttäuschung. Anfang der 70er Jahre zwang die DDR-Führung kleine private Firmen wie den Steinmetzbetrieb des studierten Bauingenieurs unter staatliches Diktat. Vogel, bis dahin Chef in dem Betrieb, den sein Vater im Jahr 1900 gegründet hatte, war plötzlich nur noch Angestellter. "Das hat ihm schwer zu schaffen gemacht", erinnert sich seine Frau Eva-Maria. Der Vater zweier Kinder, der als Junge von seinem Geografielehrer Geschichten über mutige Forscher und ihre atemberaubenden Theorien gehört hatte, begann Bücher wie "Die wachsende Erde" zu lesen. "Mehr für mich selbst habe ich dann den ersten Doppelglobus gebastelt", erzählt der großgewachsene drahtige Mann mit funkelnden Augen. Vogel wollte sehen, "ob die Ränder der Kontinente wirklich zusammenpassen, wenn man die Luft aus der Erde lässt". Mit Rechenschieber und Gummiball schrumpft Vogel einen handelsüblichen Globus auf die Hälfte und belässt die Kontinente dabei in Originalgröße. "Das passte alles", erinnerte er sich, "und ich dachte, nein, das kann kein Zufall sein." Der Hobbyforscher hatte seine Aufgabe gefunden.

"Das hat ihm das Leben gerettet", glaubt Eva-Maria Vogel heute. Während der Betonwerksteinbetrieb jetzt Treppenmodule in Serie fertigen muss, steckt der Chef seine Kreativität in Experimente mit Luftballons, Fußbällen und Glaskugeln. Aus den unbeholfenen ersten Vogel-Globen werden immer aufwendigere, immer raffiniertere Kunstwerke. Am Wochenende, wenn Platz ist auf dem Werkshof neben dem Haus, in dem Familie Vogel bis heute lebt, wird gelegentlich eine Testerde aufgeblasen: "Ein Ballon, außen Beton, dann Luft hinein", erklärt Klaus Vogel wie er "herausbekommen wollte, wie so eine Kontinentalplatte bricht." Ähnliche Versuche stellt er mit ausgeblasenen Eiern an, die er über einen eingeführten Ballon zum Platzen bringt, um die entstehenden Schalenstücke mit Karten von Bruchflächen in der Erdkruste zu vergleichen.

Denn von Bruchbildern versteht Klaus Vogel etwas. "Spannung, Dehnung, Bruch", sagt er, "das ist Betontechnologie im planetaren Maßstab." Seine Ergebnisse teilt der Privatgelehrte schon in den 70er Jahren mit anderen Expansionsenthusiasten. Briefe und Pakete mit sorgsam verpackten Vogel-Globen gehen nach Tasmanien auf die Reise, wo mit Samuel Carey der Nestor der Expansionstheoretiker lehrt. Mit dem halleschen Professor Max Schwab konferiert Vogel ebenso regelmäßig wie mit Wissenschaftlern in Polen, Russland, Großbritannien und Italien. 1984 gibt ihm die Gesellschaft für Geologische Wissenschaften der DDR sogar Gelegenheit, seine Überlegungen zur wachsenden Erde auf der Jahrestagung und im Akademie-Verlag vorzustellen. Die DDR-Behörden lassen ihn gewähren. Vogel darf seine Kontakte zu Gleichgesinnten in den USA und Kanada, in Westdeutschland und Skandinavien halten. Doch jeder Antrag des Sachsen, eine der vielen Einladungen zu internationalen Symposien annehmen zu dürfen, wird abgelehnt.

Nur die Globen lässt man reisen -und Wissenschaftskollegen wie der Australier Samuel Carey kommen selbst nach Werdau, um ihren Vater und Erfinder persönlich kennen zu lernen. "Carey stand eines Abends mitten im dicksten Winter mit wehendem Mantel auf dem Bahnsteig", erzählt Klaus Vogel, "weil bis dahin alle Züge ausgefallen waren, hatten wir schon nicht mehr geglaubt, dass er es her schafft." Es ist der Beginn einer Männerfreundschaft über ideologische, geographische und sprachliche Grenzen hinweg. Der Weltkriegsveteran aus Tasmanien und der Bauingenieur aus Sachsen sprechen dieselbe Sprache, wenn es um Kontinentaldrift und Subduktion, um den Urkontinent Panganea und die asymetrische Dehnung Australiens geht.

 Dass die herrschende wissenschaftliche Meinung ihrer Theorie von einer Erde, die seit 600 Millionen Jahren anschwillt wie der Rührkuchen in der Röhre, keine Chance gibt, ficht Klaus Vogel nicht an. Auch nach dem Mauerfall, als er seine Firma endlich zurückübertragen bekommt, baut er weiter unverdrossen seine Globen, heute längst High-Tech-Wunderwerke aus echten Globus-Halbschalen und russischen Kosmoskarten, die ihm Forscherkollegen aus Moskau schicken. Mit ihnen zieht der Globusmann, wie sie ihn in Werdau nennen, von Tagung zu Tagung, von Kontinent zu Kontinent und zwischendrin durch die Schulen der Region. Vogel verkündet seine Wahrheiten nicht als die letzten, er wirbt nur einfach dafür, zu zweifeln und zu forschen. Denn natürlich beantworte die Expansionsthese nicht nur viele ungelöste Fragen, sagt er, nein, sie stelle noch mehr neue. "Wir wissen ja bis heute nicht, was die Ursache der Ausdehnung sein könnte." Nur dass es sie gibt, davon ist Klaus Vogel überzeugt. Auf Kongressen am National-Institut für Vulkanismus in Italien, an der TU in Berlin oder in Griechenland hatte er zuletzt Auftritte mit seinen Globus-Kindern.

Demnächst geht es nach Sibirien zu einer Tagung über den Tunguska-Meteoriten, der vor 100 Jahren mit der Kraft von tausend Hiroshima-Bomben in die Taiga krachte. Aber gar kein Meteorit war, wie Klaus Vogel den Forscherkollegen mit Hilfe seiner Globen und des Propanantriebs des Firmen-Gabelstaplers erklären wird. "Methan, das wegen der Expansion aus der Erdkruste austritt, hat die Explosion verursacht", glaubt er und lächelt: Wenn ein Mann wirklich eine Aufgabe braucht - dieser hier hat die seine gefunden.


THEORIE AUS DEN TIEFEN DER ZEIT

Kontinente unter acht Kilometern Wasser

Vor hundert Jahren fiel es dem italienischen Geowissenschaftler Roberto Mantovani wie Schuppen von den Augen: Wäre die Erde vor Millionen Jahren viel kleiner gewesen, hätte ein geschlossener Kontinent ihre Oberfläche nahezu ebenerdig bedeckt. Erst später, so der Forscher, sei dieser Urkontinent wohl durch vulkanische Aktivitäten auseinandergebrochen. Die Erde wuchs, die Kontinentstückchen entfernten sich voneinander, beschrieb der Berliner Physiker Ott Christoph Hilgenberg in seinem Buch "Vom wachsenden Erdball". Denke man sich die Erde nur halb so groß wie heute, argumentierte er, passten die Ränder der Kontinente besser zueinander, als sie es nach der Lehre von der Kontinentaldrift tun. Andere Probleme aber konnte auch Samuel Carey, einer der Vordenker der Bewegung, nicht lösen. So wären alle Kontinente vor der Ausdehnung von einem 15 Kilometer tiefen Ozean bedeckt gewesen, die Schwerkraft hätte die Dinosaurier auf den Boden gepresst, die Erdrotation hingegen hätte viel höher sein müssen. Das Ausmaß des Wachstums ist zwischen den Expansions-Experten umstritten. Der Geophysiker László Egyed hatte in den 60ern eine Vergrößerung des Erdumfangs von einem Millimeter im Jahr errechnet. Doch wäre sie schon immer so schnell gewachsen, müsste die Erde heute viel größer sein als sie ist.

www.expanding-earth.org
www.final-frontier.ch

Freitag, 22. März 2013

Ein Ort schreit Mord


Mehr als ein Ort schreit da ganz laut "Mord!" Leseempfehlung, nicht nur, weil ich mitschreiben und den ersten Mord mittels Sandstrahlgerät begehen durfte... Kaufen, damit kein Opfer vergebens war!

Dienstag, 5. März 2013

Falkenberg feiert, Halle singt


Zweieinhalb Stunden voller Emotionen, zweieinhalb Stunden voll alter Hits und neuer Hymnen - der Alt-Neu-Hallenser Ralf Schmidt, als IC Falkenberg einer der großen Popstars der DDR, hat zum Auftakt zur Fortsetzung seiner "Freiheit"-Tour ein triumphales Konzert im ausverkauften halleschen Objekt 5 abgeliefert. Am Anfang steht natürlich die Halle-Hymne, die der 51-Jährige nach seiner Rückkehr aus Berlin geschrieben hatte. "Die Stadt, die keiner kennt" porträtiert die Saalestadt aus der Innensicht: Bärbeißig scheinen Hallenser Fremden manchmal, dabei, so heißt es im Lied, werde hier nur das Lächeln nicht verschenkt.

 Heute Abend aber wohl. Von ersten Stück bis zur letzten Zugabe geht der Saal begeistert mit, andächtig lauschen die Fans Falkenbergs kleinen Episoden und Erzählungen, hingebungsvoll singen sie mit, wenn er wie beim globalisierungskritischen "Wetter"-Lied dazu einlädt. Es geht um den großen Begriff Freiheit, und die findet Falkenberg an der Seite seiner halleschen Musiker Scotty Gottwald (git), James Dietze (bg) und Friedrich Hentze (dr) musikalisch. Rockiger als noch im letzten Jahr spielt das Quartett neue Songs wie "Die Leute reden" und "Wo alle sind", Gottwald veredelt das epische "Vor den Kathedralen" mit einem gänsehautfiebrigen Solo und Falkenberg selbst wechselt immer mal wieder von der Akustikgitarre zum Piano und zurück.

 Der Zorn auf die Leute, die er als Verantwortliche hinter den aktuellen Krisen sieht, ist Falkenberg in jedem Moment anzumerken. Voller Energie wirft er sich in seine Lieder, immer aber drehen deren Texte die einfache Realität eine Windung weiter. "Auf den Wiesen der Kindheit" findet der Mann, der als Junge in der Südstraße aufwuchs, die Freiheit, die heute so schwer zu haben ist, weil sie daraus besteht, nein sagen zu können.

 Aber nicht zu müssen. Als das Publikum irgendwann im nicht enden wollenden Zugabenteil den "Mann im Mond" fordert, ein Stück, das mittlerweile ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat, hat die Band das zwar nicht geprobt. Gespielt wird es dennoch unter großem Jubel - einer der Höhepunkte eines höchst emotionalen Abends, der nach dem letzten Ton von der Bühne noch lange nicht endet.

Dienstag, 12. Februar 2013

Kreuzworträtselmord: Der Jäger

Siegfried Schwarz leitete die Fahndung nach dem Mörder von Lars B. Doch ein anderer Fall beschäftigt ihn bis heute viel mehr - und der ist bis heute ungelöst. Er hat diesen einen Fall nie vergessen können. Immer wenn der frühere Kripo-Hauptmann Siegfried Schwarz zurückdenkt an seine Zeit als Chef der Morduntersuchungskommission des Bezirkes Halle, hat er dieses Gesicht vor Augen: Ein Junge mit fröhlichem Blick, sieben Jahre alt, das Leben vor sich. Und dann plötzlich nichts mehr. Ende. Schluss. Aus. Der kleine Maik, sieben Jahre alt, verschwindet in jenem Sommer 1981 spurlos. Er ist mit seinem Vater im Freibad, doch als der ihn zum Nachhausegehen ruft, taucht er nicht auf. Der Vater wartet eine Nacht und meldet den Jungen dann als vermisst. Die Kripo fahndet. Wochenlang.

 "Wir haben wirklich jeden Stein herumgedreht", sagt Siegfried Schwarz. Eigentlich alles ganz genau so wie bei dem Fall, der die Fahnder damals sowieso schon seit Monaten in Atem hielt. Am 15. Januar um 20.30 Uhr war eine Frau auf dem Polizeirevier in Halle-Neustadt erschienen, um ihren Sohn Lars als vermisst zu melden. Ins Kino hatte der Siebenjährige gewollt. Nun war die Vorstellung längst beendet. Alle Freunde waren wieder daheim. Nur Lars nicht, obwohl der Junge vorher noch nie zu spät gekommen war.

Siegfried Schwarz hat die Zeitabläufe auch drei Jahrzehnte danach noch ganz im Kopf. "Um 20.46 Uhr wurde die Fahndung eingeleitet", sagt der Mann, der wenig später als Leiter der Morduntersuchungskommission mit dem berühmtesten Tötungsverbrechen der DDR-Geschichte betraut werden wird. Denn der kleine Lars bleibt verschwunden, spurlos verschwunden sogar. Niemand hat ihn gesehen, keiner weiß, wo er ist. Die Polizei sucht nach dem Kind, sogar öffentlich, was in der DDR nicht alltäglich ist. Doch das hier ist kein Fall wie die meisten der rund 1 250 Vermisstenfälle, die die Kripo im ehemaligen Bezirk Halle jedes Jahr bearbeitet.

"Wir hatten anfangs nichts in der Hand", beschreibt Schwarz, "also haben wir Lautsprecherdurchsagen gemacht und die Zeitung eingeschaltet." Dennoch dauert es noch lange zehn Tage, bis die Sonderkommission Lars weiß, womit sie es zu tun hat. Ein Streckenläufer der Reichsbahn entdeckt einen herrenlosen Koffer an der Bahnstrecke Halle-Leipzig. Als er die Verschlüsse öffnet, findet er den toten Körper des vermissten Jungen. Siegfried Schwarz, der Mitte der 50er Jahre Polizist geworden war und seit Mitte der 60er als Kriminalist in die tiefsten Abgründe menschlicher Seelen geschaut hatte, muss bei der Erinnerung immer noch schwer schlucken. Die Bilder verblassen wie die alten Kopien von Briefen und Akten, die er bis heute aufgehoben hat. Aber sie gehen nicht weg. "Wir wussten von diesem Moment an, dass wir keinen vermissten Jungen suchen, sondern einen Mörder", sagt der 76-Jährige. Zugleich ist dem erfahrenen Kriminalisten klar, dass die Ermittlungen jetzt Anhaltspunkte haben: Da ist der Koffer aus Hartpappe, da sind drei Plastiksäcke, da eine sechs Millimeter starke Schnur, vor allem aber sind das zerknüllte Zeitungen und Zeitschriften, darunter zwei Exemplare der "Freiheit", Ausgabe Halle-Neustadt. Und in diesen Zeitungen sechs ausgefüllte Kreuzworträtsel.

 "Damit waren wir nicht mehr auf den Zufall angewiesen", sagt Schwarz, dessen Interesse sich sofort auf die Kreuzworträtsel richtet. Natürlich, die Sonderkommission prüft penibel jeden Gegenstand, den sie im Koffer findet. Doch weder das Etikett einer Plastiktüte noch die Bodenproben aus den Stiefeln des Opfers noch ein Gutachten zur Schnur führen weiter. "Es war absehbar, dass wir den Schriftenverursacher aus den Kreuzworträtseln finden mussten", sagt Schwarz. Doch sein Vorschlag, Schriftproben in der Zeitung abzudrucken oder den gefunden Koffer mit einer Beschreibung der Tat öffentlich auszustellen, um dem Täter mit Hilfe der Bevölkerung auf die Spur zu kommen, wird abgelehnt. Der Koffer wird zwar in einem Schaufenster nahe des vermuteten Tatortes gezeigt. Aber nur mit dem Hinweis, er spiele eine Rolle bei einem schweren Verbrechen. "Darauf springt keiner an."

Bleibt den Ermittlern um Schwarz und seinen Stellvertreter Manfred Löser nur die mühsame Tour. Über Preisausschreiben und aus dem Altpapier, vom Amt für Arbeit und der Deutschen Post, aus Kaderakten und Autoanmeldungen besorgt sich die um zahlreiche Mitarbeiter erweitere Mordkommission mehr als 550 000 Schriftproben, die mit den recht prägnanten Buchstaben in den verdächtigen Kreuzworträtseln verglichen werden. "Es war offensichtlich, dass uns Aufwand und Mühe irgendwann zum Täter führen mussten", beschreibt Siegfried Schwarz, "aber niemand ahnte, wie viel Aufwand und Mühe wir am Ende wirklich brauchen würden." Siegfried Schwarz weiß, dass in jedem Fall, der nicht nach ein, zwei Tagen gelöst ist, der Zeitpunkt kommt, an dem man zu zweifeln beginnt. Hat man etwas übersehen? Ist man zu nah dran? Doch dass er, der junge Polizist, überhaupt bei der Mordkommission gelandet ist, hat mit einem Fahnder zu tun, der genau solche Zweifel nicht zu kennen schien. "Ich war noch ein ganz junger Kriminalist in Merseburg", sagt Schwarz, "und dieser erfahrene Kollege kam in einem Fall von Totschlag aus Halle: Ledermantel, Seidenschal, souverän, ruhig, selbstbewusst, ein Künstler im Vernehmungszimmer und ein Menschenkenner, der genau wusste, was er tat."

Die Männer von Schwarz´ MUK sind nicht anders. Zwischen 98 und 99 Prozent liegt ihre Aufklärungsquote, immer wieder werden sie auch in andere Bezirke geholt, um dort Gewaltverbrechen aufzuklären. "Ich habe der Mutter von Lars versprochen, dass wir den Mörder ihres Sohnes kriegen", sagt er, "und ich war überzeugt, dass wir das schaffen." Selbst als der Sommer kommt, ohne dass ein passender Schriftvergleich auftaucht. Selbst als die Ausweitung der Suche bis in die großen Chemiewerke keinen Durchbruch bringt. Selbst als Schwarz nach Dessau gerufen wird, um Licht in das Verschwinden des kleinen Maik zu bringen. Die Ausgangslage dort ist ganz anders. Der Siebenjährige ist schon mehrmals von zu haue fortgelaufen, allerdings immer schnell wiedergefunden worden. Nur diesmal vernehmen die Kriminalisten vergebens reihenweise zeugen im Waldbad "Freundschaft" und im Wohnumfeld des Jungen. "Der See wurde abgetaucht, eine Schrebergartenanlage abgesucht - nichts" erinnert sich Siegfried Schwarz. Drei Dutzend Mitarbeiter suchen derweil unter Leitung von Schwarz´ Stellvertreter Manfred Löser in Halle weiter nach dem Kreuzworträtsel-Mörder.

Nächtelang sitzen die Fahnder zusammen und versuchen, ein Profil des Täters zu erstellen: Er ist männlich, schließen sie aus der Art der Verletzungen. Er hat kein Auto und musste deshalb den Zug benutzen. Er verfügt über eine Wohnung in Halle-Neustadt, in der er die Tat begehen konnte. Doch näher kommt die Soko in Halle ihrem Mann sowenig wie Siegfried Schwarz der Lösung seines Falles in Dessau. Bis einer der Schriftprobenprüfer in Halle seinen Augen nicht traut. Es ist der 17. November 1981, genau zehn Monate sind seit dem Verschwinden von Lars B. vergangen. Und hier ist sie nun, eine Schriftprobe mit mittelgroßen Buchstaben, sehr gewandt ausgeführt, das A einprägsam "in der gotischen Form dreizügig geschrieben", wie ein Sachverständiger festgestellt hatte. Die identische Vergleichsprobe stammt von einer Mieterin im Halle-Neustädter Wohnblock 398. Sie war all die Monate nicht entdeckt worden, weil sie an der Ostsee arbeitete.

 Eine Frau aber, da waren die Profiler der Polizei sicher , kommt als Täter nicht infrage, auch wenn sie schon bei der ersten Befragung zugibt, die Kreuzworträtsel ausgefüllt zu haben. Aber ihrer Tochter kommt der Koffer bekannt vor. Und ja, sagt sie, sie habe einen Freund. Der ist 18, heißt Matthias und, das ist ihr peinlich, er bitte sie beim Sex manchmal, ihm von kleinen Jungen zu erzählen. Die Männer von der Sonderkommission Lars wissen sofort, dass das ihr Mann sein muss. Sofort fahren Fahnder nach Friedrichroda, wo B. in einem Ferienheim arbeitet. Um 14 Uhr beginnt die Vernehmung des Verdächtigen, um 4.30 Uhr hat er gestanden. Er habe an jenem Januar auf Arbeit blaugemacht, den Jungen zufällig in der Stadt gesehen, aus einer Laune heraus angesprochen und in die Wohnung der Mutter seiner Freundin gelockt, von der er wusste, dass sie leer steht. Dort habe er Lars erst missbraucht und dann getötet.

"Ich überlegte mir, dass der Junge zu Hause alles erzählen kann, was ich mit ihm gemacht habe." Siegfried Schwarz; Manfred Löser und ihre Männer sind am Ziel. Sie haben ihn. Die Jagd ist beendet, Erleichterung kehrt ein. "Auch wenn da ein Häufchen Unglück sitzt, dem man die Tat weder ansieht noch zutraut." Es ist Schwarz´ Sternstunde als Kriminalist, später in Büchern besungen, verfilmt und heute längst eine Legende. Doch es ist nicht der Fall, an den der Fahnder, heute längst im Ruhestand , am häufigsten denkt. Nein, sagt er. "Das ist der Fall Maik T." Auch nach 30 Jahren ist nie eine Leiche des Siebenjährigen aufgetaucht. Die Vermisstensache steht immer noch als ungelöst in den Akten

Freitag, 25. Januar 2013

Verloren im Empire

Wie viele Nackenschläge kann eine Band vertragen? Wie viele dumme Zufälle können sich zwischen den großen Erfolg und die Knochentour durch kleine Säle stellen? Tim Brownlow, Bassist Duff Battye und Drummer Bill Cartledge wären geeignete Kandidaten für eine brauchbare Antwort. Die drei Engländer, die vor elf Jahren die Band Belasco gründeten, hatten auf dem langen Weg seitdem alles, was das Rock-Leben bietet: grandiose Alben und schlechte Verträge, Auftritte in angesagten Hollywood-Filmen und Gastspiele auf verregneten Kleinstadt-Festivals. Offenbar eine Mischung, die zu gesteigerter musikalischer Überzeugungskraft führt. Denn "Transmuting", Album Nummer vier seit dem famosen Debüt "Simplicity", zeigt das Trio auf einem neuen Höhepunkt: Elf Songs spannen den Bogen vom muskulösen Alternativ-Rock bis zu fein ziselierten Balladen wie sie Coldplay oder Snow Patrol nicht schöner hinbekämen. War das Vorgängeralbum "61" noch geprägt von geraden, flotten Stücken wie "On The Wire" und ehrgeizigen Hymnen wie "The Earth", ergänzen sich die Teile im neuen Werk zu einem perfekten Bild. Gitarre, Bass und Schlagzeug spielen mit unglaublicher Dynamik zusammen, Tim Brownlow singt sich die Seele aus dem Leib und die stürmischen Melodien von Stücken wie "Moves Like Water" oder "Home" setzen sich schon mit dem ersten Hören unwiderstehlich im Ohr fest. Es ist beileibe kein fröhliches Album, das die drei Mittdreißiger da mit Richie Kayan (Oasis, Supergrass) in den Chapel-Studios in Lincolnshire eingespielt haben. Es geht um Enttäuschungen, um verlorene Liebesmüh' und um das Gefühl, verloren zu sein in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Das sechs Minuten lange "Empire" beginnt wie vor zehn Jahren das erfolgreichste Belasco-Stück "15 Seconds" mit einem pumpenden Gitarrenriff und steigert sich ganz allmählich in einen Wirbel aus Akkorden, Rhythmen und Bassläufen, wie sie im aktuellen Rock-Geschäft nur Duff Battye spielen kann. Geht es in diesem Mammutstück fast schon in Richtung Led Zeppelin, schleicht sich das folgende "Who do you love" auf Samtpfötchen an wie ein Lied von Mumford & Sons. Nur dass Tim Brownlow besser singt als sein angesagter Landsmann Marcus Mumford. Noch besser ist das zu hören, wenn sie die Lautstärke dimmen und aus dem Tempo-Rock von "Open up" und "Home" ins Akustische schwenken. "Rosa" zeigt einen Tim Brownlow, der zu einer scheppernden E-Gitarre ironisch den Billy Bragg macht: Rosa ist die Chefin, aber das ist völlig okay. Brownlow, Battye und Cartledge, die vor einigen Jahren Geld spendeten, um die Abraumhalde von Klobikau im Saalekreis begrünen zu helfen, sind nicht mehr unterwegs, um Coldplay vom Thron zu stoßen oder Muse zu beerben. "Time is running out", stellt Brownlow in "What it is" fest, klingt aber gar nicht traurig dabei. Alle drei bei Belasco haben Frauen, Kinder und machen Musik, nicht weil die Plattenfirma auf das nächste Album drängt - sondern aus Freude daran, sie machen zu können.