Freitag, 19. September 2014

Mutter Erde, Vater Sonne, Großer Geist, kleiner Mensch


"Kein Schritt weiter, bitte, geh' keinen Schritt weiter", warnt Martin. "Die Linie zwischen Lebensbaum und Feuerstelle darf jetzt nicht mehr überschritten werden." Es beginnt zu dämmern. Seit Stunden heizt Martin, ein großer Mann mit grobgeflochtenem Nackenzopf, das Feuer, in das "kein Grün, bitte, kein Grün" geworfen werden darf. Nasse Birkenstämme dagegen sind in Ordnung. Wie überhaupt alle Dinge ihre Ordnung haben. Die kreisrunde Hütte, geduckt wie eine Schildkröte, hat sechzehn parallele Pfosten und drei Querstreben; einen Eingang, der nach Osten geht, und in der Mitte ist ein kreisrundes Loch. "Da kommen die Steine hinein", , erläutert Hugo-Bert Eichmüller, initiierter schamanischer Ratgeber und angenommener Ziehsohn des Lakota-Medizinmannes Wallace Black Elk, der unweit am Feuer hockt und in der Glut stochert. Black Elk ist unter einem ausladenden Westmann-Stetson versteckt.

Weitab der Menschen

Die Dübener Heide hat kaum schönere Flecken als diese Ecke gleich neben dem Forsthaus Pragwitz, weitab jeder menschlichen Behausung. Feucht ist der Wald hier und der Weiher hundert Schritt weiter trübe. Unter Hugos kundiger Führung bauen drei Dutzend Frauen, Männer und Kinder am sandigen Teichufer aus Stöcken und Steinen, was am Abend als "Stone-People- Lodge", zu deutsch: Schwitzhütte, dienen soll.

"Wir gehen in die Natur, um uns zu reinigen", hat uns der barfüßige Hugo, beim Hüttenbau trotz der vorweihnachtlichen Kälte schwitzend wie ein Maurerpolier, gleich anfangs verschwörerisch anvertraut. Tabea Schulz, eine ernste 37jährige mit liebevoll-leuchtendem Blick und dem schweigsamen Sendungsbewußtsein einer Betschwester, hat genickt. Sie ist eine der wenigen Anwesenden mit "schamanischer Erfahrung": Worte wie "Kräfttiersuche", "Trommelreise" und ""Großer Geist", von Uwe aus Chemnitz ähnlich verblüfft vernommen wie von Andreas aus München, sind für sie, die den "spirituellen Weg schamanischer Bewußtseinsarbeit" schon ein Stück weit gegangen ist, Bezeichnungen für Dinge, die zweifelsfrei existieren und nicht anders benannt werden können. Tabea Schulz kommt aus Bitterfeld und redet nicht allzugern über sich selbst.
Hugo-Bert kommt aus Nürnberg und redet viel.


 Der studierte Psychologe, "langjährige Gestalttherapeut und reichianische Skan-Trainer" hat eine Frau und vier Kinder, lebt "unter der Woche" in einem gewöhnlichen Mietshaus und geht "den Weg" seit fünfzehn Jahren. "Elementar"- Gruppentraining heißt, was Eichmüller zehn, zwanzig Mal im Jahr an wechselnden Schauplätzen mit wechselnden Inhalten organisiert. Mal wird geschwitzt, mal getrommelt; mal in Stille gesessen, mal werden spirituelle Lieder gesungen. Seine "elementar-Gruppen" seien dabei, sagt Hugo, keine feste Struktur. Jeder kann kommen, so er den - je nach Veranstaltung zwischen 150,- und 420,- Mark liegenden - Unkostenbeitrag überweist.
"Weißt, nicht um Geld", versichert Hugo in weichem Fränkisch, "geht's bei der Gruppe." Sondern um Mutter Erde, Vater Sonne, den Großen Geist und den kleinen Menschen. Hugo, als Psychologe geschickt genug, jedem Gesprächspartner schon nach zweieinhalb Satzwechseln ein diffuses Gefühl jahrzehntelangen Miteinander-Vertrautseins zu vermitteln, hat andere Ziele. Rückbesinnung ist eines, das "Hinfinden zu unbedingter Selbstverantwortung" ein weiteres. "Die Kraft der Spirits führt uns zu gelassener Harmonie zwischen sichtbarer und unsichtbarer Natur, macht es uns möglich, im Einklang mit den Dingen zu leben", ist sich der bleichgesichtige Schamane sicher. Und "elementar", versichert Hugo noch, "ist trotzdem weder Kirche noch Religion noch Therapie."


Die Spirits in der aus allerlei Ästen und alten NVA-Planen selbstgebastelten Schwitzhütte zu finden, kommen sie an diesem Wochenende aus ganz Deutschland in den Dübener Forst: Der Architekt aus Bayern, der Arbeitslose aus Sachsen, der Umschüler aus Bitterfeld und die Ladenbesitzerin aus dem Ruhrpott. Während Andreas Unser aus Buch "eine neue Erfahrung" zu machen entschlossen ist, erhofft sich Kurt, ein 38jähriger Braunschweiger, vom uralten Ritual in der 
 Schwitzhütte "Hilfe und Heilung." Winfried aus Wolfen ist "aus prinzipiellem Interesse" dabei, Uwe aus Chemnitz dagegen, weil er einst mit glühenden Augen "Die Söhne der Großen Bärin" verschlungen hat. 

Da sind sie alle: Die Egotripper, Spiritisten, Heilssucher, Sonderlinge und die, an denen einfach nur unstillbare Neugier nagt. Und allen gemeinsam ist eine versteckte Sehnsucht nach Einfachheit und beständigen, reinen Ritualen, Im Zeitalter der alles verkabelnden, alles vernetzenden Informationsund Mediengesellschaft, bedrängt von einer sich scheinbar unablässig verkomplizierenden Welt geht der Wohlstandsmensch auf die Suche nach dem einfachen Leben der Vorväter, auf die Suche nach einer höheren Wahrheit mit tieferem Sinn. "Wissen wiederfinden, das wir schonmal hatten", will Hugo. Mit der Verbesserung der Welt "bei sich selbst anfangen" möchte Rolf aus Berlin. "Leute kennenzulernen, die ähnlich denken", hat sich Angie vorgenommen und "um zu sehen, ob das hier der Weg ist, der die Erde rettet" hat Fiedel seinen alten VW zur Fahrt in den Wald bewegt.

Ritus nackten Schwitzens


Der Ritus des nackten Schwitzens im Angesicht der Geister ist eine Reise in die Steinzeit, eine Art zurück in die Zukunft für zwei Tage. Und eine Fahrkarte zur Makellosigkeit. "Du fühlst Dich danach sauber", bestätigt Angie, "unlösbare Probleme sind verschwunden, Du siehst wieder klar, was wichtig ist," 44 Prozent der Westdeutschen und 13 Prozent der Ostdeutschen glauben ausgangs des 20. Jahrhunderts an die Existenz des Übersinnlichen in dieser oder jener Form, behauptet eine kürzlich veröffentlichte Umfrage, die so falsch nicht sein kann. Immerhin spiegelt sie das in Ost und West unterschiedlich große Interesse auch am Schwitzhüttenritus unserer Trainingsgruppe ziemlich zutreffend wider. Achtzig Prozent der Teilnehmer kommen von jenseits der Eiblinie. 

"Hier im Osten", analysiert Hugo- Bert Eichmüller, "sind eben viele Menschen noch mit der Bewältigung des ganz alltäglich Neuen beschäftigt." Im Westen dagegen gehe "der Trend seit dem Scheitern der '68er- Bewegung" mehr und mehr "ins Innere." Aus dem Gang durch die Institutionen ist der Trip ins Trommelbauseminar geworden, aus der Sehnsucht nach Fortschritt , und Wohlstand für alle der Wille zur Wolle und zur Selbstbeschränkung der eigenen Wünsche. "Nur wenn wir wieder lernen, die Erde nicht als ein benutzbares Ding, sondern als gleichberechtigten, liebenswerten Partner zu erkennen", meint Hugo- Bert, "werden wir als Geschlecht eine Zukunft haben."


 Die Umweltprobleme der Industriegesellschaft reduzieren sich in der indianischen Philosophie von Schamanen wie Wallace Black Elk, Chief Sunbear oder Archie Fire Lame Deer zum Problem "Industriegesellschaft an sich"; Konflikte in der Gesellschaft finden sich plötzlich umgedeutet zum Konfliktfall Gesellschaft. Lösungen aber gibt es nicht, dazu, sagt Wallace, "sind wir nicht berufen". Einen einzigen Vorschlag macht der Lakota-Schamane: "Bei sich selbst anfangen und den schamanischen Weg zu unbedingter Liebe, als Ergebnis unbedingter Selbstverantwortung" zu gehen. Hugh.


Sinnsucher im Seminar


In Seminarform gequetschte Sinnsuche, auch Esoterik genannt, ist derweil in Deutschland zur Industrie gewachsen, die - gestützt auf die schier unglaublichsten Theorien - eigene Zeitungen herausgibt, Tagungshäuser unterhält und Reisen anbietet. Der Bedarf ist da, das Bedürfnis des Menschen, was und wem auch immer glauben und vertrauen zu können, ungebrochen. Ferne, fremde Religionen sind ebenso beliebt wie neue Heilslehren aus der Retorte. Esoterik setzt Jahr für Jahr Milliarden Mark um: .Trommelbau in Ghana, Bauchtanzkurs für Frauen im Bayrischen Wald, Rebirthingschule auf dem Bauernhof bei Wien oder Urschreitraining in der Toskana - nichts, was, es nicht gibt.



Das "elementar"-Wochenende gehört zu den liebenswerteren Varianten der wuchernden Wachstumsbranche. Zuerst mal mußt du "Tis" bandeln. "Wir brauchen 50 Tis für alle Erdteile, Rassen und Völker", referiert uns Tabea mit der zuvorkommenden Arroganz der Auserwählten, während sie mit Messer und Schere Stoffbahnen zu viereckigen Fetzchen teilt. Die anderen binden: Ein Stückchen Stoff, ein Prischen Tabak, die Hand geht wie zu einer Andeutung des Grußes der Rotfrontkämpfer in die Höhe und ein sekundenlang entrückender Blick mitten hinein ins Garnichts. Jetzt wird gewünscht. "Mit den zweiten 150 Tis", versucht Angie, LadenbesitzeYin aus München, den Neuen zu erklären, "wünschen wir für alle Welt." 



Die Opfer des Straßenverkehrs und der abgeholzte Regenwald, die Hungernden in Somalia und die Toten von Sarajevo - unsere Tis, von Angie sorgsam an einen weißen Wollfaden geknibbert, haben Platz für alles Leid der Erde. Wer will, kann danach noch eigene Tis binden und persönliche Wünsche verpacken: "Bei Wallace knotest Du sechs für kleine Wünsche, 25 für Gesundheit und soviel Du willst mehr, wenn Du es eilig hast mit der Erfüllung." Kurt, der das sagt, ist seit vier Jahren dabei. Kurt kennt sich aus. In kleinen Blechschachteln trägt er Präriesalbei zum Verbrennen, Tis-Tücher und Faden im Gepäck. Kurt weiß auch, wie das mit dem Wünschen funktioniert. "Du packst halt Deinen Wunsch in den Tabak hinein", erzählt er, "wenn die Tis dann in der Hütte angehängt sind und die Zeremonie beginnt, kommen die Spirits,

Geister nähren sich vom Tabak und nehmen die Wünsche mit." Da die Tis anschließend noch da sind, ist gängige Sprachregelung, das Spirits generell nur die "Essenz" des Tabaks zu sich nähmen. Die Wunscherfüllung soll trotzdem prompt funktionieren, weshalb Kurt zur Vorsicht rät: "Ein Bekannter von mir hat sich gewünscht, sein Bruder möge mit Trinken aufhören. Das hat auch geklappt: Am nächsten Tag ist der Bruder von einem Auto überfahren worden." Seitdem wünscht Kurt nur noch unverfängliche Dinge. "Daß mein kaputtes Knie wieder heil wird", sagt er zwischen zwei sehnenden Blicken ins- Nirgendwo, "und Hilfe und Beistand ganz allgemein."


"Es geht eben jeder einen anderen Weg, für den nur er selber verantwortlich ist." Weder er, Hugo, noch Wallace Black Elk, der spirituelle Ratgeber der Lakota und schamanische Führer der Dübener Schwitzgruppe, könne da etwas machen. Wallace, 71 Jahre alt, dünne Zöpfe tragend und mit einem Lächeln gesegnet, aus dem störrische Weisheit leuchtet, nickt entschieden: Mit einem Professor der Oxford- Universität habe er sich mal über Feuer unterhalten, brummt der Indianer würdevoll, und der Professor habe ihm auf die Frage, was denn Feuer sei, eine zwölfseitige Definition vorlesen wollen. Der Schwarze Elch schüttelt tadelnd das schwere Haupt. Für die Vorväter ist alles viel einfacher. "Feuer ist Stein und Stein ist Tier und Tier ist Mensch - alles was ist, ist Spirit, keins besser, keins geringer."

 Klaus Fiedel, Atheist und bekennender Zweifler an jeder Art unsichtbarer Macht, ist beeindruckt. "Erst ist es eiskalt gewesen", erzählt er, "dann, nachdem die ersten Steine mit Wasser übergössen waren, wurde es für einige Zeit ganz gemütlich, und anschließend war es die kochende Hölle!" Selbst er, der ungläubige Thomas im Dunkel der Hütte, habe sich da "der unglaublichen Atmosphäre nicht lange entziehen" können. "Spätestens, wenn es heiß wird, wenn diese alten indianischen Lieder gesungen werden, wenn sie die Trommel schlagen und beten, bist Du automatisch beeindruckt von der großen, geheimnisvollen Kraft dieser uralten Riten." Es sei "wie eine Geburt" gewesen, sagt Klaus Fiedel mitgenommen.

Augen zu und durch


Nicht so Winfried Kuhnt, Der Chemieingenieur aus Wolfen hat den zweiten Tag gar nicht mehr mitgemacht. "Wissen Sie", winkt der Mitfünfziger ab, der früher als Chemiker in der Wolfener Filmfabrik arbeitete, "ich bin ja so empfindlich gegen Hitze." Außerdem habe Wallace Black Elk am ersten Abend immer nur englisch gesprochen und er, Winfried, obschon entschlossen, die spirituellen Großväter kennenzulernen, habe deswegen nur die Hälfte verstanden. "Zum Glück war's dunkel", verrät Kuhnt, "ich habe mich dann einfach zurückgelehnt und die Augen für 'ne Stunde zugemacht." Am zweiten Ta-g ist Kuhnt nicht mehr hingegangen. "Ich hab', gesteht er augenzwinkernd, "mit so 'nem kleinen Taschenfernseher ,Wetten, daß...' angeguckt." Der Empfang war auch in unmittelbarer Schwitzhüttennähe oütimal.

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