Freitag, 18. Dezember 2015

Neue Leiden des jungen O.


Der Ton macht die Musik im ersten Roman des aus Halle stammenden Theaterregisseurs Dirk Laucke. Schnoddrig ist der, ein langes, selbstvergewisserndes Selbstgespräch des Erzählers Phillip, der mit seinem Leben hadert, wie das Heranwachsende häufig tun. In "Mit sozialistischem Grusz", einem 200-seitigen Bändchen zwischen Paperback und Leinenbindung, hat der Held allen Grund dazu: Das Leben im Bitterfeld der bundesrepublikanischen Gegenwart ist grau, der Alltag trist, die Mutter irgendwann in den Westen weggelaufen und der arbeits- wie antriebslose Vater nur noch ein Schatten früherer Tage. Dann fängt er auch noch an, auf einer alten "Erika"-Schreibmaschine wirre Briefe an die abwesende Frau Honecker zu schreiben, aus Sorge um den antriebslosen Sohn, der auch mal was aus sich machen müsste. 

Die "ß"-Taste klemmt, deshalb muss Hermann Odetski ersatzhalber immer ein "s" und ein "z" in die Tastatur hacken. Eine Adresse von Margots chilenischem Exil existiert im Haushalt auch nicht, so dass der Vater den Sohn beauftragt, die Anschrift irgendwie mit diesem Internet rauszukriegen.
Der Beginn einer Vater-Sohn-Geschichte, die zwischen absurder Groteske und erdverbundenem Gegenwartsroman schwankt. Die Schnapsidee, die ehemalige Volksbildungsministerin um Erziehungshilfe zu bitten, schafft die Basis, auf der die beiden längst wort- und verständnislos nebeneinanderher lebenden Männer wieder miteinander kommunizieren können.


 Für Laucke, der zuletzt im ebenso gefeierten wie angefeindeten wie angefeindeten Theaterstück "Ultras" gezeigt hat, wie nah er der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu kommen bereit ist, lässt seinen scheiternden Hauptdarsteller Phillip sprechen wie seinerzeit Ulrich Plenzdorf in "Die neuen Leiden des jungen W." seinen Edgar Wibeau reden ließ. Streng subjektiv, detailgenau und selbstkritisch, dabei ironisch ohne Schenkelklopfen und bekifft, ohne berauscht zu sein.


So ein Buch hat ein Ende, aber ein Happy End kann es nicht haben. Hier kommt irgendwann ein Hochwasser, der Vater rafft sich wieder auf, Frau Honecker wird nicht mehr gebraucht. Phillip geht nun doch nach Berlin.


Montag, 14. Dezember 2015

Karl die Große: Er­wach­se­n-Pop mit Stil und Verstand




Wäre Sven Regener, der Sänger der Berliner Deutschrock-Band Element of Crime, eine Frau, dann würde er vielleicht so klingen wie Wencke Wollny. Die ist Sängerin der Leipziger Band mit dem schönen Namen Karl die Große - und die wiederum hat mit "Dichter bei den anderen" gerade ein Debütalbum vorgelegt, das nicht nur im musikalischen Ausdruck an den lapidaren, knochentrockenen Stil der Regener-Truppe erinnert.

"Dichter bei den anderen" vermeidet die große Geste zugunsten lakonischer Beschreibungen. In "Meer" begleitet eine zart gezupfte Gitarre Wollny, die "Karl" genannt wird und mit ihrer Körpergröße von 1,86 Metern Namenspatin des Quintetts war. "Siebenmeilenstiefel" beginnt mit Elektro-Geblubber, stampft dann aber in einem schrägen Jazz-Rhythmus voran. Mit Posaune, Klarinette, Bass, Gitarre und Keyboards haben die fünf Studenten der Leipziger Musikhochschule alles zur Verfügung, um manchmal so zu klingen wie der späte Sting, manchmal aber auch wie die deutschen Kapellen Fink oder Erdmöbel.

Das Eigene, das Wollny, Posaunistin Antonia Hausmann, Klarinettist Simon Kutzner, Gitarrist Yoann Thice und Schlagzeuger Clemens Litschko hier einbringen, steckt nicht nur in der Mischung, sondern auch in Texten voller Widerhaken. Clueso-Fan Wencke Wollny spielt mit Worten, bricht Harmonien, reimt doppeldeutig "halt dich fest/woran du glaubst".

Heraus kommt Kopfmusik, sechsmal Kammerklang wie in "Weitergehen" und "In Ketten". Karl die Große ist der Sound für kalte Winterabende mit viel Zeit zum Nachdenken. Eine Entdeckung, die zu hören lohnt.

Zum Video der Band:
www.bit.ly/karldiegroße

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Der Sound zum Buch zum Film zum Pullover


Internet-Händler kennen ihre Kunden besser als die sich selbst - Psychogramm entsteht aus Netzwerk von Daten

Wie klingt Harry Potter? Welchen Sound hat Erich Fromm? Und was liest, wer Jennifer Lopez hört? Dass ausgerechnet Marius Müller Westernhagen Leute fasziniert, die Romane von Stephen King sammeln, läßt sich vielleicht noch denken. Doch dass auch Menschen, die Montak Chias Sex-Ratgeber "Öfter, länger, besser" lesen, dabei an des dünnen Barden Lippen hängen, hätte wohl niemand gewusst.

Gäbe es nicht Jeff Bezos, Chef und Gründer des weltgrößten Internet-Buchladens amazon.com. Der jedoch erkannte schon vor Jahren, dass ein Internet-Shop seine Kunden nicht einfach mit einem Angebot von ein paar hunderttausend Büchern und CDs allein lassen darf. Nein, wie der Händler vom Tante-Emma-Laden an der Ecke muss er seine Besucher und ihre Vorlieben kennen.


Wenn solches Wissen Macht ist, ist Bezos deutsche Dependance amazon.de unglaublich mächtig. In der Datenbank des eCommerce-Pioniers webt eine komplexe Software aus den Datenspuren von täglich zehntausenden Besuchern ein deutsches Psychogramm, das vielleicht mehr über den Gemütszustand der Nation verrät als mancher schlaue Aufsatz. 


Denn Amazon weiß: Wer Harry Potter liest, liebt die Beatles. Wer sich für den neuen John Grisham vormerken läßt, verkürzt die Wartezeit bis zum Erscheinen mit dem Abhören des Albums "Black & Blue" von den Backstreet Boys. Und späte Interessenten für Karl Marx' "Kommunistisches Manifest" lesen zwar nebenbei hin und wieder beim Anarchisten Ernest Mandel. Musik aber hören sie dabei offenbar nicht.

Kein roter Faden durch die Daten. Zwischen den gesammelten Hits der US-Schauspielerin Ally McBeal, besonders ausdauernd gehört von den Leserinnen des Standardwerkes "Machiavelli für Frauen", und dem Wiso-Buch "Börseneinführung", dessen Käufer sich häufig gleich noch die Craig-David-CD mit dem feinen Titel "Born To Do It" einpacken lassen, schimmert ein weites und weitestgehend unentdecktes Reich, in dem Nachbarn leben, die wir nicht kennen, und Freunde, von denen wir so gut wie nichts wissen.


Oder wer ist das sonst, der Liebesromane von Marc Levy kauft, die "Solange Du da bist" heißen - und sich dazu die zuckersüße CD "It's only love" von Simply Red anhören mag? Der Christoph Ludewigs Existenzgründerbibel "eCommerce im Internet" schmökert und derweil Metallica samt Sinfonieorchester aus den Boxen ballern läßt? Der schließlich zu Erich Fromms Werk "Die Lust des Liebens" den gottesfürchtigen Soul der Söhne Mannheims auflegt? Die amazon-Datenbank, die sich aus Verkaufszahlen, zufälligen Übereinstimmungen und auffälligen Häufungen nährt, erzählt die Geschichte des Deutschland von heute als Geschichte deutscher Vorlieben. Nichts bleibt ihr verborgen.


Wer Bestseller-Bücher von Joanne K. Rowland oder Thomas Harris ("Hannibal") liest, ist empfänglich auch für Bestsellermusik von Madonna, U2 und Jennifer Lopez. Doch dem Individualisten, der mit Daniel Colemann auszieht, die "Emotionale Intelligenz" zu erforschen, gleicht er dennoch aufs Haar: Was dem einen Mark Knopflers unaufregendes Alterswerk "Sailing To Philadelphia", ist dem anderen das schummrige Summsen auf Jimmy Smiths traurigem Album "Dotcomblues".


Es gibt keinen persönlichen Geschmack mehr im Konsum, alles ist Mainstream, Kalkulation, Marktnische. Jede Kombination ist nur ein wiederkehrendes Muster, das verarbeitet, gespeichert und als Matrix bereitgehalten wird. Häufig aber ist die Empfehlungssoftware, die nichts von Stil und Geschmack ahnen kann, mutiger als es jeder menschliche Händler wäre. Sie deckt auf, was wir nie wissen wollten: Dass Freunde der samtenen Greatest Hits von Sting von Zeit zu Zeit mit Eugen Drewermann in der Sofaecke versinken, um in "Das Eigentliche ist unsichtbar" die Geschichte des "Kleinen Prinzen" tiefenpsychologisch zu deuten.


Wobei Drewermann-Leser gleichermaßen auch potentielle Santana-Hörer sind, die dieser Tage vergleichsweise häufig zu Patricia Cornells Thriller "Brandherd" greifen, dessen Käufer wiederum James Pattersons "Sonne, Mord und Sterne" längst im Regal stehen haben. Direkt neben dem schwülwarmen "Lovers Rock" von Sade und Enyas Säusel-Pop auf "A Day Without Rain" übrigens.
Solches Wissen verwirrt nur noch. Wenn einer Joachim Witts "Bayreuth II" besitzt, ist er dann wirklich ein potenzieller Leser von Jens Oliver Haas' Büchlein "101 Gründe, ohne Frauen zu leben"? Muss, wer Rainald Goetz liest, zwingend den Schrägrock von Tocotronic ertragen können? Und warum sind die Anhänger von Horrorautor Dean Koontz auch Bewunderer von Fräulein-Wunder Britney Spears?


Psychologie muss versagen vor der Vielzahl der Wege, die im Datendickicht von Harry Bloch zu Udo Lindenberg, von Akardi Strugatzki zu "Best of Deep Purple" und Radioheads "Kid A" führen. Die ganze Welt ein Geflecht aus Referenzen. Kunstgeschmack ein Gebäck aus sich überlagernden Links. Der Speicher weiß alles und verrät doch nichts. Laut Amazon.de bevorzugen die Leserinnen des "Machiavelli für Frauen" nicht nur die kratzbürstige Ally McBeal. 


Sondern auch den Gleitcreme-Pop von Lionel Richie.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

So schön untergehen mit Emily St. John Mandel: In einer lichten Düsternis

In ihrem neuen Buch schaut die Kanadierin Emily St. John Mandel der Menschheit beim Untergehen zu.

Es ist alles vorbei, vorüber, überstanden irgendwie, als die Kamera auf Arthur Leander fährt, den großen, alten Mimen, der an einem kleinen Theater noch einmal den König Lear gibt. Leander, auf seine ganz eigene, eigentümliche Weise in den Beruf des Schauspielers und Illustriertenstars hineingescheitert, fühlt sich müde und unsagbar schlapp, schon als er vor seinem Auftritt ein Schwätzchen mit dem kleinen Mädchen macht, das im Stück mitspielt. Es ist der vierte Akt, als ihm die Worte ausgehen. König Lear schwankt und fällt. Er liegt, und sein Herz schlägt nicht mehr.

Was für eine Tragik, mit der die Kanadierin Emily St. John Mandel ihren vierten Roman beginnen lässt. Doch der Tod des gealterten Helden ist erst der Anfang eines Buches, das seinen wunderschönen deutschen Titel „Das Licht der letzten Tage“ zu Recht trägt. Mandel, vor 36 Jahren auf Denman Island vor der Küste British Columbias geboren und später zum Studium nach Toronto gezogen, lässt der privaten Katastrophe eine weltweite folgen. Die Georgische Grippe braucht nach Leanders abruptem Ableben nur wenige Wochen, um die gesamte Erde zu entvölkern.

Die Zeit danach, diese letzten Tage, in denen die letzten Überlebenden versuchen, ihre Menschlichkeit und Zivilisation nicht ganz aufzugeben, sind dann der eigentliche Schauplatz, auf dem die 402 Seiten spielen. 20 Jahre nach dem großen Sterben zieht Kirsten Raymonde mit der Fahrenden Symphonie, einer herumreisenden Schauspieltruppe, durch die postapokalyptische Landschaft an den großen Seen zwischen den USA und Kanada. Kirsten ist das erwachsen gewordene Mädchen, das Arthur Leander zuletzt an der Hand hielt. Sie hat in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nach dem Zusammenbruch sehr viel mehr sehr viel Schrecklicheres erlebt als den Herztod eines alten Schauspielers. Dennoch ist es wohl Leander gewesen, der sie veranlasst hat, in einer gewalttätigen, grausamen Welt Shakespeare spielen zu wollen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das gilt auch am Ende der Zeit. Mandel schafft es, ihr düsteres Szenario in lichte Farben zu kleiden. Wo die üblichen erfolgreichen Dystopien wie Justin Cronins „Übergang“-Trilogie oder Cormac McCarthys pulitzerpreisgekrönte Apokalypse „Die Straße“ mit Übersinnlichem und Ascheregen einen Schrecken heraufbeschwören, der schon von Weitem zu sehen ist, übt sich die studierte Tänzerin Mandel in Andeutungen all dessen, was nicht mehr ist, wie es einmal war.

Die Fahrende Symphonie ist ein Rest Früher in einem Heute, in dem sich die wenigen Überlebenden der großen Grippe allmählich mit dem Gedanken abfinden, dass es ein Zurück in die Zivilisation des Davor nicht geben wird. Die Menschen leben in Dörfern, sie leben unter der Fuchtel bösartiger Prediger, aber sie leben.

Aber „Überleben allein ist unzureichend“, hat sich die seelisch beschädigte bunte Künstlertruppe der Symphonie nicht umsonst als Motto gewählt. Es muss mehr sein, mehr auch in einer Welt, die so klein geworden ist, dass sich Figuren aus dem Früher erneut über den Weg laufen. Kirsten zum Beispiel trägt ein Comic-Heft mit sich, das Leanders Ex-Frau einst zeichnete. Und das sagenumwobene „Zivilisationsmuseum“ draußen auf dem Flughafen, nach dem alle suchen, leitet niemand anderer als Clark, ein alter Freund des toten Schauspielers.

Dumme Zufälle, nicht Teile eines großen Planes. Ohne den Lack der Langeweile, den nur eine fest in sich ruhende Zivilisation ohne akute Existenzängste bieten kann, erkennen sich die über drei Ecken miteinander bekannten Menschen meist nicht einmal.

Es ist egal, denn es gibt kein Ankommen wie es auch kein Ausharren gibt. Überleben ist eine einzige Wanderung, begleitet von Morden und Überfällen, Entführungen und verzweifelten Befreiungsaktionen.

Zum Glück für den Leser aber wimmelt es hier ausnahmsweise nicht von diesen ewigen Vampiren und Zombies, die vergleichbare Bücher besiedeln. Emily St. John Mandel lässt auf ihre Figuren reale Schrecken los, Alpträume, Erinnerungen, die Sehnsucht danach, dass doch alles wieder gut werden könnte. Es muss weitergehen, auch wenn niemand weiß, wohin. Es ist nicht zu Ende, ehe es nicht vorbei ist. Das Licht der letzten Tage leuchtet schwach, aber es leuchtet.

Die Seite der Autorin:
emilymandel.com


Montag, 7. Dezember 2015

Facebook löscht immer öfter

Das hat ja nicht lange gedauert vom Wunsch zur Wirklichkeit. In seinem neuen Bericht zu Regierungsanfragen berichtet das soziale Netzwerk Facebook, dass die Zahl der erfüllten Löschungswünsche aus Deutschland stark angestiegen ist. Insgesamt bekam die US-Firma im ersten Halbjahr 2 344 amtliche Aufforderungen aus Deutschland, die Daten von 2 716 Nutzern herauszugeben. In einem Drittel der Fälle kam Facebook den Auskunftsersuchen nach.

188 mal wurden daraufhin Inhalte gelöscht, die als "Hassbotschaften" gelten oder den Holocaust leugneten. Im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr ist das eine auffallende Steigerung: Damals hatte Facebook nur 34 Löschwünsche erfüllt.

Auch weltweit ist die Zahl der auf Anfrage von Behörden oder Nichtregierungsorganisationen gelöschten Inhalte um 112 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden 20 568 Einträge gelöscht. Die Zahl der Anfragen nach Nutzerdaten stieg auf 41 214.

Zuletzt hatte die EU sich durch ihr oberstes Gericht noch als sicherer Ort für daten aller Art inszenieren lassen.

Samstag, 5. Dezember 2015

Stanislaw Petrow: Der Retter der Welt

"Wir wurden auf Tempo trainiert", sagt der Mann, der die Welt vor dem atomaren Untergang rettete, "dass jemand nachdachte, war in diesem System nicht vorgesehen." Stanislaw Petrow, heute 75, war so gesehen ein Fehler im System, ein Mann am falschen Platz, ein Rädchen, das nicht funktionierte wie es funktionieren sollte. Petrow, das kaputte Teilchen, hat damit die ganze Welt vor einem atomaren Schlagabtausch bewahrt.

Es war der 26. September 1983, als der studierte Radioelektroniker Dienst als Chef in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung hatte. Oberstleutnant Petrow saß vor dem Vorwarnsystem, das sich melden sollte, wenn die USA versuchten, einen Erstschlag mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR auszuführen. Die programmierte Reaktion war klar: Noch ehe die US-Sprengköpfe einschlügen, sollte Petrow die eigenen Atomraketen der Sowjetunion starten.

Plötzlich heult schrill die Sirene auf. Signaltafeln informieren zudem, dass ein US-Raketenstart "höchste Glaubwürdigkeit" habe. Petrow mag das aus einem Gefühl heraus nicht glauben. Dreißig Minuten bleiben, bis das Geschoss einschlagen wird. Petrow denkt nach, unter Zeitdruck. Er glaubt nicht an den Angriff, für den alle Hinweise sprechen. Er meldet seinem Vorgesetzten: Fehlalarm.

Eine einsame Entscheidung, die den Erdball vor dem nuklearen Holocaust rettet, dem Retter aber Ärger einbringt. Weil seine Entscheidung richtig war, bleibt Petrow unbehelligt. Doch weil er während der Minuten, in denen er entschieden hatte, kein Protokoll führte, blieb eine Ordensverleihung aus. Obwohl sich später herausstellt, dass das Frühwarnsystem Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana für Raketenstarts gehalten hatte.

Ingeborg Jacobs, Stanislaw Petrow, Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte, Westend, 238 Seiten 19,99 Euro

Freitag, 4. Dezember 2015

Oper an der Straßenecke

Frank Chaim Mylius ist bekanntlich der Paul Potts von Halle. Nach Jahren, die der in Budapest ausgebildete Kantor Kneipengäste mit seinem Gesang beglückte, überrascht er nun hin und wieder auch Passanten nach Mitternacht mit ausgesuchten Opernmelodien. Auswärtige staunen da, "was bei Euch hier so los ist", wundern sie sich. Erfahrene Nachtschwärmer dagegen singen kurzentschlossen mit - Mylius selbst übergibt die Bluetoothbox dann einen zufällig in der Nähe stehenden Zuhörer und erläutert mit rudernden Armen, wie die richtige Atemtechnik für "Nights in white satin" funktioniert.


Sonntag, 29. November 2015

Nachruf auf Steffen Drenkelfuß: Das Schicksal, dieser miese Verräter


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann



Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.


Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen  auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

Steffen Drenkelfuß bei Facebook

Montag, 23. November 2015

Im digitalen Loch

Bei der Auswertung der Vorschläge für eine "digitale Agenda" für Sachsen-Anhalt hatte ich das Land als einziges bundesweit beschrieben, das im Breitband-Atlas "bei schnellen Anschlüssen flächendeckend nicht über Versorgungsquoten von 50 Prozent hinauskommt".

Die Karte oben illustriert, was gemeint war. Ein großes, graues digitales Loch.

Datensicherheit: Ungeschützt auf offener See

Auch wenn die Politik nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes den Eindruck zu erwecken versucht: Nutzerdaten sind auch in Europa keineswegs vor Zugriffen sicher.


Heiko Maas freute sich demonstrativ. „Das Urteil ist ein starkes Signal für den Grundrechtsschutz in Europa“, sagte der Justizminister direkt nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, der die bisher geltenden Regeln zum Schutz der Daten europäischer Bürger auf Speicherservern in den USA verworfen hatte. Zu unsicher seien die Daten dort, zu leicht könnten Geheimdienste und Regierungsbehörden Zugriff auf Inhalte nehmen, die der Privatsphäre der Nutzer von Diensten wie Facebook, Google oder Twitter zuzuordnen sind. Für Heiko Maas müssen diese Daten einem „fundamentalen“ Schutz unterliegen. „Die Daten europäischer Verbraucher müssten auch in den USA effektiv geschützt werden“, forderte der Minister mit deutlicher Betonung auf dem „auch“.

Datenspeicher an der Hintertür

Das allerdings existiert nur in der Fantasie des SPD-Politikers, der gerade dabei ist, die vom Bundesverfassungsgericht als grundgesetzwidrig verworfene Vorratsdatenspeicherung wieder einzuführen. Nach den bisher vorliegenden Entwürfen ist dabei geplant, dass Ermittler und andere „auf die Gefahrenabwehr spezialisierte Behörden“ - womit wohl Geheimdienste gemeint sind - Verbindungs- und Standortdaten nicht nur abrufen dürfen, wenn sie Terrorismus oder schwere Straftaten verfolgen wollen. Sondern bereits dann, wenn der Verdacht besteht, dass Straftaten „mittels Telekommunikation begangen“ worden sein könnten.

Das ist keine Tür zur Vollüberwachung, sondern ein Scheunentor, das es künftig nahezu unbegrenzt erlauben würde, auf gespeicherte Kommunikationsdaten zuzugreifen. Telekommunikationsfirmen sollen Verbindungsdaten zehn und Standortdaten vier Wochen aufbewahren, bei Mobiltelefonen werden auch alle Angaben gespeichert, „aus denen sich die geografische Lage und die Hauptstrahlrichtungen der die jeweilige Funkzelle versorgenden Funkantennen ergeben“. Rückwirkend lässt sich so feststellen, wer wann wo gewesen ist und mit wem er gesprochen hat - selbst die EU-Kommission meldete dagegen Bedenken an.

Denn schon ohne behördliche Speicherpflicht ist Deutschland nicht eben ein Musterland des Datenschutzes, wie die Transparenzberichte der drei großen Internetfirmen Google, Facebook und Twitter zeigen. Mit 3 114 Anfragen nach Nutzerdaten, die deutsche Behörden in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres an Google stellten, rangiert Deutschland in absoluten Zahlen auf Rang 3 weltweit. Davor liegen nur noch die USA und Großbritannien. Wobei die USA viermal so viele Einwohner zählen. Prozentual gesehen gibt es damit ein Fünftel mehr Anfragen aus Deutschland als aus den USA. Weltweit sind nur die britischen Behörden noch datengieriger.

Die Zahlen bei Facebook sehen nicht viel anders aus: 2 132 Mal wollten Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte zwischen Juli und Dezember 2014 Auskunft über deutsche Facebook-Benutzer haben. Zum Vergleich: Aus den Niederlanden kamen 84 Anfragen, aus Dänemark 33, aus Norwegen 22 und aus Island ganze zwei.

Selbst beim weniger weit verbreiteten Kurznachrichtendienst Twitter forschen deutsche Regierungsstellen emsiger als in den meisten Nachbarländern nach Nutzerdaten. Während Irland, die Schweiz, Dänemark oder Schweden höchstens ein-, zweimal im Jahr nähere Angaben zu Urhebern von bestimmten Tweets zu erfahren wünschen, stieg die Zahl der aus Deutschland abgefragten Nutzerkonten seit 2012 von einem auf immerhin 34 im halben Jahr. Dabei geht es meist nicht um gerichtlich geprüfte und von einem Richter erlassene Verfügungen, Nutzerdaten herauszugeben. Sondern um Anforderungen von Ermittlungsbeamten, die allenfalls von Staatsanwälten bestätigt wurden.

Getarnte Wahrheiten

Zugriffe von Geheimdiensten sind in den Transparenzberichten der Internetriesen nur verklausuliert dargestellt, bei Facebook etwa als „Nationale Sicherheitsschreiben“, die nur „in Bandbreiten bis 1 000“ angegeben werden dürfen.

Diese Höchstzahl wird jeweils ausgeschöpft, und darin nicht enthalten sind die im Rahmen der vom Whistleblower Edward Snowden enthüllten Spionage-Programme XKeyscore, Prism und Eikonal direkt an den Glasfaserkabeln der großen Netzknoten abgeschöpften Datenmengen.

Auf die hatte sich der Europäische Gerichtshof in seinem Urteil gegen das „Safe Harbor“-Abkommen zwischen EU und Vereinigten Staaten bezogen. Weil die US-Internetfirmen zwar versprächen, die Daten europäischer Nutzer zu sichern, die US-Regierung jedoch bei Bedarf nur die nationale Sicherheit als Begründung nennen müsse, um diese Zusicherung auszuhebeln, seien Server in den USA eben kein sicherer Hafen, hieß es.

Sicherer aber sind Daten auch in Deutschland und dem Rest Europas nicht, das haben die Snowden-Dokumente über die Kooperation des deutschen BND und des britischen Government Communications Headquarters (GCHQ) mit der NSA gezeigt. Aus streng geheimen Dokumenten ging beispielsweise hervor, dass das Innenministerium die NSA um Hilfe bei der Überwachung des Internet-Telefondienstes Skype bat. Später fragten deutsche Stellen die US-Partner, ob sie Informationen, die geheimdienstlichen Absaugaktionen der NSA entstammten, als Beweis in Gerichtsverfahren verwenden dürften.

Durften sie nicht, denn das Ausmaß der Ausspähung sollte natürlich verborgen bleiben. Demselben Zweck dient jetzt der Beifall für das Urteil des EuGH: Je lauter er dröhnt, umso weniger sind die Stimmen vernehmbar, die Zweifel an der Sicherheit des Datenschutzes in der EU anmelden.

Montag, 16. November 2015

Rockhaus: Alte Lieder, große Gefühle


So kommt das, wenn man mal einen Moment weg war. "Es gibt nicht mehr so viele Klubs hier in Leipzig", sagt Mike Kilian, Sänger der Band Rockhaus, "und die, die es gibt, fragen dann auch noch ,Wer seid ihr?'"

Das ist, 25 Jahre nach dem letzten Nummer-Eins-Hit und im Jahre sechs des Neustarts nach einer fast 15 Jahre währenden Pause, nicht so verwunderlich. Und auch nicht so schlimm, denn mit der traditionsreichen Moritzbastei haben die fünf Berliner für ihre laufende Tour zum neuen Album "Therapie" ja doch eine geradezu ideale Konzerthalle gefunden.


Prallvoll ist der Saal wie kürzlich schon in Halle und in Döbeln. Und Rockhaus, in der ewigen DDR-Hitparade für alle Zeiten auf Platz 2 direkt hinter den Puhdys, belassen es nicht dabei, alte Kracher wie "Bleib cool" zu spielen. Der Schwerpunkt liegt erstmal auf neuen Stücken wie "Gegenverkehr", die spielt das Quintett viel muskulöser und kantiger als auf dem Album.

Mittelpunkt der Show ist wie stets Sänger Mike Kilian, der mit seiner Dreieinhalb-Oktaven-Stimme alle Nuancen zwischen samtigem Kuscheldeckensound und straff gespannter Klavierseite abdeckt. Mal ist er Freddie Mercury, dann kurz mal Michael Jackson, mal haucht er zart, dann schreit er, dass die Gewölbewände wackeln.

Das Programm reicht von den aktuellen, eher privaten Songs bis zu politischen Stücken wie "Wir" vom Vorgängeralbum "Treibstoff" und geht dann immer weiter in der Zeit zurück. Reinhardt Repke am Bass, Reinhard Petereit (git), Heinz Haberstroh (dr) und Keyboarder Carsten Mohren spielen jetzt "Mich zu lieben" und "Träume", das Lied von den verlorenen Illusionen, die düstere Ballade "Gefühle" und begleitet von einem euphorischen Chor das nagelneue "Kaleidoskop", das sofort auf Augenhöhe mit den alten Hymnen ist.


Nach zwei Stunden krönt das Finale dann natürlich der größte Rockhaus-Hit "I.L.D.", diesmal mit einem Keyboardsolo im Hammondstil. Falls jemand fragt: Rockhaus, das sind die, die auch wie Dylan klingen können.


Samstag, 14. November 2015

Apparat: Elektroden in Ekstase

Ein Boxset zeigt Sachsen-Anhalts unbekannten Star Sascha Ring, der aus Quedlingburg stammt, sich Apparat nennt und derzeit der erfolgreichste Künstler des Landes ist.

Weit weg von normaler Diskomusik, ja, von Musik überhaupt ist das, was Sascha Ring als junger Mann gemacht hat. Knapp über 20 war der gebürtige Quedlinburger, als er unter dem Namen Apparat sein Debütalbum „Multifunktionsebene“ einspielte, eine Sammlung introvertierter Geräuschkollagen, die ohne Gesang und Melodie auskommen.

Es scheppert hier zärtlich, es knirscht, rauscht und Töne wallen vorüber, die Lieder heißen „Nato“ und „Fuckedup“ und sie lassen kaum erahnen, dass hier ein kommender Superstar der elektronischen Musik seine ersten, vorsichtig tastenden Schritte geht.

In einem Boxset gebündelt mit der EP „Tttrial and Eror“ und dem zweiten Album „Duplex“ hat das Berliner Label Shitkatapult die frühen Werke des heutigen Dance-Gurus, der auch mit dem DJ-Duo Modeselektor zusammen als Band Moderat Hitparadenerfolge sogar in Großbritannien feierte.
Hier aber ist noch der pure Apparat zu hören, ein Frickler und Soundbastler, der nach einer ganz eigenen Methode Musik macht. Apparat lässt selbstprogrammierte Algorithmen Tonsignale per Zufallsgenerator verändern, daraus entsteht eine Art dahinfließender Soundstrom, der an La Düsseldorf und Roedelius erinnert.

Sascha Ring, der mittlerweile ein großes Stück Richtung Mitte der Popwelt gerückt ist, nennt diese Arbeitsweise „de-beautified“, also „entschönern“. Doch das Ergebnis ist keineswegs unschön. Zwar fehlen vor allem am Anfang, bei den ganz frühen Soundbasteleien, die heute so prägnanten Beats ebenso wie die echten Instrumente, mit denen Sascha Ring etwa bei den MTV-Live-Sessions auftrat - als erster Künstler aus Sachsen-Anhalt.

Doch der repetitive Grundton ist bereits zu hören, auch die Einbeziehung von nicht-elektronischen Klangerzeugern nimmt spätestens mit dem rhythmisch orientierten Album „Duplex“ zu. Dass Ring als „Apparat“ eine ideale Besetzung für die Herstellung von Film- und Theatermusiken wäre, ist hier schon zu hören.

 Als würde er unsichtbare Landschaftsaufnahmen untermalen, kombiniert der Musikapparat aus dem Harz Geräusche aller Art mit überwiegend elektronisch erzeugter Musik. Es gibt gelegentlich Gesang wie in „Wooden“ und hin und wieder scheinen die Soundschichten auch komplett jeden Zusammenhalt zu verlieren wie etwa im fast fünfminütigen „Schallstrom“, das den Eindruck macht, als sei es eigentlich aus vier verschiedenen Kompositionen zusammengesetzt.

130 Minuten Musik enthält die Box insgesamt, der größte Teil davon ist mehr Ambient als Techno, mehr Traum- als Tanzmusik. Wo Apparat später gediegene Unterhaltungsmusik für Erwachsene gemacht hat und es mit Moderat sogar schaffte, aus den gemeinsamen Techno-Wurzeln verstörend eingängige Pop-Songs zu züchten, sind die 29 Kompositionen hier noch Rohstoff, Ideenhalde und ungeordnetes Klangchaos. Den anderen Apparat, den Apparat von Schönklang und Harmonie, gibt es derzeit auf Live-Tournee.

Termine hier:
www.apparat.net

Dienstag, 10. November 2015

Smartphones - digitale Tagediebe

Smartphones - die kleinen Alleskönner ändern den Alltag, sie ändern die Gesellschaft - vor allem aber scheinen sie inzwischen jeden einzelnen Menschen zu ändern.

Was für eine Frage! Lieber das Handy mit in den Urlaub nehmen oder eine Zahnbürste? Die Antwort ist doch klar, zumindest für eine Mehrheit der zwischen 18- und 45-jährigen Deutschen: Natürlich bleibt die Zahnbürste zu Hause, wie eine aktuelle Studie des Reiseportals Expedia ergab. Logisch, denn ohne Handy geht diese Generation nicht mal mehr zum Bäcker um die Ecke. Geschweige denn auf zwei Wochen Strandurlaub auf Mallorca.

Nicht einmal acht Jahre nach dem historischen Abend, an dem Apple-Chef Steve Jobs das erst iPhone vorstellte, haben die Mobiltelefone mit den Touchscreens den Alltag, die Gesellschaft, vor allem aber jeden einzelnen ihrer Nutzer verändert. Neue Krankheiten wie Whatsappitis und das Phubbing genannte Dauerstarren auf den kleinen Bildschirm in der Hand machen sich breit. Menschen laufen blind durch Städte, weil sie eine Navi-App beobachten. In Kneipen wird gewischt und gelesen, gepostet und geknipst statt zu diskutieren und zu argumentieren.
Alexander Markowetz von der Uni Bonn hat jetzt untersucht, was Smartphones mit Menschen machen - nämlich ganz knapp und grausam gesagt "abhängig, unproduktiv und unglücklich".

Markowetz, Juniorprofessor für Informatik, weiß, wovon er spricht. Der Forscher hat - ironischerweise mit Hilfe einer App die von Informatikern und Psychologen der Universität Bonn zu Forschungszwecken entwickelt worden war - die Handy-Nutzung von 60 000 Personen ausgewertet, die freiwillig über die App "Menthal" Daten an ihn zu liefern bereit waren. Das Ergebnis der Massensammlung ist erschreckend. Im Durchschnitt aktivierten die Besitzer 53 Mal am Tag ihr Handy. Sie unterbrechen damit alle 18 Minuten ihre jeweilige Tätigkeit, mit der sie gerade beschäftigt sind ein Reflex, dem viele schon unterbewusst nachgehen.

"Smartphone-Apps funktionieren wie Glücksspielautomaten", glaubt Markowetz, "wir betätigen sie immer wieder, um uns einen kleinen Kick zu holen". Das Verhalten sei kein exklusiver Tick der Jugend, es ziehe sich vielmehr durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. "Wir erleben die Entstehung des Homo Digitalis, der einen Großteil seiner Tätigkeiten mittels digitaler Medien abwickelt", sagt Markowetz, der die Entwicklung inzwischen schon bedenklich findet. "Ein Großteil der Zeit verbringen die Menschen mit Social-Media-Anwendungen wie Facebook, WhatsApp und Spielen."

Die digitale Realität verdrängt die Wirklichkeit, was weiter weg passiert, ist im Zweifelsfall wichtiger als das, was unmittelbar erlebt wird. Das Wort Echtzeit bekommt eine neue Bedeutung, seit dank Internet-Flatrate jede Information jederzeit sofort abrufbar ist. Kein Grund mehr für Diskussionen, Wikipedia liefert umgehend Fakten.

Für dramatisch hält Alexander Markowetz dabei besonders die ständigen Unterbrechungen. "Sie erlaubten es nie, sich einer Tätigkeit vollauf zu widmen", urteilt er. Die Folgen seien Unproduktivität und mangelndes Glücksempfinden, weil irgendwo immer das Gefühl herrsche, etwas zu verpassen.

Mittwoch, 4. November 2015

Magix Video deluxe 2016: Fern­seh­stu­dio fürs Wohn­zim­mer


Video deluxe 2016 ist das bislang ausgefeilteste Programm der deutschen Firma Magix - aber es fordert den Rechner mehr als seine Vorgänger.

Ruckelt er zu stark, ist dein Rechner zu schwach, so sieht es aus bei Video deluxe 2016, der neuesten Programmvariante des gleichnamigen Filmstudioklassikers der Berliner Softwareschmiede Magix. Seit 2001 hat sich das Schnitt- und Bearbeitungsprogramm zum meistverkauften zumindest in Europa gemausert - und die inzwischen 22. Version des kompletten Fernsehstudios fürs Wohnzimmer tritt an, diese Führungsposition zu verteidigen.

Magix hat die bewährte Software dazu ein weiteres Mal aufgebohrt und neue Funktionen implementiert, um auf der Verarbeitungsseite mit den immer höheren Anforderungen immer hochauflösender Kameras mitzuhalten. Deshalb auch das Ruckeln und das Auseinanderfallen der Synchronität von Bild und Ton bei Anwendern, deren PC die Minimalvoraussetzungen von Vierkernprozessor mit 2,8 GHz und 2 GB Arbeitsspeicher nicht erfüllt.

Alle anderen aber haben mit Video deluxe 2016 ein mächtiges Werkzeug in der Hand, fast schon professionell Filme schneiden zu können. Dazu wird das Rohmaterial - erstmals erlaubt Magix auch 4K-Filme - einfach aus dem eingeblendeten Verzeichnis auf die Arbeitsoberfläche gezogen, die sich nicht allzusehr verändert hat. Einziger wirklich sichtbarer Unterschied leider: Die Tonspur wird nicht mehr wie bisher komplett angezeigt, sondern nur noch in einer Art Sparvariante, in der sie kaum zu erkennen ist. Klarer Rückschritt, der sich auch in den Standardeinstellungen nicht dauerhaft beheben lässt.

Alles andere aber ist gut überlegt und intuitiv auch von Neulingen zu bedienen. Deluxe 2016 akzeptiert das Einfügen von Material aller gängigen Video- und Bildformate, an Bord ist die Videostabilisationssoftware Mercalli V4 (in der Premium-Variante), dazu gibt es eine umfangreiche Bibliothek mit lizenzfreier Musik, die es erlaubt, eigene Videos etwa zu Youtube zu laden, ohne dort eine Sperrung wegen Urheberrechtsverletzungen zu riskieren.

Alle Elemente von Vorschaubildschirm bis Bearbeitungsspuren lassen sich verschieben, vergrößern oder ausblenden, fertige Vorlagen für Übergänge, Schnitte und sogar ganze Filme ersparen das mühsame Herumfummeln per Hand. Auch die Unterlegung von Bildern mit Musik im Takt lässt sich jetzt automatisieren: Der integrierten Takterkennungsassistent analysiert die untergelegte Musik und schneidet Videosequenzen ins selbe Tempo. Ist das eigene Filmprojekt dann fertig stabilisiert, zusammengeschnitten und auf Takt mit Musik unterlegt, lässt es sich im Format der eigenen Wahl exportieren.

Direkt zum Programm:
www.magix.com

Dienstag, 3. November 2015

Steil nach oben zum Olymp


Die Besteigung des geheimnisvollen Olymp ist erst lockere Wanderung und wird dann zu einem echten Kletterabenteuer: Fast senkrecht geht es hinauf zum Thron der Götter.

Leicht vorstellbar, warum Göttervater Zeus sich ausgerechnet dieses Bergmassiv als Wohnsitz ausgesucht hat. Nicht so besonders hoch, nicht so besonders kalt und auch nicht so weit weg vom Strand des strahlend blauen Mittelmeers. Und doch weit oben, fast ständig umweht von undurchdringlichen Wolkenfahnen. Der Olymp, der eigentlich kein Berg ist, sondern ein ganzes Gebirge, versteckt seine Gipfel Mytikas (2 918 Meter), Skolio (2 911 m), Stefani (2 909 und Skala (2 866 m) vor den Augen der Menschen.

Die aber nun genau das erst recht neugierig macht. Wie einst der Held Odysseus, der sich am Mast festbinden ließ, um die Sirenen selbst zu hören, kommen Trekker und Wanderer heute zu Hunderten, um hinaufzusteigen zum Thron des höchsten Griechengottes, in dessen Nähe auch Poseidon, Hera, Apollon, Athene und etliche andere Götter wohnen sollen.

Es ist eine Wanderung, die mit Anlauf quer durch die Geschichte führt, bevor sie schweißüberströmt in abgelegene Bergregionen steigt, in denen einzigartige Orchideenarten, Panzerkiefern und Hornkräuter wachsen, wie Reiseleiter Archelaos Biehler beschreibt. Und die danach mit einem gemütlichen Spaziergang entlang der aufgegebenen alten Bahnlinie der griechischen Staatsbahn OSE zwischen Thessaloniki und Athen endet. Zehn Meter neben dem zugewucherten Gleis schlagen die Wellen an einen einsamen Strand.

Griechenland ist im Jahr fünf der großen Krise ganz anders als erwartet. Thessaloniki, Ausgangspunkt für alle Wandertouren zum Olymp, ist eine Stadt, die vor Leben vibriert. Kneipen und Bars sind voll, elektronische Musik donnert nächtelang durch eine Innenstadt, die kein Atemholen kennt. Tausende junger Leute schieben sich von Theke zu Theke, es spielen Bands, es locken Ausstellungen und Festivals. 80 000 bis 100 000 Studenten leben hier in einem Ballungsraum, den rund eine Million Menschen bevölkert. "Es gibt niemanden unter 30, der nicht Riesenschulden schleppt", sagt Archelaos Biehler, der Physik studiert und seit drei Jahren für den deutschen Reiseveranstalter Hauser arbeitet. Aber, sagen sie hier, man könne sich ja deswegen nicht das Leben nehmen.

Es muss weitergehen und es geht ja auch immer weiter, trotz Sparpaket und Wahlen und Protesten. Die Griechen, die sich hier oben im Norden des Landes als Erben des großen Makedoniers Alexander des Großen sehen, sind stolz auf ihren neuen und alten Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Der habe Europa die Faust gezeigt, auch wenn er sie anschließend doch wieder zum Handschlag ausstrecken musste, beschreibt ein Mann in einem Café in Thessaloniki die Lage aus seiner Sicht. Das sei immerhin gut gewesen für die Würde der Griechen, die vorher "komplett kaputt" gewesen sei. "Der Sommer war hart und die Saison ganz kurz und schlecht", erzählt der Wirt der Cafeteria Caravel im Hafenstädtchen Glifa, "erst die Finanzkrise, dann die Flüchtlinge". Aber jetzt werde bestimmt bald alles besser.

Oben in den Meteora-Klöstern, im Pindos-Gebirge in der Nähe der Stadt Kalambaka, wird schon wieder gebaut, mit EU-Mitteln, wenn auch nicht zur Freude von Klosterexpertin Penoglou Pinelopi, die entschuldigend mit den Achseln zuckt. Ein ganzes Stück Berg haben sie abgetragen am Kloster Metamórphosis, einer vor Jahrhunderten von Mönchen atemberaubend auf eine 600 Meter hohe Felsspitze gesetzten Burg, trotz Unesco-Welterbestatus. "Sie wollen das Klostermuseum vergrößern", erklärt Pinelopi. Das ist allerdings auch bitter nötig, denn auf den Straßen zu den sechs noch bewohnten und besichtigungsbereiten von insgesamt 24 großen und kleinen christlichen Krähennestern stauen sich Touristenbusse vor allem aus den orthodoxen Bruderländern Serbien und Russland.

Wie still ist es dagegen im Enipeas-Canyon, der direkt in den Olympus-Nationalpark führt. Hinter dem Örtchen Litochoro öffnet sich das Bergmassiv zu einer langen Schlucht, die neben einem malerischen Flusslauf gemächlich ansteigt. Vier Stunden dauert die Wanderung durch den Canyon, in dem der mythische Sänger Orpheus einst von rasenden Frauen zerrissen worden sein soll. Mittendrin beginnt es aus Kannen zu gießen. Griechenland im Spätsommer, auch das anders als gedacht.

Das im II. Weltkrieg von deutschen Truppen zerstörte Kloster Agios Dionysios ist heute unerreichbar. Dafür klart es in den Tagen darauf wieder auf. Vom Parkplatz in Prionia auf 1 100 Metern Höhe geht es nun zur Spilios-Agapitos-Hütte, von der aus früh am Morgen der Gipfelsturm beginnt.

800 Höhenmeter durch spärlicher werdende Vegetation. Geröll liegt auf blankem Fels. Der Weg ist schmal und ein streunender Hund schließt sich der Wandergruppe schwanzwedelnd an. Es geht aufwärts, an Steinpyramiden vorbei über abfallende Hänge. Hinter einer Biegung dann die Himmelsleiter, ein Felseinschnitt, der fast senkrecht hinaufführt zu Zeus' Thron. Ohne den bergkundigen Archelaos Biehler wäre die Gruppe vermutlich vorbeigestiefelt. So aber geht es angeseilt und mit Berghelm steil nach oben, auf Händen und Knien, durch Wolkenfetzen in den blauen Himmel hinein. Nur einen Moment bleibt auf dem Gipfel Zeit, den Schweiß abzuwischen und ein Foto zu machen. Dann möchte der Göttervater wieder seine Ruhe haben.

Weitere Informationen:
www.hauser-exkursionen.de
www.griechenland-wanderungen.de


Mittwoch, 28. Oktober 2015

Korrektur: Lincoln oder Washington, Hauptsache ich

"Washington in Washington. Und ich", schreibt Renate Künast unter ein Foto, das die Bundestagsvizepräsidentin vorm Denkmal von Abraham Lincoln zeigt. Und wo ist dieser Washington?

Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien, Lincoln oder Washington, Hauptsache Künast.

Montag, 26. Oktober 2015

Neubau in China: Eine Chance für Magdeburg

In China wird ein Stückchen Hannover nachgebaut, weil es so schön ist. Andere Städte könnten nachziehen - darunter auch die Hauptstadt Sachsen-Anhalts.

Dass Chinesen süße Bratwurst essen, Fisch am Tisch kochen und bei Sonnenschein am liebsten mit Schirm und Handschuhen aus dem Haus gehen, kann man seltsam finden. Doch was die Stadtväter der Sechs-Millionen-Metropole Changde jetzt ausbaldowert haben, mutet denn doch ein wenig bizarr an: Um ausländische Investoren und Touristen anzulocken, wie es offiziell heißt, soll auf zwei Hektar Fläche direkt am Yuanjiang-River die Innenstadt von Hannover nachgebaut werden.

Ja, Hannover. Geplant sind eine Fußgängerzone, die „Hannoversche Straße“ heißen wird, dazu ein „Leibniz-Platz“ und ein „Bahlsen-Platz“, wie Bauleiter Chiyang Peng über das 370-Millionen-Euro-Projekt verriet. Gebaut wird aus Fertigteilen, aber mit spitzen Giebeln, bunten Fassaden und engen Gassen. Einziehen soll später ein Mix aus feinen Hotels, Edel-Boutiquen, Modehäusern und Genießerlokalen. Ein Hannover eben, wie es noch niemand kennt, weil jeder bei dem Namen natürlich nur die triste Schnellbaustadt an der Leine vor Augen hat.

Die chinesische Idee eines verbesserten, ja, schönen Hannovers im Reich der Mitte hat aber gerade deshalb Potenzial für unsere Region. Auch Magdeburg, städtebaulich mit demselben Schicksal unsichtbarer Schönheit geschlagen wie die niedersächsische Landeshauptstadt, hat eine Partnerstadt in China. Idee aus Halle: Dort, in Harbin, könnte demnächst ein neues, hübsches Magdeburg entstehen!

Dienstag, 20. Oktober 2015

Ronald M. Schernikau: Deutsch­land in der Brat­pfanne

Vor 24 Jahren starb der Literatur-Exot Ronald M. Schernikau - nicht ohne zuvor sein großes, rätselhaftes Büchersammelwerk "legende" fertiggestellt zu haben.

Ganz am Ende tritt er dem Leser selbst entgegen. Ronald M. Schernikau, hasenzahnig lächelnd, die Brille im Gesicht groß wie eine Schaufensterscheibe, mit schulterlangem Hippie-Haar und einem Seidentuch um den Hals. Schernikau sieht harmlos aus - doch wer es bis hierher geschafft hat, auf Seite 836 seines Monumentalwerkes "legende", der weiß: Der Kerl ist alles, nur nicht das.

Allein die Geschichte des Buches spricht Bände. 1983, zwei Jahre nach seinem ersten kleineren literarischen Erfolg mit der Coming-Out-Geschichte "Kleinstadtnovelle", begann der damals 23-Jährige mit der Arbeit an seinem Hauptwerk. Fertig gestellt hat er es im Jahre 1991, gerade eben noch rechtzeitig vor seinem frühen Tod. Erschienen ist es erst jetzt, denn lange fand sich kein Verlag, der das überaus anspruchsvolle Buchbrikett veröffentlichen wollte.

Selber schuld, Schernikau. Hartnäckig hatte sich der gebürtige Magdeburger zum Sonderling des deutschen Literaturbetriebes stilisiert: Nachdem seine Eltern 1966 nach Lehrte bei Hannover umgezogen waren, trauert das "Kind, das lieber lacht als Spaß hat" (Sch. über Sch.) der verlorenen Heimat DDR nach. Ohne nachzulassen tut er das und schafft es schließlich wirklich, 1986 die Zulassung für ein Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig zu bekommen.

Seinen Kommilitonen muss Schernikau vorgekommen sein wie ein Wesen von einem anderen Stern: Ein Wessi, der für den Kommunismus glüht, ein Wohlstandsbürger, der die Mangelwirtschaft als Erlösung vom Konsumterror feiert. Am ersten September 1989 ist Schernikau am Ziel seiner Wünsche, als die untergehende DDR seinem Antrag auf Erteilung der Staatsbürgerschaft zustimmt.

Ein komischer Kauz, unbrauchbar für jede moderne Vermarktung. Acht Jahre immerhin benötigte Thomas Keck, Schernikaus Lebensgefährte und Erbe, um aus dem Buchprojekt ein Buch zu machen. Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Matthias Frings und Peter Hacks, die für 135 Mark jeweils ein Exemplar der Erstausgabe vorbestellten, konnte der kleine Dresdner Goldenbogen-Verlag die Finanzierung der regulären Auflage absichern, die für 65 Mark in den Handel kommt. Dafür wird allerdings eine Menge geboten. "Sie müssen bedenken", entschuldigt der eigensinnige Poet eingangs seine nachfolgende Jagd durch Zeiten, Stile und Zitate, "dass ich gezwungen war, mein Spätwerk schon in meinen Dreißigern zu schreiben." Schernikau, bekennender Schwuler, war an Aids erkrankt und wusste recht zuverlässig, dass er nach "legende" nichts weiter mehr würde schreiben können.

Folglich hat er alles zwischen diese beiden schwarzen Leinenrücken gepresst: Neun Bücher, aufgeteilt in durchnumerierte Kapitel mit Namen wie "Beruf Eros Ramazotti", "Hüter der Kugelvase" oder "Der Neffe von Ulla", allesamt von wunderlicher Gestalt und rätselhaftem Inhalt. Deutlich wird nur wenig. Etwa, dass im Zentrum der Schernikauschen Legende eine Stadt steht wie das einstige Westberlin, in dem der Dichter lange lebte. "wie das eigelb im spiegelei liegt die insel mitten im land. wie das spiegelei in der bratpfanne liegt das land in der welt", beschreibt er, praktisch und pathetisch zugleich, die Insel, die den Schauplatz abgibt für eine Handlung, die irgendwo zwischen Arno Schmidts "Kaff auch Mare Crisium" und "Ulysses" von James Joyce spielt.

Bei Ronald M. Schernikau treten eingangs vier Götter auf, die fifi, kafau, stino und tete heißen und beauftragt sind, des Schokoladenfabrikanten anton tattergreis' Nachfolger janfilip geldsack zu retten. Der ist angesichts seiner Allmacht traurig, weswegen er über die Heirat mit einer Kommunistin nachdenkt, um sich selbst auszulöschen. "Ich soll mich nicht mehr geben. es soll keinen mehr geben wie mich, niemals mehr."

Das lässt erahnen: Typografisch von Schernikau selbst sehr geschmackvoll gestaltet, ist "legende" nicht unbedingt eine unbeschwerte Strandlektüre. Hier ist Mitarbeit unabdingbar, gelegentliches Blättern Grundvoraussetzung zum Verständnis, das dennoch eingeschränkt bleibt. "legende" ist enigmatisch, Literatur in einem unbekannten Code. Unentwegt springt das Buch durch verschiedene Perspektiven, trotzig umkreist Schernikau seine Themen, sich näher und näher schiebend, um plötzlich unvermittelt abseits weiter zu plaudern.

Im richtigen Leben soll er schüchtern gewesen, aber hin und wieder trotzdem ein offenes Wort gewagt haben. Zur falschen Zeit an der falschen Stelle meist - etwa in der Endphase des Untergangs der DDR, als er seine ostdeutschen Schriftsteller-Kollegen in flammenden Worten vor dem "Maß an Unterwerfung" warnte, das "der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt".

Ausgelacht ist er worden, aufgegeben hat er nicht. Hier kommt dieselbe Botschaft, vielfach verpackt in Szenen, Verse, Miniaturen. Ein Buch wie ein Steinbruch, der rote Faden sorgfältig versteckt unter Geröll und Versschutt. Schernikau erzählt von seinem eigenen Tod, von der Weltrevolution, vom Haareschneiden und vom Ficken in der Parktoilette. Mal wird es beim Er-zählen ein Gedicht, mal etwas wie ein Essay, dann wieder ein dahinwabernder Monolog: "ich möchte ich möchte ich möchte paar locken Dich ein känguruh möcht ich weil ich hab' Dich lieb ja du da Dich".

Ja, Sprachkraft hat Schernikau und Frechheit, doch sein Ehrgeiz, die letzten Dinge zu sagen und sein Hang, ein Monument zu bauen und allen Lächlern und Zweiflern von ganz oben aus dem Wolkenkuckucksheim die Zähne zu zeigen, stehen dem Lektüre-Genuss entgegen. Brüche und Rückblenden zerren die an die Bibel erinnernde "legende" durch den Zerhacker, immer wieder geht die Formulierungsfreude dem Autor durch, bis kein Wort mehr etwas bedeutet.

Was dem Poeten selbst nicht entgangen ist. "schon an dieser stelle die erste rückblende, um den leser auf die übergroße komplitesse des erzählwerks vorsichtig vorzubereiten", schreibt er irgendwo zwischendurch, wo vermutlich schon kein Leser mehr hinkommen wird. Wie Sysiphus hat Schernikau an diesem Monstrum von einem Buch gearbeitet, größenwahnsinnig, selbstverliebt und brillant, besessen von der Aufgabe, mit Worten die Welt zu verändern. "Der Kommunismus wird siegen werden", heißt es zum bitteren Finale. Die Insel wird anschließend offiziell zum Friedhof erklärt und aus der Luft geweiht. 


Kein Schlussakkord, ein Fadeout.

Und heute ein Triumph: Bei Amazon ist die "legende" derzeit zwar zu bekommen. Für 280 Euro.

Ronald M. Schernikau: "legende", verlag ddp goldenbogen, Dresden 1999, 845 Seiten, ursprünglich 32,50 Euro

David Gilmour: Gitarrist auf Freiflug

Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour träumt auf seinem Solo-Album „Rattle that lock“. Und er klingt dabei, als sei er ganz allein Pink Floyd.

Es war natürlich eine freiwillige Gefangenschaft, die im vergangenen Jahr endete, als mit David Gilmour und Nick Mason die beiden verbliebenen Mitglieder von Pink Floyd bekanntgaben, nach dem Album „The Endless River“ keine weiteren Floyd-Platten mehr veröffentlichen zu wollen. Immer der Erwartungsdruck, immer die Sehnsucht der Fans, noch einmal ein „Wish you were here“ oder "Dark side of the moon" geliefert zu bekommen. Da muss das Ende irgendwie auch befreiend wirken.

David Gilmour, der seit dem Ausstieg von Roger Waters Mitte der 80er zum musikalischen Chef der Supergruppe aufgerückt war, feiert das am liebsten, indem er Solo-Alben veröffentlicht, die in der Regel nicht viel anders klingen als seine Aufnahmen mit der Gruppe. Seit Roger Waters dort ausgestiegen war, prägte Gilmour, der spät hinzugekommene Ersatz von Syd Barrett, den Sound der Band. Naturgemäß prägt er auch den seiner Alleingänge.

„Rattle that lock“, Soloalbum Nummer vier des Gitarristen, nimmt die schwebende Atmosphäre des endlosen Flusses auf. Unterstützt von einem Heer an Promifreunden mit David Crosby, Graham Nash und Phil Manzanera an der Spitze, baut das in edler Verpackung verkaufte Werk in seinen besten Momenten dieselbe Stimmung auf wie einst „Us and them“ oder später „High hopes“.

Das liegt nicht nur daran, dass Gilmour seine patentierten Gitarrenklänge liefert, sondern auch an Details wie dem verhuschten Sprechgesang zu Beginn von „A boat lies waiting“ oder der Melodieführung in „In any tongue“, die jeden Floyd-Fan an die guten alten Zeiten erinnern wird, als dieses Lied so ähnlich noch von der größten Band der Welt auf den allergrößten Bühnen gespielt wurde.

Gilmour ist dem Alter entrückt, in dem er den Vorwurf des Selbstplagiats fürchten musste. Zudem sind hier die Songs, in denen er bei seinem Leisten bleibt, viel besser als die, in denen er versucht, mal alles ganz anders zu machen.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Glen Hansard: Mission Mitsingen

Ausverkaufter geht es nicht. Um den gesamten Häuserblock der Konzerthalle Täubchenthal in Leipzig zieht sich die Schlage der Fans vor dem Konzert des irischen Folk- und Rocksängers Glen Hansard. Glen wer? Vom Namen her ist der Ire dem breiten Radiopublikum nicht unbedingt bekannt. Doch seit er vor neun Jahren in der Kinoromanze „Once“ nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern zum Film mit dem Song „Falling Slowly“ auch einen Superhit lieferte, hat der gebürtige Dubliner weltweit keine Probleme, Hallen fast beliebiger Größe zu füllen.

In Leipzig ist er zum ersten Mal, begleitet von einer neunköpfigen Band, der Sängerin Lisa Hannigan und seiner alten, vorn völlig durchgescheuerten Gitarre, die jeder Fan aus „Once“ kennt. Was der Mann, der vor seiner großen Karriere jahrelang als Straßenmusiker um die Welt zog, in den folgenden 140 Minuten bietet, ist kaum mit Superlativen zu fassen: Hansard, haucht und schreit, er schwelgt und wimmert, er singt und lässt immer wieder singen.



Der 45-Jährige hat die Lieder dazu. Bereits mit den Frames, der Band, die er nach „Once“ verließ, zauberte er Hymnen am Fließband, Lieder halb aus irischem Folk, halb aus US-Rock gestrickt. Diese Wurzeln sind bis heute geblieben, auch wenn die neue Band mit ihren Streichern und Bläsern alte Frames-Stücke wie „Revelate“ und neue Songs wie „Didn't He Ramble“ eher im klassischen Van Morrison-Stil interpretiert.

Hansard aber, der als 13-jähriger seine ersten Straßenauftritte absolvierte, bleibt immer der Mann in der Mitte. Er nimmt das Tempo raus, lässt die Zuschauer singen, spricht ein bisschen Deutsch und scheint tief im grauen Bart beständig zu schmunzeln - vor allem, wenn ihn sein Publikum ohne Worte versteht. Bei „Her Mercy“ etwa bittet er um Chorunterstützung im Refrain, „ein bisschen wie ein Gospelchor“ solle es werden, sagt Hansard. Und bekommt eine ganze Kirche voll, als sei das alles einen Tag zusammen geübt worden. Auch den Fans gefällt es, sehr sogar: Als das Lied auf der Bühne beendet ist, singen sie so lange weiter, bis auch Hansard noch einmal mitmacht.

Der Ire arbeitet für sein Geld. Nassgeschwitzt und ruhelos zieht er alle Register. „Minds made up“ ist ein wildes Rockspektakel, „Say It to Me Now“ dagegen singt er ohne jede elektrische Verstärkung vom Bühnenrand in den andächtig lauschenden Saal. Als zum oscarprämierten „Falling Slowly“ auch noch die frühere Damien-Rice-Mitsängerin Lisa Hannigan auf die Bühne kommt, um das von Hansard einst mit Filmpartnerin und Lebensgefährtin Markéta Irglová gesungene Schmerzensduett „Falling Slowly“ zu geben, badet die Halle in Herzschmerz.

So traurig, so schön, dass Glen Hansard niemanden so nach Hause gehen lassen will. Zusammen mit der Band marschiert er zum Finale mitten hinein ins Publikum und zelebriert Dick Blakeslees alten Polit-Song „Passing Through“.




Dienstag, 13. Oktober 2015

GEZ: Kampf um die Ventilkappe

Wer seinen Rundfunk-Beitrag nicht zahlt, muss mit platten Reifen rechnen.Wenn das nicht zusätzliche Sympathien bringt! Seit die einstige GEZ-Gebühreneinzugszentrale als „ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice“ nicht mehr schnöde „Rundfunkgebühren“ erhebt, sondern „Rundfunkbeiträge“ einzieht, haben sich die Fronten zwischen zuschussbedürftigen Anstalten und zahlungsunwilligen Zuschauern verhärtet. Die einen dringen auf prompte Zahlung. Die anderen protestieren gegen fehlende deutsche Schlager, verweisen auf den fehlenden Fernseher oder kritisieren, dass Putin immer so schlecht wegkommt, wenn sie doch mal einschalten. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist aber nun mal kein Wunschkonzert und Rundfunkbeitrag keine Kann-Bestimmung: Wer theoretisch gucken könnte, muss praktisch bezahlen.

Tut er es nicht wie offenbar Millionen Deutsche, zieht der Beitragsservice andere Saiten auf: 891 000 Mal bat die weltweit einzige Institution ohne offizielle Abkürzung örtliche Behörden um Amtshilfe beim Eintreiben von Außenständen. Das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 27 Prozent, dem mit allen nur erdenklichen Maßnahmen entgegengewirkt wird. Beitragsschuldige Autobesitzer etwa bekommen in Nordrhein-Westfalen sogenannte Ventilwächter an die Reifen gesteckt - kein Fahren mehr, bis ARD und ZDF ihr Geld haben.

Die ersten Meldungen darüber führten naturgemäß zu einem großen Frohlocken bei allen, die kein Auto haben. Haha, Pech gehabt, GEZ! Alle anderen müssen mit verschließbaren Ventilkappen vorsorgen: Einmal abgeschlossen, kommt kein Gebührenfahnder noch einen Ventilwächter ans Rad.

Montag, 12. Oktober 2015

Borussia als Buch: Literaten begegnen der Lei­den­schaft

Zwei Dutzend Schriftsteller aus der Autoren-Nationalmannschaft haben die desaströse letzte Saison von Borussia Dortmund begleitet.

Dramatisch war sie, historisch einmalig. Mit glimpflichem Ende. Aber alles in allem katastrophal, die letzte Saison des Dortmunder Fußballvereins Borussia. Aber all das konnte Moritz Rinke nicht wissen, als er die Idee hatte, zwei Dutzend Schriftstellerkollegen aus der Autoren-Nationalmannschaft zu bitten, den Fußballbundesligisten über ein Jahr lang zu begleiten. Ziel des Unternehmens sollte es sein, sich dem Phänomen BVB literarisch zu nähern, das gelb-schwarze Emotionszentrum des deutschen Fußballs zu erkunden und zu erklären.

Dass das daraus entstandene 240-Seiten-Buch "Man muss ein Spiel auch lesen können" nun ausgerechnet aus dem Jahr erzählt, in dem die Macht von der Ruhr wackelte und wankte wie lange nicht, ist in der gedachten Konstellation von Vorteil. Keinen aalglatten Siegeszug beschreiben Autoren wie Joachim Król, Monika Marion und Thomas Brussig. Sondern ein verwirrtes Suchen um festen Stand, ein Ringen um Selbstverständlichkeiten, einen Überlebenskampf, den Luxuskicker führen müssen, die für gewöhnlich um Titel und nicht gegen den Abstieg spielen.


Ein Dramolett in 26 Akten hat das Tagebuch des Schreckensjahres so werden müssen - aber wie hübsch haben es die zu den Heimspielen herbeigereisten Autoren aus der ganzen Republik angerichtet! Alle Genre finden sich bedient, von der Reportage über die Reflektion bis hin zum Großgedicht "In der Wand". Und alle Register feiern den BVB als ein Ding, das weit mehr ist als ein Fußballverein.

Familie. Heimat. Krimi. Thriller. Erbe. Ausdruck einer Massenpsychose. Der erliegen auch die Literaten, obgleich sie von Haus aus größtenteils Fans ganz anderer Klubs sind. Doch die Anwesenheit im Westfalenstadion, obschon es heute technokratisch "Iduna-Nova-Park" heißt, verwandelt die argwöhnischen Skeptiker wie die neugierigen Novizen in Gläubigem, deren Notate die Wunderkraft des BVB selbst als wankende Fußball-Supermacht bezeugen.

Ist es so? Oder spielt hier eine Rolle, dass der <>-Sponsor Eon sich seine Unterstützung des Auswärtspieles der Autorenmannschaft sicher nur ungern mit Meckertexten über Fußballmillionäre und Champions-League-Gigantomanie hätte vergelten lassen?
Dahingestellt. Gerade weil die Seuchensaison des <>, die mit dem Abschied von Traineridol Jürgen Klopp enden wird, keinen Platz für eindimensionale Siegeshymnen ließ, wirkt "Man muss das Spiel auch lesen können" alles in allem authentisch, obwohl es naturgemäß Partei ergreift. Der mit dem letzten Spiel geschiedene Spieler Sebastian Kehl, ein Borusse bis ins schwarz-gelbe Knochenmark, lobt denn in seinem Nachwort auch uneingeschränkt: "Es ist keine einfache Chronik, sondern eine kleine Liebeserklärung."


Mittwoch, 7. Oktober 2015

Günthi Krause: Ein Nachmittag im Erinnerungshotel


Nach 50 Jahren im Geschäft dachte der Conférencier schon einige Jahre vor senem Tod ans Karriereende - aber Aufhören konnte er dann doch nie.

Diese verfluchten Zelte. Wie ein Stadion so groß, weiß wie ein Krankenzimmer, kahl und leer. "Keine Atmosphäre", befindet Günther Krause, "ich muss nur einen Schritt reintun, um zu wissen, dass das nicht schön wird." 20 Leute auf 800 Quadratmetern, Baumarktgestühl, Pappteller und Plastikbecher. Der Hallenser Günther Krause, als Conférencier Günthi Krause fast ein halbes Jahrhundert eine Institution der hohen Kunst der Programmansage, lässt seine Gesichtszüge kurzzeitig entgleisen. "Buhh" blasen die Backen, "uhh" jammern die Mundwinkel.

Doch keine Sause ohne Krause! Entschlossen beißt er in seinen Pfannkuchen. "Da heißt es kämpfen", orgelt die sonore Mikrofonstimme. Aufgabe eines Conférenciers sei es, für andere "den Teppich auszurollen und Spannung" aufzubauen . "Manchmal bleibt da nur ein alter Trick", grient Krause mit goldenem Blinken, "dass man sich an die Damen ranschmeißt oder ein paar Witze rauszaubert."
Keiner kann das besser als der schlanke Herr mit dem weißen Schopf, der einst angetreten war, die großen Heldenfiguren zu spielen. Ein Schmunzeln blitzt: "Und die Liebhaber natürlich."

14 ist Günther Krause, als ihm aufgeht, dass er Schauspieler werden will, ja, werden muss. "Wenn ich ins Kino ging, habe ich immer gedacht, das kannste auch." Vorerst verhindern Krieg und Einberufung den Karrierestart des gebürtigen Erfurters. "Ich kam nach Italien, wurde verwundet, die Franzosen nahmen uns gefangen und brachten uns rüber nach Afrika." Schwere Zeiten für Oberfähnrich Frohnatur. Das linke Bein ist kaputt, der Unterarm zerschossen. Es gibt kaum etwas zu essen, der einzige Trost sind die Proben der Häftlings-Theatertruppe. "In Tunis habe ich abends oft wach gelegen und gedacht, das war's, hier kommst du nicht mehr lebend weg."

Drei Jahre dauert das Martyrium, und erst als Krause schon glaubt, der Krieg würde nie mehr enden für ihn, bringt ihn ein Schiff zurück nach Hause. Hurra, wir leben noch! "Das erste, was ich gemacht habe, war die Aufnahmeprüfung." Talent bescheinigen ihm alle auf der Schauspielschule. "Und ich habe dann auch ganz manierliche Rollen gespielt", sagt der Mime stolz.

Bei 350 Mark Gage aber musste man sehen, dass die Butter zum Brot anderswo verdient wird. Günther Krause, der gemeinsam mit Rolf Hoppe am Theater der Jungen Garde in Halle engagiert ist, beginnt zu tingeln und in Dorfsälen und Stadthallen bunte Programme anzusagen. Der Solo-Erfolg kitzelt das Selbstbewusstsein. "Ich habe schnell gemerkt, das ist meine wahre Bestimmung."
Gelacht und mitgemacht

Ein Dampfplauderer ist Krause, eine Quasselstrippe, ein schnatternder Sonnenschein in jedem trüben Saal der DDR. "Günthi" nennen sie ihn und schon der Name kommt daher wie ein festgebügeltes Lachen. "Gelacht und mitgemacht" oder "Scharfe Blitze - dufte Witze" heißen die Programme, mit denen der Charmeur über Land zieht, begleitet von Sängern, die sich "Die 3 singenden Optimisten" nennen. "500 Mal sind wir damit aufgetreten", schwärmt er, "dann kamen die Einladungen an große Häuser."

Die Karriere des Quasselkrause, der 180 Silben in der Minute ins Publikum sprudeln kann, nimmt einen steilen Aufschwung. Lindenhof, Steintor, Friedrichstadtpalast - die Beweise hütet Krause sorgsam in Mappen und Klemmheftern, ganze Stapel Programme, Fotos und Zeitungsausschnitte erzählen in der kleinen Altneubauwohnung von der großen Zeit des Varieté. "Die Menschen standen oft stundenlang an, um uns zu sehen", schwärmt Krause beim Durchblättern mit verhangenem Blick. Zeiten waren das. Zeiten! "Der Günthi" ist in jenen Tagen ein Star, ein Mann, den die Frauen anhimmeln und die Kollegen mögen.

Er ist Stammgast im Fernsehen und auf den großen Pressefesten, er plaudert mit SED-Größen wie Achim Böhme und Horst Sindermann, und mit dem DDR-Staatszirkus darf er sogar mal eine richtige BRD-Tournee absolvieren. Krause fügt sich leicht in die Spielregeln der sozialistischen Unterhaltungskunst. Aufmucken und Ducken, Protestieren und Funktionieren. Humor ist, wenn man trotzdem lacht - Günthi Krause gleicht so dem ultimativen Gesamt-DDR-Bürger. Er tritt in die Nationaldemokratische Partei ein, um den Werbern der SED "den Wind aus den Segeln zu nehmen". Bei Großereignissen ist er unschlagbar im spontanen Vorlesen von Conférence-Texten, die sicherheitshalber anderenorts verfasst wurden. Hier und da kassiert er ein Auftrittsverbot, "weil meine Witze zu scharf waren". Und entschlüpft am Ende unbeschädigt, denn "wenn es gar nicht ging, hat der Sindermann die schon zurückgepfiffen".

Richtige Privilegien aber habe er nie gehabt, sagt er heute, mit 78 ein straffer Kerl mit präsidialen Gesichtszügen. "Wir haben immer zur Miete gewohnt, und als ich einen Volvo kaufen sollte, hat meine Frau gesagt, den wollen wir nicht." Günthi, die Conférence-Legende, gurkt weiter mit seinem VW Käfer durchs Land, 65 000 Kilometer im Jahr und jeder davon "selbst gefahren". Nur als der treue Volkswagen es nicht mehr macht, nutzt Krause seine Beziehungen. "Ein Bekannter ist mit einem Käfer in die DDR gekommen, wir haben die Nummernschilder getauscht, und er hat meine alte Karre mitgenommen."


So ist die Welt prima eingerichtet für den Sauna-Fan und Ausdauerschwimmer, der bis heute regelmäßig um seinen Ruf als Frauentyp krault. In der kleinen DDR ist er der Ansager für alle Fälle, ein Name mit Klang, wenn auch manchem unklar bleibt, was da klingt. Aber keine Sause ohne Krause!

"Das Angebot aus Bayern hat uns über die Wende gerettet", umschreibt der Allgegenwärtige zwischen zwei Schlucken Gesundheitstee. Im Osten ist 1990 nämlich plötzlich Pause auch für Krause. Keine Angebote, keine Auftritte, alle Verbindungen gekappt. Ein Fangschuss für die Eitelkeit des Entertainers. Drei Jahre überwintert der Possenreißer aus der Provinz als Anheizer in einem Freizeitpark, "sechs Vorstellungen am Tag, meine Frau musste die Kasse machen". Nein, er wird sich nicht beklagen: "Denn dann ging es ja zum Glück wieder los."

Er kann nicht anders, er gibt es zu. "Als meine Frau gestorben war, dachte ich, ich kann nie mehr auf eine Bühne steigen." In Zeitlupe nur stolpern die Worte jetzt, und die Augenwinkel schimmern. "Aber nach ein paar Monaten wusste ich, dass ich wieder vor die Leute muss." Es ist eine Sucht, eine Droge, das Witze-Erzählen und Plaudern, den Leuten nahe sein und ihren Applaus prasseln zu hören, egal ob bei der Gala im Altenheim oder auf der Baumarktschaffe. "Ohne das gehe ich ein."
Sollen sie doch ihre neumodische Comedy machen. Sollen sie seine Späße schal und seinen Witze von vorgestern nennen. Sein Publikum frisst ihm immer noch aus der Hand, oder? Die Anfragen stapeln sich! Damen strahlen, wenn er einmarschiert. Und Kollegen von früher staunen: "Mensch, bist du jung geblieben!"

Keine Sause ohne Krause, sagt er dann, weil die alten Kalauer doch die besten sind. Er fühlt sich toll in Schuss, Bombenform, kein bisschen müde. Aber nur noch ein Jahr, schwört der Conférencier, dann ist Schluss. Kein Witz! Günthi Krause schmunzelt golden. Er hat gerade erst begonnen, seinen eigenen Abgang anzusagen. Der Teppich liegt, die Spannung steigt.

Mittwoch, 30. September 2015

Dave Rawlings: Musik aus einer Holz-Maschine



Er ist einer dieser Querköpfe, die von Musikerkollegen gerühmt werden, beim großen Publikum aber nur Eingeweihten bekannt sind. Der Amerikaner Dave Rawlings, ursprünglich aus Rhode Island stammend, macht es Liebhabern fein ziselierter Folk-Musik aber auch nicht leicht. Eine ganze Karriere lang blieb er im Schatten seiner Lebenspartnerin Gillian Welch. Wenn er Freunden wie Ryan Adams oder Conor Oberst (Bright Eyes) mit seinem unverwechselbaren Gitarrenspiel half, hängte er das nie an die große Glocke.

Dass Rawlings mit seiner Vorliebe für eine Epiphone Olympic-Gitarre aus dem Jahr 1935 unter seinesgleichen eine große Nummer ist, konnte allerdings sehen, wer den Led-Zeppelin-Bassisten John Paul Jones begeistert Mandoline für ihn spielen sah.

Bei Nashville Obsolete, seinem zweiten Album, verzichtet der bereits mit dem Lifetime-Award der Americana Music Association ausgezeichnete große Unbekannte des Americana-Rock dennoch auf prominente Hilfe. Stattdessen hat er die sieben Songs gemeinsam mit Paul Kowert (Punch Brothers) am Bass, Willie Watson an der zweiten Gitarre und den Gästen Brittany Haas an der Geige und Jordan Tice an der Mandoline eingespielt. Dazu kommen Violinen, Banjos, ein wenig Schlagwerk und viel Satzgesang.

Das reicht allerdings völlig, um aus dem an Neil Young erinnernden „The Weekend“ oder dem flotten Picking-Stück „The Last Pharao“ Lieder zu machen, die die ganze Weite der Prärie zu atmen scheinen. Spätestens wenn Rawlings dann „Pilgrim“ anstimmt, wünscht man sich nur noch ein Auto, einen Highway und fünfzig Jahre Urlaub.

daverawlingsmachine.com


Donnerstag, 24. September 2015

Saalebild fürs Sofakissen

Weil hier so viele Anfragen nach dem Bild von der Saalebrücke bei Dehlitz eingegangen sind, dass ich schlicht nicht mehr die Kraft und die Zeit habe, das Foto auszudrucken und mit der Post zu verschicken oder auch nur zu mailen, habe ich mal was Neues ausprobiert. Bei mobile-prints.com kann man sich das Motiv - und ein paar andere Bilder - jetzt ordentlich ausdrucken, auf ein Kissen nähen oder als Metallplatte nach Hause schicken lassen.

Photography Prints

Dienstag, 22. September 2015

Renft: Warum werden die nicht liquidiert

Thomas "Monster" Schoppe ist der Sänger der Renft-Combo - immer noch.

Heute vor 40 Jahren wurde seine Band verboten. Thomas Schoppe, genannt "Monster", wurde arbeitslos, musste schließlich in die Bundesrepublik ausreisen. Eine offene Wunde immer noch, aber auch eine Geschichte, die zeigt, wie sich mit Würde die eigene Würde behaupten lässt.  

Ein Interview, das auch schon wieder historisch ist, denn es stammt von 1995. Aber an der Geschichte hat sich ja nichts geändert.

Thomas Schoppe - Warum nehmen Sie den Puhdys nichts übel?

Schoppe: Nun - wir als Renft sind halt damals verboten worden und die Puhdys haben nicht dagegen protestiert, sondern in der DDR groß abgesahnt. Wir haben uns im Westen irgendwie durchgeschlagen, die haben sich hier eingerichtet. Das ist vielleicht nicht gerecht, aber so laufen die Dinge in der Welt. Da kannst du nicht gegen machen. Ich habe im Leben genug durch, um zu wissen, daß es keinen Sinn hat, sich darüber aufzuregen. Aus unserer Sicht war es damals logisch, sich verbieten zu lassen und ich bedauere das auch heute noch nicht. Andere sehen das sicher anders.

Man sagt, Renft hätten damals direkt auf ein Verbot hingearbeitet?

Schoppe: Ach, hingearbeitet. Wir lebten doch in einer Traumlandschaft, in der wir uns gegenseitig Mut gemacht, ja, uns auch gehuldigt haben. Nicht alle aus der Band, aber der kritische Kern um Pannach, Kuno und mich. Wir haben ja damals allesamt nicht schlecht gelebt hier. Was heißt nicht schlecht, gut, sehr gut haben wir gelebt. Aber Kuno und Pannach kippten die Band. Plötzlich haben wir andere Prioritäten gesetzt. Alle anderen waren zu der zeit raus aus der Diskussion. Wir haben Marcuse gelesen und über solche Sachen wie den Prager Frühling sind wir ja nie fertig geworden, rot wie wir waren. Wir wollten dann also bestimmte Sachen, die uns nicht passten, provokant vorbringen.

Hat Euch überrascht, daß man darauf so hart reagierte?

Schoppe: Gedacht haben wir das nicht. Aber es war uns eigentlich auch egal. Was heute keiner mehr wissen will: Renft waren ja damals schon am Ende. Klaus hatten wir als Bandchef abgewählt, Kuno wollte aussteigen, Jochen mochte auch nicht mehr. Für mich war das Kapitel DDR eh´ schon abgeschlossen. Ich habe ja die Unmöglichkeit gesehen, bestimmte Dinge in der DDR öffentlich zu machen. Deshalb haben wir ja auch alle Warnungen von Havemann nicht beachtet.

Wovor hat der Euch denn gewarnt?

Schoppe: Havemann meinte, daß die Stasi bestimmte Sachen mitmacht, so wegen des lieben Friedens. Aber bei anderen haut sie drauf. Wir haben früh um zehn in der Leipziger Kneipe „Cockpit" gesessen, total benebelt natürlich, und aus dieser Sicht war es ganz normal, daß man völlig frech und respektlos da rangeht. Wir waren ja so unverfroren! Manchmal haben wir die Leute auf der Straße angebrüllt: Geht nicht mehr arbeiten für diesen Scheiß-Staat und so. Mein Gott, waren wir daneben.

Man hat ja dann noch eine Art Wiedereingliederung an Euch erprobt.

Schoppe: Kann man so sagen. Erst kriegten wir noch eine Polen-Tournee hinterher geschmissen, sozusagen zur Beruhigung, dann versuchten sie, Kuno und mich zur NVA-Reserve einzuziehen. Ein Witz. ich bin da gleich hin und hab´ rum geschrien: Scheiß-Laden, kommt nicht in die Tüte, daß ich hier bleibe. Wir sind dann wieder gegangen, und die haben uns gehen lassen.

Die Stasi hat Euch aber auch nach eurer Ausreise in den Westen immer im Auge behalten?

Schoppe: Ja, klar. Da ging das erst richtig los. In Leipzig hatten die Stasileute noch einen Rüffel von Mielke selber bekommen: „Warum kann man diesen Typen nicht habhaft werden? warum werden die nicht liquidiert?" hat er gebrüllt. Da haben sie dann aufgepaßt. Bei mir war ständig die ganze Heinstraße voller Spitzel. Ich wollte bloß noch raus.

Im Westen kam dann die Ernüchterung?

Schoppe: So war das. Kuno und Pannach hatten ja da schon Auftritte mit Biermann und so gehabt und blöde Interviews im „Spiegel". Das war so die Nummer „Märtyrer im Vorprogramm". Aber als ich rüber kam, bin ich auch erstmal da hin. Das war so diese Szene Alternative und Spartakisten und K-Gruppen. Die standen im Foyer wie die Jesuiten. Ich dachte nur: Oh Gott, wo bist du hier? Ich konnte das nicht lange machen, dieses „huch wir armen DDR-Liedermacher" Eigentlich bin ich doch ein Rocker.

Aber als Rocker warst Du nicht gefragt?

Schoppe: Im Nachhinein betrachtet hätte es klappen müssen. Wären wir nicht so blöd gewesen, hätten wir das Ding ganz politisch aufgezogen und voll kontra DDR gemacht. Das hätten uns alle abgekauft. Allerhöchstens hätte es was gekostet, einen tödlichen Unfall auf der Transitstrecke oder so. Aber wir haben es falsch angefaßt. Windminister war unsere West-Renft-Band. Aber zum ersten Auftritt im Quartier Latin hatte die Stasi so viele Westkommunisten gekarrt, die mit Parteiauftrag Buh! geschrien haben, noch ehe wir eine Note gespielt hatten. Weil sie dachten, wir würden genau das machen - politisch und gefährlich sein. Dabei waren wir das gar nicht. Wir waren so theologisch, philosophisch. keine Protesttexte so nach dem Motto „Auf ihn mit Gebrüll!" Nach der Pleite sind alle weggelaufen. Zuerst der Gitarrist, dann die Trommlerin. Und das wars dann.

Wovon hast gelebt?

Schoppe: Meine Frau war ja noch in der DDR aus der Partei ausgetreten, nachdem die sie gebeten hatten, auf mich „einzuwirken". Die ist dann mit mir in den Westen, als Zahnärztin hat sie da gut verdient. Die hat mich so mit durchgeschleppt, anfangs wenigstens. Später hat sie mich verlassen. Auch meinen Sohn habe ich dadurch verloren. Scheiße. Ich habe dann in einem Kinderheim gearbeitet. Mich so durchgeschlagen.

Zu Kinderheimen hast Du ja eine besondere Beziehung?

Schoppe: Kann man so sagen. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich Anfang der Sechziger selbst in ein Heim gekommen. Als ich dann kurz nach dem Mauerbau mit einem Kumpel versucht habe, Ecke Baumschulenweg über die Grenzbefestigung zu klettern, um rüber zu meiner Tante in Lübeck zu kommen, haben sie mich in ein Heim für etwas härtere Jungs gesteckt. Sitten wie im Strafvollzug. Dort bin ich auch zur Musik gekommen, über diese Merseybeat-Sachen.

Und wie ging es weiter?

Schoppe: Na ja, mit unserem Axel-Kien-Quartett sind wir so über die Dörfer getourt. Borna - Delitzsch und zurück. Eines Tages kam Klaus (Renft), in Gaschwitz war das, und hörte zu. Ich war total aufgeregt. Klaus war ja schon eine relative Berühmtheit. Ich bin dann nachher zu ihm hin, und habe mich entschuldigt, daß ich soviel Scheiße gespielt habe. Da sagt der: „Weißte, wie oft mir das passiert?" Ich wußte damals noch nicht, was das für ein wahrhaftiger Satz ist.

Ist er so schlecht?


Schoppe: Hör dir doch mal diese alten Sachen an. Das ist doch schauderhaft. Der Klaus nuschelt doch nur da unten rum, brumm, brumm. Das ist teilweise fürchterlich. Da sind solche Gurken drin! Aber das will ja keiner hören. Es hat ja vielleicht noch einen gewissen Charme, wenn man die Umstände betrachtet, unter denen das gemacht wurde. Aber das kannst du doch heute nicht mehr anbringen. Heute werden doch andere Maßstäbe gesetzt.

Ist das der Grund, warum man von Renft seit der Wiedervereinigung der Band nichts Neues gehört hat?

Schoppe: Es kommt ja nichts aus der Band. Früher hatten wir mit Cäsar und Kuno und mir drei gleichwertige Sänger, mit Cäsar und Kuno zwei erstklassiger Arrangeure. Das ist natürlich nicht mehr da. Wir sind uns auch nicht einig. Ich will nicht mehr diese olle Gitarrenmucke machen. Gitarren sind so langweilig. Aber da sind wir uns nicht einig. Und es ist ja auch schwer. Klaus hat natürlich Angst und ich auch - alles, was wir machen, wird an dem gemessen werden, was Renft vor zwanzig Jahren war. Da wird das Urteil logischerweise härter. Ich fände es auch blöd, wenn wir etwas vorlegen, zu dem die Leute sagen, huchja, kann man machen. Ich will ein Bild für die Zukunft, etwas. wo der eine oder andere stutzt und denkt „Mensch, tolles Ding hier, wer ist denn das?" Doch das musst du erstmal schaffen.