Freitag, 27. März 2015

Der lange Tod des Stefan Diestelmann


Eines Tages haben sie doch noch begonnen, nach ihm zu suchen. Die Kollegen von einer Band, mit der er mal gespielt hat. Ein paar Fans von früher. Ein Reporter, der einen Film drehen will. Sogar eine Facebook-Gruppe entstand, die alle Informationen sammelt. Nur dass es keine Informationen gibt über Stefan Diestelmann, den Blues-König der DDR, der seinen letzten Hit vor einem Vierteljahrhundert hatte und sich nach seiner Flucht in den Westen in einen kleinen Ort in Bayern zurückzog.

Dort pflegte der Mann mit dem Dreitage-Bart den Nimbus des Total-Aussteigers. Kein Blues mehr, kein Applaus und keinerlei Kontakte. „Er hat sich der Familie entzogen", erinnert sich sein Onkel Jürgen Diestelmann. Wenn Touristen aus dem Osten ihn erkennen und fragen, warum er denn nicht mehr spiele, lässt er sie wissen, dass die Musik ihm zu wichtig sei, "dass ich sie als Broterwerb betreiben will".

Der begnadete Improvisationskünstler hadert mit sich. Der Westen bietet ihm Cafés statt Konzerthallen. Er ist Begleitmusiker statt Frontmann. Nicht mit Stefan Diestelmann. Aus dem wichtigsten Blues-Mann der DDR wird ein Freizeitkapitän, der sein Boot über den Ammersee steuert und behauptet, die Musik gar nicht zu vermissen.

So klingt einer, der nur noch selten Gelegenheit hat, ein Publikum zu unterhalten wie damals in der DDR, die ihm, dem gebürtigen Münchner, eine Bühne bot, die ihm vergessen half, dass sein Vater, der als Defa-Schauspieler arbeitete, seine Familie nach dem Mauerbau von Darmstadt in die DDR verschleppt hatte. "Da hieß es zack", formuliert er scharf, "ab in den Osten."
Hier darf der kleine Stefan dank der Verbindungen seines Vaters sogar vor die Defa-Kamera: Mit Otto Mellies spielt er im "Der Arzt von Bothenow". Sein ein und alles aber ist die Musik. Er hat eine Fünf in Musik, aber er spielt BB King und Muddy Waters nach. Blues scheint ihm "so frei, so in die Welt gesungen". Er ist wie dafür geschaffen. "Es war der Rhythmus im Blues, der mich angemacht hat", sagt er später, "das Primitive, in dem alles steckt." Mit der Gitarre ist er wer, wenn er singt, empfängt er Bewunderung. Es ist dies das Hochgefühl, dem Stefan Diestelmann nun stets nachjagen wird: im Mittelpunkt stehen, der sein, zu dem alle aufschauen.

Der Blues allein reicht ihm bald nicht mehr, sich in andere Welten zu versetzen. Stefan Diestelmann will es größer. Alexander Blume, sein Pianist, sieht ihn damals "immer bereit, zu übertreiben". So wird der Autodidakt zum Superstar in seiner eigenen Realität. Die erste Platte schlägt alle Rekorde. Die Hallen sind voll. Das Ministerium gewährt ihm „wegen seiner Popularität" den begehrten Berufsausweis. Die zweite LP ist ein Triumph. Diestelmann ist der König des Blues.

Nur er selbst kann sich noch stoppen. Und er tut es. Die Konzerte mit Weltstars wie Phil Everly, die Sessions mit Harmonica Phil Wiggins, die Filmmusiken, die Kinoauftritte, in all dem spürt er nur, was fehlt. Diestelmann will im Westen spielen. In den USA mit BB King auftreten. Stattdessen bekommt er Auftrittsverbote, weil er "Jugendliche anzieht, die die Ordnung und Sicherheit gefährden", wie die Stasi schreibt. 1984 nutzt Diestelmann einen Auftritt im Westen, um der DDR den Rücken zu kehren.

Drüben taucht der König des Blues ab. Er dreht jetzt Werbefilme für Hotels und behauptet, sehr glücklich zu sein. Er ist immer noch ein großer Geschichtenerzähler, ein Mann, der abendliche Runden ganz allein unterhalten kann. Er spricht viel von früher. Er macht Witze. Er macht keine Musik mehr.

Eine Nachbarin, die nicht weiß, wer er ist, hört ihn manchmal Saxophon spielen. "Aber das ist lange her", sagt sie. Sein Vermieter ist der letzte Mensch, der weiß, dass da der Blues-König des Ostens zu hören ist. Stefan Diestelmann stirbt an einem Tag im März. Es dauert danach fast fünf Jahre, ehe es jemand bemerkt.


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