Mittwoch, 30. September 2015

Dave Rawlings: Musik aus einer Holz-Maschine



Er ist einer dieser Querköpfe, die von Musikerkollegen gerühmt werden, beim großen Publikum aber nur Eingeweihten bekannt sind. Der Amerikaner Dave Rawlings, ursprünglich aus Rhode Island stammend, macht es Liebhabern fein ziselierter Folk-Musik aber auch nicht leicht. Eine ganze Karriere lang blieb er im Schatten seiner Lebenspartnerin Gillian Welch. Wenn er Freunden wie Ryan Adams oder Conor Oberst (Bright Eyes) mit seinem unverwechselbaren Gitarrenspiel half, hängte er das nie an die große Glocke.

Dass Rawlings mit seiner Vorliebe für eine Epiphone Olympic-Gitarre aus dem Jahr 1935 unter seinesgleichen eine große Nummer ist, konnte allerdings sehen, wer den Led-Zeppelin-Bassisten John Paul Jones begeistert Mandoline für ihn spielen sah.

Bei Nashville Obsolete, seinem zweiten Album, verzichtet der bereits mit dem Lifetime-Award der Americana Music Association ausgezeichnete große Unbekannte des Americana-Rock dennoch auf prominente Hilfe. Stattdessen hat er die sieben Songs gemeinsam mit Paul Kowert (Punch Brothers) am Bass, Willie Watson an der zweiten Gitarre und den Gästen Brittany Haas an der Geige und Jordan Tice an der Mandoline eingespielt. Dazu kommen Violinen, Banjos, ein wenig Schlagwerk und viel Satzgesang.

Das reicht allerdings völlig, um aus dem an Neil Young erinnernden „The Weekend“ oder dem flotten Picking-Stück „The Last Pharao“ Lieder zu machen, die die ganze Weite der Prärie zu atmen scheinen. Spätestens wenn Rawlings dann „Pilgrim“ anstimmt, wünscht man sich nur noch ein Auto, einen Highway und fünfzig Jahre Urlaub.

daverawlingsmachine.com


Donnerstag, 24. September 2015

Saalebild fürs Sofakissen

Weil hier so viele Anfragen nach dem Bild von der Saalebrücke bei Dehlitz eingegangen sind, dass ich schlicht nicht mehr die Kraft und die Zeit habe, das Foto auszudrucken und mit der Post zu verschicken oder auch nur zu mailen, habe ich mal was Neues ausprobiert. Bei mobile-prints.com kann man sich das Motiv - und ein paar andere Bilder - jetzt ordentlich ausdrucken, auf ein Kissen nähen oder als Metallplatte nach Hause schicken lassen.

Photography Prints

Dienstag, 22. September 2015

Renft: Warum werden die nicht liquidiert

Thomas "Monster" Schoppe ist der Sänger der Renft-Combo - immer noch.

Heute vor 40 Jahren wurde seine Band verboten. Thomas Schoppe, genannt "Monster", wurde arbeitslos, musste schließlich in die Bundesrepublik ausreisen. Eine offene Wunde immer noch, aber auch eine Geschichte, die zeigt, wie sich mit Würde die eigene Würde behaupten lässt.  

Ein Interview, das auch schon wieder historisch ist, denn es stammt von 1995. Aber an der Geschichte hat sich ja nichts geändert.

Thomas Schoppe - Warum nehmen Sie den Puhdys nichts übel?

Schoppe: Nun - wir als Renft sind halt damals verboten worden und die Puhdys haben nicht dagegen protestiert, sondern in der DDR groß abgesahnt. Wir haben uns im Westen irgendwie durchgeschlagen, die haben sich hier eingerichtet. Das ist vielleicht nicht gerecht, aber so laufen die Dinge in der Welt. Da kannst du nicht gegen machen. Ich habe im Leben genug durch, um zu wissen, daß es keinen Sinn hat, sich darüber aufzuregen. Aus unserer Sicht war es damals logisch, sich verbieten zu lassen und ich bedauere das auch heute noch nicht. Andere sehen das sicher anders.

Man sagt, Renft hätten damals direkt auf ein Verbot hingearbeitet?

Schoppe: Ach, hingearbeitet. Wir lebten doch in einer Traumlandschaft, in der wir uns gegenseitig Mut gemacht, ja, uns auch gehuldigt haben. Nicht alle aus der Band, aber der kritische Kern um Pannach, Kuno und mich. Wir haben ja damals allesamt nicht schlecht gelebt hier. Was heißt nicht schlecht, gut, sehr gut haben wir gelebt. Aber Kuno und Pannach kippten die Band. Plötzlich haben wir andere Prioritäten gesetzt. Alle anderen waren zu der zeit raus aus der Diskussion. Wir haben Marcuse gelesen und über solche Sachen wie den Prager Frühling sind wir ja nie fertig geworden, rot wie wir waren. Wir wollten dann also bestimmte Sachen, die uns nicht passten, provokant vorbringen.

Hat Euch überrascht, daß man darauf so hart reagierte?

Schoppe: Gedacht haben wir das nicht. Aber es war uns eigentlich auch egal. Was heute keiner mehr wissen will: Renft waren ja damals schon am Ende. Klaus hatten wir als Bandchef abgewählt, Kuno wollte aussteigen, Jochen mochte auch nicht mehr. Für mich war das Kapitel DDR eh´ schon abgeschlossen. Ich habe ja die Unmöglichkeit gesehen, bestimmte Dinge in der DDR öffentlich zu machen. Deshalb haben wir ja auch alle Warnungen von Havemann nicht beachtet.

Wovor hat der Euch denn gewarnt?

Schoppe: Havemann meinte, daß die Stasi bestimmte Sachen mitmacht, so wegen des lieben Friedens. Aber bei anderen haut sie drauf. Wir haben früh um zehn in der Leipziger Kneipe „Cockpit" gesessen, total benebelt natürlich, und aus dieser Sicht war es ganz normal, daß man völlig frech und respektlos da rangeht. Wir waren ja so unverfroren! Manchmal haben wir die Leute auf der Straße angebrüllt: Geht nicht mehr arbeiten für diesen Scheiß-Staat und so. Mein Gott, waren wir daneben.

Man hat ja dann noch eine Art Wiedereingliederung an Euch erprobt.

Schoppe: Kann man so sagen. Erst kriegten wir noch eine Polen-Tournee hinterher geschmissen, sozusagen zur Beruhigung, dann versuchten sie, Kuno und mich zur NVA-Reserve einzuziehen. Ein Witz. ich bin da gleich hin und hab´ rum geschrien: Scheiß-Laden, kommt nicht in die Tüte, daß ich hier bleibe. Wir sind dann wieder gegangen, und die haben uns gehen lassen.

Die Stasi hat Euch aber auch nach eurer Ausreise in den Westen immer im Auge behalten?

Schoppe: Ja, klar. Da ging das erst richtig los. In Leipzig hatten die Stasileute noch einen Rüffel von Mielke selber bekommen: „Warum kann man diesen Typen nicht habhaft werden? warum werden die nicht liquidiert?" hat er gebrüllt. Da haben sie dann aufgepaßt. Bei mir war ständig die ganze Heinstraße voller Spitzel. Ich wollte bloß noch raus.

Im Westen kam dann die Ernüchterung?

Schoppe: So war das. Kuno und Pannach hatten ja da schon Auftritte mit Biermann und so gehabt und blöde Interviews im „Spiegel". Das war so die Nummer „Märtyrer im Vorprogramm". Aber als ich rüber kam, bin ich auch erstmal da hin. Das war so diese Szene Alternative und Spartakisten und K-Gruppen. Die standen im Foyer wie die Jesuiten. Ich dachte nur: Oh Gott, wo bist du hier? Ich konnte das nicht lange machen, dieses „huch wir armen DDR-Liedermacher" Eigentlich bin ich doch ein Rocker.

Aber als Rocker warst Du nicht gefragt?

Schoppe: Im Nachhinein betrachtet hätte es klappen müssen. Wären wir nicht so blöd gewesen, hätten wir das Ding ganz politisch aufgezogen und voll kontra DDR gemacht. Das hätten uns alle abgekauft. Allerhöchstens hätte es was gekostet, einen tödlichen Unfall auf der Transitstrecke oder so. Aber wir haben es falsch angefaßt. Windminister war unsere West-Renft-Band. Aber zum ersten Auftritt im Quartier Latin hatte die Stasi so viele Westkommunisten gekarrt, die mit Parteiauftrag Buh! geschrien haben, noch ehe wir eine Note gespielt hatten. Weil sie dachten, wir würden genau das machen - politisch und gefährlich sein. Dabei waren wir das gar nicht. Wir waren so theologisch, philosophisch. keine Protesttexte so nach dem Motto „Auf ihn mit Gebrüll!" Nach der Pleite sind alle weggelaufen. Zuerst der Gitarrist, dann die Trommlerin. Und das wars dann.

Wovon hast gelebt?

Schoppe: Meine Frau war ja noch in der DDR aus der Partei ausgetreten, nachdem die sie gebeten hatten, auf mich „einzuwirken". Die ist dann mit mir in den Westen, als Zahnärztin hat sie da gut verdient. Die hat mich so mit durchgeschleppt, anfangs wenigstens. Später hat sie mich verlassen. Auch meinen Sohn habe ich dadurch verloren. Scheiße. Ich habe dann in einem Kinderheim gearbeitet. Mich so durchgeschlagen.

Zu Kinderheimen hast Du ja eine besondere Beziehung?

Schoppe: Kann man so sagen. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich Anfang der Sechziger selbst in ein Heim gekommen. Als ich dann kurz nach dem Mauerbau mit einem Kumpel versucht habe, Ecke Baumschulenweg über die Grenzbefestigung zu klettern, um rüber zu meiner Tante in Lübeck zu kommen, haben sie mich in ein Heim für etwas härtere Jungs gesteckt. Sitten wie im Strafvollzug. Dort bin ich auch zur Musik gekommen, über diese Merseybeat-Sachen.

Und wie ging es weiter?

Schoppe: Na ja, mit unserem Axel-Kien-Quartett sind wir so über die Dörfer getourt. Borna - Delitzsch und zurück. Eines Tages kam Klaus (Renft), in Gaschwitz war das, und hörte zu. Ich war total aufgeregt. Klaus war ja schon eine relative Berühmtheit. Ich bin dann nachher zu ihm hin, und habe mich entschuldigt, daß ich soviel Scheiße gespielt habe. Da sagt der: „Weißte, wie oft mir das passiert?" Ich wußte damals noch nicht, was das für ein wahrhaftiger Satz ist.

Ist er so schlecht?


Schoppe: Hör dir doch mal diese alten Sachen an. Das ist doch schauderhaft. Der Klaus nuschelt doch nur da unten rum, brumm, brumm. Das ist teilweise fürchterlich. Da sind solche Gurken drin! Aber das will ja keiner hören. Es hat ja vielleicht noch einen gewissen Charme, wenn man die Umstände betrachtet, unter denen das gemacht wurde. Aber das kannst du doch heute nicht mehr anbringen. Heute werden doch andere Maßstäbe gesetzt.

Ist das der Grund, warum man von Renft seit der Wiedervereinigung der Band nichts Neues gehört hat?

Schoppe: Es kommt ja nichts aus der Band. Früher hatten wir mit Cäsar und Kuno und mir drei gleichwertige Sänger, mit Cäsar und Kuno zwei erstklassiger Arrangeure. Das ist natürlich nicht mehr da. Wir sind uns auch nicht einig. Ich will nicht mehr diese olle Gitarrenmucke machen. Gitarren sind so langweilig. Aber da sind wir uns nicht einig. Und es ist ja auch schwer. Klaus hat natürlich Angst und ich auch - alles, was wir machen, wird an dem gemessen werden, was Renft vor zwanzig Jahren war. Da wird das Urteil logischerweise härter. Ich fände es auch blöd, wenn wir etwas vorlegen, zu dem die Leute sagen, huchja, kann man machen. Ich will ein Bild für die Zukunft, etwas. wo der eine oder andere stutzt und denkt „Mensch, tolles Ding hier, wer ist denn das?" Doch das musst du erstmal schaffen.



Mittwoch, 16. September 2015

Der unendliche Streit um Emil Abderhalden

Der bekannte Lokalhistoriker Knut Germar (Mitte am Pult) fand heraus, dass Abderhalden kein Nazi war, aber von "greisem Größenwahn" besessen. 

Spätestens mit dem Gutachten des unabhängigen Historikers Knut Germar (Foto oben) schien die seit Jahren tobende Diskussion um eine Umbenennung der Emil-Abderhalden-Straße in Halle beendet. Germar, ein überaus öffentlichkeitsscheuer Gutachter, bezeichnete Abderhalden zwar als „völkischen Denker“, für den „jeder undeutsch war, der sich der Arbeit entzieht“. Abderhalden habe zudem der "Tüchtigkeit" das Wort geredet und selbst noch in „greisem Größenwahn“ von einer wahren Volksgemeinschaft geträumt, so der Lokalhistoriker. Doch ein Nazi sei der Schweizer Professor nicht gewesen - und damit sei es "auch egal", ob die nach ihm benannte Straße umbenannt oder nicht umbenannt werde.

Ein Urteil, erstellt aufgrund ausgiebiger Studien und Zeitzeugenberichte aus zweiter Hand, denn die Arbeit mit Zeitzeugen lehnt Germar ab. Diese seien grundsätzlich unzuverlässig.

Dennoch wirkte es für einige Wochen nach seiner Wortmeldung so, als sollte sich die Umbennungsfraktion zufrieden geben. Zumal auch das amtliche Gutachten der Leopoldina, auf das die Diskutanten mehrere Jahre lang gespannt gewartet hatten, wenig später nicht viel anderes zu Tage förderte: "Ein lupenreiner Demokrat war er sicherlich nicht, aber auch kein Nationalsozialist. In ihm bündelte sich die komplexe Widersprüchlichkeit seines Zeitalters", sagte Professor Wolfgang Eckart bei der Vorstellung, die ein Schlusswort hätte sein können.

Aber Schluss ist damit immer noch nicht, denn nun verlangt die unterlegene Partei einen Kompromiss zu ihren Bedingungen: Nach fünf Jahren Zwist, der ohne ausreichende Datenbasis losgebrochen und über weite Strecken völlig ohne Scham und Faktenkenntnis geführt wurde, schlägt die Stadtratsfraktion der Grünen nunmehr eine Teilung der Emil-Abderhalden-Straße vor.

Als sei eine halbe Ehre allemal genug für jemanden, den man sowieso nie leiden konnte.

Freitag, 11. September 2015

Glück macht dick

Männer mit Trauschein neigen zu höherem Gewicht - und ihre Frauen auch.

Sobald der Ring am Finger steckt, ist es aus mit dem Trainingseifer. Vor allem Männer, so das Ergebnis einer Umfrage von Forschern des Berliner Max-Planck-Instituts unter 4 555 Europäern aus neun Ländern, neigen dazu, sportliche Aktivitäten zu vernachlässigen, sobald sie meinen, die Frau fürs Leben gefunden zu haben.

Keine ganz neue Erkenntnis, denn dass Verheiratete fast doppelt so häufig unter Übergewicht leiden wie Singles, hatte das Statistische Bundesamt bereits vor einigten Jahren anhand unwiderlegbarer Zahlen nachgewiesen: Unter den übergewichtigen Frauen sind in der Regel doppelt so viele Verheiratete wie Singles, bei den Männern hat nur ein Drittel der Junggesellen die schweren Gewichtsprobleme, mit denen stolze 66 Prozent der Ehemänner kämpfen.

Die Ursache dafür liegt nach übereinstimmenden Vermutungen der Fachwelt darin, dass Singles verstärkt Wert auf ihr Äußeres legen, mehr Zeit für Sport nehmen und häufig unterwegs sind, um mögliche Partner kennenzulernen. Außerdem, heißt es bei der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätik in Bad Aachen, hätten Singles oft einen Lebensrhythmus, der wenig Wert auf regelmäßige, gemütliche Mahlzeiten legt.

Die ewige Jagd hält schlank, macht aber nicht glücklich, wie die Psychologin Andrea Meltzer von der Southern Methodist University in Dallas herausgefunden hat. Danach heißt verheiratet sein zwar häufiger, dick zu sein. Gute Nachrichten für Übergewichtige mit Ehering: Das gilt nur dann, wenn die Ehepartner miteinander glücklich sind.

Sonntag, 6. September 2015

Egon Krenz: Der Libero der DDR



Er war die Nummer 3 im Staate DDR, aber gegen den bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß hatte der frühere hallesche SED-Chef, spätere DDR-Ministerpräsident und Volkskammer-Vorsitzende Horst Sindermann keine Chance. Der Mann, der mit dem Bau der sozialistischen Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt Geschichte schrieb, schafft es zum 100. Geburtstag gerademal noch in den Berliner Kurier. An den Regionalpolitiker aus dem Westen, dessen größter Erfolg eine gescheiterte Kanzlerkandidatur war, erinnern "Spiegel", Bild und Deutschlandradio.

Zum Erinnern nach Halle muss da schon Egon Krenz kommen, letzter SED-Regierungschef der Arbeiter- und Bauernrepublik. Auf Einladung der "Rotfüchse", einer Art Nachkriegs-FDJ, stellt der einst führende Genosse die Sindermann-Autobiografie vor. "Vor Tageslicht"hatte Sindermann geschrieben, als es mit der DDR langsam zu Ende ging und seine eigenen Zweifel an der Richtigkeit der Politik der Partei, in die er als Schüler eingetreten war, wuchsen.

Es geht um Sindermanns Zeit im KZ im Buch, doch Krenz spricht natürlich vor allem von der Zeit danach. Vor einem Publikum, dass hauptsächlich aus Menschen besteht, die die DDR bis heute als ihren Staat begreifen, arbeitet sich der frühere FDJ-Vorsitzende an der medialen Darstellung dessen ab, was die DDR seiner Ansicht nach nie war. Ein Unrechtsstaat? In dem Nazis geschont wurden? Der damit für fremdenfeindliche Übergriffe heute verantwortlich ist? Krenz, als SED-Funktionär immer eine steife Figur mit gefährlichem Krokodilgrinsen, ist in seinem derzeitigen Amt als letzter und hochrangigster Verteidiger der DDR locker, leicht und zu Scherzen aufgelegt.

Seine 78 Jahre sieht man dem gebürtigen Pommer nicht an, wenn er zugespitzt argumentiert, Meldungen aus der "bürgerlichen Presse" (Krenz) verliest, um sie ganz auf Parteilinie zu zerpflücken, und vor seinen Zuhörern, die er gern als "Genossen" anspricht, jede Fehlerdiskussion vermeidet. Krenz ist sicher: Was in der DDR falsch lief, lang an subjektiven Fehlern. Was heute im Einheitsdeutschland nicht stimmt, hat seine Ursache im kapitalistischen System.

Was danach noch an Angriffen aufs Tor kommt, schlägt der Libero geradezu amüsiert weg. Delegitimiert werden solle die DDR und mit dieser Delegitimation auch das Leben von Millionen, sagt er. Der "Westen", sagt er, rede heute ja schon gar nicht mehr von der DDR, sondern nur noch vom "Osten", als habe es dieses andere deutsche Land nie gegeben. Er, Egon Krenz, werde weiter gegen diesen Versuch der Umschreibung von Geschichte streiten. Im Saal klatschen die Leute. Dann gibt Egon Krenz einer langen Schlange von Buchkäufern Autogramme.

Donnerstag, 3. September 2015

Gerhard Gundermann: Wie ich IM Grigori wurde



Im Sommer vor 20 Jahren hatten dann alle seine Akte. Der Stern recherchierte, die ARD bat andauernd um Rückruf. Die Gauck-Behörde hatte, nachdem auf einen Antrag hin eine IM-Akte zum ostdeutschen Liedermacher Gerhard Gundermann aufgetaucht war, nicht nur eine Kopie der zweibändigen Sammlung von Protokollen und Treffberichten herausgegeben, sondern ein Dutzend.

Die Luft für Gerhard Gundermann wurde dünn. Doch Conny Gundermann, seine Frau, war „irgendwie erleichtert, als es endlich raus war: der Gerhard war ja in den letzten Monaten gar kein Mensch mehr", beschreibt sie. Nur noch „rumgegrübelt" habe er, und überlegt, wie er es den Leuten sagt. „Sagen musste er es, das ist er seinem Publikum schuldig", war für Conny Gundermann schon lange klar. Gerhard Gundermann, der drei Jahre  später mit nur 43 Jahren völlig überraschend sterben sollte, über seine Zeit als „IM Grigori", die ihn 1995 einen großen Plattenvertrag, die Einladung einer großen Managementfirma und die Anerkennung der Westmedien kostete.

Hast Du damit gerechnet, dass irgendwann jemand kommt und dich auf die Zeit zwischen 1976 und 82 anspricht?

Gundermann: Es sind doch schon mehrere gekommen. Und dann habe ich immer gesagt, ja, so war das. Aber viele sind es nicht gewesen. Und ich hatte diese ganze Geschichte, nein, nicht vergessen, auch nicht abgehakt, aber irgendwie beiseite geschoben. Ich habe darüber nachgedacht und bin irgendwie darauf gekommen: man kann mit dem ganzen nur im Raum DDR umgehen. Aber der Raum DDR ist ja weg. Also habe ich für mich gesagt, das ist erledigt. Ich habe mich weder um meine Opfer-, noch um meine Täterakte gekümmert.

Hast du damals gewusst, dass du an OV und OPK beteiligt bist?

Gundermann: Nein, dass hat mir jetzt erstmal jemand übersetzen müssen, was das überhaupt ist. Die haben damals immer gesagt, „Schätze mal den und den ein". Eine ganze Reihe von denen sind dann später IM geworden, als ich nicht mehr dabei war. Ich habe sie empfohlen, und dann hatte ich sie auf dem Hals. So ist das.

Was willst Du nun tun?

Gundermann: Ich versuche, auf die Leute zuzugehen. Nachdem ich meine Akte gesehen hatte, habe ich versucht, rauszukriegen, wer denn nun hinter den Ovs und OPKs steckt. Das muss man ja erstmal entschlüsseln. Einen habe ich angerufen, der hat mich dann zu sich bestellt. Ich bin hingefahren - und der hat mich abtropfen lassen. Er wollte nicht mit mir drüber reden, er hat einfach gesagt, er hätte die Unterlagen jetzt nicht da. Ist ja sein gutes Recht. der ist ja jetzt am Zug. Vielleicht verarscht der mich auch bloß.

Was hast du denn über den berichtet?

Gundermann: Arroganten Mist. Der Gag war der: Der wollte immer in den Westen und die Stasi wollte ihn weghaben. Hätten die sich ausgesprochen miteinander, hätten die sich viel Mühe und Stress sparen können. Die andere OPK, an der ich beteiligt war, ist dagegen ziemlich harmlos. Ich habe jetzt auch mit dem gesprochen, und es stellte sich raus - der hatte die ganze Zeit Angst, dass ich seinen Namen in meiner Opferakte finde. Der hatte nämlich da angefangen, als ich aufgehört habe. (unter Video geht es weiter)




Welche Einschätzung hast du selbst von deiner Tätigkeit?

Gundermann: Meine Definition ist inzwischen so: Ich habe mich schuldig gemacht vor mir selbst, vor der Idee des Sozialismus. Ob ich mich an anderen Menschen schuldig gemacht habe, muß ich erst noch rauskriegen. Mit dem, was ich bisher weiß, kann ich leben, ohne daß ich mich aufhängen muß.

Aber solche Sachen wie die Funkgeräte-Nummer, wo du zwei Bekannte verraten hast, die Funkgeräte aus Italien eingeschmuggelt hatten - das ist doch Petzerei, das ist doch hochgradig unanständig.

Gundermann: Ja, klar. Das ist eklig. Aber es war doch so: Ich habe doch mit denen über alles mögliche geredet, und nie ist was passiert. Der Typ mit den Funkgeräten hat nie Ärger bekommen. Dabei hatte der eine unheimliche kriminelle Energie. Der klaute, auch wenn er Geld in der Tasche hatte. Der benutzte den Singeklub, um Privatgeschäfte zu machen. Ich dachte damals, in dem Moment, wo die mir vertrauen, daß ich alles weiß, trauen sie mir auch zu, daß ich alles im Griff habe. DaSS die also nicht eingreifen. Mir war ja die Gruppe wichtiger als der eine Typ. Das zumindest hat ja auch geklappt.

Wofür hast Du das Geld bekommen, über das die Stasi zwei lange Quittungslisten geführt hat?

Gundermann: Die kleinen Summen sind Kaffee und Kuchen. Was so im Februar ist, müssen Geburtstagsgeschenke sein. Und einmal die 161 Mark sind für den Fotoapparat, den sie mir gekauft haben, damit ich im Westen für sie fotografieren kann. Und die Filme. Beim ersten Treffen hat mir der Leutnant Stasch 50 Mark gegeben. Das sei so üblich. Aber ich habe mir das dann überlegt, und beim nächsten Mal gesagt, daß ich kein Geld haben will. Da hieß es dann: Das gibt's nicht, denn mit allen, die kein Geld haben wollen, stimmt irgendwas nicht. Ich hab´s trotzdem nicht genommen.

Dafür gab´s dann später eine ganze Reihe von Auszeichnungen?

Gundermann: Und jedesmal ein blödsinniges Theater. Die Artur-Becker Medaille haben sie mir gezeigt, und dann wieder mitgenommen. Die 250 Mark, die da dranhingen, konnte ich behalten. Für den Einsatz in Ungarn gab's eine Obstschale aus Blech. Die habe ich weggeschmissen.

Wie hast Du die Treffs mit denen getarnt?

Gundermann: Gar nicht. Ich war doch solo, mich hat doch keiner gefragt, wo ich hingehe.

Welches Verhältnis hattest Du zu dem Leutnant Stasch, der ja über Jahre dein Ansprechpartner war?

Gundermann: Wie soll ich das jetzt sagen. Ich habe doch in jedem Verein erstmal gedacht, jetzt bin ich bei den Schlauen gelandet. Und wenn ich bei den Guten bin, sind automatisch alle Sachen, die wir machen, gut. Mein eigener Maßstab hat sich erst später wieder eingeschaltet. Ich habe erst später gemerkt, dass die mich nicht als Partner behandeln. Ich hoffte, die warnen mich, wenn auf der Parteischiene wieder was gegen mich läuft. Haben sie aber nicht gemacht.

Also kein besonderes Verhältnis zu Stasch?

Gundermann: Das war nur der Nimbus. Die Leute selber habe ich mir bloß kluggeredet. Der Voigt zum Beispiel, der zweite, der ab und zu kam, der war immer unglücklich, weil er nicht verstanden hat, was ich ihm erklärt habe.


Warst Du ein guter Spion?

Gundermann: Nein. Glaube ich nicht. Die haben mich zwar in den Akten immer als ergiebig und gut eingeschätzt, aber das war doch auch bloß, damit die nach oben gut aussahen. Zum Beispiel nach der Ungarn-Kiste, wo ich zwei Fluchthelfer in die DDR locken sollte. Da habe ich mich so geschämt, weil da alles schief ging. Die haben alle gewusst, was ich für ´ne Larve bin. Aber die haben das als gute Operation eingeschätzt. Ich dachte, ich krieg' nur ´ne Obstschale, weil ich schlecht war. Aber da habe ich mich geirrt. Die fanden mich Klasse. Ich weiß auch nicht, warum.

Wenn du heute die Akte liest, was denkst du dabei?

Gundermann: Die ganzen Dinger mit Planschwindel aufdecken, melden, wenn die Chefs im Betrieb klauen, die Forderungen nach mehr Geld für die Basiskultur in Hoywoy, das ist alles okay. Wo ich für die Brigade Feuerstein gegensteuern wollte, wo was über FDJ und Partei schief lief, war zumindest gutgemeint. Aber was Scheiße ist, sind die persönlichen Sachen. Die Petzberichte, diese widerlichen Arien. Das ist ganz dolle Scheiße.

Aus welcher Motivation hast Du denn das gemacht?

Gundermann: Ich weiß es nicht.

Irgendwann kam der Punkt, an dem du nicht mehr hingegangen bist. Weiß Du, warum?

Gundermann: Ich war sauer geworden. Ein riesengroßer Apparat war mit einem Riesenaufwand damit beschäftigt, Kinderkacke zu produzieren. Diese blöde Sicherheitsdoktrin: wenn ein Mensch ein Problem hat, schafft man nicht das Problem ab, sondern den Menschen. Das ist mir aufgefallen, auch wenn ich ein langsamer Denker bin. Das ganze Land kochte, und die hatten nur Scheiße im Kopf. Zum Schluss bin ich nur noch hingegangen, um denen das begreiflich zu machen, Aber die wollten das nicht hören.

Aber du hast es versucht. War das naiv?

Gundermann: Ja, wahrscheinlich. Ich wollte immer meine Kraft zur Verfügung stellen, und merkte dann immer, daß ich Leuten diene, die überhaupt nüscht auf der Lampe haben. Ich bin dahintergekommen, dass ich die Verantwortung für mein Handeln selber übernehmen muss. Das ist die Lektion, die ich gelernt habe. Leider zu spät.

Wie hast du dann erlebt, dass du ein Thema für die wurdest?

Gundermann: Naja, eigentlich erstmal gar nicht. Ich habe mich ja nicht unbedingt mit der Stasi angelegt. Ich habe mich doch mit Werner Walde, dem SED-Chef von Cottbus, in den Haaren gehabt. Für den war ich ein rotes Tuch. Das ging soweit, dass wir 1988 überlegt haben, ob wir uns pro forma scheiden lassen, damit ich nach Berlin umziehen kann, und aus dem Herrschaftsbereich von dem Walde rauskomme. In Cottbus sind ja Filme und Lieder verboten worden, die überall anders liefen. Also bei SED und FDJ war ich für viele der Spezialfeind. Die hatten Leute auf mich angesetzt, haben Journalisten verboten, über mich zu schreiben. Darüber waren die Stasileute auch ziemlich unglücklich. Die arbeiteten ja mit mir, und dann wurde immer gesagt, dass ich der Böse bin. Von der Partei wurde alles, was ich machen wollte, torpediert: private Kulturinitiativen, Veranstaltungsreihen. Bloß ein Telefon haben wir sofort bekommen, als wir eins haben wollten. (lacht)

Ist das auch ein Grund, warum du nie den Sprung zum vollprofessionellen Künstler gemacht hast? Dass Du Angst hattest, von der Gnade irgendwelcher Kulturfürsten abhängig zu werden?

Gundermann: Ja, ich hatte keine Lust, mich prostituieren zu müssen, um die Band bezahlen zu können. Mir ist lieber, daß ich wie jetzt Konzertanfragen absage, weil ich Schicht habe, als dass ich rumrenne, und um Engagements bettele. Ich wollte mir damals immer die Freiheit bewahren, eine Mugge, die mir nicht passt, absagen zu können, auch wenn ich viel verdienen könnte, und dafür eine Sache zu machen, die mir gar nichts einbringt. Heute ist das im Grunde genommen noch viel schlimmer. Du musst dich schnell verbiegen, um zu überleben. Das will ich nicht. Aber schon durch die Band bin ich da nicht mehr ganz frei, denn die Jungs müssen ja verdienen.

Wie sind die Reaktionen auf die MfS-Sache? Mußt Du Angst haben, die Band und deine Familie bald nicht mehr ernähren zu können?

Gundermann: Der Chef meiner Plattenfirma, wusste es schon länger. Er verstand es. Vivi Eickelberg, die Managerin von Heinz Rudolf Kunze und Herman Van Veen, der ich das auch schon früher erzählt habe, hat es auch ziemlich unaufgeregt genommen. Auch die Silly-Leute, Tamara, andere Kollegen, denen ich es erzählt habe, und die Musiker meiner Band. Alle Leute, die im Osten mal Verantwortung getragen haben, wissen ja, dass ohne die oder gar gegen die nichts ging. Damals musste man die doch als Verbündete in Betracht ziehen, auch wenn das ein Risiko war. Die Alternative war totale Verweigerung - und scheinbar haben die Verweigerer recht behalten. Die können heute sagen: Wir haben eine weiße Weste, wir haben es schon immer gewusst, so wie wir gelebt haben, war es okay, alle anderen sind Schweine. Ich kann damit nichts anfangen. Ich muss immer was tun. Schade ist bloß, dass genau das Gegenteil von dem rausgekommen ist, was ich wollte: das Prinzip Sozialismus wurde auf allen Ebenen verheizt, nicht nur ganz oben, und ich habe mitgemacht. Ich habe Demokratie verhindert, ich habe dafür gesorgt, dass am Ende die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Idee war. Das ist meine Schuld, damit muss ich klarkommen. Was das Publikum jetzt zu der Sache sagt, weiß ich noch nicht. Wenn mich jetzt keiner mehr sehen will, kann ich das verstehen. Das ist ihr gutes Recht. Dann mache ich erstmal zwei Jahre Pause. Vielleicht haben sie mir ja danach verziehen.

Dienstag, 1. September 2015

Pankow live: Zuviel rumgerannt


den alten krimi so oft gelesen
rohe spaghetti zu viel gekaut
zu lange geschlafen
zu oft gebadet
und vor allem zu viel fernsehen geschaut
ich bin rumgerannt
zu viel rumgerannt
zu viel rumgerannt
ist doch nichts passiert

zu viele frauen nur angeseh'n
zu viel nur mit mir rumgespielt
zu viel gesoffen
zu viel geredet
zu viele nächte wo nichts passiert
ich bin rumgerannt
zu viel rumgerannt
zu viel rumgerannt
ist doch nichts passiert

das selbe land zu lange geseh'n
die selbe sprache zu lange gehört
zu lange gewartet
zu lange gehofft
zu lange die alten männer verehrt
ich bin rumgerannt
zu viel rumgerannt
zu viel rumgerannt
ist doch nichts passiert

ich bin rumgerannt
zu viel rumgerannt
zu viel rumgerannt
ist doch nichts passiert