Mittwoch, 28. Oktober 2015

Korrektur: Lincoln oder Washington, Hauptsache ich

"Washington in Washington. Und ich", schreibt Renate Künast unter ein Foto, das die Bundestagsvizepräsidentin vorm Denkmal von Abraham Lincoln zeigt. Und wo ist dieser Washington?

Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien, Lincoln oder Washington, Hauptsache Künast.

Montag, 26. Oktober 2015

Neubau in China: Eine Chance für Magdeburg

In China wird ein Stückchen Hannover nachgebaut, weil es so schön ist. Andere Städte könnten nachziehen - darunter auch die Hauptstadt Sachsen-Anhalts.

Dass Chinesen süße Bratwurst essen, Fisch am Tisch kochen und bei Sonnenschein am liebsten mit Schirm und Handschuhen aus dem Haus gehen, kann man seltsam finden. Doch was die Stadtväter der Sechs-Millionen-Metropole Changde jetzt ausbaldowert haben, mutet denn doch ein wenig bizarr an: Um ausländische Investoren und Touristen anzulocken, wie es offiziell heißt, soll auf zwei Hektar Fläche direkt am Yuanjiang-River die Innenstadt von Hannover nachgebaut werden.

Ja, Hannover. Geplant sind eine Fußgängerzone, die „Hannoversche Straße“ heißen wird, dazu ein „Leibniz-Platz“ und ein „Bahlsen-Platz“, wie Bauleiter Chiyang Peng über das 370-Millionen-Euro-Projekt verriet. Gebaut wird aus Fertigteilen, aber mit spitzen Giebeln, bunten Fassaden und engen Gassen. Einziehen soll später ein Mix aus feinen Hotels, Edel-Boutiquen, Modehäusern und Genießerlokalen. Ein Hannover eben, wie es noch niemand kennt, weil jeder bei dem Namen natürlich nur die triste Schnellbaustadt an der Leine vor Augen hat.

Die chinesische Idee eines verbesserten, ja, schönen Hannovers im Reich der Mitte hat aber gerade deshalb Potenzial für unsere Region. Auch Magdeburg, städtebaulich mit demselben Schicksal unsichtbarer Schönheit geschlagen wie die niedersächsische Landeshauptstadt, hat eine Partnerstadt in China. Idee aus Halle: Dort, in Harbin, könnte demnächst ein neues, hübsches Magdeburg entstehen!

Dienstag, 20. Oktober 2015

Ronald M. Schernikau: Deutsch­land in der Brat­pfanne

Vor 24 Jahren starb der Literatur-Exot Ronald M. Schernikau - nicht ohne zuvor sein großes, rätselhaftes Büchersammelwerk "legende" fertiggestellt zu haben.

Ganz am Ende tritt er dem Leser selbst entgegen. Ronald M. Schernikau, hasenzahnig lächelnd, die Brille im Gesicht groß wie eine Schaufensterscheibe, mit schulterlangem Hippie-Haar und einem Seidentuch um den Hals. Schernikau sieht harmlos aus - doch wer es bis hierher geschafft hat, auf Seite 836 seines Monumentalwerkes "legende", der weiß: Der Kerl ist alles, nur nicht das.

Allein die Geschichte des Buches spricht Bände. 1983, zwei Jahre nach seinem ersten kleineren literarischen Erfolg mit der Coming-Out-Geschichte "Kleinstadtnovelle", begann der damals 23-Jährige mit der Arbeit an seinem Hauptwerk. Fertig gestellt hat er es im Jahre 1991, gerade eben noch rechtzeitig vor seinem frühen Tod. Erschienen ist es erst jetzt, denn lange fand sich kein Verlag, der das überaus anspruchsvolle Buchbrikett veröffentlichen wollte.

Selber schuld, Schernikau. Hartnäckig hatte sich der gebürtige Magdeburger zum Sonderling des deutschen Literaturbetriebes stilisiert: Nachdem seine Eltern 1966 nach Lehrte bei Hannover umgezogen waren, trauert das "Kind, das lieber lacht als Spaß hat" (Sch. über Sch.) der verlorenen Heimat DDR nach. Ohne nachzulassen tut er das und schafft es schließlich wirklich, 1986 die Zulassung für ein Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig zu bekommen.

Seinen Kommilitonen muss Schernikau vorgekommen sein wie ein Wesen von einem anderen Stern: Ein Wessi, der für den Kommunismus glüht, ein Wohlstandsbürger, der die Mangelwirtschaft als Erlösung vom Konsumterror feiert. Am ersten September 1989 ist Schernikau am Ziel seiner Wünsche, als die untergehende DDR seinem Antrag auf Erteilung der Staatsbürgerschaft zustimmt.

Ein komischer Kauz, unbrauchbar für jede moderne Vermarktung. Acht Jahre immerhin benötigte Thomas Keck, Schernikaus Lebensgefährte und Erbe, um aus dem Buchprojekt ein Buch zu machen. Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Matthias Frings und Peter Hacks, die für 135 Mark jeweils ein Exemplar der Erstausgabe vorbestellten, konnte der kleine Dresdner Goldenbogen-Verlag die Finanzierung der regulären Auflage absichern, die für 65 Mark in den Handel kommt. Dafür wird allerdings eine Menge geboten. "Sie müssen bedenken", entschuldigt der eigensinnige Poet eingangs seine nachfolgende Jagd durch Zeiten, Stile und Zitate, "dass ich gezwungen war, mein Spätwerk schon in meinen Dreißigern zu schreiben." Schernikau, bekennender Schwuler, war an Aids erkrankt und wusste recht zuverlässig, dass er nach "legende" nichts weiter mehr würde schreiben können.

Folglich hat er alles zwischen diese beiden schwarzen Leinenrücken gepresst: Neun Bücher, aufgeteilt in durchnumerierte Kapitel mit Namen wie "Beruf Eros Ramazotti", "Hüter der Kugelvase" oder "Der Neffe von Ulla", allesamt von wunderlicher Gestalt und rätselhaftem Inhalt. Deutlich wird nur wenig. Etwa, dass im Zentrum der Schernikauschen Legende eine Stadt steht wie das einstige Westberlin, in dem der Dichter lange lebte. "wie das eigelb im spiegelei liegt die insel mitten im land. wie das spiegelei in der bratpfanne liegt das land in der welt", beschreibt er, praktisch und pathetisch zugleich, die Insel, die den Schauplatz abgibt für eine Handlung, die irgendwo zwischen Arno Schmidts "Kaff auch Mare Crisium" und "Ulysses" von James Joyce spielt.

Bei Ronald M. Schernikau treten eingangs vier Götter auf, die fifi, kafau, stino und tete heißen und beauftragt sind, des Schokoladenfabrikanten anton tattergreis' Nachfolger janfilip geldsack zu retten. Der ist angesichts seiner Allmacht traurig, weswegen er über die Heirat mit einer Kommunistin nachdenkt, um sich selbst auszulöschen. "Ich soll mich nicht mehr geben. es soll keinen mehr geben wie mich, niemals mehr."

Das lässt erahnen: Typografisch von Schernikau selbst sehr geschmackvoll gestaltet, ist "legende" nicht unbedingt eine unbeschwerte Strandlektüre. Hier ist Mitarbeit unabdingbar, gelegentliches Blättern Grundvoraussetzung zum Verständnis, das dennoch eingeschränkt bleibt. "legende" ist enigmatisch, Literatur in einem unbekannten Code. Unentwegt springt das Buch durch verschiedene Perspektiven, trotzig umkreist Schernikau seine Themen, sich näher und näher schiebend, um plötzlich unvermittelt abseits weiter zu plaudern.

Im richtigen Leben soll er schüchtern gewesen, aber hin und wieder trotzdem ein offenes Wort gewagt haben. Zur falschen Zeit an der falschen Stelle meist - etwa in der Endphase des Untergangs der DDR, als er seine ostdeutschen Schriftsteller-Kollegen in flammenden Worten vor dem "Maß an Unterwerfung" warnte, das "der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt".

Ausgelacht ist er worden, aufgegeben hat er nicht. Hier kommt dieselbe Botschaft, vielfach verpackt in Szenen, Verse, Miniaturen. Ein Buch wie ein Steinbruch, der rote Faden sorgfältig versteckt unter Geröll und Versschutt. Schernikau erzählt von seinem eigenen Tod, von der Weltrevolution, vom Haareschneiden und vom Ficken in der Parktoilette. Mal wird es beim Er-zählen ein Gedicht, mal etwas wie ein Essay, dann wieder ein dahinwabernder Monolog: "ich möchte ich möchte ich möchte paar locken Dich ein känguruh möcht ich weil ich hab' Dich lieb ja du da Dich".

Ja, Sprachkraft hat Schernikau und Frechheit, doch sein Ehrgeiz, die letzten Dinge zu sagen und sein Hang, ein Monument zu bauen und allen Lächlern und Zweiflern von ganz oben aus dem Wolkenkuckucksheim die Zähne zu zeigen, stehen dem Lektüre-Genuss entgegen. Brüche und Rückblenden zerren die an die Bibel erinnernde "legende" durch den Zerhacker, immer wieder geht die Formulierungsfreude dem Autor durch, bis kein Wort mehr etwas bedeutet.

Was dem Poeten selbst nicht entgangen ist. "schon an dieser stelle die erste rückblende, um den leser auf die übergroße komplitesse des erzählwerks vorsichtig vorzubereiten", schreibt er irgendwo zwischendurch, wo vermutlich schon kein Leser mehr hinkommen wird. Wie Sysiphus hat Schernikau an diesem Monstrum von einem Buch gearbeitet, größenwahnsinnig, selbstverliebt und brillant, besessen von der Aufgabe, mit Worten die Welt zu verändern. "Der Kommunismus wird siegen werden", heißt es zum bitteren Finale. Die Insel wird anschließend offiziell zum Friedhof erklärt und aus der Luft geweiht. 


Kein Schlussakkord, ein Fadeout.

Und heute ein Triumph: Bei Amazon ist die "legende" derzeit zwar zu bekommen. Für 280 Euro.

Ronald M. Schernikau: "legende", verlag ddp goldenbogen, Dresden 1999, 845 Seiten, ursprünglich 32,50 Euro

David Gilmour: Gitarrist auf Freiflug

Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour träumt auf seinem Solo-Album „Rattle that lock“. Und er klingt dabei, als sei er ganz allein Pink Floyd.

Es war natürlich eine freiwillige Gefangenschaft, die im vergangenen Jahr endete, als mit David Gilmour und Nick Mason die beiden verbliebenen Mitglieder von Pink Floyd bekanntgaben, nach dem Album „The Endless River“ keine weiteren Floyd-Platten mehr veröffentlichen zu wollen. Immer der Erwartungsdruck, immer die Sehnsucht der Fans, noch einmal ein „Wish you were here“ oder "Dark side of the moon" geliefert zu bekommen. Da muss das Ende irgendwie auch befreiend wirken.

David Gilmour, der seit dem Ausstieg von Roger Waters Mitte der 80er zum musikalischen Chef der Supergruppe aufgerückt war, feiert das am liebsten, indem er Solo-Alben veröffentlicht, die in der Regel nicht viel anders klingen als seine Aufnahmen mit der Gruppe. Seit Roger Waters dort ausgestiegen war, prägte Gilmour, der spät hinzugekommene Ersatz von Syd Barrett, den Sound der Band. Naturgemäß prägt er auch den seiner Alleingänge.

„Rattle that lock“, Soloalbum Nummer vier des Gitarristen, nimmt die schwebende Atmosphäre des endlosen Flusses auf. Unterstützt von einem Heer an Promifreunden mit David Crosby, Graham Nash und Phil Manzanera an der Spitze, baut das in edler Verpackung verkaufte Werk in seinen besten Momenten dieselbe Stimmung auf wie einst „Us and them“ oder später „High hopes“.

Das liegt nicht nur daran, dass Gilmour seine patentierten Gitarrenklänge liefert, sondern auch an Details wie dem verhuschten Sprechgesang zu Beginn von „A boat lies waiting“ oder der Melodieführung in „In any tongue“, die jeden Floyd-Fan an die guten alten Zeiten erinnern wird, als dieses Lied so ähnlich noch von der größten Band der Welt auf den allergrößten Bühnen gespielt wurde.

Gilmour ist dem Alter entrückt, in dem er den Vorwurf des Selbstplagiats fürchten musste. Zudem sind hier die Songs, in denen er bei seinem Leisten bleibt, viel besser als die, in denen er versucht, mal alles ganz anders zu machen.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Glen Hansard: Mission Mitsingen

Ausverkaufter geht es nicht. Um den gesamten Häuserblock der Konzerthalle Täubchenthal in Leipzig zieht sich die Schlage der Fans vor dem Konzert des irischen Folk- und Rocksängers Glen Hansard. Glen wer? Vom Namen her ist der Ire dem breiten Radiopublikum nicht unbedingt bekannt. Doch seit er vor neun Jahren in der Kinoromanze „Once“ nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern zum Film mit dem Song „Falling Slowly“ auch einen Superhit lieferte, hat der gebürtige Dubliner weltweit keine Probleme, Hallen fast beliebiger Größe zu füllen.

In Leipzig ist er zum ersten Mal, begleitet von einer neunköpfigen Band, der Sängerin Lisa Hannigan und seiner alten, vorn völlig durchgescheuerten Gitarre, die jeder Fan aus „Once“ kennt. Was der Mann, der vor seiner großen Karriere jahrelang als Straßenmusiker um die Welt zog, in den folgenden 140 Minuten bietet, ist kaum mit Superlativen zu fassen: Hansard, haucht und schreit, er schwelgt und wimmert, er singt und lässt immer wieder singen.



Der 45-Jährige hat die Lieder dazu. Bereits mit den Frames, der Band, die er nach „Once“ verließ, zauberte er Hymnen am Fließband, Lieder halb aus irischem Folk, halb aus US-Rock gestrickt. Diese Wurzeln sind bis heute geblieben, auch wenn die neue Band mit ihren Streichern und Bläsern alte Frames-Stücke wie „Revelate“ und neue Songs wie „Didn't He Ramble“ eher im klassischen Van Morrison-Stil interpretiert.

Hansard aber, der als 13-jähriger seine ersten Straßenauftritte absolvierte, bleibt immer der Mann in der Mitte. Er nimmt das Tempo raus, lässt die Zuschauer singen, spricht ein bisschen Deutsch und scheint tief im grauen Bart beständig zu schmunzeln - vor allem, wenn ihn sein Publikum ohne Worte versteht. Bei „Her Mercy“ etwa bittet er um Chorunterstützung im Refrain, „ein bisschen wie ein Gospelchor“ solle es werden, sagt Hansard. Und bekommt eine ganze Kirche voll, als sei das alles einen Tag zusammen geübt worden. Auch den Fans gefällt es, sehr sogar: Als das Lied auf der Bühne beendet ist, singen sie so lange weiter, bis auch Hansard noch einmal mitmacht.

Der Ire arbeitet für sein Geld. Nassgeschwitzt und ruhelos zieht er alle Register. „Minds made up“ ist ein wildes Rockspektakel, „Say It to Me Now“ dagegen singt er ohne jede elektrische Verstärkung vom Bühnenrand in den andächtig lauschenden Saal. Als zum oscarprämierten „Falling Slowly“ auch noch die frühere Damien-Rice-Mitsängerin Lisa Hannigan auf die Bühne kommt, um das von Hansard einst mit Filmpartnerin und Lebensgefährtin Markéta Irglová gesungene Schmerzensduett „Falling Slowly“ zu geben, badet die Halle in Herzschmerz.

So traurig, so schön, dass Glen Hansard niemanden so nach Hause gehen lassen will. Zusammen mit der Band marschiert er zum Finale mitten hinein ins Publikum und zelebriert Dick Blakeslees alten Polit-Song „Passing Through“.




Dienstag, 13. Oktober 2015

GEZ: Kampf um die Ventilkappe

Wer seinen Rundfunk-Beitrag nicht zahlt, muss mit platten Reifen rechnen.Wenn das nicht zusätzliche Sympathien bringt! Seit die einstige GEZ-Gebühreneinzugszentrale als „ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice“ nicht mehr schnöde „Rundfunkgebühren“ erhebt, sondern „Rundfunkbeiträge“ einzieht, haben sich die Fronten zwischen zuschussbedürftigen Anstalten und zahlungsunwilligen Zuschauern verhärtet. Die einen dringen auf prompte Zahlung. Die anderen protestieren gegen fehlende deutsche Schlager, verweisen auf den fehlenden Fernseher oder kritisieren, dass Putin immer so schlecht wegkommt, wenn sie doch mal einschalten. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist aber nun mal kein Wunschkonzert und Rundfunkbeitrag keine Kann-Bestimmung: Wer theoretisch gucken könnte, muss praktisch bezahlen.

Tut er es nicht wie offenbar Millionen Deutsche, zieht der Beitragsservice andere Saiten auf: 891 000 Mal bat die weltweit einzige Institution ohne offizielle Abkürzung örtliche Behörden um Amtshilfe beim Eintreiben von Außenständen. Das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 27 Prozent, dem mit allen nur erdenklichen Maßnahmen entgegengewirkt wird. Beitragsschuldige Autobesitzer etwa bekommen in Nordrhein-Westfalen sogenannte Ventilwächter an die Reifen gesteckt - kein Fahren mehr, bis ARD und ZDF ihr Geld haben.

Die ersten Meldungen darüber führten naturgemäß zu einem großen Frohlocken bei allen, die kein Auto haben. Haha, Pech gehabt, GEZ! Alle anderen müssen mit verschließbaren Ventilkappen vorsorgen: Einmal abgeschlossen, kommt kein Gebührenfahnder noch einen Ventilwächter ans Rad.

Montag, 12. Oktober 2015

Borussia als Buch: Literaten begegnen der Lei­den­schaft

Zwei Dutzend Schriftsteller aus der Autoren-Nationalmannschaft haben die desaströse letzte Saison von Borussia Dortmund begleitet.

Dramatisch war sie, historisch einmalig. Mit glimpflichem Ende. Aber alles in allem katastrophal, die letzte Saison des Dortmunder Fußballvereins Borussia. Aber all das konnte Moritz Rinke nicht wissen, als er die Idee hatte, zwei Dutzend Schriftstellerkollegen aus der Autoren-Nationalmannschaft zu bitten, den Fußballbundesligisten über ein Jahr lang zu begleiten. Ziel des Unternehmens sollte es sein, sich dem Phänomen BVB literarisch zu nähern, das gelb-schwarze Emotionszentrum des deutschen Fußballs zu erkunden und zu erklären.

Dass das daraus entstandene 240-Seiten-Buch "Man muss ein Spiel auch lesen können" nun ausgerechnet aus dem Jahr erzählt, in dem die Macht von der Ruhr wackelte und wankte wie lange nicht, ist in der gedachten Konstellation von Vorteil. Keinen aalglatten Siegeszug beschreiben Autoren wie Joachim Król, Monika Marion und Thomas Brussig. Sondern ein verwirrtes Suchen um festen Stand, ein Ringen um Selbstverständlichkeiten, einen Überlebenskampf, den Luxuskicker führen müssen, die für gewöhnlich um Titel und nicht gegen den Abstieg spielen.


Ein Dramolett in 26 Akten hat das Tagebuch des Schreckensjahres so werden müssen - aber wie hübsch haben es die zu den Heimspielen herbeigereisten Autoren aus der ganzen Republik angerichtet! Alle Genre finden sich bedient, von der Reportage über die Reflektion bis hin zum Großgedicht "In der Wand". Und alle Register feiern den BVB als ein Ding, das weit mehr ist als ein Fußballverein.

Familie. Heimat. Krimi. Thriller. Erbe. Ausdruck einer Massenpsychose. Der erliegen auch die Literaten, obgleich sie von Haus aus größtenteils Fans ganz anderer Klubs sind. Doch die Anwesenheit im Westfalenstadion, obschon es heute technokratisch "Iduna-Nova-Park" heißt, verwandelt die argwöhnischen Skeptiker wie die neugierigen Novizen in Gläubigem, deren Notate die Wunderkraft des BVB selbst als wankende Fußball-Supermacht bezeugen.

Ist es so? Oder spielt hier eine Rolle, dass der <>-Sponsor Eon sich seine Unterstützung des Auswärtspieles der Autorenmannschaft sicher nur ungern mit Meckertexten über Fußballmillionäre und Champions-League-Gigantomanie hätte vergelten lassen?
Dahingestellt. Gerade weil die Seuchensaison des <>, die mit dem Abschied von Traineridol Jürgen Klopp enden wird, keinen Platz für eindimensionale Siegeshymnen ließ, wirkt "Man muss das Spiel auch lesen können" alles in allem authentisch, obwohl es naturgemäß Partei ergreift. Der mit dem letzten Spiel geschiedene Spieler Sebastian Kehl, ein Borusse bis ins schwarz-gelbe Knochenmark, lobt denn in seinem Nachwort auch uneingeschränkt: "Es ist keine einfache Chronik, sondern eine kleine Liebeserklärung."


Mittwoch, 7. Oktober 2015

Günthi Krause: Ein Nachmittag im Erinnerungshotel


Nach 50 Jahren im Geschäft dachte der Conférencier schon einige Jahre vor senem Tod ans Karriereende - aber Aufhören konnte er dann doch nie.

Diese verfluchten Zelte. Wie ein Stadion so groß, weiß wie ein Krankenzimmer, kahl und leer. "Keine Atmosphäre", befindet Günther Krause, "ich muss nur einen Schritt reintun, um zu wissen, dass das nicht schön wird." 20 Leute auf 800 Quadratmetern, Baumarktgestühl, Pappteller und Plastikbecher. Der Hallenser Günther Krause, als Conférencier Günthi Krause fast ein halbes Jahrhundert eine Institution der hohen Kunst der Programmansage, lässt seine Gesichtszüge kurzzeitig entgleisen. "Buhh" blasen die Backen, "uhh" jammern die Mundwinkel.

Doch keine Sause ohne Krause! Entschlossen beißt er in seinen Pfannkuchen. "Da heißt es kämpfen", orgelt die sonore Mikrofonstimme. Aufgabe eines Conférenciers sei es, für andere "den Teppich auszurollen und Spannung" aufzubauen . "Manchmal bleibt da nur ein alter Trick", grient Krause mit goldenem Blinken, "dass man sich an die Damen ranschmeißt oder ein paar Witze rauszaubert."
Keiner kann das besser als der schlanke Herr mit dem weißen Schopf, der einst angetreten war, die großen Heldenfiguren zu spielen. Ein Schmunzeln blitzt: "Und die Liebhaber natürlich."

14 ist Günther Krause, als ihm aufgeht, dass er Schauspieler werden will, ja, werden muss. "Wenn ich ins Kino ging, habe ich immer gedacht, das kannste auch." Vorerst verhindern Krieg und Einberufung den Karrierestart des gebürtigen Erfurters. "Ich kam nach Italien, wurde verwundet, die Franzosen nahmen uns gefangen und brachten uns rüber nach Afrika." Schwere Zeiten für Oberfähnrich Frohnatur. Das linke Bein ist kaputt, der Unterarm zerschossen. Es gibt kaum etwas zu essen, der einzige Trost sind die Proben der Häftlings-Theatertruppe. "In Tunis habe ich abends oft wach gelegen und gedacht, das war's, hier kommst du nicht mehr lebend weg."

Drei Jahre dauert das Martyrium, und erst als Krause schon glaubt, der Krieg würde nie mehr enden für ihn, bringt ihn ein Schiff zurück nach Hause. Hurra, wir leben noch! "Das erste, was ich gemacht habe, war die Aufnahmeprüfung." Talent bescheinigen ihm alle auf der Schauspielschule. "Und ich habe dann auch ganz manierliche Rollen gespielt", sagt der Mime stolz.

Bei 350 Mark Gage aber musste man sehen, dass die Butter zum Brot anderswo verdient wird. Günther Krause, der gemeinsam mit Rolf Hoppe am Theater der Jungen Garde in Halle engagiert ist, beginnt zu tingeln und in Dorfsälen und Stadthallen bunte Programme anzusagen. Der Solo-Erfolg kitzelt das Selbstbewusstsein. "Ich habe schnell gemerkt, das ist meine wahre Bestimmung."
Gelacht und mitgemacht

Ein Dampfplauderer ist Krause, eine Quasselstrippe, ein schnatternder Sonnenschein in jedem trüben Saal der DDR. "Günthi" nennen sie ihn und schon der Name kommt daher wie ein festgebügeltes Lachen. "Gelacht und mitgemacht" oder "Scharfe Blitze - dufte Witze" heißen die Programme, mit denen der Charmeur über Land zieht, begleitet von Sängern, die sich "Die 3 singenden Optimisten" nennen. "500 Mal sind wir damit aufgetreten", schwärmt er, "dann kamen die Einladungen an große Häuser."

Die Karriere des Quasselkrause, der 180 Silben in der Minute ins Publikum sprudeln kann, nimmt einen steilen Aufschwung. Lindenhof, Steintor, Friedrichstadtpalast - die Beweise hütet Krause sorgsam in Mappen und Klemmheftern, ganze Stapel Programme, Fotos und Zeitungsausschnitte erzählen in der kleinen Altneubauwohnung von der großen Zeit des Varieté. "Die Menschen standen oft stundenlang an, um uns zu sehen", schwärmt Krause beim Durchblättern mit verhangenem Blick. Zeiten waren das. Zeiten! "Der Günthi" ist in jenen Tagen ein Star, ein Mann, den die Frauen anhimmeln und die Kollegen mögen.

Er ist Stammgast im Fernsehen und auf den großen Pressefesten, er plaudert mit SED-Größen wie Achim Böhme und Horst Sindermann, und mit dem DDR-Staatszirkus darf er sogar mal eine richtige BRD-Tournee absolvieren. Krause fügt sich leicht in die Spielregeln der sozialistischen Unterhaltungskunst. Aufmucken und Ducken, Protestieren und Funktionieren. Humor ist, wenn man trotzdem lacht - Günthi Krause gleicht so dem ultimativen Gesamt-DDR-Bürger. Er tritt in die Nationaldemokratische Partei ein, um den Werbern der SED "den Wind aus den Segeln zu nehmen". Bei Großereignissen ist er unschlagbar im spontanen Vorlesen von Conférence-Texten, die sicherheitshalber anderenorts verfasst wurden. Hier und da kassiert er ein Auftrittsverbot, "weil meine Witze zu scharf waren". Und entschlüpft am Ende unbeschädigt, denn "wenn es gar nicht ging, hat der Sindermann die schon zurückgepfiffen".

Richtige Privilegien aber habe er nie gehabt, sagt er heute, mit 78 ein straffer Kerl mit präsidialen Gesichtszügen. "Wir haben immer zur Miete gewohnt, und als ich einen Volvo kaufen sollte, hat meine Frau gesagt, den wollen wir nicht." Günthi, die Conférence-Legende, gurkt weiter mit seinem VW Käfer durchs Land, 65 000 Kilometer im Jahr und jeder davon "selbst gefahren". Nur als der treue Volkswagen es nicht mehr macht, nutzt Krause seine Beziehungen. "Ein Bekannter ist mit einem Käfer in die DDR gekommen, wir haben die Nummernschilder getauscht, und er hat meine alte Karre mitgenommen."


So ist die Welt prima eingerichtet für den Sauna-Fan und Ausdauerschwimmer, der bis heute regelmäßig um seinen Ruf als Frauentyp krault. In der kleinen DDR ist er der Ansager für alle Fälle, ein Name mit Klang, wenn auch manchem unklar bleibt, was da klingt. Aber keine Sause ohne Krause!

"Das Angebot aus Bayern hat uns über die Wende gerettet", umschreibt der Allgegenwärtige zwischen zwei Schlucken Gesundheitstee. Im Osten ist 1990 nämlich plötzlich Pause auch für Krause. Keine Angebote, keine Auftritte, alle Verbindungen gekappt. Ein Fangschuss für die Eitelkeit des Entertainers. Drei Jahre überwintert der Possenreißer aus der Provinz als Anheizer in einem Freizeitpark, "sechs Vorstellungen am Tag, meine Frau musste die Kasse machen". Nein, er wird sich nicht beklagen: "Denn dann ging es ja zum Glück wieder los."

Er kann nicht anders, er gibt es zu. "Als meine Frau gestorben war, dachte ich, ich kann nie mehr auf eine Bühne steigen." In Zeitlupe nur stolpern die Worte jetzt, und die Augenwinkel schimmern. "Aber nach ein paar Monaten wusste ich, dass ich wieder vor die Leute muss." Es ist eine Sucht, eine Droge, das Witze-Erzählen und Plaudern, den Leuten nahe sein und ihren Applaus prasseln zu hören, egal ob bei der Gala im Altenheim oder auf der Baumarktschaffe. "Ohne das gehe ich ein."
Sollen sie doch ihre neumodische Comedy machen. Sollen sie seine Späße schal und seinen Witze von vorgestern nennen. Sein Publikum frisst ihm immer noch aus der Hand, oder? Die Anfragen stapeln sich! Damen strahlen, wenn er einmarschiert. Und Kollegen von früher staunen: "Mensch, bist du jung geblieben!"

Keine Sause ohne Krause, sagt er dann, weil die alten Kalauer doch die besten sind. Er fühlt sich toll in Schuss, Bombenform, kein bisschen müde. Aber nur noch ein Jahr, schwört der Conférencier, dann ist Schluss. Kein Witz! Günthi Krause schmunzelt golden. Er hat gerade erst begonnen, seinen eigenen Abgang anzusagen. Der Teppich liegt, die Spannung steigt.