Freitag, 18. Dezember 2015

Neue Leiden des jungen O.


Der Ton macht die Musik im ersten Roman des aus Halle stammenden Theaterregisseurs Dirk Laucke. Schnoddrig ist der, ein langes, selbstvergewisserndes Selbstgespräch des Erzählers Phillip, der mit seinem Leben hadert, wie das Heranwachsende häufig tun. In "Mit sozialistischem Grusz", einem 200-seitigen Bändchen zwischen Paperback und Leinenbindung, hat der Held allen Grund dazu: Das Leben im Bitterfeld der bundesrepublikanischen Gegenwart ist grau, der Alltag trist, die Mutter irgendwann in den Westen weggelaufen und der arbeits- wie antriebslose Vater nur noch ein Schatten früherer Tage. Dann fängt er auch noch an, auf einer alten "Erika"-Schreibmaschine wirre Briefe an die abwesende Frau Honecker zu schreiben, aus Sorge um den antriebslosen Sohn, der auch mal was aus sich machen müsste. 

Die "ß"-Taste klemmt, deshalb muss Hermann Odetski ersatzhalber immer ein "s" und ein "z" in die Tastatur hacken. Eine Adresse von Margots chilenischem Exil existiert im Haushalt auch nicht, so dass der Vater den Sohn beauftragt, die Anschrift irgendwie mit diesem Internet rauszukriegen.
Der Beginn einer Vater-Sohn-Geschichte, die zwischen absurder Groteske und erdverbundenem Gegenwartsroman schwankt. Die Schnapsidee, die ehemalige Volksbildungsministerin um Erziehungshilfe zu bitten, schafft die Basis, auf der die beiden längst wort- und verständnislos nebeneinanderher lebenden Männer wieder miteinander kommunizieren können.


 Für Laucke, der zuletzt im ebenso gefeierten wie angefeindeten wie angefeindeten Theaterstück "Ultras" gezeigt hat, wie nah er der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu kommen bereit ist, lässt seinen scheiternden Hauptdarsteller Phillip sprechen wie seinerzeit Ulrich Plenzdorf in "Die neuen Leiden des jungen W." seinen Edgar Wibeau reden ließ. Streng subjektiv, detailgenau und selbstkritisch, dabei ironisch ohne Schenkelklopfen und bekifft, ohne berauscht zu sein.


So ein Buch hat ein Ende, aber ein Happy End kann es nicht haben. Hier kommt irgendwann ein Hochwasser, der Vater rafft sich wieder auf, Frau Honecker wird nicht mehr gebraucht. Phillip geht nun doch nach Berlin.


Montag, 14. Dezember 2015

Karl die Große: Er­wach­se­n-Pop mit Stil und Verstand




Wäre Sven Regener, der Sänger der Berliner Deutschrock-Band Element of Crime, eine Frau, dann würde er vielleicht so klingen wie Wencke Wollny. Die ist Sängerin der Leipziger Band mit dem schönen Namen Karl die Große - und die wiederum hat mit "Dichter bei den anderen" gerade ein Debütalbum vorgelegt, das nicht nur im musikalischen Ausdruck an den lapidaren, knochentrockenen Stil der Regener-Truppe erinnert.

"Dichter bei den anderen" vermeidet die große Geste zugunsten lakonischer Beschreibungen. In "Meer" begleitet eine zart gezupfte Gitarre Wollny, die "Karl" genannt wird und mit ihrer Körpergröße von 1,86 Metern Namenspatin des Quintetts war. "Siebenmeilenstiefel" beginnt mit Elektro-Geblubber, stampft dann aber in einem schrägen Jazz-Rhythmus voran. Mit Posaune, Klarinette, Bass, Gitarre und Keyboards haben die fünf Studenten der Leipziger Musikhochschule alles zur Verfügung, um manchmal so zu klingen wie der späte Sting, manchmal aber auch wie die deutschen Kapellen Fink oder Erdmöbel.

Das Eigene, das Wollny, Posaunistin Antonia Hausmann, Klarinettist Simon Kutzner, Gitarrist Yoann Thice und Schlagzeuger Clemens Litschko hier einbringen, steckt nicht nur in der Mischung, sondern auch in Texten voller Widerhaken. Clueso-Fan Wencke Wollny spielt mit Worten, bricht Harmonien, reimt doppeldeutig "halt dich fest/woran du glaubst".

Heraus kommt Kopfmusik, sechsmal Kammerklang wie in "Weitergehen" und "In Ketten". Karl die Große ist der Sound für kalte Winterabende mit viel Zeit zum Nachdenken. Eine Entdeckung, die zu hören lohnt.

Zum Video der Band:
www.bit.ly/karldiegroße

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Der Sound zum Buch zum Film zum Pullover


Internet-Händler kennen ihre Kunden besser als die sich selbst - Psychogramm entsteht aus Netzwerk von Daten

Wie klingt Harry Potter? Welchen Sound hat Erich Fromm? Und was liest, wer Jennifer Lopez hört? Dass ausgerechnet Marius Müller Westernhagen Leute fasziniert, die Romane von Stephen King sammeln, läßt sich vielleicht noch denken. Doch dass auch Menschen, die Montak Chias Sex-Ratgeber "Öfter, länger, besser" lesen, dabei an des dünnen Barden Lippen hängen, hätte wohl niemand gewusst.

Gäbe es nicht Jeff Bezos, Chef und Gründer des weltgrößten Internet-Buchladens amazon.com. Der jedoch erkannte schon vor Jahren, dass ein Internet-Shop seine Kunden nicht einfach mit einem Angebot von ein paar hunderttausend Büchern und CDs allein lassen darf. Nein, wie der Händler vom Tante-Emma-Laden an der Ecke muss er seine Besucher und ihre Vorlieben kennen.


Wenn solches Wissen Macht ist, ist Bezos deutsche Dependance amazon.de unglaublich mächtig. In der Datenbank des eCommerce-Pioniers webt eine komplexe Software aus den Datenspuren von täglich zehntausenden Besuchern ein deutsches Psychogramm, das vielleicht mehr über den Gemütszustand der Nation verrät als mancher schlaue Aufsatz. 


Denn Amazon weiß: Wer Harry Potter liest, liebt die Beatles. Wer sich für den neuen John Grisham vormerken läßt, verkürzt die Wartezeit bis zum Erscheinen mit dem Abhören des Albums "Black & Blue" von den Backstreet Boys. Und späte Interessenten für Karl Marx' "Kommunistisches Manifest" lesen zwar nebenbei hin und wieder beim Anarchisten Ernest Mandel. Musik aber hören sie dabei offenbar nicht.

Kein roter Faden durch die Daten. Zwischen den gesammelten Hits der US-Schauspielerin Ally McBeal, besonders ausdauernd gehört von den Leserinnen des Standardwerkes "Machiavelli für Frauen", und dem Wiso-Buch "Börseneinführung", dessen Käufer sich häufig gleich noch die Craig-David-CD mit dem feinen Titel "Born To Do It" einpacken lassen, schimmert ein weites und weitestgehend unentdecktes Reich, in dem Nachbarn leben, die wir nicht kennen, und Freunde, von denen wir so gut wie nichts wissen.


Oder wer ist das sonst, der Liebesromane von Marc Levy kauft, die "Solange Du da bist" heißen - und sich dazu die zuckersüße CD "It's only love" von Simply Red anhören mag? Der Christoph Ludewigs Existenzgründerbibel "eCommerce im Internet" schmökert und derweil Metallica samt Sinfonieorchester aus den Boxen ballern läßt? Der schließlich zu Erich Fromms Werk "Die Lust des Liebens" den gottesfürchtigen Soul der Söhne Mannheims auflegt? Die amazon-Datenbank, die sich aus Verkaufszahlen, zufälligen Übereinstimmungen und auffälligen Häufungen nährt, erzählt die Geschichte des Deutschland von heute als Geschichte deutscher Vorlieben. Nichts bleibt ihr verborgen.


Wer Bestseller-Bücher von Joanne K. Rowland oder Thomas Harris ("Hannibal") liest, ist empfänglich auch für Bestsellermusik von Madonna, U2 und Jennifer Lopez. Doch dem Individualisten, der mit Daniel Colemann auszieht, die "Emotionale Intelligenz" zu erforschen, gleicht er dennoch aufs Haar: Was dem einen Mark Knopflers unaufregendes Alterswerk "Sailing To Philadelphia", ist dem anderen das schummrige Summsen auf Jimmy Smiths traurigem Album "Dotcomblues".


Es gibt keinen persönlichen Geschmack mehr im Konsum, alles ist Mainstream, Kalkulation, Marktnische. Jede Kombination ist nur ein wiederkehrendes Muster, das verarbeitet, gespeichert und als Matrix bereitgehalten wird. Häufig aber ist die Empfehlungssoftware, die nichts von Stil und Geschmack ahnen kann, mutiger als es jeder menschliche Händler wäre. Sie deckt auf, was wir nie wissen wollten: Dass Freunde der samtenen Greatest Hits von Sting von Zeit zu Zeit mit Eugen Drewermann in der Sofaecke versinken, um in "Das Eigentliche ist unsichtbar" die Geschichte des "Kleinen Prinzen" tiefenpsychologisch zu deuten.


Wobei Drewermann-Leser gleichermaßen auch potentielle Santana-Hörer sind, die dieser Tage vergleichsweise häufig zu Patricia Cornells Thriller "Brandherd" greifen, dessen Käufer wiederum James Pattersons "Sonne, Mord und Sterne" längst im Regal stehen haben. Direkt neben dem schwülwarmen "Lovers Rock" von Sade und Enyas Säusel-Pop auf "A Day Without Rain" übrigens.
Solches Wissen verwirrt nur noch. Wenn einer Joachim Witts "Bayreuth II" besitzt, ist er dann wirklich ein potenzieller Leser von Jens Oliver Haas' Büchlein "101 Gründe, ohne Frauen zu leben"? Muss, wer Rainald Goetz liest, zwingend den Schrägrock von Tocotronic ertragen können? Und warum sind die Anhänger von Horrorautor Dean Koontz auch Bewunderer von Fräulein-Wunder Britney Spears?


Psychologie muss versagen vor der Vielzahl der Wege, die im Datendickicht von Harry Bloch zu Udo Lindenberg, von Akardi Strugatzki zu "Best of Deep Purple" und Radioheads "Kid A" führen. Die ganze Welt ein Geflecht aus Referenzen. Kunstgeschmack ein Gebäck aus sich überlagernden Links. Der Speicher weiß alles und verrät doch nichts. Laut Amazon.de bevorzugen die Leserinnen des "Machiavelli für Frauen" nicht nur die kratzbürstige Ally McBeal. 


Sondern auch den Gleitcreme-Pop von Lionel Richie.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

So schön untergehen mit Emily St. John Mandel: In einer lichten Düsternis

In ihrem neuen Buch schaut die Kanadierin Emily St. John Mandel der Menschheit beim Untergehen zu.

Es ist alles vorbei, vorüber, überstanden irgendwie, als die Kamera auf Arthur Leander fährt, den großen, alten Mimen, der an einem kleinen Theater noch einmal den König Lear gibt. Leander, auf seine ganz eigene, eigentümliche Weise in den Beruf des Schauspielers und Illustriertenstars hineingescheitert, fühlt sich müde und unsagbar schlapp, schon als er vor seinem Auftritt ein Schwätzchen mit dem kleinen Mädchen macht, das im Stück mitspielt. Es ist der vierte Akt, als ihm die Worte ausgehen. König Lear schwankt und fällt. Er liegt, und sein Herz schlägt nicht mehr.

Was für eine Tragik, mit der die Kanadierin Emily St. John Mandel ihren vierten Roman beginnen lässt. Doch der Tod des gealterten Helden ist erst der Anfang eines Buches, das seinen wunderschönen deutschen Titel „Das Licht der letzten Tage“ zu Recht trägt. Mandel, vor 36 Jahren auf Denman Island vor der Küste British Columbias geboren und später zum Studium nach Toronto gezogen, lässt der privaten Katastrophe eine weltweite folgen. Die Georgische Grippe braucht nach Leanders abruptem Ableben nur wenige Wochen, um die gesamte Erde zu entvölkern.

Die Zeit danach, diese letzten Tage, in denen die letzten Überlebenden versuchen, ihre Menschlichkeit und Zivilisation nicht ganz aufzugeben, sind dann der eigentliche Schauplatz, auf dem die 402 Seiten spielen. 20 Jahre nach dem großen Sterben zieht Kirsten Raymonde mit der Fahrenden Symphonie, einer herumreisenden Schauspieltruppe, durch die postapokalyptische Landschaft an den großen Seen zwischen den USA und Kanada. Kirsten ist das erwachsen gewordene Mädchen, das Arthur Leander zuletzt an der Hand hielt. Sie hat in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nach dem Zusammenbruch sehr viel mehr sehr viel Schrecklicheres erlebt als den Herztod eines alten Schauspielers. Dennoch ist es wohl Leander gewesen, der sie veranlasst hat, in einer gewalttätigen, grausamen Welt Shakespeare spielen zu wollen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das gilt auch am Ende der Zeit. Mandel schafft es, ihr düsteres Szenario in lichte Farben zu kleiden. Wo die üblichen erfolgreichen Dystopien wie Justin Cronins „Übergang“-Trilogie oder Cormac McCarthys pulitzerpreisgekrönte Apokalypse „Die Straße“ mit Übersinnlichem und Ascheregen einen Schrecken heraufbeschwören, der schon von Weitem zu sehen ist, übt sich die studierte Tänzerin Mandel in Andeutungen all dessen, was nicht mehr ist, wie es einmal war.

Die Fahrende Symphonie ist ein Rest Früher in einem Heute, in dem sich die wenigen Überlebenden der großen Grippe allmählich mit dem Gedanken abfinden, dass es ein Zurück in die Zivilisation des Davor nicht geben wird. Die Menschen leben in Dörfern, sie leben unter der Fuchtel bösartiger Prediger, aber sie leben.

Aber „Überleben allein ist unzureichend“, hat sich die seelisch beschädigte bunte Künstlertruppe der Symphonie nicht umsonst als Motto gewählt. Es muss mehr sein, mehr auch in einer Welt, die so klein geworden ist, dass sich Figuren aus dem Früher erneut über den Weg laufen. Kirsten zum Beispiel trägt ein Comic-Heft mit sich, das Leanders Ex-Frau einst zeichnete. Und das sagenumwobene „Zivilisationsmuseum“ draußen auf dem Flughafen, nach dem alle suchen, leitet niemand anderer als Clark, ein alter Freund des toten Schauspielers.

Dumme Zufälle, nicht Teile eines großen Planes. Ohne den Lack der Langeweile, den nur eine fest in sich ruhende Zivilisation ohne akute Existenzängste bieten kann, erkennen sich die über drei Ecken miteinander bekannten Menschen meist nicht einmal.

Es ist egal, denn es gibt kein Ankommen wie es auch kein Ausharren gibt. Überleben ist eine einzige Wanderung, begleitet von Morden und Überfällen, Entführungen und verzweifelten Befreiungsaktionen.

Zum Glück für den Leser aber wimmelt es hier ausnahmsweise nicht von diesen ewigen Vampiren und Zombies, die vergleichbare Bücher besiedeln. Emily St. John Mandel lässt auf ihre Figuren reale Schrecken los, Alpträume, Erinnerungen, die Sehnsucht danach, dass doch alles wieder gut werden könnte. Es muss weitergehen, auch wenn niemand weiß, wohin. Es ist nicht zu Ende, ehe es nicht vorbei ist. Das Licht der letzten Tage leuchtet schwach, aber es leuchtet.

Die Seite der Autorin:
emilymandel.com


Montag, 7. Dezember 2015

Facebook löscht immer öfter

Das hat ja nicht lange gedauert vom Wunsch zur Wirklichkeit. In seinem neuen Bericht zu Regierungsanfragen berichtet das soziale Netzwerk Facebook, dass die Zahl der erfüllten Löschungswünsche aus Deutschland stark angestiegen ist. Insgesamt bekam die US-Firma im ersten Halbjahr 2 344 amtliche Aufforderungen aus Deutschland, die Daten von 2 716 Nutzern herauszugeben. In einem Drittel der Fälle kam Facebook den Auskunftsersuchen nach.

188 mal wurden daraufhin Inhalte gelöscht, die als "Hassbotschaften" gelten oder den Holocaust leugneten. Im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr ist das eine auffallende Steigerung: Damals hatte Facebook nur 34 Löschwünsche erfüllt.

Auch weltweit ist die Zahl der auf Anfrage von Behörden oder Nichtregierungsorganisationen gelöschten Inhalte um 112 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden 20 568 Einträge gelöscht. Die Zahl der Anfragen nach Nutzerdaten stieg auf 41 214.

Zuletzt hatte die EU sich durch ihr oberstes Gericht noch als sicherer Ort für daten aller Art inszenieren lassen.

Samstag, 5. Dezember 2015

Stanislaw Petrow: Der Retter der Welt

"Wir wurden auf Tempo trainiert", sagt der Mann, der die Welt vor dem atomaren Untergang rettete, "dass jemand nachdachte, war in diesem System nicht vorgesehen." Stanislaw Petrow, heute 75, war so gesehen ein Fehler im System, ein Mann am falschen Platz, ein Rädchen, das nicht funktionierte wie es funktionieren sollte. Petrow, das kaputte Teilchen, hat damit die ganze Welt vor einem atomaren Schlagabtausch bewahrt.

Es war der 26. September 1983, als der studierte Radioelektroniker Dienst als Chef in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung hatte. Oberstleutnant Petrow saß vor dem Vorwarnsystem, das sich melden sollte, wenn die USA versuchten, einen Erstschlag mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR auszuführen. Die programmierte Reaktion war klar: Noch ehe die US-Sprengköpfe einschlügen, sollte Petrow die eigenen Atomraketen der Sowjetunion starten.

Plötzlich heult schrill die Sirene auf. Signaltafeln informieren zudem, dass ein US-Raketenstart "höchste Glaubwürdigkeit" habe. Petrow mag das aus einem Gefühl heraus nicht glauben. Dreißig Minuten bleiben, bis das Geschoss einschlagen wird. Petrow denkt nach, unter Zeitdruck. Er glaubt nicht an den Angriff, für den alle Hinweise sprechen. Er meldet seinem Vorgesetzten: Fehlalarm.

Eine einsame Entscheidung, die den Erdball vor dem nuklearen Holocaust rettet, dem Retter aber Ärger einbringt. Weil seine Entscheidung richtig war, bleibt Petrow unbehelligt. Doch weil er während der Minuten, in denen er entschieden hatte, kein Protokoll führte, blieb eine Ordensverleihung aus. Obwohl sich später herausstellt, dass das Frühwarnsystem Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana für Raketenstarts gehalten hatte.

Ingeborg Jacobs, Stanislaw Petrow, Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte, Westend, 238 Seiten 19,99 Euro

Freitag, 4. Dezember 2015

Oper an der Straßenecke

Frank Chaim Mylius ist bekanntlich der Paul Potts von Halle. Nach Jahren, die der in Budapest ausgebildete Kantor Kneipengäste mit seinem Gesang beglückte, überrascht er nun hin und wieder auch Passanten nach Mitternacht mit ausgesuchten Opernmelodien. Auswärtige staunen da, "was bei Euch hier so los ist", wundern sie sich. Erfahrene Nachtschwärmer dagegen singen kurzentschlossen mit - Mylius selbst übergibt die Bluetoothbox dann einen zufällig in der Nähe stehenden Zuhörer und erläutert mit rudernden Armen, wie die richtige Atemtechnik für "Nights in white satin" funktioniert.