Mittwoch, 9. Dezember 2015

So schön untergehen mit Emily St. John Mandel: In einer lichten Düsternis

In ihrem neuen Buch schaut die Kanadierin Emily St. John Mandel der Menschheit beim Untergehen zu.

Es ist alles vorbei, vorüber, überstanden irgendwie, als die Kamera auf Arthur Leander fährt, den großen, alten Mimen, der an einem kleinen Theater noch einmal den König Lear gibt. Leander, auf seine ganz eigene, eigentümliche Weise in den Beruf des Schauspielers und Illustriertenstars hineingescheitert, fühlt sich müde und unsagbar schlapp, schon als er vor seinem Auftritt ein Schwätzchen mit dem kleinen Mädchen macht, das im Stück mitspielt. Es ist der vierte Akt, als ihm die Worte ausgehen. König Lear schwankt und fällt. Er liegt, und sein Herz schlägt nicht mehr.

Was für eine Tragik, mit der die Kanadierin Emily St. John Mandel ihren vierten Roman beginnen lässt. Doch der Tod des gealterten Helden ist erst der Anfang eines Buches, das seinen wunderschönen deutschen Titel „Das Licht der letzten Tage“ zu Recht trägt. Mandel, vor 36 Jahren auf Denman Island vor der Küste British Columbias geboren und später zum Studium nach Toronto gezogen, lässt der privaten Katastrophe eine weltweite folgen. Die Georgische Grippe braucht nach Leanders abruptem Ableben nur wenige Wochen, um die gesamte Erde zu entvölkern.

Die Zeit danach, diese letzten Tage, in denen die letzten Überlebenden versuchen, ihre Menschlichkeit und Zivilisation nicht ganz aufzugeben, sind dann der eigentliche Schauplatz, auf dem die 402 Seiten spielen. 20 Jahre nach dem großen Sterben zieht Kirsten Raymonde mit der Fahrenden Symphonie, einer herumreisenden Schauspieltruppe, durch die postapokalyptische Landschaft an den großen Seen zwischen den USA und Kanada. Kirsten ist das erwachsen gewordene Mädchen, das Arthur Leander zuletzt an der Hand hielt. Sie hat in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren nach dem Zusammenbruch sehr viel mehr sehr viel Schrecklicheres erlebt als den Herztod eines alten Schauspielers. Dennoch ist es wohl Leander gewesen, der sie veranlasst hat, in einer gewalttätigen, grausamen Welt Shakespeare spielen zu wollen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, das gilt auch am Ende der Zeit. Mandel schafft es, ihr düsteres Szenario in lichte Farben zu kleiden. Wo die üblichen erfolgreichen Dystopien wie Justin Cronins „Übergang“-Trilogie oder Cormac McCarthys pulitzerpreisgekrönte Apokalypse „Die Straße“ mit Übersinnlichem und Ascheregen einen Schrecken heraufbeschwören, der schon von Weitem zu sehen ist, übt sich die studierte Tänzerin Mandel in Andeutungen all dessen, was nicht mehr ist, wie es einmal war.

Die Fahrende Symphonie ist ein Rest Früher in einem Heute, in dem sich die wenigen Überlebenden der großen Grippe allmählich mit dem Gedanken abfinden, dass es ein Zurück in die Zivilisation des Davor nicht geben wird. Die Menschen leben in Dörfern, sie leben unter der Fuchtel bösartiger Prediger, aber sie leben.

Aber „Überleben allein ist unzureichend“, hat sich die seelisch beschädigte bunte Künstlertruppe der Symphonie nicht umsonst als Motto gewählt. Es muss mehr sein, mehr auch in einer Welt, die so klein geworden ist, dass sich Figuren aus dem Früher erneut über den Weg laufen. Kirsten zum Beispiel trägt ein Comic-Heft mit sich, das Leanders Ex-Frau einst zeichnete. Und das sagenumwobene „Zivilisationsmuseum“ draußen auf dem Flughafen, nach dem alle suchen, leitet niemand anderer als Clark, ein alter Freund des toten Schauspielers.

Dumme Zufälle, nicht Teile eines großen Planes. Ohne den Lack der Langeweile, den nur eine fest in sich ruhende Zivilisation ohne akute Existenzängste bieten kann, erkennen sich die über drei Ecken miteinander bekannten Menschen meist nicht einmal.

Es ist egal, denn es gibt kein Ankommen wie es auch kein Ausharren gibt. Überleben ist eine einzige Wanderung, begleitet von Morden und Überfällen, Entführungen und verzweifelten Befreiungsaktionen.

Zum Glück für den Leser aber wimmelt es hier ausnahmsweise nicht von diesen ewigen Vampiren und Zombies, die vergleichbare Bücher besiedeln. Emily St. John Mandel lässt auf ihre Figuren reale Schrecken los, Alpträume, Erinnerungen, die Sehnsucht danach, dass doch alles wieder gut werden könnte. Es muss weitergehen, auch wenn niemand weiß, wohin. Es ist nicht zu Ende, ehe es nicht vorbei ist. Das Licht der letzten Tage leuchtet schwach, aber es leuchtet.

Die Seite der Autorin:
emilymandel.com


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