Mittwoch, 15. Juni 2016

Die Daten-Deppen des Kontinents: Warum mobiles Internet in Deutschland teurer ist als sonst irgendwo


Die Deutschen sind beim Surfen per Smartphone die Deppen des Kontinents. Das mobile Netz hierzulande ist langsam, die Anbindung ist schlecht - aber dafür lassen sich die Anbieter für kleines Datenvolumen ganz groß bezahlen.

Letztes Jahr ist es passiert. Deutschland fiel erstmals hinter Finnland zurück, das 82-Millionen-Volk unterlag den gerade mal 5,5 Millionen Finnen: Die hatten 2015 zum ersten Mal mehr Datenvolumen beim mobilen Surfen verbraucht als Deutschland. 627 000 Terabyte benutzten die Finnen per Smartphone. Nur 591 000 die Deutschen. Ein Klassenunterschied.

Zumal auch die Gesamtbilanz düster für Deutschland aussieht. 11,5 Gigabyte Datenvolumen verbrauchten die Deutschen pro Person im Durchschnitt über das gute alte Festnetz-Internet (DSL, Kabel). Die Finnen kamen auf 9,7 Gigabyte - per Mobilgerät über Mobilfunknetze.

Zwei Zeitalter, die hier aufeinandertreffen. So oft in Deutschland auch davon die Rede ist, die Gesellschaft fit machen zu wollen für die Mobil-Ära, so langsam kommt das Vorhaben voran. Liegt Europas führende Industrienation bei den Anschlüssen ans mobile Netz mit Platz 18 gerade noch unter den Top-20 der Welt - knapp hinter Marokko, Bulgarien und Russland - bummelt es bei den Anschlusskosten weit hinter den Weltbesten.

Wie das finnische Beratungsunternehmen Rewheel herausgefunden hat, kostet ein Gigabyte Netzzugang in Europa durchschnittlich 2,77 Euro - mit geradezu gigantischen Abweichungen nach oben und unten. Bei den finnischen Providern TeliaSonera und Elisa etwa erhalten Kunden für 35 Euro mindestens 50 Gigabyte Datenvolumen, in Estland bietet Elisa dafür auch noch 40 Gigabyte im Monat. Mobilfunknutzer in Frankreich, Dänemark, Lettland, Schweden und Großbritannien haben nach den Untersuchungen von Rewheel zumindest die reelle Chance, für 35 Euro etwa 20 GB Datenvolumen zu bekommen. In Österreich sind es 13 Gigabyte, in Litauen und Polen können wenigstens noch zehn Gigabyte genutzt werden.

Deutschland fällt hier aus der Reihe. Günstige Angebote werben hier mit Kosten von sieben bis elf Euro für Verträge über ein einziges Gigabyte Datenverkehr im Monat. Preise, die rund 40 mal höher liegen als die in Finnland, 20 Mal teurer sind als in Frankreich und zehnfach mehr kosten als in den Nachbarstaaten Österreich und Polen.

Deutschland ist damit in Europa Außenseiter, deutsche Mobilkunden sind die Deppen des Kontinents. Nur in den Niederlanden, Belgien, Ungarn und Griechenland wird noch weniger mobil gesurft als in Deutschland, in dem jeder Bürger mit durchschnittlich 0,59 Gigabyte Volumen auskommt. Zum Vergleich: Jeder US-Amerikaner nutzt 2,56 Gigabyte, jeder Däne drei und jeder Finne nahezu zehn.

Selbst im Vergleich zum EU-Durchschnitt sind mobile Daten in Deutschland fünfmal teurer. Und sie werden entsprechend weniger genutzt. Ein Teufelskreis, zu dem politische Entscheidungen vor mehr als 15 Jahren den Grundstein legten. Damals versteigerte die Bundesregierung die UMTS-Lizenzen an Mobilanbieter, die für den Zugang zum schnellsten Netz zweistellige Milliardenbeträge bezahlten. Die gewaltigen Kosten belasteten den Ausbau des Netzes und verhinderten, dass mobile Zugänge preisgünstig angeboten wurden.

Dabei ist es bis heute geblieben - und ändern wird auch das Kartellamt daran nichts. Trotz der auffälligen Preisunterschiede, heißt es bei dessen Pressesprecher Kay Weidner, „haben wir derzeit keine Untersuchungsergebnisse zu der kartellrechtlichen Bewertung der Mobilfunkpreise in Deutschland“. Von auffälligen Preisunterschieden zwischen nationalen Märkten könne „nicht unmittelbar auf wettbewerbliche Probleme in einem bestimmten Mitgliedsstaat geschlossen werden“, ist das Kartellamt überzeugt.

Die Wettbewerbsbehörde der EU-Kommission antwortete auf eine Nachfrage zu den auffälligen Preisunterschieden für mobile Datenraten auf dem gemeinsamen europäischen Markt übrigens gar nicht.

Der Datenvergleich von Rewheel steht hier

Kommentare:

  1. Noch grandioser ist wohl, dass die meisten Menschen in Deutschland davon nicht mal etwas wissen...
    Wenn ich bisher gehört habe, dass ein Bekannter einen 2 oder gar 3GB Vertrag für sagen wir 20€ ergattert hat, dann war das für mich bisher enorm viel (also Volumen!).
    Man kann es halt nicht mal wirklich einordnen...
    Danke also für den Artikel, der wirklich ein trauriges Licht auf Deutschland wirft :/

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    1. richtig! Die Leute müssten mehr davon wissen...

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  2. Die Datendeppen .nur 5 Leute haben das auf G+ geteilt....

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  3. in Finnland hat jeder Mensch Internet kostenlos (nur wenige GB)

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  4. Allnet-Flat + 4 GB schlagen bei mir in einem 24-Monatsvertrag mit effektiv 16,49 € pro Monat zu Buche. Das würde ich jetzt nicht als teuer bezeichnen wollen.

    3 GB reine Datenflat ist schon für 7 € erhältlich, auch nicht wirklich teuer.

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    1. Wo gibt es einen solchen Tarif? Ich kann keinen finden, das liegt alles klar drüber.

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  5. Umgerechnet also 82, 45 für 20 GB. Das würde ich - verglichen mit Österreich oder anderen genannten Ländern - in der Tat als teuer bezeichnen. Oder ist ein mehr als zweifach teurerer Preis billig? Ich nehme da gern eine Lehre an.

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