Freitag, 26. August 2016

Deutsch­land verliert, die Welt gewinnt


1955 trafen in Moskau beim Fußball die alten Feinde wieder aufeinander.

Es war "Das Spiel des Jahres" 1955, ein "Fußballkampf" und Signal an die ganze Welt: Die Sowjetunion hatte Deutschland, den amtierenden Weltmeister zu einem Freundschaftsspiel nach Moskau eingeladen. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das sowohl Geste des Siegers an den Verlierer als auch ein beim Verlierer umstrittener Schritt aufeinander zu. Noch saßen in der Sowjetunion schließlich tausende deutsche Kriegsgefangene in Haft und das Regime machte keinerlei Anstalten, über eine Freilassung zu verhandeln.

Dennoch sagte der Deutsche Fußballbund zu, am 21. August 1955 nach Moskau zu kommen. Deutschland gerät in ein Fußballfieber, das kein Ost und West kennt, wie die vom Ostberliner Sportverlag herausgegebene Broschüre "Das Spiel des Jahres" verrät. Ostdeutsche Reisebüros organisierten die Fanfahrt auch für Westdeutsche. Moskau, die fremde Stadt, zeigte sich den ausländischen Gästen als Weltmetropole.

Der Sport war Nebensache, aber auch Staatsaktion. DDR-Präsident Wilhelm Pieck war da, DFB-Chef Peco Bauwens, die Sowjetunion schickte immerhin den Vize-Chef ihres Komitees für Körperkultur. Ein Deutschland-Treffen außerhalb der deutschen Grenzen, das einen Moment des Friedens im Kalten Krieg markierte. Nie wieder danach hat ein DDR-Staatschef bei einem Spiel einer bundesdeutschen Fußballmannschaft mitgejubelt. Nie wieder danach haben Fans aus dem Osten und dem Westen nebeneinander mit einer DFB-Elf gefiebert.

80 000 Zuschauer, darunter 1 500 Deutsche, sahen dann im Dynamo-Stadion von Moskau, wie die Sowjetunion die deutsche Nationalmannschaft mit 3:2 schlug. Eine Niederlage, die zum Sieg wurde.

Zwei Wochen später flog Bundeskanzler Konrad Adenauer zu einem Staatsbesuch in die UdSSR.

Und am 7. Oktober des Jahres kamen dann die ersten 600 freigelassenen Kriegsgefangenen in Deutschland an.

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