Sonntag, 25. Juni 2017

Reisen nach Russland: Im nahen Osten

Die Hauptstadt des früheren großen Bruders der DDR ist inzwischen wieder eine Reise wert.


Nicht ganz drei Stunden braucht die Bombardier CRJ100 der russischen Fluglinie Rusline für die 1 748 Kilometer von Leipzig nach Moskau. Ein Katzensprung in den nahen Osten, der kaum teurer ist als eine Autofahrt in den Schwarzwald, allerdings bei Touristen nicht ganz so beliebt.

Gegen Russland spricht immer etwas: Putins strenge Herrschaft und die Rückeroberung der Krim, die Waffenhilfe für den syrischen Machthaber Assad und die angeblichen Hackerangriffe auf westliche Demokratien, mit denen der Kreml im Wochenrhythmus Schlagzeilen produziert. Zudem gilt Moskau als teuer, kriminell und schmutzig. Warum also dorthin fliegen, solange es Rom, Paris und Barcelona gibt?

Vielleicht weil vieles, was über Russland und seine Hauptstadt geglaubt wird, gar nicht stimmt. Die mit rund 13 Millionen Einwohnern größte Stadt Europas ist in Wirklichkeit weder besonders teuer noch gefährlich. Was den Schmutz betrifft, wird jeder Reisende, der Halle, Leipzig oder Berlin kennt, staunend bemerken, dass es in ganz Moskau keine Zigarettenkippe und kein Bonbonpapier auf dem Boden gibt. Und an den Wänden der Millionenstadt nicht mehr als eine halbe Handvoll Graffiti-Schmierereien.

Unentwegt wird überall gefegt, der Marmor in den legendären U-Bahn-Stationen glänzt ebenso wie die Straßen der Innenstadt, die regelmäßig von Sprühfahrzeugen der Stadtwirtschaft blankgewienert werden. Regelmäßig heißt hier: Einmal aller zwei Stunden.

Von der Wirtschaftskrise, in die die westlichen Sanktionen wegen der Krim-Annexion Russland gestürzt hat, ist in der Hauptstadt nichts zu sehen. Überall wird gebaut, mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr (siehe „Russland erleichtert Einreise für Fans“) entstehen neue Stadien, auf Brachflächen in der City werden Hotels errichtet und hinter potemkinschen Fassaden aus Planen mit aufgemalten Fenstern sanieren Bauarbeiter die letzten historischen Gebäude, die noch nicht frisch geputzt sind.

Die Stadt selbst ist für Touristen einfach zu verstehen, weil der Rote Platz mit dem Kreml als zentraler Orientierungspunkt immer schnell wiederzufinden ist. Moderne Hotelzimmer fünf Fußminuten vom Kreml entfernt gibt es für um die 80 Euro pro Nacht, Frühstück bieten nach dem „Starbucks“-Vorbild gestaltete russische Café-Ketten wie Shokoladia an. Abends locken zahllose Restaurants nicht nur mit russischer, italienischer oder griechischer Küche, sondern auch mit Spezialitäten aus Weißrussland, Armenien oder Indien.

Eine Weltstadt, allerdings im Schwebezustand zwischen sozialistischer Vergangenheit und der Entdeckung des Globalismus. In den berühmten Kaufhäusern GUM und ZUM finden sich dieselben Edelmarken wie auf den Edelboulevards von New York und London, die Läden hier sind ebenso leer wie die Preise astronomisch. Touristischer ist es auf dem Arbat, einer der ältesten Straßen der russischen Hauptstadt, die heute von Straßenmusikern und Zeichenkünstlern dominiert wird. Auf beiden Seiten der Straße finden sich Caféhäuser, Galerien und Geschäfte, in denen von der Matroschka über das Putin-T-Shirt bis zum Sowjetarmee-Mantel alles angeboten wird, was auf westliche und chinesische Touristen exotisch und sowjetisch wirken könnte.

Ist der Flirt mit der kommunistischen Vergangenheit hier ebenso Kalkül wie bei den Doppelgängern, die sich rund um den Roten Platz als Stalin, Lenin oder Rasputin fotografieren lassen, bleibt der allgemeine Umgang der Russen mit den 69 Jahren Sowjetunion von großer Ernsthaftigkeit geprägt. Die Lenin-Denkmale stehen noch, vor den Gedenktafeln für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges liegen Blumen, und Pflichtsehenswürdigkeiten wie das Kosmonautenmuseum, das Denkmal von Konstantin Ziolkowski, eines Wegbereiters der Raumfahrt, und das Gelände der Allunionsausstellung, die offiziell „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ heißt, strahlen immer noch die überwältigende Monumentalität der Stalin-Zeit aus. Himmelhoch wie die Statuen für die Eroberer des Weltalls sind auch die im „Park Pobedu“ westlich des Stadtzentrums, in dem die Russen ihres Sieges gegen Hitlerdeutschland gedenken. Auf einem weitläufigen Gelände am Ausgang der mit 84 Metern Tiefe am weitesten nach unten gegrabenen U-Bahn-Station findet sich neben einem Museum eine nachgebaute Bunkerstellung, umstellt von Panzern, Flugzeugen und Geschützen.

Davon abgesehen wirkt Moskau, in der Vergangenheit oft als Verbrechenshochburg kritisiert, wie eine friedliche und freundliche Stadt. Auch die jungen Moskauer sprechen eher selten Englisch, aber immer bemühen sie sich weiterzuhelfen. Selbst die Milizionäre - oft Burschen mit lichtem Bartpflaum - lächeln für Fotos und kramen für Auskünfte ein paar Brocken Deutsch heraus. Im Pub, der russisches Craft-Bier zu deutschen Preisen ausschenkt, beantwortet Architekturstudent Alexej die Frage, wie man mit einem russischen Durchschnittseinkommen in Moskau leben kann. „Das weiß keiner“, sagt er. „Aber wenn du Moskau liebst, machst Du es einfach.“

Samstag, 24. Juni 2017

Kraftklub: Die Axt aus dem Osten


Im fünften Jahr nach ihrem Debütalbum schlägt die Erfolgsband aus Chemnitz auf „Keine Nacht für Niemand“ neue Töne an.

Links der Neubaublock aus alten Zeiten, daneben der Philosophenkopf, den die Einheimischen kurz „Nüschel“ nennen. Und davor die fünf Herren mit K, in weißen Polo-Shirts wie immer,  rote Hosenträger festgeschnallt und auf einer improvisierten Bühne versammelt. „Spring aus dem Fenster für mich“, singt Felix Brunner, der bei der Chemnitzer Rockband Kraftklub am Mikrophon steht und auch beim neuen Hit der fünf Sachsen zeigt, wie Ironie geht.

Natürlich singt die Menge, die zum Spontankonzert der Lokalhelden in die Brückenstraße gekommen ist, begeistert mit. Und natürlich ist es nicht wirklich ein Spontankonzert, das Felix Brunner, sein Bruder Till am Bass, die Gitarristen Karl Schumann und Steffen Israel und Drummer Max Marschk hier aufführen. Nein, Kraftklub feiern mit solchen Auftritten auf Straßen, in Hinterhöfen oder auf einem Lkw ihr neues, inzwischen drittes Album „Keine Nacht für Niemand“.

Raketenstart in Sachsen


Das muss so sein, denn Kraftklub sind fünf Jahre und drei Alben nach  ihrem Raketenstart aus Sachsen an die Spitze der Charts ein Top-Thema. Das Quintett spielt in einer Hit-Liga mit den Toten Hosen, Rammstein und dem Rostocker Rapper Marteria, spielt in ausverkauften Arenen und bekommt Einladungen zu den angesagtesten Festivals.

Daran war 2009, als der damals noch als Rapper auftretende Felix Brunner sich der Rockband seines Bruder Till anschloss, nicht zu denken. Die beiden Söhne des Künstlerehepaares Ina und Jan Kummer, das zu DDR-Zeiten mit der Avantgardegruppe AG Geige Furore gemacht hatte, zielten  eigentlich auch gar nicht auf den großen Pop-Markt. „Adonis Maximus“, die erste offizielle Veröffentlichung, vermählte Rap und Rock und unwiderstehliche Tanzbeats und ätzte böse gegen rundgelutschte Schlagerstars.  Mit der Anti-Metropolenhymne „Ich will nicht nach Berlin“ war es dann eben doch passiert. 20 Jahre nach den Prinzen hatte Sachsen wieder eine Top-Ten-Band.

Die sieht nun rot.  War das Debüt „Mit K“ noch ganz weiß gehalten, der Nachfolger „In Schwarz“ dann wie ein Negativbild ganz schwarz, so leuchtet der Streichholzaugen-Titel von „Keine Nacht für Niemand“ blutrot. Ein Zeichen, denn Kraftklub haben ihren musikalischen Horizont im dritten Anlauf entscheidend erweitert. Zu Punk und Hip Hop, Metal, TexMex und Glam-Rock-Riffs kommen diesmal Streicher, Beatles-Harmonien und  augenzwinkernde Verneigungen vor  Helden der Kraftklub-Musiker. Einer davon ist Sven Regener, Sänger und  Kopf der Band Element of Crime, deren fast zehn Jahre alter Song „Am Ende denk’  ich immer nur an dich“ hier nicht nur zitiert, sondern von Regener selbst mitgesungen wird.


Nachtvorstellung der Verrückten


Nicht der einzige Gast in dieser Nachtvorstellung der Verrückten, deren Titel auf das 45 Jahre alte Scherben-Album „Keine Macht für Niemand“ anspielt. Auch Wu-Tang-Clan Rapper Ol’ Dirty Bastard, die Britpopper Blur, Depeche Mode, die  Kumpels von Deichkind und Die Ärzte werden zitiert.

Und nachgemacht:  In „Dein Lied“, einer Ballade, in der ein enttäuschter Liebender seiner  Verflossenen hinterherheult,  heißt es provokativ „Du verdammte Hure, das ist dein Lied“. Geht gar nicht, schallte es augenblicklich von den Tugendwächtern der Popkultur, denen der Rollensong eindeutig zu weit ging, künstlerische Freiheit hin oder her. Felix Brunner hat die Vorwürfe ironisch gekontert. „Muss man bei seinen Texten immer eine Gebrauchsanweisung mitliefern?“, fragt er. Für ihn sei der Einsatz des Streichorchesters in einem Punksong mehr Provokation als die Verwendung eines Wortes, das ein betrogener Liebhaber durchaus auch im echten Leben verwenden könnte.

Erledigt. Mit dem Selbstbewusstsein seiner 27 Jahre räumt der gerade so noch in der DDR geborene Kraftklub-Texter die Vorwürfe so beiläufig ab wie seinerzeit die Kritik an der Kraftklub-Uniform aus Baseballjacken und Polo-Shirts. Kraftklub, die anfangs nie politisch sein wollten, sich später aber ganz entschieden gegen die Rock-Kollegen von Frei.Wild positionierten, sind heute die Axt aus dem Osten, die die Einsicht in die Notwendigkeit politischer Korrektheit grinsend in Stücke schlägt.

Rock kann nicht den Konsens suchen, wenn er richtig rocken will. Und ein Liedtext ist nicht immer das Seelenbild des Mannes, der ihn singt.

Kraftklub: Keine Nacht für Niemand, Vertigo Berlin

Freitag, 23. Juni 2017

Fundstücke am Rande der Gerechtigkeit


Beim Amtsgericht in Halle wird eigentlich nach Gerechtigkeit gesucht. Dabei geht aber auch ständig etwas verloren, allerdings niemals so ganz: Eine ordentliche deutsche Behörde führt ordentlich Buch über alle Fundstücke.

Wer also seine Taschenbibel vermisst, seine beiden Industrieschaber oder die Anwaltsrobe - bitte im Foyer melden!

Samstag, 17. Juni 2017

17. Juni 1953: Der Tag X in Halle

Szenen aus Halle, die der Schriftsteller Titus Müller in seinem Buch über den "Tag X" fast dokumentarisch beschreibt.

Der Leipziger Schriftsteller Titus Müller führt mit seinem spannenden Geschichtsdrama „Tag X“ in die Zeit des Arbeiteraufstandes vom Sommer 1953. Im Mittelpunkt seines Buches steht das, was damals in Halle geschah.


Auf einmal stehen alle Räder im Waggonbau Ammendorf still. Die Arbeiter sammeln sich auf dem Hof und brüllen den Parteisekretär nieder, der sie zurück an die Werkbänke reden will. Dann marschieren sie Richtung Innenstadt, ohne Befehl und ohne Anführer. Immer neue Arbeitskollektive schließen sich an. Ein schweigsamer Strom, der mehr und mehr Menschen aus den umliegenden Betrieben ansaugt. Die Staatsmacht sieht es geschockt, unfähig zur Reaktion.

Ausnahmezustand im „Maschinenraum der DDR“, wie der Leipziger Schriftsteller Titus Müller den damaligen Bezirk Halle in seinem neuen Buch "Der Tag X"  nennt. In jenem Juni 1953 ist das Volk auf der Straße, die Einheitspartei verbarrikadiert sich. Als einige Demonstranten versuchen, die Stadtleitung der SED zu stürmen, fallen Schüsse. Später am Tag wird Blut fließen, ehe sowjetische Panzer rollen und den Aufstand rücksichtslos niederschlagen.

Doch es ist nicht nur die einzige große Rebellion der DDR-Bevölkerung gegen das System, die Titus Müller beschäftigt. Ihm geht es auch in seinem zwölften Roman wieder um ein Zeitbild, das Geschichte in mehreren Ebenen lebendig werden lässt. Wie zuletzt bei „Berlin Feuerland“, einer Geschichte vor dem Hintergrund der Märzunruhen des Jahres 1848, stellt der 39-Jährige seine erfundenen Figuren in echte historische Kulissen, in denen sie stellvertretend für ihre wirklichen Zeitgenossen agieren.

Der Waliser Ken Follett hat diese Methode der Geschichtsdramastisierung zuletzt mit der auch den 17. Juni berührenden „Jahrhundertsaga“ perfektioniert. Titus Müller hält die Perspektive mehr am Boden, er schildert in „Tag X“ nur ein Jahr. Es gelingt ihm aber ebenso gut wie dem britischen Auflagenmillionär, glaubhafte Charaktere auf die historische Bühne zu stellen.

Seine Hauptheldin hier ist die Schülerin Nelly, die sich in einem Land zurechtfinden muss, das nicht einfach zu verstehen ist. Jahre zuvor haben sowjetische Soldaten ihren Vater mit nach Russland genommen, wo er für Stalin forschen muss. Nelly hat Fragen dazu, die ihr niemand beantworten will. So landet sie in der Jungen Gemeinde - und das in einer Zeit, in der die DDR gegen die Kirchen mobil macht.

Während in Moskau Stalin stirbt und das Machtgefüge im Sozialismus ins Rutschen gerät, wird Nelly zur Staatsfeindin erklärt. Sie fliegt von der Schule, verliebt sich in den Uhrmacher Wolf, der wiederum versucht, ihr über seinen Funktionärsvater zu helfen und dabei in die Fänge der Stasi gerät. In Halle hat die alleinerziehende Arbeiterin Lotte ähnliche Probleme - der Alltag ist hart, die Zukunft düster. Hoffnung könnte nur noch eine Veränderung von allem geben.

Parallel blendet Müller nach Bonn, wo ein Sowjet-Spion für seinen ambitionierten Chef Lawrenti Beria ein Tauschgeschäft über die DDR anbahnt, und nach Moskau, wo Funktionäre um das Erbe Stalins rangeln. In Berlin wird derweil eine konsternierte SED-Führung zwischen dem eigenen Volk und den Weltmacht-Interessen der Schutzmacht im Osten zerrieben.

Titus Müllers Geschichte ist ein Komprimat von vielem, was damals gewesen sein könnte, und anderem, das wirklich war. Adenauer tritt auf, Globke, Churchill und Chruschtschow intrigieren, Ulbricht bettelt, und der von seiner guten Sache überzeugte Minister Fritz Selbmann tritt den Demonstranten ungeschützt gegenüber. In echt wird Ulbricht ihn später wegen „abweichender Meinungen“ kaltstellen lassen.

Müllers temporeiches, spannendes Spiel mit der Wirklichkeit bleibt nah an der tragischen Wahrheit. Im richtigen Leben hieß der vor dem Roten Ochsen erschossene Student nicht Marc König, sondern Gerhard Schmidt (hier die wahre Geschichte), aber er war wirklich 27 und nur zufällig in die versuchte Stürmung des Gefängnisses geraten. Auch dass die DDR-Führung seinen Tod später instrumentalisierte, um mit einem Opfer „westdeutscher Provokateure“ von der eigenen Verantwortung abzulenken, ist wahr. Ebenso wie der Versuch der SED-Spitze, die erhöhten Arbeitsnormen nach den ersten Protesten zurückzunehmen.

Doch der Zug der Zeit war da schon auf den Schienen, die Machtprobe unausweichlich. Am 17. Juni rollen die Panzer, am Abend wird das Kriegsrecht verhängt. Am 18. Juni ist Halle eine belagerte Stadt, die Proteste sind erstickt. Am 26. wird Beria in Moskau verhaftet, der Kampf um Deutschland ist beendet. Der Massenmörder, der sich als Reformer sah, wird im Dezember als britischer Spion verurteilt und sofort erschossen. Zurück bleiben Lotte, Nelly und Wolf, die nichts davon verstehen und noch viel DDR vor sich haben.

Titus Müller: „Tag X“, Blessing,
400 Seiten, 19,99 Euro

Freitag, 16. Juni 2017

Roger Waters: Der Mann, der Pink Floyd bleibt


Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem letzten Großwerk spielt Roger Waters auf "Is this the life we really want? noch einmal den großen Ball als großer, trauriger Bedenkenträger. Kein Zweifel: Waters ist immer noch und mehr denn je der alte zornige Mann, nur jetzt nicht mehr jung.

Mehr als drei Jahrzehnte ist sein Ausstieg bei Pink Floyd her, aber wenn Roger Waters ein Album macht, ist der 73-Jährige locker in der Lage, den Sound eines Floyd-Albums zu reanimieren. Auch auf "Is this the life we really want?", seinem erst dritten Werk seit der Trennung von Gilmour, Mason und Wright, ist das so. 

"When we were young" startet das Album mit Drums und Klavier, Waters gibt den Weisen vom Berge, der zurückschaut und verspricht, man könne heute noch mal den Sound von damals hören.

 Und wirklich. Die zwölf Songs, die Waters irgendwann in den 20 Jahren seit "Amused to Death" geschrieben hat, zitieren Pink Floyd in der Darkside-Phase, zeigen aber inhaltlich den zornigen alten Mann, der so ganz und gar nicht mit der Welt zufrieden ist, in der er und sein Publikum leben. 

Das macht aus dem geborenen Melancholiker, der inzwischen mit leicht gebrochener Stimme singt, noch keinen ekstatischen Rocker, aber in seinen Texten ist der Israel-Gegner, Trump-Hasser und Medienkritiker deutlich wie immer. "The Last Refugee" schildert das tragische Ende einer Flucht über das Mittelmeer und "Broken Bones" betrauert die vergebene Chance, nach dem II. Weltkrieg Freiheit statt des "american dream" zu wählen. 

Roger Waters´ Weltbild war schon immer kompliziert und einfach zugleich, seine Musik sanft wie enervierend, mehr Hörspiel als Songzyklus. "Life" ist genauso, bis zum finalen "Part of me died", das pathetisch Unversöhnlichkeit beschwört. Roger Waters wird sich nicht entschuldigen. Nie, singt er. Dazu klingt Musik, als stamme sie von der dunklen Seite des Mondes.

Samstag, 10. Juni 2017

Kap Verde: Geheimnisvolle Inseln

Nur sechs Stunden Flug entfernt liegt ein völlig unbekanntes Ganzjahres-Feriengebiet.

All der weiße Sand, die glattgeputzten Boards, die Schussfahrt von der Düne, sie sind Arbeit für Frank Hennicke. Der Morro d’Areia - Hügel des Sandes - ist die drittletzte Station der Inseltour, die der Chef von Boavista-Tours mit Besuchern fährt. Eine Wüste direkt am Meer, rechts endlos weite karibisch blaue Wellen, links die karge Steinlandschaft von Boa Vista, der drittgrößten der kapverdischen Inseln, die nur zwei Flugstunden hinter den Kanaren liegen. Die aber, niemand weiß das besser als Frank Hennicke, der Boa Vista vor sechs Jahren zu seiner neuen Heimat gemacht hat, „genausogut auf einem anderen Planeten liegen könnten“.

Endlose Strände


Denn trotz der überschaubaren Entfernung, der endlos langen, unberührten Strände und der abwechslungsreichen Natur auf den insgesamt neun bewohnten Inseln kennt kaum jemand die vor rund 570 Jahren entdeckte Inselgruppe 600 Kilometer vor der Küste des Senegal. Wie alle anderen Inseln des Archipels war auch Boa Vista vor der Entdeckung durch die Portugiesen vor rund 550 Jahren unbewohnt.

Erst der ein halbes Jahrhundert später beginnende Sklavenhandel machte aus den Inseln, die bis dahin nur von einer kleinen Militäreinheit eher symbolisch besetzt worden waren, einen wichtigen Vorposten des portugiesischen Weltreiches. Später aber verlor die Kolonialmacht das Interesse, die Briten trieben noch ein wenig Salzhandel und nutzen den Hafen von Mindelo auf São Vicente, um ihre stets kohlehungrigen Dampfschiffe zu versorgen. Dann versank Kap Verde, so benannt nach dem Cabo Verde (Grünes Kap) an der Westküste Afrikas, bei dem Schiffe nach Westen abbiegen mussten, um die Inseln zu finden, wieder in der Vergessenheit.

Dort leben die rund 550 000 Kap Verdianer heute noch. Erst Mitte der 90er eröffnete ein Italiener das erste Hotel auf Boa Vista, erst vor einem Jahrzehnt begann die sozialdemokratische Regierung, den Tourismus als größtes Wachstumsfeld der Zukunft zu entwickeln.

Eine unglückliche Entscheidung, von der heute noch zahlreiche Bauruinen künden. Wo kurz vor der weltweiten Finanzkrise riesige Hotelkomplexe und Appartmentsiedlungen aus dem Boden schossen, stemmen sich heute kahle Betongerippe in den Wind. Vielen Investoren ist das Geld ausgegangen, klamme Hotelgruppen haben ihre Pläne wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte ändern müssen. Der erhoffte Aufschwung des Tourismus wurde um eine Jahrzehnt zurückgeworfen.
Was der Atmosphäre auf Boa Vista heute gut tut. Außer einem großen Hotel, das an vergleichbare Mega-Anlagen in der Türkei oder Tunesien erinnert, verteilen sich Urlauber in ein paar wenige eher familiäre Häuser wie den immer noch vom italienischen Gründer betriebenen Marine Club Beach Resort nahe der Inselhauptstadt Sal Rei.


Infrastruktur fehlt


Eine Situation, die Auswanderer Frank Hennicke wohltuend findet, auch wenn er weiß, dass mit jedem zusätzlichen Touristen zusätzliches Geld in das Land strömt. Kap Verde rangiert in der Uno-Liste der ärmsten Länder derzeit auf Platz 122 von 187, direkt zwischen dem Irak und Marokko. Es fehlt an medizinischer Versorgung für die Einheimischen, manche Orte haben nur stundenweise Strom, Wasser muss in viele Dörfer per Wasserwagen gebracht werden. 90 Prozent aller Lebensmittel, aus denen zahlreiche Bars und Restaurants typisch kreolische Greichte zaubern, werden importiert, der Löwenanteil des Bruttoinlandsproduktes stammt aus den Überweisungen der Kap Verdianer, die im Ausland leben und arbeiten. „So lange die Infrastruktur nicht da ist, reicht es nicht, einfach mehr Bettenburgen zu bauen.“

Der Flughafen von Boa Vista etwa gleicht derzeit noch einem niedlichen Kiosk mit Landebahn, das Dach der Empfangshalle ist komplett offen. Warum auch nicht, es regnet ja ohnehin nie auf dieser Insel, die zwölf Monate im Jahr Sonne, Temperaturen um die 25 Grad, immer aber auch leichten bis mäßigen Wind vom Meer her haben. Das Rätsel, warum ganz Boa Vista dennoch nur drei Windkraftanlagen besitzt und keinen Solarpark, löst sich mit Blick auf die derzeitige Energieversorgung: Vor Jahren setzte die Regierung auf Dieselgeneratoren und gab den Erbauern der Anlagen eine Abnahmegarantie für den Strom. Der Bau von Windrädern ist auf Kap Verde deshalb dreimal teurer als in Deutschland, Solarpanele hingegen rechnen sich trotz des ewigen Sonnenscheins nicht, weil Salz, Wind und Sand ihre Oberflächen in kürzester Zeit zerstören.

Ideale Bedingungen aber gibt es nicht nur für Surfer und Taucher, sondern auch für ganz normale Strandurlauber, die von der eher dörflich wirkenden Hauptstadt Sal Rei im Nordwesten bis hinunter nach Curral Velho im Süden unendlich lange Sandstrände finden, an die sich stundenlang niemand verirrt.

Menschen finden sich eher am Mercearia Elvis ein, dem Kaufmannsladen des ältesten Ortes Bofareira, hinter dem es ins schroffe Gebirge der Ostseite geht. Hier treffen sich die Ausflügler, die vom Wrack der 1968 in einem Sturm vor der Nordküste gestrandeten Santa Maria kommen. Das Schiff, heute nur noch ein malerisch zerfallener Rostberg, liegt am Ende einer halsbrecherisch zu befahrenden Straße, bewacht von wilden Eseln, Ziegen und Kapuzineraffen, die als Haustiere auf die Insel kamen, mittlerweile aber einen festen Platz in der überschaubaren Fauna des Archipels haben.

www.boavista-tours.com


Montag, 5. Juni 2017

Big Brother im Bundestag: Erich Mielkes feuchter Traum


"Der Bundesrat hat in seiner 958. Sitzung am 2. Juni 2017 beschlossen, dem vom Deutschen Bundestag am 18. Mai 2017 verabschiedeten Gesetz zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises gemäß Artikel 84 Absatz 1 Satz 5 und 6 des Grundgesetzes zuzustimmen", heißt es auf der offiziellen Seite des Ländergremiums lapidar. Im Bundestag hatte die Mehrheit von Schwarz-Rot zuvor für das Gesetz votiert, wie die grün mitregierten Länder sich in der Abstimmung im Bundesrat verhalten haben, ist nirgends vermerkt. Klar ist jedoch: Das neue Gesetz öffnet die Türen weit zu einem Überwachungsstaat ganz neuer Qualität. Erich Mielke, der Chef der Staatssicherheit der DDR, hat vom Ausmaß dessen, was das als "Drucksache 391/17" öffentlich kaum wahrgenommene Gesetz möglich machen wird, nicht einmal feucht geträumt.

Denn die neue Bestimmung sorgt nicht nur dafür, dass die bisher von 90 Prozent der Deutschen verschmähte und ignorierte Möglichkeit, die elektronischen Komponenten des Personalausweises freischalten zu lassen und zu nutzen, künftig von Amts wegen freigeschaltet werden. Sondern sie gestattet es "Polizeibehörden des Bundes und der Länder, dem Militärischen Abschirmdienst, dem Bundesnachrichtendienst, den Verfassungsschutzbehörden, Steuerfahndungsdienststellen, dem Zollfahndungsdienst und den Hauptzollämtern“ nebenher aus, die Datenbanken, in denen die Personalausweis-Passbilder der Deutschen gespeichert sind, automatisch zu Fahnungszwecken zu nutzen.

Dazu braucht es keinen richterlichen Beschluss, nicht einmal ein staatsanwaltschaftliches Ersuchen. Die befugten Behörden bekommen -bis Mai kommendes Jahres einfach einen eigenen Zugang zu den Lichtbild-Archiven, in denen sie dann abprüfen können, was immer sie wollen, sobald es ihnen nötig scheint. Was und warum das ist, bleibt Geheimnis der jeweiligen Behörde. Weder Bürger, die Gegenstand einer Recherche geworden sind, noch Datenschützer erhalten Informationen darüber.

Ein mächtiges Werkzeug, das künftig noch mächtiger werden wird, wenn Gesichtserkennungprogramme, wie sie Google und Apple bereits entwickelt und - zumindest außerhalb Deutschlands - eingeführt haben, immer treffsicherer werden. Da der Personalausweis nicht nur ein elektronisches Passbild enthält, sondern auch die Fingerabdrücke des Inhabers, ist die Identifizierung eines Menschen nach einem Abgleich eines Fotos, das zum Beispiel mit einer Überwachungskamera gemacht wurde, ein Kinderspiel. Der Abgleich könnte automatisch erfolgen, zugegriffen werden könnte, befürchten Datenschützer, eines Tages auch auf die Kameras des Maut-System, die derzeit noch nur benutzt werden dürfen, um Fotos von Lkw-Kennzeichen zu machen.

Im Augenblick schließt die Politik eine solche flächendeckende Überwachung noch aus. Doch die Geschichte der Vorratsdatenspeicherung (VDS) lehrt, dass die Betonung immer auf "noch" liegt: Als die zuvor als verfassungswidrig abgeschaffte VDS zum zweiten Mal eingeführt wurde, wurde festgelegt, dass die von Providern zu speichernden Verbindungsdaten und GPS-Positionen ausschließlich bei der Verfolgung schwerer und schwerster Straftaten genutzt werden dürfen, also etwa bei Mord wie im Fall der 2015 in Halle ermordeten Studentin Mariya Nakovska.

Der Vorsatz hielt nicht lange. Eben erst hat die Bundesregierung die Liste der Delikte verlängert, bei denen Kommunikations- und Standortdaten abgefragt werden dürfen: Neben Delikten wie Völkermord, Hochverrat, Mord und Totschlag oder Verbreitung von Kinderpornografie sollen Ermittler künftig auch bei einfachem Einbruchdiebstahl auf die Daten zugreifen können. Die Bundesregierung ließ sich dabei auch nicht von einem Urteils des EuGH irritieren, der die Vorratsdatenspeicherung zwischenzeitlich als "rechtswidrig" verworfen hatte.

Keine zwei Jahre waren seit der Wiedereinführung der VDS vergangen und schon war sie vom Werkzeug der letzten Not zum polizeilichen Alltagsinstrument gegen Trivialkriminalität geworden. Ebenso schnell könnte es bei der Nutzung der Lichtbildarchive der Personalausweisregister und ihrer Verknüpfung mit den biometrischen Datenbanken der Fingerabdrücke und hochintelligenten Gesichtserkennungsalgorhitmen gehen. Big Brother wird es dann einfach wie nie: Sobald das Bild eines Verdächtigen vorliegt, reicht ein Tastendruck, um seinen Namen und seine Daten zu ermitteln.


Samstag, 3. Juni 2017

Little Steven: Der kleine Boss mit dem Kopftuch


Er spielte schon mit Bruce Springsteen zusammen in einer Band, als den allenfalls ein paar Leute rund um Ashbury Park/New Jersey kannten. Als der spätere "Boss" sich an die Arbeit zu seinem dritten Album "Born to run" machte, holte er seinen alten Gitarren-Kumpel Steven Van Zandt dann in seine E-Street-Band - der Rest ist Rockgeschichte. 

Springsteen feierte Welterfolge, van Zandt, genannt "Little Steven", stand mit Gitarre und Kopftuch neben ihm, bis er sich Mitte der 80er entschloss, eine Solokarriere zu starten. Die führte den heute 67-Jährigen in große Hallen und kleine Säle, Little Steven trat als politischer Aktivist auf und versammelte neben Springsteen auch Lou Reed, Bono, Bob Dylan und Peter Gabriel als "Artists United Against Apartheid" um sich.

Musik aber machte er weiter, seit Mitte der 90er sogar wieder mit Springsteens E-Street-Band. Kein Wunder, dass "Soulfire", das eben erschienene siebte Solo-Album des zuletzt als Schauspieler in "Sopranos" und "Lilyhammer" erfolgreichen Mannes aus Massachusetts klingt, als hätte der Boss selbst Hand angelegt. 

Das kommt allerdings nicht davon, dass Little Steven Springsteen nachäfft, sondern eher daher, dass er den Sound seines alten Freundes über Jahre geprägt hat wie kein anderer Musiker. 

Wenn hier nun van Zandts "I'm coming back" klingt wie ein verschollenes Stück des Megastars, wenn die Bläser in "Soulfire" schwitzen und das schon 1977 mit dem Boss zusammen geschriebene "Love on the wrong side" vom Klavier eingeleitet wird, dann ist das großer, klassischer Stadionrock im Springsteen-Stil. 

Little Steven spielt mit seiner Band The Disciples Of Soul am 14. Juni auf der Parkbühne im Leipziger Clara-Zetkin-Park. Karten für das Konzert gibt es hier: mawi-concert.de