Samstag, 17. Juni 2017

17. Juni 1953: Der Tag X in Halle

Szenen aus Halle, die der Schriftsteller Titus Müller in seinem Buch über den "Tag X" fast dokumentarisch beschreibt.

Der Leipziger Schriftsteller Titus Müller führt mit seinem spannenden Geschichtsdrama „Tag X“ in die Zeit des Arbeiteraufstandes vom Sommer 1953. Im Mittelpunkt seines Buches steht das, was damals in Halle geschah.


Auf einmal stehen alle Räder im Waggonbau Ammendorf still. Die Arbeiter sammeln sich auf dem Hof und brüllen den Parteisekretär nieder, der sie zurück an die Werkbänke reden will. Dann marschieren sie Richtung Innenstadt, ohne Befehl und ohne Anführer. Immer neue Arbeitskollektive schließen sich an. Ein schweigsamer Strom, der mehr und mehr Menschen aus den umliegenden Betrieben ansaugt. Die Staatsmacht sieht es geschockt, unfähig zur Reaktion.

Ausnahmezustand im „Maschinenraum der DDR“, wie der Leipziger Schriftsteller Titus Müller den damaligen Bezirk Halle in seinem neuen Buch "Der Tag X"  nennt. In jenem Juni 1953 ist das Volk auf der Straße, die Einheitspartei verbarrikadiert sich. Als einige Demonstranten versuchen, die Stadtleitung der SED zu stürmen, fallen Schüsse. Später am Tag wird Blut fließen, ehe sowjetische Panzer rollen und den Aufstand rücksichtslos niederschlagen.

Doch es ist nicht nur die einzige große Rebellion der DDR-Bevölkerung gegen das System, die Titus Müller beschäftigt. Ihm geht es auch in seinem zwölften Roman wieder um ein Zeitbild, das Geschichte in mehreren Ebenen lebendig werden lässt. Wie zuletzt bei „Berlin Feuerland“, einer Geschichte vor dem Hintergrund der Märzunruhen des Jahres 1848, stellt der 39-Jährige seine erfundenen Figuren in echte historische Kulissen, in denen sie stellvertretend für ihre wirklichen Zeitgenossen agieren.

Der Waliser Ken Follett hat diese Methode der Geschichtsdramastisierung zuletzt mit der auch den 17. Juni berührenden „Jahrhundertsaga“ perfektioniert. Titus Müller hält die Perspektive mehr am Boden, er schildert in „Tag X“ nur ein Jahr. Es gelingt ihm aber ebenso gut wie dem britischen Auflagenmillionär, glaubhafte Charaktere auf die historische Bühne zu stellen.

Seine Hauptheldin hier ist die Schülerin Nelly, die sich in einem Land zurechtfinden muss, das nicht einfach zu verstehen ist. Jahre zuvor haben sowjetische Soldaten ihren Vater mit nach Russland genommen, wo er für Stalin forschen muss. Nelly hat Fragen dazu, die ihr niemand beantworten will. So landet sie in der Jungen Gemeinde - und das in einer Zeit, in der die DDR gegen die Kirchen mobil macht.

Während in Moskau Stalin stirbt und das Machtgefüge im Sozialismus ins Rutschen gerät, wird Nelly zur Staatsfeindin erklärt. Sie fliegt von der Schule, verliebt sich in den Uhrmacher Wolf, der wiederum versucht, ihr über seinen Funktionärsvater zu helfen und dabei in die Fänge der Stasi gerät. In Halle hat die alleinerziehende Arbeiterin Lotte ähnliche Probleme - der Alltag ist hart, die Zukunft düster. Hoffnung könnte nur noch eine Veränderung von allem geben.

Parallel blendet Müller nach Bonn, wo ein Sowjet-Spion für seinen ambitionierten Chef Lawrenti Beria ein Tauschgeschäft über die DDR anbahnt, und nach Moskau, wo Funktionäre um das Erbe Stalins rangeln. In Berlin wird derweil eine konsternierte SED-Führung zwischen dem eigenen Volk und den Weltmacht-Interessen der Schutzmacht im Osten zerrieben.

Titus Müllers Geschichte ist ein Komprimat von vielem, was damals gewesen sein könnte, und anderem, das wirklich war. Adenauer tritt auf, Globke, Churchill und Chruschtschow intrigieren, Ulbricht bettelt, und der von seiner guten Sache überzeugte Minister Fritz Selbmann tritt den Demonstranten ungeschützt gegenüber. In echt wird Ulbricht ihn später wegen „abweichender Meinungen“ kaltstellen lassen.

Müllers temporeiches, spannendes Spiel mit der Wirklichkeit bleibt nah an der tragischen Wahrheit. Im richtigen Leben hieß der vor dem Roten Ochsen erschossene Student nicht Marc König, sondern Gerhard Schmidt (hier die wahre Geschichte), aber er war wirklich 27 und nur zufällig in die versuchte Stürmung des Gefängnisses geraten. Auch dass die DDR-Führung seinen Tod später instrumentalisierte, um mit einem Opfer „westdeutscher Provokateure“ von der eigenen Verantwortung abzulenken, ist wahr. Ebenso wie der Versuch der SED-Spitze, die erhöhten Arbeitsnormen nach den ersten Protesten zurückzunehmen.

Doch der Zug der Zeit war da schon auf den Schienen, die Machtprobe unausweichlich. Am 17. Juni rollen die Panzer, am Abend wird das Kriegsrecht verhängt. Am 18. Juni ist Halle eine belagerte Stadt, die Proteste sind erstickt. Am 26. wird Beria in Moskau verhaftet, der Kampf um Deutschland ist beendet. Der Massenmörder, der sich als Reformer sah, wird im Dezember als britischer Spion verurteilt und sofort erschossen. Zurück bleiben Lotte, Nelly und Wolf, die nichts davon verstehen und noch viel DDR vor sich haben.

Titus Müller: „Tag X“, Blessing,
400 Seiten, 19,99 Euro

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