Donnerstag, 26. Oktober 2017

Nick Cave: Buch der bösen Saat

Der Berliner Comic-Künstler Reinhard Kleist erzählt in gleich zwei voluminösen Büchern die Lebensgeschichte des australischen Sängers Nick Cave.


Der Mann mit dem harten Zug um den Mund war knapp 40, als er dort ankam, wo er nicht hingehörte. Nick Cave, geboren im australischen Flecken Warracknabeal, sang im abgründigen Bass "Where the Wild Roses Grow", während die überirdisch schöne Kylie Minogue im Wasser liegt, mehr Symbol einer gestorbenen Liebe als tote Frau.

Cave, mit seinen Bands The Birthday Party und The Bad Seeds meist ein entschiedener Prediger des Atonalen, Wüsten und Unkommerziellen, fand sich auf einmal in der Hitparade wieder. Er wurde für das Album des Jahres und den Song des Jahres geehrt und seine Songsammlung "Murder Ballads" etablierte ihn als große singuläre Leidensfigur in der Popkultur, vergleichbar mit Johnny Cash, Tom Waits oder Leonhard Cohen.

Eine Person, die seitdem weitere Platten, Bücher und Filme gemacht hat. Und die nun durch die Feder des aus Münster stammenden Zeichners Reinhard Kleist selbst zu Kunst wird: In gleich zwei mächtigen Bänden hat der in Berlin lebende Comiczeichner dem australischen Depressionisten ein voluminöses Denkmal gesetzt, das dessen Leben als Folge von meist schwarzweißen Strips erzählt.

In "Nick Cave - Mercy on me" dienen Episoden aus dem Leben Caves und Zitate aus Songtexten dem derzeit erfolgreichsten deutschen Comic-Künstler als Material, aus dem er eine "Welt der Geschichten, der Dramen und Sagen" (Kleist) zusammenbaut, die sich allmählich zur Biografie des gottesfürchtigen, aber keiner Sünde abholden Sängers summiert. Nick Cave ist hier erst der kleine Junge, der mit Freunden riskante Mutproben absolviert, dann ein Nachwuchsmusiker, der den "Blitzkrieg Bop" der Ramones nachgröhlt und auf einem Autodach mitfährt, bis ihn die hart bremsende Maschine abwirft.

"Kickt total", sagt Nick Cave, der im echten Leben über Jahre auf der Suche nach solchen Kicks bleiben wird. Jahrelang nimmt er Heroin, der Drogenschick prägt sein frühes Image als Mann im schwarzen Anzug, der auf der Bühne zu einem kalten Vulkan wird, abseits davon aber fortwährend mit sich selbst und dem Leben hadert. In Berlin, seiner Wahlheimat, versucht Cave, seine Monster mit Hilfe der Musik hervorzulocken, um sie besiegen zu können. Kleists Bilder sind hektisch, es regnet in der Stadt, die noch nicht Hauptstadt ist, sondern eine exotische kapitalistische Insel im sozialistischen Meer. "Nick Cave & The Bad Seeds" dann ist ein Artbook im Format einer Schallplatte, das die Geschichte der Beziehung des Zeichners zum Sänger in Bilder übersetzt und noch anekdotischer von Caves Leben erzählt.

Kleists Nick-Cave-Porträts sind hier großformatiger, fast schon Gemälde, die unterschiedliche Facetten seiner Persönlichkeit betonen. Nick Cave ist der Sinnsucher, ein Getriebener auf dem Weg zur Erkenntnis, was das alles soll - die Lieder, Bücher, Filme. Kleist, der von Cave selbst das Okay zu seinen Comics bekam, zeigt den heute 60-Jährigen als Reisenden und Revolvermann, als jugendlichen Träumer, mit Kylie Minogue in seiner größten Rolle und als verzweifelten Junkie in seinem Berliner WG-Zimmer. Am Ende geht der Mann in Schwarz einsam davon. Unter einem Baum ohne Laub.

Reinhard Kleist, Nick Cave - Mercy on me, Nick Cave & The Bad Seeds, Carlsen-Verlag, je 24,90


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