Sonntag, 26. November 2017

Ostrock: Der Gegner spielt Gitarre


Der Staatssicherheit waren sie schon von Berufs wegen verdächtig - kaum irgendwo sonst wurde angestrengter überwacht und spioniert als im Milieu der Rock- und Popmusik des Arbeiter- und Bauernstaates. Ostrocker wurden so zu Opfern, aber auch zu Tätern.


Zumindest Kurt Hager war die Situation nicht geheuer. "Wie ich Dir schon sagte", schrieb der Kulturverantwortliche des SED-Politbüros Anfang April 1984 an Stasichef Erich Mielke, "haben sich durch die Ablehnung der Reisefähigkeit einiger auch international einsetzbarer Gruppen Probleme auf dem Gebiet der Rockmusik ergeben". Hager forderte Konsequenzen. "Wir müssen in dieser Frage großzügiger sein", mahnte er Mielke. Die "unterschiedliche Behandlung der Rockgruppen" führe zu einer Situation, "in der wir mit diesen Gruppen schwierige Auseinandersetzungen bekommen".

Schlechte Stimmung nach BAP


Die Stimmung in der DDR-Rockszene Mitte der 80er Jahre war so schon schlecht genug. Eine geplante DDR-Tour der BRD-Gruppe BAP, von der die DDR-Szene sich insgeheim eine weitere Öffnung erhofft hatte, war nach einem Streit um einen kritischen Liedtext abgesagt worden. Das erste Gastspiel des Hamburger Sängers Udo Lindenberg hatte nahezu ausschließlich vor handverlesenem Publikum stattgefunden, eine bereits angekündigte Tour ließen die DDR-Verantwortlichen anschließend still sterben. Der Bluesmusiker Hansi Biebl reiste in den Westen aus. Ausreiseanträge hatten auch Hans-Joachim Neumann, Chef von "Neumis Rock-Circus", die Sängerin Angelika Mann und der Gitarrist Udo Weidenmüller gestellt. Und die Wunden, die der Weggang einer ganzen Künstlergeneration mit Leuten wie Veronika Fischer, Manfred Krug oder Nina Hagen gerissen hatten, brannten immer noch. Kurz:

Die Situation war mal wieder ernst. Im Politbüro, wo man sich seit Anfang der 60er Jahre immer wieder auch mit dem ungeliebten Phänomen Popmusik auseinandergesetzt hatte, verteilte Erich Mielke am 24. April höchstpersönlich die neueste "Information über die Ergebnisse der Überprüfung der Reisefähigkeit von Rock-Musikformationen der DDR in das nichtsozialistische Ausland". Schlechte Nachrichten. Von 500 Amateurgruppen und 85 professionell arbeitenden Rockbands attestierte die Staatssicherheit ganzen sechs die uneingeschränkte Reisefähigkeit. Namhafte Gruppen wie City, Silly, Prinzip und Wir mussten daheim bleiben, obwohl sich, wie Kurt Hager zuvor noch an seinen Politbüro-Kollegen Mielke geschrieben hatte, "die leitenden Genossen des Ministeriums für Kultur für die Gruppen einsetzen und Gastspielangebote aus dem NSW vorliegen".

"Politisch negative Haltung"


Doch das hatte die besseren Argumente: Silly-Sängerin Tamara Danz unterhalte Verbindungen zu Personen, die die DDR illegal verlassen hätten, sie habe im übrigen eine politisch unzuverlässige Gesamthaltung und stelle ihre Wohnung für Treffen von Westberliner Bürgern mit politisch-negativen DDR-Bürgern zur Verfügung, teilte das Organ mit. Citys Toni Krahl habe ebenso wie Bassist Manfred Henning "eine politisch-negative Haltung zur DDR", er sei außerdem wegen staatsfeindlicher Hetze vorbestraft. Der City-Lichttechniker Rolf J. sei "1991 Nichtwähler" gewesen und pflege Beziehungen zu einem im Westen gebliebenen Techniker der Gruppe Kreis. Von Wir-Sänger Wolfgang Ziegler wußte man, dass er gegen die Zollbestimmungen verstoßen hatte, über Silly-Techniker Alfons D. lag der Hinweis vor, "wonach er nach Möglichkeiten sucht, die DDR ungesetzlich zu verlassen". "Die hatten immer Informationen abrufbar", ist sich City-Chef Toni Krahl heute sicher, "da konnten sie jeweils das hernehmen, was sie für einen Dämpfer politisch für nötig hielten."

Dann konnte auch Hager nichts mehr machen. Der Kessel blieb zu. Und der Druck stieg. Die Staatssicherheit aber war auf der Hut. Und Rockmusiker waren Mielkes Männern schon von Berufs wegen verdächtig. Langhaarig, erfahrungsgemäß häufig einer "feindlich-negativen Haltung" verdächtig und zu keiner Institution richtig dazugehörig - das passte nicht in den ordentlichen kleinen Sozialismus der DDR. Also durften Künstler wie Karat-Sänger Herbert Dreilich und Renft-Chef Klaus Jentzsch, Karussell-Bassist Claus Winter oder City-Sänger Toni Krahl zwar einerseits zu "gesellschaftlichen Höhepunkten" wie den Weltfestspielen und "Rock für den Frieden" in die Saiten greifen, andererseits aber wurden sie wie Feinde des System unter Beobachtung gehalten. Ein "zweiter Fall Biermann, ein zweiter Fall Renft-Combo", lautete die Devise, müsse unter allen Umständen verhindert werden.

Biermann und Renft verhindern


Ein zunehmend schwieriger werdendes Vorhaben. "Vorliegenden Hinweisen zufolge", meldete die Stasi ihrem Minister im Jahr 1983, "steigt die Anzahl der Rockformationen ständig an. Das erschwert eine sorgfältige Auswahl und Überprüfung der Personen erheblich." Außerdem läge, empört sich der zuständige Offizier, bei zentralen staatlichen Stellen keine "zentrale personelle Übersicht" über die Mitglieder der Gruppen vor. Es fehlten insgesamt Kader- und andere Unterlagen, aus denen die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung der einzelnen Gruppenmitglieder ersichtlich sei. "Daraus resultiert eine nicht ausreichende einheitliche staatliche und gesellschaftliche Einflussnahme, Erziehung und Kontrolle der Gruppenmitglieder".

Zumal, wie der Potsdamer Musikwissenschaftler Peter Wicke bestätigt, "kein homogener Apparat über dieser Art Kultur thronte". Ganz im Gegenteil vertrat meist ein "ganzes Geflecht von Leitungsinstanzen und Kommissionen sehr unterschiedliche Ansichten". So konnte es durchaus vorkommen, daß das Ministerium für Kultur die Produktion einer Platte genehmigte, deren Sendung im Rundfunk von der Kulturabteilung des SED-Zentralkomitees verboten wurde, noch ehe die Platte fertig war. Auch kam es vor, daß Gruppen in bestimmten Städten oder Bezirken Auftrittsverbot hatten, sie gleichzeitig aber im staatlichen Fernsehen spielen durften.

Auftrittsverbot, aber Fernsehauftritte


"Einheitliche politische Orientierungen werden bisher nicht genügend erarbeitet", hieß das dann bei den Männern des MfS. Eine Klage, die die Stasi von Anfang an führte. Seit den frühen 60er Jahren hatten junge Leute, die inspiriert von den Beatles und den Rolling Stones irgendwo Rock'n`Roll oder Beat spielten, immer wieder für Ärger gesorgt. Beatmusik galt als Werkzeug des Klassenfeindes, ja, als "Splitter des Pfahles im Fleisch des Sozialismus" , wie es in einer Akte geheimnisvoll heißt.

Kulturdarbietungen wie die der "Diana-Show-Band", die in Tigerfelle gekleidet "wildes Remmidemmi" (Junge Welt) zu machen pflegte, passten nicht in die Landschaft. Nach einer kurzen Phase der Öffnung für die neue Mode aus dem Westen, in der eine Beatles-Platte bei Amiga erscheinen und die FDJ eine "Gitarrenmusikbewegung" initiieren durfte, übernahmen bald wieder die Hardliner das Kommando.

Wie Dokumente aus dem SED-Parteiarchiv belegen, war der Kurswechsel langfristig vorbereitet worden. Schon 1964 ließ sich der damalige SED-Sicherheitschef Erich Honecker regelmäßig eine Aufstellung der "sicherheitsrelevanten Vorfälle bei Beat-Veranstaltungen" erarbeiten, in der jedes zu Bruch gegangene Bierglas und jeder wegen zu langer Haare "aufgegriffene" Jugendliche penibel aufgelistet wurde.

Harte Rhythmen staatsgefährdend


Nach dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED im Dezember "gaben wieder die Sicherheitsorgane die ästhetischen Maßstäbe vor", meint Rockforscher Peter Wicke, "und nach deren Meinung waren harte Rhythmen nun mal eine staatsgefährdende Übung". Doch was man anfangs noch verbieten oder mit Polizeigewalt niederknüppeln konnte, ließ sich nie völlig vernichten. "Jede verbotene Band kehrte unter anderem Namen zurück", beschreibt Wicke, "und auch die Fans entwickelten immer neue Selbstbehauptungsstrategien." Rückzugsgefechte um Haarlängen, Bekleidungsmode und Sprachregelungen kündigten die Kapitulation des Systems an. "Da offensichtlich Beat-Formationen differenzierten Bedürfnissen unserer Jugend entsprechen", vermerkt ein Papier des Kulturministeriums, könne man mit Verboten nicht mehr arbeiten.

"Es kommt vielmehr darauf an, die jugendgemäße Tanzmusik weiterzuentwickeln". Angesichts der Gefahr, die man in den "zumeist unkontrollierten Aktivitäten zahlreicher Gruppen" und einer "Wirksamkeit, die sich nicht in Übereinstimmung mit unserer Kulturpolitik befindet" sah, setzte die DDR-Führung verstärkt auf Eingliederung. Jugendliche Musik ja, aber gepflegt muss sie sein. "Niemand hat etwas gegen eine gepflegte Bittmusik", verkündete nun auch Staats-und Parteichef Walter Ulbricht, der kurz zuvor zum Schrecken aller Rockfans noch öffentlich gefragt hatte: "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Muss man denn dieses Yeah, Yeah, Yeah nachmachen?".

Immer dieses yeah, yeah und yeah


Erst, als es nicht mehr anders ging, taute das Eis, Rock durfte hoffähig werden. Die Staatssicherheit allerdings redete immer ein Wörtchen mit. In kaum einem anderen Lebensbereich der DDR wurde angestrengter überwacht und ausgiebiger spioniert als in der DDR-Rock- und -Liedermacherszene. "Je ausgeprägter die ästhetischen Ressentiments gegen eine bestimmte Art Musik", sieht Wicke einen direkten Zusammenhang, "umso größer wurde die staatsgefährdende Wirkung eingeschätzt." Überall witterte das MfS Gefahr, überall hatte es seine Männer sitzen: In Singeclubs und hinter den Schlagzeugen, in Bandbüros und bei den Konzert- und Gastspieldirektionen, bei der Plattenfirma Amiga und in den Radiosendern.

"Schlüsselpositions-IM Rose" und GMS "Erika", IMS Peters, IM Höhne und unzählige andere besorgten Textabschriften, ehe die Lieder eingespielt wurden, Männer wie der spätere ORB-Moderator Lutz Bertram, der Liedermacher Gerhard Gundermann oder auch die "Firma"-Sängerin Tatjana meldeten diffuse Stimmungsschwankungen in den Gruppen weiter und informierten über illegal aus dem Westen eingeschmuggelte Verstärkertechnik.

"Biet" statt Beat


Und überall kamen die Männer von der Sicherheit, die noch 1974 gelegentlich "Biet" statt "Beat" schrieben und die Wirkung der gleichnamigen Musik einem "aufreizenden Rhythmus, der unter Nutzung modernster elektronischer Mittel in Überlautstärke dargeboten wird" zuschrieben, zu spät. Phänomene wie das des Fans, der seiner Lieblingsband zu jedem Auftritt nachreist, bemerkte man erst, als die Fans als schon als "sogenannter Anhang" von 100 bis 150 Personen "überregional in Erscheinung" traten.

Und auch da versteht das Ministerium noch nichts: "Regelrechte Anführer oder Organisationen sind bislang nicht bekannt", heißt es in einem Bericht über das "rowdyhafte, negative, asoziale und dekadente Verhalten" der DDR-Rockfans anno 1974 verwundert. Die Rockmusiker in der DDR waren sich durchaus über ihre seltsame Lage im Klaren. Zwischen Verbot und Vereinnahmung, Fallenlassen und Fördern, Kriminalisierung und Kooperation, so Peter Wicke, "vollführten sie eine komplizierte und risikoreiche Gratwanderung".

Rocker auf Gratwanderung


Einerseits die Ansprüche des Publikums, das sich an westlichen Rockbands orientierte, andererseits eng beschränkte Möglichkeiten, an Bühnentechnik, Plattenverträge und Medien Auftritte zu kommen. Dazu die Auflagen, Erwartungen und Instrumentalisierungsabsichten des SED-Apparates, der nie verstand, worum es bei Rockmusik eigentlich ging - Rockmusiker in der DDR war auch ein Diplomatenjob. Einer der "Diplomaten" war Puhdys-Keyboarder Peter Meyer. Unter dem Decknamen "Peter" lieferte er ab 1973 "Informationen zu Personen und Sachverhalten", wie es im Abschlussbericht der Hauptabteilung XX heißt. Mit zunehmenden Erfolgen und der damit verbundenen häufigen Gastspieltätigkeit seiner Rockgruppe im NSW sei dann allerdings eine kontinuierliche Zusammenarbeit nicht mehr möglich gewesen.

Meyer, der nach der Wende bekundete, nur im Auftrag seiner Kollegen mit dem MfS gesprochen zu haben, wollte wohl auch nicht mehr. Die Puhdys hatten alles erreicht. Das MfS konnte ihnen nicht mehr helfen. "In den Mittelpunkt seiner Ausführungen bei Treffs rückten persönliche Probleme, vor allem zur Reisefähigkeit von Gruppenmitgliedern", klagt Meyers Führungsoffizier. Dadurch habe der IM nur noch "wenig operativen Wert". Achtzehn Tage nach dem Mauerfall wird Meyer "abgelegt". Der Großteil seiner Akte wurde vernichtet. Die Empfehlung der Staatssicherheit, daß "gesellschaftlich und künstlerisch nicht genügend geeignete Rockmusikformationen" einer "anderen gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit zugeführt" werden sollten, konnte nicht mehr in die Praxis umgesetzt werden.



Samstag, 18. November 2017

Lebender Toter: Das Julius-Kühn-Haus steht immer noch


Vor sieben Jahren der Abrissbeschluss, vor fünf Jahren das definitive Aus. Und doch steht das als Julius-Kühn-Haus bekannte große Gebäude am Eingang der Ludwig-Wucherer-Straße immer noch. Innen ist die Zeit stehengeblieben: Hörsaalmöbel und Labortische, hallende Treppenhäuser und Einbauschränke stehen im hellen Licht, das durch große Fenster fällt. Sprayer haben überall Spuren ihrer mangelnden künstlerischen Fähigkeiten hinterlassen. Trinker dagegen leeren Flaschen, Kippen und vergammelte Decken.

Die früher hier beheimatete Naturwissenschaftliche Fakultät ist an den Weinbergcampus gezogen, dort ehrt ein nach Julius Kühn benannter Hörsaal das Andenken des Institutsgründers. Auch der "Bauernklub", der Generationen von Studenten zu Gästen des langestreckten Gebäudes in der Ludwig-Wucherer-Straße 82 machte, ist weg, umgezogen in die Innenstadt. Das Parkhaus aber, das im Zuge des Steintor-Umbaus am Standort des Kühn-Hauses entstehen sollte, wurde bis heute nicht gebaut.

Stattdessen hat eine Erweiterung der Verkehrsführung auf eine neugebaute Gudrun-Goeseke-Straße das nach dem Begründer des Instituts für Agrar- und Ernährungswissenschaften benannte Haus in einer seltsamen Insellage zurückgelassen. Hinten läuft jetzt der Verkehr. Vorn spannt sich zwischen dem Uni-Gebäude auf der anderen Straßenseite und der leerstehenden Ruine eine Fußgängerzone ohne Café, ohne Läden, Kneipen oder sonstige Anlaufpunkte.

Die älteste agrarwissenschaftliche Lehr- und Forschungsstätte einer deutschen Universität, deren Geschichte bis 1863 zurückreicht, ist eine lebender Toter. Anfangs wurde noch ein Nachnutzer gesucht, später verlegten sich die Planungen auf den Ersatz durch ein Parkhaus für den gegenüberliegende Steintor-Campus. Passiert aber ist nichts. Zwar gehört der Gebäudekomplex dem Land Sachsen-Anhalt. Aber weil auf dem Grundstück des Kühn-Hauses vermögensrechtliche Ansprüche von Alteigentümern liegen, die offenbar bis heute ungeklärt sind, steht in den Sternen, wann das Gebäude wirklich abgerissen wird.

Dienstag, 14. November 2017

Dan Brown: Gott ist eine künstliche Intelligenz


Der amerikanische Auflagenmillionär Dan Brown setzt die Serie seiner Bücher um den Symbol-Forscher Robert Langdon mit dem neuen Buch "Origin" gewohnt temposcharf fort.

Ein wenig Glück gehört dazu, doch das Glück, das den früheren Englischlehrer Dan Brown zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt machte, ist eines der sorgfältig geplanten Art. "Origin", Browns soeben erschienener fünfter Thriller um den Ikonologen und Symbol-Forscher Robert Langdon, spielt in Spanien. Zufällig ein Land, das derzeit nicht nur in der Fiktion, sondern ganz wirklich durch schwere Zeiten geht.

Dan Brown, 53 und vor knapp 15 Jahren mit seinem vierten Buch "The Da Vinci Code" (deutsch "Sakrileg") in die Sphäre der globalen Auflagenmillionäre aufstiegen, kommt so etwas gut zu pass. Denn die Methode des Mannes aus New Hampshire, der als ältestes von drei Kindern eines Mathematikers in der Nähe von Boston aufwuchs, hat sich seit dem ersten Auftritt von Robert Langdon im Buch "Illuminati" nicht geändert. Es geht hier immer um alles. Das Schicksal der Welt ist von dunklen Mächten bedroht, eine Brotkrumenspur aus geheimen Zeichen nur kann den rein zufällig in die Kabale verwickelten Langdon dorthin führen, wo sich alle Rätsel lösen, die gelöst werden müssen, um die Menschheit zu retten.

Ehe der US-Amerikaner, Jahrgang 1964, zu einem der weltweit erfolgreichsten Schriftsteller wurde, arbeitete der Sohn eines Mathematikprofessors aus New Hampshire als Englisch- und Spanischlehrer, feilte an einer Musikerkarriere und schrieb nach Feierabend. Mit Mitte 30 konnte Brown auf eine einzige Veröffentlichung verweisen, das Ratgeberbüchlein erschien unter Pseudonym und verkaufte sich schlecht.

Mit dem Überwachungsthriller "Diabolus" änderte Brown seinen Stil, wurde dafür aber zeitweise vom Geheimdienst NSA überwacht. Immerhin begeisterte Brown einen Großverlag für sein Thrillerdebüt. Für den Nachfolger "Illuminati" konnte er sich ausgiebige Recherchen leisten. Das erste Buch um den Symbolistik-Professor Robert Langdon wurde ein Welterfolg und später mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt.

Wie üblich bei Brown schildern nun auch die 672 Seiten des fünften Langdon-Thrillers einen überschaubaren Zeitraum von wenig mehr als einem Tag in einer Krisensituation. Edmond Kirsch, ein früherer Student Langdons, der zum genialen Wissenschaftsunternehmer geworden ist, plant anfangs, die Menschheit mit wegweisenden Erkenntnissen über die Existenz Gottes, die Herkunft des Menschen und seinen Weg in die Zukunft vertraut zu machen. Ein globales Event, dessen Botschaft die Macht der Religionen für immer zu brechen verspricht, wie der nach dem Vorbild real existierender Dotcom-Milliardäre modellierte Vordenker glaubt.

Doch mitten in der Präsentation geschieht es. Ein Mann in Admiralsuniform schießt Kirsch nieder. Langdon wird ebenso Zeuge wie die bildhübsche Moderatorin der Show, die nebenher auch noch die Verlobte des spanischen Kronprinzen ist.

Eine Ausgangslage, die Dan Brown Gelegenheit gibt, alle seine Trümpfe auszuspielen. Es gibt Verfolgungsjagden und Verschwörertreffen, religiöse Führer sterben, wer Freund ist und wer Feind verschwimmt zusehends, während der Symbol-Forscher und die Verlobte des Prinzen durch Spanien rasen, um das Geheimnis um den Ursprung aller Dinge aufzudecken, das der Ermordete mit der ganzen Welt hatte teilen wollen.

Brown, der das Sujet des Verschwörungsthrillers mit seinen Bestsellern "Illuminati", "Sakrileg", "Symbol" und "Inferno" neu definiert hat, löst sich in "Origin" - zu Deutsch so viel wie "Ursprung" - von der engen Bindung an Religion, Kirche und Vergangenheit. Obwohl die Schnitzeljagd der beiden Helden unter der steten Bedrohung durch augenscheinlich religiös motivierte Killer steht, geht es in Wirklichkeit um etwas anderes als den Kampf zwischen Gläubigen und Nichtmehr-glauben-Könnenden.

Dan Brown, immer schon ein Verfechter der Wissenschaft, ohne deshalb ein Feind der Religionen zu sein, nutzt die Atempausen der Handlung, um seine Leser auf eine Reise in Philosophie- und Architekturgeschichte mitzunehmen. Kurzweilig referiert er dann über die für "Origin" extrem wichtige Entwicklung künstlicher Intelligenz, die Gegenkirche der Palmarianer, die Sitten am Königshaus und die Kathedrale Sagrada Família in Barcelona. Ehe wieder geschossen wird.

Brown schafft so eine Art Bildungsthriller, der funktioniert wie Hustensaft in Zucker: Eigentlich schwer zu schluckende Kost wird zu purer Unterhaltung, die sich weglöffelt wie ein Strandeis. Ein Lesespaß bis zum Schluss. Demnächst dann mit Sicherheit auch wieder im Kino.



Samstag, 11. November 2017

Zwei Jahre, unvergessen


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann



Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.


Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

Steffen Drenkelfuß bei Facebook

Donnerstag, 9. November 2017

DDR-Klassiker zum Mauerfall: Damals hinterm Mond


Lach- und Sachgeschichten aus einer DDR, wie sie vielleicht gewesen sein könnte. Auf jeden Fall viel lustiger als das Original. Und heute schon ein Klassiker der Erinnerungsliteratur.

Es ist nicht viel passiert damals, ehrlich gesagt. Bisschen Einschulung, bisschen erste Freundin. Bisschen Sex, bisschen Schulhof-Geschubse, bisschen FDJ. Erste Gitarre, erste Zigarette. Erster schwerer Kopf auch. Ansonsten Pickel, Sorge um den Weltfrieden, Sportunterricht. Und all das nachmittags auf der Parkbank gemeinsam bequatschen, bis es zu einem sämigen Brei gekaut war.

Es gibt nicht viel zu berichten aus dieser Zeit, damals hinterm Mond, im ersten sozialistischen Arbeiter-und Bauernstaat DDR. Jakob Hein aber erzählt es mit großem Talent und bemerkenswerter Hingabe an skurrile Details. "Mein erstes T-Shirt", das bereits 2003 erschienene Debütbändchen des an der Berliner Charité praktizierenden Psychiaters, ist eine Art "Sonnenallee" für die Kinder der 80er Jahre, dieser "grauen Zeit" (Hein) mit ihrer "schrecklichen Musik".

Seltsame Zeiten zwischen "Tatort" im Westfernsehen und sturmfreier Partybude waren das, mit heutigen Maßstäben fast nicht zu fassen. Das T-Shirt war selbstverständlich ein Nicki damals hinterm Mond, der Sportlehrer schmiss mit einem fetten Schlüsselbund nach schwatzenden Schülern und die Staatssicherheit bezahlte das Bier.

In lakonischen Sätzen geht der gebürtige Leipziger auf Entdeckungstour in der Erinnerung, und was ihm dabei unter die Schreibmaschine geraten ist, verdient durchaus das Prädikat "amüsant und unterhaltsam". Hein, ein guter Freund des gefeierten "Russendisko"-Autoren Wladimir Kaminer, bleibt bei der Wahrheit in seinen kurzen Storys. DDR-Jugend pur gibt es hier, ungeschnitten und ohne Overdubs: Die Suche nach dem Netzhemd zum Über-den-Pullover-Ziehen wird beschrieben, die Jagd auf geeigneten Alkohol für ein Privatbesäufnis im Kinderzimmer.

150 Seiten lang schichtet der 30-Jährige kurze Sätze zu knochigen Geschichten zusammen, die nie "so war das" krähen oder sich prustend auf die Schenkel klopfen. Jakob Hein ist wie ein Thomas Brussig ohne dessen ausgestellte Nettheit; wie ein Jörg Mehrwald ("Bloß gut, dass es uns noch gibt") ohne dessen zuweilen gezwungen wirkende Komik.

Komisch waren wir schließlich selber, damals hinterm Mond. Beim Schulhofappell und im Wehrkundeunterricht, als Befreiungskartenschreiber für Angela Davis und als Udo-Lindenberg-Fans. Jakob Hein nun muss nicht viel mehr tun als Atmosphäre schaffen und seine Geschichten mit den unerlässlichen Details ausstaffieren: Ein Lolli-Lutscher hier, ein Schimpfwort dort -und stickum ist die Community der ehemaligen Diskojeans-Träger und "Duett - Musik für den Rekorder"-Hörer unter sich.

Ein Ostbuch ist das, zweifellos, und im Duktus eine Mischung aus "Fänger im Roggen" und Ottokar Domma zudem. Jakob Hein, von Kaminer als "geheimnisvoller Mensch" beschrieben, der in der DDR "wie so viele andere auf beiden Seiten der Barrikade kämpfte", erklärt nicht, er setzt voraus. Dass seine Leser wissen, was die "Poesiealbummode" war. Dass der Name der Fernsehsendung "Gixgax" eine Saite in ihnen zum Schwingen bringt. Und dass sie noch wissen, wie das gewesen ist: In der Annahmestelle für Sekundärrohstoffe zu stehen und unter den gestrengen Blicken des staatlich bestallten Altstoffwartes Aluminiumringe von leeren Schnapsflaschen abknaupeln zu müssen. Im Dienst von Frieden und Völkerfreundschaft auch noch, streng genommen.

Anders Sozialisierte müssen da zwangsläufig draußen bleiben. Kein Chance für sie, Heins gallige Erklärungen für "sozialistischen Realismus" oder den pubertären Leistungsknick nachzuvollziehen. Vielleicht aus diesem Grund sind zwischenrein einige Geschichten gestreut, die einen Arm bis ins Heute strecken.

Mittwoch, 1. November 2017

Der kleine King: Brennender Zorn


Stephen Kings Sohn Joe Hill tritt im zehnten Jahr als Schriftsteller mit seinem neuen Endzeit-Thriller "Fireman" aus dem mächtigen Schatten seines Vaters.

 Die große Seuche frisst sich durch die Gesellschaft. Hartnäckig und in einer Geschwindigkeit, die immer noch ein wenig Hoffnung lässt, erobert die Spore Dragonscale Amerika: Menschen bekommen zuerst einen schwarz-goldenen Ausschlag, dann beginnen sie zu qualmen und zu rauchen. Und schließlich gehen sie mir nichts, dir nichts in Flammen auf. Was für ein Quatsch!

Und wie fesselnd Joe Hill ihn in seinem neuen Thriller "Fireman" aufschreibt! Aus der bisher vielleicht hanebüchenensten Variante der ewig jungen Weltuntergangsgeschichte macht der 44-jährige Amerikaner ein abenteuerliches Fantasy-Spektakel, das Fans der Altmeister Stephen King, Peter Straub und Richard Laymon begeistern wird. Ein Wunder ist das nicht, denn hinter dem Pseudonym Joe Hill verbirgt sich niemand anders als Joseph Hillstrom King , der älteste der zwei Söhne des Schriftstellerehepaares Tabitha und Stephen King. Joseph King hat vor 20 Jahren seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht, damals gleich unter falschem Namen, um nur an den eigenen Leistungen gemessen zu werden. Vor zehn Jahren dann legte King jr. mit "Blind" seinen ersten Roman vor, eine irre Horrorfantasie um einen vom Ruhm und der Welt angeödeten Rockstar, der aus lauter Langeweile im Internet einen Geist kauft und sich damit eine Menge Ärger einhandelt.



Hill, der es auch danach noch vermied, öffentlich als des Horrorkönigs Sohn für sein Buch zu trommeln, schaffte es, den miesen, unsympathischen Schmock im Verlauf der Handlung zum Sympathieträger werden zu lassen. "Blind" war kein billiger Trash-Horror aus Pappmaché, sondern intelligente Unterhaltung. Das Buch heimste Preise ein und wurde zu einem Bestseller, der nach Ansicht von Kritikern keinen Vergleich mit den Klassikern des Vaters scheuen muss. Der Unterschied ist: Joe Hill schreibt zwar nicht kürzer, aber langsamer. Wo Daddy in den letzten zehn Jahren elf Romane vorgelegt hat, kommt der Sohn nur auf vier, unter denen das aktuelle "Fireman" die deutlichsten Anleihen beim großen Erbe des Vaters nimmt. Dessen "The Stand", zu deutsch "Das letzte Gefecht", Ende der 70er Jahre mitten hinein in die allgegenwärtige Atomkriegsangst geschrieben, steht bei der Geschichte um eine Gruppe Überlebender der geheimnisvollen Sporeninfektion Pate, die Joe Hill anfangs im Breitwandformat, später aber immer mehr auf Kammerspielbesetzung zusammenschnurrend erzählt.

Im Mittelpunkt steht einerseits der "Fireman" John Rookwood, eine wunderliche Figur, die in friedlicher Symbiose mit ihrer Sporeninfektion lebt. Andererseits ist da die schwangere Krankenschwester Harper Grayson, die mehr und mehr zur wahren Heldin der Geschichte wird. Joe Hills Trick in Zeiten, in denen Zombie-Storys in Buch und Film boomen: Bei ihm sind die Infizierten die Normalen, Menschen, die sich in einer Ausnahmesituation hinter dem Ende der gewohnten Welt plötzlich nicht nur mit der Frage konfrontiert sehen, wie sie am es schaffen können, zu überleben. Sondern sich auch noch mit denselben Problemen auseinandersetzen müssen wie vorher im zivilisierten Alltag der USA von heute. Wo beginnt freiwillige Einsicht in eine Notwendigkeit? Wo endet die Freiheit? Wann wird Machtgier pathologisch und ab wann führt Gruppenzwang in den kollektiven Untergang?

Die rätselhafte Seuche, der Joe Hill im Verlauf der Handlung sogar eine recht nachvollziehbare wissenschaftliche Begründung verpasst, ist hier einerseits Anlass für eine zumindest streckenweise actionreiche Handlung. Andererseits verweist sie wie eine Chiffre auf aktuelle Auseinandersetzungen in der amerikanischen Gesellschaft, in denen sich die gesamte King-Sippe mehrfach deutlich gegen den neuen Präsidenten Donald Trump positioniert hat. Wo der Zorn erst einmal brennt, gibt es kein Vergeben. Einlullende Glückseligkeit hingegen, die sich weigert, offenkundige Probleme wahrzunehmen und zu diskutieren, führt am Ende immer zur Herrschaft derjenigen, die keine Skrupel haben, sich die Situation zu nutze zu machen. Klingt, als sei der "Fireman" ein Wanderprediger des Guten. Aber das täuscht natürlich.

Joe Hill ist kein Autor nachdenklicher Betrachtungen über Rolle und Bedeutung von Toleranz und Mitmenschlichkeit in Zeiten des Untergangs, sondern ein rasanter Erzähler. Zwar mutet seine postapokalyptische Welt verglichen mit Cormac McCarthy's "Die Straße" oder Justin Cronins "Der Übergang" an wie das niedliche Sommerferienlager, in dem sich Harper Crayson, der Fireman, die Familie Storey und die übrigen Überlebenden verstecken. Doch wie sein Vater verfügt Hill über einen untrüglichen Sinn für erzählerischen Rhythmus. Er schreibt schnell und langsam und erzeugt so einen Sog, der seine Leser im Handumdrehen in den Bann schlägt.

Joe Hill, Fireman, Heyne, 960 Seiten, 17,99 Euro