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Donnerstag, 28. Januar 2021

Über die Grenze: Zurück in die DDR


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.


Vorige Folge hier

Zurück auf der Ostseite, die inzwischen im – politischen - Westen liegt, sind die Radfahrer schlagartig wieder da, aber auch die wunderbaren Ausblicke auf die Elbelandschaft. Man hat immer einen weiten Blick in die Auenlandschaft, die aussieht wie eine Gegend aus „Herr der Ringe". Uralte Bäume, kleine Strände, weite Wiesen und alte Häuser mit Strohdächern wechseln sich ab mit Strecken, auf denen der alte Kolonnenweg halb überwachsen neben dem Damm entlangläuft. 

Dass auf der anderen Seite drüben der Atommüll der alten Bundesrepublik vergraben liegt, tief in der Erde, ist nicht zu erahnen. Aber unverkennbar ist, warum er ausgerechnet dort landete, ganz an den Rändern der beiden Länder, die ja nicht ahnen konnten, dass sie sich eines Tages wiedervereinigen würden. 


Kaum jemand lebt hier, nur Menschen wie Erika, die der Liebe wegen nach dem Mauerfall hergezogen ist. Damals musste viel Land neu vermessen werden, erzählt sie, die eigentlich aus Thüringen stammt und dort einen Landvermesser kennenlernte. Die Liebe ihres Lebens, der folgt sie einfach. "Hier haben wir damals genügend Platz für unsere Vermessungsfirma gefunden", sagt sie. 

Niemand wollte in diese Ecke, wo nichts war, nur der Atommüll auf der anderen Elbseite. Als dann eines Tages so ziemlich alles vermessen war, hatte das Ingenieurbüro des Paares nicht mehr genug zu tun. Aber das alte Bauerngehöft direkt am Damm stellte sich als idealer Ort heraus, eine Pension für das neuerdings als unablässiger Strom vorbeirauschende Heer der Radfahrer zu gründen.


"Im Herbst und im Winter ist es hier sehr still", erzählt Erika und am Abend bekommt man einen guten Eindruck davon. Die Sonne versinkt hinter der Elbe und abgesehen von ein paar Männern, die eine Schafherde recht handfest in einen Hänger drücken, um sie auf eine neue Weide zu fahren, ist niemand zu sehen. Eine Idylle im Abendlicht, über der die Blätter leise rauschen, während man seinen Gedanken nachhängt und mit dem Vorgefühl hadert, am nächsten Tag wieder diesen elend schweren Rucksack schultern zu müssen.


Eigentlich hat man sich an die 20 Kilogramm ja gut gewöhnt nach einer Woche. Es drückt nicht mehr immer und überall und alle Gurte sitzen meist am richtigen Fleck. "Dass ihr das durchhaltet, ist ganz erstaunlich", sagt ein Mann, der an diesem Abend mit seiner Frau neben uns auf dem Damm sitzt und den Schafen zuschaut, die sich ein wenig dagegen wehren, in den Transporthänger gedrückt zu werden.

Das Paar ist mit dem Fahrrad unterwegs, eigentlich aber mit dem Auto. "Wir fahren von Pension zu Pension", sagt sie, "und zwischendurch entdecken wir diese ganz unbekannte Landschaft vom Sattel aus." Eine etwas leichtere Variante als unsere, die aber zum selben Ergebnis führt: "Es ist so schön hier wie im Märchen", sagt die Frau.



Samstag, 23. Januar 2021

Gerd Weber: Der verratene Verräter



Der Dresdner Fußballer Gerd Weber galt als die große Mittelfeld-Hoffnung des DDR-Fußballs, bis er kurz vor einem Flug nach Südamerika für immer aus der Öffentlichkeit verschwand. Die DDR-Staatsführungen vertuschten die genauen Umstände des Falles. Einer der talentiertesten Fußballer verlor die Chance auf eine Weltkarriere.

Diesmal ist die Stasi völlig ahnungslos. Erst Anfang September 1989 verfasst Oberst Tzscheutschler vom Dresdner MfS einen "Sofortbericht": Gerd Weber, ein Jahrzehnt zuvor die große Mittelfeld-Hoffnung des DDR-Fußballs, ist gemeinsam mit seiner Frau Steffi und der sechsjährigen Tochter Franziska während einer Urlaubsreise nach Ungarn über die Grenze nach Österreich geflohen. Ein allerletztes Mal wird der frühere Nationalspieler, der Star von Dynamo Dresden und spätere Staatsfeind Thema im MfS. Ein paar karge Seiten Akte. Eine Notiz, dass er weg ist.

Ende einer Flucht


Es ist das Ende einer langen Flucht, die eigentlich bereits acht Jahre zuvor begonnen hat. Weber, das größte Talent des DDR-Fußballs seit Bernd Bransch, Dixie Dörner und Hansi Kreische, sehnt sich eigentlich nach einer internationalen Karriere. Der 24-Jährige plant seine Flucht - während einer Südamerikareise der DDR-Nationalelf will er sich absetzen. 


Doch Weber wird verraten, ein Stasi-Kommando nimmt ihn vier Stunden vor dem Abflug fest. Es folgen Verhöre, Verurteilung, Verbannung. Der begnadete Kicker darf nicht mehr Fußball spielen. Er stellt einen Ausreiseantrag, doch der wird abgelehnt. Weber bleibt nur die Flucht. Noch nach Bekanntwerden seines Abgangs erweitert das MfS seinen "Ratte" genannten Aktenvorgang zu Weber um eine Anzeige wegen Republikflucht. Die sogenannte Operative Personenkontrolle wird erst am 28. Oktober 1989 eingestellt. Auch da, nur wenige Tage vor dem Ende der Mauer und der deutschen Teilung, heißt es noch: "Die eingeleiteten Kontrollmaßnahmen werden aufrechterhalten." 

Die Geschichte des Dynamo-Kickers Gerd Weber ist die einer zerstörten Karriere, betrieben von einem Staat, der vernichtete, was ihm verdächtig erschien. Aber es ist aber auch die Geschichte eines Verräters, der selbst verraten wird, nachdem er jahrelang einem Ministerium zu Diensten war, dass ihn für seine Zwecke missbrauchte.

Eine Entscheidung


Dreieinhalb Stunden hatten Leutnant Andreas Claus und Major Helmut Dinter vor der Tür gewartet, an jenem vorletzten Tag des Jahres 1980. Claus klingelte mehrmals. Dinter blieb gedeckt im Wartburg. "Aber der IM", berichteten die MfS-Offiziere in die Dresdner Stasi-Zentrale, "öffnete uns nicht." Kein Wunder, denn der IM, der sich selbst fünf Jahre zuvor den Namen "Wiehland" ausgesucht hatte, hockte zur selben Zeit in einem Hotelzimmer in Oberhof. Er war in die stille Idylle geflüchtet, um eine Entscheidung zu treffen - und er hatte sie getroffen. 

Am Silvesterabend war Gerd Weber, von seinen Fans als genialster DDR-Fußballer seiner Zeit gerühmt, in Gedanken bereits über alle Berge: Vier Wochen nur trennten den 24-jährigen Mittelfeldspieler des Traditionsvereines Dynamo Dresden von der Flucht in den Westen. Zu der es dann aber nie kam. Statt ein Flugzeug nach Argentinien zu besteigen, musste Weber am 23. Januar 1981 in einen Stasi-Barkas klettern. Und statt wie erhofft in der Bundesliga zu spielen, putzte er nach der Beendigung seines falles durch die DDR-Behörden Kurbelwellen und Getriebe. 

Aus für den Profi


Professionell Fußball gespielt hat Weber nie wieder. Dokumente, die später bei der Gauck-Behörde aufgetaucht sind, erzählen die Geschichte des Gerd Weber aber auch als die Geschichte eines Mannes, der im Zwiespalt zwischen kleinen Erfolgen und großen Träumen die Träume wählte - und so vom Täter zum Opfer wurde. 

Ins Visier der Staatssicherheit war Weber schon früh geraten. 1971 kommt der talentierte Junge an die Dresdner Kinder- und Jugendsportschule, dort spielt er sich in allen Altersklassen unter die Besten. Das fällt auf, auch der Stasi, die den Jungen auf Reisen nach Kuba und Italien im Auge behält. Weber ist 19 Jahre alt, als das MfS sicher ist: Hier läuft ein künftiger Weltklassespieler. 

Ein "Perspektivkader", wie es im IM-Vorlaufbericht heißt. Einer also, der gute Dienste nicht nur auf dem Feld leisten wird, zum Ruhm der DDR-Sportnation. Sondern auch bei der Sicherung künftiger Auslandsreisen des Nationalteams, aus dem immer wieder einzelne Spieler den Weg in den Westen gefunden haben. Das MfS irrt nicht. Weber ist bald nicht mehr wegzudenken aus der Elf der Dynamos, schnell gelingt ihm auch der Sprung in die Nationalelf. 

Berichte aus dem Innenleben


Vier Jahre berichtet Weber als "Wiehland" aus dem Innenleben beider Teams, er liefert Interna und bringt Zettel mit Aufstellungen mit in den konspirativen Treff "Puck". Gerd Weber spielt doppelt: Auf dem Platz rückt der "Fan moderner Tanzmusik" (MfS-Akte) schnell zu einer der bestimmenden Figuren auf. Und nach dem Spiel ist er der Stasi ein unersetzlicher Informant. Denn die Angst geht um in der Sport-DDR. 

Mit den halleschen Fußballern Pahl und Nachtweih, dem Berliner Eigendorf und dem Leipziger Berger haben eben vier Fußball-Stars das Land verlassen. "Es darf keine Wiederholung geben", fordert Stasi-Chef Mielke. Weber ist so längst selbst Gegenstand von Sicherungsmaßnahmen. Schon im Mai 1979 bringt sich ein MfS-Kommando in den Besitz seiner Schlüssel. Gedeckt von Posten, die als Handwerker verkleidet sind, durchwühlt die Einheit die Weber-Wohnung auf der Suche nach "Beweisen für Kontaktaufnahme zu Verrätern". Die Stasi findet nichts. Weber bemerkt nichts. 

Erst als Dynamo im Oktober 1980 zum Uefa-Cup-Spiel im holländischen Enschede im Hotel "Memphis" eincheckt, gelingt es zwei in den Westen geflüchteten Dynamo-Fans, Weber und seine Kollegen Matthias Müller und Peter Kotte zu kontaktieren. 200 000 Mark und ein Vertrag beim 1. FC Köln lautet das zugeflüsterte Angebot. "Draußen steht ein Benz, steigt ein!" 

Wie im Agentenfilm


Gerd Weber fühlt sich wie in einen Agentenfilm versetzt. Mit Kotte und Müller kommt er überein, dass jeder für sich entscheiden soll. Er selbst, der seine Fähigkeiten in Dresden nicht genügend geschätzt sieht, fühlt sich zu sehr geschmeichelt vom Vergleich mit Größen wie Overath und Netzer, als dass er hätte ablehnen können - Weber kehrt zurück in die DDR, um bei nächster Gelegenheit zu fliehen.

Doch ausgerechnet über einen Stasi-IM, den sie aus alten Zeiten in der Dresdner Fankurve kennen, nehmen die Kölner Dynamo-Fans wieder Kontakt zu ihm auf. Ein Steilpaß für die Stasi: Der Hotel-Koch Michael Juraske alias IM Klaus Ihle, locker befreundet mit Weber, soll mit dem Fußballer einen Treff-Termin ausmachen. 

Er tut das - und informiert das MfS. Von diesem Moment an ist Gerd Weber verloren. Während er noch verhandelt, um auch seine Freundin außer Landes schmuggeln zu lassen, ist sein eigene Flucht gescheitert, ehe sie begonnen hat. So weiß das MfS vor der Argentinien-Reise genau, dass Weber nicht zurückkehren will. "Mannschaft fliegt, drei heraus", bestimmt Erich Mielke, und wie befohlen fängt ein Festnahme-Trupp die Fußballer auf dem Flughafen Schönefeld ab. 

Ausschluss aus dem Sportverband


Mehrere Tage wird Gerd Weber verhört. Noch ehe Anfang Februar eine vom MfS formulierte Pressemeldung die Fans über seinen Ausschluss aus dem Sportverband wegen "Verstoß gegen die Statuten des DTSB" informiert, ist der Sportler zu zwei Jahren und drei Monaten wegen "landesverräterischer Agententätigkeit" verurteilt. Während Dynamo Dresden ohne seine drei Stars nach unten durchgereicht wird in der DDR-Oberligatabelle, beginnt ein Vernichtungsfeldzug gegen den Sportler. 

Er wird aus der SED ausgeschlossen, verliert die Stellung als "Sportinstrukteur", seinen VP-Dienstgrad und alle Rentenansprüche. Nach der Haftentlassung wartet eine Stelle als Schlosser auf den Hoffnungsträger des DDR-Fußballs, der jetzt als "OPK Schlosser" von sieben IM überwacht wird. Es gibt keine Gnade für den "Verräter". Kotte und Müller hat man zwar für die obersten Ligen gesperrt, und als Torjäger Kotte seinen neuen Verein Meißen sofort in die 2. Liga schießt, muss er die Mannschaft verlassen. 

Doch Rädelsführer Weber, Träger des Vaterländischen Verdienstordens, darf überhaupt nicht mehr Fußball spielen. Angst um Gesundheit "Eine Belastung, die mich fast umbringt", diktiert der Kicker der Stasi, die sich weiter mit ihm trifft, um ihn unter Kontrolle zu behalten. Man habe ihn nicht abtrainieren lassen, ihm drohten dadurch gesundheitliche Schäden, befürchtet er. Fürsorglich rät die Stasi, Weber solle doch Tennisspielen gehen. 

Nur noch im Park


Doch das ist kein Ersatz. Gerd Weber, der begnadete Mittelfeldregisseur, beginnt, Freizeitfußball in Dresdner Parks zu spielen. "Ich mache mich da gegen Bierbäuche und Holzhacker zum Äppel", scherzt er - bis das MfS ihm auch den Freizeitkick im Park untersagt. Der Kontakt zu den ehemaligen Mitspielern ist da längst abgerissen, auch Kotte und Müller hat Weber nicht wieder gesehen. Er wolle ja "nur noch in Ruhe gelassen werden", bittet er seinen Führungsoffizier. 

Aber einmal gefährlich, immer Gefahr: Als die Uefa in Dresden tagt, schafft ihn die Stasi vorher aus der Stadt, um "Störungen zu vermeiden". So zwingt die Staatsmacht ihren Zuträger in die Opposition. Zuerst sagt Weber bei den Treffen wenig, dann nichts mehr. Schließlich warten die Offiziere vergebens auf ihn. Zur Wahl 1986 fällt Weber als "Nichtwähler" auf, 1987 stellt er mit seiner Frau Steffi und Tochter Franziska einen Ausreiseantrag. Nun erst bietet die Stasi dem verbitterten Mann im Zentrum des OPK-Vorgangs "Ratte" eine Rückkehr in den Sport an. Weber lehnt ab. 

Über Ungarn weg


Zu spät, sagt er, "das hättet ihr euch früher überlegen müssen". Zwei Jahre vergehen noch, ehe Gerd Weber am 31. August 1989 mit seiner Familie in Ungarn durch einen zerschnittenen Grenzzaun in den Westen kriecht. Der Fußballer ist 33 Jahre alt. Zu alt für die Bundesliga, von der er geträumt hat. Der begnadete DDR-Fußballer im Visier der Staatssicherheit: Heute arbeitet Gerd Weber als Schadensexperte für eine Versicherung in Freiburg. "Von den alten Geschichten will er nichts mehr hören", sagt sein früherer Mannschaftskamerad und langjähriger Freund Dieter Riedel später: "Gerd hat zu böse bezahlt für alles."

Sonntag, 20. Dezember 2020

Wandern in die Vergangenheit: Von wegen sieben Brücken


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.


Vorige Folge: Hier

Der Mensch ist ein seltsames Tier. Er will immer das, was er nicht hat. Und wenn er es bekommt, ist er enttäuscht, marschiert aber weiter, wie Mike Peters von der Band The Alarm singt. Nach einem schönen und sonnigen Spaziergang entlang der Dämme von Hitzacker - schwer sind nur die 20 Kilogramm, die wir jeweils zu tragen haben - stolpern wir heute also in ein Dorf namens Neu-Darchau, direkt am Elbeufer. 


Schon der Name lässt vermuten, dass hier irgendwann einmal etwas passiert ist: Darchau liegt auf der Ostseite der Elbe, "Neu" heißt das hier, weil das mehr als 40 Jahre alte und das neue Darchau voneinander getrennt wurden, als die Elbe zur Grenze zwischen Ost und west wurde. Familien konnten danach nicht mehr zusammenkommen, Brüder konnten einander nicht besuchen, Kinder konnten ihre Eltern jahrzehntelang nicht sehen. Selbst wer von den DDR-Behörden eine Einreisegenehmigung erhielt, musste lange Umwege machen, um die wenigen Meter zum anderen Ufer zu überqueren. Zwischen Darchau im Osten und Neu-Darchau im Westen gab weder eine Brücke noch eine Fähre.

Düsterer Spaß in Neu-Darchau

30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR ist zumindest die Fähre da. Aber eine Brücke? Nein. Und das ist besonders merkwürdig, weil die Weltgeschichte sich ausgerechnet hier einen ziemlich düsteren Spaß erlaubt: Wenige Meter hinter Neu-Darchau, das im Landkreis Lüchow-Dannenberg liegt, beginnt der Landkreis Lüneburg, der sich bis Kriegsende bis hinüber auf die andere Elbseite erstreckte. Die Alliierten beschlossen aber der Einfachheit halber, auch hier eine Grenze in der Mitte des Flusses zu ziehen. Alle Niedersachsen, die im Osten lebten, wurden mit einem Federstrich DDR-Bürger. Wenn sie nicht so schnell wie möglich flüchteten.


Wenn man seinen Rucksack durch diese Landschaft aus alten Bäumen, weiten Wiesen und lächelnden Kühen schleppt, bekommt man nie eine Vorstellung davon, wie fürchterlich hier alles noch vor 40 Jahren gewesen sein muss. Erst nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung, erzählt Angelika, die in Neu-Darchau lebt, konnten Verwandte und Freunde wieder zusammenkommen. Und nach einer Bürgerentscheidung beschloss der Ostteil des Landkreises Lüneburg dann auch ganz schnell, sich wieder mit seinem früheren Westteil zusammenschließen zu wollen. Leider ohne direkte Verbindung: Außer zwei Fähren gibt es nichts bis nach Lüneburg. "Und deshalb führt für uns im Winter bei Eis und im Sommer bei Niedrigwasser keinen Weg hinüber".


Eine neue Brücke soll also schon lange gebaut werden, eigentlich vom ersten Tag der kleinen Wiedervereinigung an. Aber leider liegt der beste Ort dafür nicht im Landkreis Lüneburg, wie Katrin beschreibt, der in Neu-Darchau lebt und ein entschiedener Brückenbefürworter ist. Sondern in Neu-Darchau, nebenan im Landkreis Lüchow-Dannenberg.  "Ich finde es gut", sagt Katrin, "aber viele sehen das eben anders."

Je neuer, desto dagegener

Vor allem die vielen Flüchtlinge aus den Großstädten Hamburg und Hannover, die sich hier in den alten bundesdeutschen Tagen der Ruhe in der ehemaligen Grenzregion angesiedelt haben, möchten lieber am Ende einer Sackgasse weiterleben. "Dass die Bauern zur Ernte dorthin hinüber müssen, interessiert die ebenso wenig wie die Probleme der Menschen, die zu Niedersachsen gehören, dort aber im Osten völlig abgeschnitten sind", schimpft Katrin.


Deshalb hängen überall in der Stadt Plakate. Keine Brücke! Ja zur Brücke! Seit Jahren gibt es Streit, denn die Zeiten sind vorbei, in denen, wie vor 30 Jahren in Dömitz, Sehnsucht und Entschlossenheit innerhalb von nur zwei Jahren aus dem Nichts eine riesige Brücke entstehen ließen. Heute braucht es unendlich viel Zeit, unendlich viele Auseinandersetzungen, Streit und Zwietracht. Und am Ende wird doch nicht gebaut, Jahr um Jahr.

Also nehmen wir wie alle die Fähre, die hier "Tanja"  heißt, und es dauert fünf Minuten, um den Fluss zu überqueren. Auf der anderen Seite sind wir wieder im ehemaligen Osten, in einem Stück der ehemaligen DDR, das aber jetzt zu Niedersachsen gehört. 

Westen im Ostens., Brüder ohne Brücke. Was für ein verrückter Weg.

Englische Version: Here





Sonntag, 6. Dezember 2020

Iron Curtain Trail: In den goldenen Westen


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land. 
Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen. 




Ja, das muss der goldene Westen sein. Aber leider sieht das Gras auf der anderen Seite der Elbe das Gras nicht grüner aus als im Osten. Wir sind auf dem Weg nach Hitzacker und wir befinden uns mitten in einem Gebiet, das berühmt ist für Atommüll, jahrzehntelange Proteste gegen Atommüll und riesige Polizeiaktionen gegen diese Proteste. Ein gelbes "X" auf vielen Zäunen erinnert an diese Zeit der Angst und der Wut, aber das ist heute alles. 


Gorleben, die wenige Kilometer entfernte Atommülldeponie, ist keine große Aufregung mehr. Nirgendwo gibt es große Aufregung. Das hier ist de Lüchower Landgrabenniederung, ganz altes Grenzland. Mittendurch verlaufen von Menschen festgelegte künstliche Linien, die sich historisch immer wieder veränderten. Die Niederungen sind nass und feucht, oft orienteren sich die Grenzverläufe deshalb entlang diesen geograpfisch vorgegebenen Linien. Nur an wenigen Stellen findet sich eine gefahrlose Furt durch die sumpfige Landschaft, so dass schon im Mittelalter beim Handel über Grenzen hinweg darauf geachtet wurde, vernünftige Trennungen zu ziehen, an denen sich Wege, später aber auch Straßen- und Eisenbahngleise orientierten. 


Erst mit der Teilung Deutschlands wurde die Landgrabenniederung richtig zerschnitten. Durch Flucht und Vertreibung nach dem ll.Weltkrieg verdoppelte sich die Einwohnerzahl in den ländlichen Gebieten beiderseits der Grenze nahezu, in den ersten Nachkriegsjahren blieb aber trotz der neugezogenen Grenze auch die Verbindung zwischen Ost und West erhalten. Die sumpfigen Waldgebiete waren schwer zu kontrollleren und es blühte lange Zeit der Schmuggel in beide Richtungen. Erst später, als drüben der große Zaun gebaut wurde, änderte sich alles, wie uns Walter erzählt, der direkt am Damm auf der Westseite wohnt.


"Eines Nachts wurde ich wach, weil es ganz hell im Zimmer war", sagt er, "und wie aus dem Fenster gucke, sehe ich, dass da drüben eine riesige Baustelle ist." Mit großen scheinwerfern beleuchtete das Grenzkommando den Damm, große Baufahrzeuge errichteten Pfäle und Zaunfelder. Für die andere Seite interessant anzuschauen, für den Osten die totale Abschottung. 


Zwar gibt es in Niedersachsen Schafe und Muttertiere und Füchse, Schlangen, Kühe und Hunde, aber die 20 Kilometer zwischen Dömitz und Hitzacker sind eine lange, ruhige Strecke ohne Berge, Hügel, Wälder oder sonst etwas Aufregendes. Die Radfahrer vermeiden es, hier entlang zu fahren, weil der Radweg hinter der Staumauer verläuft, so dass man nichts sieht, außer grasenden Schafen in der endlosen Schleife, die sich der Weg entlang des Flusses schlängelt.  


Gut für uns Wanderer, denn wir können die frische Luft mit all diesen landwirtschaftlichen Gerüchen einatmen. ein bisschen Kuh, ein bisschen Biogas, ein bisschen tote Schafe. Der goldene Westen riecht wie ein Bauernhof. Und er sieht auch so aus. Nach einem Tag auf einer "langen und kurvenreichen Straße", wie die Beatles gesungen haben, erreichen wir unser Ziel, ein ganz besonderes Lager mit winzig kleinen Holzschuppen namens "Destinature Camp". In den Vororten von Hitzacker, einer Stadt mit fast 5.000 Einwohnern an der Mündung der Jeetzel in die Elbe, haben ein paar Jungunternehmer 18 komfortable kleine Häuslen auf eine Wiese gestellt. Ein paar sind gemütliche Holzhütten, ein paar mobile Einzelbetten mit Zeltdach, so dass man entweder den nächtlichen Sternenhimmel betrachten oder sich eine gemütliche Koje schaffen kann.


Alles - von den Hütten bis zur gemütlichen Bettwäsche - ist aus nachhaltigen Materialien hergestellt und ein Bio-Bistro am Dorfeingang versorgt Sie mit Speisen und Getränken von regionalen Lieferanten. Hier gibt es Kamine, Saunahütten und Whirlpools mit Holzfeuer, und das ganze Dorf bezieht Strom und warmes Wasser aus erneuerbaren Energien - wir befinden uns hier im so genannten Wendtland, einer Gegend, die für ihre Sehnsucht nach Natürlichkeit und Nachhaltigkeit bekannt ist.  All das finden Sie hier, Ruhe für die Füße, Ruhe für den müden Kopf und eine warme Dusche mit französischer Seife. 

Englische Version: Hier



Mittwoch, 25. November 2020

Trekking an der Grenze: Auf Keksen aus Beton


Wir lassen Kietz hinter uns, einen kleinen Flecken direkt am Elbufer, über dem Reiher und Falken kreisen. Von hier aus ist es nur ein kurzer Fußweg von zehn Kilometern bis Dömitz, der nächsten und einzigen größeren Stadt in dieser Gegend: Der gesamte Weg verläuft entlang des Elbdamms, immer obendrauf, immer belagert von Radfahrern. Rechts unten sind die Betonkekse zu sehen, die allerletzten Überreste der ehemaligen Grenzlinie zwischen Ost und West. Ausnahmsweise kann man hier auf dem Damm wandern, wo ein Betonweg ohne Löcher das Gehen erleichtert. Wir sind in Brandenburg, in Sachsen-Anhalt wäre das verboten. 


Die Betonkeske rechterhand erzählen eine ganz eigne Geschichte, wie uns ein alter Mann an einem Ort namens Unbesandten aufklärt. Wegen des Mangels an Beton machen sich die DDR-Ingenieure Gedanken darüber, wie man beim Pflastern der endlosen Grenzlinie Beton einsparen könnte.  1.400 Kilometer mussten für die Grenzsoldaten befahrbar gemacht werden - dazu wurden zehntausende Tonnen Beton benötigt, Beton, den die bettelarme DDR eigentlich gar nicht hatte. Eines Tages kam also ein Mann auf die Idee, Löcher in die Gehwegplatten zu pressen. Dadurch werden zehn bis fünfzehn Prozent des Zements eingespart. Bestimmt hat er dafür einen Aktivisten-Orden bekommen, in jedem Fall aber Spuren für die nächste Ewigkeit hinterlassen.


Dömitz, die Stadt direkt am Elbufer, wohin wir unser mörderisches Gewicht heute tragen, hat seine Brücke zum Westen am Ende des Zweiten Weltkrieges verloren, als alliierte Bomberpiloten den östlichen Teil der Brücke trafen. Die DDR-Behörden fanden das toll, denn damit war der Weg hinüber zum Klassenfeind effektiv geschlossen. Sie versuchten auch nie in ihren 40 Jahren, die Brücke wieder aufzubauen. Ganz im Gegenteil: Das Stück, das noch stand, sprengten sie. Übrig blieb nur ein Stück Gerippe am anderen Ufer, das bis heute mahnt.


Die komplette Stadt mit 3.000 Einwohnern lag danach in einem "Sperrgebiet". Niemand hatte das Recht, ein- oder auszugehen, ohne einen Passierschein, eine Anmeldung und eine Genehmigung. Unterwegs kommen wir durch Orte, in denen seit Jahren niemand mehr lebt, nur Tiere wie Falken, Bussarde, Füchse, Luchse und Spatzen. Die Vögel fliegen über uns hinweg, ein Reiher schaut neugierig aus dem Wasser zu den beiden Irren mit den riesigen Rucksäcken. Das kleine Dorf Rüterberg zum Beispiel ist in den Jahren der Absperrung vollkommen aus der Welt verschwunden: Die Grenztruppen errichteten einen Zaun nicht nur zwischen den Häusern und der Elbe, sondern auch zwischen der Landseite und dem Rest des Landes. In der Nacht konnte niemand kommen oder gehen, auch nicht, wer in einem der verbliebenen Häuser wohnte, denn es gab keine Zaunwache, die das Tor hätte öffnen können. 


Bizarr, aber normal wie der Name Dömitz in der Antike. "Festung Dömitz" nannten die Nazis die Stadt, die heute ein freundliches Gemeinwesen mit einem riesigen Museum in der alten Festung ist, die aus den gleichen roten Ziegelsteinen gebaut ist wie die berühmte Malbork in Polen. Eine Ausstellung im Inneren zeigt, wie oft die Herrscher der Stadt am Fluss wechselten und wie viele Schlachten sie schlugen, um Könige dieses kleinen Ortes zu werden, an dem der berühmte Lyriker Fritz Reuter im 18. Jahrhundert eine Gefängnisstrafe wegen nationalistischer Betätigung absitzen musste.


Der Weg zur Ostsee ist nur wenige Schritte von der Festung entfernt. Er verläuft nach Norden, aber wir gehen erstmal nach Westen und dazu müssen wir "auf die andere Seite durchbrechen", wie Jim Morrison von The Doors gesungen hat. Das geht einfach, denn seit 1992 gibt es eine neue Brücke für Autos und Fahrräder und Wanderer: Nach dem Fall der Mauer ist es den Menschen hier wirklich gelungen, in nur zwei Jahren eine riesige und völlig neue Brücke zu bauen, die seither Ost und West verbindet. Ein Wunder in einem Land, das normalerweise zehnmal so lange braucht, um nur die Bauunterlagen zu malen und die Hamster am Ufer zu zählen. 


Aber damals war die Sehnsucht groß und die Menschen stellen nicht viele Fragen. Drüben, auf der Westseite, ist alles völlig anders als im Osten. Es gibt keine Radfahrer, keine Kaffeehäuser und keine Touristen sind zwischen Hitzacker und Neu-Darchau. Die Straßen sind leer, die Wanderwege sind zugewachsen. Wer in dieser Gegend Urlaub macht, der tut es östlich von hier.

Wir sehen Stunde um Stunde niemanden, aber das ist ja genau das, was wir uns gewünscht haben.


Sonntag, 15. November 2020

Entlang der Elbe: Wo Deutschland einst zwei Enden hatte

Die nächste Grenze, die wir zu überqueren haben, ist die Elbe, die einzige große Wasserscheide zwischen dem Westen und dem Osten auf unserer Wanderung. In der Nähe gibt es keine Brücke, sondern seit Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch eine Fährverbindung zwischen Schnackenburg und Lütkenwisch. 1945 stoppten die sowjetischen Truppen den Fährverkehr gewaltsam - danach gab es keinen Weg mehr auf die andere Seite, weil die innerdeutsche Grenze mitten im Fluss verlief, heute ein blauer Wasserstrom unter einer grellen Sonne zwischen grünen Ufern.
Angespornt durch die erfolgreiche Wiederzulassung benachbarter Fährverbindungen nach der Wende griff der Schnackenburger Klaus Reineke 1991 tief in die Tasche und kaufte in Holland eine alte Fähre auf. Die Elbe sollte wieder verbinden, nicht mehr trenne. Seit dem 7. September 1991 verbindet die Fähre "Ilka" also, was zusammen gehört. 

Der Elbe-Pionier


Das verrückte Idee kostete Reinecke in den ersten Monaten seine ganze Kraft. Er fuhr alle Touren selbst und erlebte dabei unzählige emotionale Momente: Menschen fielen sich gegenseitig um den Hals und wollten nicht mehr loslassen. An der Anlegestelle der Schnackenburger Fähre erinnert bis heute ein nicht zu übersehendes Zeichen an die Aufhebung der unmenschlichen Trennung eines Kontinents.
Die Ilka läuft bis heute normal, und mit etwas Glück findet man Klaus Reineke, seit 2004 im Ruhestand, in den Sommermonaten Aushilfe am Steuer. Aber nicht in diesem Sommer, denn die Ilka ist außer Betrieb. Also müssen wir zu Fuß nach Gartow laufen, einer kleinen Stadt ein paar Kilometer entfernt. Gartow hat auch eine Fähre, die unter dem Namen "Westprignitz" von Lenzen nach Pevestorf fährt. Sie ist sehr klein und braucht nur wenige Minuten zum Umsteigen. 

Kolonnenweg auf der Ostseite


Auf der anderen Seite sind wir wieder auf der Strecke: Der Kolonnenweg verläuft jetzt entlang des Elbedamms. Das erste Zeichen der Geschichte ist ein Wachturm direkt an der Grenze, der die Landschaft, den breiten Fluss und die flache Erde ringsum überblickt. Zum ersten Mal begegneten wir den Radfahrern, die zu Hunderten den Elberadweg entlang fahren. Für sie ist er eine Art Autobahn mit schönen Aussichtspunkten, einigen Kaffeehäusern und schön renovierten Häusern, die nicht mehr an die schlechten Zeiten erinnern, als hier der Eiserne Vorhang verlief und niemand zu nahe an den Fluss herankommen durfte.
Zweimal im Laufe der Jahre wurden alle Menschen, die hier lebten, brutal evakuiert und weggebracht, um die Grenze sicher zu machen. Nur sehr zuverlässige Bürger durften bleiben. Peter, ein älterer Mann, erzählt uns, dass er hier als Landwirt gearbeitet hat. "Jedes Mal, wenn ich in das Sperrgebiet gehen musste, um auf die Kühe aufzupassen, saß ein Soldat mit seiner Waffe im Auto hinter mir, um sicherzustellen, dass ich nicht abhaue." 

40 Jahre unerreichbar


Das historische Stadtzentrum von Lenzen liegt nur 1,5 km nordöstlich entfernt. Es war fast 40 Jahre lang unerreichbar. Mit seiner ersten Erwähnung im Jahre 929 ist Lenzen der Ort mit der ältesten dokumentierten Geschichte in der gesamten Prignitz. Hinter Bäumen versteckt, lässt sich die Silhouette der Burg Lenzen erahnen. Vor tausend Jahren bauten die Slawen hier eine hölzerne Wehrburg. Auf der gegenüberliegenden Elbseite erhob sich damals wie heute der Höhenrücken des Höhbecks, auf dem König Karl der Große im späten 8. Jahrhundert ein Kastell errichten ließ, um die Grenze gegen die Slawen zu sichern.
Es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass dieser Landstrich, der so eine lange gemeinsame Geschichte hat, für Jahrzehnte in zwei Hälften geteilt wurde. Man sieht heute nur noch die friedliche Landschaft, die Radfahrer und den breit dahinrollenden Fluss zwischen dem tiefen Grün der Ufer und den seichten Sandstränden. Die berühmte Eiseiche bei Mödlitz ist die nächste Landmarke, an der wir vorbeikommen. Sie hat all dies gesehen. Und sie hat überlebt wie die Menschen, die jetzt wieder hier leben, wo Deutschland einst zwei Enden hatte. Englische Version

Samstag, 31. Oktober 2020

Wandern auf dem Kolonnenweg: Im Apfelhain der Grenzsoldaten


Es ist ein feuchtes Erwachen mitten im Nirgendwo. Seit drei Uhr morgens regnet es heftig über dem ehemaligen Todesstreifen am Rande der "Planken und Schlettauer Post", wo unser Zelt mitten im Niemandsland des Kalten Krieges steht. Heute ist das hier ein sehr friedlicher Ort. Zwischen den beiden Gräben, die von den Grenzbefestigungen übrig geblieben sind, mit denen das kommunistische DDR-Regime seine Bürger an der Flucht in den Westen hindern wollte, lebt nur noch Mutter Natur. Selbst die Wassergräben sind normalerweise am Ende des Sommers trocken. Doch heute bringt der Regen das Wasser zurück. Der Todesstreifen wird wieder zum Gefängnis, das Zelt wird nass und wir können uns erst mittags hinauswagen. 



Der Weg, den wir gehen müssen, ist auch ein rutschiges und schlammiges Abenteuer. Der Kolonnenweg führt heute durch tiefe und dunkle Wälder, die "Betonkekse", wie die Wegplatten genannt werden, gehen manchmal verloren, und wir müssen den historischen Postenweg mühsam wiederfinden. Einige der Wegweiser sind hier sehr speziell: Auf einmal tauchen tief im Mischwald einige echte Apfelbäume auf, die hier garantiert nicht hergehören. 



Ein Rätsel - aber mit einer sehr einfachen Erklärung. Vor Jahren im Kalten Krieg nahmen die Soldaten und Grenzsoldaten während ihrer Wachschicht immer Äpfel als Proviant mit. Sie aßen sie und warfen die Reste in den Wald. Ein guter Ort zum Wachsen. Heute ist aus den Griebschen ein Apfelhain gewachsen, an einer Stelle, an der seit der letzten Eiszeit nie ein Apfelbaum stand. Die Bäume haben nicht nur die Zeiten des Todes überlebt, sie verdanken ihnen auch ihr Leben.
   


Das sind die Geschichten, die man an keinem anderen Ort findet. Auch wenn die Spuren der ehemaligen Grenze oft nur noch zu erahnen sind, so finden sich in der Landschaft doch noch zahlreiche Hinterlassenschaften der Ereignisse, die sich hier bis vor 30 Jahren abgespielt haben. So haben sich viele Grenzsoldaten während der langen und offenbar unendlich langweiligen Stunden ihres Wachdienstes in der Rinde der Bäumen verewigt. Oft gibt es Listen der verbleibenden Diensttage, die in die Baumrinde geritzt wurden. Die Buchstaben "EK", die bis heute nicht nur Bäume, sondern auch Betonteile schmücken, zeigen, dass die Entlassungskandidaten die Hoffnung nie aufgegeben haben, denverhassten Grenzdienst zu verlassen, obwohl ihre Offiziere den Brauch hart bekämpften. 



Eine Tragödie aus dieser Zeit zeigt eine Landmarke mit einem Rest des ehemaligen Grenzzauns: Rainer Burgis, ein Bürger aus dem Örtchen Ritzleben in der Altmark, wurde hier 1978 bei einem Fluchtversuch getötet. Der junge Mann war erst 20 Jahre alt, sein Grab auf dem Friedhof von Stappenbeck existiert heute nicht mehr. Übrig geblieben von seinem Leben ist nur eine kleine Tafel an einem Stück Grenzzaun, der als Denkmal für die wenigen Wanderer dient, die hier vorüberkommen. Was in Burgis' Todesnacht geschah, ist unbekannt, sein Kamerad Wilfried Senkel überlebte das Drama, aber seine Spuren verlieren sich mit der Zeit.



Hat er es nach drüben geschafft? Wurde er erwischt und musste ins Gefängnis? Wie hunderte andere Flüchtlinge, die von den ostdeutschen Grenztruppen festgenommen und den Gerichten übergeben wurden. Hat ihn der Westen  freigekauft? Dann hätte er mehr Glück gehabt als Harry Weltzin, ein anderer junger Mann, an den ein Stück weiter des Weges ein Schild erinnert. Weltzin wurde am 4. September 1983 beim Versuch,  die Grenze zu überqueren, durch eine automatische Schusseinrichtung am Zaun getötet. Dort, wo er starb, scheint nun die Sonne auf einen Ort der Trauer. Niemand wandert hier außer uns. Der Kolonnenweg, der als "Grünes Band" vermarktet wird wie ein weltlicher Jacobsweg, ist leer wie die Wälder, die Wiesen und das gesamte Grenzland. Der ehemalige Todesstreifen schweigt.

Der Text auf Englisch.



Samstag, 24. Oktober 2020

Wandern am Eisernen Vorhang: Eine Nacht in der Todeszone


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Der Grenzwanderweg  ist 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land. 
Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten und was passiert, wenn man auf dem Plattenweg wandert, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft reden. Hier Teil der Reisebeschreibung, wird fortgesetzt.


Das kleine Dorf Klein Chüden liegt ein paar Kilometer nördlich der Kleinstadt Salzwedel und wir haben von Anfang an ein Problem: Wo ist dieses Grüne Band? Wo sollen wir den Einstieg finden, um die Wanderung über den legendären Grenzwanderweg bis zu unserem Ziel an der Ostsee überhaupt erstmal zu beginnen?

Da ist ein Graben, da ist eine Straße, da ist die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Und hinter einem kleinen Parkplatz mit weißem Kiesboden tauchen endlich die beiden Plattenspuren des Kolonnenweges auf. Breit genug für die Spurbreite eines Lastwagens, mit Löchern im Beton und einem grünen Grasstreifen in der Mitte. 




Es ist einer der letzten warmen Sommertage in Deutschland, als wir auf dem Weg in den Jarsauer Sack gehen, eine Schleife in der Grenze, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus seltsamen Gründen entstand. Die reguläre Grenzlinie zwischen der britischen und der russischen Zone hatte hier einem Bauern die Felder abgeschnitten. Also investierte er ein paar Flaschen Wodka, um die russischen Landvermesser davon zu überzeugen, die Linie entlang seines Ackerlandes neu zu ziehen.


Nicht so toll für Wanderer, denn der Weg hat sich aus diesem Grund verdoppelt. Aber die Natur hier ist beeindruckend. Gras und Kühe, Schafe und Bienen, Bäume und Zäune bis zum Horizont, ein klarer blauer Himmel und ein warmer Westwind. Der Weg ist leicht zu gehen, wir marschieren mit unseren Rucksäcken weiter - jeder wiegt 20 Kilogramm, und wir summen "The Weight" von The Band: "Take a load off, Fanny, take a load for free, take a load off, Fanny, and you put the load right on me".

Es ist wirklich hart, einen riesigen Rucksack mit diesem Gewicht über Stunden zu tragen. Man muss viel trinken - und wir müssen feststellen, dass wir mehr Wasser brauchen, um den Rest des Tages, die Nacht und den nächsten Morgen zu überstehen. Das verlängert den Weg noch einmal: Die Landschaft um den Jarsauer Wodkasack ist leer wie das Outback Australiens. Keine Dörfer, keine Häuser, kein Nichts. So müssen wir den Kolonnenweg kilometerweit verlassen, um in das kleine Dorf Schmarsau zu gelangen, dem einzigen Ort auf der Route, wo es im Biohofladen Düchting frisches Wasser gibt.


Wir sind der rosa Elefant im Garten des Biohofladens. Was machen Sie denn da? Wo gehen Sie denn hin? Und warum? Die Leute fragten das wegen unserer Riesenrucksäcke. Und sie warnen uns: Bei der Planken- und Schlettauer Post, wo wir abends ohne Erlaubnis unser Zelt aufschlagen wollen, leben vier Wolfsrudel. Danach beruhigen sie uns. Die Wölfe tun niemandem etwas zuleide. Sie haben selbst Angst vor uns.


Schön zu hören. Wir laufen weitere fünf Kilometer zurück zur ehemaligen Grenzlinie. Und dann gehen wir direkt in die ehemalige Todeszone, den 150 Meter breiten gerodeten Grasstreifen zwischen den beiden Stahlzäunen, der bis 1990 Fluchtversuche aus der DDR verhindern sollte. Jetzt ist es ein friedlicher Ort, ohne jede Spur der brutalen Geschichte. 


Die Sonne versinkt im Westen, die Wiese, auf der fast 30 Jahre lang Menschen gestorben sind, sieht aus wie jede normale Wiese in jedem normalen Wald. Wir bauen unser Zelt auf und blicken auf die lange kahle Schneise der vergessenen Brutalität.

Keine Wölfe um uns herum, nur die Wölfe der Erinnerung.


Englische Version: hier