Donnerstag, 16. Juli 2015

"Drones" von Muse: Ein musikalisches Märchen



Mit ihrer siebten CD legen Matthew Bellamy und seine Band Muse ein ambitioniertes Werk mit großem Anspruch vor -hier ihr Liveauftritt auf dem Main Square Festival 2015

Der Auftakt erinnert an die Band Styx und deren Song „Mr. Roboto“. Anfang der 80er Jahre war das Lied um die fiktive Figur Robert Orin Charles Kilroy, die im Gefängnis schmachtet, ein Welthit, obwohl niemand verstand, worum es ging. Hier bei Matthew Bellamys Band Muse ist es so ähnlich: Das neue Album „Drones“ erzählt eine große Geschichte. Aber es gibt keinen Grund, traurig zu sein, wenn man sie nicht versteht. Die Musik, die die drei Briten im 20. Jahr nach Bandgründung machen, ist auch so gut wie immer.

Nur eben noch etwas größer gedacht. Ein halbes Jahr nach der Trennung von Hollywood-Star Kate Hudson, deren Liebe den Musikersohn aus Cambridge über Jahre zum vielfotografierten Traummann der bunten Blätter gemacht hatte, spintisiert sich Matthew Bellamy in zwölf neuen Songs in eine Parallelrealität aus Weltuntergangsvisionen, Kriegsgeschrei und aufrüttelnden Appellen für eine bessere Welt. Es geht um die Entmenschlichung des Krieges, um das Töten aus der Ferne und vor allem darum, wie solche saubere Techniken des Mordens den Menschen und mit ihm die Menschheit verändern. Technologie zerstört Mitgefühl, Menschen ohne Mitgefühl aber sind keine Menschen mehr.

Bellamy, noch nie um große Gesten oder Ansprüche verlegen, tritt in riesige Fußstapfen. So erfolgreich seine Band ist, war sie es doch immer auf dem Niveau der Musik, einem modernen Gemisch aus Heavy Metal, Synthie-Rock und Hairspray-Balladen. Nun will der Sänger und Hauptkomponist von Muse Giganten wie The Who oder Pink Floyd beerben und deren Rockopern fortschreiben - selbst Fans waren skeptisch.

Das fertige Werk aber zeigt, dass Bellamy, Drummer Dominic Howard und Bassist Christopher Wolstenholme nicht zu viel versprochen haben. Zwar klingt „Drones“ insgesamt weniger wie „Tommy“ oder „The Wall“ als wie Queensrÿches Klassiker „Operation: Mindcrime“. Aber dank einer klugen Dramaturgie und der abwechslungsreich wie selten angelegten Songs wirkt das gesamte Album keineswegs wie ein um 25 Jahre verspäteter Progressive-Metal-Witz. Sondern wie der ernsthafte Versuch, fast vier Jahrzehnte nach „The Wall“ erneut eine geschlossene Geschichte mit Hilfe von Rockmusik zu erzählen.

Muse haben dazu im Studio im kanadischen Vancouver aufgefahren, was denkbar ist. Das Schwergewicht aber liegt im Unterschied zu den letzten beiden Platten diesmal nicht auf sinfonischem Schaum und operettenhafter Übertreibung, sondern in der Rückkehr zum Rock. Statt Geigen gibt es wieder mehr Gitarren, statt Falsettgesang von Bellamy Gebrüll vom „Drill Sergeant“, einer Art Erzähler der Geschichte. Produktionsroutinier Mutt Lange (AC/DC) schiebt komplexe Laut-Leise-Lieder wie „Psycho“ und „Reapers“ dann in bewährter Weise zu kompakten Hymnen voller Riffs und Marschrhythmus-Drums zusammen.

Das Ergebnis ist ein Album, dessen erste Hälfte kaum einen Moment Stille kennt, während die zweite wie in Erwartung der Erlösung von allem Übel langsam vom Gaspedal geht. „Revolt“ ist eine klassische Gitarrennummer nach U2-Bauart, „Aftermath“ die bis dahin bis auf das hübsche „Mercy“ zu Beginn vermisste Violinenballade. Fertig sind die drei Konzeptkünstler danach aber noch nicht, denn nun kommt mit „The Globalist“ der dickste Brocken: Zehn Minuten Leistungsschau mit großen Gefühlen. Zur Beruhigung dann zurück zur Mitte der 70er Jahre, Queen, etwa zur Zeit von „A Night at the Opera“: „Drones“, das Titelstück, ist ein Puzzle aus Stimmen, die klingen wie ein Mönchschor.

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