Donnerstag, 27. Juni 2019

Norwegen zu Fuß: Wandern unterm Nordlicht



Ein Land, das sich Zeit lässt: Norwegen fängt gerade an, wenn man glaubt, es ist zu Ende. Und dunkel wird es auch erst, wenn alle Wanderer müde sind.


Die Nummer mit dem Kaffeekessel lässt Tare Steiro schon grinsen, ehe das Wasser kocht. Dann gibt es Zirkuszauberei in der norwegischen Wildnis: Steiro, von Haus aus Naturmensch und von Berufung Wanderführer, nimmt den brodelnden Kessel vom offenen Feuer und stellt ihn sich auf die ausgestreckte Hand. Ohne eine Miene zu verziehen. Die Wandererrunde staunt nun mit offenen Mündern - bis Tare Steiro bescheiden darauf verweist, dass der urtümlich aussehende Kessel ja einen Carbonboden habe. "Wird kein bisschen heiß."

So sind sie, die Norweger hier im Städtchen Mo i Rana, weit oben am Polarkreis. Knurrige Spaßvögel, die mit kleinen Faltbechern aus Wasserfällen trinken, auch im strömenden Regen nur ein Streichholz und etwas Birkenrinde für ein Feuer brauchen und selbst im tiefsten Dickicht gelegentlich das Handy herausholen, um knarzend irgendetwas Wichtiges zu besprechen.
Die Landschaft scheint es den Menschen gleichtun zu wollen. Norwegen ist um einiges größer als die Bundesrepublik, hat aber nur 4,5 Millionen Einwohner. Die meisten von ihnen leben unten im Süden. Nach Norden zu verliert sich das Land in Einsamkeit und rings um den Polarkreis bei magischen 66 Grad und 33 Minuten erstreckt sich nur noch eine felsigen Einöde aus Steinen und Moos unter einem tiefhängenden Himmel.

Das Saltfjell, eine Hochebene auf 700 Meter, ist Anziehungspunkt für Wanderer, die das Besondere suchen, sagt Bjørnar Brændmo, Chef des Polarsirkelcenter und Herr der verlassenen Landschaft. Entlang von farbigen Markierungen an Felsen und Steinhaufen kann man stundenlang gehen, ohne auch nur aus der Ferne andere Menschen zu sehen. Mittendurch zieht sich ein spiegelglattes Asphaltband, das, führe man es immer, immer weiter, erst am Eismeer enden würde.


So weit aber muss niemand gehen, der weit weg will von Geruch und Geräusch der Zivilisation. Gleich hinter Mo i Rana, einer Kleinstadt mit fernbeheizten Gehwegen, die ihre Existenz den reichen Eisenerzvorkommen in der Gegend verdankt, beginnt der mehr als 2 000 Quadratkilometer umfassende Nationalpark. Ein Traumland für Wanderer und Weltflüchtlinge, im Sommer zu Fuß, im schneesicheren Winter auf Skiern. Wie ein feines Netz aus Spinnfäden durchziehen Pfade die Provinz Helgeland -mal sind es schmale Trampelpfade, die über kahle Hochebenen und schaukelnde Brücken führen, mal sind es zweispurige Wege, die an die Zeit erinnern, als Waren und Menschen mühevoll mit Pferd und Wagen Richtung Norden zogen.

Immer aber taucht irgendwann eine Hütte auf, einfach gezimmert aus rot oder grau bemalten Brettern, aber sauber und aufgeräumt. Wer unterwegs nicht zelten will, obwohl das nach dem in Norwegen immer noch geltenden Jedermannsrecht aus dem Mittelalter jedem jederzeit und überall erlaubt ist, holt sich vor dem Abmarsch in die Natur im Touristenbüro die Schlüssel. Und übernachtet zum Preis eines Hotelfrühstücks bequem hier, im Schatten schneebedeckter Berggipfel.


Norweger tun das dauernd. "Fast jeder hier hat eine eigene Hütte irgendwo in den Bergen oder am Meer", beschreibt Tare Steiro. Am Wochenende ziehen ganze Familien und Freundeskreise los, im Gepäck die bräunliche Karamell-Käsespezialität Geitost, Brot und ein -wegen der exorbitant hohen Preise im Land am liebsten selbstgebranntes -Fläschchen mit Hochprozentigem. Dann werden ein paar Fische aus einem Fjord oder einem Bach gezogen, Pilze und Beeren gesammelt, das Lagerfeuer wird angezündet und gemeinsam begangen, was Steiro schlicht "Zusammensein" nennt - zu gut deutsch eine Party ohne Geburtstagskind, Kassettenrecorder und erboste Nachbarschaft.

Am nächsten Morgen wartet Kapitän Albert auf seiner "Sibilla" im Mjelfjord, um die Wanderer an den Fuß des gewaltigen Svartisen-Gletschers zu fahren. Wie auf einen Gemälde von Edvard Munch ragen die Berge schroff in einen düsteren Nordseehimmel, eine fahle Sonne spiegelt sich im eisgrauen Wasser. Ein putziges Rudel Robben rutscht spritzend hinein. Über ihm kreisen drei, vier riesige Seeadler.

Der Svartisen, zu deutsch Schwarzeis-Gletscher, ist mit einer Fläche von der Größe der Städte Halle und Leipzig der zweitgrößte Gletscher Norwegens. An einigen Stellen reichen seine Eisnasen bis beinahe hinunter ans Wasser. In einer Stunde wandert man vom Ufer hinauf, über Geröll und spärliches Gras. Auch vom Inland lässt sich der Svartisen-Gletscher besteigen -nördlich von Mo i Rana führt eine Straße zum Gletschersee Svartisvannet, nach einer schnellen Überfahrt und kurzem Fußmarsch steht man am Rand des Eisgebirges und erlebt, wie sich gewaltige Eisblöcke lösen, in den See stürzen und Flutwellen erzeugen.

Überall ist die Natur hier ohne die gebügelte Freundlichkeit deutscher Laubwälder. Der Wind ist scharf, die Sonne bleich am Saltstraumen, dem größten und mächtigsten Malstrom der Welt. Seine Urgewalt kann man auch beim Blick von der schmalen Brücke erahnen, die ihn wie ein Hochseil überspannt. Hier, etwa 30 Kilometer vom Hafenstädtchen Bodø, quetschen sich zum Gezeitenwechsel 400 Millionen Kubikmeter Wasser durch eine zwei Kilometer lange Felskanüle zwischen den Inseln Straumen und Straumøy.

Viel zu viel für den nur 150 Meter schmalen Sund, der deshalb viermal am Tag Schauplatz atemberaubender Kämpfe ist. Grünes Wasser verschlingt tosend blaues, Strudel brausen wie Düsenjäger auf, Gischt zischt und wird in die Tiefe gesogen. Nebenan am Ufer steht regungslos ein Angler. "Wir haben jede Menge fabelhafte Lachse hier", nickt Tare Steiro.

www.arctic-circle.no
www.visitnorway.de

Freitag, 17. Mai 2019

Stasi-Vize: Die keinen Mil­li­me­ter zu­rück­wei­chen

Die Stasi-Bar in Halle-Neustadt.
Am Ende geht es darum, Geschichte zu schreiben. Geschehen ist sie schon längst, unverrückbar stehen die Ereignisse in der Zeit. Aber wie sie zu deuten sind, das wird gerade festgelegt, das weiß auch Werner Großmann, bis 1989 der Vize-Chef des Ministeriums für Staatssicherheit. Und aus genau dem Grund lässt der 88-Jährige auch nicht nach: Mit "Der Überzeugungstäter" (Edition Ost, 251 Seiten, 16,99 Euro) hat der einstige Generaloberst ein Buch vorgelegt, in dem er seine Sicht auf die Stasi vor dem Hintergrund seiner Biografie schildert.

Nicht der erste Versuch des aus der Nähe von Pirna stammenden Zimmermannssohnes, aber vielleicht der letzte. Großmann gehört wie sein Vorgänger als Chef der Auslandsspionage Markus Wolf und der letzte NVA-Vize Fritz Streletz zur Zwischengeneration der DDR-Führung. Im Dritten Reich zur Schule gegangen, landet Großmann noch beim Volkssturm, von dem er umgehend abhaut. Als sein Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrt, schließt er sich der KPD an. Am selben Tag tritt auch Sohn Werner bei, er ist gerade 17 und auf der Suche nach einem Neuanfang. Über die Jugendorganisation FDJ landet er in einer Funktionärslaufbahn, die Führung entdeckt ihn als "Kader" und wählt ihn schließlich aus, die im Aufbau befindlichen "bewaffneten Organe" zu verstärken.

Für Großmann, bis Oktober 1990 einer der großen Unbekannten des MfS, ein Lebensweg, den er bis heute mit aller Überzeugung vertritt. Bauingenieur oder Lehrer habe er werden wollen, doch als jemand ihn für eine Schule in Berlin wirbt, lockt die Hauptstadt. Großmann sagt Ja und geht zum "Außenpolitischen Nachrichtendienst" wie die spätere Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) anfangs noch heißt.

Aus der Sicht des Mannes, der der letzte Chef des weltweit gefürchteten Spionagedienstes von Markus Wolf sein wird, ist das ein Job wie viele andere auch. Großmann hat nie etwas mitbekommen von illegalen Methoden, von Machtkämpfen im Parteiapparat oder Mordplänen gegen Abtrünnige. "Gerüchte, mehr nicht", sagt er. Es habe weder ein Mordkommando gegeben, noch Pläne, den "Verräter" Werner Stiller mit Gewalt zurück in die DDR zu holen.

Überhaupt stellt Werner Großmann das MfS als normale Behörde dar, etwas neurotisch, weil unentwegt in Angst, unterwandert zu werden. Aber selbst die Auslandsabenteuer seiner HVA erklärt der Sachse mit der großen Systemauseinandersetzung. Die andere Seite sei nie besser gewesen, man selbst aber immer bester Absicht. Warum sich also Asche aufs Haupt streuen? Es geht darum, Geschichte zu schreiben.

Sonntag, 5. Mai 2019

Wolfgang Neuss: Ein Hauch von Hasch

Der Körper des Kabarettesten Wolfgang Neuss glich  am Ende dem eines alten Indianerhäuptling.


Den großen Unterschied zu erkennen, war für ihn eine Kleinigkeit. "Wer nicht haargenau wie die CDU denkt", lästerte Wolfgang Neuss, "der wird sofort aus der SPD ausgeschlossen." Nicht jeder kann da lachen, und darüber freute sich der gebürtige Breslauer besonders. Neuss, als Jugendlicher aus einer Schlachterlehre nach Berlin geflohen, um Clown zu werden, ist der anarchistische Possenreißer der jungen Bundesrepublik.

Häme und Spott schüttet der Autodidakt mit der Vorliebe für verquere Wortspiele über der jungen Demokratie aus. "Der Faschismus ist eine Spielart der freien Marktwirtschaft", ätzt er inmitten der Wirtschaftswunderjahre, "auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen", wird er sich später für eine Legalisierung von Marihuana aussprechen.

Ein Mann wie ein einziges Missverständnis. Dem Einsatz an der Ostfront habe er sich entzogen, indem er sich einen Finger abgeschossen habe, erzählte Wolfgang Neuss jahrelang. Der Finger war wirklich weg. Verloren hatte er ihn, wie er später bestätigte, durch eine verschleppte Entzündung.

Im Zweifel aber wählte der begnadete Improvisator, der nach dem Krieg im geistesverwandten Wolfgang Müller einen kongenialen Begleiter gefunden hatte, lieber die gute Geschichte als die wahre. Richtig zugespitzt ist schon fast ein Witz! In seiner großen Zeit Mitte der 50er dreht Neuss zehn Filme im Jahr, darunter Knüller wie "Die Drei von der Tankstelle" und "Wir Wunderkinder". Nebenher zieht er als Kabarettist über die Bühnen und landet Schlagerhits wie "Schlag nach bei Shakespeare".

Scherze aber sind eigentlich gar nicht seine Sache. Der "Mann mit der Pauke" sieht sich als politischen Künstler mit einem linksschlagenden Herzen. Erst streitet er für die SPD, dann wendet er sich der außerparlamentarischen Opposition zu. Auch die ist ihm bald langweilig. Neuss gefällt sich nun in der Rolle des kategorischen Nonkonformisten: Das Haar wird immer länger und dünner, ausfallende Zähne werden nicht mehr ersetzt, statt Alkohol zu konsumieren, greift er zur Haschischpfeife.

Der allmähliche Verfall ist öffentlich. Wegen Drogenbesitzes wandert Neuss ins Gefängnis, die SPD schließt ihn aus, das Fernsehen lässt ihm den Ton abdrehen und nennt es eine "technische Störung". Boulevardblätter, seit Jahrzehnten im Krieg mit dem "Vaterlandsverräter", erfreuen ihre Leser mit der Mitteilung, der Provokateur müsse inzwischen von Sozialhilfe leben.

Zu dieser Zeit gleicht der einst lebenspralle Kabarettisten-Körper schon dem Leib eines uralten Indianerhäuptlings. Graue Strähnen hängen dem Wortakrobaten wie müder Federschmuck ins Gesicht, der zahnlose Mund ist eingefallen. Neuss, schon erkrankt, vertreibt sich die Zeit, indem er der alternativen Tageszeitung taz schräge Kolummnen bastelt, die zuweilen nicht einmal mehr seine Fans verstehen. Am 5. Mai 1989 stirbt Wolfgang Neuss, wenige Tage, nachdem ein Filmteam die Dreharbeiten zu einer Dokumentation über sein Leben abgeschlossen hat. Im Film erzählt er noch, dass er nicht tot sein werde, nach seinem Tod. Denn man lebe schließlich weiter in "allen Leuten, bei denen dein Herz etwas schneller geht."

Sonntag, 28. April 2019

Atlantropa: Der große Plan vom Umbau der Welt



Der vom Bauhaus inspirierte Architekt Herman Sörgel ging vor fast 100 Jahren daran, das Wasser aus dem Mittelmeer zu lassen. Sein ehrgeiziger Plan sollte Europa mit Raum und Energie versorgen.

Er hatte Architektur studiert, dabei aber vor allem gelernt, dass seine Auffassung von Architektur nicht dazu taugte, Häuser zu bauen. Herman Sörgel, Sohn eines Wasserbaubeamten im bayrischen Landesdienst, war vom Bauhaus inspiriert. Er wollte es größer, grundsätzlicher. Architektur, so glaubte der Regensburger, müsse den Raum gestalten und das Leben der Menschen damit einfacher, besser und friedlicher machen.

Vor hundert Jahren beginnt der 42-Jährige mit der Arbeit an einem Projekt, das auf den ersten Blick aus in einem Fantasy-Roman zu stammen scheint: Es ist der Weihnachtsabend des Jahres 1926, als ihn nach der Lektüre eines Buches des englischen Science-Fiction-Autor H. G. Wells die Vision überkommt, das Mittelmeer bei Gibraltar mit einem Damm zu sperren. Dadurch könnte der Zustrom von Wasser aus dem Atlantik kontrolliert erfolgen - der Wasserspiegel des Mittelmeeres sinke, für die wachsende Bevölkerung Europas würde Raum gewonnen werden.

"Die Vereinigung Europas mit Afrika zu einem mächtigen Weltteil."
Herman Sörgel



Der kleine Beamte dreht das große Rad. Er, der bis dahin nur Zweifamilienhäuser projektiert hat, ist getrieben von der Angst vor einem neuen Weltkrieg und der Furcht davor, dass das kleine Europa nicht standhalten wird im Wettbewerb mit Amerika. Weil es ihm an Platz fehlt. Weil es an Rohstoffen mangelt. Weil es mehr Energie verbraucht, als es produzieren kann. Der kleine Kontinent könne allein nicht bestehen, analysiert Sörgel 1929 in seinem Buch "Mittelmeer-Senkung" und weiß einen Ausweg: "Die Vereinigung Europas mit Afrika zu einem mächtigen Erdteil." Eine Kombination aus europäischer Technik und afrikanischen Bodenschätzen sei die ideale Lösung, der Name dieses Erdteil könne Atlantropa sein.



Wie aber vereinen, was von einem Meer getrennt wird? Herman Sörgel entwirft das größte Bauprojekt der Menschheitsgeschichte: Der Gibraltardamm sollte 14 Kilometern breit und 300 Meter hoch werden, Turbinen, größer als alle, die heute in Betrieb sind, könnten dann etwa 110 000 Megawatt Energie erzeugen - ein Drittel mehr als alle deutschen Kraftwerke heute produzieren.

Durch den Damm, so die Vision des Oberpfälzers, wäre es überdies möglich, den Wasserspiegel um etwa anderthalb Meter im Jahr zu senken. Atlantropa hätte seine Küsten nach einem knappen Jahrhundert weit ins Mittelmeer hinausgeschoben, Adria und Ägäis wären ausgetrocknet, Malta zu einem Teil von Sizilien geworden. Fast 560 000 Quadratkilometer Land gäbe das zusätzlich für Landwirtschaft, Städtebau und Industrie - das entspricht der fünffachen Fläche der früheren DDR. Ein Vorhaben, das heute aus vielerlei Gründen eine Idee bleiben müsste.

Wer soll das alles bezahlen? Was ist mit den Auswirkungen auf die Tierwelt? Wie verändert sich das Klima? Sörgel hatte all das berechnet und prognostiziert, sicher sagen aber konnte auch er es nicht. Dennoch wurde der Plan des mit zwei Doktorarbeiten gescheiterten Regierungsbaumeisters begeistert aufgenommen. Städte wie Venedig und Genua klagten zwar, ihnen würde der Zugang zum Wasser abhanden kommen.



Sörgel aber hatte auch daran gedacht: Venedig sollte einen eigenen Damm bekommen und so im Wasser stehen bleiben. Genua hingegen würde einfach Richtung neue Küstenlinie erweitert. An der stünden auch die neuen Häfen, die hätten gebaut werden müssen, weil alle alten Hafenanlagen nun drei Kilometer vom Wasser entfernt liegen würden. Bis Mitte der 30er Jahre arbeitete Sörgel ruhelos für sein Projekt. Seine Stelle hatte er aufgegeben, um in ganz Europa über seine Pläne zu reden. Das tat er sehr überzeugend. "Wenn ein Ingenieur zu träumen beginnt, sticht er jeden Dichter aus", schwärmte die französische Zeitung "Allier Socialiste". In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise lechzten die Menschen nach kühnen Visionen und wagemutigen Unternehmen.

Ein Mann wie Sörgel, angetreten, die halbe Erde zum Nutzen des Menschen umzubauen, ist da genau richtig. Dann aber kommt die Machtübernahme der Nazis. Herman Sörgel versuchte, seine Pläne systemkompatibel zu machen. Trotzdem teilt ihm die Staatskanzlei in Berlin 1935 mit, dass Deutschland kein Interesse an Atlantropa habe. Sörgel macht unverdrossen weiter. Lange Zeit bleibt der Sonderling mit dem Monokel ungestört, 1942 allerdings verhängt das Regime ein Publikationsverbot gegen ihn.

Das verhilft der Idee nach dem Krieg noch einmal zu einer kurzen Blüte. Herman Sörgel gründet das Atlantropa-Institut und beginnt erneut mit seinem Werbetouren durchs Land. Doch auf dem Weg zu einem Vortrag gleich nebenan in der Münchner Prinzregentenstraße wird der passionierte Radfahrer von einem Auto angefahren. Es ist der erste Weihnachtsfeiertag des Jahres 1952, Sörgel hat ein Vierteljahrhundert für seine Idee gekämpft und nichts erreicht. Denn mit ihm stirbt auch die Idee von Atlantropa - Sörgels letzte Arbeiten, in denen er Stauseen für den Kongo plante, gingen wahrscheinlich ebenso verloren wie die Archive seines Atlantropa-Instituts.

www.morgenwelt.de

Donnerstag, 11. April 2019

Nach dem letzten Schuss: In der Nie­man­ds­zeit

Zu Ostern 1945 flogen die Alliierten letzte große Bombenangriffe auf Halle, die Stadt  wird in jener Osternacht schwerer getroffen als je zuvor.


Der Berliner Autor Harald Jähner erkundet in senem Buch "Wolfszeit" ein unbekanntes Land: Deutschland zwischen Kriegsende und Staatengründung.

Noch im September, fast sechs Monate nach dem letzten und größten Bombenangriff auf Halle, ist nicht nur die Welt, sondern auch die Saalestadt ein Trümmerfeld. Die Journalistin Ursula von Kardorff beschreibt das Elend, das auf dem Bahnhof von Halle herrscht, mehr als hundert Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und dem Untergang des Dritten Reiches. "Schaurige Bilder", schildert von Kardorff, die im Krieg zwar für Nazi-Zeitungen geschrieben, zugleich aber Kontakte zum Widerstand unterhalten hatte, "Trümmer, zwischen denen Wesen herumwandern, die nicht mehr von dieser Welt zu sein scheinen".

Die Apokalypse, zum Alltag verlängert. "Heimkehrer in zerfetzten, wattierten Uniformen, mit Schwären bedeckt, an selbstgemachten Krücken schleichend", schreibt die Mittdreißigerin, die das Ende halbwegs glimpflich in Bayern überlebt hat. Überall nur "lebende Leichname", schreibt sie, stolpernd durch eine Zeit, die nicht mehr die alte ist und noch nicht wieder eine neue. Deutschland zwischen Kriegsende und Staatengründung.


Harald Jähner, studierter Historiker und Literaturwissenschaftler und ehemals Feuilletonchef der Berliner Zeitung, besucht dieses Land in der Niemandszeit zwischen 1945 und 1955, die keineswegs die "Stunde Null" war, von der so oft die Rede ist. "Wolfszeit" erzählt den Zusammenbruch nicht als kurzen Moment, sondern als quälenden Prozess. Die Städte liegen in Ruinen, von 75 Millionen Menschen, die in den vier Besatzungszonen leben, befindet sich mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehören oder hin wollen.

Doch es gibt keine Transportmittel, diese 40 Millionen Flüchtlinge, ehemalige KZ-Häftlinge, entlassene Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und rückkehrwillige Stadtbewohner, die vor den alliierten Bomben aufs Land ausgewichen waren, zurückzubringen. Nicht einmal genug Koffer für alle sind da, obschon die meisten kaum noch eine Habe ihr eigen nennen. Und wer es trotzdem dorthin schafft, wo er sein Zuhause wähnt, findet oft nur Ruinen, Häuser ohne Dach, Räume ohne Wände.

Fast die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland sind zerstört, man haust in Gruppen in verbliebenen Zimmern, auf den Bahnhöfen, in Kaufhauskellern. "Doch die verbreitete Vorstellung, Deutschland nach Kriegsende sei ein leeres, unendlich stilles Land gewesen, ist falsch", korrigiert Jähner. Denn überall auf den Straßen zogen Kolonnen entwurzelter Menschen entlang: Sieger und Besiegte begegneten sich aus unterschiedlichen Richtungen kommend, in einer Welt aus Rädern. "Verschleppte fuhren in Lastwagen zurück Richtung Warschau, französische Kriegsgefangene schwenkten die Trikolore, wie ein schmaler Bach rieselte dazwischen die andere Welt, die deutsche Welt, die Welt zu Fuß."

Nichts ist festgelegt in diesen Tagen der Neuordnung, der auch die Alliierten nur mit Mühe und ganz grob eine Richtung geben können. Die Integration der nach Westen strömenden Bewohner der verlorengegangenen Ostgebiete, die später als "Eingliederungswunder" Furore machen wird, ist vor Ort ein Kampf um die raren Ressourcen, der mit allen Mitteln ausgefochten wird.

Es gibt einerseits sehr schnell wieder Theatervorstellungen, Zeitungen, Musik und trotz des grausamen Missbrauchs von hunderttausenden Frauen eine wilde Sehnsucht nach menschlicher Wärme und körperlicher Nähe. Gleichzeitig aber ist der Hunger allgegenwärtig. Plündern und Rauben wird hoffähig und Schwarzmarkthandel gibt denen, die nur schnell, skrupellos und gewitzt genug sind, einen Vorgeschmack darauf, was für Möglichkeiten im Kapitalismus schlummern.

Hans Magnus Enzensberger, damals ein Teenager, ist einer der frühen Profiteure einer auf den Kopf gestellten Welt. Er spricht Englisch und er muss den Alten, den moralisch diskreditierten, zur Hand gehen, damit die verstehen, was Briten und Amerikaner von ihnen wollen. Enzensberger, gerade 16, spielt seine Macht aus: Er tauscht NS-Devotionalien gegen Ami-Zigaretten und erwirbt für diese immer noch mehr Dolche, Orden und Waffen. Im Keller hortet er irgendwann 40 000 Kippen, jede zehn Reichsmark wert. Ein Vermögen, das den Jungen in der kurzen Hose das Lammsein hinter sich lassen wird. Es macht ihn zu einem Wolf, einem der Wesen, die er Jahre später in seinem Dichter-Debüt "Verteidigung der Wölfe" nur halb ironisch vor den Lämmern in Schutz nimmt.

Da ist die Niemandszeit vorbei und die Deutschen haben sich rechts und links der ideologischen Blöcke eingeordnet.

Auf beiden Seiten wird es ihnen bald gelingen, zu den besten Gefolgsleuten ihrer Schutzmacht zu werden.





Dienstag, 2. April 2019

Verwaltungsgespräch: Ein Dialog für die Tonne


Das sieht auf dieser Wiese immer aus wie Sau! Wir brauchen zusätzliche Müllkübel.

Gute Idee! Die müssen wir aber auf ein festes Fundament stellen, sonst schmeißen die uns die Dinger ständig um.

Ja, feste Fundamente sind gut. Die gießen wir richtig sicher in den Rasen, zwanzig Zentimeter tief, dürfte reichen. Okay, nein, lass und 25 machen.

25 klingt super. Und dann so einen Mast dahinter, wo wir die Kübel festketten können.

Richtig fest, genau. Und was nehmen wir für Kübel?

Habe ich schon bestellt, so große, schwarze. Die bekleben wir dann mit lustig gemalten Bildern von städtischen Künstlern, die städtische Motive malen.

Großartiger Einfall. Hast du schon bestellt? Die Kübel?

Ja, zwei Dutzend Sulo-120 Liter, klasse Dinger, ganz stabil. Fahrbar, aus speziell entwickeltem hochmolekularem Niederdruckpolyäthylen, verrottungsfest, frost-, hitze-, chemikalienbeständig.

Die sind aber aus Plastik, oder?

Ähm, ja. Schon irgendwie. Wieso?

Weil die da grillen, die grillen da, dauernd.

Naja, Grillen. Ich meine, die sind hitzebeständig.

Und wenn da einer Glut reinschmeißt? Meinste, das gilt dann noch mit dem hitzebeständig?

Könnte, naja, ich hoffe doch. Außerdem…

Was außerdem?

Außerdem werfen die da keine Glut rein, ganz sicher nicht. Das sieht doch jeder, dass die Tonnen aus Plastezeug sind. Das will doch keiner, dass es da brennt. Denkste nicht? Das verklebt doch dann die ganzen schönen Fundamente. Und die klasse Festschnallmasten gehen kaputt.

Und die künstlerischen Bilder mit Stadtmotive.

Ja, die auch.

Das wäre traurig.

Ganz traurig wäre das.

Ganz traurig.


Sonntag, 17. März 2019

Kahlschlag auf der Peißnitz: Baum-Mord auf Raten


Es ist der Traum vom reinen Wald wie ganz früher, einer Natur ohne "Fremdgehölze", auch wenn die wie der amerikanische Eschen-Ahorn (Acer negundo) schon seit 300 Jahren in Deutschland wächst. Als Neophyt geranntmarkt, steht er auf der "Schwarzen Liste" der Gewächse wie die Silber-Weide und die Schwarz-Pappel verdrängt, deren deutsche Standgeschichte noch länger währt.

Gegen diese "Invasion" (hallelife) hilft nach Meinung von Experten die sogenannte "Ringelung" am besten. Dabei wird dem Baum ein mehrere Zentimeter breiter Streifen der Rinde am unteren Teil des Stammes ringförmig abgeschnitzt. So soll, das zumindest ist der feste Glaube der Ringler, dem geringelten Baum der Saftstrom abgeschnittenn, so dass der Transport von Nährstoffen von den Wurzeln in Äste und Zweige und Blättter gestoppt wird.

Vor vier Jahren begann eine große Ringelaktion auf der unter Naturschutz stehenden Nordspitze der Peißnitzinsel, auf der seit einigen Jahren auch wieder mehrere Biber heimisch sind. Wie die Pläne zur Schotterung der Waldwege gehört auch das gezielte Absterbenlassen von Bäumen zur Umsetzung städtischer Pläne, sogenannte "invasive Neothyten" mit Hilfe hochrangiger Helfer aus der Politik zu bekämpfen, weil sie heimischen Pflanzen und damit auch Tieren die Lebensgrundlage entzögen.

In der Theorie reicht es, die in der DDR ihrer pflegeleichten Wuchsfreudigkeit achtlos angepflanzten Bäume ausgiebig zu ringeln, um sie binnen dreier Jahre in Totholz zu verwandeln. Mit dem aufwendigen Verfahren soll vermieden werden, dass gefällter Eschen-Ahorn bereits im zweiten Jahr Stockausschläge bildet, die dazu führen, dass mehr Eschen-Ahorn wächst statt weniger. Geringelte Bäume hingegen sind nach drei Jahren abgestorben, kahles Stämme, die nur noch abgesägt und abtransportiert werden müssen.

Wenn sie nicht in der Praxis selbst andere Absichten erkennen lassen, wie das die geringelten Bäume auf der Nordspitze tun. Statt zu sterben und damit Raum zu schaffen, in dem sich "die naturnahe Aue" (Koordinationsstelle invasive Neophyten in Schutzgebieten Sachsen-Anhalts) wiederherstellen lässt, weigern sich die Geringelten, beim Kahlschlag mitzumachen. Mit Erfolg: Auch in diesem Jahr schlagen die totgeweihten Ringelbäume auf der Nordspitze wieder zuverlässig aus, ebenso wie ihre bereits vor noch längerer Zeit geringelten Artgenossen am Ufer der Wilden Saale (Foto Mitte).

Samstag, 9. März 2019

Lost Places: Der Rätselpalast von Dreżewo


Dreżewo ist eine kleine Stadt, eigentlich ein Dorf, nur ein Dutzend Kilometer von der belebten polnischen Ostseeküste mit ihren frisch polierten Urlaubsstädten entfernt. Gerade hier, im Niemandsland, das kaum jemals ein Tourist erreicht, wartet eine Sensation für Freunde zerfallender Großarchitektur: Das Herrenhaus in Dreżew, einst auf Initiative des Wirtschaftsberaters von Schlutów aus Stettin errichtet, damals für bescheiden gehalten, heute aber wie ein riesiges Schloss aufragend aus einer Gegend, in der sonst nur schlichte Hütten stehen.


Die erste Erwähnung der traurigen kleinen Siedlung, in deren Mitte das gewaltige Bauwerk prangt, stammt aus dem Jahr 1287, als Fürst Bogusław das gesamte Dorf einem Frauenkloster in Trzebiatów übergab. Später gehörte das Dorf der Familie von Karnitz, im Jahr 1740, als der letzte erwachsene Eigentümer starb, übernahm dann eine Familie namens von Woedtke das Anwesen, das an einen Kapitän von Schmeling verkauft wurde, der es wiederum an die Witwe des Kaufmanns Becker aus Kolobrzeg weitergab. Niemand hatte Glück mit dem Gut, jeder gab es, so scheint es, möglichst schnell weiter. Dreżewo gehörte als nächstes der Frau des Kaufmanns Kaufmann und danach erbte es die Familie von Fleming. Ab 1828 befand sich das Gut dann in den Händen von Heinrich von Elbe, der es schließlich 1875 an Eduard von Bonin verkaufte. 

Damit begann die bunteste, aber auch rätselhafteste Zeit: Bonin unterhielt enge Geschäftsbeziehungen mit dem Vater der spanischen Adelsfamilie de Val Florida. Girona de Val Florida kam sogar nach Drezewo, wo sie eine Affäre mit dem jungen von Bonin gepflegt haben soll, der allerdings schon mit einer französischen Gräfin verlobt war - Angelica Vermandois.

Als die 1890 nach Drezew kam, brach im Schloss ein Feuer aus, und ihre Rivalin Girona de Val Florida starb in den Flammen. Der Palast wurde danach im neugotischen Stil umgebaut, doch Glück und Zufriedenheit wollten nicht einziehen.



Nach dem Krieg griff ihn sich der polnische Staat, der ein Gestüt im weitläufigen Gelände gründete. Das ging pleite und verschwand, dafür kam nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ein Geschäftsmann namens Stanisław Paszyński, der die weitläufige Flur pachtete, um Windparks anzulegen. Gironas Fluch wirkte, die Pläne wurden nie umgesetzt, und das Herrenhaus zerfiel langsam.

Bis die Spanier kamen und neue Hoffnung mitbrachten. Im Juli 2006 wurde das sagenhafte 302 Hektar große Anwesen von Hiszpan Ricardo Crespo Fuster gekauft, einem spanischen Geschäftsmann, der hier ein Hotel und einen Golfplatz mit Freizeitzentrum errichten wollte. Er tat es jedoch nicht, und der Palast wurde zusammen mit einem wunderschönen, 7,5 Hektar großen Park zu einer mit Unkraut überwachsen Ruine. Die inzwischen den ganz besonderen Zustand sehenswerten Verfalls erreicht hat.

Sonntag, 24. Februar 2019

Industriedenkmal Gravo Druck: Letzter Aufruf Abrissbirne


Als „Industriehalle mit Freifläche in 06114 Halle, Reilstr.“ wurde es im vergangenen Jahr bei einer Auktion zum Kauf angeboten. Startgebot: 5 Euro. Nicht viel Geld für eine Grundstücksfläche in bester Lage, direkt am Reileck, mehr als 3000 Quadratmeter groß und mit großer Geschichte versehen.

Aber die früheren Produktionsgebäude des VEB Gravo Druck Halle  präsentieren sich nach mehr als einem Vierteljahrhundert Leerstand zwar bunt bemalt mit allerlei Grafitti. Doch vom löchrigen, teilweise eingebrochenen Dach bis zu schwer einsturzgefährdeten Zwischendecken, Brandschäden und ausgebrochenen Fenstern in einem geradezu erbärmlichen Zustand.


Ein Denkmal ist das Haus aus dem Jahr 1936 dennoch, sechs Etagen mitteldeutscher Industriegeschichte, die bislang nur einige Nebengebäude und den früher an der Fassade prangenden Schriftzug „Gravo Druck“ eingebüßt haben, an deren Stelle sich jetzt ein Parkplatz befindet.


1889 hatte der Unternehmer Carl Warnecke in Halle die Lithographische Kunstanstalt, Buch- und Steindruckerei gegründet, die später aus der Kleinen Ulrichstraße in die heutige Ludwig-Wucherer-Straße zog. In der DDR wurde die Firma enteigenet und zum volkseigenen Großunternehmen mit nahezu 250 Mitarbeitern gemacht, die Verpackungsmaterial, Plakate, Werbeschriften und Postkarten produzierten – unter anderem für Abnehmer im sogenannten NSW, also dem nichtsozialistischen Ausland. Globalkisierung im DDR-Maßstab. Die Rohstoffe für Etiketten und Verpackungen für westdeutsche Markenartikel kamen aus dem Westen. Die Fertigprodukte verschwanden wieder dorthin.

Ironie der Geschichte: Das Geschäft lief, so lange der „Graphische Volksbetrieb“ (daher Gravo) in der DDR produzierte, die kaum Werbung kannte. Doch kaum war die Planwirtschaft am Ende, geriet auch die ehrwürdige Druckfabrik in Nöte. Der Jahresabschlussbericht 1990 der inzwischen mit dem Handelsregistereintrag HRB-08-896 zur GmbH mit einem Stammkapital von 3 360 000,- DM umfirmierten Treuhand-Tochter listete schon Außenstände von mehr als zwei Millionen D-Mark auf. 1992 war die Kasse endgültig leer, Gravo Druck, zu DDR-Zeiten Schauplatz des DEFA-Films "Das verhexte Fischerdorf", geriet in ein Insolvenzverfahren, in dessen Folge die Gebäude leergeräumt und verlassen wurden, dem Verfall frontal preisgegeben.

Die Idee von Hühnermanhattan-Betreiber Gabriel Machemer, in den weitläufigen Räumlichkeiten nicht nur das Hühnermanhattan, sondern dazu noch weitere sozio-kulturelle Projekte unterzubringen, fand vor zehn Jahren keine Unterstützung. Inzwischen ist nun zu spät, noch irgendetwas am Industriedenkmal am Reileck zu retten: Bei einer Zwangsversteigerung ging das Gelände jetzt an einen Käufer aus Leipzig, der für die Ruine in allerbester Lage 1.151.000 Euro zahlt.

Noch eine ehrwürdige Leiche im Stadtbild: Das Julius-Kühn-Haus am Steintor



Sonntag, 3. Februar 2019

Kurt Demmler: Ein Schrei ohne Ton




Er war Staatstexter, DDR-Kritiker, Lieferant unvergesslicher Hits für Renft, Karat, Electra und Puhdys und Nationalpreisträger. Vor zehn Jahren erhängte sich der Liedermacher im Gefängnis - angeklagt wegen Kindesmissbrauchs.


Er wolle nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr erinnern. "Ich bin damit durch", sagt Kurt Demmler, "es ist lange her, und ich möchte nicht mehr darüber reden." 1968 in der DDR, natürlich, das ist sein Thema, nickt der Mann, der damals begonnen hatte, mit eigenen Liedern und mit dem "Oktoberklub" aufzutreten. "Aber wen interessieren diese alten Geschichten noch?"

Ihn selbst nicht, denn ihn selbst quälten längst andere Gedanken. Demmler, der produktivste und erfolgreichste Popmusik-Texter der DDR, wusste in jenem Frühsommer 2008 schon, dass sich dunkle Wolken über ihm zusammenzogen. Nach einer Anzeige von mehreren jungen Frauen ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Kindesmissbrauchs. Demmler, aus Berlin nach Storkow in Brandenburg gezogen, schaute vom Schreibtisch aus auf den See und dichtete Düsteres. "Mein Wort teilt meine Not / mit bedauernden Zeilen und trockenem Brot", reimte der 65-Jährige im Juli 2008. Eine Woche später klickten die Handschellen. Demmler, DDR-Nationalpreisträger, Tantiemen-Millionär und Autor von Hits wie "König der Welt" und "Du hast den Farbfilm vergessen", saß plötzlich in Untersuchungshaft.

"Mein Wort teilt meine Not / mit bedauernden Zeilen und trockenem Brot." Kurt Demmler Liedermacher

Die Staatsanwaltschaft war überzeugt, dass der Liedermacher und Texter von Gruppen wie den Puhdys, Karat und Renft sich zwischen 1995 und 1999 an sechs minderjährigen Mädchen vergangen habe. Allein die damals 14-jährige Liselotte B. hat er laut Anklage mehr als 180 Mal missbraucht.

Die Opfer, aus denen Demmler die Gruppen "Kussecht" und "Zung'kuss" hatte machen wollen, sagten aus, der Liedermacher habe sich von ihnen befriedigen lassen. Demmler leugnete. Doch eine Vorstrafe aus dem Jahr 2002 sprach gegen ihn.

Die Fans seiner großen Jahre, als keine Hitparade ohne Demmler-Reime auskam, waren entsetzt. Die letzten Freunde, die dem langjährigen Wahl-Leipziger nach seinem freiwilligen Rückzug 1986 geblieben waren, wandten sich ab.

Es ist der tiefe Sturz eines "sensiblen, schrullenhaften und im Privaten schwer zu ertragenden Hochtalents", wie ihn seine Texterkollegin Gisela Steineckert einmal charakterisierte. Demmler, als Kurt Abramowitsch in Posen geboren und in Cottbus aufgewachsen, hatte früh begonnen, Gedichte zu schreiben. Erst das popmusikalische Tauwetter in der DDR Ende der 60er aber gibt dem Medizinstudenten Gelegenheit, Karriere als Dichter zu machen.

Kurt Demmler, Fan von West-Beat und Radio Luxemburg, lernt im Leipziger Jazzclub den gerade mit Spielverbot belegten Klaus Renft kennen. Für dessen Combo liefert er seine ersten Auftragstexte; hier begründete der "Pseudo-Lutheraner und Humanist" (Renft-Sänger Thomas Schoppe) auch seinen Ruf, der einzige Mann, zu sein, der "eine ganze Langspielplatte in zwei Tagen betexten kann" (Renft-Gitarrist Peter Gläser).

Solche Talente sind gesucht in der DDR, wo der Zensor immer das letzte Wort hat. Demmler, nebenbei auch als Liedermacher mit eigenen Songs unterwegs, spricht die poetische Sprache des Systems: Seine Verse lavierten zwischen Wirklichkeit und Wolken, schnell ist er auch bereit, an Formulierungen zu feilen, wenn sie Lieder bedrohen. Und im Prinzip bleibt Demmler immer auch ein bisschen Staatsfeind: Solidarisiert sich mit Wolf Biermann, kritisiert die Enge der Arbeiter-und Bauernrepublik in verschlüsselten Versen und singt Mitte der 80er von Stasi-Überwachung.

Ein Pragmatiker der Poesie, dem geflügelte Worte nur so aus den Schreibmaschinentasten springen. Demmler verteilt, was er hat, an Schlagersänger wie Karel Gott und Rockbands wie die Puhdys, an Bekannte und Unbekannte. Er schreibt Leichtes wie "Liebling, ich verspeise Dich zum Frühstück", Gedankenschweres wie "Ermutigung" für Renft und Todtrauriges wie "Schrei ohne Ton" für den DDR-Popstar Bummi Bursi. Unterwegs auf Tour lebt er dazu ein echtes Rock'n'Roll-Leben: Es gibt Groupies, es gibt Sex, und niemand fragt die Mädchen am Hintereingang nach ihrem Personalausweis.

Damals ist das allenfalls ein Augenzwinkern wert. Der Liederdichter dichtet der Gruppe Dialog den Text "Noch nicht 16" dazu. "Ach, man wird nicht minder / schon durch solche Kinder angemacht", klagt er. Am 3. Februar 2009  um 6.30 Uhr wird Kurt Demmler in seiner Gefängniszelle in Berlin Moabit erhängt aufgefunden. Er hinterlässt keinen Abschiedsbrief, aber eine Frau, zwei Kinder, drei Enkel - und rund zehntausend Liedtexte. Auf seiner Homepage demmlersong.de wirbt heute ein Hersteller von Kaffeeautomaten für sich.




Samstag, 19. Januar 2019

Straßenkampf im Sumpf der Stadt

In ihrem temposcharfen Thriller-Debüt zeigt Susanne Saygin amerikanische Härte.

Jeder gegen jeden, alle gegen alle. Was in Susanne Saygins Debütroman „Feinde“ beginnt wie ein ganz normaler Routineeinsatz in einem Problemviertel, nur eben mit zwei grausam zugerichteten Leichen, entwickelt auf den 340 weiteren Seiten des ersten Romans der in Köln lebenden Historikerin mit deutsch-türkischen Wurzeln einen brutalen Sog. Ausgangspunkt des Dramas, das sich allmählich zur Tragödie auswächst, sind die Ermittlungen zu den beiden Toten. Zwei junge bulgarische Roma, bekannt vom sogenannten „Schrottstrich“, wie Saygins Ermittler Can und seine Chefin Simone bald herausbekommen. Hinter der grausamen Tat aber verstecken sich diesmal nicht einfach nur Abgründe, sondern eine ganze Parallelwelt aus Korruption, Arbeitsausbeutung und Menschenhandel, in die nicht nur Großunternehmer, sondern auch Behörden verwickelt sind.

Ein Plot, den sich Susanne Saygin nach eigenem Bekunden nicht ausgedacht hat. Vor Jahren habe sie in Köln selbst direkt an einem Arbeitsstrich gewohnt, auf dem sich rumänische Schwarzarbeiter für kleines Geld anboten. Und später entdeckte sie einen der Männer tatsächlich als Arbeiter auf einer Baustelle der öffentlichen Hand. Hinweise an Ämter versanden, ein Schweigekartell scheint ausschließlich bemüht, die Wirklichkeit vor der Wahrnehmung abzuschotten.

In „Feinde“ gelingt das nicht. Saygin lässt hier Flüchtlingshelfer und Polizei, Schlepper, Bandenchefs und Beschwichtiger hart aufeinanderkrachen. Der Polizist Can wird aussortiert, seine Ex-Freundin, die Sozialarbeiterin Marie, ermordet, seine eigentlich so aufrechte Kollegin Simone erpresst. Ganz im Stile eines US-Hardcore-Thrillers startet Can zu einer verzweifelten Expedition ins Herz des Bösen. Als Heimkehrer verkleidet, macht er sich undercover auf den Weg nach Stolipinovo, dem größten Roma-Ghetto Bulgariens. Can will die Wahrheit und er will Beweise, die Mächtigen aber wollen weitermachen wie bisher. Wer da siegt, hat lange nicht gewonnen.

Samstag, 12. Januar 2019

Wo Einstein irrte: Von spukhafter Fernwirkung


Albert Einstein veröffentlichte 1905 die spezielle Relativitätstheorie und revolutionierte die gesamte Physik - für viele eine harte Nuss. Ein weiterer Versuch populärer Erklärung.

Albert Einstein ahnte nur, dass es jenseits der Physik noch etwas geben muss. Heute gilt die Quantenphysik als letzter Stand der Wissenschaft - verstehen aber kann sie nur, wer sie sich von kundigen Männern wie Anton Zeilinger erklären lässt. Ein ganz klein wenig Hexerei ist dabei. Stellen wir uns Folgendes vor: Zwei Photonen, also Lichtteilchen, die mit Hilfe eines Lasers und eines Prismas im Labor miteinander "verschränkt" wurden - in einfachen Worten. Diese Photonen sind winzig klein, man kann sie nicht sehen, man weiß nur, dass sie da sein müssen. Und weil sie da sind, weiß man, dass eines von ihnen die bestimmte Eigenschaft A hat, während das andere die bestimmte Eigenschaft B in sich trägt. Welche Eigenschaft das eine hat, hängt ganz davon ab, welche im anderen enthalten ist. 


Zu kompliziert? Schwer verständlich? Das fand Einstein auch. Also machen wir es doch gleich noch ein bisschen schwieriger: Keines der beiden verschränkten Teilchen kennt seine eigene Eigenschaft. Denn die wird erst festgelegt, wenn ein Beobachter von außen sie zu ergründen versucht - wie zwei Würfel mit nur zwei Buchstaben, die erst eine Zahl zeigen, wenn sie geworfen worden sind. Dann aber, und das ist wirklich wahr, entscheidet sich nicht nur das eine Quant für Eigenschaft A oder B. Sondern ganz automatisch auch das andere - hat ein Würfel das "A", zeigt der andere das "B" und umgekehrt. Und nun halten wir uns mal fest, denn was jetzt kommt, ist mehr als nur ein bisschen Hexerei: Dabei ist völlig egal, welcher Abstand zwischen beiden Teilchen liegt. Und gleichgültig, dass es keinerlei Verbindung zwischen ihnen gibt. 


Albert Einstein nannte das einst "spukhafter Fernwirkung" und er hatte ernsthafte Zweifel daran, ob er eine Welt akzeptieren könne, in der Wirkungen ohne Ursachen möglich sein sollen. Was heute als einer der Grundlehrsätze der Quantenmechanik gilt, war Einstein ein rotes Tuch. Schließlich hatte er doch die Lichtgeschwindigkeit als theoretisch höchstes Tempo überhaupt mathematisch nachgewiesen. Und die verschränkten Photonen kümmerte das überhaupt nicht! Sie "beamten" sich offenbar Informationen in Null-Zeit, also ohne jede Verzögerung zu, und das ohne Verbindung miteinander. 


Irgendwo, vermutete der Vater der Relativitätstheorie, müsse da noch etwas sein, das alles erkläre. Bis Niels Bohr, auch er ein großer Physiker, ihm eines Tages entgegenschleuderte: "Hören Sie endlich auf, dem Herrgott Vorschriften zu machen, wie er die Welt gestaltet." 

Und im Bauplan des Kosmos ist Einsteins "spukhafte Fernwirkung" nun mal ein Fakt, wie der Wiener Physik-Professor Anton Zeilinger auf einer eben erschienenen Doppel-CD gleichen Namens ausführt. Die, als Teil einer populärwissenschaftlichen Hörbuch-Reihe im Kölner Supposé-Verlag erschienen, versucht, Leuten die Quantenphysik zu erklären, die bei dem Wort allein schon an langweilige Gleichungsketten und endloses Formelgewimmel denken. 


Ein Vorhaben, das Zeilinger, im vergangenen Jahr Leiter eines Aufsehen erregenden Experiments, bei dem es erstmals gelang, Lichtteilchen durch ein Glasfaserkabel unter der Donau hindurch zu beamen, mit Wiener Charme und nahezu ohne Fachausdrücke erledigt. Locker plaudernd beschreibt der 60-jährige Experimentalphysiker eine Welt, in der ganz andere Gesetze gelten als in unserem Alltag. Eine Welt ist dies, in der Dinge zugleich da und dort sein können und in der der Zufall kein Ergebnis von beeinflussbaren Faktoren, sondern reine, pure Willkür ist. 

Zeilinger, ein wuschliger Charakterkopf von Reinhold-Messner'schem Format, bemüht einprägsame Beispiele, um klarzumachen, was die Welt im Innersten zusammenhält. "Wenn ein Spiegel genau halb durchsichtig ist", beschreibt er, "geht die Hälfte des Lichtes hindurch und die andere Hälfte wird reflektiert." Soweit, so gut. Was aber geschieht mit einem einzelnen Photon, das auf den Spiegel trifft? Wird es zurückgeworfen? Oder durchgelassen? "Niemand weiß das", sagt Anton Zeilinger, "nicht einmal das Photon selbst." 


Und all unsere Wissenschaft kann daran nichts ändern. Einstein meinte einst, die Welt könne gar nicht so verrückt sein, wie uns die Quantenmechanik glauben machen will. "Heute aber wissen wir, die Welt ist so verrückt", zitiert Anton Zeilinger seinen amerikanischen Forscherkollegen Daniel Greenberger. Im Reich der Quanten können Teilchen an verschiedenen Orten zugleich sein, und auch die Regel, dass Dinge selbst dann existieren, wenn sie niemand sieht - wie die Sonne, die auch scheint, wenn keiner hinschaut -gilt nicht mehr. 


Das ist im ersten Moment verstörend. Männer wie Anton Zeilinger aber sehen vor allem "Die Schönheit der Quantenphysik" (CD-Untertitel) und die Fülle der neuen Möglichkeiten, die in Einsteins "spukhafter Fernwirkung" stecken. Schon hat Zeilingers Team so genannte Quantenzustände kilometerweit über die Dächer von Wien hinweg transportiert. Und schon basteln andere Forscher an Computern, die auf Quantenbasis funktionieren - dann stünde eine Revolution ins Haus, die alle bisherigen technischem Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte in den Schatten stellen wird. 


Nur das Beamen größerer Objekte oder gar ganzer Menschen bleibt wahrscheinlich für immer Science-Fiction: "Allein die Information über die Quantenzustände eines Menschen, die zum Beamen übertragen werden müssten, würden einen CD-Stapel von 1 000 Lichtjahren Länge füllen", weiß Zeilinger. Ein Lichtjahr sind knapp 10 Billionen Kilometer - selbst mit bester Technik würde die Übertragung dieser Daten Ewigkeiten dauern. Der britische Quantencomputerexperte Samuel Braunstein hat das einmal gallig kommentiert: "Natürlich wäre es einfacher zu laufen."