Sonntag, 20. Dezember 2020

Wandern in die Vergangenheit: Von wegen sieben Brücken


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.


Vorige Folge: Hier

Der Mensch ist ein seltsames Tier. Er will immer das, was er nicht hat. Und wenn er es bekommt, ist er enttäuscht, marschiert aber weiter, wie Mike Peters von der Band The Alarm singt. Nach einem schönen und sonnigen Spaziergang entlang der Dämme von Hitzacker - schwer sind nur die 20 Kilogramm, die wir jeweils zu tragen haben - stolpern wir heute also in ein Dorf namens Neu-Darchau, direkt am Elbeufer. 


Schon der Name lässt vermuten, dass hier irgendwann einmal etwas passiert ist: Darchau liegt auf der Ostseite der Elbe, "Neu" heißt das hier, weil das mehr als 40 Jahre alte und das neue Darchau voneinander getrennt wurden, als die Elbe zur Grenze zwischen Ost und west wurde. Familien konnten danach nicht mehr zusammenkommen, Brüder konnten einander nicht besuchen, Kinder konnten ihre Eltern jahrzahntelang nicht sehen. Selbst wer von den DDR-Behörden eine Einreisegenehmigung erhielt, musste lange Umwege machen, um die wenigen Meter zum anderen Ufer zu überqueren. Zwischen Darchau im Osten und Neu-Darchau im Westen gab weder eine Brücke noch eine Fähre.

Düsterer Spaß in Neu-Darchau

30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR ist zumindest die Fähre da. Aber eine Brücke? Nein. Und das ist besonders merkwürdig, weil die Weltgeschichte sich ausgerechnet hier einen ziemlich düsteren Spaß erlaubt: Wenige Meter hinter Neu-Darchau, das im Landkreis Lüchow-Dannenberg liegt, beginnt der Landkreis Lüneburg, der sich bis Kriegsende bis hinüber auf die andere Elbseite erstreckte. Die Alliierten beschlossen aber der Einfachheit halber, auch hier eine Grenze in der Mitte des Flusses zu ziehen. Alle Niedersachsen, die im Osten lebten, wurden mit einem Federstrich DDR-Bürger. Wenn sie nicht so schnell wie möglich flüchteten.


Wenn man seinen Rucksack durch diese Landschaft aus alten Bäumen, weiten Wiesen und lächelnden Kühen schleppt, bekommt man nie eine Vorstellung davon, wie fürchterlich hier alles noch vor 40 Jahren gewesen sein muss. Erst nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung, erzählt Angelika, die in Neu-Darchau lebt, konnten Verwandte und Freunde wieder zusammenkommen. Und nach einer Bürgerentscheidung beschloss der Ostteil des Landkreises Lüneburg dann auch ganz schnell, sich wieder mit seinem früheren Westteil zusammenschließen zu wollen. Leider ohne direkte Verbindung: Außer zwei Fähren gibt es nichts bis nach Lüneburg. "Und deshalb führt für uns im Winter bei Eis und im Sommer bei Niedrigwasser keinen Weg hinüber".


Eine neue Brücke soll also schon lange gebaut werden, eigentlich vom ersten Tag der kleinen Wiedervereinigung an. Aber leider liegt der beste Ort dafür nicht im Landkreis Lüneburg, wie Hendrik beschreibt, der in Neu-Darchau lebt und ein entschiedener Brückenbefürworter ist. Sondern in Neu-Darchau, nebenan im Landkreis Lüchow-Dannenberg.  "Ich finde es gut", sagt Hendrik, "aber viele sehen das eben anders."

Je neuer, desto dagegener

Vor allem die vielen Flüchtlinge aus den Großstädten Hamburg und Hannover, die sich hier in den alten bundesdeutschen Tagen der Ruhe in der ehemaligen Grenzregion angesiedelt haben, möchten lieber am Ende einer Sackgasse weiterleben. "Dass die Bauern zur Ernte dorthin hinüber müssen, interessiert die ebensowenig wie die Probleme der Menschen, die zu Niedersachsen gehören, dort aber im Osten völlig abgeschnitten sind", schimpft Hendrik.


Deshalb hängen überall in der Stadt Plakate. Keine Brücke! Ja zur Brücke! Seit Jahren gibt es Streit, denn die Zeiten sind vorbei, in denen, wie vor 30 Jahren in Dömitz, Sehnsucht und Entschlossenheit innerhalb von nur zwei Jahren aus dem Nichts eine riesige Brücke entstehen ließen. Heute braucht es unendlich viel Zeit, unendlich viele Auseinandersetzungen, Streit und Zwietracht. Und am Ende wird doch nicht gebaut, Jahr um Jahr.

Also nehmen wir wie alle die Fähre, die hier "Tanja"  heißt, und es dauert fünf Minuten, um den Fluss zu überqueren. Auf der anderen Seite sind wir wieder im ehemaligen Osten, in einem Stück der ehemaligen DDR, das aber jetzt zu Niedersachsen gehört. 

Westen im Ostens., Brüder ohne Brücke. Was für ein verrückter Weg.

Englische Vesion: Here





Sonntag, 6. Dezember 2020

Iron Curtain Trail: In den goldenen Westen


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land. 
Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen. 




Ja, das muss der goldene Westen sein. Aber leider sieht das Gras auf der anderen Seite der Elbe das Gras nicht grüner aus als im Osten. Wir sind auf dem Weg nach Hitzacker und wir befinden uns mitten in einem Gebiet, das berühmt ist für Atommüll, jahrzehntelange Proteste gegen Atommüll und riesige Polizeiaktionen gegen diese Proteste. Ein gelbes "X" auf vielen Zäunen erinnert an diese Zeit der Angst und der Wut, aber das ist heute alles. 


Gorleben, die wenige Kilometer entfernte Atommülldeponie, ist keine große Aufregung mehr. Nirgendwo gibt es große Aufregung. Das hier ist de Lüchower Landgrabenniederung, ganz altes Grenzland. Mittendurch verlaufen von Menschen festgelegte künstliche Linien, die sich historisch immer wieder veränderten. Die Niederungen sind nass und feucht, oft orienteren sich die Grenzverläufe deshalb entlang diesen geograpfisch vorgegebenen Linien. Nur an wenigen Stellen findet sich eine gefahrlose Furt durch die sumpfige Landschaft, so dass schon im Mittelalter beim Handel über Grenzen hinweg darauf geachtet wurde, vernünftige Trennungen zu ziehen, an denen sich Wege, später aber auch Straßen- und Eisenbahngleise orientierten. 


Erst mit der Teilung Deutschlands wurde die Landgrabenniederung richtig zerschnitten. Durch Flucht und Vertreibung nach dem ll.Weltkrieg verdoppelte sich die Einwohnerzahl in den ländlichen Gebieten beiderseits der Grenze nahezu, in den ersten Nachkriegsjahren blieb aber trotz der neugezogenen Grenze auch die Verbindung zwischen Ost und West erhalten. Die sumpfigen Waldgebiete waren schwer zu kontrollleren und es blühte lange Zeit der Schmuggel in beide Richtungen. Erst später, als drüben der große Zaun gebaut wurde, änderte sich alles, wie uns Walter erzählt, der direkt am Damm auf der Westseite wohnt.


"Eines Nachts wurde ich wach, weil es ganz hell im Zimmer war", sagt er, "und wie aus dem Fenster gucke, sehe ich, dass da drüben eine riesige Baustelle ist." Mit großen scheinwerfern beleuchtete das Grenzkommando den Damm, große Baufahrzeuge errichteten Pfäle und Zaunfelder. Für die andere Seite interessant anzuschauen, für den Osten die totale Abschottung. 


Zwar gibt es in Niedersachsen Schafe und Muttertiere und Füchse, Schlangen, Kühe und Hunde, aber die 20 Kilometer zwischen Dömitz und Hitzacker sind eine lange, ruhige Strecke ohne Berge, Hügel, Wälder oder sonst etwas Aufregendes. Die Radfahrer vermeiden es, hier entlang zu fahren, weil der Radweg hinter der Staumauer verläuft, so dass man nichts sieht, außer grasenden Schafen in der endlosen Schleife, die sich der Weg entlang des Flusses schlängelt.  


Gut für uns Wanderer, denn wir können die frische Luft mit all diesen landwirtschaftlichen Gerüchen einatmen. ein bisschen Kuh, ein bisschen Biogas, ein bisschen tote Schafe. Der goldene Westen riecht wie ein Bauernhof. Und er sieht auch so aus. Nach einem Tag auf einer "langen und kurvenreichen Straße", wie die Beatles gesungen haben, erreichen wir unser Ziel, ein ganz besonderes Lager mit winzig kleinen Holzschuppen namens "Destinature Camp". In den Vororten von Hitzacker, einer Stadt mit fast 5.000 Einwohnern an der Mündung der Jeetzel in die Elbe, haben ein paar Jungunternehmer 18 komfortable kleine Häuslen auf eine Wiese gestellt. Ein paar sind gemütliche Holzhütten, ein paar mobile Einzelbetten mit Zeltdach, so dass man entweder den nächtlichen Sternenhimmel betrachten oder sich eine gemütliche Koje schaffen kann.


Alles - von den Hütten bis zur gemütlichen Bettwäsche - ist aus nachhaltigen Materialien hergestellt und ein Bio-Bistro am Dorfeingang versorgt Sie mit Speisen und Getränken von regionalen Lieferanten. Hier gibt es Kamine, Saunahütten und Whirlpools mit Holzfeuer, und das ganze Dorf bezieht Strom und warmes Wasser aus erneuerbaren Energien - wir befinden uns hier im so genannten Wendtland, einer Gegend, die für ihre Sehnsucht nach Natürlichkeit und Nachhaltigkeit bekannt ist.  All das finden Sie hier, Ruhe für die Füße, Ruhe für den müden Kopf und eine warme Dusche mit französischer Seife. 

Englische Version: Hier



Mittwoch, 25. November 2020

Trekking an der Grenze: Auf Keksen aus Beton


Wir lassen Kietz hinter uns, einen kleinen Flecken direkt am Elbufer, über dem Reiher und Falken kreisen. Von hier aus ist es nur ein kurzer Fußweg von zehn Kilometern bis Dömitz, der nächsten und einzigen größeren Stadt in dieser Gegend: Der gesamte Weg verläuft entlang des Elbdamms, immer obendrauf, immer belagert von Radfahrern. Rechts unten sind die Betonkekse zu sehen, die allerletzten Überreste der ehemaligen Grenzlinie zwischen Ost und West. Ausnahmsweise kann man hier auf dem Damm wandern, wo ein Betonweg ohne Löcher das Gehen erleichtert. Wir sind in Brandenburg, in Sachsen-Anhalt wäre das verboten. 


Die Betonkeske rechterhand erzählen eine ganz eigne Geschichte, wie uns ein alter Mann an einem Ort namens Unbesandten aufklärt. Wegen des Mangels an Beton machen sich die DDR-Ingenieure Gedanken darüber, wie man beim Pflastern der endlosen Grenzlinie Beton einsparen könnte.  1.400 Kilometer mussten für die Grenzsoldaten befahrbar gemacht werden - dazu wurden zehntausende Tonnen Beton benötigt, Beton, den die bettelarme DDR eigentlich gar nicht hatte. Eines Tages kam also ein Mann auf die Idee, Löcher in die Gehwegplatten zu pressen. Dadurch werden zehn bis fünfzehn Prozent des Zements eingespart. Bestimmt hat er dafür einen Aktivisten-Orden bekommen, in jedem Fall aber Spuren für die nächste Ewigkeit hinterlassen.


Dömitz, die Stadt direkt am Elbufer, wohin wir unser mörderisches Gewicht heute tragen, hat seine Brücke zum Westen am Ende des Zweiten Weltkrieges verloren, als alliierte Bomberpiloten den östlichen Teil der Brücke trafen. Die DDR-Behörden fanden das toll, denn damit war der Weg hinüber zum Klassenfeind effektiv geschlossen. Sie versuchten auch nie in ihren 40 Jahren, die Brücke wieder aufzubauen. Ganz im Gegenteil: Das Stück, das noch stand, sprengten sie. Übrig blieb nur ein Stück Gerippe am anderen Ufer, das bis heute mahnt.


Die komplette Stadt mit 3.000 Einwohnern lag danach in einem "Sperrgebiet". Niemand hatte das Recht, ein- oder auszugehen, ohne einen Passierschein, eine Anmeldung und eine Genehmigung. Unterwegs kommen wir durch Orte, in denen seit Jahren niemand mehr lebt, nur Tiere wie Falken, Bussarde, Füchse, Luchse und Spatzen. Die Vögel fliegen über uns hinweg, ein Reiher schaut neugierig aus dem Wasser zu den beiden Irren mit den riesigen Rucksäcken. Das kleine Dorf Rüterberg zum Beispiel ist in den Jahren der Absperrung vollkommen aus der Welt verschwunden: Die Grenztruppen errichteten einen Zaun nicht nur zwischen den Häusern und der Elbe, sondern auch zwischen der Landseite und dem Rest des Landes. In der Nacht konnte niemand kommen oder gehen, auch nicht, wer in einem der verbliebenen Häuser wohnte, denn es gab keine Zaunwache, die das Tor hätte öffnen können. 


Bizarr, aber normal wie der Name Dömitz in der Antike. "Festung Dömitz" nannten die Nazis die Stadt, die heute ein freundliches Gemeinwesen mit einem riesigen Museum in der alten Festung ist, die aus den gleichen roten Ziegelsteinen gebaut ist wie die berühmte Malbork in Polen. Eine Ausstellung im Inneren zeigt, wie oft die Herrscher der Stadt am Fluss wechselten und wie viele Schlachten sie schlugen, um Könige dieses kleinen Ortes zu werden, an dem der berühmte Lyriker Fritz Reuter im 18. Jahrhundert eine Gefängnisstrafe wegen nationalistischer Betätigung absitzen musste.


Der Weg zur Ostsee ist nur wenige Schritte von der Festung entfernt. Er verläuft nach Norden, aber wir gehen erstmal nach Westen und dazu müssen wir "auf die andere Seite durchbrechen", wie Jim Morrison von The Doors gesungen hat. Das geht einfach, denn seit 1992 gibt es eine neue Brücke für Autos und Fahrräder und Wanderer: Nach dem Fall der Mauer ist es den Menschen hier wirklich gelungen, in nur zwei Jahren eine riesige und völlig neue Brücke zu bauen, die seither Ost und West verbindet. Ein Wunder in einem Land, das normalerweise zehnmal so lange braucht, um nur die Bauunterlagen zu malen und die Hamster am Ufer zu zählen. 


Aber damals war die Sehnsucht groß und die Menschen stellen nicht viele Fragen. Drüben, auf der Westseite, ist alles völlig anders als im Osten. Es gibt keine Radfahrer, keine Kaffeehäuser und keine Touristen sind zwischen Hitzacker und Neu-Darchau. Die Straßen sind leer, die Wanderwege sind zugewachsen. Wer in dieser Gegend Urlaub macht, der tut es östlich von hier.

Wir sehen Stunde um Stunde niemanden, aber das ist ja genau das, was wir uns gewünscht haben.


Sonntag, 15. November 2020

Entlang der Elbe: Wo Deutschland einst zwei Enden hatte

Die nächste Grenze, die wir zu überqueren haben, ist die Elbe, die einzige große Wasserscheide zwischen dem Westen und dem Osten auf unserer Wanderung. In der Nähe gibt es keine Brücke, sondern seit Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch eine Fährverbindung zwischen Schnackenburg und Lütkenwisch. 1945 stoppten die sowjetischen Truppen den Fährverkehr gewaltsam - danach gab es keinen Weg mehr auf die andere Seite, weil die innerdeutsche Grenze mitten im Fluss verlief, heute ein blauer Wasserstrom unter einer grellen Sonne zwischen grünen Ufern.
Angespornt durch die erfolgreiche Wiederzulassung benachbarter Fährverbindungen nach der Wende griff der Schnackenburger Klaus Reineke 1991 tief in die Tasche und kaufte in Holland eine alte Fähre auf. Die Elbe sollte wieder verbinden, nicht mehr trenne. Seit dem 7. September 1991 verbindet die Fähre "Ilka" also, was zusammen gehört. 

Der Elbe-Pionier


Das verrückte Idee kostete Reinecke in den ersten Monaten seine ganze Kraft. Er fuhr alle Touren selbst und erlebte dabei unzählige emotionale Momente: Menschen fielen sich gegenseitig um den Hals und wollten nicht mehr loslassen. An der Anlegestelle der Schnackenburger Fähre erinnert bis heute ein nicht zu übersehendes Zeichen an die Aufhebung der unmenschlichen Trennung eines Kontinents.
Die Ilka läuft bis heute normal, und mit etwas Glück findet man Klaus Reineke, seit 2004 im Ruhestand, in den Sommermonaten Aushilfe am Steuer. Aber nicht in diesem Sommer, denn die Ilka ist außer Betrieb. Also müssen wir zu Fuß nach Gartow laufen, einer kleinen Stadt ein paar Kilometer entfernt. Gartow hat auch eine Fähre, die unter dem Namen "Westprignitz" von Lenzen nach Pevestorf fährt. Sie ist sehr klein und braucht nur wenige Minuten zum Umsteigen. 

Kolonnenweg auf der Ostseite


Auf der anderen Seite sind wir wieder auf der Strecke: Der Kolonnenweg verläuft jetzt entlang des Elbedamms. Das erste Zeichen der Geschichte ist ein Wachturm direkt an der Grenze, der die Landschaft, den breiten Fluss und die flache Erde ringsum überblickt. Zum ersten Mal begegneten wir den Radfahrern, die zu Hunderten den Elberadweg entlang fahren. Für sie ist er eine Art Autobahn mit schönen Aussichtspunkten, einigen Kaffeehäusern und schön renovierten Häusern, die nicht mehr an die schlechten Zeiten erinnern, als hier der Eiserne Vorhang verlief und niemand zu nahe an den Fluss herankommen durfte.
Zweimal im Laufe der Jahre wurden alle Menschen, die hier lebten, brutal evakuiert und weggebracht, um die Grenze sicher zu machen. Nur sehr zuverlässige Bürger durften bleiben. Peter, ein älterer Mann, erzählt uns, dass er hier als Landwirt gearbeitet hat. "Jedes Mal, wenn ich in das Sperrgebiet gehen musste, um auf die Kühe aufzupassen, saß ein Soldat mit seiner Waffe im Auto hinter mir, um sicherzustellen, dass ich nicht abhaue." 

40 Jahre unerreichbar


Das historische Stadtzentrum von Lenzen liegt nur 1,5 km nordöstlich entfernt. Es war fast 40 Jahre lang unerreichbar. Mit seiner ersten Erwähnung im Jahre 929 ist Lenzen der Ort mit der ältesten dokumentierten Geschichte in der gesamten Prignitz. Hinter Bäumen versteckt, lässt sich die Silhouette der Burg Lenzen erahnen. Vor tausend Jahren bauten die Slawen hier eine hölzerne Wehrburg. Auf der gegenüberliegenden Elbseite erhob sich damals wie heute der Höhenrücken des Höhbecks, auf dem König Karl der Große im späten 8. Jahrhundert ein Kastell errichten ließ, um die Grenze gegen die Slawen zu sichern.
Es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass dieser Landstrich, der so eine lange gemeinsame Geschichte hat, für Jahrzehnte in zwei Hälften geteilt wurde. Man sieht heute nur noch die friedliche Landschaft, die Radfahrer und den breit dahinrollenden Fluss zwischen dem tiefen Grün der Ufer und den seichten Sandstränden. Die berühmte Eiseiche bei Mödlitz ist die nächste Landmarke, an der wir vorbeikommen. Sie hat all dies gesehen. Und sie hat überlebt wie die Menschen, die jetzt wieder hier leben, wo Deutschland einst zwei Enden hatte. Englische Version