Mittwoch, 25. November 2020

Trekking an der Grenze: Auf Keksen aus Beton


Wir lassen Kietz hinter uns, einen kleinen Flecken direkt am Elbufer, über dem Reiher und Falken kreisen. Von hier aus ist es nur ein kurzer Fußweg von zehn Kilometern bis Dömitz, der nächsten und einzigen größeren Stadt in dieser Gegend: Der gesamte Weg verläuft entlang des Elbdamms, immer obendrauf, immer belagert von Radfahrern. Rechts unten sind die Betonkekse zu sehen, die allerletzten Überreste der ehemaligen Grenzlinie zwischen Ost und West. Ausnahmsweise kann man hier auf dem Damm wandern, wo ein Betonweg ohne Löcher das Gehen erleichtert. Wir sind in Brandenburg, in Sachsen-Anhalt wäre das verboten. 


Die Betonkeske rechterhand erzählen eine ganz eigne Geschichte, wie uns ein alter Mann an einem Ort namens Unbesandten aufklärt. Wegen des Mangels an Beton machen sich die DDR-Ingenieure Gedanken darüber, wie man beim Pflastern der endlosen Grenzlinie Beton einsparen könnte.  1.400 Kilometer mussten für die Grenzsoldaten befahrbar gemacht werden - dazu wurden zehntausende Tonnen Beton benötigt, Beton, den die bettelarme DDR eigentlich gar nicht hatte. Eines Tages kam also ein Mann auf die Idee, Löcher in die Gehwegplatten zu pressen. Dadurch werden zehn bis fünfzehn Prozent des Zements eingespart. Bestimmt hat er dafür einen Aktivisten-Orden bekommen, in jedem Fall aber Spuren für die nächste Ewigkeit hinterlassen.


Dömitz, die Stadt direkt am Elbufer, wohin wir unser mörderisches Gewicht heute tragen, hat seine Brücke zum Westen am Ende des Zweiten Weltkrieges verloren, als alliierte Bomberpiloten den östlichen Teil der Brücke trafen. Die DDR-Behörden fanden das toll, denn damit war der Weg hinüber zum Klassenfeind effektiv geschlossen. Sie versuchten auch nie in ihren 40 Jahren, die Brücke wieder aufzubauen. Ganz im Gegenteil: Das Stück, das noch stand, sprengten sie. Übrig blieb nur ein Stück Gerippe am anderen Ufer, das bis heute mahnt.


Die komplette Stadt mit 3.000 Einwohnern lag danach in einem "Sperrgebiet". Niemand hatte das Recht, ein- oder auszugehen, ohne einen Passierschein, eine Anmeldung und eine Genehmigung. Unterwegs kommen wir durch Orte, in denen seit Jahren niemand mehr lebt, nur Tiere wie Falken, Bussarde, Füchse, Luchse und Spatzen. Die Vögel fliegen über uns hinweg, ein Reiher schaut neugierig aus dem Wasser zu den beiden Irren mit den riesigen Rucksäcken. Das kleine Dorf Rüterberg zum Beispiel ist in den Jahren der Absperrung vollkommen aus der Welt verschwunden: Die Grenztruppen errichteten einen Zaun nicht nur zwischen den Häusern und der Elbe, sondern auch zwischen der Landseite und dem Rest des Landes. In der Nacht konnte niemand kommen oder gehen, auch nicht, wer in einem der verbliebenen Häuser wohnte, denn es gab keine Zaunwache, die das Tor hätte öffnen können. 


Bizarr, aber normal wie der Name Dömitz in der Antike. "Festung Dömitz" nannten die Nazis die Stadt, die heute ein freundliches Gemeinwesen mit einem riesigen Museum in der alten Festung ist, die aus den gleichen roten Ziegelsteinen gebaut ist wie die berühmte Malbork in Polen. Eine Ausstellung im Inneren zeigt, wie oft die Herrscher der Stadt am Fluss wechselten und wie viele Schlachten sie schlugen, um Könige dieses kleinen Ortes zu werden, an dem der berühmte Lyriker Fritz Reuter im 18. Jahrhundert eine Gefängnisstrafe wegen nationalistischer Betätigung absitzen musste.


Der Weg zur Ostsee ist nur wenige Schritte von der Festung entfernt. Er verläuft nach Norden, aber wir gehen erstmal nach Westen und dazu müssen wir "auf die andere Seite durchbrechen", wie Jim Morrison von The Doors gesungen hat. Das geht einfach, denn seit 1992 gibt es eine neue Brücke für Autos und Fahrräder und Wanderer: Nach dem Fall der Mauer ist es den Menschen hier wirklich gelungen, in nur zwei Jahren eine riesige und völlig neue Brücke zu bauen, die seither Ost und West verbindet. Ein Wunder in einem Land, das normalerweise zehnmal so lange braucht, um nur die Bauunterlagen zu malen und die Hamster am Ufer zu zählen. 


Aber damals war die Sehnsucht groß und die Menschen stellen nicht viele Fragen. Drüben, auf der Westseite, ist alles völlig anders als im Osten. Es gibt keine Radfahrer, keine Kaffeehäuser und keine Touristen sind zwischen Hitzacker und Neu-Darchau. Die Straßen sind leer, die Wanderwege sind zugewachsen. Wer in dieser Gegend Urlaub macht, der tut es östlich von hier.

Wir sehen Stunde um Stunde niemanden, aber das ist ja genau das, was wir uns gewünscht haben.


Sonntag, 15. November 2020

Entlang der Elbe: Wo Deutschland einst zwei Enden hatte

Die nächste Grenze, die wir zu überqueren haben, ist die Elbe, die einzige große Wasserscheide zwischen dem Westen und dem Osten auf unserer Wanderung. In der Nähe gibt es keine Brücke, sondern seit Anfang des 17. Jahrhunderts nur noch eine Fährverbindung zwischen Schnackenburg und Lütkenwisch. 1945 stoppten die sowjetischen Truppen den Fährverkehr gewaltsam - danach gab es keinen Weg mehr auf die andere Seite, weil die innerdeutsche Grenze mitten im Fluss verlief, heute ein blauer Wasserstrom unter einer grellen Sonne zwischen grünen Ufern.
Angespornt durch die erfolgreiche Wiederzulassung benachbarter Fährverbindungen nach der Wende griff der Schnackenburger Klaus Reineke 1991 tief in die Tasche und kaufte in Holland eine alte Fähre auf. Die Elbe sollte wieder verbinden, nicht mehr trenne. Seit dem 7. September 1991 verbindet die Fähre "Ilka" also, was zusammen gehört. 

Der Elbe-Pionier


Das verrückte Idee kostete Reinecke in den ersten Monaten seine ganze Kraft. Er fuhr alle Touren selbst und erlebte dabei unzählige emotionale Momente: Menschen fielen sich gegenseitig um den Hals und wollten nicht mehr loslassen. An der Anlegestelle der Schnackenburger Fähre erinnert bis heute ein nicht zu übersehendes Zeichen an die Aufhebung der unmenschlichen Trennung eines Kontinents.
Die Ilka läuft bis heute normal, und mit etwas Glück findet man Klaus Reineke, seit 2004 im Ruhestand, in den Sommermonaten Aushilfe am Steuer. Aber nicht in diesem Sommer, denn die Ilka ist außer Betrieb. Also müssen wir zu Fuß nach Gartow laufen, einer kleinen Stadt ein paar Kilometer entfernt. Gartow hat auch eine Fähre, die unter dem Namen "Westprignitz" von Lenzen nach Pevestorf fährt. Sie ist sehr klein und braucht nur wenige Minuten zum Umsteigen. 

Kolonnenweg auf der Ostseite


Auf der anderen Seite sind wir wieder auf der Strecke: Der Kolonnenweg verläuft jetzt entlang des Elbedamms. Das erste Zeichen der Geschichte ist ein Wachturm direkt an der Grenze, der die Landschaft, den breiten Fluss und die flache Erde ringsum überblickt. Zum ersten Mal begegneten wir den Radfahrern, die zu Hunderten den Elberadweg entlang fahren. Für sie ist er eine Art Autobahn mit schönen Aussichtspunkten, einigen Kaffeehäusern und schön renovierten Häusern, die nicht mehr an die schlechten Zeiten erinnern, als hier der Eiserne Vorhang verlief und niemand zu nahe an den Fluss herankommen durfte.
Zweimal im Laufe der Jahre wurden alle Menschen, die hier lebten, brutal evakuiert und weggebracht, um die Grenze sicher zu machen. Nur sehr zuverlässige Bürger durften bleiben. Peter, ein älterer Mann, erzählt uns, dass er hier als Landwirt gearbeitet hat. "Jedes Mal, wenn ich in das Sperrgebiet gehen musste, um auf die Kühe aufzupassen, saß ein Soldat mit seiner Waffe im Auto hinter mir, um sicherzustellen, dass ich nicht abhaue." 

40 Jahre unerreichbar


Das historische Stadtzentrum von Lenzen liegt nur 1,5 km nordöstlich entfernt. Es war fast 40 Jahre lang unerreichbar. Mit seiner ersten Erwähnung im Jahre 929 ist Lenzen der Ort mit der ältesten dokumentierten Geschichte in der gesamten Prignitz. Hinter Bäumen versteckt, lässt sich die Silhouette der Burg Lenzen erahnen. Vor tausend Jahren bauten die Slawen hier eine hölzerne Wehrburg. Auf der gegenüberliegenden Elbseite erhob sich damals wie heute der Höhenrücken des Höhbecks, auf dem König Karl der Große im späten 8. Jahrhundert ein Kastell errichten ließ, um die Grenze gegen die Slawen zu sichern.
Es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass dieser Landstrich, der so eine lange gemeinsame Geschichte hat, für Jahrzehnte in zwei Hälften geteilt wurde. Man sieht heute nur noch die friedliche Landschaft, die Radfahrer und den breit dahinrollenden Fluss zwischen dem tiefen Grün der Ufer und den seichten Sandstränden. Die berühmte Eiseiche bei Mödlitz ist die nächste Landmarke, an der wir vorbeikommen. Sie hat all dies gesehen. Und sie hat überlebt wie die Menschen, die jetzt wieder hier leben, wo Deutschland einst zwei Enden hatte. Englische Version

Samstag, 31. Oktober 2020

Wandern auf dem Kolonnenweg: Im Apfelhain der Grenzsoldaten


Es ist ein feuchtes Erwachen mitten im Nirgendwo. Seit drei Uhr morgens regnet es heftig über dem ehemaligen Todesstreifen am Rande der "Planken und Schlettauer Post", wo unser Zelt mitten im Niemandsland des Kalten Krieges steht. Heute ist das hier ein sehr friedlicher Ort. Zwischen den beiden Gräben, die von den Grenzbefestigungen übrig geblieben sind, mit denen das kommunistische DDR-Regime seine Bürger an der Flucht in den Westen hindern wollte, lebt nur noch Mutter Natur. Selbst die Wassergräben sind normalerweise am Ende des Sommers trocken. Doch heute bringt der Regen das Wasser zurück. Der Todesstreifen wird wieder zum Gefängnis, das Zelt wird nass und wir können uns erst mittags hinauswagen. 



Der Weg, den wir gehen müssen, ist auch ein rutschiges und schlammiges Abenteuer. Der Kolonnenweg führt heute durch tiefe und dunkle Wälder, die "Betonkekse", wie die Wegplatten genannt werden, gehen manchmal verloren, und wir müssen den historischen Postenweg mühsam wiederfinden. Einige der Wegweiser sind hier sehr speziell: Auf einmal tauchen tief im Mischwald einige echte Apfelbäume auf, die hier garantiert nicht hergehören. 



Ein Rätsel - aber mit einer sehr einfachen Erklärung. Vor Jahren im Kalten Krieg nahmen die Soldaten und Grenzsoldaten während ihrer Wachschicht immer Äpfel als Proviant mit. Sie aßen sie und warfen die Reste in den Wald. Ein guter Ort zum Wachsen. Heute ist aus den Griebschen ein Apfelhain gewachsen, an einer Stelle, an der seit der letzten Eiszeit nie ein Apfelbaum stand. Die Bäume haben nicht nur die Zeiten des Todes überlebt, sie verdanken ihnen auch ihr Leben.
   


Das sind die Geschichten, die man an keinem anderen Ort findet. Auch wenn die Spuren der ehemaligen Grenze oft nur noch zu erahnen sind, so finden sich in der Landschaft doch noch zahlreiche Hinterlassenschaften der Ereignisse, die sich hier bis vor 30 Jahren abgespielt haben. So haben sich viele Grenzsoldaten während der langen und offenbar unendlich langweiligen Stunden ihres Wachdienstes in der Rinde der Bäumen verewigt. Oft gibt es Listen der verbleibenden Diensttage, die in die Baumrinde geritzt wurden. Die Buchstaben "EK", die bis heute nicht nur Bäume, sondern auch Betonteile schmücken, zeigen, dass die Entlassungskandidaten die Hoffnung nie aufgegeben haben, denverhassten Grenzdienst zu verlassen, obwohl ihre Offiziere den Brauch hart bekämpften. 



Eine Tragödie aus dieser Zeit zeigt eine Landmarke mit einem Rest des ehemaligen Grenzzauns: Rainer Burgis, ein Bürger aus dem Örtchen Ritzleben in der Altmark, wurde hier 1978 bei einem Fluchtversuch getötet. Der junge Mann war erst 20 Jahre alt, sein Grab auf dem Friedhof von Stappenbeck existiert heute nicht mehr. Übrig geblieben von seinem Leben ist nur eine kleine Tafel an einem Stück Grenzzaun, der als Denkmal für die wenigen Wanderer dient, die hier vorüberkommen. Was in Burgis' Todesnacht geschah, ist unbekannt, sein Kamerad Wilfried Senkel überlebte das Drama, aber seine Spuren verlieren sich mit der Zeit.



Hat er es nach drüben geschafft? Wurde er erwischt und musste ins Gefängnis? Wie hunderte andere Flüchtlinge, die von den ostdeutschen Grenztruppen festgenommen und den Gerichten übergeben wurden. Hat ihn der Westen  freigekauft? Dann hätte er mehr Glück gehabt als Harry Weltzin, ein anderer junger Mann, an den ein Stück weiter des Weges ein Schild erinnert. Weltzin wurde am 4. September 1983 beim Versuch,  die Grenze zu überqueren, durch eine automatische Schusseinrichtung am Zaun getötet. Dort, wo er starb, scheint nun die Sonne auf einen Ort der Trauer. Niemand wandert hier außer uns. Der Kolonnenweg, der als "Grünes Band" vermarktet wird wie ein weltlicher Jacobsweg, ist leer wie die Wälder, die Wiesen und das gesamte Grenzland. Der ehemalige Todesstreifen schweigt.

Der Text auf Englisch.



Samstag, 24. Oktober 2020

Wandern am Eisernen Vorhang: Eine Nacht in der Todeszone


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Der Grenzwanderweg  ist 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land. 
Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten und was passiert, wenn man auf dem Plattenweg wandert, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft reden. Hier Teil der Reisebeschreibung, wird fortgesetzt.


Das kleine Dorf Klein Chüden liegt ein paar Kilometer nördlich der Kleinstadt Salzwedel und wir haben von Anfang an ein Problem: Wo ist dieses Grüne Band? Wo sollen wir den Einstieg finden, um die Wanderung über den legendären Grenzwanderweg bis zu unserem Ziel an der Ostsee überhaupt erstmal zu beginnen?

Da ist ein Graben, da ist eine Straße, da ist die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Und hinter einem kleinen Parkplatz mit weißem Kiesboden tauchen endlich die beiden Plattenspuren des Kolonnenweges auf. Breit genug für die Spurbreite eines Lastwagens, mit Löchern im Beton und einem grünen Grasstreifen in der Mitte. 




Es ist einer der letzten warmen Sommertage in Deutschland, als wir auf dem Weg in den Jarsauer Sack gehen, eine Schleife in der Grenze, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus seltsamen Gründen entstand. Die reguläre Grenzlinie zwischen der britischen und der russischen Zone hatte hier einem Bauern die Felder abgeschnitten. Also investierte er ein paar Flaschen Wodka, um die russischen Landvermesser davon zu überzeugen, die Linie entlang seines Ackerlandes neu zu ziehen.


Nicht so toll für Wanderer, denn der Weg hat sich aus diesem Grund verdoppelt. Aber die Natur hier ist beeindruckend. Gras und Kühe, Schafe und Bienen, Bäume und Zäune bis zum Horizont, ein klarer blauer Himmel und ein warmer Westwind. Der Weg ist leicht zu gehen, wir marschieren mit unseren Rucksäcken weiter - jeder wiegt 20 Kilogramm, und wir summen "The Weight" von The Band: "Take a load off, Fanny, take a load for free, take a load off, Fanny, and you put the load right on me".

Es ist wirklich hart, einen riesigen Rucksack mit diesem Gewicht über Stunden zu tragen. Man muss viel trinken - und wir müssen feststellen, dass wir mehr Wasser brauchen, um den Rest des Tages, die Nacht und den nächsten Morgen zu überstehen. Das verlängert den Weg noch einmal: Die Landschaft um den Jarsauer Wodkasack ist leer wie das Outback Australiens. Keine Dörfer, keine Häuser, kein Nichts. So müssen wir den Kolonnenweg kilometerweit verlassen, um in das kleine Dorf Schmarsau zu gelangen, dem einzigen Ort auf der Route, wo es im Biohofladen Düchting frisches Wasser gibt.


Wir sind der rosa Elefant im Garten des Biohofladens. Was machen Sie denn da? Wo gehen Sie denn hin? Und warum? Die Leute fragten das wegen unserer Riesenrucksäcke. Und sie warnen uns: Bei der Planken- und Schlettauer Post, wo wir abends ohne Erlaubnis unser Zelt aufschlagen wollen, leben vier Wolfsrudel. Danach beruhigen sie uns. Die Wölfe tun niemandem etwas zuleide. Sie haben selbst Angst vor uns.


Schön zu hören. Wir laufen weitere fünf Kilometer zurück zur ehemaligen Grenzlinie. Und dann gehen wir direkt in die ehemalige Todeszone, den 150 Meter breiten gerodeten Grasstreifen zwischen den beiden Stahlzäunen, der bis 1990 Fluchtversuche aus der DDR verhindern sollte. Jetzt ist es ein friedlicher Ort, ohne jede Spur der brutalen Geschichte. 


Die Sonne versinkt im Westen, die Wiese, auf der fast 30 Jahre lang Menschen gestorben sind, sieht aus wie jede normale Wiese in jedem normalen Wald. Wir bauen unser Zelt auf und blicken auf die lange kahle Schneise der vergessenen Brutalität.

Keine Wölfe um uns herum, nur die Wölfe der Erinnerung.


Englische Version: hier


Freitag, 9. Oktober 2020

Peißnitz-Nordspitze: Trockenasphalt für den Auenwald

Es ist das letzte Stück unbetonierten Bodens auf der Peißnitzinsel, ein naturbelassener Weg einmal rund um die Nordspitze der Insel, umgeben von der fast schon urwaldartigen Vegetation des letzten Stückes Auenwald in der Stadt Halle. Seit Jahren schon aber weckt ausgerechnet dieses verlorene Ende Waldweg Begehrlichkeiten: Im Zuge der aus der Fluthilfe finanzierten "Reparaturen" von allerlei echten und ausgedachten Hochwasserschäden rückte vor fünf Jahren auch der festgetretene Erdpfad im Auenwald ins Visier der Bauplaner. Für eine sechsstellige Summe sollte der bei Joggern, Spaziergängern und Radfahrern zu jeder Jahreszeit beliebte Rudnweg mit einer sogenannten wassergebundenen Decke versehen werden. es ging nicht schnell, aber es ging voran. Und nun ist es soweit. Demnächst sollen die Bautrupps anrücken.


Roter Schotter für den Auenwald, roter Schotter, der zwar nur ein paar Wochen leuchtend rot bleibt, um sich gleich anschließend in einen Belag zu verwandeln, der sich von dem naturbelassenen nicht unterscheidet, der den Nordspitzenweg seit jeher bei jedem Wetter gut begehbar hält. Doch die "Hochwasserschadenbeseitigung" ist nun mal beantragt. Und auch sieben Jahre nach der Flut von 2013, die auf der Nordspitze keinerlei sichtbare Schäden hinterlassen hat, wird nun saniert und trocken asphaltiert. 

Widerstand ist zwecklos, und doch gibt es ihn. Zu einer Protestlaufrunde empörter Jogger laden Plakate ein, die Unbekannte überall auf der Peißnitz aufgehängt haben. "Joggen gegen Schotterflechte", heißt es da. Der geplante Bau bedrohe 300 Jahre alte Baumwurzeln und zerstöre ein Stück intakte Natur - in einer Stadt, die seit Jahren grüner werden will.

Erfolgsaussichten Null, denn ein Stadtrat, der beschließt, einen seit Jahrhunderten unbefestigten Pfad, der bei Regen nass und bei Sonnenschein trocken ist, als sanierungsbedürftig einzustufen, ist von einem Protestlauf wohl so wenig zu beeindrucken wie von der Petition, für die der Werbung macht. Zuletzt hatte die Mehrheit des Planungsausschusses sich der Ansicht der Verwaltung angeschlossen, dass es sinnvoller sei, die für die "wassergebundene Decke mit tragfähigem Unterbau" beantragten Fluthilfegelder in Höhe von 288.000 Euro zu verbauen, auch wenn es Geldverschwendung sei. Immerhin habe die Stadt bereits rund 40.000 Euro für die Planungskosten ausgegeben - Geld, das verloren wäre, würde man nicht die restliche Viertelmillion noch hinterherwerfen, einfach, weil sie nun mal da ist. 

So bekommt der Auenwald nun nach Jahrhunderten festen Boden unter die Füße von Läufern und Spaziergängern, selbst wenn die "Verordnung der Bezirksregierung Halle über die Festsetzung des Naturschutzgebietes "Nordspitze Peißnitz" von 1993 ausdrücklich festlegt, dass es "zur Vermeidung von Gefährdungen und Störungen" ausdrücklich verboten ist, im Schutzgebiet "bauliche Anlagen" zu errichten.

Dort dagegen, wo es die schon seit Anfang der 70er Jahre gibt und nun repariert werden müsste, was wegen fehlender Pflege in Jahrzehnten zerstört wurde, passiert nichts. Der südwestliche Rundweg an der Wilden Saale, entlang des in Trümmern liegenden früheren Freizeit- und Erlebnisbereiches mit Mini-Golf, Schachtischen und Schachplatten, ist nicht zuletzt durch die Jahrhundertflut von 2013 so schwer beschädigt worden, dass von der früheren Wegbeleuchtung nur noch kahle Masten und Sicherungskästen und von der einstigen Wegeschotterung nur noch Reste erkennbar sind. 

Er liegt allerdings auch nicht in einem Naturschutzgebiet. 

Im Uhrzeigersinn: Weg, der Trockenasphalt braucht, Weg, der keinen Trockenasphalt braucht, Detailaufnahme von sanierungsbedürftigem Weg und nicht-asphaltierter Weg, der in Kürze befestigt werden soll.

Samstag, 3. Oktober 2020

Chi­le­ni­sches Metall: Hymnen für Victor Jara

James Dean Bradfield von der walisischen Rockband Manic Street Preachers widmet sein zweites Solo-Album dem singenden Revolutionshelden Victor Jara.

 

Der ursprüngliche Plan ist schon lange über den Haufen geworfen worden. Entgegen den eigenen Versprechungen, die damals, vor mehr als 30 Jahren, vorgesehen hatten, ein einziges Album einzuspielen, berühmt zu werden und dem Musikgeschäft danach sofort den Rücken zu kehren, ist James Dean Bradfield heute immer noch da. Der Sänger und Gitarrist der walisischen Rockband Manic Street Preachers ist inzwischen 51 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er ist berühmt, aber in Maßen. Er kann von der Musik leben, muss sich aber dafür nicht an Marktforderungen anpassen. Ganz im Gegenteil zu den von ihren Fans nur die Manics genannten Waliser, neben Bradfield noch Schlagzeuger Sean Moore und Bassist Nicky Wire, die stur die politische Band geblieben sind, die sie von Anfang an waren. Kompromisslos haben sie ihre Themen beackert und statt leichtgewichtigem Pop philosophische Songs wie "A Design for life" und "The Masses against the classes" geschrieben. 

Ihren größten Hit landeten sie mit "If You Tolerate This Your Children Will Be Next". Ein Lied, das vom spanischen Bürgerkrieg inspiriert wurde. Die letzten Polit-Rocker Bis zu "Resistance in futile", dem letzten Album, das zu deutsch "Widerstand ist zwecklos" heißt, machte sich das Trio mit niemandem gemein, mit keiner Szene, keinem Trend, keinem Sound. Stattdessen pflegten die drei Männer aus Monmouthshire ihr Anderssein: Texter Wire trägt Frauenkleider und bezeichnet Staubsaugen als sein Hobby. Drummer Moore bläst nebenbei Trompete. Und als die Gruppe mal Pause machte, produzierte Bradfield ein Soloalbum über die Eisenbahnlinie "The Great Western". 

Das ist fast ein Jahrzehnt her, ein Jahrzehnt, in dem Bradfields Stammband auch nur drei Alben produzierte - zwei weniger als in den beiden ersten Jahrzehnten der Manics. Immerhin aber hat James Dean Bradfield - der Name ist echt, ursprünglich hatte sein Vater den Stammhalter der Bradfields sogar "Clint Eastwood" nennen wollen - nun sein zweites Solowerk vorgelegt. Auch das ist natürlich nicht nur eine Sammlung von Liedern über Liebe, Leid und das restliche Leben, sondern ein Konzeptalbum, das wie eine Rockoper funktioniert. Bradfield, erklärter Sozialist und bekennender Politrocker, nimmt sich der Lebensgeschichte des chilenischen Liedermachers Victor Jara an. 

Die kennt jeder, der in der DDR zur Schule gegangen ist. Der Folksänger war ein nationales Symbol der Chilenen, er sang für die Regierung Salvatore Allende, und nach dem Putsch des Generals Augusto Pinochet wurde er verhaftet. Die Putschisten brachen ihm die Hände, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte, ehe sie ihn erschossen, weil er noch einmal die Revolutionshymne "Venceremos" angestimmt hatte. 

Stoff für DDR-Klassenzimmer, aber auch für die musikalische Geschichte in elf Kapiteln, die James Dean Bradfield auf "Even in Exile" mit Hilfe des Dichters Patrick Jones in Songs gepackt hat. Jones ist der Bruder von Manics-Bassist Nicky Wire. Er schreibt alle Texte der Band, seit Haupttexter Richey James Edwards vor 25 Jahren kurz vor Beginn einer USA-Tournee spurlos verschwand. Wie die Manic Street Preachers ist Patrick Jones ein bekennender Linker. In seinem Theaterstück "Everything Must Go" etwa erzählte er vom Niedergang der walisischen Minenindustrie, von menschlichen Tragödien und knallharten Profitinteressen. 

Aus dieser Sicht, die er mit Bradfield teilt, ist Jaras Schicksal eine Einladung: Allendes Chile, das nur drei kurze Jahre existierte, gilt bis heute als Sehnsuchtsort, an dem der Sozialismus ein menschliches Antlitz hatte, ehe ihn CIA und rechtsextreme Offiziere im Blutrausch ausradierten. Lage ernst, Kunst ebenso Als "The Boy from the Plantation", also den Jungen von der Plantage, stellt Bradfield Victor Jara eingangs vor. Landarbeitersohn, aufgezogen von der Mutter und erst mit Mitte 30 zum Liedermacher geworden. 

Klang Jara auf seinem ersten Hit "La beata" noch wie die Gebrüder Blattschuss auf Spanisch, lässt sein Bewunderer Bradfield keinen Zweifel daran, dass die Lage ernst und die Kunst ebenso gemeint ist. "There'll come a war" kündigt er an, ehe "Thirty Thousand Milk Bottles" die auch in der DDR viel erzählte Geschichte kostenloser Milch thematisiert, die Allendes Regierung allen Kindern in Chile zukommen ließ. Legenden, die das Leben schrieb - die aus fast 50 Jahren Abstand aber ferner wirken als der Mond. 

Er sei vom Gedanken fasziniert gewesen, dass ein Leben etwas über den Tod hinaus bedeute, hat James Dean Bradfield seine Motivation beschrieben, Jara ein musikalisches Denkmal zu setzen. Über ihn haben schon The Clash, die ostdeutsche Band Renft mit ihrem Song "Chilenisches Metall", U2 und die Simple Minds gesungen. Die Songs erinnern dabei natürlich an die von Bradfields Stammband, schon allein, weil die Stimme und die Gitarrensounds keinen Zweifel daran lassen, wer hier zugange ist.

Bis auf das Schlagzeug hat Bradfield "Even in Exile" allein eingespielt, inspiriert von Johnny Marr, Rush und John Cale, wie er selbst zugibt. Es gibt hier Instrumentals und ein Cover des Jara-Songs "La Pardida", die Ballade "From the hands of Violeta" und das orchestrale "Under the Mimosa Tree", das ein friedliches Familienessen unter einem Baum im Garten untermalt. Auf simple Parolen und politische Botschaften verzichtet Bradfield dagegen bis fast ans Ende, wenn "The Last Song" Victor Jara ins Finale seiner Lebensreise begleitet, die nicht der Tod seines Traums ist. 

Denn ganz zum Schluss singt James Dean Bradfield vom "Santiago Sunrise", ein Lied über die sozialen Proteste in Chile im vergangenen Jahr, als Victor Jaras Lieder wieder auf den Straßen gesungen wurden.

Sonntag, 9. August 2020

Ufo-Hauptstadt Roswell: Die Wahrheit ist irgendwo hier drin

Sie tarnen sich als bunte Lichter in der Nacht, huschen als Geschosse über den Himmel, verstecken sich in undurchdringlichen Nebelschwaden oder erscheinen nur kurz als blinkende Punkte auf Radarschirmen. In Wirklichkeit sind sie aber, wie Millionen von UFO-Gläubigen weltweit überzeugt sind, Abgesandte außerirdischer Zivilisationen, die die Erde erforschen. Unsichtbar, hinterlistig, überlegen. Bisher sind sie sind immer unentdeckt davongekommen. Fast immer. 

Außer einmal, in Roswell, einer Stadt in New Mexico, in deren Nähe vor 73 Jahren ein UFO abgestürzt ist. Ein tragischer Unfall, bis heute unvergessen. Stellen Sie sich das vor: Die außerirdischen Wesen waren Lichtjahre durch den Weltraum gereist, eine Zeit voller Entbehrungen. Und danach, kurz nach der Ankunft am Ziel, stürzten sie unglücklicherweise in einem Feld ab, wo Anwohner Mack Brazel und der Nachbarsjunge Dee Proctor zufällig mehrere Leichen fanden.

Seitdem ist Roswell ein Pilgerort für Sensationsgierige und UFO-Gläubige aus der ganzen Welt. Die Hauptattraktion des kleinen Städtchens, das in Deutschland ein Kaff genannt werden würde, ist das UFO-Museum auf der Main Street, ein flaches Funktionsgebäude, das dem Phänomen mit drei Buchstaben gewidmet ist: U.F.O. - unbekanntes Flugobjekt. 

Eine echte Touristensensation, ausgestattet mit außerirdischen Gummipuppen, nachgebildeten außerirdischen Flugobjekten und zahlreichen echten Dokumenten, in denen Augenzeugen von UFO-Sichtungen schwören, sie hätten UFOs gesehen oder seien sogar von ihnen entführt worden. Roswell, eine kleine, staubige Stadt, ist der Heilige Gral aller UFO-Forscher und das Zentrum der modernen Religion namens UFO-logie. Viele Jahre lang hatte sich die Stadtverwaltung erst geweigert, den inoffiziellen Titel "UFO-Welthauptstadt" offiziell zu verwenden. 

Bis schließlich ein Bürgermeister ins Amt kam, der sich der Chance bewusst war, die die unspektakuläre 49.000-Einwohner-Stadt, deren berühmteste Tochter die Schauspielerin Demi Moore ist, da aus lauter Trotz und Wahrheitsliebe verschenkte. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Wüstenstadt nun schon vollständig auf Außerirdische ausgerichtet. Neben dem großen UFO-Museum gibt es mindestens vier kleine, alle Restaurants in der Stadt sind thematisch auf Außerirdische ausgerichtet, und alle Geschäfte bieten T-Shirts, Baseballmützen, Postkarten, Bücher, Gürtel, Kekse, Lutscher, Mousepads, Küchenschürzen und Fußmatten mit bizarren Bildern von Fantasie-Außerirdischen an. Ein Millionen-Dollar-Geschäft für alle. Roswell ist 200 Meilen von El Paso, 200 Meilen von Albuquerque und ebenfalls 200 Meilen von Amarillo entfernt. Wer immer von da nach dort oder von dort nach da unterwegs ist, findet ghier im Nirgendwo einen guten Grund, anzuhalten. 

Zwar war das Interesse dann doch nicht groß genug, um den gigantischen UFO-Vergnügungspark zu bauen, der vor Jahren geplant war. Aber in Zeiten, in denen immer mehr Menschen glauben, dass Außerirdische die Erde besucht haben, und die Regierungen weltweit mehr über Außerirdische wissen, als sie zugeben, boomt das Geschäft. Es könnte ja alles wahr sein, oder? Wahrscheinlich sind sie irgendwo da draußen. Was, wenn es wirklich passiert wäre? Deshalb bietet das UFO-Museum auf der Main Street eine Menge Spektakel, um die Kunden zu begeistern, die nur zur Unterhaltung angehalten werden. Sie bekommen, was sie suchen. 

Von Nazi-Flugscheiben bis zur simulierten Alien-Autopsie ist alles zu sehen, was nie bewiesen werden konnte. Denn es ist sicher, dass im Juli 1947 im Gebiet von Roswell etwas vom Himmel fiel, weil das Militär ein erstaunliches Interesse an der Entdeckung von Mark Brazel zeigte. Aber nach der ersten offiziellen Ankündigung, in der sie von einer "fliegenden Untertasse" sprachen, wurde entschieden, dass es sich nur um einen "Wetterballon" handelte. Niemand hat das jemals geglaubt. Zumindest hier in Roswell nicht, wo die Wahrheit gleich da draußen ist.


Mittwoch, 1. Juli 2020

Währungsunion: D-Day in der DDR

Der Widerstand gegen die D-Mark-Einführung blieb eher symbolisch.

Vor 30 Jahren bekam die DDR West-Geld. Weil die Menschen sofort auf Westware umstiegen, endete mit der neuen Währung die alte Wirtschaft.

Am Morgen danach ist erst einmal alles wie zuvor. Die Sonne scheint über Mitteldeutschland an diesem Sonntag vor 30 Jahren, mit dem nicht nur ein neuer Monat, sondern eine neue Ära beginnt: Es ist D-Day in der DDR, die DDR-Mark geht, die D-Mark kommt. Seit Mitternacht ist sie das gesetzliche Zahlungsmittel im Arbeiter- und Bauernstaat, dessen Volk sich das Geld nun aber erst einmal holen muss. Überall bilden sich schon am Vormittag lange Schlangen vor Sparkassen und Banken. Allein im Bezirk Halle haben 1 713 Auszahlstellen geöffnet, um für Aluchips harte Westmark auszugeben. In Eisleben etwa sitzen die ersten Umtauschwilligen früh um vier vor dem Eingang der Sparkasse, in Halle campieren ganz Eilige vor den Geldschaltern.

180 Milliarden Mark


2 000 Polizisten sind zur Absicherung des Geldumtausches eingesetzt. Auf den Sparkonten der DDR-Bürger liegen 180 Milliarden DDR-Mark, nach dem kurz zuvor beschlossenen deutsch-deutschen Staatsvertrag werden 60 Milliarden gestaffelt nach dem Alter der Besitzer zum Kurs von 1:1 getauscht, der Rest im Verhältnis 1:2. Vermögen, die höher als 6 000 Mark sind, werden halbiert - verbunden mit dem Versprechen, der Staat werde später Anteilscheine am Volkseigentum an die frühere Bevölkerung der DDR ausgeben.

Doch die Angst vor einer erneuten Enteignung ist vor allem bei Älteren gewaltig. Hatte der volkseigene Handel seit dem Mauerfall ständig sinkende Umsätze gemeldet, so beginnen in den Wochen vor dem Stichtag Hamsterkäufe. Gefragt ist, was von den meist völlig überfroderten Bürgern für wertstabil gehalten wird: Die Nachfrage nach Wartburgs und Ladas steigt an, aber auch Immobilien und Antiquitäten sind gefragt. Kurz vor Ultimo füllen alle ihre Vorratslager. An den Tankstellen tobt ein Kampf ums letzte Ost-Benzin, in den Kaufhallen türmen sich Brot, Kartoffeln, Zucker und Mehl in den Einkaufswagen. Werner Hoffmann, Chef eines Ladens in Halle, beschreibt: "Die Kunden kaufen alles - wenn ich nicht aufpasse, bin ich mit weg."

Erspartes retten


Es geht darum, das Ersparte zu retten, sei es durch die Umschichtung von Geld auf die Konten von Kindern und Enkeln, sei es durch den Tausch in DDR-Pfennige. Die, so legen die Regularien der Währungsumstellung fest, werden vorerst gültig bleiben, weil die Bundesbank einfach nicht genügend Hartgeld heranschaffen konnte.

Mehr Zeit aber können sich Berlin und Bonn nicht mehr lassen. Nach wie vor verlassen Tausende das Land Richtung Westen. Nur das Versprechen auf eine schnelle Einheit verspricht, die Verhältnisse zu stabilisieren. Auf der Straße fordern die Menschen schon lange "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr".

Die letzten Tage vor dem D-Day ziehen sich wie alter Kaugummi. Es ist eine seltsame Zwischenzeit ohne Informationen darüber, wie es weitergehen wird. Gerüchte überall. Immer öfter werden Geldtransporter vor den DDR-Staatsbank-Filialen gesichtet, in denen Bundesbank-Helfer das Sagen haben: In den Kellern habe sich das Geld gestapelt, erinnert sich ein früherer Mitarbeiter, "dabei hatte keiner eine Vorstellung, wieviel wirklich gebraucht wird".

25 Milliarden in bar


25 Milliarden D-Mark sind es schließlich, die bar abgehoben werden, pro Kopf der Bevölkerung etwa 1 500 Mark. "Jetzt wird erst einmal richtig eingekauft und Urlaub im Süden gemacht", schwärmt Günter Angermann beim Verlassen einer Bankfiliale in Eisleben.

Wie viele ahnt er noch nicht, wie schwer der plötzliche Umtausch nicht nur aller Guthaben, sondern auch aller Löhne und Gehälter die DDR-Wirtschaft treffen wird.

Durch die Aufwertung aller Verbindlichkeiten ist kaum mehr ein VEB noch konkurrenzfähig. Schon am Montag nach der Währungsumstellung stehen in den Regalen der Geschäfte durchweg Westprodukte. Selbst Marmelade, Wurst und Käse kommt von Lieferanten aus Bayern und Hessen. Ostfirmen, die eben noch von billigeren Löhnen profitiert hatten, finden für ihre Produkte keine Abnehmer mehr. Sogar ihre eigenen Mitarbeiter kaufen ja für die echte D-Mark lieber die echte Nutella als die DDR-Kopie Nudossi.

Das Bruttoinlandsprodukt der DDR geht bis Weihnachten um 40 Prozent zurück, die industrielle Warenproduktion sinkt um zwei Drittel. Bis 1993 werden 70 Prozent aller Industriearbeitsplätze verschwinden, die Zahl der Beschäftigten sinkt von 9,7 auf 5,3 Millionen. Die Treuhand hat auch dadurch große Mühe, Käufer für die Reste der DDR-Industrie zu finden.

Die versprochenen Anteilscheine am Volkseigentum, die den teilweisen Wertschnitt beim Währungstausch ausgleichen sollten, werden deshalb auch später nie ausgegeben.

Sonntag, 17. Mai 2020

Mount St. Helens: Besuch einer Zeitbombe


Morgen jährt sich der 40. Jahrestag des Ausbruchs des Vulkans St. Helena, doch auf dem Berg ist heute nichts mehr von der Katastrophe von 1980 übrig. Nur das Grün um ihn herum verdankt die Landschaft dem Monster, das immer noch rumpelt. Man muss dort nicht hinaufgehen, so sind sie niocht, in den USA. Es gibt eine wunderschöne Straße, die durch eine der schönsten Landschaften der Erde führt. Schwarzer Asphalt glänzt in der morgendlichen Feuchtigkeit zwischen grünen Böschungen - der Mount St. Helens fasziniert seine Besucher, auch wenn sie ihn noch nicht erreicht haben.


Der Highway 504 führt als kurvenreiche und gut ausgebaute Bergstraße zum Johnson Ridge Observatory, dem Ort, zu dem alle Besucher kommen. Von hier aus haben Besucher einen perfekten Blick auf den Vulkan, der immer noch aktiv und deshalb eine tickende Zeitbombe ist. Unterwegs sollte man unbedingt einen Stopp im Lewis & Clark State Park einlegen, wo sich noch Reste der sehr alten Bäume befinden, die große Flächen bedeckten, bevor die Lava kam und alles wegbrannte. Wenn ein bisschen mehr Zeit ist, ist auch noch ein Ausflug in das Naturschutzgebiet Nisqually National Wildlife Refuge drin. Hier warten Feuchtgebiete, in denen Vögel fast symphonisch singen.


Aber das Hauptziel für Millionen von Menschen von nah und fern ist natürlich der Vulkan, ein 2.539 Meter hoher Gipfel, der die umliegenden Bergrücken um ganze 1.100 Meter überragt. Der Vulkankegel hat einen Durchmesser von 10 Kilometern, er ist mehr als 40.000 Jahre alt. Damals suchte erstmals Magma aus dem Erdinneren unter großem Druck nach einem Ausgang. Seitdem hat der Mt. St. Helens insgesamt neun große Eruptionsphasen erlebt, die zwischen 5.000 und weniger als 100 Jahren dauern, mit Schlafperioden zwischen 15.000 und etwa 200 Jahren.


Der Aufstieg ist also relativ sicher, da der Vulkan für die nächsten 150 Jahre still bleiben dürfte. Wenn man am Johnston Ridge Observatory angekommen ist, führt der beste Weg weiter zu einer Wanderung auf dem berühmten Eruption Trail. Dieser Pfad bietet eine fantastische Aussicht auf die Eruptionszone und den Krater und wimmelt im Sommer von rosa Lupinen und anderen Blumen. Zu anderen Jahreszeiten wird die Umgebung von der kargen Schönheit einer vulkanischen Landschaft beherrscht, die ausgebrannt und mit Bimsstein bedeckt ist.

Seit 1980 ruht der Vulkan - aber er schläft nur. Seit St. Helens am 18. Mai vor 40 Jahren um genau 8.32 Uhr explodierte, scheint der Berg nur noch wenig Dampf zu haben. Genau wie die mehr als 100 Jahre vor dem Mai 1980 - doch genau dann kam der schlimmste Vulkanausbruch in der jüngeren Geschichte der USA: Die oberen 400 Meter des damals noch 2.949 Meter hohen St. Helens flogen in die Luft und die größte Lawine aller Zeiten raste ins Tal, so dass selbst in elf Kilometer Entfernung Hügel von 400 Metern Höhe kein Hindernis für die wuchtig heranrollenden Gesteinsmassen darstellten.

600 Quadratkilometer Wald wurden damals zerstört, Schlammlawinen rissen 23 Brücken weg, 300 Kilometer Straße verschwanden. Eine Aschewolke stieg auf, wie sie der Kontinent noch nie zuvor gesehen hatte: Nur 30 Minuten nach dem Ausbruch maß sie 64 mal 48 Kilometer und bewegte sich mit 100 Stundenkilometern nach Osten, um den Tag in eine Nacht zu verwandeln.


57 Menschen starben an diesem Tag auf St. Helens - trotz der isolierten Lage im dünn besiedelten Südosten des Bundesstaates Washington, trotz aller Warnungen von Experten, die den Berg nach dem ersten Grollen drei Monate zuvor rund um die Uhr beobachtet hatten. Seitdem sieht der Berg nicht mehr so aus wie damals, als sie ihn "Amerikas Fujijama" nannten. Der verheerende Ausbruch hat auch viele Spuren menschlicher Besiedlung weggerissen, die im 5. Jahrtausend v. Chr. begonnen hatte. Völker wie die Klickitat und die Binnen-Salish ließen sich damals hier nieder, obwohl sie wussten, wie gefährlich das war. In ihren Sprachen nannten sie den Berg Loo-Wit Lat-kla oder Louwala-Clough (Feuerberg oder rauchender Berg) und sie erwarteten immer, dass er wütend sein würde. Aber sie wussten auch: Das Leben würde danach stets weitergehen.

Freitag, 24. Januar 2020

Richfield Gas Station: Der letzte Rest von "Easy Rider"

Inside Movie legend urbex
Die legendäre Tankstelle aus dem Easy-Rider-Film: Innen ist die Zeit stehengegeblieben.


Es ist länger als ein halbes Jahrhundert her, dass Peter Fonda und Dennis Hopper als "Easy Rider" in die Kinogeschichte fuhren. Sie beiden freiheitssuchenden Motorradfahrer schmuggelten im gleichnamigen Kinofilm Kokain von Mexiko nach Los Angeles und der Streifen wurde zum Kultfilm. Wyatt und Billy versteckten den heißen Stoff in den Batterien ihrer Bikes, das Geld landet nach dem Verkauf im Tank einer Chopper und die Reise geht dann einmal quer durch die USA, ein Land am Ende der Nachkriegszeit, zwischen Hippiefeeling und trotzigem Konservatismus. Der Film, ein echtes Road Movie, der von Fonda produziert und inszeniert wurde Hopper, schrieb Hollywood-Geschichte.

Ein ganz klein wenig davon kann man heute noch entdecken, wenn man auf der Spur von Fonda und Hopper auf der legendären Route 66 fährt, einer Autobahn, auf der heute eigentlich nirgendwo mehr eine Spur dieser legendären Zeit findet, zu der Steppenwolf, die Byrds und Jimi Hendrix den Soundtrack lieferten.

Ein paar Kilometer weiter, auf der alten Autobahn 66, wo keine Touristen zu sehen sind, befindet sich in der Nähe des Pine Breeze Inn "Richfield", eine winzige Geisterstadt mit einer verlassenen Tankstelle, an der "Easy Rider" gedreht wurde.

Dieser Ort ist nicht leicht zu finden, er liegt abgelegen zwischen einer Depot der Nationalgarde und dem camp der Navajo Feuerwehr. Nehmen Sie einfach die Ausfahrt 285 (Bellemont) der I-40, biegen Sie ab und fahren Sie eine einsame Straße ins Nichts - am Ende finden Sie links ein paar Holzkisten, ein rostiges Auto und eine abgeschabte Baracke, in der irgendjemand die Zeit eingefroren zu haben scheint.

Hier kommt kein Benzin mehr aus dem Hahn, kein Tankwart wartet und die Gegend ist so leer wie die Brieftasche der Easy Rider. Wer genau hinschaut, sieht im Fenster einige verstaubte Plakate hängen, auf denen "Easy Rider" immer noch lebt. Hopper und Fonda, die in der schockierenden Schlussszene des Films sterben müssen, leben hier für immer und ewig weiter: Junge Männer, die niemals mehr alt werden oder sterben.

Easy Rider Filmkulisse
Die aus dem Film bekannte Tankstelle.


Ricjfield Gas Station
Irgendwer hat ein gepflegt heruntergewirtschaftetes Auto neben der Tankstelle abgestellt.



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