Samstag, 17. April 2021

Zeitreise zu Fuß: Wo der Rost für immer schläft



Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.


Der Eiserne Vorhang, in unserer Zeit eine unsichtbare Mauer zwischen Freunden, Familienangehörigen und Klassenkameraden, hat tiefe Spuren hinterlassen - nicht so sehr in der Landschaft, aber in den Köpfen.   Und in einer Kleingartenanlage in der kleinen Stadt Boizenburg, in die wir uns nach einmal Falschabbiegen verirrt haben. Hier gibt es viele Zäune zwischen den Gärten - und wer den Grenzweg wandert, erkennt in Sekundenschnelle, woher das Geflecht zwischen den Pfählen stammt: Es ist der gute alte Chrom-Nickel-Stahl aus Westdeutschland, der verhindert hat, dass die Ostdeutschen in den Westen stürmten.   


  Nichtrostender Stahl, beste Ware. Ja, ohne Zweifel der haltbarste Zaun, den man bekommen kann, aber sehr teuer, wie Jens uns sagt. Für einen Kilometer Zaun zahlte die DDR 120.000 Mark, der gesamte Zaun kostete sie mehr als 165 Millionen. Und nun ist es ein Gartenzaun in einer Anlage, in der die ehemaligen Boizenburger Werftarbeiter ihre viele Freizeit verbringen, weil sie alle ihre Arbeit verloren haben.   Boizenburg ist nicht mehr die Industriestadt des Kalten Krieges. Die ganze Industrie ist weg, die Werften sind geschlossen. Was seit der Auswanderung der Elbdeutschen und der Ansiedlung anderer Stämme hier ab dem 8. Jahrhundert immer und immer weiter gewachsen war, schrumpft seit Jahren. Mittlerweile liegt schwere Apathie über der Szenerie. Alte Männer und alte Frauen sind auf den Straßen unterwegs, eine heißt „Straße der Jugend“. Sie sehen zu, wie Geschäfte und Fabriken leerstehen, während eine goldene Sonne sich im Wasser der beiden Flüsse Elbe und Boize spiegelt.

     Bis in die 1970er Jahre befand sich auch Boizenburg im direkten Sperrgebiet entlang der innerdeutschen Grenze, nach 1990 war es wieder frei, jetzt hätte es richtig losgehen können. 30 Jahre später hat die Stadt trotzdem tausend Einwohner weniger als 1950. Wir verabschieden uns mit einem Stück knochentrockenem Kuchen vom Salzbäcker an der Bahnhofstraße. Wir müssen jetzt wieder auf den Kolonnenweg. Es sind ja nur noch 100 Kilometer bis zu den Stränden der Ostsee. 


  Im Norden von Zarrenthin, einer kleinen, aber schönen Touristenstadt am Schaalsees, in der wir zur Halbzeit der Tour in einem Edelhotel übernachtet haben, endet jede Zivilisation ziemlich abrupt. Die Stadt hat einige alte Kirchen, ein kleines Kloster und am See ein paar schicke Segelclubs. Abends marschieren Scharen von Touristen über den Puppenstubenmarktplatz.  


 Aber wenn nicht weit außerhalb stolpern wir wieder in ein echtes Outback. 20 Kilometer ist da niemand, kein Dorf, kein Wanderer, nichts. Mitten in Deutschland, einem der am dichtesten besiedelten Länder Europas. Der ehemalige Eiserne Vorhang ist weg, aber irgendwie ist er doch noch da. Denn die Grenze befand sich hier einst in der Mitte des schönen Sees. Der vollkommen unzugänglich ist: Wir planen ein kühles Bad - aber es ist einfach vollkommen unmöglich, irgendwo ans Ufer zu gelangen.     Kein Strand, keine Uferpromenade, nur Dschungel. Erst nach zwei Stunden finden wir endlich den einzigen winzigen Ort, an dem es zum Wasser geht. Leider passiert das, als die Wolken sich dunkel färben und ein kalter Sturmwind aufzieht. 

 

  Also gehen wir so trocken weiter, wie wir gekommen sind. Unser heutiges Ziel ist ein weiterer kleiner Ort namens Kneese, den wir nach fünf oder sechs Stunden erreichen wollen. Unterwegs kommen wir durch Dörfer wie Lassahn und Techin, die im Kalten Krieg natürlich auch ein schweres Schicksal hatten, denn direkt nach dem Weltkrieg beschlossen die Russen und Briten bei einem Treffen in einem kleinen Pub in Gadebusch auch hier, einige Teile ihrer Besatzungszonen auszutauschen. 


Seen, Wälder und schlechte Straßen machten es einfach schwer, die Dörfer in ihrer jeweiligen Zone zu erreichen. Warum also nicht tauschen? Der Kommandeur der britischen Rheinarmee, ein Generalmajor Colin Muir Barber, und der der Roten Armee, ein Generalmajor Nikolaj Lyaschenko, einigten sich bei einem Treff in der Kneipe kurzerhand auf den Austausch von Ländereien und Dörfern.  

 

  Die Menschen, die hier lebten, mussten die Rechnung bezahlen. Die mehr als 650 Jahre alte Grenze zwischen Lauenburg und Mecklenburg wurde am 13. November 1945 im Gadebuscher Restaurant "Goldener Löwe" neu gezogen. Es gab keine Diskussion. Die Leute wurden kurz darüber informiert, dass die Neuaufteilung "endgültig und irreversibel" wäre. Familien, die nicht bereit waren, auf der kommunistischen Seite der Grenze zu leben, hatten 48 Stunden Zeit, um ihre Häuser zu verlassen.Und so wurde gepackt und geladen, Getreide gedroschen und Vieh geschlachtet, Tag und Nacht. Alles musste dann über den Schaalsee transportiert werden, denn die Straßen rund um den See waren russisch besetzt. 

 

  Mit einer Fähre, einem Amphibienauto der Briten und Fischerbooten wurden 309 Pferde und Fohlen, 1.130 Rinder, Schafe und Schweine, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte, Getreide- und Tierfutter, Kartoffeln, Rüben und andere Lebensmittel, Möbel, Einrichtungsgegenstände und andere große Gegenstände wegtransportiert. 209 von 238 Einwohnern von Techin verließen ihre Heimat, nur 29 blieben zu Hause.   75 Jahre später wirkt das Gebiet immer noch gähnend leer. Aber immerhin, so sagt ein Schild, gibt es hier eine Feenschule!   Nach einem gewaltigen Marsch, wieder viel länger als gedacht, erreichen wir Kneese, ein Dorf mitten im Nirgendwo, wo unsere Gastgeberin Anke eine vegane Pension namens Forsthof betreibt. 500 Meter von der ehemaligen Todeszone und einer Gedenktafel für den Flüchtling Henry Weltzin entfernt, der 1983 hier erschossen wurde, genießen wir veganes Chili und ein paar Belohnungsbier und legen nach dem Duschen den Kopf auf ein paar schöne, saubere Kissen für die Nacht. 

  Am nächsten Morgen macht Anke Frühstück, dann geht es wieder raus auf den Gegenentwurf zum berühmten "Jakobsweg". Hier trifft man wenig Menschen, es ist eher eine Reise in die Einsamkeit, auf der man leeren Orten, der Natur und vielen Bäumen und Tieren begegnet. Niemand geht diesen Weg, nur wir. Und hinter Kneese wird es noch leerer. Die Landschaft ist nun nicht mehr nur einsam. Sie scheint leer wie die dunkle Seite des Mondes. 


 

Mittwoch, 17. März 2021

Iron curtain trail: Unter der Last der Geschichte

 

Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.


Heike hat sich nach der Wende ein Stück Grenzzaun gekauft und es direkt neben ihrer Apfelplantage aufgestellt. Drei Pfeiler, zwei Zäune, ein Schild "Warnung, Grenze, Einreiseverbot" steht nun neben der alten Schule in Neu Wendischthun, nur wenige Steinwürfe vom Elbufer entfernt. "Ich will allen zeigen, wie es hier früher war", sagt die Frau, die ihr ganzes Leben im Sperrgebiet an der Grenze verbracht hat. Ein unglaubliches Leben: "Dreißig Jahre lang", sagt sie, "habe ich die Elbe selber nie gesehen". Erst als die DDR vor 30 Jahren zusammenbrach, konnte Heike zum Damm hinaufgehen und einen ersten Blick auf den Fluss werfen. "Das war so schön", sagt sie, "weil unsere ganze Familie all die Jahre dort drüben war und wir hier und nicht rüber konnten.“  


Viele weinten, als die ersten improvisierten Boote die Kluft zwischen Ost und West überbrückten. "Und es war klar, dass alle sehr schnell alle Zäune und Türme und Sicherheitssysteme loswerden wollten", sagt sie. Es ging einfach nicht mehr, glaubte Heike. Ehe man sich versah, war alles weg. Keine Wachtürme mehr, keine Zäune, keine Spuren der ehemaligen eisernen Grenze. Schade irgendwie, fand sie.   "Vor allem die Zaunpaneele waren die allerbeste Ware", klagt sie, "Franz Joseph Strauß hatte Honecker dafür einen Milliardenkredit gegeben". 


Heike ist keine Frau, die über den gefallenen Eisernen Vorhang traurig ist. Aber sie will sich und andere an die dunklen Zeiten erinnern. "Es ist vorbei", sagte sie, "aber wir sollten immer daran denken."    Weil Radfahrer und Wanderer fragten, warum denn vom Eisernen Vorhang überhaupt nichts mehr übrig sei, fuhr Heike eines Tages nach Bayern hinunter. "Ich hatte gehört, dass dort jemand Teile des alten Grenzzauns verkauft.“ Und tatsächlich - das fünf Meter breite Stück, das jetzt neben den Apfelbäumen und dem Kinderspielplatz steht, ist aus Süddeutschland importiert worden. 


"Es ist genau die gleiche Art von Zaun, wie er hier bei uns stand", versichert Heike, die es wissen muss, denn sie hat unten im Haus ein kleines Museum eingerichtet. Man sieht Bilder von ostdeutschen Grenzsoldaten, vom Grenzzaun und von den glücklichen Momenten, als die Mauer fällt und die Leute aus der Gegend eine Party am Ufer feiern.   Danach geht es für uns zurück in die Spur, zurück unter die Last und zurück in die ehemalige tote Zone, die heute ein Ort des Lebens, der Natur und seltener Tiere ist. Den riesigen Rucksack hoch, Trekkingschuhe an und wieder geradeaus in den Norden.  


Die Sonne scheint wieder wunderbar und wir finden ein kleines Kaffeehaus direkt am Elbdamm mit einem leckeren Frühstück. Die Radfahrer sind wie immer in Jack-Wolfskin-Scharen unterwegs und die Tische alle voll. "Die Zeiten, in denen alle hier weggehen wollten, sind vorbei", erzählt der Chef des Ladens. Eher kämen Leute zurück. Und die seien jung, sie kauften die alten Bauernhöfe und modernisierten sie. "Es gibt genug Arbeit, aber die meisten fahren in den Westen.", sagt der Mann. Dort verdiene man doppelt so viel wie in Schwerin, der nächstgrößeren Stadt im Osten. "So viel zur deutschen Wiedervereinigung."  


Die Häuser am Wegesrand erzählen jede Menge Geschichten von genug Geld, um Dächer zu decken, Solaranlagen zu bauen und zwei Garagen zu benötigen. Die Natur ringsum sieht aus wie ein einziger Vorgarten, die Vögel zwitschern und die Bauern bieten Äpfel, Honig und Kartoffeln am Gartenzaun an. Seit das gottverlassene Gebiet zwischen Brandenburg, Niedersachsen und Mecklenburg von Touristen entdeckt wird, erlebt es eine  Blütezeit. Kein Gedanke mehr an die schlimmen Jahre, als die Weltmächte an einem Bartisch Poker spielten, wer in die Ostzone eingesperrt werden sollte und wer in Freiheit leben durfte. 


Wir laufen unterm Gewicht unserer Rucksäcke den Kolonnenweg entlang, und Henry, ein Mann, der in Popelau, einem kleinen Dorf am Flussufer, über seinen eigenen Zaun schaut, erzählt uns einen weiteren Teil der Geschichte. Es geschah 1945, als Ost und West zu einer Einigung kamen: Das gesamte Gebiet, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zum Landkreis Lüneburg am westlichen Elbufer gehörte, wurde russisch und in einen Teil des Landes Mecklenburg umgewandelt. Das geschah wieder nur aus praktischen Gründen – es gab hier keine Brücke über die Elbe und deshalb Versorgungsschwierigkeiten.

Für alle, die hier lebten, bedeutete das die Wahl zwischen Gefangenschaft und eiliger Flucht. Wer in den ersten 24 Stunden nach der Entscheidung zur Übergabe der Westecke im Osten an die sowjetische Besatzungszone im Juli 1945 nicht packte und ging, wurde bis 1989 zwangsweise in einen Bürger der DDR.   So schön die Natur, so grausam das Schicksal. Wenn die Bauern zu ihren Kühen gingen, passte die Grenzwache auf jeden LPG-Mitarbeiter auf. Wenn die Armee ein Manöver durchführte, waren keine Wachen verfügbar. Niemand durfte zu den Tieren gehen. „Und die Kühe schrien, weil sie nicht gemolken werden konnten“, erzählt uns ein Mann und er zeigt auf die Kühe, die jetzt friedlich auf der Weide stehen.  


Zeiten, von denen niemand etwas weiß, der heute mit seinem Elektro-Fahrrad über den Damm zischt und den frischen Wind, den blauen Himmel und die Natur genießt. Erst nach 40 Jahren fanden in den acht alten West-Gemeinden auf der Ostseite Gemeinderatswahlen statt, und nach der Volksabstimmung wurde der alte Landkreis Neuhaus neu gegründet. Sie alle seien entschlossen gewesen, wieder nach Niedersachsen zurückzuziehen. "Aber das ist auch nicht leicht", hatte Petra uns berichtet, "denn wir sind jetzt nicht hier, aber auch nicht richtig dort".  

Donnerstag, 4. März 2021

Weiter nach Norden: Wanderung durch ein geschlossenes Gebiet


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.

Auf dem weiteren Weg zu einem kleinen Nest namens Wendischthun treffe ich dann meine Vorfahren. Direkt am Ufer der Elbe gibt es einen Ort namens "Konau", knapp vorbei, aber naja. Das Nest ist winzig, kleiner noch als jedes andere auf dem Weg. Nur ein paar Gehöfte, ein paar Scheunen, zwei Hunde. Niemand ist auf der Straße. Aber zumindest ist Konau fast ein Weltkulturerbe - ein Marschlanddorf, das vor Jahren sogar mal Teil der Weltausstellung "Expo" gewesen sein soll, weil hier im Sperrgebiet an der ehemaligen Grenze Blumen, Pflanzen und Tiere überlebt haben, die sonst nirgendwo zu finden sind. 


Es gibt auch eine Ausstellung darüber, die jedoch wegen Corona geschlossen ist. Ebenso wie das Hofcafé, auf das wir große Hoffnungen gesetzt hatten, weil wir unsere leeren Flaschen mit Wasser füllen müssen. So wird der Weg wieder lang und die nächste Pause findet am Elbufer statt, das wie immer verlockend aussieht, aber meist kaum zugänglich ist. Die Weiden sind fast überall abgesperrt, es gibt nie Wege nach unten. Nur hier kommen wir endlich doch mal runter zum Wasser, auf dem wie immer kein einziges Boot, Kanu oder gar Schiff vorbeifährt. Mit Ausnahme einiger Arbeiter mit einem Bagger ist die Elbwasserstraße leer, obwohl vom vielbeschworenen Niedrigwasser nichts zu sehen ist. 


Die Elbe ist aber wirklich idyllisch. Je weiter wir nach Norden kommen, desto mehr weiße Sandstrände gibt es am Ufer zwischen den Buhnen. Sie laden zum Landen, Verweilen und Schwimmen ein. Aber es ist niemand da, der den ruhig fließenden Fluss nutzt, um sich zu entspannen und den malerischen Himmel zu bewundern, der an die Weite des Himmelszeltes in Skandinavien erinnert. Nur leere Orte, niemand da, niemand um uns herum. Deutschlands längster Wanderweg ist einer ganz ohne Wanderer. 

Auf einmal spricht uns aber einer der Radfahrer an, Heinz von Zella-Mehlis, der nicht nur Kilometer sammelt, sondern auch Geschichten auf dem Weg. Er selbst ist auf dem Weg nach Schwerin, hat aber gerade ein bisschen die Richtung verloren. "Mal sehen, wohin es mich führt", sagt er. Heinz hat Zeit, Zeit genug, um sein Rad in einem Tempo neben uns herzuschieben, das er wahrscheinlich für sehr gemächlich hält. Aber Heinz trägt auch keinen Sack Zement als Rucksack, sondern nur ein Notizbuch, in das er auf dem Weg notiert, was am Ende ein Buches über seine Reise werden soll. 


"Habt ihr den Mann mit dem Kinderwagen über den Damm rennen sehen?", fragt er. Ja, das haben wir und wir nicken atemlos. Er sagte: "Da ist kein Kind drin, sondern das Gepäck." Ja wirklich? Atemloses Nicken. Ja! "Er rennt von Dresden nach Hamburg", beschreibt Heinz seine Begegnung mit dem Extremsportler, der an uns vorbeiflog, so dass wir dachten, er sei ein junger Vater, der sein Kind auf seiner morgendlichen Joggingrunde mitnimmt.   Wir erzählen Heinz von Elisabeth, der 70-jährigen Erfurterin, die allein von Travemünde nach Thüringen läuft und die einzige Wanderin gewesen ist, die wir bis dahin getroffen hatten. "Mist, die habe ich verpasst", beklagt sich Heinz und notiert, dass Elisabeth dank ihres kleinen Rucksacks und vieler vorgebuchter Übernachtungen in Pensionen mehr als 25 Kilometer pro Tag hinter sich bringt. Heinz scheint beeindruckt zu sein. Das fahre er etwa mit dem Rad, sagt er. 


Auf dem Deich weiden Schafe, Kühe und Pferde und als wir endlich die Räucherei in Stiepelse erreichen, hängt Kneiper Jürgen gerade das "Geschlossen"-Schild raus.   Das kannst du nicht machen!, beklage ich mich. Jürgen sieht die Rucksäcke und versteht. Natürlich, denn der große, dünne Mann im viel zu weiten Pullover hat eindeutig ein Herz für seltsame Vögel - Heinz ist ja auch schon da. Jürgen hat sein Leben als Musiker verbracht und unter anderem Bass für Udo Lindenberg und Gunter Gabriel gespielt. "Bis zu seinem Tod war Gunter immer wieder hier und trat bei mir auf", erzählt er stolz und Fotos von sich und allerhand Stars. Heinz zückt seine Kamera und staunt. "Sogar Prominente hier", lobt er - "und natürlich meine verrückten Wanderer." 


Die wenden sich nun Wendischthun zu, einem kleinen Flecken, in dem wir unser Zelt in einem Apfelgarten aufschlagen, der wie ein Paradies aussieht. Die Bäume sind grün, die Äpfel rot und Heike, die Chefin der „Alten Schule“, hat sogar kaltes Bier. Nur wenige Meter entfernt baut Kai sein kleines Zelt auf, ein Radfahrer, der aus Dresden kommt. Er ist erst seit drei Tagen unterwegs und hat schon 400 Kilometer weg. Weitere 400 braucht er noch bis Kopenhagen. Ein junger Sportler, sehr cool und trainiert. Bevor wir unser drittes Bier geöffnet haben, schläft er direkt vor uns ein.

Bericht auf Englisch



Samstag, 6. Februar 2021

Sportparadies vor dem Abriss: Die schönste Halle von Halle


Zwölf Jahre bis zur größten Ruine, mehr als 30 Millionen Euro bis zum Abriss: Was eigentlich hatte Ostdeutschlands größtes und modernstes Sportzentrum werden sollen, liegt in diesen Tagen in den letzten Zügen der Erwartung auf das Ende. Das "Sportparadies", vor mehr als 20 Jahren vom Leipziger Apotheker Holm Lischewski geplant und ab 2009 auf der Industriefläche eines früheren Buna-Kombinatsbetriebes am Böllberger Weg gebaut, wartet nur noch auf den Abriss. Klappt alles, werden zehn Jahre nach dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin des fast 13.000 Quadratmeter großen Sportkomplexes die Bagger anrücken. Und den beinahe fertiggestellten Bau zurückverwandeln in eine Brachfläche, die dann mit Wohnblöcken überbaut wird.


Wenig Ertrag für Investitionen in Höhe von angeblich mehr als 34 Millionen Euro und einer Bauzeit, die dem Berliner Hauptstadtflughafen Konkurrenz macht. Zumal ein Rundgang durch das imposante Gebäude - mit 183 Metern Länge fast zweimal so lang wie ein Fußballplatz - Erstaunliches zeigt. Was als "Bauruine" gehandelt wird, ist allem Augenschein nach alles andere als das: Die Wände sind von Graffitikünstlern verziert worden, aber trocken. Das Dach ist dicht.Und hinter den zugemauerten Verwaltungsbereichen, so erzählt einer der beteiligten Handwerker, seien sogar schon die Sanitäranlagen eingebaut. Auch die großen Seitenfenster kamen erst vor einigen Monaten, ebenso die Metallverblendung der Fassade. 

"Noch Parkett rein, fertig", kommentiert einer der neugierigen Besucher, die sich in Corona-Zeiten immer wieder durch die symbolisch aufgestellten Zäune quetschen, um sich selbst ein Bild von Sachsen-Anhalts berühmtesten Millionengrab zu machen. 

Es ist ja beileibe auch nicht nur das private Geld von Investor Holm Lischewski, das in dem riesigen Gebäude vergraben wurde. Der Landesrechnungshof nannte vor Jahren 3,8 Millionen Euro Städtebauförderung, die zwar nur zum Teil ausgezahlt worden seien, doch immer wieder wurden neue Fördermittel bewilligt, von denen nie richtig klar war, ob sie nun ganz, zum Teil oder gar nicht ausgereicht worden sind.

Denn schon vor dem ersten Spatenstich ruckelte und wackelte der Bau. Erst gefiel die schlichte Architektur dem Stadtrat nicht, im Gestaltungsbeirat wurde der erste Entwurf als "Baumarkt" kritisiert. Dann wurden in den Kellergeschossen der Ruine der früheren Buna-Fabrik auch Fledermäuse entdeckt, deren Obdach nun in die Bauplanungen einzubeziehen war.

Statt 2011 zu eröffnen, war der unglückselige Investor erstmal mit Umplanungen und Nachfinanzierung beschäftigt. Und als es endlich losging, dauerte es - gemessen am Baufortschritt - nicht lange, bis der Bau wieder stillgelegt wurde. 2015 ging es weiter, statt 13 Millionen Euro Bausumme war nun von 18 Millionen Euro die Rede, um eine Drei-Felder-Halle, eine Boulderhalle, einen Kletterturm und einen Freizeitbereich fertigzustellen, den die Sportplatz GmbH betreiben wollte, hinter der Lischewski selbst steht. 800 Personen könnten den Komplex gleichzeitig nutzen, versprach der Bauherr bei einer Baubegehung, als gerade wieder Hoffnung keimte.

Die hielt nicht allzu lange. Nachdem die Außenanmutung sich in einen Komplex mit wallendem Dach und abgestuften Traufhöhen verwandelt hatte und alle Fledermäuse gerettet waren, kippte die Finanzierung ganz weg. Dann fehlten auch die Fördermittel, oder umgekehrt, jedenfalls war nun wirklich Schluss. Die Ruine stand da wie ein Mahnmal, gelegentlich nur wurden neue Fenster eingebaut oder Zwischentüren zugemauert, um die Innenräume vor Plünderern und Metalldieben zu schützen.

In der Stille um die Zukunft der größten Investruine des Landes sprossen Pläne für einen Neuanfang: Anfangs verkündete ein neuer Investor noch, er werde Teile abreißen, um Platz für Wohnbebauung zu schaffen. Später dann hieß es, alles komme weg und dafür entstünde der "Saalegarten" - ein "komplett neuer Stadtbaustein in bester Lage am Ufer der Saale – für Wohnen, Arbeit und Freizeit".

Die 34 Millionen teuren Reste des Sportparadieses sollen als Schotter für den Unterbau verwendet werden.



Donnerstag, 28. Januar 2021

Über die Grenze: Zurück in die DDR


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land.


Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.


Vorige Folge hier

Zurück auf der Ostseite, die inzwischen im – politischen - Westen liegt, sind die Radfahrer schlagartig wieder da, aber auch die wunderbaren Ausblicke auf die Elbelandschaft. Man hat immer einen weiten Blick in die Auenlandschaft, die aussieht wie eine Gegend aus „Herr der Ringe". Uralte Bäume, kleine Strände, weite Wiesen und alte Häuser mit Strohdächern wechseln sich ab mit Strecken, auf denen der alte Kolonnenweg halb überwachsen neben dem Damm entlangläuft. 

Dass auf der anderen Seite drüben der Atommüll der alten Bundesrepublik vergraben liegt, tief in der Erde, ist nicht zu erahnen. Aber unverkennbar ist, warum er ausgerechnet dort landete, ganz an den Rändern der beiden Länder, die ja nicht ahnen konnten, dass sie sich eines Tages wiedervereinigen würden. 


Kaum jemand lebt hier, nur Menschen wie Erika, die der Liebe wegen nach dem Mauerfall hergezogen ist. Damals musste viel Land neu vermessen werden, erzählt sie, die eigentlich aus Thüringen stammt und dort einen Landvermesser kennenlernte. Die Liebe ihres Lebens, der folgt sie einfach. "Hier haben wir damals genügend Platz für unsere Vermessungsfirma gefunden", sagt sie. 

Niemand wollte in diese Ecke, wo nichts war, nur der Atommüll auf der anderen Elbseite. Als dann eines Tages so ziemlich alles vermessen war, hatte das Ingenieurbüro des Paares nicht mehr genug zu tun. Aber das alte Bauerngehöft direkt am Damm stellte sich als idealer Ort heraus, eine Pension für das neuerdings als unablässiger Strom vorbeirauschende Heer der Radfahrer zu gründen.


"Im Herbst und im Winter ist es hier sehr still", erzählt Erika und am Abend bekommt man einen guten Eindruck davon. Die Sonne versinkt hinter der Elbe und abgesehen von ein paar Männern, die eine Schafherde recht handfest in einen Hänger drücken, um sie auf eine neue Weide zu fahren, ist niemand zu sehen. Eine Idylle im Abendlicht, über der die Blätter leise rauschen, während man seinen Gedanken nachhängt und mit dem Vorgefühl hadert, am nächsten Tag wieder diesen elend schweren Rucksack schultern zu müssen.


Eigentlich hat man sich an die 20 Kilogramm ja gut gewöhnt nach einer Woche. Es drückt nicht mehr immer und überall und alle Gurte sitzen meist am richtigen Fleck. "Dass ihr das durchhaltet, ist ganz erstaunlich", sagt ein Mann, der an diesem Abend mit seiner Frau neben uns auf dem Damm sitzt und den Schafen zuschaut, die sich ein wenig dagegen wehren, in den Transporthänger gedrückt zu werden.

Das Paar ist mit dem Fahrrad unterwegs, eigentlich aber mit dem Auto. "Wir fahren von Pension zu Pension", sagt sie, "und zwischendurch entdecken wir diese ganz unbekannte Landschaft vom Sattel aus." Eine etwas leichtere Variante als unsere, die aber zum selben Ergebnis führt: "Es ist so schön hier wie im Märchen", sagt die Frau.



Samstag, 23. Januar 2021

Gerd Weber: Der verratene Verräter



Der Dresdner Fuballer Gerd Weber galt als die große Mittelfeld-Hoffnung des DDR-Fußballs, bis er kurz vor einem Flug nach Südamerika für immer aus der Öffentlichkeit verschwand.

Diesmal ist die Stasi völlig ahnungslos. Erst Anfang September 1989 verfasst Oberst Tzscheutschler vom Dresdner MfS einen "Sofortbericht": Gerd Weber, ein Jahrzehnt zuvor die große Mittelfeld-Hoffnung des DDR-Fußballs, ist gemeinsam mit seiner Frau Steffi und der sechsjährigen Tochter Franziska während einer Urlaubsreise nach Ungarn über die Grenze nach Österreich geflohen. 

Es ist das Ende einer langen Flucht, die eigentlich bereits acht Jahre zuvor begonnen hat. Weber, das größte Talent des DDR-Fußballs seit Bransch und Kreische, sehnt sich eigentlich nach einer internationalen Karriere. Der 24-Jährige plant seine Flucht - während einer Südamerikareise der DDR-Nationalelf will er sich absetzen. 


Doch Weber wird verraten, ein Stasi-Kommando nimmt ihn vier Stunden vor dem Abflug fest. Es folgen Verhöre, Verurteilung, Verbannung. Der begnadete Kicker darf nicht mehr Fußball spielen. Er stellt einen Ausreiseantrag, doch der wird abgelehnt. Weber bleibt nur die Flucht. Noch nach Bekanntwerden seines Abgangs erweitert das MfS seinen "Ratte" genannten Aktenvorgang zu Weber um eine Anzeige wegen Republikflucht. Die operative Personenkontrolle wird erst am 28. Oktober 1989 eingestellt, auch da aber heißt es noch: "Die eingeleiteten Kontrollmaßnahmen werden aufrechterhalten." 

Die Geschichte des Dynamo-Kickers Gerd Weber ist die einer zerstörten Karriere, betrieben von einem Staat, der  vernichtete, was ihm verdächtig erschien. Es ist aber auch die Geschichte eines Verräters, der selbst verraten wird.

Dreieinhalb Stunden hatten Leutnant Andreas Claus und Major Helmut Dinter vor der Tür gewartet, an jenem vorletzten Tag des Jahres 1980. Claus klingelte mehrmals. Dinter blieb gedeckt im Wartburg. "Aber der IM", berichteten die MfS-Offiziere in die Dresdner Stasi-Zentrale, "öffnete uns nicht." Der IM, der sich selbst fünf Jahre zuvor den Namen "Wiehland" ausgesucht hatte, hockte zur selben Zeit in einem Hotelzimmer in Oberhof. Er war in die stille Idylle geflüchtet, um eine Entscheidung zu treffen - und er hatte sie getroffen. 

Am Silvesterabend war Gerd Weber, von seinen Fans als genialster DDR-Fußballer gerühmt, in Gedanken bereits über alle Berge: Vier Wochen nur trennten den 24-jährigen Mittelfeldspieler des Traditionsvereines Dynamo Dresden von der Flucht in den Westen. Zu der es nie kam. Statt ein Flugzeug nach Argentinien zu besteigen, musste Weber am 23. Januar 1981 in einen Stasi-Barkas klettern. Und statt wie erhofft in der Bundesliga zu spielen, putzte er Kurbelwellen und Getriebe. 

Professionell Fußball gespielt hat Weber nie wieder. Dokumente, die später bei der Gauck-Behörde aufgetaucht sind, erzählen die Geschichte des Gerd Weber aber auch als die Geschichte eines Mannes, der im Zwiespalt zwischen kleinen Erfolgen und großen Träumen die Träume wählte - und so vom Täter zum Opfer wurde. 

Ins Visier der Staatssicherheit war Weber schon früh geraten. 1971 kommt der talentierte Junge an die Dresdner Kinder- und Jugendsportschule, dort spielt er sich in allen Altersklassen unter die Besten. Das fällt auf, auch der Stasi, die den Jungen auf Reisen nach Kuba und Italien im Auge behält. Weber ist 19 Jahre alt, als das MfS sicher ist: Hier läuft ein künftiger Weltklassespieler. 

Ein "Perspektivkader", wie es im IM-Vorlaufbericht heißt. Einer also, der gute Dienste bei der Sicherung künftiger Auslandsreisen des Nationalteams leisten könne. Das MfS irrt nicht. Weber ist bald nicht mehr wegzudenken aus der Elf der Dynamos, schnell gelingt ihm auch der Sprung in die Nationalelf. 

Vier Jahre berichtet Weber als "Wiehland" aus dem Innenleben beider Teams, er liefert Interna und bringt Zettel mit Aufstellungen mit in den konspirativen Treff "Puck". Gerd Weber spielt doppelt: Auf dem Platz rückt der "Fan moderner Tanzmusik" (MfS-Akte) schnell zu einer der bestimmenden Figuren auf. Und nach dem Spiel ist er der Stasi ein unersetzlicher Informant. Denn die Angst geht um in der Sport-DDR. 

Mit den halleschen Fußballern Pahl und Nachtweih, dem Berliner Eigendorf und dem Leipziger Berger haben eben vier Fußball-Stars das Land verlassen. "Es darf keine Wiederholung geben", fordert Stasi-Chef Mielke. Weber ist so längst selbst Gegenstand von Sicherungsmaßnahmen. Schon im Mai 1979 bringt sich ein MfS-Kommando in den Besitz seiner Schlüssel. Gedeckt von Posten, die als Handwerker verkleidet sind, durchwühlt die Einheit die Weber-Wohnung auf der Suche nach "Beweisen für Kontaktaufnahme zu Verrätern". Die Stasi findet nichts. Weber bemerkt nichts. 

Erst als Dynamo im Oktober 1980 zum Uefa-Cup-Spiel im holländischen Enschede im Hotel "Memphis" eincheckt, gelingt es zwei in den Westen geflüchteten Dynamo-Fans, Weber und seine Kollegen Matthias Müller und Peter Kotte zu kontaktieren. 200 000 Mark und ein Vertrag beim 1. FC Köln lautet das zugeflüsterte Angebot. "Draußen steht ein Benz, steigt ein!" 

Gerd Weber fühlt sich wie in einen Agentenfilm versetzt. Mit Kotte und Müller kommt er überein, dass jeder für sich entscheiden soll. Er selbst, der seine Fähigkeiten in Dresden nicht genügend geschätzt sieht, fühlt sich zu sehr geschmeichelt vom Vergleich mit Größen wie Overath und Netzer, als dass er hätte ablehnen können - Weber kehrt zurück in die DDR, um bei nächster Gelegenheit zu fliehen.

Doch ausgerechnet über einen Stasi-IM, den sie aus alten Zeiten in der Dresdner Fankurve kennen, nehmen die Kölner Dynamo-Fans wieder Kontakt zu ihm auf. Ein Steilpaß für die Stasi: Der Hotel-Koch Michael Juraske alias IM Klaus Ihle, locker befreundet mit Weber, soll mit dem Fußballer einen Treff-Termin ausmachen. 

Er tut das - und informiert das MfS. Von diesem Moment an ist Gerd Weber verloren. Während er noch verhandelt, um auch seine Freundin außer Landes schmuggeln zu lassen, ist sein eigene Flucht gescheitert, ehe sie begonnen hat. So weiß das MfS vor der Argentinien-Reise genau, dass Weber nicht zurückkehren will. "Mannschaft fliegt, drei heraus", bestimmt Erich Mielke, und wie befohlen fängt ein Festnahme-Trupp die Fußballer auf dem Flughafen Schönefeld ab. 

Mehrere Tage wird Gerd Weber verhört. Noch ehe Anfang Februar eine vom MfS formulierte Pressemeldung die Fans über seinen Ausschluss aus dem Sportverband wegen "Verstoß gegen die Statuten des DTSB" informiert, ist der Sportler zu zwei Jahren und drei Monaten wegen "landesverräterischer Agententätigkeit" verurteilt. Während Dynamo Dresden ohne seine drei Stars nach unten durchgereicht wird in der DDR-Oberligatabelle, beginnt ein Vernichtungsfeldzug gegen den Sportler. 

Er wird aus der SED ausgeschlossen, verliert die Stellung als "Sportinstrukteur", seinen VP-Dienstgrad und alle Rentenansprüche. Nach der Haftentlassung wartet eine Stelle als Schlosser auf den Hoffnungsträger des DDR-Fußballs, der jetzt als "OPK Schlosser" von sieben IM überwacht wird. Es gibt keine Gnade für den "Verräter". Kotte und Müller hat man zwar für die obersten Ligen gesperrt, und als Torjäger Kotte seinen neuen Verein Meißen sofort in die 2. Liga schießt, muss er die Mannschaft verlassen. 

Doch Rädelsführer Weber, Träger des Vaterländischen Verdienstordens, darf überhaupt nicht mehr Fußball spielen. Angst um Gesundheit "Eine Belastung, die mich fast umbringt", diktiert der Kicker der Stasi, die sich weiter mit ihm trifft, um ihn unter Kontrolle zu behalten. Man habe ihn nicht abtrainieren lassen, ihm drohten dadurch gesundheitliche Schäden, befürchtet er. Fürsorglich rät die Stasi, Weber solle doch Tennisspielen gehen. 

Doch das ist kein Ersatz. Gerd Weber, der begnadete Mittelfeldregisseur, beginnt, Freizeitfußball in Dresdner Parks zu spielen. "Ich mache mich da gegen Bierbäuche und Holzhacker zum Äppel", scherzt er - bis das MfS ihm auch den Freizeitkick im Park untersagt. Der Kontakt zu den ehemaligen Mitspielern ist da längst abgerissen, auch Kotte und Müller hat Weber nicht wieder gesehen. Er wolle ja "nur noch in Ruhe gelassen werden", bittet er seinen Führungsoffizier. 

Aber einmal gefährlich, immer Gefahr: Als die Uefa in Dresden tagt, schafft ihn die Stasi vorher aus der Stadt, um "Störungen zu vermeiden". So zwingt die Staatsmacht ihren Zuträger in die Opposition. Zuerst sagt Weber bei den Treffen wenig, dann nichts mehr. Schließlich warten die Offiziere vergebens auf ihn. Zur Wahl 1986 fällt Weber als "Nichtwähler" auf, 1987 stellt er mit seiner Frau Steffi und Tochter Franziska einen Ausreiseantrag. Nun erst bietet die Stasi dem verbitterten Mann im Zentrum des OPK-Vorgangs "Ratte" eine Rückkehr in den Sport an. Weber lehnt ab. 

Zu spät, sagt er, "das hättet ihr euch früher überlegen müssen". Zwei Jahre vergehen noch, ehe Gerd Weber am 31. August 1989 mit seiner Familie in Ungarn durch einen zerschnittenen Grenzzaun in den Westen kriecht. Der Fußballer ist 33 Jahre alt. Zu alt für die Bundesliga, von der er geträumt hat. Der begnadete DDR-Fußballer im Visier der Staatssicherheit: Heute arbeitet Gerd Weber als Schadensexperte für eine Versicherung in Freiburg. "Von den alten Geschichten will er nichts mehr hören", sagt sein früherer Mannschaftskamerad und langjähriger Freund Günter Riedel später: "Gerd hat zu böse bezahlt für alles."

Freitag, 22. Januar 2021

Unvergessen: Der, der er sein wollte


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann



Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.


Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen  auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

Steffen Drenkelfuß bei Facebook

Samstag, 16. Januar 2021

Corona-Kultur: Spazierengehen gegen die Zeit



Es ist schon ein paar Jahre her, dass der englische Musiker und Dichter Justin Sullivan ein Gedicht über den Moment schrieb, in dem "das Licht im Zeitalter der Vernunft erlischt". In dem Song namens "Here comes the war" gibt es eine Zeile, in der ein Chor "schneller, schneller, schneller" singt - ein Moment, der die Gegenwart bis vor einigen Monaten perfekt beschrieb. 

Bis zu dem Tag, als Corona kam und all die Dinge stoppte, die sich nie ändern würden, wie jeder ziemlich genau wussten Doch dann 2020. Und das Frühjahr, das alles geändert hat.

Eine neue Welt, die ein Politiker später "neue Normalität" genannt hat. Der Mensch ist eingesperrt, das ganze Leben heruntergefahren. Das Land im Ausnahmezustand. Kneipen sind geschlossen, die Städte sind leer wie einsame Wege im australischen Outback. 

Weihnachten war wie nie zuvor - nicht nur ohne Schnee und Frost, sondern ohne Treffen mit Familien und Freunden, ohne Leichtigkeit und Freude und Klingeln. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die vom allgegenwärtigen "schneller, schneller, schneller" in einen völligen Stillstand von allem gezwungen wird?

Niemand weiß es, aber alle fürchten dasselbe: Niemals wird die alte Welt mit den gleichen Freiheiten zurückkehren, die es  so selbstverständlich gab, bevor die moderne Pest kam. Jeder spürt es, jeder fühlt es, wenn er seine Ohren und Augen öffnet. Wie still die Künstler sind. Wie verlassen das Land wirkt.  

Eigentlich sind große Krisen immer eine gute Stunde für große Kunst. Diesmal aber fehlen den Dichtern die Worte, den Sängern die Melodien. Es gibt keine Songs über das Virus, keine Filme und keine Bilder. Die Songwriter haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, weil viele von ihnen kein Einkommen haben, seit alle Konzertsäle geschlossen sind. 

Rock'n'Roll ist tot wie die Kinos, das letzte Stück Leben tobt an den Aktienmärkten, an denen die Kurse seit Monaten steigen. 

Aber in den Nebenstraßen der Wall Street hängen nur noch Schatten früherer Tage: Niemand ist unterwegs, niemand gibt Geld für Einkäufe, für Essen, ein Bier oder für einen Kaffee aus.

Die einzigen belebten Orte der Zivilisation sind heute Parks und Wälder. Dies sind die Plätze, an die Menschen gehen, wenn der Tag im Home Office vorrüber ist und die Wände und Bildschirme genug angestarrt worden sind. Und wenn das nächste Wochenende begonnen hat, das abends wieder nur die Wahl zwischen Büchern und Fernsehen bietet, zwischen Musik und Internet. 

Ausgerechnet auf Deutsch gibt es ein wunderbares Wort für diese neue Weltordnung, durch die Menschen ohne Ziel ziehen: "Spanzierengehen" bedeutet Gehen nur zum Zweck des Zeitvertreibs, bewegen, nicht um voranzukommen, sondern um die Zeit zu überlisten.

Die braucht für gewöhnlich keine Hilfe, um in der Vergangenheit zu verschwinden. Sie kommt und sie geht immerzu, eben noch da, ist sie gleich schon wieder fort. Aber im Lockdown entsteht wohl automatisch die Sehnsucht, das alles zu beschleunigen, der Zeit auf die Sprünge zu helfen und ihr Beine zu machen. 

Spaziergehen, diese alte, lange vergessene Kunst des Laufens ohne jede Notwendigkeit, aber auch ohne die Eile des vorüberjagenden Joggers, hilft. Und eines Tages wird der erste Tag der Zukunft sein, an dem alle auch so wieder rausdürfen. An diesem Tag kennen wir dann alle Orte um uns herum. Fürchterlicherweise je besser, desto länger es bis dahin dauert.