Samstag, 11. Januar 2020

Ostgold von der Goitzsche Front: Gipfel der Generationen

Pascal Bock und Dieter "Maschine" Birr - Freunde fürs Leben.
Sie sind am selben Tag geboren, wenn auch ein paar Jahrzehnte voneinander entfernt. Als Pascal Bock geboren wurde, war Dieter Birr schon näher am ersten Bühnenabschied seiner Band Puhdys als am Anfang seiner Karriere. Und als Bock die erfolgreichste DDR-Band zum ersten Mal im Radio hörte, hatte die Berliner Musiklegende, die alle nur “Maschine” nennen, sein zweites oder sogar schon drittes Comeback erfolgreich absolviert.

Kennengelernt haben sich der Sänger der Bitterfelder Rockband Goitzsche Front und die DDR-Rocklegende schlechthin schließlich auf der Trabitour der Sachsen-Anhalter einmal längst durch die Republik: Birr, der gerade eine Krebs-OP überstanden hatte, stieg quasi zum Nachwuchs auf die Bühne, der mit "Geh zu ihr" schon vor Jahren einen Klassiker der Puhdys gecovert hatte. Gemeinsam spielten sie dass "Was bleibt", eine tränenselige Ballade, in die an jedem Abend ein bierseliger Chor einfiel. Herzen im Dreiviertel-Takt. Gefühle für Männer.



Gefühle, wie sie auch das neue Goitzsche-Front-Album "Ostgold" wieder und wieder formuliert. Hart, aber herzlich. Roh, aber ehrlich. Nachdenklich im Kampfanzug. Seit die Sänger Pascal Bock, Gitarrist Maximilian Beuster,  Christian „Ulze“ Schulze am Bass und Tom Neubauer hinterm Schlagzeug vor fünf Jahren mit ihrem zweiten Album "...aus Ruinen" signalisierten, dass in der Bitterfelder Pop-Provinz nicht nur  eine kleine Spaßpunkband von vier Freunden musiziert, sondern eine Band, die Hits wie "Die Axt aus der Provinz" und "Der Osten rockt" schreiben kann, hat die Karriere der anfangs wegen ihres Namens ebenso wie wegen ihrer Attitüde angefeindeten Kapelle rasant Fahrt aufgenommen.

Album 3, etwas verschroben "Mo[nu]ment" genannt, landete auf Platz 16 der offiziellen deutschen Charts. Und der Nachfolger "Deines Glückes Schmied" führte zum ersten Mal seit Tokio Hotel wieder eine Band aus Sachsen-Anhalt auf den Spitzenplatz der Hitparade. Schulze, Neubauer, Beuster und Bock gelang das zudem als ersten Sachsen-Anhaltern, die auch tatsächlich im Land wohnen.

Die Musiker, bis auf den später dazugestoßenen Maximilian Beuster allesamt Kumpels seit der gemeinsamen Kindergartenzeit, leben wirklich hier und sie spielen hier, etwa immer kurz vor Weihnachten ihr Weihnachtskonzert in Halle und stets im Sommer  ihr eigenes Goitzsche-Festival daheim am gleichnamigen See vor der Bitterfelder Haustür.

Heimat ist ein großes Wort für alle vier, auch auf "Ostgold", dem neuen Werk, das direkt nach Erscheinen in die Charts marschierte, Max Raabe und Sarah Connor überholte und nur durch die Schlagersängerin Daniela Alfinito darin gehindert wurde, erneut auf Platz 1 zu debütieren. In den neuen Songs geht es um Autoschrauber und zerbrochene Beziehungen, um verlogene Argumente und Luther, Rucksäcke voller Bier und Pfeffi, das mittlerweile auch im Westen entdeckte Kultgetränk einer Band, die sich selbst als Truppe aus "ganz normalen Irren" (Liedtext) bezeichnet. Keine Idole, keine Stars, nur ein paar Jungs auf der Bühne, die Gitarre spielen und singen.

Dieter Birr erinnerte das von Anfang an an die eigenen Ursprünge. „Wir eben auf einer Wellenlänge“, weiß der 75-Jährige, der nach der ersten Anfrage aus Bitterfeld noch meinte, „die junge Punkband und icke, das wird nicht zusammenpassen.“ Tut es aber doch. Wenn Bock und Birr, die Geburtstagszwillinge mit 44 Jahren Abstand, gemeinsam singen wie auf dem Ostgold-Bonustrack "Was bleibt", dann ergänzen sich das zwei Stimmer auf magische Weise: Hier der erfolgreichste Rockstar der DDR, der die Arme selbst beim Singen im Studio ausbreitet. Dort der Sänger der erfolgreichsten Rockband Sachsen-Anhalts, der hauptberuflich noch immer bei einem großen Autohersteller arbeitet und den gemeinsamen Vortrag mit seinem tiefen Bass erdet.

Im Unterschied zum Vorgänger "Deines Glückes Schmied" ist "Ostgold" gelassener, mit weniger Zorn und mehr Zwischentönen aufgeladen. Das Titelstück gibt die Richtung vor: "Wir sind aus Gold / geboren aus einem Guß", heißt es da, "wir sind nicht aus Fleisch und Blut / das einmal sterben muss". Ein Mittelfinger für all die, die an der Band gezweifelt haben, die ihr den Namen nehmen und sie in eine Ecke schieben wollten, in die sie nie gehört hat. "Wir sind immer noch da / auch nach dem zehnten Jahr", singt Bock in "Rucksack voller Bier", einer Hymne, die die alten Zeiten feiert, in denen "elf Leute vor der Bühne" standen und die Gage aus ein paar Bier bestand.

Seit jenem Platz 1 vor zwei Jahren ist das endgültig anders. Die Goitzsche Front hat den HFC mitgerettet, für die Weißenfelser Basketballer gespielt, sie haben Spenden für Suchtkranke und für eine Kinderklinik gesammelt und aus dem toten Goitzsche Festival auf eigene Faust ein jährliches Gipfeltreffen für alle Freunde des Deutschrock der härteren Gangart gemacht. Trotz der "Schwarzen Raben" (Liedtitel), die über der Gegenwart kreisen, ist Optimismus angesagt, ein eigenes ostdeutsches Selbstbewusstsein, das sich nicht bückt und schuldbewusst danke sagt.

Hier singt der andere Osten, wie ihn der Publizist Stefan Krabbes nennt, ein Landstrich, der sich mehr nicht um Fremdzuschreibungen scheren, sondern sich selbst definieren will. Im muskulösen Punkrock der Goitzsche Front splittern die Klischees reihenweise: Bitterfeld entsteht hier als wunderschöne Stadt neu, der verhärmte Osten rockt, es ist Party immer wieder und überall, gute Laune und Pech hat der, der nicht hat, was Bock im gleichnamigen Stück "Meine kleine Welt" nennt.

 „Uns haben immer Leute gratuliert, weil wir angeblich so viel Glück hätten“, hat Bock, den sie in der Band nur „Bocki“ nennen, nach der Veröffentlichung des Albums genannt, dessen Name eine Art Antwort darauf war. "Deine Glückes Schmied" zeigte, dass harte Arbeit das Erfolgsgeheimnis der Goitzsche Front war. "Reingekniet und geackert“, hätten sie immer, vom ersten Tag an, als Maximilian Beuster sich um den vakanten Gitarristenjob bewarb - nach einer Anreise mit dem Moped, weil er erst 17 war und noch keinen Führerschein hatte.

Seitdem heißt Rock'n'Roll hier Doppelschicht: Morgens früh, noch vor der Schicht bei einem großen Autohersteller in Leipzig, Abrechnungen Buchhaltung, Fanbestellungen, Absprachen fürs eigene Festival, dann Spätdienst, Mitternacht nach Hause. Aber, glaubt Bock, „wer zu Hause auf dem Sofa sitzt, der wird nie etwas erreichen.“ Genauso sind sie mit den Hinweisen meist wohlmeinender Ratgeber umgegangen, die mehr oder weniger vorsichtig insistierten, ob ein neuer Bandname den Erfolg nicht grundsätzlich beflügeln könne.

„Weil Osten, Bitterfeld, Sänger mit Glatze und Goitzsche Front, das wäre vermarktungstechnisch ungünstig.“ Sie haben darüber nachgedacht. Und abgelehnt. „Wir wollen echt sein, so, wie wir wirklich sind“, sagt Maximilian Beuster, „und wie könnten wir das sein, wenn wir beim ersten Widerspruch unseren Namen ändern?“

Es geht ihnen nicht um Schönheit, nicht um Stromlinienform und Designerrock für Metropolen. Goitzsche Front macht Musik für Leute, die es mögen, im Gegenwind zu stehen, die vielleicht an sich zweifeln und sich fragen, warum nicht immer alles klappt. "Warum gibt es Krieg, warum macht vieles keinen Sinn, gibt es einen Himmel und wie komme ich dahin?", singt Bock, dessen brachiale Poesie an Vorbilder wie die Toten Hosen ("Pfeffi") oder die Südtiroler Band Frei.Wild erinnert.

"Diese Lieder heilen Wunden" verspricht Bock in "Große Lieder", einem Stück über den Glauben an die therapeutische Kraft von Rocksongs. „Es geht nicht um Talent oder Genie oder ob du gut bist oder schlecht“, hat Maximilian Beuster einmal beschrieben, dessen Gitarrespielen "Ostgold" prägt wie noch kein GF-Album zuvor. es gehe nur darum, zu tun, was man glaubt, tun zu müssen. „Das Leben ist irgendwann vorbei“, hat Pascal Bock damals ergänzt, „dann will ich sagen, ich habe getan, was ich richtig fand.“

Kommende Woche startet die Ostgold-Tour der vier Bitterfelder, die sie bis Anfang März mit 16 Konzerten durch die ganze Republik führen wird.

Sechs Auftritte finden im Osten statt.

Zehnmal rockt der Osten den Westen.

Tourtermine: goitzschefront.de



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