Mittwoch, 1. Juli 2020

Währungsunion: D-Day in der DDR

Der Widerstand gegen die D-Mark-Einführung blieb eher symbolisch.

Vor 30 Jahren bekam die DDR West-Geld. Weil die Menschen sofort auf Westware umstiegen, endete mit der neuen Währung die alte Wirtschaft.

Am Morgen danach ist erst einmal alles wie zuvor. Die Sonne scheint über Mitteldeutschland an diesem Sonntag vor 30 Jahren, mit dem nicht nur ein neuer Monat, sondern eine neue Ära beginnt: Es ist D-Day in der DDR, die DDR-Mark geht, die D-Mark kommt. Seit Mitternacht ist sie das gesetzliche Zahlungsmittel im Arbeiter- und Bauernstaat, dessen Volk sich das Geld nun aber erst einmal holen muss. Überall bilden sich schon am Vormittag lange Schlangen vor Sparkassen und Banken. Allein im Bezirk Halle haben 1 713 Auszahlstellen geöffnet, um für Aluchips harte Westmark auszugeben. In Eisleben etwa sitzen die ersten Umtauschwilligen früh um vier vor dem Eingang der Sparkasse, in Halle campieren ganz Eilige vor den Geldschaltern.

180 Milliarden Mark


2 000 Polizisten sind zur Absicherung des Geldumtausches eingesetzt. Auf den Sparkonten der DDR-Bürger liegen 180 Milliarden DDR-Mark, nach dem kurz zuvor beschlossenen deutsch-deutschen Staatsvertrag werden 60 Milliarden gestaffelt nach dem Alter der Besitzer zum Kurs von 1:1 getauscht, der Rest im Verhältnis 1:2. Vermögen, die höher als 6 000 Mark sind, werden halbiert - verbunden mit dem Versprechen, der Staat werde später Anteilscheine am Volkseigentum an die frühere Bevölkerung der DDR ausgeben.

Doch die Angst vor einer erneuten Enteignung ist vor allem bei Älteren gewaltig. Hatte der volkseigene Handel seit dem Mauerfall ständig sinkende Umsätze gemeldet, so beginnen in den Wochen vor dem Stichtag Hamsterkäufe. Gefragt ist, was von den meist völlig überfroderten Bürgern für wertstabil gehalten wird: Die Nachfrage nach Wartburgs und Ladas steigt an, aber auch Immobilien und Antiquitäten sind gefragt. Kurz vor Ultimo füllen alle ihre Vorratslager. An den Tankstellen tobt ein Kampf ums letzte Ost-Benzin, in den Kaufhallen türmen sich Brot, Kartoffeln, Zucker und Mehl in den Einkaufswagen. Werner Hoffmann, Chef eines Ladens in Halle, beschreibt: "Die Kunden kaufen alles - wenn ich nicht aufpasse, bin ich mit weg."

Erspartes retten


Es geht darum, das Ersparte zu retten, sei es durch die Umschichtung von Geld auf die Konten von Kindern und Enkeln, sei es durch den Tausch in DDR-Pfennige. Die, so legen die Regularien der Währungsumstellung fest, werden vorerst gültig bleiben, weil die Bundesbank einfach nicht genügend Hartgeld heranschaffen konnte.

Mehr Zeit aber können sich Berlin und Bonn nicht mehr lassen. Nach wie vor verlassen Tausende das Land Richtung Westen. Nur das Versprechen auf eine schnelle Einheit verspricht, die Verhältnisse zu stabilisieren. Auf der Straße fordern die Menschen schon lange "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr".

Die letzten Tage vor dem D-Day ziehen sich wie alter Kaugummi. Es ist eine seltsame Zwischenzeit ohne Informationen darüber, wie es weitergehen wird. Gerüchte überall. Immer öfter werden Geldtransporter vor den DDR-Staatsbank-Filialen gesichtet, in denen Bundesbank-Helfer das Sagen haben: In den Kellern habe sich das Geld gestapelt, erinnert sich ein früherer Mitarbeiter, "dabei hatte keiner eine Vorstellung, wieviel wirklich gebraucht wird".

25 Milliarden in bar


25 Milliarden D-Mark sind es schließlich, die bar abgehoben werden, pro Kopf der Bevölkerung etwa 1 500 Mark. "Jetzt wird erst einmal richtig eingekauft und Urlaub im Süden gemacht", schwärmt Günter Angermann beim Verlassen einer Bankfiliale in Eisleben.

Wie viele ahnt er noch nicht, wie schwer der plötzliche Umtausch nicht nur aller Guthaben, sondern auch aller Löhne und Gehälter die DDR-Wirtschaft treffen wird.

Durch die Aufwertung aller Verbindlichkeiten ist kaum mehr ein VEB noch konkurrenzfähig. Schon am Montag nach der Währungsumstellung stehen in den Regalen der Geschäfte durchweg Westprodukte. Selbst Marmelade, Wurst und Käse kommt von Lieferanten aus Bayern und Hessen. Ostfirmen, die eben noch von billigeren Löhnen profitiert hatten, finden für ihre Produkte keine Abnehmer mehr. Sogar ihre eigenen Mitarbeiter kaufen ja für die echte D-Mark lieber die echte Nutella als die DDR-Kopie Nudossi.

Das Bruttoinlandsprodukt der DDR geht bis Weihnachten um 40 Prozent zurück, die industrielle Warenproduktion sinkt um zwei Drittel. Bis 1993 werden 70 Prozent aller Industriearbeitsplätze verschwinden, die Zahl der Beschäftigten sinkt von 9,7 auf 5,3 Millionen. Die Treuhand hat auch dadurch große Mühe, Käufer für die Reste der DDR-Industrie zu finden.

Die versprochenen Anteilscheine am Volkseigentum, die den teilweisen Wertschnitt beim Währungstausch ausgleichen sollten, werden deshalb auch später nie ausgegeben.

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