Freitag, 19. Februar 2016

Stilkritik Wahlplakate: Der Elefant in der Wahlkabine

Seltsam kraftlos wirkt er, der Wahlkampf zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Jahre 2016. Keine Landesthemen, keine kantigen Gegenentwürfe, kein Grundsatzstreit zwischen den Landtagsparteien. Von Anfang an, auch wenn es niemand sagte, drohte der Wahlkampf zu einer Wiederaufführung von Peter Hacks "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" zu werden. Ein Elefant ist im Raum, den jeder sehen kann. Gerade deshalb darf niemand über ihn sprechen.

Der dunkle Schatten einer wie auch immer zweistellig abschneidenden AfD hing über dem eigenartig einhelligen Meinungsstreit der anderen Parteien, zuerst unausgesprochen. Schließlich aber, als die Umfragen bedrohlich zu werden begannen, auch eingestandenermaßen.

Was bleibt aus der Zeit davor, als die übliche Wahlkampfroutine noch versprach, zumindest etwa die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger an die Urne zu locken, sind die Wahlplakate, die meist Monate vor Beginn der gern "heiß" genannten letzten Wahlkampfphase gestaltet und in Auftrag gegeben werden.

Es sind diesmal mehr noch als in früheren Jahrgängen Dokumente erschütternder Schlichtheit, Sammlungen von für wirkmächtig gehaltenen Schlagworten und Ausweise des kleinsten gemeinsamen Nenners, die das zu tausenden an Laternenpfählen hängen. Das möchte der Linken-Kandidat Swen Knöchel "Der Zukunft Rechnung tragen", die Grünen plakatieren "Grün für Mutter Natur", die SPD möchte "niemanden zurücklassen" und der CDU-Mann belässt es gleich dabei, nur seinen Namen zu nennen.

Wo letztes Mal noch Versprechen waren ("Wir streichen keine einzige Schule", SPD, "Soziale Politik nur mit uns, wir haben machbare Konzepte", Die Linke, "Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Jobmotor", CDU) ist nun eine große Leere, bis zum Rand gefüllt mit irrealem Nonsens: Der eine Spitzenkandidat ernennt sich zum "Wirtschaftskenner" und "Frauenversteher". Der andere verspricht "gute Löhne". Der dritte, immerhin Ministerpräsident und selbsternanntes Zugpferd seiner Partei, taucht erst gar nicht auf.

Es ist, als würden alle gerade so noch das tun, was sie tun, weil sie es eben tun müssen. Es gibt keine Leidenschaft, keinen Esprit, keine Überraschungen auf den Pappträgern, die für die meisten Wähler das einzig sichtbare Vorzeichen der Landtagswahl sind. Was sie sehen, sind zwei-, drei- oder höchstens vierfarbige Plattitüden. "Jung - authentisch - fair" stellt sich eine Kandidatin vor, ohne zu verraten, ob sie das ist oder die Welt es werden soll. Die grüne Plakatserie setzt auf eine rätselhaft-verschlüsselte Kombination von absurden grünen Plakaten mit dem aufgedruckten Wort Grün und grünen Forderungen wie "Grün für Mensch und Tier". Darunter abgebildet sind lustige Kinderzeichnungen eines Kuhkopfes, eines Kückengesichts und einer rosa Schweineschnauze.

Durchschnittliche Intelligenz reicht offensichtlich nicht, die Botschaft zu dekodieren. Was ist jetzt Grün? Das Schwein? Das Huhn? Wo ist der Mensch? Und was macht die Sonne auf dem anderen Plakatmotiv, das Grün für Mutter Natur verspricht?

Klarer wird es, wo sich die miteinander um Wählerstimmen ringenden Parteien unabgesprochen  auf gemeinsame Positionen einigen konnten. Wulf Gallert, Kandidat der Linken für den Posten des Ministerpräsidenten, sichert zu: "Ich kann, ich will, ich werde". Die CDU will da nicht nachstehen und sagt selbstbewusst: "Wir können, wir wollen, wir werden".  Regieren, scheint gemeint zu sein.

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Ist noch irgendwer in der Nähe, der auch nichts zu sagen hat? Das aber mal loswerden will? "Das ist keine Wahl wie jede andere", schreibt die FDP und es klingt wie damals die Ankündigung im Schwarzweiß-Fernsehen, der folgende Sänger sei "bekannt aus Funk und Fernsehen". "Jetzt sprechen die Jungen", sekundiert ein anderes Plakat. Was sagen sie denn?

 "Gemeinsam besser leben", plakatiert die SPD, deren Spitzenkandidatin auf den Slogan „Es ist Zeit für gute Löhne“ vertraut, der, so versichert sie, „nicht zufällig gewählt“ sei. Nein, vielmehr kombiniert er den Slogan einer Kampagne der Linken im Saarland mit dem Werbespruch eines bundesweiten Essenbringedienstes.

Das hört sich nicht einmal so an, als gehe es um was. Schon gar nicht wirkt es, als habe dieser Wahlkampf in Wirklichkeit einen, alles andere überstrahlenden Inhalt. Denn ausgerechnet der kommt hier vor wie Voldemort in den Harry-Potter-Büchern: Die Flüchtlingskrise ist zwar das Thema, über das alle reden, an dem sich alles entscheiden wird.

Aber sie ist auch das, worüber nicht plakatiert werden darf, ein blinder Fleck, der ganz und gar der äußersten Rechten überlassen wird.






Kommentare:

  1. Die Inhaltsleere ist am Ende wieder rational: Denn da es bekanntermaßen völlig Banane ist, was die Buratino-Parteien versprechen, ist es auch besser, sie tun es erst gar nicht. Noch besser wäre, sie würden sich den ganzen Zirkus sparen, samt der Ressourcen die gerade sinnlos an den Laternenmasten verschleudert werden.

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  2. Ob das die Überlegung dahinter ist, bezweifle ich im Moment noch. ich denke eher, es liegt an einer Art Ermattung.

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  3. Tja. Ab morgen sieht das anders aus. In kleinem Rahmen, denn die finanziellen Mittel der Partei Die PARTEI sind begrenzt. Aber dafür außergewöhnlich. Dummerweise wird die mz (Rüdenpresse!) im Gegensatz zu richtigen Zeitungen und Rundfunksendern wahrscheinlich wieder nicht darüber berichten.

    Oder versuchen Sie einfach mal den Wahl-O-Mat, die Rückmeldungen vorher sehr überzeugter Wähler anderer Gebraucht-Parteien waren sehr erstaunlich und für uns sehr positiv.

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