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Donnerstag, 5. März 2026

Halle-Neustadt: Die nummerierte Stadt

Zwischen den Blöcken spielten Kinder, die keine Straßennamen lernen mussten, nur Zahlen.

New York hat die Fifth Avenue, berühmt sind die 42nd Street in der Nähe des Times Square und die 34th Street in Manhattan. Das wahre mathematische Stadt-Abenteuer des 20. Jahrhunderts aber fand in Halle-Neustadt statt. Als sozialistisches Utopia auf dem Reißbrett entworfen, verzichtete die Chemiearbeiterstadt fast völlig auf Straßennamen. Die Erbauer hatten sich etwas ausgedacht. Sie setzten auf ein ausgeklügeltes, streng logisches und wissenschaftlich begründetes  System aus Blocknummern, das Außenstehende zur Verzweiflung und Postboten an den Rand des Wahnsinns trieb.

Pure Logik oder kybernetisches Chaos? Als einziger Ort in der DDR kannte die Plattenbausiedlung Halle-Neustadt keine Straßennamen, sondern nur Blocknummern. Doch es war ein nur für Außenstehende rätselhaftes System - wer hier wohnte, wusste, wie es funktioniert. Nur warum, das wusste niemand. Das letzte Geheimnis der Geschichte einer Stadt, die in das sozialistische Jahrtausend marschieren wollte, blieb bis zum Ende eins. Zehntausende hatten zwar gelernt, sich zwischen kryptischen Ziffern und aufgemalten Baumsymbolen zurechtzufinden. Aber wieso eigentlich war das alles so?

Gebaut als Halle-West

Dass sich der Block mit der Nummer 491 nur ein paar Meter neben der 391 befand, die 324 dafür aber direkt gegen der 253 und die 617 neben der 499 war ein Rätsel. Aber keines, das die Menschen beschäftigte, die in Halle-Neustadt wohnten. Die Plattenbausiedlung, ab 1963 als Halle-West errichtet, um Arbeitskräfte für die schnell wachsenden Chemieunternehmen in Buna und Leuna unterzubringen, hatte eben, was keine Stadt sonst hatte, abgesehen von New York. Keine Straßennamen, jedenfalls beinahe. Dafür aber ein System von Blocknummern, das sich Besuchern nicht erschloss, Einwohnern aber auch ohne tieferes Verständnis der zugrundeliegenden Systematik eine Orientierung zwischen Häuser, Blocks und Wohnkomplexen erlaubte.

Wer längere Zeit hier zubrachte, wusste automatisch, wie das vermeintliche Zahlenchaos zu ordnen war. Vom Stadtzentrum aus wurden die Zahlen im Uhrzeigersinn vergeben, allerdings entsprachen die Nummern der Wohnkomplexe den Blocknummern damit nun ausgerechnet nie, weil die Stadtviertel ihre Nummern nach dem Datum der Fertigstellung erhalten hatten. Das 1. WK bekam Blocknummern von 600 aufwärts, das 8. WK hatte die 300er Blocks und das 6. alle von 900 an. Wenig zur Klarheit trug bei, dass die Zehnerstelle in jeder Blocknummer sich auf die Entfernung von einem gedachten Schnittpunkt zwischen zentraler Magistrale-Straße und S-Bahntrasse in der Stadtmitte bezog. Und das auch noch nur theoretisch, weil ein Teil der Blocks dann doch eher nach dem Datum der Fertigstellung nummeriert worden war.

Weg mit der Vergangenheit

Höchst unverständlich, aber hochmodern. Richard Paulick, als Chefarchitekt der Chemiearbeiterstadt Vater der Gesamtplanes des entscheidenden Schrittes der Stadt Halle „in das sozialistische Jahrtausend“, wie es eine Schrift vom Anfang der 60er Jahre nannte, wollte mehr als nur eine neue Stadt bauen. Halle-Neustadt war der Versuch, mit dem Städtebau der Vergangenheit zu brechen. 

Statt in engen Innenstadtquartieren mit Hinterhof und einem Klo halbe Treppe sollte der neue Mensch in breiten Straßen gehen, hinter lichten Fenstern leben, mit Balkonen und warmem Wasser aus der Wand. Das Zeitalter der Kybernetik war angebrochen. Die Idee, ein moderne Stadt zu errichten, die industriell gebaut wird, aber in der Lage ist, die „pulsierenden Kräfte breiter Massen zusammenzufassen und ihnen eine Richtung zu geben“, wie der französische Architekturerneuerer Le Corbusier schon in den 20er Jahre geträumt hatte, sie schien in einem kühnen Experiment realisierbar.

Ostdeutscher Sonderfall

Wolfgang Kirchner, der damals als junger Ingenieur das Plattenwerk mit aufbaute, das über ein Vierteljahrhundert Tausende Wände und Bodenplatten für die einzige deutsche Stadtneugründung des 20. Jahrhunderts lieferte, betrachtet „HaNeu“, wie es später zumindest in den DDR-Medien oft genannt wurde, nicht als ostdeutschen Sonderfall. Vorbilder habe es in der Bundesrepublik und in Schweden gegeben. 

„Industrielles Bauen versprach warme, bequeme und bezahlbare Wohnungen für alle“, sagt er. In seiner Fantasie habe er zwischen den weißen Blöcken von Anfang an Bäume gesehen, 30 Jahre alt und leuchtend grün, erinnert sich Kirchner. „Wenn man sich Parks zwischen die Häuser gedacht hat, war das alles richtig schön.“

Für die, die in den Blöcken und den weiten Hinterhöfen aufwuchsen, sowieso. Kaum einer aus der zwischen 1970 und 1990 geborenen Generation der Neustadt-Kinder hätte das Prinzip der Blocknummerierung korrekt erklären können. Wie in anderen Städten die Straßen eben irgendwie hießen, hießen sie hier eben irgendwie nicht. Dafür trugen sie ja ihre Nummern.

Die Stadt der Zukunft


Halle-Neustadt sollte eine Stadt der Zukunft sein, ein Heim für den neuen Menschen, so hatten es ihre Erbauer geplant. Neustadt hatte immerhin schon eine neue Sprache: „Maggi“ war die Magistrale, „Koofi“ war die Kaufhalle, „Kiga“ der Kindergarten. In Neustadt lebten schließlich die Sieger der  künftigen Geschichte, Familien mit Telefonanschlüssen, warmes Wasser aus dem hahn, Heizungen, die sich nicht ausdrehen ließen. Glückliche, die von den Errungenschaften einer Zeit profitierten, an deren Ende das Ende aller Ausbeutung stehen würde.

Dieses Ende kam so wenig wie aus Neustadt noch eine wirkliche Stadt wurde. Ausgerechnet in ihrem größten Bauprojekt ging die DDR am schnellsten und gründlichsten zugrunde: Noch vor dem Beitritt des Arbeiter- und Bauernstaates zur Bundesrepublik votierten die Halle-Neustädter später für einen Beitritt zur Stadt Halle. 

Niemals ein Krankenhaus

Folgen eines Projekts, das Stadt hatte werden wollen, aber ein Stadt baute, der manches fehlte, was jede Stadt hat: Die Geburtsurkunden der Kinder von Halle-Neustadt waren allesamt von Anfang an falsch. Gut, die Namen stimmten, die Geburtszeiten sicher auch. Nur als Geburtsort steht da immer Halle, manchmal auch Zeitz und Merseburg und sicher noch andere Städte. 

Nie aber Halle-Neustadt, nicht einmal in den zwei Jahrzehnten, in denen die Söhne und Töchter der Bewohner der sozialistischen Chemiearbeiterstadt zur Welt kamen. Sie alle wuchsen auf als Kinder einer Stadt, die vielleicht als einzige weltweit keine Kinder hat, weil sie in ihren besten Tagen zwar beinahe hunderttausend Einwohner besaß, aber nie ein eigenes Krankenhaus.

Ein logisches System

Wer sich tatsächlich schwer tat mit dem vermeintlich logisch aufgebauten System, das sich im Grunde genommen an das der DDR-weit vergebenen Postleitzahlen anlehnte, war die Deutsche Post der DDR. Vor allem am Anfang, als die Blocknummernvergabe mehrfach korrigiert und geändert wurde, weil sie „EDV-gerecht nicht zu erfassen waren“, wie es in einem Brief des Stadtbaudirektors an das Hauptpostamt von 1975 heißt. Zusteller standen vor Rätseln, weil eine neue Zahl an einem Block keinen Hinweis darauf lieferte, unter welchem Namen das Gebäude zuher geführt worden war.

Wie Unterlagen verraten, die im halleschen Stadtarchiv liegen, blieb die in der westdeutschen Quadratestadt Mannheim bereits Ende des 17. Jahrhunderte eingeführte Nummerierung auch für die Neustädter Stadtverwaltung über ein Vierteljahrhundert hinweg ein Problem. Die Vorstellung der Planer um Paulick, dass der Arbeiter der Zukunft keine altertümlichen Straßennamen mehr brauche, galt weiterhin als gut. Doch die Umsetzung krankte daran, dass viele Blocks ihre Zahl nirgendwo deutlich sichtbar zeigten.

"Einheit von Leben und Wohnen"

Die „Einheit des gesellschaftlichen Lebens und Wohnens“, die das SED-Politbüro mit seinem Baubeschluss im Jahr 1963 beschworen hatte, drohte in der Praxis an ein paar Schildern zu scheitern. Und das trotz der „bildkünstlerischen Mittel“, die als Plastiken, Wandmalereien und Brunnen zwischen die Fünfgeschosser und Hochhäuser gesetzt worden waren, um keine Monotonie aufkommen zu lassen.

Schon 1973 erging vom Stadtbauamt deshalb ein erster Auftrag zur Erarbeitung eines „Orientierungssystems“ an das Büro für Städtebau und Architektur. Halle-Neustadts Wohnkomplexe, weniger der vom Schriftsteller Jan Koplowitz in einer Großreportage gerühmte „Aufbruch in das Wohnen von Morgen“ als eine Bienenwabe aus Betonfertigteilen, die mit Wohngebietskneipen, Arztblock, Kaufhalle und Schule dörfliche Strukturen nachbildete, sollten sich Besuchern und Einheimischen besser zu erkennen geben. 

Fremde scheitern zuverlässig

Größere „Blockkennzeichnungsnummern“, standardisiert an stets derselben Stelle angebracht, dazu ein neues „Bezeichnungs- und Informationssystem“, das 1977 in Auftrag gegeben wurde, wecken Hoffnung darauf, die Verwirrung auswärtiger Besucher zu beseitigen.

Eine weitere Täuschung. Anwohner kamen gut klar, je länger sie in Neustadt wohnten, desto besser. Fremde aber scheiterten zuverlässig. 1982 wurde mit „Blockkennzahlen“ nachgearbeitet, die wegen fehlender Produktionskapazitäten von einer Feierabendbrigade hergestellt werden mussten. Um zu verhindern, dass sich Kinder verliefen, die noch keine Zahlen lesen konnten, verpflichteten die Stadtplaner schließlich sogar zwei Gebrauchsgrafiker, die auf Bürgerwunsch, wie es im Briefverkehr der Behörden heißt, „Wohngebietssymbole zur weiteren Kenntlichmachung der Standorte der Wohnblocks“ in Form von Baummotiven entwarfen, die Müllhäuschen angebracht wurden.

So passten sich die kühnen Träume vom neuen Wohnen kleinteilig an die Möglichkeiten an. Paulicks erträumte „Zweckform von Technik und Industrie“ aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Kinderzimmer und Küche mit Durchreiche auf 52 Quadratmetern musste in zähen Kämpfen alltagstauglich gemacht werden. 

Plaketten aus Buna-Plastik

Ein erster Versuch mit Plaketten aus Buna-Plastik scheitert, weil das Material sich im Sommer verzog. Der zweite Anlauf glückte: Mit Schablonen wurden nun Symbole aufgemalt. Doch als nachgestrichen werden sollte, weil die Farbe schnell verblasste, waren die Pappvorlagen nicht mehr brauchbar - aus „Schuhsohlengummi“, so ein zeitgenössischer Bericht, mussten neue gefertigt werden.

Kurz vor dem Ende der DDR und dem Ende von Halle-Neustadt als eigener Stadt tauchen in den archivierten städtischen Unterlagen dann Überlegungen auf, der sozialistischen Chemiearbeiterstadt doch wieder Straßennamen zu geben. In langen Listen sind Bezeichnungen wie „Georgi-Dimitroff-Straße“, „Straße der Jugend“, „Wilhelm-Pieck-Ring“ und „Leninstraße“ aufgeführt, die auf Tauglichkeit geprüft, dann doch nicht mehr vergeben wurden.

Erst Anfang 1992, Halle-Neustadt war nach einer Bürgerbefragung bereits zu einem Stadtteil von Halle geworden, verschwanden die Blocknummern auf Beschluss des neugewählten Stadtrates. Sie wurden abgelöst von Dichter- und Blumennamen. Doch wer 30 Jahre später in Halle-Neustadt nach einer Adresse fragt und an einen älteren Einwohner gerät, muss bis heute mit einer Gegenfrage rechnen: Und welche Blocknummer war das?


Donnerstag, 12. Juni 2025

Kunstrasen: Abriss nach Aktenlage


Normalerweise wären sie jetzt alle hier: Saleh, Mohammed, Fabi und all die anderen Kinder und Jugendlichen aus der Neustadt, die auf diesem Platz ihre zweite Heimat gefunden hatten. Auf dem ehemaligen Trainingsgelände des Halleschen Fußballclubs blieb ein schöner Kunstrasenplatz zurück, als der Viertligist seine Zelte ab-, und zu neuen Ufern aufbrach.

Ein Glücksfall für Dutzende Kinder und Jugendliche aus Halle-Neustadt, die keine 300 Meter entfernt leben. Jeden Nachmittag, vor allem aber am Wochenende war der Platz voll. Es wurde trainiert. Es wurde gespielt. Um die Goldene Ananas, aber mit Einsatz und Spaß.

Doch dann endete die kurze, glückliche Episode des Platzes. Bagger und Bauarbeiter rückten an. Innerhalb weniger Tage war der Kunstrasen Geschichte. Im Moment stehen noch ein paar Begrenzungen, daneben große Container mit sauber getrenntem Abfall. Holzreste, die Ballnetze, ein Tor, noch ein zweites – aber alles ist vorbei. Für immer. 

Von der Erfolgsgeschichte zum Abriss


Für die Jugendlichen ist es eine Tragödie. Für die Stadt der Vollzug einer notwendigen Pflichtaufgabe. Was sich hinter der Zerstörung des einzigen öffentlichen Kunstrasenplatzes der Stadt verbirgt, ist allerdings eine Geschichte, die viel Deutschland im Jahr 2025 erzählt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. 

Die Fakten sind schnell aufgezählt: Gebaut wurde der Platz vom Halleschen Fußballclub, damals schon mit viel Unterstützung durch Fördermittel aus allerlei Töpfen. Die Spielfläche war das Herz des Leistungszentrums des Vereines, es wurden Ligaspiele ausgetragen, tagtäglich trainierten Männer, Frauen und Kinder in verschiedenen Altersklassen

Tabula rasa.


Dann kam das Jahr 2013 – und mit ihm das Jahrhunderthochwasser. Auch der Kunstrasenplatz wurde überflutet. Für gewöhnlich wäre das kein großes Problem: Das Plastik wird gereinigt und schon kann wieder gespielt werden. Doch diesmal suchten Verein und Stadt nach einer anderen Lösung. Der Fußballclub wollte das Gelände am Sandanger verlassen – zu hohe Kosten, zu alt die Gebäude, zu groß die Flutgefahr. Ein neues, modernes Nachwuchsleistungszentrum sollte entstehen, allerdings an einem anderen Standort, der sich besser eignet.


Bürokratie schlägt Herz 

Nur der Kunstrasenplatz wurde plötzlich zum Problem. Um Fördermittel für das neue Leistungszentrum zu bekommen, musste das alte Gelände laut Flutrichtlinie als komplett zerstört und unbrauchbar gemeldet werden. Also war der Platz mit einem Mal offiziell unbespielbar – auch wenn weiterhin dort trainiert und gespielt wurde. Millionen Euro Fördermittel standen auf dem Spiel. Das fand in der Nachwuchsliga beinahe zehn Jahre lang weiter auf dem nach Aktenlage zerstörten Kunstrasengeläuf statt. Aber parallel dazu entstand das neue Leistungszentrum, das schließlich feierlich eingeweiht wurde. 

Doch damit alles ordnungsgemäß abgerechnet werden kann, musste nun nur noch der alte Kunstrasenplatz nicht nur angeblich, sondern auch faktisch verschwinden. Eine rein verwaltungstechnische Entscheidung: Wenn der Rückbau der Altanlage zur Förderbedingung gehört, muss er erfolgen – egal, wie gut der Platz noch ist und wie viele Jahre er Freizeitsportlern noch gute Dienste leisten könnte.


Der Rest vom Fußballfeld.


Für die Verantwortlichen in den Büros ist der Unterschied zwischen kaputt und weg nicht groß. Aber für die Kinder und Jugendlichen, die hier Tag für Tag spielten, ist er riesig. Dieser Platz war nicht irgendein Fußballplatz. Es war der einzige Kunstrasenplatz der Stadt, der jederzeit für alle offenstand – ohne Vereinsmitgliedschaft, ohne Schließzeiten, ohne Nachbarn, die sich vom Lärm spielender Kinder gestört fühlen.

Als sie dann aber kamen, nichtsahnend, war alles weg. Der saubere Schnitt zwischen Neubau und Altanlage macht reinen Tisch und er hinterlässt eine Brache, auf die irgendwann Camper mit ihren Wohnmobilen ziehen sollen. Auf 50.000 Quadratmetern wäre Platz für etwa 500 Fahrzeuge, 70 sollen am Ende hinpassen.

Dass der Kunstrasenplatz fehlen wird, ist praktisch nur ein Gefühl der Betroffenen. Offiziell die Jugendlichen aus Halle-Neustadt den Platz nie nutzen dürfen. Dass die Spielfläche, einst mehr als eine halbe Million Euro teuer, die nächsten fünf, zehn oder 15 Jahre weiter hätte ihrem ursprünglichen Zweck dienen können, spielt auch keine Rolle. Verwaltungstechnisch war sie schließlich bereits seit zwölf Jahren abgeschrieben und unbenutzbar.

Am Wochenende war es immer voll.

Der Kunstrasen hätte noch Jahre seinem Zweck dienen können.

Der Abriss geht auf Halde.





Sonntag, 19. Mai 2024

Fall der letzten Maske: Abschied vom Ausnahmezustand

Die OP-Maske, die auf der Peißnitzinsel in einem Baum hing, hat sich vor wenigen Tagen verabschiedet.


Es ist vier Jahre her, dass die Welt sich von einem Tag auf den anderen veränderte. von einem Tag auf den anderen veränderte. Überall herrschte Maskenpflicht, Menschen verschwanden unter Schutzausrüstungen, ein kollektiver Gesichtsverlust trat ein. Damals, als die ersten Vorschrift zur sogenannten Gesichtsbedeckung den Blick der Deutschen auf sich selbst für immer veränderten, sollten alle diese Masken tragen. Aber anfangs gab es keine zu kaufen.

Umso auffälliger war eine Maske, die ein Unbekannter an einen kleinen Baum in einem Park gehängt hatte. So niedrig, dass jeder sie sehen konnte. So hoch, dass niemand in der Lage war, sie herunterzuholen.

Vier Jahre hing sie im Baum, die Maske.
Die blassblaue Maske überstand den ersten Sommer der Pandemie und den ersten Winter überstand sie auch. Unbeschadet hing sie an einem Zweig, vom Wind gebeutelt und vom Sturm zerzaust, nassgeregnet und anschließend wieder von der Sonne getrocknet. Es kam der Frühling und der nächste Sommer und sie war immer noch da, es kam der erste Ausnahmezustand namens "Lockdown" null und der zweite, die erste Impfkampagne und die mit den Boostern. Und sie baumelte weiter unerbittlich in ihrem Baum, als wollte sie alle verlachen, die vor lauter Angst und Unsicherheit und vor Hiobsbotschaften und Beruhigungsversuchen nicht mehr wussten, was sie nun glauben sollten und überhaupt noch konnten.

Die Maske war stabil, auch wenn sich alles rundherum änderte. Die Impfungen, die vor Ansteckungen schützten, taten das dann doch nicht, aber die Maske war noch da. Die neue Welle, die noch schlimmer werden würde, wie der Gesundheitsminister nicht müde wurde zu betonen, kam nicht. Doch die Maske war noch da. Corona wurde vom Sonderfall zum Alltag, wie die Maske, die ganz nah an einem beliebten Spazierweg hing. Und hing. Und hing. 


Vom Tag an, an dem der damalige deutsche Gesundheitsminister behauptete, dass „Mundschutz nicht notwendig ist, weil das Virus gar nicht über den Atem übertragbar ist“, bis zum Tag, an dem selbst im Freien Maske getragen werden musste, betrachtete sie die Veränderungen von höherer Position aus. Eine einfache OP-Maske, die auf dem Höhepunkt der Krise zwei Euro kostete - 100 Mal mehr als in gewöhnlichen Zeiten. Sie das alles durchgehalten. 

Der zweite Corona-Winter kam, der zweite Frühling, Sommer, Herbst und noch ein Winter. Als bleibe sie ewig jung, baumelte sie da oben, ein angeblich wirksames Viren-Abwehrmittel, das zum Denkmal einer verrückten Zeit wurde. Die Maske, im März 2020 auf den Baum geraten, hing dort noch im März vier Jahre später, etwas zerzaust, ein wenig fusselig, aber störrisch, als wollte sie ihren Platz nie mehr räumen.

Dann aber ist es doch passiert. Eines Tages war sie verschwunden, von einem kleinen Frühjahrssturm herabgeweht. Das Band war gerissen, der Mundschutz auf den Boden gefallen. Nach genau vier Jahren und zwei Monate, also 1520 Tagen, bestehend aus 217 Wochen, ist die Geschichte der letzten Maske vorbei.

Da liegt sie nun im Dreck.


Sonntag, 7. April 2024

Peter Sodann: Peter der Große


Er war Arbeiter, Theaterchef und Fernsehkommissar - noch mit 80 begann Peter Sodann in Sachsen mit dem Bau einer Bibliothek - und noch einem neuen Theater.


Morgens ist er immer mit dem Hund gegangen, jeden Morgen. Der Hund war ein Dackel, die Strecke immer ähnlich, die Aufgabe stets die gleiche. Peter Sodann, seit heute 80 Jahre alt, zog los, eine gute Tat zu vollbringen. "Ich mache meine Runde", sagte er, "und wo ich Müll liegen sehe, sammle ich ihn auf."

Sodann wusste natürlich, dass er belächelt wird. Die Gymnasiasten, die ihm entgegenkamen, schüttelten die Köpfe über den älteren Herren, der ihnen den Dreck nachräumte. Peter Sodann ist es egal gewesen. Er tue das ja nicht für die anderen, auch wenn er beharrlich hoffe, sein Beispiel werde irgendwann irgendetwas bewirken. Er tue das für sich, sagt er. "Ich fühle mich danach einfach besser."

Einsatz für sich selbst


Um anderes ist es nie gegangen in der langen, bunten Laufbahn von Halles größtem Prominenten. Sodann, im sächsischen Meißen geboren und früh mit dem DDR-Staat aneinandergeraten, hat schon bald nach Studium, Haft und Parteiausschluss begonnen, die eigene Nase als Kompass zu verwenden.


 Mit dem neuen theater in Halle, das er zusammen mit seinen Schauspielern aus einem alten Kino zimmerte, schuf sich der damals 45-Jährige ein richtiges Leben im falschen Sozialismus. Eine Insel, die Sodann auch so nannte: "Kulturinsel". Hier war er Herz und Seele, Motor und Steuermann, ein Impresario, der die Rollen als Pastor, Manager und Betreuer parallel spielen durfte.

Die gewitterhimmelblauen Augen werden heute noch eine Spur dunkler, wenn Sodann über seinen Abschied aus dem Haus spricht, das am Ende wie sein größerer Körper war. Rausgekantet hat er sich gefühlt, auf Grund gelaufen im Flachwasser der Kulturprovinz, in der ihm Stadtobere übel nahmen, dass er es war, der bei gemeinsamen Rundgängen durch die Straßen alle naselang gegrüßt wurde. "So klein ist manchmal das Denken", lächelte Peter Sodann, ehe er dem nächsten Passanten zunickte.

Ein Sachse in Halle


Er ist hier an der Saale, das sagt er freimütig, heimisch geworden. Aber kein Hallenser. Sodann, dem gelernten Werkzeugmacher aus Weinböhla, der an der Werkbank immer auf einem Fußbänkchen stand, eignet noch immer das sächsisch-verbindliche, die weiche, wortreiche Art des Mannes, dem Fremde im Zug einfach so ihr Leben erzählen und der seine eigenen Geschichten auch selbst gern hört. Vom Hundertsten ins Tausendste plaudert er sich da, sprudelt Gedichte und Lieder, große Namen, Loest, Weigel, Blüm, Geissler. Dazu Texte aus alten Rollen und philosophische Gedanken über die Welt und den Menschen, die Gesellschaft und die Geschichte.


Kein einfacher Mann war er, dieser Sodann. Schlägt Haken. Weicht aus. Provoziert. Verwirrt Feind, Freund und zuweilen sogar sich selbst. So hatte er einmal seine Bundestagskandidatur für die PDS angekündigt. Sie dann aber zurückgezogen, weil der MDR drohte, ihm seine geliebte Rolle als Tatort-Kommissar fortzunehmen, bei der er es geschafft hatte, den Fernsehfahnder nach seinem eigenen Ebenbild zu formen. Später trat er bei der Wahl zum Bundespräsidenten an. Erschreckte die Partei, die ihn nominiert hatte, aber gleich mit der Ansage, dass er den Chef der Deutschen Bank ja doch am liebsten verhaften würde.

Im Schlagzeilenorkan


Peter Sodann schmunzelte dann. Diese "Dinger", wie er sie nannte, die passierten ihm nicht so einfach, die baldowerte er vorher aus. Dann sagte er, dass es in Deutschland keine Demokratie gibt. Oder eben, dass er Herrn Ackermann verhaften möchte. Kann sein, dass ein Schlagzeilenorkan ihm für ein paar Minuten die Luft nimmt. Kann sein, dass man Freunde verliert. Sodann zuckt die Achseln. "Aber von denen hat man am Ende sowieso nur ein paar."


Es ist wie mit dem Papier aufheben und mit dem Müll sammeln. Das ist sein Peter-Prinzip: Er muss das nicht tun, aber er tut es gern. Er weiß, er fühlt sich besser danach. "Wohltun, wo man kann", sagt Sodann, "Freiheit über alles lieben und Wahrheit auch sogar vorm Throne nicht verleugnen." Den Spruch hat er zu Haus an der Wand hängen, noch nicht mal so ganz lange. "Aber das war auch schon vorher genau das, was ich leben wollte", sagte er.

Es ist ein Leben inmitten von Klassikersprüchen, tapeziert mit Zitaten, Gedichten, uralten Liedzeilen, das Peter Sodann führt. Schon zu DDR-Zeiten hat er an "der Dummheit der Herrschenden" gelitten, wie er sagt. Damals aber konnte er sich noch zurückziehen in das kleine, grenzenlose Theater in der eng umgrenzten Republik. Heute muss das Land die Bühne sein, auf der er für Gerechtigkeit und eine bessere Welt streitet, ohne direkt sagen zu können, wie die sein müsste. Klar, gerechter. Ohne Arm und Reich. Und ohne Dummheit am besten. Gegen die habe sein Theater ja immer angespielt.

Der "betende Kommunist"


Mit Zitaten kittet Sodann zusammen, was nicht zusammen geht: Einen betenden Kommunisten nennt er sich dann und er ist "im Nachhinein nicht böse, dass ich zu DDR-Zeiten eingesperrt war". Das habe ihm Gelegenheit verschafft, über sich und die Welt nachzudenken. Weggehen in den Westen? Nie ein Gedanke. "Ein Arzt verlässt seine Patienten nicht." Lange hat er sein Helfersyndrom an einen drogensüchtigen Jungen ausprobiert. Lars, blond, kindlich und zumindest optisch unschuldig, bekam von Sodann Essen und einen Job und Geld, das ihm stets mit der Ermahnung "aber nicht für Drogen" übergeben wurde. Lars hat seinen Beschützer immer wieder enttäuscht. Aber Peter Sodann gab nicht auf.


Es gehe ja gar nicht um das große Ganze. Es geht um den Einzelnen, rief Peter Sodann und die Blauaugen blitzten. Während seine Frau immer mal sage, er solle ein bisschen ruhiger machen, auch mal was auslassen, ziehe es ihn immer weiter. "Ich bin immer gefragt worden", beschrieb er, "willst Du in den Kindergarten, willst Du Werkzeugmacher lernen, willst Du Theaterchef werden, willst Du als Präsident kandidieren." Warum nicht, habe er jedes Mal gedacht. Was auch immer passiert, dümmer werde man nicht davon.


Das Leben ein Experiment


Das Leben ein Experiment, das immer wunderbar beginnt und öfter mal im Zwist endet. Peter Sodann weiß Bescheid. "Das erste Mal haben sie mich ja schon im Kindergarten rausgeschmissen."
Kein Grund, sich nicht immer wieder auf Dinge und Leute einzulassen. Peter bleibt bei seinem Prinzip. Hat er seinem neuen theater nach der Wende eine Bibliothek der bedrohten DDR-Bücher bauen wollen, so baut er seiner Bibliothek, die jetzt im sächsischen Staucha entsteht, nun ein Theater. 


Es sei so viel Platz da, schwärmte Peter Sodann, genug für Leseräume, Studierzimmer, eine Kneipe und vielleicht sogar für einen Golfplatz für die Armen. "Ich träume gern", sagte Peter Sodann, "träumen ist ja auch nicht gefährlich." Das Elternhaus in Meißen hatte er eingetauscht gegen ein neues Heim gleich neben der Bibliothek. 

Peter Sodann geriet mit 80 noch ins Schwärmen angesichts der Aussichten, die sich ihm boten. 

Ja, wenn alles fertig sein würde, wäre es fast wieder wie auf einer Insel.

Jetzt ist Peter Sodann mit 87 Jahren gestorben.

Zur Peter-Sodann-Bibliothek


Sonntag, 24. März 2024

Ende einer Ära: Die Geburt eines Zukunftsortes

Es ist nur selten möglich, einen Lost Place wirklich beim Entstehen beobachten zu können. Meist werden die Gebäude, aus denen sich der Mensch zurückzieht, eher unbemerkt aufgegeben. Fabriken geben auf, Labors oder Schulen, Kasernen und Kirchen schließen ihre Pforten, ohne dass es jemand bemerkt. 

Doch in Deutschland gab es nun schon zum zweiten Mal die Gelegenheit, einen großen Konzern beim Sterben zuzuschauen die letzten Tage seiner viele Jahrzehnte währenden Existenz direkt vor Ort mitzuerleben.
Nach dem langsamen Sterben der letzten und größten deutschen Kaufhauskette Kaufhof war es diesmal der Einzelhandelsriese Real, der seine Pforten mit Ansage schloss. Die gewaltigen Verkaufshallen leerten sich langsam, dann immer schneller. Die Regale gähnten ohne Waren, die Reste des Bestandes gingen aus Kisten und Boxen in den Verkauf, aber meist immer noch zu stolzen Preisen. 

Die Bilder, die am Ende einer ganzen Ära entstanden, erzählen vom leisen Tod eines Unternehmens, das über viele Jahre hinweg stets zur falschen Zeit das falsche tat, das aber mit einem untrüglichen Gefühl fütr den richtigen Moment. Für nachwachsende Generationen bleiben noch ein paar stadiongroße Hallen mehr, vielleicht dann bald für eine Cannabis-Zucht oder als bloße, aber sehr stabile Träger für die Paneele eines neuen Solarparks.


Sonntag, 14. November 2021

Reise nach Sundevit: Stolpern durch die Sturmflut


Es ist das 30. Jahr nach der Wiedervereinigung, als uns ein bizarrer Plan einfällt: Seit Jahren hatten wir vor, auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten entlangzuwandern. Dieser sogenannte Kolonnenweg ist insgesamt 1.400 Kilometer lang, eine zweispurige Linie längs durchs Land. Dort suchen wir nach dem, was übriggeblieben ist nach drei Jahrzehnten Einheit, danach, was die Natur uns aus der Vergangenheit erzählt und was die Menschen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sagen.

Die Ostsee im Sonnenschein ist immer ein schöner Anblick, noch schöner aber ist er, wenn man weiß, dass man seinen elend schweren Rucksack bald zum letzten Mal abwerfen kann. Und dann erstmal nicht mehr aufbuckeln muss.   Bis dahin sind es noch ein paar Schritte, immer am Ufer entlang, denn auch am letzten Abend wollen wir am Strand zelten. Dafür ist diese Gegend ideal, denn außer Sand und Meer und Wind und ein paar wenigen Spaziergängern und Strandbesuchern, gibt es hier ja nichts. 


Oder doch, Überraschung: Auf einmal taucht ein Kiosk auf, der auf keiner Karte eingezeichnet ist! Das ist für uns wie ein Zeichen, dass wir hier in der Nähe der "Strandnixe" bleiben sollen. Einige andere haben sich das auch gedacht und einen naheliegenden Parkplatz zum halblegalen Campingplatz für ihre Wohnmobile umfunktioniert.  

Wir essen ein Fischbrötchen, packen ein paar Bier ein und gehen zum Strand hinunter, um einen Platz für unser Zelt zu suchen. Der Sandstreifen ist hier nicht sehr breit, die Steilküste dahinter dafür aber sicher fünfzehn Meter hoch. Es gibt nur einen einzigen Weg hinunter - der Grund dafür, das ahnen wir aber noch nicht, dass unsere ganze Wandertour in der nächsten Nacht beinahe noch in einer Katastrophe endet.   Aber das passiert erst ein paar Stunden später, erstmal freuen wir uns über die schönste Zeltnische aller Zeiten, versteckt hinter ein paar alten Bäumen und sogar mit Sitzmöglichkeiten und einem alten Baumstamm, der wie ein Tisch aussieht.


Verwundert merken wir am Nachmittag, dass die Ostsee wohl doch so etwas wie Flut kennt: Der Strand, auf dem wir eine Decke ausgebreitet haben, wird immer schmaler, das Wasser rückt uns immer näher. Doch bis zum Zelt sind es noch mindestens fünf Meter und obwohl der Wind immer mehr auffrischt und die Wellen höher werden, wird der Zeltplatz sicherlich trocken bleiben, da bin ich sehr sicher. Nur gegen den Wind wollen wir etwas tun, weil der erfahrungsgemäß im Zelt immer klingt wie ein Orkan, der gleich alles wegfegen wird. Wir spannen also eine Plane als Windschutz auf. Sofort wird es still. 

 Bis es mitten in der Nacht mächtig kracht. Die Plane hat sich losgerissen - und während ich versuche, sie festzubinden, stelle ich fest, dass vom Strand fast nichts mehr übrig ist. Drei Meter unterhalb der Zeltleine steht das Meer, kurze Zeit später ist es schon auf zwei Meter herangerückt. Nach hinten können wir nicht, das ist die Steilküste. Und zur Seite geht nur noch vielleicht, denn auf den 600 Metern bis zum Aufgang ist der Strand an den meisten Stellen nicht halb so breit wie hier. 


Es ist drei Uhr früh, als wir hastig alles zusammenpacken, Stirnlampen aufschnallen und flüchten. Nur die ersten paar Meter trockenen Fußes. Dann erwischt uns die erste Welle dessen, was der Wetterbericht am nächsten Tag eine Sturmflut nennen wird.   Es ist stockdunkel, man sieht die vielen gefallenen Bäume nicht und der steinige Untergrund macht das Gehen zu einer gefährlichen Sache. Dann endlich haben wir es geschafft. 


Nass, aber glücklich kommen wir an der Treppe nach oben an, die - das bemerken wir erst jetzt - auf ein Stück Weg führt, dessen Musterung uns sehr bekannt vorkommt. Es ist das letzte Stückchen Kolonnenweg aus Betonkeksen aus dem kalten Krieg.  

Dahinter liegt eine kleine Wiese, auf die wir unser Zelt stellen. Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne, die auch dringend gebraucht wird, um all die nassen Sachen zu trocknen. Unsere Wanderstiefel schafft sie nicht, die bleiben noch eine ganze Woche nass - wie als Erinnerung an eine unvergessliche Wandertour.

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