Sonntag, 8. März 2015

Karl-Hans Janke: Der Mann aus der Zukunft


In der DDR weggesperrt, erfand das wunderliche Genie Karl-Hans Janke in der Psychiatrie im sächsischen Wermsdorf eine ganz eigene Welt aus futuristischen Maschinen. Würden sie funktionieren?

Hitler war noch nicht lange Reichskanzler, der 2. Weltkrieg noch ein dunkles Drohen hinterm Horizont. Bei Karl-Hans Janke aus Kolberg in Pommern aber, Sohn eines Bauern und als Student in Berlin und Greifswald gescheitert, hatte die Zukunft angefangen: 1936, Janke war 27 Jahre alt, reichte er beim Markenamt in München einen Patentantrag ein, der ganz genau ein Instrument beschreibt, das mehr als ein halbes Jahrhundert später unter dem Namen Navigationsgerät seinen Siegeszug rund um die Welt antreten wird.


Karl-Hans 
Janke erlebt die Wiedergeburt seines ersten Patentes aus dem Geist einer neuen Zeit nicht mehr mit. Er wird den größten Teil seines Lebens hinter den Mauern der psychiatrischen Klinik im sächsischen Wermsdorf verbringen und 1988 einen stillen, einsamen Tod sterben. 50 Jahre, nachdem ihm das Patent für das Prinzip des Navigationsgerätes erteilt wurde. Und 15 Jahre, bevor die ersten Navis für Privatanwender erschwinglich wurden.

Es ist die große Tragödie eines großen Geistes, der seiner Zeit so weit voraus ist, dass ihn zeitlebens niemand verstehen kann. 1949, als Janke mit einem selbstgemalten Plakat dagegen demonstriert, dass es nicht genug Spielzeug für Kinder gibt, fällt er den Behörden zum ersten Mal auf. Ein Amtsarzt stellt bei dem 40-jährigen Spielzeugmacher Mangelernährung und Anzeichen von Verwahrlosung fest. Janke landet in der geschlossenen Abteilung der Klinik im Schloss Hubertusburg. Die Diagnose lautet auf Schizophrenie. Diese zeige sich vor allem in "wahnhaftem Erfinden".

Doch auch hinter den Mauern der Verwahranstalt für geistig Kranke, in der eine Handvoll Ärzte mehr als 900 Patienten eher beaufsichtigt als behandelt, hört der Mann aus der Zukunft nicht auf, epochale Erfindungen und revolutionäre Technologien auf Einpackpapier und alte Pappen zu zeichnen. Seine futuristischen Raketenflugzeuge, die er "Trajekte" nennt, sehen aus wie heute das Space Shuttle. Himmelhohe Turbinen lässt er Energie aus dem Erdmagnetfeld saugen, seine "Impuls-Strahl-Triebwerke" schaffen auf dem Papier mit Hilfe von "Blitzdüsen-Elektroden" zwei Millionen Watt Leistung. Pflegern und Ärzten der Klinik gilt Janke  als "anders als die anderen". Man lässt ihn zeichnen, er darf Vorträge über seine Erfindungen vor dem Personal halten und Material aus den Werkstätten benutzen, um Modelle seiner Raketenflugzeuge zu bauen.

Janke kämpft für die Ideen, die ihm aus einer unerschöpflichen Quelle zusprudeln. Er schreibt lange Briefe an Behörden und Betriebe, meldet Patente an, korrespondiert mit dem Neuererwesen und bittet immer wieder um seine Entlassung, um sich ganz der Forschung widmen zu können. Denn so lange er in Hubertusburg eingesperrt ist, das ist ihm klar, wird niemand seine Flugzeuge testen und keiner seinen in den 50ern entworfenen Tintenkugelschreiber bauen. Der übrigens aufs Haar dem gleicht, den der Amerikaner Paul Fisher 1965 erfinden wird, als die US-Weltraumbehörde Nasa einen weltalltauglichen "Space Pen" sucht.

Denn immer, wenn es Karl-Hans 
Janke geschafft hat, in einem volkseigenen Betrieb Interesse zu wecken oder einen Termin beim Patentamt zu bekommen, fällt seine Wohnadresse auf: Eine Irrenanstalt. Termine werden abgesagt, versprochene Test abgeblasen, die Erteilung von Patenten abgelehnt.

In einer Kammer unter dem Dach, die ihm als Refugium dient, zeichnet der Visionär dennoch weiter Weltraum-Schiffe mit "Gyro-Kreisel-Aggregaten" und elegante Miniroller, wie sie heute durch die Innenstädte aller Metropolen schnurren. Der DDR-Fluggesellschaft "Interflug" macht er sein Raumschiff "Venusland" zum Geschenk, seinem "reaktiven Strahl-Kessel-Antrieb" attestierte er, "ohne radioaktive Auswurf-Stoffe" auszukommen. 
4 500 Zeichnungen produziert Janke in knapp 40 Jahren unermüdlicher Forschungsarbeit, dazu kommen zahlreiche Modelle und Aufsätze zu philosophischen Themen. Seine Planzeichnungen, deren künstlerische Ausführung an die Skizzen Da Vincis erinnern, lässt sich der Erfinder in Ermangelung anderer Möglichkeiten stets von Ärzten mit Datum gegenzeichnen und stempeln, um seine Urheberschaft so bezeugen zu lassen.

Seine letzten Jahre verbringt Janke pflegebedürftig im Bett. Mit seinem Tod gerät auch sein Name in Vergessenheit, sein Werk ist verschollen. Erst 12 Jahre später werden bei Sanierungsarbeiten 2 500 Zeichnungen in Obstkisten auf dem Dachboden des Schlosses Hubertusburg gefunden. Ein Verein kümmert sich seitdem um den Nachlass des Visionärs aus Sachsen. Dessen Ideen haben ihren Urheber überlebt. Ihre ganz große Zeit aber wird vielleicht erst noch kommen.

Alles zum einzigartigen Werk des genialen Irren steht hier

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