Dienstag, 12. Mai 2015

Die Geldsammler im Internet

Mit der US-Seite Kickstarter gibt es bald noch eine Möglichkeit mehr, Ideen mit Hilfe von Investoren aus dem Internet zu verwirklichen.

Der US-Liedermacher Paul Basile hat es bei seinem letzten Album mit seiner Band Great Elk getan, die Erfinder der Smartwatch Pebble haben ihr weltweites Erfolgsmodell so finanziert, der Leipziger Filmemacher Mark Michel versucht es gerade bei einem neuen Dokumentarfilm namens „Sandmädchen“ über die autistische Schriftstellerin Veronika Raila und das vom Hallenser Wolfgang Aldag angestoßene Blumenprojekt „Millionen für Halle - Halle blüht auf“ steht noch ganz am Anfang.

Ob der Mann, der einst die große Händelwiese auf dem Markt der Saalestadt begrünte, die erträumten knapp 6 000 Euro für eine Narzissenbepflanzung zusammenbekommt, ist noch unklar. Aber sicher ist: Ideenfinanzierung aus dem Internet ist der große Trend der Zeit. Auf Plattformen wie Startnext, Visionbakery, 100fans oder Dreamojo können Menschen, die irgendein Projekt verwirklichen wollen, ihr Vorhaben darstellen. Und das Publikum bitten, mit mehr oder weniger großen Beträgen bei der Umsetzung zu helfen.

Dabei geht es nicht um Spenden, sondern - hier mehr, dort weniger - um Investitionen. Wer etwa Paul Basiles Album kaufte, noch ehe es existierte, bekam zusätzlich zur Zusendung der CD vorab Zugang zu Demo- und Live-Aufnahmen. Die Kultband Einstürzende Neubauten, die das sogenannte Crowdfunding bereits seit vielen Jahren betreibt, lässt zahlende Fans sogar bei der Studioarbeit zuschauen.

Je nachdem, wer wie viel geben will, schnüren Anbieter unterschiedliche Pakete. Narzissen-Fan Aldag belohnt Geldgeber mit Narzissen-Postkarten, die Macher der 3D-Brille Wearality Sky versprechen Vorabexemplare, der Regisseur Mehrdad Taheri lockt mit einer Einladung zur Premiere seines Thrillers „Dünnes Blut“.

„Soziales Business“ nennen das die einen, „Kreativität gemeinsam finanzieren“, sagen die anderen. Seit der US-Musiker Brian Camelio vor zwölf Jahren mit der Internet-Plattform ArtistShare startete, sind ähnliche Seiten wie Pilze aus dem Boden geschossen. Indiegogo und Sciencestarter, Crowdfans und Spieleschmiede - egal, ob Musik, Kunst, Technik oder die Gründung einer Gaststätte, einer Autowerkstatt oder eines Buchverlages - es gibt unzählige Möglichkeiten für Leute mit Ideen, sich von der großen Internetgemeinschaft bei der Verwirklichung helfen zu lassen. Dabei gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip: Wird das vom Initiator gesetzte Finanzierungsziel erreicht, zahlen die Unterstützer. Wenn nicht, dann nicht.

Längst ist das Geldsammeln für dies und das ein Riesengeschäft. Der deutsche Marktführer Startnext wurde vor fünf Jahren in Dresden gegründet, später starteten hierzulande zahlreiche weitere Plattformen. Manche zielen dabei auf Fans, die kleine Summen geben, um ihre Stars zu unterstützen. Andere haben wie innovestment.de oder companisto.de eher die Absicht, echte Investoren zu werben. Das Geld, das hier gesammelt wird, fließt in eine Firmenbeteiligung: Wird das Produkt, zur Zeit etwa das E-Bike Freygeist oder die 360-Grad-Wurfkamera Panono, wirklich ein Verkaufsrenner, zahlt sich das für die Finanziers aus.

Dabei geht es nicht um kleine Summen, wie sich bei vielen Finanzierungsbitten zeigt. So haben die Entwickler des „Freygeist“-Fahrrads bereits mehr als eine Million Euro eingesammelt, die Macher eines nachhaltigen und fairen Kondoms namens „Einhorn“ kamen auf mehr als 100 000 Euro und die Erfinder von Fahrradpedalen, die zugleich als GPS-Diebstahlsicherung dienen, warben in nur zwei Tagen fast 50 000 Dollar ein.

Dabei will Kickstarter, die größte Crowdfunding-Plattform, jetzt erst richtig durchstarten. Bisher konnten deutsche Erfinder, Macher und Künstler nur die internationale Seite des Dienstes nutzen, ab 12. Mai wird es nun eine lokalisierte Plattform für Deutschland geben. „Deutschen Gründern und Kreativen stehen dabei alle 15 Kategorien von Kickstarter zur Verfügung, um eigene Projekte zu präsentieren“, kündigt Yancey Strickler an, der die Firma 2009 in New York mitgegründet hat. Seither habe sein Unternehmen 8,4 Millionen Menschen weltweit dazu motiviert, fast 1,5 Milliarden Euro auszugeben und damit mehr als 83 000 Ideen zum Leben zu erwecken.

Aber ohne Hilfe von Crowdfundingfirmen geht es auch, dachten sich Detlef Thürkow und Sven Ziegler vom halleschen Fußballverein Turbine, als es um die Frage ging, wie der kleine Klub Geld für einen Kunstrasenplatz auftreiben könnte. Statt eine der etablierten Plattformen anzusteuern, programmierte der studierte Geograf Thürkow zusammen mit einem Computerexperten aus dem Verein eine eigene technische Lösung, über die nun seit Anfang des Jahres symbolisch Rasenstücke am neuen Platz verkauft werden. Mit beinahe unfassbarem Erfolg: In nicht einmal vier Monaten brachte die Turbine-Aktion „Wir stauben den alten Schotter ab“, die aus einem historischen Schotterplatz aus den 50er Jahren einen modernen Kunstrasenplatz für den Vereinsnachwuchs machen soll, fast 30 000 Euro von Privatspendern, Firmen und Sponsoren ein.

Direkt zur Aktion:
Kunstrasen Turbine Halle

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