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| Renft-Gründer Klaus Renft daheim in Löhma, wo der legendäre Musiker seine letzten Jahre verbrachte. |
Er war der Mann, der meist verboten war, ein Sonderling mit vielen sozialen Talenten, dessen Bass-Spiel nach eigenem Bekunden eigentlich nicht reichte, professionell Musik zu machen. Klaus Renft tat es dennoch und er wurde eine Legende. Vor 20 Jahren starb der Gründer der Gruppe Renft. Ein letzter Hausbesuch bei Klaus Renft in Löhma.
Irgendwo muss noch ein Bild von dem berühmten Kassettenrekorder sein. "Das wusste ja keiner", sagt Klaus Renft, "dass der hinter meinen Bass klebte." So wenig wie er wusste, was genau passieren würde. Aber Klaus Renft, der jetzt auf seiner Veranda im kleinen thüringischen Örtchen Löhma in der Sonne sitzt, immer mal an seiner Pfeife schmaucht und schmunzelt, hatte so ein Gefühl. "Mir schwante, dass die ein Ende mit uns machen."
Klaus Renft ist einer, der seinem Bauch vertraut. Die anderen in seiner Klaus-Renft-Combo sind damals, an jenem 22. September 1975, der Meinung, "uns verbieten, das werden die sich nicht wagen". Klaus Renft, von allen "Jenni" genannt, bastelt dennoch den Rekorder an sein Instrument, um das Todesurteil für die Nachwelt aufzunehmen.
Es klappt: Die Renft-Combo, angetreten, einer Staats-Kommission neue Lieder vorzuspielen, wird für "nicht mehr existent" erklärt.
Die Wut wegsaufen
Die Band zieht sofort in die Kneipe, die Wut wegsaufen. Klaus Renft muss vorher noch ein kleines Problem lösen: "Wie kriege ich das Ding aus, ohne dass einer was merkt."
Dreißig Jahre danach ist die DDR lange weg. Nur Klaus Renft ist immer noch da. Er spielt jedes Wochenende irgendwo auf einem Dorf, in einer kleinen Stadt, zusammen mit ein paar von den alten Jungs und ein paar neuen. Vor dem Konzert kommen immer Leute hinter die Bühne, wo Renft, Monster und die anderen Bier trinken, gucken aus feuchten Augen und klopfen den alten Helden auf die Schultern. "Möönsch, Jenni, wie geht's, halt die Ohren steif, mein Alter."
Hält er. Was denn sonst. Als Klaus Renft vor fünf Jahren erfuhr, dass ein Krebs in ihm wuchert, hat er einfach weitergespielt, bis die Krankheit sich trollte. Vor kurzen ist der Krebs zurückgekehrt. Renft musste sich erneut operieren lassen, die Narbe am Hals ist noch ganz frisch. Aber die Augen des 63-Jährigen strahlen wieder. Bald fange die Chemo an, sagt er. Das werde schwer, denn "ich weiß nicht, wie das mit den Auftritten hinhaut".
Renft ist ein Kämpfer. Als Musiker hält er sich selbst für eher mittelprächtig, auch seine Kollegen schätzten in ihm mehr den Organisator mit dem Händchen für junge Talente. Den Gitarristen Peter "Cäsar" Gläser hat er entdeckt und den Sänger Thomas "Monster" Schoppe auf einem Dorf-Tanzsaal aufgegabelt. Der Keyboarder Christian "Kuno" Kunert wird an der Musikhochschule aufgetrieben, der Autodidakt Pjotr Kschentz spielt die Geige und den Klarinettisten Jochen Hohl ernennt er zum Trommler. In dieser Besetzung feiert die Renft-Combo Triumphe.
Drei Jahre in der Hitparade
Lieder wie "Wer die Rose ehrt" beherrschen drei Jahre lang die DDR-Hitparaden, Amiga verkauft mehr als 200 000 Schallplatten, die Tanzsäle toben und die Kritiker jubeln. Renft selbst, 1942 in Jena als Klaus Jentzsch geboren, ist der alte Hase in der neuen Band. Schon 1959 tritt er das erste Mal mit einer Renft-Combo auf - der Name Renft ist der Mädchenname seiner Mutter. In Nylonhemd und Karo-Schlips, auf dem Kopf Elvis-Tollen aus Zuckerwasser, rockt die Band und die Leute rasen.
Am Tag darauf wird die Gruppe verboten. So wird das nun immer gehen. Klaus Renft, der mit weichem Thüringer Dialekt spricht, ist eine Art Forrest Gump des DDR-Rock. Arglos immer dort, wo es kracht. Mit den Butlers gründet er in den 60ern die erfolgreichste Beatgruppe des Ostens. Die wird verboten - und Renft, der sich für einen unpolitischen Mann hält, steht plötzlich im Mittelpunkt des dadurch ausgelösten Gammleraufstandes in Leipzig. Dasselbe dann noch einmal mit Renft: Als die Band Westflucht und Wehrpflicht thematisiert, dreht der Staat dem Sextett den Saft ab.
Klaus Renft hat damals die Wahl gehabt. Einfach die Unruhestifter rausschmeißen! Der Rest hätte weitermachen dürfen.
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| Der Bassmann. |
Aber Klaus Renft hat nicht mal drüber nachgedacht. "Keine Sekunde." Die Loyalität des Hobbymalers, der Konzerte mit geschlossenen Augen spielt und dabei in sich hineinlächelt, gehört den Freunden, nicht dem Staat. So ist im Herbst '75 alles aus. Die Band zerbricht, es weht die Musiker auseinander. Klaus Renft geht in den Westen und arbeitet am Theater. Renft-Band, Rock-Ruhm und Renitenz verblassen zu ferner Erinnerung. Dass Renft in der DDR zum Kult wird, alte Platten wie Heiligtümer gehandelt werden und kein Lagerfeuer ohne "Apfeltraum" abbrennt - Renft hat davon nichts mitbekommen.
Kein Lagerfeuer ohne "Apfeltraum"
"Ich dachte, wir sind vergessen."
Waren sie nicht. "Als ich das mitbekam, das war ein so phantastischer Moment", sagt Klaus Renft, der die großen Worte eigentlich scheut. Dieser Moment aber hält bis heute an. All die gestohlene Zeit, all die geraubten Jahre, die nie geschriebenen Lieder, die nie gespielten Konzerte, die dicken Bände Stasi-Akten, die Angst. Renft winkt ab. Hör die Band, wie sie spielt. Hör die alten Lieder, die immer noch ans Herz greifen. Es gibt keine Reue, keinen Zorn in Klaus Renft. Wie es war, so war es gut. "Wir haben doch Spuren hinterlassen", sagt er, "und wir hatten Spaß".
Der Mann, der eine Legende ist, zieht an der Pfeife und stellt die Augen auf unendlich. Alles würde er wieder so machen, ganz genau so. "Ganz ehrlich", sagt Klaus Renft, gehüllt in eine Wolke dünnen Rauch,"ich bin glücklich."
Langer Weg zur Legende
Zwei Langspielplatten nur und eine Handvoll Singles umfasst das Werk der Original-Renft-Combo. Schon mit dem 1973 erschienenen Album "Klaus-Renft-Combo", das Hits wie "Wandersmann" und "Trug sie Jeans" enthält, begründete das Sextett seinen Ruf. Zwei Jahre später kam der Nachfolger "Renft" auf den Markt, ein Konzeptalbum, das von der Hymne "Nach der Schlacht" beherrscht wird.
"Variationen der Einsamkeit"
An Album Nummer 3, das "Variationen der Einsamkeit" heißen sollte, arbeitete die Band, als sie verboten wurde. Nur einige wenige Stücke waren schon fertig, darunter die "Rockballade vom kleinen Otto" und "Sonne wie ein Clown". Statt Album 3 veröffentlichten Bandmitglieder im Westen einige aus der DDR geschmuggelte Proberaumaufnahmen.
Erst 1990 meldete sich die Gruppe dann mit einem in Leipzig aufgenommenen Live-Album zurück. Neun Jahre später - und 25 Jahre nach den ersten Proben -war dann auch Studio-Album Nr. 3 fertig: Die Band, dem Galgenhumor stets zugetan, nannte es "Als ob nichts gewesen wär'".
Klaus Rwenft hatte da immer noch diese seltsame Angewohnheit, die ihn unverkennbar machte. Wenn Klaus Renft auf die Bühne ging, dann schnallte er sich seinen Bass zuvor um wie kein anderer Bassist: Der breite Ledergurt lief über die Schulter des Mannes, den alle nur „Jenni“ nannten. Und von dort zwischen seinen Beinen zurück zum Instrument. Klaus Renft wollte ihn nicht nur bedienen, nein, er wollte ihn spüren, seinen Bass.
Mehr Hingabe als Kunstfertigkeit
Den spielte der gebürtige Thüringer mit mehr Hingabe als Kunstfertigkeit, wie er selbst gestand. Klaus Renft, in Jena als Klaus Jentzsch geboren und schon mit 16 Jahren Gründer seiner ersten Band, war von Haus aus Musiker, erst bei den Butlers, dann bei der legendären Renft-Combo. Doch sein wirklich großes Talent bestand darin, Leute zusammenzubringen und aus ihren Talenten mehr zu machen als die Summe aller Teile.
Von 1958 an, als er die erste Renft-Band, so benannt nach dem Mädchennamen seiner Mutter, zusammenrief, war Klaus Renft unter den schwierigen Bedingungen der Rock-Produktion in der DDR ein Macher, ein Organisator, ein Querkopf und Schelm.
„Ich war in meinem Leben mehr verboten als erlaubt“, sagte er von sich. Das klang nicht etwa larmoyant, sondern humorvoll: Auf dem Gipfel ihrer Schöpferkraft hatten die DDR-Kulturbürokraten die Band Renft im Jahr 1975 verboten. Mit dem Erfolg, dass aus der Gruppe in den Jahren danach eine Legende wurde, unfassbar und unsterblich.
Von innen betrachtet aber sah das alles ganz anders aus, wie die jetzt von Renfts Lebensgefährtin Heike Stephan und der aus Sangerhausen stammenden Schriftstellerin Undine Materni veröffentlichten Tagebücher des 2006 an einem Krebsleiden verstorbenen Musikers und Malers zeigen.
Die bewaffente Nachtigall
Der Mann, der Renft war, hatte zwischen 1968 und 1997 regelmäßig notiert, welche Fragen ihn bewegten, welche Hindernisse sich zwischen ihm und seinem großen Traum von Rock’n’Roll auftürmten und welche Überlegungen er anstellte, um im Klima andauernden Misstrauens Rockmusikern gegenüber auftreten und Platten machen zu dürfen.
„Die Bewaffnung der Nachtigall“ haben Stephan und Materni das Buch genannt, das auf 239 Seiten in ausgewählten Notizen ein ungeschminktes Innenbild des Lebens eines Überzeugungstäters zeichnet. Klaus Renft, im Hauptberuf anfangs Verkäufer in einer Leipziger Musikalienhandlung, ist so etwas wie der Forrest Gump der Populärmusik der DDR.
Als die ersten jungen Männer sich elektrische Gitarren umschnallen, ist er dabei. Als junge Leute beim Beataufstand in Leipzig gegen die rigorose Verbotspraxis der Behörden auf die Straße gehen, ist er der Anlass. Buschfunk-Chef Klaus Koch, der Renfts Tagebücher verlegt hat, lernte den Mann mit der ewig qualmenden Pfeife kennen, als dessen Combo 1972 vergebens nach dem Kulturhaus in Pretzsch an der Elbe suchte. „Auf einmal standen sie bei meinen Eltern im Wohnzimmer - in Bad Schmiedeberg.“
Eine Band für Honeckers Tauwetter
Nette junge Leute, die noch mit der Familie frühstücken, ehe sie schließlich zu ihrem Konzert aufbrechen.
Nach Beginn des kulturellen Tauwetters spielt seine Band beim Jugendfestival der FDJ vor tausenden Fans, doch als sie beginnt, immer kritischere Töne anzuschlagen, ist sie auch die erste, die trotz ihrer Popularität mit einem Entzug der Spielerlaubnis samt DDR-weitem Berufsverbot bestraft wird.
Klaus Renft hat unter dem Misstrauen und den Maßregelungen gelitten, mehr aber hatte er noch zu kämpfen mit den internen Meinungsverschiedenheiten in seiner Band.
Eine Fraktion wollte im Duell mit dem Staat einlenken, eine andere den offenen Krieg riskieren. Renft, ein sanfter, gutmütiger Mann, der sein Leben lang nicht aufhörte, im weichen Thüringer Singsang zu sprechen, mühte sich zu vermitteln. Und scheiterte. „Man kann in einem Land nicht leben, aus dem man nicht auswandern kann“, hatte Sänger Thomas Schoppe bei einem Konzert in Karl-Marx-Stadt unabgesprochen von der Bühne gerufen.
Das Publikum tobte, Klaus Renft, der müde Mittler, suchte die Kraftprobe mit seinen Bandkollegen und verlor: Sie setzten ihn als Bandchef ab. Wenig später gab es Renft nicht mehr.
All die Zweifel, die den damals gerade 33-Jährigen plagten, aber auch sein unbedingtes Bekenntnis zur Solidarität mit seinen Kollegen, die von der Stasi neutralisiert werden sollen, schreibt Klaus Renft auf. Manchmal in Prosa, manchmal in langen Listen und Plänen, manchmal auch in Gedichten, aus denen unter anderen Umständen vielleicht wunderbare Renft-Songs geworden wären.

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