Samstag, 27. Juni 2026

Gerhard Gundermann: „Ich war ein Soldat in der falschen Armee“

Der Tag war noch fern. Irgendwo weit hinter der nächsten oder übernächsten Platte lag er, und dass er kommen würde, hat Gerhard Gundermann ganz genau gewusst. Aber Gundermann, den alle seine Freunde bloß „Gundi“ rufen, hat darauf gewartet. Wenn keiner was sagt, muss er auch nicht, so ungefähr dachte er. „Wenn mich jemand nach der Sache gefragt hat“, hat er später beschrieben, was in ihm vorging. Nein, nie hat er gelogen. „Ich habe die Wahrheit gesagt.“

Sänger, Texter, Liedermacher

Die war fürchterlich genug. Er, Gerhard Gundermann – Sänger, Texter, Liedermacher –, war acht Jahre lang im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) tätig. „Zur Wahrnehmung der Konspiration“, schrieb er damals in seine Verpflichtungserklärung, „wähle ich mir den Decknamen ‚Grigori‘“. Seiner Frau hat „Grigori“ später alles lange erzählt; der Chef seiner Plattenfirma und die Freunde von der Rockgruppe „Silly“ haben es dann nach der Wende direkt von ihm erfahren. Auch die Musiker seiner Band wissen Bescheid. Die sollen ja wissen, zu dieser Auffassung war Gundermann gekommen, „warum sie vielleicht mal faule Eier an den Kopf geknallt kriegen.“

Gewundert haben sich alle. Groß gefragt hat niemand. Gegangen ist auch keiner. „Und damit“, denkt der Mann mit dem dünnen Blondhaar und der großen Brille, „war die Geschichte für mich erstmal vergessen.“ Ohnehin hätte „eine richtige Aufarbeitung“, denkt Gundermann, nur im Raum DDR funktioniert. „Die DDR ist weg – wie soll man da jetzt noch erklären, wie das war?“ Wenn er es doch selber nicht versteht?

Die Akte, von der er immer „so eine ganz harmlose Ansicht“ hatte, war dann irgendwann draußen. 1995 war das, als die 500 Seiten mit Berichten zu Kollegen, Informationen über die DDR-Musikszene und Hinweisen zu illegalem Geldwechsel für Schlagzeilen sorgten. Nach dem damals prominenten Radiomoderator Lutz Bertram, dem Lyriker Sascha Anderson und dem Puhdys-Musiker Peter Meyer nun auch noch Gundermann. 

Dylan aus dem Tagebau

Ausgerechnet Gundermann. Der „Dylan aus dem Tagebau“, der nach seiner letzten Platte als „originärster ostdeutscher Rocksänger“ gelobt und von seinen Fans als eine Art Sprachrohr ostdeutschen Selbstbewusstseins verehrt wurde. Gundermann, der Widerborstige, Aufrechte, Unbestechliche, zu DDR-Zeiten in stetem Streit mit der Partei, von Kulturbehörden beargwöhnt und zeitweise totgeschwiegen. Gundermann, der sich vom gläubigen Kommunist, staatstreuen Parteimitglied und Offiziersbewerber zum Abweichler, Staatsfeind und schlaflosen Nebenerwerbskünstler auf einer nie endenden Tournee zwischen Schichtende und Schichtbeginn gewandelt hatte. 

"Gundi" fuhr seinen Braunkohlenbagger auch aus demonstrativen Gründen. Er war zugleich auf der Flucht vor der Vereinnahmung und versucht vom Erfolg, uneins mit sich selbst und auf der Suche nach einer Vision für alle. Er wollte nicht abheben, sondern lieber ausbrennen. 

War es die Schuld, von der er später sagte, er fühle sie? Sah er die doppelte Last als Schichtarbeiter und  Künstler als Buße, die er angenommen hatte? Als Gundermann kurz vor dem Höhepunkt seines Erfolges  in der wiedervereinigten Republik stand, den großen Plattenvertrag mit einem internationalen Konzern direkt vor der Nase, tauchte plötzlich ein Gespenst aus der Vergangenheit wieder auf: IM „Grigori“, das Gespenst aus einer vergangenheit, in der Gundermann 21 Jahre alt gewesen war und glühender Kommunist, machte aus dem „Kundschafter des Guten“, für den er sich hielt, eine Persona non Grata für die Musikindustrie.



Der falsche Brandenburger

Das Leben des Mannes aus Thüringen, den es so jung in die Lausitz verschlagen hatte, dass ihn seine Fans meist für einen Brandenburger hielten, vollendete sich zu früh. In der DDR hatte Gundermann lange nach seinem Weg gesucht. Im Westen, in den er nie gewollt hatte, meinte er kurz, ihn  gefunden zu haben. Aus dem Hilfsarbeiter im Tagebau, der sich zum Baggerfahrer hochgearbeitet hatte, wurde ein  Künstler im Hauptberuf, auch wenn er dem Frieden nicht trauen wollte, den seine Leidenschaft für die Musik und seine Angts, von ihr abhängig zu werden, miteinander geschlossen hatten.

Gundermann fuhr weiter mit seinem Wartburg umher, nach schiht durch die halbe Republik zum Konzert, nach dem Konzert zurück zur nächsten Schicht. Der Chef seiner Plattenfirma bekniete ihn wieder und wieder, sich doch wenigstens ein vernünftiges Auto anzuschaffen. Sein Anteil an den einnahmen von Alben wie "Einsame Spitze" und "Der 7te Samurai" seien doch hoch genug, an dieser Stelle nicht zu knausern.

Gundermann wollte nicht hören. Er konnte nicht über seinen Schattenspringen. Am Ende mussten sie ihm den neuen Wagen schenken. Die Kerze, die an beiden Enden brannte, hat Regisseur Andreas Dresen später in seinem Film "Gundermann" einfühlsam porträtiert - mit einem Fokus auf die gerade mal sechs der 48 Lebensjahre andauernden Stasi-Zuträgerdienste des Künstlers.

Was er selbst zu diesem dunklen Kapitel sagte, erklärte Gundermann 1995, wenige Tage, bevor seine Akte und sein Wriken als "IM Grigori" bekannt wurden. „Ich dachte damals, die DDR ist so eine Art belagerte Festung“, sagte er. Das Gespräch mit ihm zeigt einen Mann, der sich schuldig fühlt. Aber auch  immer und schon wieder ganz falsch verstanden.

Herr Gundermann, wie fing damals im Jahr 1976 alles an?

Gerhard Gundermann: „Zur Klärung eines Sachverhalts“ wurde ich als 21-Jähriger zur Polizei zitiert. Dort erwartete mich Georg Stasch, Unterleutnant der MfS-Bezirksverwaltung Cottbus. Für mich als SED-Mitglied, FDJler und jemanden, der tief durchdrungen war vom Glauben an den Sieg des Sozialismus, war das keine große Sache. Die waren doch für mich die Guten. Ich dachte damals, die DDR ist so eine Art belagerte Festung. Unterleutnant Stasch argumentierte: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und Du, Genosse, bist doch für uns, oder?“ Der leise Zweifel, der da mitklingt, hat mich mein Leben lang begleitet.

Sie wollten also schon früh für das System arbeiten?

Gerhard Gundermann: Schon als Junge wollte ich für die Revolution arbeiten. Bei der Berufsberatung habe ich sogar angegeben, Agent sei mein Traumband. Da das nicht ging, meldete ich mich für die Offiziershochschule. In Löbau, wo die Neuen zur Begrüßung erst mal Einrücken und Ausrücken aus der Unterkunft exerzieren mussten, kollidierten Anspruch und Wirklichkeit zum ersten Mal. Du willst den Sozialismus beschützen, nörgelte ich, und die lassen dich wie einen Idioten mit dem Koffer rumrennen. Einige Auseinandersetzungen später flog ich von der Schule. Ich konnte weder richtig schießen noch Schützenpanzer fahren, und als Politoffizier wollten sie mich nicht.

Wie ging es danach für Sie weiter?

Gerhard Gundermann: Ich beschloss, in die Produktion zu gehen, machte Wechselschichten auf einem Braunkohlebagger in Welzow und trat zwischendurch mit dem Hoyerswerdaer Singeklub auf. Immer wieder eckte ich als notorischer Querkopf bei Partei und FDJ an. Da kam die Stasi gerade recht. Ich habe mir eingebildet, dass ich über die Stasistrecke gegensteuern kann.

Laut Ihren Führungsoffizieren, die Sie alle zwei Wochen in der konspirativen Wohnung „Hildegard“ trafen, waren Sie ein „guter Spitzel“. Sie lieferten Berichte „sehr guter Qualität“, galten als ehrlich, zuverlässig und als Mann mit Zukunft. Was genau haben Sie getan?

Gerhard Gundermann: Ich habe Briefe von Freunden besorgt und sie dem MfS zur Durchsicht gegeben. Ich habe Singeklub-Kollegen gemeldet, die sich Sprechfunkgeräte aus dem Westen mitgebracht hatten. Und ich habe dem Sicherheitsorgan fürsorglich mitgeteilt, was ich über die intimen Kontakte einer Bekannten zu einem französischen Bauarbeiter wusste. Bei kleineren Aufträgen zur Überwachung von Auslandsreisen des Singeklubs fühlte ich mich mächtig wichtig und unheimlich geheim.

Später setzte das MfS Sie in Ungarn für eine gezielte Aktion gegen Mitglieder der sogenannten „kriminellen Menschenhändlerbande Julius Lampel“ ein. Sie sollten Kontakt zu zwei Agenten der Organisation aufnehmen und sie in die DDR locken. Warum schlug das fehl?

Gerhard Gundermann: Der Plan ging schief, weil die Agenten Lunte rochen. Ich war ein beschissener Spion. Mir hat doch jeder angesehen, woher ich komme. Die Stasi feierte die Pleite dennoch als „erfolgreiche Operation“. Ich erhielt eine Obstschale als Anerkennung, später belobigte man mich als „Kämpfer Grigori“ mit der Arthur-Becker-Medaille.

Hat Ihnen das geschmeichelt?

Gerhard Gundermann: Das nützte nicht mehr viel. Es gab einen Punkt, da bin ich sauer geworden auf die. Wenn ich heute meine Akten lese, sehe ich da zwei völlig verschiedene Leute: Der eine hat wie ein Idiot deren Aufträge ausgeführt, der andere hat immer versucht, aufzuschreiben, was ihm selbst wichtig war. Ich habe auf Planschwindel und Verstöße gegen den Arbeitsschutz hingewiesen, Defizite in der Jugendarbeit kritisiert und gegen Parteifunktionäre gewettert. Ganz und gar anvertraut habe ich mich dem MfS, weil ich gedacht habe, ich bin deren Partner. Doch die, von denen ich Hilfe in meinem ständigen Clinch mit Bürokratie und Apparat erhoffte, ließen mich einfach auflaufen. Ich war bloß der Dackel.

Ab 1982 blieben Sie den Treffen mit dem Führungsoffizier fern. Was war passiert?

Gerhard Gundermann: Ich, der Mann, der glaubte, ein „Kundschafter der Guten“ zu sein, begriff endlich: Ich war ein Spitzel. Nach der Armee schmiss mich jetzt auch die Partei raus. Das MfS zog die Konsequenzen. In der Akte „Grigori“ heißt es unter dem Datum vom 28. Februar 1984, eine weitere Zusammenarbeit sei wegen „parteifeindlicher Verhaltensweisen“ nicht möglich. Ich hätte bei den letzten Treffen nur noch Marx und Lenin zitiert, aus dem Statut der Partei vorgelesen, die führende Rolle der SED abgelehnt und Parteichef Erich Honecker diskreditiert. Kurze Zeit später hatte ich das MfS dann selbst auf dem Hals.

Die Ironie der Geschichte ist, dass Sie danach von Leuten bespitzelt wurden, die Sie dem MfS vorher selbst als brauchbare Mitarbeiter empfohlen hatten. Suchen Sie nach Entschuldigungen?

Gerhard Gundermann: Damit rausreden will ich mich nicht. Ich möchte geradestehen für das, was ich getan habe. Obwohl ich hoffe, dass sich herausstellt, dass ich keinem Menschen geschadet habe, fühle ich mich heute schuldig. Ich habe immer in der falschen Armee gekämpft. Leute wie ich haben die DDR kaputtgemacht.