Montag, 26. März 2018

Wieder Wessi: Dann geh´ doch rüber


Auf einmal waren wir in der "Zeit". Das ist ungewöhnlich, denn dorthin schafft man es nicht so einfach als Journalist aus Sachsen-Anhalt. Aber die Geschichte fing eigentlich anders an. Es war eigentlich bloß um ein Buch gegangen, das ich vorgestellt hatte. Ein Buch, in dem sich zwei Wissenschaftler mit political correctness beschäftigten und damit, wie gutgemeinte Sprachregelungen vermeintlich unsere Gesellschaft zerstören. Ich hatte das Buch eher beschrieben als kritisiert, ich bin schließlich kein Wissenschaftler, ich kann schlecht beurteilen, wie richtig oder falsch ist, was Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint“ als "PC-Ideologie" brandmarken. Deshalb musste es so reichen, ein Angebot zum Nachlesen und Nachdenken.

Es gab danach zahlreiche Mails und Online-Kommentare, überwiegend geschrieben von Leuten, die das Buch wohl nicht lesen werden, aber mal grundsätzlich Bescheid geben wollten, dass sie das mit der PC alles ganz unerträglich finden. Auch ein Kollege aus Berlin schickte mir eine Mail. Die warnte mich dringend, ein solches Buch doch besser beim nächsten Mal nicht vorzustellen. Das spiele nur den Falschen in die Hände. Damit dies nicht geschehe, gebe es "notwendige Tabus“, denn immerhin stehe hier die „Zukunft der Demokratie“ auf dem Spiel.


Wieder wider die "Falschen "



Ich war verblüfft. Den Falschen in die Hände spielen, das hatte ich zum letzten Mal vor 30 Jahren gehört. Damals in der DDR war es üblich, dass öffentliche Äußerungen rituell daraufhin abgewogen wurden, ob sie dem "Klassenfeind" in die Hände spielen könnten. Positionen, die in solchem Verdacht standen, durften keinesfalls eine sogenannte "Plattform" bekommen. Entsprechend antwortete ich dem älteren, in Westdeutschland geborenen und sehr viel erfahreneren Kollegen. "Ich denke nicht, dass du uns sagen muss, wo die Grenzen des Sagbaren sind", schrieb ich, "wir sind so neu hier, immer noch, wir sind da viel empfindlicher als Du."

Es entspann sich daraus ein Dialog, dem bald ein weiterer Kollege beitrat und der flugs beiderseits ein gewisses Unverständnis auszudrücken begann: Wie könne man nur die DDR und unser heutiges Deutschland miteinander vergleichen, hieß es aus Berlin. Was erlaube es ihm, antworteten der hallesche Kollege und ich, uns nahelegen zu wollen, welche Erinnerungen aktuelle Ereignisse und Erlebnisse in uns wachrufen dürfen und welche nicht?

Der Kollege stellte nachdrücklich klar, dass "notwendige Tabus einer freien Gesellschaft heute und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit vor 1989" selbstverständlich nichts miteinander zu tun hätten. Nur bei uns klang dieser Sound genau wie der von früher, als Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit bedeutet, manches nicht zu sagen. Oder besser gleich: Zu denken.

Derselbe vorgekaute Kram in genau derselben indoktrinären Absicht dargeboten, wie wir ihn in der echten, nicht in der von Menschen mit der Gnade der Westgeburt versehenen später mühsam anstudierten DDR erlebt haben. Das auszusprechen, konnte die Sorgen des besorgten Kollegen nicht mindern, eher im Gegenteil. "Dass so kluge Leute wie ihr so denkt, wie ihr denkt, vergrößert meine Sorge noch", schrieb er.

Ich zitiere das alles aus eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Mails nur, weil, wir werden es weiter unten sehen, ich selbst auch zitiert worden bin, ungefragt und als namenloser "Ostdeutscher", obwohl ich doch schon mehr als die Hälfte meines Lebens im Westen lebe.


Ende in Sprachlosigkeit


Irgendwann endete der Dialog jedenfalls in Sprachlosigkeit. Wir hatten einander offensichtlich nicht überzeugen können. Wir schrieben etwas von Arroganz. Die letzte Mail aus Berlin bekundete tiefe Enttäuschung.

Es war die Art Enttäuschung, wie sie früher mancher Missionar empfunden haben muss. Sie kennen solche Geschichten sicher: 20 Jahre lang hat er alle Kümmernisse eines leider noch kannibalisch lebenden Stammes von Südseeinsulanern mitgetragen. Und nun muss er entdecken, dass seine Schützlinge gerade einen Kessel für ihn anheizen. Oder der Ethnologe, der nach vielen Jahren des Lebens in einer ihm völlig fremden Kultur selbst glaubt, er sei ein integraler Teil seiner Gastkultur. Nur um festzustellen, dass der Flieger, der am Flughafen auf ihn wartet, ihn auf alle Zeiten zu einem Fremden machen wird. Oder aber der Bienenforscher, der seine Völker immer gegen den Vorwurf verteidigt hat, sie würden unnötig stechen. Und nun unter Schmerzen konstatiert, dass sie das auch bei ihm selbst tun.

Solche Enttäuschung kann nicht in ein paar Mails vergraben bleiben. Sie muss raus, denn sie erfordert Konsequenzen. Der Berliner Kollege begriff sich ja bislang öffentlich als "Wossi", er hatte sogar Bücher über die fremden Stämme im Osten geschrieben, in denen er kundig erklärte, wie die DDR wirklich war, was für Menschen sie produziert hat und wie man das alles verstehen müsse. Er mochte den Osten erklärtermaßen, ein Freund des Ewigfremden sozusagen, der sich sogar für ostdeutsche Nazis entschuldigte. Nicht alle Ossis seien welche. Danke.

"Ich bin wieder der Wessi", heißt der Text in der "Zeit", der laut Unterzeile die "Geschichte einer Entfremdung" erzählt und uns, die beiden DDR geborenen und aufgewachsenen Berufskollegen, neben der ostdeutschen Schriftstellerin Monika Maron ungefragt als Zeugen anführt für eine Entwicklung, die den Mann, der von sich sagt, er habe "den Osten immer so verteidigt", nun zwingt, sich loszusagen.

Ein Akt der Überhöhung


Dabei ist erschütternd nicht der Akt der Überhöhung, sondern die fröhlich Sach- und Gesetzeslagen durcheinanderwirbelnde Argumentation. Maron etwa bekommt für ihr Beharren darauf, dass es einen Unterschied gebe zwischen Deutschen, die vor 1989 aus der DDR in den Westen gingen, und Geflüchteten, die heute nach Deutschland kommen, den Ukas zugestellt, sie halte sich "qua Nationalität für etwas Besseres". Oder wenn nicht, dann wolle sie sich "gegen die intellektuellen, politischen und moralischen Konsequenzen imprägnieren, die es notgedrungen hat, wenn man zwischen dem Flüchtling aus Bautzen und dem aus Homs keine substanzielle Differenz erkennt".

Es ist nun aber nicht Monika Maron, sondern das Grundgesetz, das den Unterschied macht. Es kennt eben deutsche Staatsbürger und Menschen, die keine deutschen Staatsbürger sind. Was dazu im Sozialkundeunterricht der alten Bundesrepublik gelehrt wurde, lässt sich von hier aus nicht mehr ermitteln. Im Staatsbürgerkundeunterrricht der DDR, von dem noch mehr die Rede sein wird, ritt der Mann mit dem Engels-Bart, der meine Klasse betreute, jedenfalls so oft auf dem "Alleinvertretungsanspruch" der Bundesrepublik herum, dass wir Schüler irgendwann Bescheid wussten: Wir alle waren Bundesbürger, die ganze Zeit, von der Stunde unserer Geburt an! Nur eben im falschen Land und ohne Zugang zu unseren Reisepässen.

Gelänge es aber einem von uns, irgendwie hinüber zu kommen, müsste er dort kein Asylverfahren durchlaufen und nicht mal bitte, ich will bleiben, sagen. Nein, er verwandelte sich einfach aus dem Bundesbürger im Wartestand in einen mit aktivem und passivem Wahlrecht.


Qua Nationalität etwas Besseres


Qua Nationalität etwas Besseres, weil es das Grundgesetz so will, nicht Monika Maron, die das weiß, weil sie selbst in den Westen übersiedelte. Ohne Asyl beantragen zu müssen. 

Aber darf man das so sagen? Als "Ostdeutscher", der ja doch nur ein karges viertel Jahrhundert in Freiheit gelebt hat und bis zu seinem 25. Geburtstag nicht im Grundgesetz lesen durfte? Oder wird man damit selbst im Handumdrehen zu einem der "Falschen", die unser Mann in Berlin säuberlich in Töpfchen sortiert, auf die er - vielleicht nur aus Höflichkeit und rücksichtsvollem früherem Naheseinglauben -  nicht die Kurzform dessen schreibt, was er stattdessen in den gefühlvoll vagen Satz packt: "Es treibt mich in den Wahnsinn, dass der verordnete DDR-Antifaschismus viele einstige DDR-Bürger gegen jede Form des Antifaschismus ein für alle Mal immunisiert zu haben scheint." Ja, er ist ohne Zweifel fest überzeugt, nicht nur etwas über "notwendige Tabus", sondern auch etwas über den "verordneten DDR-Antifaschismus" zu wissen und dessen fatale Wirkungsspur bis heute nachverfolgen zu können.

Wo wir die verordneten Rituale schon damals mit der inneren Beteiligung von Toten absolviert haben, schreibt er, der keine Stunde mit dem Mann mit dem Engelsbart verbracht hat, dem faulen Zauber, an den nicht einmal die ausführenden Unterzauberer selbst noch glaubten, eine bis heute anhaltende Wirkung zu. Secondhand-Geschichte, authentisch wie ein Märchenbuch.


Vergleichsverbot


Was könnten die, die es erlebt haben, dagegen sagen? Nichts, denn wir "zwei Ostdeutsche, die meinen, die (westdeutsche) Political Correctness von 2018 sei vergleichbar mit dem Staatsbürgerkundeunterricht von vor 1989", so der Autor, wissen ja nicht einmal diesbezüglich, wovon wir reden. Im Gegensatz zu ihm haben wir zwar ein paar hundert Stunden Stabü-Unterricht nicht nur erlebt, nein, jeder von uns hat sogar ein paar Dutzend Stunden so erfolgreich gestalten können, dass Diskussionen vom Lehrer abgebrochen wurden, weil sie aus Sicht des Lehrertisches in die falsche Richtung liefen.

Dennoch scheinen wir Zeitzeugen nun ganz selbstverständlich nicht nur nicht die Deutungshoheit darüber zu haben, ob und wie sehr der DDR-Staatsbürgerkundeunterricht mit seinen Denkschablonen und Sprachvorgaben uns an die heutige Praxis politisch korrekten Sprechens erinnern darf. Wir haben nicht einmal mehr eine Stimme in der Diskussion darüber, was wir erlebt haben und was das heute mit unserer Fähigkeit zur Mustererkennung macht.

Das Urteil bleibt anderen vorbehalten. Die aus ihrer Enttäuschung darüber, dass sie uns, die damals so großherzig aufgenommenen "Ostdeutschen", schon für viel weiter gehalten hatten, keinen Hehl machen. So gut haben wir es hier, und so wenig dankbar sind wir doch. Dass wir meinen, aus unseren Erfahrungen nun noch eigenständige Bewertungen ableiten zu dürfen.


Es ist ein fast hörbares Kopfschütteln im Text. "Spätestens in dem Augenblick wusste ich, dass Debatten keinen Sinn mehr haben", heißt es in der "Zeit" zu dem Moment, wo der wohlmeinende, tolerante und trotz so mancher schrägen ostdeutschen Eigenart bisher um Integration bemühte Autor sich aus tief empfundenem Verantwortungsbewusstsein abwenden muss. "Es geschieht das, was meine Freunde 1989 befürchteten – ein Vierteljahrhundert, nachdem er sie eingerissen hat, baut der Osten neue Mauern."

Der Osten. Diese Landschaft ohne eigene Elite, ohne eigene Publizistik, ein Landstrich im Begriff, die Spuren der eigenen Geschichte demontiert zu bekommen. Wunder geschehn. Es verbietet sich, da mitzutun. "Ich bin jetzt wieder der "Wessi", der ich vor meinem Umzug 1992 war", geht der Kollege den einzigen noch möglichen Weg zurück, dorthin, woher er kam.

Heimat sei schließlich da, "wo man verstanden wird und seine Mitmenschen versteht", schreibt er am Ende, irgendwie nun doch qua Geburtsort etwas Besseres. Doch was muss, das muss. "Ich habe mich vom Osten wieder entheimatet und er sich von mir."

Uns fällt das eben nicht so leicht.


Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Könau,
    vor Jahren war ich in Bernburg mit der MZ-Lokalredaktion sozusagen "per du". Viele Redakteure kamen aus Köln (außer M.D., der war aus Münster, wenn ich nicht irre). Die meisten sind wieder "rübergemacht", Paul Sp. ist als einziger geblieben (und leider kürzlich verstorben). M.D. ist nach Rumänien mitgefahren, später Berlin gegangen, ein besonderes politisches Biotop. Dort ist diese PC-Denke scheinbar tatsächlich Voraussetzung, um dazu zu gehören und weiter zu kommen. Mit Ihrem Beitrag treffen Sie in meinen Augen den Nagel auf den Kopf. Herzliche Grüße aus Bernburg

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  2. Danke für Ihren Kommentar. Das Video steht nicht nur aus musikalischen Gründen unter dem Text.

    There's doubt in every face
    There's a liar on the stage
    And what good is it
    If you don't hear him say of believing
    Every clap brings out a warning
    Get ready for the storm, it's coming
    Yeah, it's coming

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  3. Ja, das ist alles richtig. Bis heute wirken die geteilten Zeiten in den Köpfen nach. Ich kann das als Journalist bestätigen, ich war immer auf beiden Seiten unterwegs. Bis ich als Korrespondent nach Australien ging. Dort habe ich das alles aufgeschrieben, auch um diese Trennung zu überwinden. Denn, wer wissen will, warum heute alles so ist, wie es ist, muss wissen, wie es dazu kam...Grüße aus Dresden...htpp://www.1liebe2welten.de

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  4. Hallo Torsten, dein Buch habe ich damals mit großem Interesse gelesen. Immer gut, jemanden zu haben, der zwei Perspektiven hat. Warst du nicht ein Bekannter von Steffen R.?

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  5. Die Erfahrung mit der Zeit kann ich bestätigen. Das wird auch außerhalb des Ost-West-Diskurses so gemacht. Es gibt eine klare politische Linie, die von den Redakteuren durchgedrückt wird. Auch wenn man sich öffentlich als politsch weltoffene Zeitung gibt.

    http://scienceblogs.de/wasgeht/2017/04/05/wie-kam-nordkorea-an-die-bombe-und-was-zeit-online-daraus-machte/

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