Donnerstag, 13. August 2015

Sommerrätsel Cerealogie: Kreise im Korn

Wenn da etwas gewesen wäre, hätte er es eigentlich sehen müssen. "Ich war da gleich gegenüber", sagt Günter Armbrecht, "und es war schließlich Vollmond." Aber da war nichts. Kein Geräusch und kein Leuchten, kein Zittern im Feld und kein Sausen in der Luft. Am nächsten Morgen aber ist er dann trotzdem da, der Kornkreis: Ein paar hundert Schritte hinter der Scheune des Gutes Ellerode, das Armbrecht leitet. Ein Blumenmotiv diesmal, sechzig Meter rund und von der nahen Autobahn wundervoll zu sehen.

Wann und wie die Halme im Feld geknickt worden sind, weiß Günter Armbrecht diesmal sowenig wie die vier, fünf Mal zuvor. "Eines Tages sind die Dinger einfach da", beschreibt er das Unbeschreibliche, "und vorher war immer Vollmond." Scheinen sie zu mögen, die Außerirdischen, lacht der Bauer, dem angesichts des Feldschadens nicht viel anderer Grund zum Lachen bleibt. Dort, wo das Getreide niedergetreten wurde, werden seine Mähdrescher bei der Ernte einen großen Bogen fahren müssen. Allerdings nicht wegen geheimnisvoller Kraftfelder und überirdischer Resonanzen. Sondern um nicht die gesamte Ernte zu verderben: "Das Korn in den niedergedrückten Bereichen ist feucht und treibt aus, wenn wir das ernten, versaut es uns nur noch den Rest."

Hier im Dreiländereck zwischen Thüringen, Hessen und Niedersachsen haben die Menschen Erfahrungen mit dem Außersinnlichen, das sich nachts auf die Felder schleicht und die Halme graphisch exakt zur Ruhe bettet. Seit Jahren schon vergeht kein Sommer, ohne dass die Kreise zwischen Heiligenstadt, Göttingen und Kassel nur so aus dem Korn springen. Die Region an der Werra gilt Kornkreisforschern inzwischen als Zentrum liebevoll in die Felder getretener Groß-Symbole.

Plastische Blumen und ringelnde Schleifen, aufblühende Seifenblasen und dreidimensional wirkende Vexierbilder hat Stefan Rampfel schon gesehen, dazu simple Ringe und kleinkalibrige Bögen, komplizierte Labyrinthe und aufwendige Doppel-Spiralen. "Meist ist es so", erzählt der Chefpilot seiner eigenen Flugfirma Goe-Flug, "dass mich die Kornkreisexperten anrufen." Irgendwo hat es dann eine Sichtung gegeben, die Forscher nunmehr aus der Luft bestätigt sehen wollen.

Fein säuberlich werden Fotos gemacht, ins Internet gestellt und mit großem Ernst analysiert. Nach Mustern und Machart unterscheiden Kenner zwischen echten Kornkreisen und menschengemachten Fälschungen, die abfällig als "angelegt" bezeichnet werden. Stefan Rampfel allerdings bleibt skeptisch, ob das so stimmt. "Mir haben schon Leute erzählt, es gehe um übersinnliche Kräfte", sagt er, "und andere sind überzeugt, dass Erdkräfte das Getreide so runterziehen." Eiskristalle, habe ihm einmal ein mitfliegender Forscher anvertraut, entwickelten ja schließlich auch Strukturen und Muster, die denen von Kornkreisen verblüffend glichen.

Näher ist die weltweite Kornkreis-Forschungsbewegung der Lösung um die ominösen Feldzeichen nicht gekommen, seit der südenglische Landwirt Ian Stevens anno 1978 ein bizarres Muster aus niedergedrückten Halmen auf einem seiner Felder entdeckte. Obwohl einige Filme, die im Netz zu sehen sind, anderes zu zeigen vorgeben: Noch nie ist ein Ufo beim Malen eines Kornkreises gefilmt worden. Genausowenig ist es aber der Polizei gelungen, einen der fleißigen Kornkreis-Künstler aus dem Werra-Kreis zu ertappen. "Da müsste wohl erst einer seinen Personalausweis mitten im Kreis verlieren", unkt Günter Armbrecht, der bisher immer vergeblich Anzeige erstattet hat. Auch der Kirschverkäufer an der Straße zwischen Ellerode und Groß Schneen, wo Stefan Rampfel gerade erst ein besonders großes und schickes Exemplar aus einem 16-fach überlagerten Kreis entdeckt hat, ist steinernst: "Die Alien kommen und legen das Getreide mit Magnetkraft flach".

Dabei halten sich die geheimnisvollen Urheber der unverständlichen Botschaften strikt an die ungeschriebene Regel, dass es mehr Kornkreise gibt, wenn es mehr Kornkreise gibt. Nachdem Zeitungen und Fernsehen Anfang der 80er Jahre begannen, sich des Themas anzunehmen, explodierte die Zahl der entdeckten Kornkreise. Allein in England, dem Kornkreis-Mutterland, werden jährlich bis zu 300 Neuentdeckungen gemeldet, in Deutschland gibt es zwei, drei Dutzend Sichtungen durch "Cerealogen", wie sich die Kornkreiskundler selbst nennen. Mehr als 6 000 Kornkreise aus 50 Ländern hat das International Crop Circle Archive seit 1995 gesammelt und ausgewertet - wobei die Zahlen seit 2003, dem Jahr nach Mel Gibsons Kornkreis-Kinohit "Signs", durchweg rückläufig sind.

Doch die Kornkreisforschung hat schon Schlimmeres überstanden. 1991 etwa präsentierte eine britische Zeitung zwei Rentner aus Southhampton, die von sich behaupteten, sie hätten die meisten Kornkreise in England selbst gemacht. Seit 1978, schworen Doug Bower und Dave Corley, seien sie immer wieder ausgezogen, um mit Stricken und Brettern immer komplexere Gebilde in das Getreide zu treten.

Die bis dahin durchaus salonfähige Vermutung, fremde Wesen von fernen Welten könnten Kornkreise nutzen, um mit dem Menschen in Verbindung zu treten, schien erledigt. Cerealogen, die eben noch Kraftfelder auf kornbekreisten Äckern gemessen und "fühlbaren Frieden" in den Grafittis im Grünen entdeckt haben wollten, waren blamiert durch einen Scherz.

Das Phänomen aber hat dann doch überlebt. Mittlerweile geht die ernsthafte Kornkreisforschung davon aus, dass eine große Zahl von entdeckten Kreisen von Menschenhand stammt. Dabei aber handele es sich um "Fälschungen", die von Kennern leicht zu erkennen seien: Mal enttarnen sich die Urheber durch die luschige Umsetzung geometrischer Formen ins Feld. Mal bleiben Hilfsmarkierungen zurück oder Fußspuren künden vom äußerst irdischen Tun der Gelegenheits-Aliens.

Echte Kornkreise hingegen bestünden aus Halmen, die umgelegt, aber nicht geknickt seien. Zudem, sind Kornkreisforscher wie der Radiästhesie-Rutengänger Horst Grünfelder sicher, ließen sich "morphologische Felder" in ihnen nachweisen. Und noch viel, viel mehr, wie Nancy Talbott von der amerikanischen Kornkreis-Forschungsorganisation BLT Research kürzlich erst verkündet hat. Pflanzen und Böden in echten Kornkreisen wiesen "Spuren einer mikrowellenartigen Strahlung" auf, die auf eine "Plasma-Entladung" deute. Immer wieder berichten zufällige Beobachter von Feldern, auf denen später Kornkreise entdeckt werden, von schwebenden Lichtbällen und seltsamen Geräuschen, die durch menschliche Tätigkeit nicht erklärt werden könnten.

Wer sehen will, der sieht, und wer genauer hinschaut, sieht sogar, was er nicht sehen soll. "Ich staune ja oft, woher die Kornkreisforscher immer so schnell wissen, wo ein neuer Kreis ausgetaucht ist", sagt Stefan Rampfel, der seit 2006 über dem Werratal fliegt und doch erst vor drei Wochen erstmals einen Kreis als Erster entdeckt hat - aus der Luft. "Der war wunderschön", sagt er, "aber vom Boden überhaupt nicht zu sehen."

Welchen Sinn eine Botschaft haben soll, die niemand sehen und auf jeden Fall keiner verstehen kann, fragt sich Günter Armbrecht schon lange nicht mehr. "Natürlich sind es immer die da oben", grient der Landwirt und wedelt mit der Hand gen Himmel. Immer zu Vollmond kommen sie, die Aliens. "Da braucht man dann keine Taschenlampe", schmunzelt Armbrecht, der die geheime Botschaft der Kreise längst entschlüsselt hat: Die fremden Botschafter von fernen Welten gehen lieber in Weizen als in Gerste. "Die juckt nämlich so."

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