Sonntag, 19. Juni 2016

Die ausgefallene Rückkehr der Eiskerze


Früher war Harald Sch. umtriebig und erfolgreich - Jetzt sitzt er zu Hause und will nicht aufgeben


Stapeln hat er müssen. Stapeln! Vier Lagen hoch die Wagen und ganz eng nebeneinander. "Es kam dermaßen viel Zeug rein", sagt Harald Sch., "ich bin kaum noch hinterhergekommen." Schrott hatte goldenen Boden. 30 000 Mark Umsatz sind die Regel. Nebenher hat der Mann aus Schortewitz drei Bagger laufen, "und meine Raupen habe ich mit dem eigenen Tieflader umgesetzt".


Sch.s Augen, die normalerweise matt schimmern wie feuchtes Laub, leuchten auf. Tiefstrahler in die Vergangenheit. 2 000 komplette Räder hatte er abgeschraubt und gelagert. Trabi-Motorblöcke zu Dutzenden gebunkert, ganze LPG-Lager ausgeräumt und nie still gesessen. Tausende alte Waschmaschinen lieferte ein großes Versandhaus ins Haus. "Die musste man gar nicht verschrotten, die konnte man verkaufen."


So war das. Harald Sch., der in seinem Leben schon Mechaniker war und Bauunternehmer, Schrotthändler und Eisfabrikant, und heute nicht einmal mehr Sozialhilfe beziehen kann, hat immer die Chancen gesehen. Schon in der DDR, als er in der Magnetbandfabrik Wolfen arbeitete und sich jeden Morgen wunderte, "dass wir erstmal die Leute von der Nachtschicht wecken mussten". Und dann die Arbeit! "Nur Gepfusche und Geflicke, das konnte nicht gut gehen."


Unfreiwilliger Abschied


Es kommt der Tag, an dem Sch.s Ärger explodiert: "Ein paar Wahrheiten ausgesprochen, und plötzlich bist du Luft", erinnert er sich an seinen nicht ganz freiwilligen Abschied aus der Produktion.
Die DDR-Volkswirtschaft aber wartete nur auf einen wie ihn. Zu Flicken und Pfuschen gibt es allenthalben im Arbeiter- und Bauernstaat, wenn man nur die Chuzpe hat, sich in die Grauzone der Tausch- und Beschaffergesellschaft zu begeben.


Hier, unterhalb der Sichthöhe der Staatsmacht, wo die freischaffenden Friemler frickeln und fummeln, funktioniert die Wirtschaft nach streng marktwirtschaftlichen Prinzipien. Wer etwas hat, das andere brauchen, darf den Preis bestimmen. "Und ich hatte Barkas-Getriebe", erzählt Harald Sch.


Für einen Moment sitzt er nicht mehr auf der Kuschelcouch im halbdunklen Zimmer, knetet nicht mehr Finger und Lebenslauf. Schöne ist dort, wo es schön ist: in den Tagen, als es "geht nicht" nicht gab und die Welt sich seiner Talente bediente.


Hinten im Schuppen schraubt der Autodidakt damals begehrte Ersatzteile aus Schrott zusammen. So eifrig, dass kaum Zeit bleibt für Frau und die beiden Kinder. "Und meine Produkte waren tipptopp."


Eine Tatsache, die sich schnell herumspricht. Von überallher kommen die Fuhrparkchefs, um alte Getriebe unter Dreingabe des einen oder anderen Scheins gegen renovierte einzutauschen. Zum Kundenkreis des Schwarzarbeiters gehört das Defa-Spielfilmstudio ebenso wie Innenministerium und Stasi. Die gilt ihm als lästiger Kunde: "Hatten nichts zu tauschen."



Es reicht auch so. Sch. bezahlt sein Haus nebst 15 000 Quadratmetern Land in bar. Er gibt 7 000 Mark für einen der ersten DDR-Farbfernseher aus. Und kauft für 36 000 Mark einen Wartburg, mit dem er auf Wolke sieben durchs Dorf schwebt.


Sch. schnuppert den Boom

Dann kommt die Wende. Harald Sch. ist 37, und er schnuppert den Boom. "Dass Ersatzteile nicht mehr laufen, war mir klar." Er macht in Autoverwertung und Maschinenverleih, der Fuhrpark besteht aus Russen-Raupen und polnischen Baggern, ein alter Sowjet-Lkw zieht den Anhänger. 


Es ist wie früher: Gute Bekannte vermitteln Aufträge, Freunde schicken Freunde. Beziehungen sind alles. Der Guerilla-Unternehmer, mit buschigen Koteletten und David-Crosby-Frisur ein wandelndes Bekenntnis zu den 70ern, hat jetzt Angestellte, eine Buchhaltung und einen Investitionsplan. "Ich dachte, jetzt schlägt die Stunde für Leute, die was aufbauen wollen."

Eine Eisfabrik zum Beispiel. In Harald Sch.s Welt ist das denkbar einfach: Man kauft Maschinen, lässt sich Rezepte schicken und fummelt herum. "Geht nicht" gibt's nicht. "Schon die erste Mischung hat toll geschmeckt." Drei Wochen später sind Etiketten gedruckt, Becher abgefüllt und Kioske und Läden im Umland beliefert.


Die Nachfrage ist groß. "Ich dachte, Mensch, das ernährt die Familie." Sch. lässt sich bei der Handwerkskammer eintragen. Und träumt in kurzen Nächten häufig vom Comeback der "Eiskerze". Tagsüber interessieren sich plötzlich Umweltbehörden und Ordnungsämter für sein Schaffen. Sein Schrottplatz liegt, erfährt der Unternehmer, in einer Wasserschutzzone. Das Waschhaus, in dem die Eismaschine orgelt, genügt nicht der Hygiene-Norm.


Harald Sch. fummelt. Er fliest. Er friemelt und gibt nicht auf. Besucht Banken, bettelt um Kredite, doch "Eishersteller gibt es genug, haben sie gesagt". Die Behörden fordern Analysen, Anträge, bauliche Veränderungen, die Banken Konzepte und Ertragsrechnungen.


Eispionier vor dem Karren

Der Pionier, als den sich Harald Sch. sieht, zieht den Karren durch eine komplizierter gewordene Welt, in der die Methoden seiner Gründerzeit nicht mehr verfangen. Er investiert, was er hat. Doch es reicht nicht. Papier ist alles, Beziehungen sind nichts. Niemand mag mehr tauschen, alle wollen Geld.


"Ich habe einfach an die Eisidee geglaubt", spricht Sch. mit schmalen Lippen, "und nicht an die Verhinderungsbürokratie gedacht." Nicht fassbar ist seinem Eigensinn, dass niemand ihm Geld geben wird für die Rückkehr der Eiskerze. Selbst als er Grund und Boden als Sicherheit anbietet, winken die Banken ab. "Land in Schortewitz wolle doch niemand".


Harald Sch. hat eine ganze Weile weitergeträumt. Dann hat er die Eismaschine eingemottet, das Waschaus abgeschlossen und beim Sozialamt Unterstützung beantragt. Die Behörde hat abgelehnt: Erst müsse er sein Land verkaufen.


Das will niemand haben, und so muss gerechnet werden bei Sch.s. Stütze von der Frau, Kindergeld, eine kleine Rente - viel bleibt nicht im Monat. Doch noch schlimmer kommt Harald Sch. die große Langeweile an, "wo ich doch immer geschuftet habe". Jetzt hat er noch mal an den Verein "Alt hilft Jung" geschrieben, "na ja, ohne Erwartungen".


Meist sitzt er aber bloß vor dem Fernseher, der in der DDR mal der modernste war, und überlegt, ob er nicht vielleicht selbst einen Verein gründen sollte. Einen, der bei Supermärkten Lebensmittel für sozial Schwache sammelt etwa - "nur um irgendwas zu tun".


Arbeit? Wenn er jünger wäre, das Haus nicht hätte, hebt er die Hände. Aber so? Hier ist doch nichts. Schon gar nicht für einen, der die Schlüssel zum Glück im Waschhaus liegen hat: den Pasteurisierer, die Kübel, die Kühltruhen . . . "Es könnte sofort losgehen", schleichen die Worte tonlos aus der Sofatiefe, als würde nie wieder etwas losgehen. 


Drei Orte weiter, weiß Harald Sch., macht auch einer in Eis. "Der hat ein Haus in Miami."

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