Donnerstag, 20. April 2017

Deep Purple: Abschied der Dinosaurier


Im 50. Jahr ihres Bestehens reitet die britische Band Deep Purple mit dem Album "Infinite" in die Unendlichkeit der Rockgeschichte.

Die Rebellion dieser Männer hier war von anderer Art als die ihrer Kollegen von den Stones, den Kinks oder Jethro Tull. Während die im Kern personell stabil waren, überlebte Deep Purple bis heute acht Verpuppungen, bei denen nur der Mann hinter dem Schlagzeug derselbe blieb. Und, das ist das Erstaunliche, die Musik. 

Vier Sänger, vier Gitarristen, drei Bassleute und zwei Keyboarder haben Deep Purple seit der fantasiereichen Rock-Suite "April" betrieben. 45 Jahre sind seit dem größten Purple-Hit "Smoke on the water" vergangen. Und nun vereint das neue Album "Infinite" die klassischen mit den Dampfhammer-Genen des Band-Erbes zu einem letzten Ausritt der alten Garde um Drummer Ian Pace, Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover, denen mit Steve Morse (seit 1994) und Don Airey (seit 2002) zwei jüngere Kräfte zur Seite stehen. 

Stilsicher, wie die zehn neuen Songs belegen, produziert wie schon das letzte Werk "Now What?" erneut von Bob Ezrin. Deep Purple rufen noch einmal alle Tricks und Kniffe, alles Handwerk und alle Schablonen der letzten fünf Jahrzehnte ab und zelebrieren ihren Abschied mit der großen Geste echter Dinosaurier. Natürlich klingt Ian Gillan, inzwischen 71 Jahre alt, nicht mehr wie damals mit Ende 20, als er "Highway Star" mit einer Stimme sang, die in manchen Momenten aus einer anderen Welt zu kommen schien. 

Doch er klingt gut, voll und nie überfordert. "Johnny's Band" ist das Lied zu diesen alten Zeiten, eine Hommage an die Tage, als alle Musik machten und es manche sogar zu "Top of the Pops" schafften. Ehe der Traum im Drogenrausch, in Geldgier und privatem Größenwahn verglühte. Alle Mitglieder von Deep Purple, auch der 2012 verstorbene Keyboarder Jon Lord und Gründungsgitarrist Ritchie Blackmore, der seit 1993 endgültig auf folkloristischen Solo-Pfaden wandelt, könnten Geschichten davon erzählen, wie es wirklich war, in den ganz großen Tagen des Rock "on top of the world" zu sein, wie hier ein Lied heißt. 

Umso verwunderlicher, dass das sensible Konstrukt aus teilweise über Jahrzehnte zerstrittenen Genies nicht nur diese Zeiten, sondern auch die Phasen von Belächeltwerden und Vergessensein überstanden hat. Nun stehen sie hier, im Gepäck die alte Musik aus wilden Gitarren, manchmal minutenlang vor sich hintüdelnden Orgeln und wuchtigen Beats aus Ian Pace' wummernden Trommeln. "Infinite" hat viele Momente, in denen improvisiert wird wie damals bei "April", nur ohne Orchester. 

Ziellos und ohne Zeitbegrenzung erwecken Morse und Airey die rauschhaften Tage zum Leben, als in jeden großen Song ein großes Solo gehörte. Das ist heute so erfolgreich wie seit Ende der 80er Jahre nicht. Auf einmal kaufen die Leute ihre Alben wieder. Auf einmal führt sie Metallica-Drummer Lars Ulrich in die Rock'n'Roll-Hall-of-Fame ein. Deep Purple haben in Wacken gespielt, beim Jazzfestival in Montreux und beim Bluesfest im kanadischen Ottawa. Sie hatten ausverkaufte Konzerte in aller Welt und schafften es sogar in den USA wieder in die Albumcharts.

An der Musik allein kann es nicht liegen, denn die liefern jüngere Bands wie Arena oder IQ auch, obwohl sie sicherlich nie auf die Idee kämen, nach dem elektrischen Soundinferno über neun Songs ans Ende einen fast akustisch klingenden Klassiker wie den "Roadhouse Blues" von den Doors zu stellen. Wohl eher ist es der Nimbus, das Gefühl, langsam verklingender Geschichte zuzuhören.

Deep Purple live in Leipzig am 9. Juni, Arena

Tickets sind erhältlich bei: www.mawi-concert.de



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