Freitag, 20. Oktober 2017

70. Geburtstag: Der Vater von Feeling B

Auf einmal ist ihm dann die Bühne unter den Füßen eingebrochen. Aljoscha Rompe, Sänger und Chef der Rockband Feeling B, machte noch einen Ausfallschritt ins Mittelalter. Doch der große Integrator, der Mann, der durch einen Zufall der Geschichte als Schweizer Staatsbürger in der DDR lebte, kehrte nicht mehr zurück. Am 23. November 2000 fand ein Bauarbeiter den Punk-Papst des Ostens tot in dem Bauwagen, der seine Wohnung war. Wäre es anders gekommen, würde der Erfinder des Ost-Punk heute seinen 70. Geburtstag feiern.

"Die Wende hat ihm den Boden weggezogen", hat sich Flake Lorenz später erinnert, einst Keyboarder bei Feeling B und heute bei Rammstein tätig. Aljoscha habe sein Privileg verloren, als Westler in der DDR zu leben. Ein Schock für den Egomanen. Und als habe das noch nicht gereicht, glaubt Lorenz, "war das Interesse an der Musik nicht mehr so da." Feeling B, die lustigsten Punks der DDR, spielten im Osten vor halbvollen Sälen. Und im Westen "haben uns die Leute nicht verstanden", sagt Flake: "Die fragten bloß, was macht ihr da eigentlich?"

Damals begann ihm und Gitarrist Paul Landers klar zu werden, "dass wir uns als Band einen neuen Platz suchen müssen". Welchen war die Frage, Rammstein war die Antwort. "Dorthin wollte Aljoscha nicht mehr mitkommen", glaubt Lorenz, "das war ihm fremd, er war ja in dem Sinne auch kein Musiker, sondern eher ein Motor." Dessen Einfluß für seine früheren Weggefährten bis heute spürbar ist. "Am besten alle Tipps in den Wind schlagen, nur machen, was man selber will", sagt Flake, "dass ist das Feeling-B-Erbe von Rammstein."

Eine Geisteshaltung, die die bücherschrankgroße Feeling-B-Biografie "Mix mir einen Drink" liebevoll beschreibt, die die beiden Szenekenner Heinz Havemeister und Ronald Galenza jetzt aus wochenlangen Gesprächen mit Flake Lorenz und Paul Landers destilliert haben. Es ist die Rückkehr in ein anderes Land: Besser als jede hochgelehrte Alltagsanalyse beschreibt der Weg der Berliner Band die Möglichkeit, sich in der DDR-Enge Freiräume zu erobern. "Wir wollen immer artig sein" sangen sie und drehten dem Staat eine lange Nase. "Jeder konnte sich entziehen", glaubt Flake Lorenz bis heute, "jeder konnte glücklich werden."

Er selbst, sagt er, sei es gewesen. "Mir hat nichts gefehlt", das sei ihm klar geworden, als er für das Buch begonnen habe, in Erinnerungen zu wühlen. All die Anekdoten über Alkoholexzesse, abenteuerliche Auslandreisen und absurde Auftritte - "wir haben beim Erzählen unglaublich Spaß gehabt."

Lorenz sieht das Buch, das trotz seines eher randständigen Themas in der Bestsellerliste der aktuellen Pop-Biografien nach dem Erscheinen nur von Dieter Bohlens Lebensbeichte geschlagen wurde, nicht als Denkmal für seinen Bandkollegen Aljoscha. Genau so wenig sei es ein Versuch, Lesern Rolle und Bedeutung von Feeling B nachträglich nahe zu bringen. "Wenn ich ehrlich bin", sagt Flake Lorenz, "haben wir das Buch für uns gemacht."


"Mix mir einen Drink", Schwarzkopf&Schwarzkopf-Verlag, 416 Seiten, 24,90 Euro

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