Freitag, 15. Dezember 2017

Rag'n'Bone Man: Bis auf die Knochen


Ohne Stromlinienform und Reißtisch-Repertoire hat Rory Graham alias Rag'n'Bone Man Karriere gemacht. Jetzt gibt es sein Erfolgsalbum "Human" neu.


Rory Graham hat immer an seine Chance geglaubt, auch als es ganz schlecht aussah. Damals arbeitete der Mann, der unter dem Namen Rag'n'Bone Man auf dem Weg ist, ein Weltstar zu werden, als Heilerzieher für autistische Kinder. Bis auf eine selbstproduzierte CD mit ein paar bluesigen Stücken, einen Auftritt im Vorprogramm der Legende Joan Armatrading und einen erfolglos abgewickelten Plattenvertrag hatte Rory Graham mit Ende 20 künstlerisch noch nicht viel vorzuweisen.

Dann allerdings wendete sich das Blatt, obwohl Graham London schon wieder verlassen hatte, um daheim in East Sussex im Südosten Englands weiter an seiner hoffnungslosen Karriere zu basteln. Die sieht im Nachhinein aus wie gemalt: Bei der BBC entdeckte jemand den groß gewachsenen, voluminösen Kerl mit dem langen Bart, der so gar nicht dem Klischeebild eines Popstars der 2000er Jahre entspricht. Es folgen ein Auftritt beim Glastonbury-Festival und ein Angebot der Plattenfirma Columbia.

Die zieht mit Rag'n'Bone Man das große Los: Als im vergangenen Jahr die erste Single "Human" veröffentlicht wird, verwandelt sich der ungelenk wirkende Riese mit der dunklen Stimme in eines jener unergründlichen Phänomene, die das Internetzeitalter immer wieder neu gebiert. Mehr als 400 Millionen Mal ist das vielgesichtige Video zu Grahams simpel gestricktem Lied aus Weltschmerz und Verzweiflung bis heute angeschaut worden.

Zeitweise musste der Song im Fernsehen als Soundtrack zu allem herhalten, weil er zu allem passte. "Ich bin nur ein Mensch, ich hab' keine Lösungen, ich bin kein Prophet und kein Messias", singt Rory Graham, gewandet wie ein Priester, tätowiert wie ein Hooligan, mit einem Bart wie ein Hipster. Gegen Ende hin jauchzen Geigen, Chöre werden angestimmt und eine Keyboardwand fährt ein. Über allem thront diese Stimme, die Menschen erreichen kann, weil sie gerade nicht sauber singt, sondern sich in der fehlenden Perfektion als echt mitteilt. "Wenn dir nicht passt, wie ich aussehe, ist das dein Problem", hat Graham dazu einmal gesagt.

Der Mann trägt kein Kostüm. So ist er, der sein Erfolgsalbum "Human" nun nach anderthalb Jahren noch einmal weihnachtsgeschäftstauglich als "Luxus"-Edition aufpoliert und neu veröffentlicht hat. Zu den originalen zwölf Stücken sind fünf weitere Studioaufnahmen gekommen, die zum Teil von der noch weit vor dem großen Erfolg veröffentlichten "Wolves"-EP stammen, als Graham auch schon singen konnte, ihm nur niemand zuhören wollte. Obendrauf gibt es dann noch drei akustisch eingespielte Tracks und eine beigelegte DVD mit der Aufzeichnung eines Konzertes beim SWR3-New-Pop-Festival, die ergänzt wird von den drei millionenfach geschauten ikonischen Videos zu den Singles "Human", "Skin" und "As you are".

Ausverkauf oder Service für die Fans, die all das noch nicht haben? Der Zwiespalt zwischen der Künstlerfigur, die es nicht wegen der Industrie, sondern ihr zum Trotz geschafft hat, und dem Musiker, der seine Umsätze bringen muss, wird deutlich. In "Bitter End" singt Graham mit seiner Handwerkerstimme so herzerweichend vom Ende einer Beziehung, dass jeder Verdacht entfällt, dieser Mann könne seine eigenen Ideale verraten. Doch gibt es da auch die Zeile "je höher wir steigen, desto tiefer werden wir fallen" - im Fall von Rag'n'Bone Man würde das bedeuten, dort zu landen, wo alle die Biebers, Pinks und Styles schon sind: im Land des schönen Scheins und der von Soundprofis am Reißbrett entworfenen Lieder.

Aber auch auf Hochglanz poliert ist hier alles authentisch, Funk und Soul, wie es Graham auf seine Finger tätowiert hat, sparsame Instrumentierung, gleich weit weg vom zeitgeistigen Elektronikgeblubbel und vom Retro-Sound einer Amy Winehouse.

Rory Graham findet seine Vorbilder bei Klassikern wie Tom Waits und Leonhard Cohen, er findet Gleichgesinnte im Amerikaner Jakob A. Smith, der sich The White Buffalo nennt, und die dunkle, melancholische Klangorientierung bei Ohio-Band The National. Wie die Kollegen, verzichtet auch Grahams Luxuspaket seines Erfolgsalbums auf jeden Versuch, den Rag'n'Bone Man breiter im Markt zu platzieren. Stattdessen gibt es mehr Tiefe mit mehr Liedern.

Ein Weihnachtsalbum der anderen Art.


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