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| Zwischen den Blöcken spielten Kinder, die keine Straßennamen lernen mussten, nur Zahlen. |
New York hat die Fifth Avenue, berühmt sind die 42nd Street in der Nähe des Times Square und die 34th Street in Manhattan. Das wahre mathematische Stadt-Abenteuer des 20. Jahrhunderts aber fand in Halle-Neustadt statt. Als sozialistisches Utopia auf dem Reißbrett entworfen, verzichtete die Chemiearbeiterstadt fast völlig auf Straßennamen. Die Erbauer hatten sich etwas ausgedacht. Sie setzten auf ein ausgeklügeltes, streng logisches und wissenschaftlich begründetes System aus Blocknummern, das Außenstehende zur Verzweiflung und Postboten an den Rand des Wahnsinns trieb.
Pure Logik oder kybernetisches Chaos? Als einziger Ort in der DDR kannte die Plattenbausiedlung Halle-Neustadt keine Straßennamen, sondern nur Blocknummern. Doch es war ein nur für Außenstehende rätselhaftes System - wer hier wohnte, wusste, wie es funktioniert. Nur warum, das wusste niemand. Das letzte Geheimnis der Geschichte einer Stadt, die in das sozialistische Jahrtausend marschieren wollte, blieb bis zum Ende eins. Zehntausende hatten zwar gelernt, sich zwischen kryptischen Ziffern und aufgemalten Baumsymbolen zurechtzufinden. Aber wieso eigentlich war das alles so?
Gebaut als Halle-West
Dass sich der Block mit der Nummer 491 nur ein paar Meter neben der 391 befand, die 324 dafür aber direkt gegen der 253 und die 617 neben der 499 war ein Rätsel. Aber keines, das die Menschen beschäftigte, die in Halle-Neustadt wohnten. Die Plattenbausiedlung, ab 1963 als Halle-West errichtet, um Arbeitskräfte für die schnell wachsenden Chemieunternehmen in Buna und Leuna unterzubringen, hatte eben, was keine Stadt sonst hatte, abgesehen von New York. Keine Straßennamen, jedenfalls beinahe. Dafür aber ein System von Blocknummern, das sich Besuchern nicht erschloss, Einwohnern aber auch ohne tieferes Verständnis der zugrundeliegenden Systematik eine Orientierung zwischen Häuser, Blocks und Wohnkomplexen erlaubte.Wer längere Zeit hier zubrachte, wusste automatisch, wie das vermeintliche Zahlenchaos zu ordnen war. Vom Stadtzentrum aus wurden die Zahlen im Uhrzeigersinn vergeben, allerdings entsprachen die Nummern der Wohnkomplexe den Blocknummern damit nun ausgerechnet nie, weil die Stadtviertel ihre Nummern nach dem Datum der Fertigstellung erhalten hatten. Das 1. WK bekam Blocknummern von 600 aufwärts, das 8. WK hatte die 300er Blocks und das 6. alle von 900 an. Wenig zur Klarheit trug bei, dass die Zehnerstelle in jeder Blocknummer sich auf die Entfernung von einem gedachten Schnittpunkt zwischen zentraler Magistrale-Straße und S-Bahntrasse in der Stadtmitte bezog. Und das auch noch nur theoretisch, weil ein Teil der Blocks dann doch eher nach dem Datum der Fertigstellung nummeriert worden war.
Weg mit der Vergangenheit
Höchst unverständlich, aber hochmodern. Richard Paulick, als Chefarchitekt der Chemiearbeiterstadt Vater der Gesamtplanes des entscheidenden Schrittes der Stadt Halle „in das sozialistische Jahrtausend“, wie es eine Schrift vom Anfang der 60er Jahre nannte, wollte mehr als nur eine neue Stadt bauen. Halle-Neustadt war der Versuch, mit dem Städtebau der Vergangenheit zu brechen.
Statt in engen Innenstadtquartieren mit Hinterhof und einem Klo halbe Treppe sollte der neue Mensch in breiten Straßen gehen, hinter lichten Fenstern leben, mit Balkonen und warmem Wasser aus der Wand. Das Zeitalter der Kybernetik war angebrochen. Die Idee, ein moderne Stadt zu errichten, die industriell gebaut wird, aber in der Lage ist, die „pulsierenden Kräfte breiter Massen zusammenzufassen und ihnen eine Richtung zu geben“, wie der französische Architekturerneuerer Le Corbusier schon in den 20er Jahre geträumt hatte, sie schien in einem kühnen Experiment realisierbar.
Ostdeutscher Sonderfall
Wolfgang Kirchner, der damals als junger Ingenieur das Plattenwerk mit aufbaute, das über ein Vierteljahrhundert Tausende Wände und Bodenplatten für die einzige deutsche Stadtneugründung des 20. Jahrhunderts lieferte, betrachtet „HaNeu“, wie es später zumindest in den DDR-Medien oft genannt wurde, nicht als ostdeutschen Sonderfall. Vorbilder habe es in der Bundesrepublik und in Schweden gegeben.
„Industrielles Bauen versprach warme, bequeme und bezahlbare Wohnungen für alle“, sagt er. In seiner Fantasie habe er zwischen den weißen Blöcken von Anfang an Bäume gesehen, 30 Jahre alt und leuchtend grün, erinnert sich Kirchner. „Wenn man sich Parks zwischen die Häuser gedacht hat, war das alles richtig schön.“
Für die, die in den Blöcken und den weiten Hinterhöfen aufwuchsen, sowieso. Kaum einer aus der zwischen 1970 und 1990 geborenen Generation der Neustadt-Kinder hätte das Prinzip der Blocknummerierung korrekt erklären können. Wie in anderen Städten die Straßen eben irgendwie hießen, hießen sie hier eben irgendwie nicht. Dafür trugen sie ja ihre Nummern.
Die Stadt der Zukunft
Halle-Neustadt sollte eine Stadt der Zukunft sein, ein Heim für den neuen Menschen, so hatten es ihre Erbauer geplant. Neustadt hatte immerhin schon eine neue Sprache: „Maggi“ war die Magistrale, „Koofi“ war die Kaufhalle, „Kiga“ der Kindergarten. In Neustadt lebten schließlich die Sieger der künftigen Geschichte, Familien mit Telefonanschlüssen, warmes Wasser aus dem hahn, Heizungen, die sich nicht ausdrehen ließen. Glückliche, die von den Errungenschaften einer Zeit profitierten, an deren Ende das Ende aller Ausbeutung stehen würde.
Dieses Ende kam so wenig wie aus Neustadt noch eine wirkliche Stadt wurde. Ausgerechnet in ihrem größten Bauprojekt ging die DDR am schnellsten und gründlichsten zugrunde: Noch vor dem Beitritt des Arbeiter- und Bauernstaates zur Bundesrepublik votierten die Halle-Neustädter später für einen Beitritt zur Stadt Halle.
Niemals ein Krankenhaus
Folgen eines Projekts, das Stadt hatte werden wollen, aber ein Stadt baute, der manches fehlte, was jede Stadt hat: Die Geburtsurkunden der Kinder von Halle-Neustadt waren allesamt von Anfang an falsch. Gut, die Namen stimmten, die Geburtszeiten sicher auch. Nur als Geburtsort steht da immer Halle, manchmal auch Zeitz und Merseburg und sicher noch andere Städte.
Nie aber Halle-Neustadt, nicht einmal in den zwei Jahrzehnten, in denen die Söhne und Töchter der Bewohner der sozialistischen Chemiearbeiterstadt zur Welt kamen. Sie alle wuchsen auf als Kinder einer Stadt, die vielleicht als einzige weltweit keine Kinder hat, weil sie in ihren besten Tagen zwar beinahe hunderttausend Einwohner besaß, aber nie ein eigenes Krankenhaus.
Ein logisches System
Wer sich tatsächlich schwer tat mit dem vermeintlich logisch aufgebauten System, das sich im Grunde genommen an das der DDR-weit vergebenen Postleitzahlen anlehnte, war die Deutsche Post der DDR. Vor allem am Anfang, als die Blocknummernvergabe mehrfach korrigiert und geändert wurde, weil sie „EDV-gerecht nicht zu erfassen waren“, wie es in einem Brief des Stadtbaudirektors an das Hauptpostamt von 1975 heißt. Zusteller standen vor Rätseln, weil eine neue Zahl an einem Block keinen Hinweis darauf lieferte, unter welchem Namen das Gebäude zuher geführt worden war.Wie Unterlagen verraten, die im halleschen Stadtarchiv liegen, blieb die in der westdeutschen Quadratestadt Mannheim bereits Ende des 17. Jahrhunderte eingeführte Nummerierung auch für die Neustädter Stadtverwaltung über ein Vierteljahrhundert hinweg ein Problem. Die Vorstellung der Planer um Paulick, dass der Arbeiter der Zukunft keine altertümlichen Straßennamen mehr brauche, galt weiterhin als gut. Doch die Umsetzung krankte daran, dass viele Blocks ihre Zahl nirgendwo deutlich sichtbar zeigten.
"Einheit von Leben und Wohnen"
Die „Einheit des gesellschaftlichen Lebens und Wohnens“, die das SED-Politbüro mit seinem Baubeschluss im Jahr 1963 beschworen hatte, drohte in der Praxis an ein paar Schildern zu scheitern. Und das trotz der „bildkünstlerischen Mittel“, die als Plastiken, Wandmalereien und Brunnen zwischen die Fünfgeschosser und Hochhäuser gesetzt worden waren, um keine Monotonie aufkommen zu lassen.
Schon 1973 erging vom Stadtbauamt deshalb ein erster Auftrag zur Erarbeitung eines „Orientierungssystems“ an das Büro für Städtebau und Architektur. Halle-Neustadts Wohnkomplexe, weniger der vom Schriftsteller Jan Koplowitz in einer Großreportage gerühmte „Aufbruch in das Wohnen von Morgen“ als eine Bienenwabe aus Betonfertigteilen, die mit Wohngebietskneipen, Arztblock, Kaufhalle und Schule dörfliche Strukturen nachbildete, sollten sich Besuchern und Einheimischen besser zu erkennen geben.Fremde scheitern zuverlässig
Größere „Blockkennzeichnungsnummern“, standardisiert an stets derselben Stelle angebracht, dazu ein neues „Bezeichnungs- und Informationssystem“, das 1977 in Auftrag gegeben wurde, wecken Hoffnung darauf, die Verwirrung auswärtiger Besucher zu beseitigen.
Eine weitere Täuschung. Anwohner kamen gut klar, je länger sie in Neustadt wohnten, desto besser. Fremde aber scheiterten zuverlässig. 1982 wurde mit „Blockkennzahlen“ nachgearbeitet, die wegen fehlender Produktionskapazitäten von einer Feierabendbrigade hergestellt werden mussten. Um zu verhindern, dass sich Kinder verliefen, die noch keine Zahlen lesen konnten, verpflichteten die Stadtplaner schließlich sogar zwei Gebrauchsgrafiker, die auf Bürgerwunsch, wie es im Briefverkehr der Behörden heißt, „Wohngebietssymbole zur weiteren Kenntlichmachung der Standorte der Wohnblocks“ in Form von Baummotiven entwarfen, die Müllhäuschen angebracht wurden.
So passten sich die kühnen Träume vom neuen Wohnen kleinteilig an die Möglichkeiten an. Paulicks erträumte „Zweckform von Technik und Industrie“ aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Kinderzimmer und Küche mit Durchreiche auf 52 Quadratmetern musste in zähen Kämpfen alltagstauglich gemacht werden.
Plaketten aus Buna-Plastik
Ein erster Versuch mit Plaketten aus Buna-Plastik scheitert, weil das Material sich im Sommer verzog. Der zweite Anlauf glückte: Mit Schablonen wurden nun Symbole aufgemalt. Doch als nachgestrichen werden sollte, weil die Farbe schnell verblasste, waren die Pappvorlagen nicht mehr brauchbar - aus „Schuhsohlengummi“, so ein zeitgenössischer Bericht, mussten neue gefertigt werden.Kurz vor dem Ende der DDR und dem Ende von Halle-Neustadt als eigener Stadt tauchen in den archivierten städtischen Unterlagen dann Überlegungen auf, der sozialistischen Chemiearbeiterstadt doch wieder Straßennamen zu geben. In langen Listen sind Bezeichnungen wie „Georgi-Dimitroff-Straße“, „Straße der Jugend“, „Wilhelm-Pieck-Ring“ und „Leninstraße“ aufgeführt, die auf Tauglichkeit geprüft, dann doch nicht mehr vergeben wurden.
Erst Anfang 1992, Halle-Neustadt war nach einer Bürgerbefragung bereits zu einem Stadtteil von Halle geworden, verschwanden die Blocknummern auf Beschluss des neugewählten Stadtrates. Sie wurden abgelöst von Dichter- und Blumennamen. Doch wer 30 Jahre später in Halle-Neustadt nach einer Adresse fragt und an einen älteren Einwohner gerät, muss bis heute mit einer Gegenfrage rechnen: Und welche Blocknummer war das?


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