Samstag, 15. Dezember 2018

Lautes Leben und ein stiller Tod: Vor zehn Jahren starb André Greiner-Pol von Freygang





Es gibt ein Foto von André Greiner-Pohl, auf dem er ganz oben in der Berliner Zions-Kirche steht, den linken Fuß gegen das Geländer der Kanzel gestemmt, die Augen geschlossen, vor dem Bauch eine Gitarre, die er weltvergessen spielt. Das Foto stammt aus den 80er Jahren. André Greine-Pohl war ein Ausgestoßener, ein Mann, der einerseits Legende war, andererseits überhaupt nicht existierte: Staatsfeind und Heiliger, Säufer und Narr, Opfer und Täter. 

Die Aufnäher sahen ganz toll aus, und sie garantierten zumindest eine lange Nacht auf der Wache. "Freygang lebt" stand auf dem Stück Stoff, das öffentlich zu tragen nur die Mutigsten wagten in der DDR. Freygang, das war André Greiner-Pohl weswegen das Bildnis des Sängers und Gitarristen wildmähnig über dem Slogan prangte. Greiner-Pohl hatte Auftrittsverbot. Freygang keine Spielgenehmigung. Weder gab es Platten von der Band noch Rundfunkproduktionen, kein Radiomoderator sprach je ihren Namen aus, und keine Zeitung erwähnte sie. Dennoch pilgerten im Jahre 1987 mehr als zehntausend Leute zu einem unangemeldeten Konzert in einem winzigen Nest an der polnischen Grenze. 


Andere Bands schafften es nach dem Ende der DDR, ihr Leben und Wirken im DDR-Untergrund per Talkshow-Auftritt und CD-Sampler zu vermarkten. 
André Greiner-Pohl, 1952 geboren und nach einer Elektrikerlehre bald entschlossen, ein Künstlerleben zu führen, war dieses Talent nicht gegeben. Bis zu seinem Tod hat der Sohn des DDR-Komponisten Greiner-Pohl den Untergrund nicht verlassen, trotzig buchte seine Band Freygang ihre Konzerte selbst, noch immer erschienen ihre CDs auf dem eigenen Label Flint Records und der unabhängige Buschfunk-Versand sorgt für den Vertrieb. 

Bequem hat es 
André Greiner-Pohl nie gemocht. Scheint die DDR in manch anderer Künstlerbiografie ein recht langweiliges Land gewesen zu sein, so liest sich der Lebenslauf des Kult-Gitarristen wie ein Krimi. Schon Mitte der 70er Jahre geriet der Hobbymusiker, der sich als Modell und Kleindarsteller durchschlug, ins Visier der Stasi. Ein Freund hatte beschlossen, mit Hilfe eines US-Soldaten illegal nach Westberlin abzuhauen. Dazu wollte er die Uniform des Amerikaners anziehen und einfach durch die Grenzbefestigungen spazieren. 

Ohne André Greiner-Pohl ging das nicht: Er hatte eine Wohnung in der Nähe, in der das Umziehen vonstatten gehen sollte, und ein Auto, um den falschen Ami zur Grenze zu fahren, hatte er auch. 
Das Ende vom Lied wurde im gefürchteten Knast von Rummelsburg gespielt. Der Kumpel war erwischt worden, Greiner-Pohl wurde von der Staatsicherheit abgeholt, verhört und zur Zusammenarbeit gezwungen. In der Akte unter dem Decknamen "Benjamin Karo" finden sich allerdings mehr Berichte über ihn als von ihm, der seinen Führungsoffizier wissen ließ, dass er die "Bonzokratie" der DDR verabscheute.

Schon 1968, fanden die Spitzel heraus, sei dem Komponistensohn in der Schule eine Westzeitung abgenommen worden. Auch habe der kleine André stets Westfernsehen anschauen dürfen, später hätten sich bei ihm regelmäßig politisch negative Jugendliche versammelt, ließ ein eifriger Hausmeister die Stasi-Männer wissen. So einen darf man nicht öffentlich musizieren lassen. Ohne offizielle Spielerlaubnis avancierten Freygang dennoch zu den Puhdys des DDR-Rockuntergrunds. Neben eigenen Songs spielten André Greiner-Pohl und seine wechselnden Mitmusiker vor allem Ton, Steine, Scherben nach - mehr wild als perfekt, mehr schräg als schön. 

Es gab keine Platten von seiner Band, kein Radiomoderator sprach je ihren Namen aus und keine Zeitung erwähnte sie. 1987 strömten dennoch mehr als zehntausend Fans zu einem Open-Air-Konzert, um Greiner-Pol "Ich bin ein Mörder" singen zu hören. Im Sommer 1986 wurde Greiner-Pohl von der Bühne weg verhaftet. "Der Blues muss bewaffnet sein", glaubte Greiner-Pol, "sonst glaubt dir kein Schwein". Im Revolutionswinter 89/90 machte der Musiker ernst, er gründete die Kult- und Kulturstätte "Tacheles" mit und trat mit seiner eigenen Partei Wydoks zur Wahl an. Ohne Erfolg natürlich. 

Es blieb die Musik. Wilde Klänge, zu denen Greiner-Pohl, Bassistin Tatjana Besson, Keyboarder Frank Trötsch, Gitarrist Egon Kenner und Trommler Ronald Vorpahl Mythen schredderten. Lieder hießen "Skysegeljack" und "Vier Panzersoldaten und ein Hund",  Freygang, einst der lebende Beweis, dass Rock in der DDR nicht gleichbedeutend mit angepasstem Puhdy-Pop sein musste, zwangen die Extreme in eine Rille.

Kurz vor Weihnachten vor zehn Jahren starb André Greiner-Pohl an einem Herzinfarkt, der ihn im Schlaf überraschte. Er wurde nur 56 Jahre alt.


Montag, 10. Dezember 2018

Halle, ehrlichste Stadt: Das Fahrradwunder vom Franzosenweg


Normalerweise dürfte dieses Fahrrad dort nicht stehen. Nicht dort und nirgendwo sonst, denn schließlich ist Halle die Fahrraddiebstahl-Hauptstadt Sachsen-Anhalts: Knapp 4 000 Räder wurden 2017 an der Saale gestohlen - nur knapp 500 Fahrraddiebstähle waren es im Jahr 2011. Dabei gehen nach wie vor die wenigsten Diebstahlsopfer zur Polizei, weil deren Aufklärungsrate unterirdisch ist. In nicht einmal jedem zwölften Fall wird ein Fahrraddieb erwischt, mehr als 90 Prozent aller Diebstähle bleiben unaufgeklärt. Wer Anzeige erstattet, erhält in der Regel schon nach wenigen Tagen ein Standardschreiben der Staatsanwaltschaft: Es habe leider kein Täter ermittelt werden können. Die Ermittlungen seien eingestellt.


Und nun dieses Rad, wie ein Hohn auf die Statistik und den Ruf der Saalestadt als Klau-Hochburg. Seit Anfang Juni, also ist mehr als sechs Monaten steht es im Franzosenweg, ein Damenrad, konservatives Modell, tiefer Einstieg, leicht hässliches Dunkelrot, Doppelrahmen, eher belastbar als schick, aber fahrtüchtig, abgesehen von einem Platten am Hinterrad.

Das Fahrrad ist nicht angeschlossen, nicht einmal an sich selbst. Jeder Passant könnte es nehmen und wegschieben - normalerweise werden auch solche Räder gnadenlos aus Kellern gezerrt, von Ständern vor Kneipen oder Freibadzäunen geschnitten. Manchmal dauert es keine fünf Bier und das Rad, mit dem der Gaststättenbesucher gekommen ist, fehlt auf dem Nachhauseweg. Manchmal halten nicht einmal verschlossene Haus- und Kellertüren "organisierte Banden" (Polizei) davon ab, gleich ein Dutzend Räder aus einem Fahrradraum zu schleppen.

Wie ein trotziges Mahnmal gegen das Vorurteil, Halle sei für Fahrradbesitzer eine teure Stadt, steht nun das ehemals edle Winora-Rad da, inzwischen nicht mehr unauffällig gelehnt an eine Hauswand, sondern an die Außenmauer der alten Uni-Klinik, wo Studentinnen und Studenten, aber auch andere Passanten das Angebot gar nicht übersehen können. Dennoch hält es sich, mitten in der Stadt, die nach einer Statistik eines Vergleichsportals bundesweit auf Rang 3 rangiert, wenn es um die Spitzenränge beim Fahrradklau geht.

Eine Erklärung gibt es nicht. Das Wunderfahrrad vom Franzosenweg, es hat den Sommer überstanden, den Herbst und wenn alles gut geht, steht es vielleicht nach dem Winter immer noch da.

Oder nun auch nicht. Dann aber liegt es womöglich nur an diesem Text hier.


Samstag, 8. Dezember 2018

Post­kon­trolle: Wie Behörden im Westen die Post aus der DDR überwachten


Gerade erst wieder rücken die Stasi-Machenschaften beim innerdeutschen Brief- und Postverkehr ins Visier. Systematisch habe die DDR-Stasi Westpakete ausgeraubt, berichtet der letzte DDR-Postminister im MDR-Magazin "Umschau". Die geraubten Waren seien dann unter anderem in der SED-Bonzen-Siedlung Wandlitz verkauft worden. Kontrolliert wurde sowieso alles - allerdings eben nicht nur im Osten, wo die für die Postkontrolle zuständige Stasi-Abteilung M in jeder Hauptpostfiliale saß, geheime Bereich in den Bahnhöfen hatte und rund um die Uhr die Briefe der DDR-Bürger ausspionierte.

Weniger bekannt ist, dass die DDR nicht allein so handelte. Auch die Behörden in der Bundesrepublik nutzten im Kalten Krieg jede Möglichkeit, die Kommunikation ihrer Bürger zu kontrollieren, wie der Freiburger Historiker Josef Foschepoth in seinem Buch Überwachtes Deutschland: Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik beschreibt. "Die DDR war das am besten überwachte Land in Europa, vielleicht auch weltweit", sagt Josef Foschepoth. Denn nicht nur die DDR-Stasi durchleuchtete die Post auf dem Weg nach dem Westen. Nein, kaum dort angekommen, kümmerten sich auch die Sicherheitsorgane der Bundesrepublik um Pakete, Päckchen und Briefe.

Im ehemaligen Bahnpostamt in Hamburg etwa wurden jahrzehntelang Briefe und Pakete aus der DDR aufgerissen und durchsucht. In einem Raum arbeiteten nach einem Bericht des Fernsehsenders 3Sat drei bis vier Postbeamte und ein Zöllner. Solche Überwachungsstellen habe es "eigentlich in jedem größeren Postamt gegeben", beschreibt Foschepoth. Und das gleich doppelt: Nicht nur die bundesdeutschen Behörden überwachten die deutsch-deutsche Post, sondern nebenan befanden sich weitere Überwachungsräume, in denen Mitarbeiter der Besatzungsmächte nach ihren Regeln kontrollierten.

Große so genannte "Aussonderungsstellen" für verdächtige Sendungen befanden sich in Hamburg, Hannover, Bebra, Bad Hersfeld und Hof. Über diese "zweite Westgrenze" wie es der Forscher nennt, gelangte keine Post aus der DDR unkontrolliert. Schon in den Zügen aus der DDR hätten Postbeamte vorsortiert, es wurden Postkarten gelesen und Sendungen abgetastet.

Rechtliche Grundlagen dafür gab es nicht, wie Foschepoth betont. Kanzler Konrad Adenauer habe den Alliierten diese Vorbehaltsrechte zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs eingeräumt. In den offiziellen Verträgen aber blieb dies unerwähnt.



Samstag, 17. November 2018

AKA Elektrik und Biox Ultra: Warum die DDR Werbung abschaltete


Wer ihn damals jeden Abend sah, kann die Melodie noch heute mitsingen. „Baden mit Badusan, Badusan, Badusan“! Oder auch „AKA Elektrik, in jedem Haus zu Hause“. Viel mehr hatten die sogenannten "Verbrauchertipps" im DDR-Fernsehen nicht zu bieten - aber die beiden Werbespots, die natürlich nicht so heißen durften, haben Ewigkeitscharakter für die Generationen, für die sie die erste Begegnung mit Werbung waren.

In den 60ern hatte die DDR angefangen, mit dem Aufbau des Sozialismus im Land auch Werbung zu machen. Zwischen 1959 und 1976 wurden rund 4 000 Werbesendungen im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Wenig im Vergleich zum Westen, viel aber für einen Staat der Bückwirtschaft, in dem sich begehrte Waren nur über Beziehungen besorgen ließen.

In einer funktionierenden Planwirtschaft hätte planmäßig für nichts Werbung gemacht werden müssen, weil jederzeit planmäßig und bedarfsgerecht produziert worden wäre. Die Praxis allerdings  sah anders aus: "Tausend Tele-Tips", die am Vorabend ausgestrahlte Fernsehwerbesendung,  sollte Schluss machen mit dem Verstecken der "beachtlichen neuen Erzeugnisse des Siebenjahresplanes in einem verhängten Schaufenster", das das SED-Organ Neues Deutschland kritisiert hatte. Während politisch mit Slogans wie "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" Reklame für den Sozialismus gemacht wurde, sollte Werbung für Küchenmaschinen, Mopeds und Kaffeefilter zeigen, wie modern die DDR ist und wie gut es ihren Bürgern geht.


So kam der Minol-Pirol in die Welt, es gab eine "HO-Frühjahrsmode", Kofferradios vom VEB Stern-Radio Rochlitz und Berlin-Kosmetik, "Biox Ultra - die gute Zahnpasta" und "Esda - der Qualitätsstrumpf" wurden neben dem "Wartburg - ein zuverlässiger Wagen" angepriesen, obwohl der ohnehin nur auf Vorbestellung zu haben war. Laut eigenem Statut wollte das Werbefernsehen "auf Leitbilder orientieren, die dem entwickelten gesellschaftlichen System des Sozialismus entsprechen". Der Schriftsteller Uwe Johnson beobachtete diese Bemühungen von Westberlin aus und schrieb 1964 im Tagesspiegel: "Es werden aber tatsächlich Waren angepriesen, Seifen, Suppen, Sorten, und erstaunlicherweise mit den bekannten Mitteln der Übertreibung und anderer dreister Rhetorik."

Alles wie überall, nur aus heutiger Sicht unbeholfen und daher sympathischer. "Mein Mann und Fewa-flüssig, die beiden sind Gold wert", sagt eine Hausfrau, die mit demselben Spruch und anderem Markennamen auch in der ARD hätte auftreten können.

Die Werber fingen sich damit Kritik ein, zumal sie meist Ladenhüter bewerben mussten, die auch mit Werbung niemand haben wollte. Eier zum Beispiel, die immer beworben wurden, wenn es zu viele gab. 1972 kam dann ein Spot für einen  Geschirrspülautomaten heraus, eine Revolution der DDR-Küchen, die in einer Überflutungswelle endete. Der Spot verschwand. "AKA Elektrik" blieb, die Abkürzung stand für: "Aktiv auf dem Markt - Konzentriert in der Handelstätigkeit - Aktuell im Angebot".

Mitte der Siebzigerjahre war plötzlich Schluss mit „AKA Elektrik, in jedem Haus zu Hause“  und dem  legendären Unterleibswasser "Yvette Intim", das "nach Meinung namhafter Frauenärzte" eigentlich auch "jeder Mann" verwenden sollte. Die Werbesendung „TTT“ endete kommentarlos, indem sie aus dem Programm flog.  Zuvor hatten die Minister der DR-Regierung ganz demokratisch beschlossen, dass Werbung Quatsch sei, weil ohnehin nichts Neues mehr auf den Markt kam.

Erst Mitte der 70er-Jahre bemerkten die zuständigen Entscheidungsträger, dass da kaum noch etwas zu bewerben war und beendeten den 17-jährigen Feldversuch. Da half es auch nicht, dass wenigstens ein 1965 produzierter Spot dem Ideal der sozialistischen Fernsehwerbung schon recht nahe gekommen war. Mann und Frau sitzen am gedeckten Tisch: "Weißwein ist so recht das Getränk unserer Zeit. Für unseren Optimismus. Weißwein für glückliche Menschen, die sich gemeinsam über Vollbrachtes freuen."