Sonntag, 21. Oktober 2018

Breshnew, Che und Honecker: Die Rolex-Revolutionäre


Gerade steckt die Berliner SPD-Politikerin Sawsa Chebli in einem veritablen Shitstorm von rechts, weil sie eine Rolex Datejust für 7000 Euro trägt. Dabei hat das bei linken Politikern eine lange Tradition. Am Arm trugen Erich Honecker und Leonid Breshnew, Mao und Fidel Castro am liebsten aus gerechnet diese sehr kapitalistische Uhr.


Nikita Chruschtschow scherte ein wenig aus. Der Mann, der Stalin als Führer der Sowjetunion nachfolgte, entschied sich für den rechten Arm , um seine Uhr zu tragen. Eine Abweichung von der sozialistischen Norm, die prominenten Führern der Linken den linken Arm für die Uhr vorzuschreiben schien. Und noch eine. Chrutschschow bevorzugte eine Uhr aus sowjetischer Produktion. Viele andere seiner kommunistischen Führungskollegen dagegen setzen auf Produkte einer ganz besonderen und sehr kapitalistischen Firma.

Fidel Castro und Che Guevara, Erich Honecker und Leonid Breshnew, sie alle trugen ihre Uhr links, als hätten sie das so miteinander verabredet. Und noch erstaunlicher: Genau wie der rumänische Machthaber Nicolae Ceausescu, der chinesische Revolutionsführer Mao Zedung und sein libyscher Kollege Muhammar Gaddafi entschieden sie sich für Uhren der 1905 vom Kulmbacher Uhrmacher Hans Wilsdorf in Genf gegründeten Edel-Uhrenschmiede Rolex.

Genosse Rolex. Ein größerer Widerspruch zwischen behauptetem Anspruch und Wirklichkeit ist kaum denkbar. Rolex-Uhren gelten bis heute als Statussymbole ohne jedes Understatement: Modelle wie die von Che Guevara anfangs bevorzugte Seamaster sind klobig und sie glänzen golden oder silbern, eine drehbare Lünette strahlt zweifarbig und statt auf Lederarmbänder setzt der größte Luxusuhrenhersteller der Welt auf dicke Kettengliederbänder. Rolex steht nicht für Eleganz und Feingeist, sondern für Protz und Prahlerei. Technisch sind die Uhren aus der Schweiz zuverlässig. Geschmacklich aber ein Fall für Rüpel-Rapper, neureiche Sportler und überbezahlte Schauspieler.

Unter 4 500 Euro ist heute keine Rolex-Uhr zu haben, doch auch in der Zeit des Kalten Krieges waren die Schweizer Edeluhren nicht billiger. Fidel Castro trug dennoch gleich zwei - eine Rolex Day-Date, eingestellt auf Kuba-Zeit. Und eine Submariner, eingestellt auf Moskauer Zeit. Die behielt Castro auch um, als er Chruschtschow 1963 in Moskau besuchte. Bilder zeigen den Kubaner an einem Tisch im Kreml sitzend, Chruschtschow gegenüber. Castro hat eine Zigarre im Mund und zwei Rolex am Handgelenk.

Die Liebesaffäre des Revolutionärs mit Rolex hatte wohl schon vor der Revolution begonnen. Als seine Kämpfer dann Havanna einnahmen, ließ der Maximo Lider alle Uhren im kubanischen Rolex-Hauptquartier requirieren. Später beschenkte er Mitkämpfer mit der Beute: Che bekam erst die Seamaster geschenkt - Wert etwa 10 000 Euro. Später kam eine GMT Master dazu, heute 25 000 Euro wert.

Es ist nicht bekannt, ob es Castro war, der die Rolex-Manie in den Ostblock brachte. Klar aber ist: Unter den offiziell anspruchlos lebenden Führern der sozialistischen Welt galten teure Uhren stets als lässliche Sünde. Lenin brachte sich aus dem Exil einen Chronometer der Manufaktur Moser mit. Sein Nachfolger Stalin besaß eine Sammlung aus Taschenuhren von Tissot und Cartier. Und Chinas Führer Mao Zedung ließ in die Datumsanzeige seiner Date Just chinesische Zahlen schreiben, um immer up to date zu sein.

In der Führungsetage des sozialistischen Weltreiches war keine andere edle Uhrenmarke so verbreitet wie Rolex. Leonid Breschnew liebte nicht nur schnelle Autos und Ray-Ban-Sonnenbrillen aus den USA, er machte auch die gelbgoldene Rolex Datejust - ein Modell, wie es jetzt Sawsan Chebli trägt - zum Standard für Revolutionäre. Erich Honecker hatte bald eine Uhr vom selben Modell. Als er Breschnew 1979 zur Feier des 30. Jahrestages der DDR empfing, umarmten sich zwei Markenbotschafter: Sowohl Honecker als auch Breschnew trugen eine Rolex Datejust in Gold.

Die edlen Zeitmesser und die nach außen bescheiden lebenden Staatsführer, das passt nicht richtig zusammen. Doch Breschnew bekam seine Rolex-Uhren offenbar von Staatsgästen geschenkt, die um seine Vorliebe für westliche Statussymbole wussten. Honecker dagegen konnte dank der Geschäftstüchtigkeit seines Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski ab 1987 in einem DDR-Rolex-Shop Uhren kaufen, die sogar mit dem von Rolex für die DDR vergebenen Ländercode 301 graviert waren.

In einem eigenen Laden neben der Rezeption des Grand Hotels in der Berliner Friedrichstraße wurden in der Endzeit der DDR von einem Rolex-Verkaufsagenten im staatlichen Auftrag Rolex-Uhren an Gäste aus dem Westen verkauft. Alle bekamen in die offiziellen Begleitpapiere einen Stempel des Grand Hotels, wie der Uhren-Blogger Walter Castillo herausgefunden hat.

Neben der Rolex Datejust in Stahl-Gold-Ausführung mit Jubileeband war auch ein massives Goldmodell im Angebot, das wohl im Dezember 1989 einen letzten Käufer fand. Danach löste sich das Schalck-Imperium Kommerzielle Koordinierung auf und der Rolex-Laden verschwand mit der Republik, die sich von ihm Rettung aus ihren finanziellen Engpässen versprochen hatte.

Der einzige Rolex-Träger der DDR war Erich Honecker allerdings nicht. Manfred Buder, Kapitän des DDR-Eishockey-Nationalteams, hatte 1961 bei der Eishockey-WM 1961 in Genf eine Rolex Oyster mit der Registriernummer D64656 als Präsent erhalten, eingepackt in eine Schatulle, die dem Genfer Eishockeystation nachgebildet war. Vor zweieinhalb Jahren landete das kaum getragene Einzelstück bei einem Auktionshaus, das es für 4 000 Euro an den Mann brachte.

Wo Erich Honeckers Rolex geblieben ist, ist hingegen ebenso unklar wie der Verbleib von Castros und Breshnews Edeluhren-Sammlung. Che Guevara soll zumindest eine seiner Rolex getragen haben, als er am 9. Oktober 1967 um 13.10 Uhr im bolivianischen Dschungel hingerichtet wurde. Von da an verliert sich die Spur dieser Revolutionsuhr, nicht aber die Spur von Rolex in der Geschichte der Diktatoren, Alleinherrscher und Revolutionäre: Heute trägt der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un eine Rolex, der chinesische staats- und Parteichef Xi schwört auf die Schweizer Uhr und auch IS-Chef Abu Bakr al-Baghdad zeigte sich auf Fotos schon mit Rolex. Am rechten Arm, denn so schreibt es der Koran vor.


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Sonntag, 23. September 2018

Hermann Zickert: Der Warren Buffett aus dem Mansfeld

"Arbeiten Sie mit Ihrem Kapital! Streben Sie nach Rente, nicht nach Kursgewinn! Kaufen Sie nur marktgängige Sachen! Lassen Sie sich nicht durch Versprechungen blenden! Prüfen Sie, bevor Sie kaufen! Fragen Sie nicht den Bankier um Rat! Versäumen Sie nicht rechtzeitigen Verkauf! Machen Sie keine Bankschulden!" Ratschläge, die Hermann Zickert gab, eine Art Warren Buffett aus dem Mansfelder Land.


Zickert war der Sohn eines Fleischermeisters aus Eisleben, besuchte das Gymnasium in Sondershausen und wurde zum Börsenpionier in Deutschland: Seiner Zeit weit voraus, gilt der 1885 geborene Börsehai als Gründer der modernen Finanzmarktanalyse. Die von ihm entworfenen Werkzeuge benutzen die Analysten von n-tv bis zum Bundeswirtschaftsministerium bis heute.

Zickert war aber nicht nur ein Erneuerer des finanztechnischen Denkens, sondern auch ein Mann mit klaren Prinzipien. In Heidelberg promoviert, gründete er später die Fachzeitschrift "Spiegel der Wirtschaft", wollte sich und seine Ideen aber von niemandem vereinnahmen lassen. Noch ehe Hitler die Macht ergriff, flüchtete Zickert vor dem "schweren psychologischen Druck" (Zickert) in der Heimat nach Liechtenstein, um "einen freieren, weiteren Blick zu gewinnen".

Gerade noch rechtzeitig. 1936 verboten die Nazis den Vertrieb seiner Zeitschrift in Deutschland. Zuvor hatte Zickert sich über die Konjunkturprognosen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute lustig gemacht: "Wenn so große Institute in ihren Forschungsergebnissen so gründlich versagen", schrieb er, "wie muss dann die Planwirtschaft aussehen, die sich auf solche Wahrheiten aufbaut!"

Zickert überlebte den Krieg im Exil, später wurde er mit seinem Blatt und seinen Lehren zum Berater unzähliger Kleinanleger. Der vergessene Börsenpionier starb 1954 in Liechtenstein.

Freitag, 21. September 2018

Dean Teed: Genosse Cowboy und der rätselhafte Tod


Als Dean Reed vor 32 Jahren starb, war er fast vergessen. Sein Tod hat seitdem für Spekulationen gesorgt - obwohl der Sänger, der heute 80 Jahre alt werden würde,  freiwillig aus dem Leben geschieden war.Er hatte die Ranch in Texas gegen ein Seegrundstück nahe Berlin getauscht, den Erfolg in den amerikanischen Billboard-Charts gegen Auftritte in der FDJ-Sendung "rund", den Jubel des Madison-Square-Garden gegen den Applaus der Menschen im Arbeiterklubhaus Bitterfeld.

Dean Reed, dessen Leiche ein aufmerksamer Wasserschutzpolizist am 17. Juni 1986 am Schilfgürtel in der Nähe des Badestrandes südlich des Zeltplatzes Nummer 2 am Zeuthener See entdeckte, ließ Zeit seines Lebens keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er stehen wollte. Der Sohn eines Mathelehrers, aufgewachsen auf einer Hühnerfarm in Weath Ridge unweit von Denver/Colorado, sah sich als Sänger des besseren, des moralisch sauberen Amerika. Reed war an der Seite der "fortschrittlichen Menschen" unterwegs, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Dabei war Dean Cyril Reed, mit zehn Jahren auf Wunsch des Vaters an einer Kadettenakademie eingeschrieben, überhaupt nur zufällig Popstar geworden. Als er nach dem Abschluss an der Highschool quer durch die USA fuhr, vermittelte ihm ein Tramper, den er mitgenommen hatte, den Kontakt zum Chef der Plattenfirma Capitol. Dort macht der Hobbymusiker, bis dahin nur aufgefallen, weil es ihm einmal gelang, ein 110-Meilen-Rennen gegen ein Maultier zu gewinnen, Probeaufnahmen, die ihm auf einen Schlag einen lukrativen Sieben-Jahres-Vertrag einbringen.
Schnell wird der große Mann mit den strahlend grünen Augen ein kleiner Star.

Mit Songs "Summer Romance" entert er die Hitparaden, bald hagelt es Filmangebote und Touranfragen aus dem Ausland. Dean Reed, von Fans umschwärmt und von den Frauen vergöttert, schwebt durch die frühen Jahre seiner Karriere: Das Leben ist ein Traum, die Welt viel größer, als es von Wheat Ridge aus den Anschein hatte.

Vor allem in Südamerika lieben die Menschen den "Magnificent Gringo", der jedem offen entgegentritt, nicht belehrt, sondern sich lieber belehren lässt. Vor aller Augen wird aus dem naiven Country-Sänger ein politisch denkender Künstler, der seinen eigenen Kopf hat. In Peru schreibt Dean Reed seiner Regierung einen Brief, in dem er gegen amerikanische Kernwaffentest protestiert, er freundet sich mit linken Gewerkschaftern an und fährt als Delegierter zum Weltfriedenskongress nach Helsinki.

Danach ist Dean Reed nicht mehr derselbe. Er besucht die Sowjetunion und darf dort sogar auf Tournee gehen. Während die Fans in den USA ihn vergessen haben, liegen sie ihm zwischen Moskau und Perm zu Füßen. Reed ist hier der Ersatz für Beatles und Stones. Schließlich verschlägt es ihn in die DDR, wo er auf einem Festival einen Chile-Film vorstellt und sich auf der Party danach Hals über Kopf verliebt.

Es ist der letzte Wendepunkt im Leben des Genossen Cowboy, der in den 13 Jahren bis zu seinem rätselhaften Freitod für die einen zum roten Elvis und für die anderen zum roten Tuch wird. Den DDR-Mächtigen gilt der Seitenwechsler als Glücksfall. Reed wird direkt von der Abteilung Agitation des SED-Zentralkomitees betreut. Der Paradiesvogel im grauen DDR-Kulturbetrieb dreht Filme und spielt Platten ein, besucht Kubas Revolutionsführer Fidel Castro und Palästinenserchef Jassir Arafat. Er dreht das große Rad im kleinen Staat und avanciert nach Ansicht des "People's Magazine" zum "größten Star der Popmusik von Berliner Mauer bis Sibirien".

Doch die großen Tage neigen sich dem Ende zu. Zwar findet Dean Reed nach der Trennung von seiner ersten DDR-Frau in der Schauspielerin Renate Blume schnell eine neue große Liebe. Mit der Sommerkino-Klamotte "Sing, Cowboy, Sing" gelingt ihm sogar ein echter Kassenknaller. Der Exotenbonus aber, den der Kommunist mit US-Pass in den 70ern noch genoss, hat sich verbraucht. In den 80ern ist Reed für viele DDR-Bürger nur ein staatsnaher Stetson-Träger, der keine Ahnung vom wirklichen Leben in seiner Wahlheimat hat.

Reeds Platten liegen wie Blei in den Läden. Neue Filmprojekte werden ihm zwar noch angeboten, aber nicht mehr verwirklicht. Dem Mann, der seiner Umwelt ganz amerikanisch stets beweisen wollte, dass er der Beste ist, tut das weh. Dean Reed beginnt zu trinken. Parallel streckt er seine Fühler zu alten Freunden nach Amerika aus, um vorzufühlen, wie es denn wäre, wenn er zurückkäme.

Anfang Juni 1986 erleidet er einen Herzanfall. Kurze Zeit darauf droht er nach einem Streit mit seiner Frau, sich umbringen zu wollen. Am Donnerstag, es ist der 11. Juni, setzt er sich abends ins Auto, um nach Babelsberg zu fahren. Dort ist Dean Reed nie angekommen - in Reeds Lada findet die Polizei vier Tage darauf einen 15-seitigen Abschiedsbrief: "Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun", schreibt Reed darin, "aber ich kann keinen Weg finden aus meinen Problemen."

Dienstag, 18. September 2018

Frank Turner: Ein Mann mit Mission



Er zählt sie immer noch, seine Auftritte. Vom ersten an, den er damals im September vor 14 Jahren spielte, als sich seine Band Million Dead aufgelöst hatte, kommt der britische Musiker und Sänger Frank Turner bis heute auf 2 223 Live-Shows, in denen er seinen Lagerfeuer-Punkrock von großen und kleinen, manchmal aber auch von keinen Bühnen gesungen hat. Immer sprüht der 36-Jährige vor Temperament, immer zündet er sein Publikum an, weckt er Begeisterung bis hin zur schieren Euphorie.

Ein langer Weg, der inzwischen in die großen Hallen und - bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London - sogar in die Stadien der Welt geführt hat. Doch Turner, in Bahrain geboren, im südenglischen Winchester aufgewachsen und im Elite-Internat Eton ausgebildet, hat sich den Erfolg auf die harte Tour erarbeitet. Seit zwölf Jahren spielt er nie weniger als 160 Konzerte im Jahr, meist aber über 200. Alle zwei Jahre gibt es ein neues Album, das stets Turners Philosophie folgt: Ehrliche Musik, handgemacht, quer zum Zeitgeist gedacht und nie auf kommerziellen Erfolg kalkuliert.

Der Mann mit dem Dreitage-Bart und dem Universitätsabschluss in Europäischer Geschichte bleibt seiner Mission auch beim Nachfolger seines bislang erfolgreichsten Werkes "Positive songs for negative people" treu. "Be more kind", zu deutsch ein Aufruf, freundlicher zueinander zu sein, in Zeiten, in denen Wut, Zorn und Hass die Welt zu regieren scheinen, ist eine Sammlung von 13 Songs, die Turners Fähigkeit, nach Belieben unwiderstehliche Melodien zu erfinden, mit seinem Händchen für Sounds zwischen Rock und Folk verbinden, dazu aber erstmals auch fast schon poppige Synthesizer addiert.

Ein Album, das mehr sein will als Musik, denn Frank Turner, der seine Karriere mit entschieden politischen Texten startete, hat beschlossen, dass es Zeit ist, dorthin zurückzukehren, wo er einst mit Million Dead und dem ruppig eingespielten Liebeslied "Smiling at strangers on trains" angefangen hatte. "Stop asking musicians what they think", heißt es in "1933", einem Lied, das zu zackigen Akkorden den Karl-Marx-Spruch von der Geschichte zitiert, die sich als Farce wiederholt. Ehe Frank Turner mit kippender Stimme warnt: "Glaub' bloß nicht, dein brennendes Haus sei die Morgendämmerung".

Es ist viel schlimmer. "Die Welt draußen brennt mit einem neuen Licht", reimt Turner, "aber es wärmt mich nicht." In 45 Ländern der Erde hat Frank Turner seine 2 223 Konzerte gespielt, er war nicht nur in Wohlfühlzonen wie Deutschland, Estland oder den USA unterwegs, sondern auch in Indien, Sierra Leone und Südafrika. Das weitet den Blick, das brachte Turner zur Überzeugung, dass er zwar keineswegs die Verpflichtung habe, seine Ansichten zu äußern. "Künstler müssen das nicht, sie können mit ihrer Kunst ausdrücken, was immer sie wollen", sagt er. Das sei aber nur die eine Seite. "Die andere ist, dass jeder Künstler natürlich das Recht hat, sich zu allem zu äußern."

Turner, in den vergangenen zehn Jahren Mitbegründer einer Rockschule, in der Leute wie Jake Bugg, Passenger, Jayke Orvis oder Chuck Ragan sich abwandten vom traditionellen Rockgeschäft und eine Rückkehr zu den wahren Werten des Rock predigten, der Echtheit über Vermarktungschancen stellt, zieht mit seiner Stammband The Sleeping Souls alle Register zwischen Wut auf die Welt, Tröstung der Enttäuschten und Wunschgesang. Im sparsam instrumentierten Opener "Don't worry" umarmt eine sanfte Melodie die Mühseligen und Beladenen. "Du bist nicht allein", heißt die Botschaft, die am Ende ein summender Chor zu gospelartigem Klatschen singt. Es folgt "Little Changes", ein Stück über Entfremdung, in dem Turner angstlos raunt, dass die großen Dinge sich schnell ändern können, wenn "wir die kleinen Dinge ändern". Welche? Der Titelsong gibt Frank Turners einfache Antwort: In einer Welt, die sich entschlossen hat, verrückt zu werden, hindert uns doch niemand daran, wenigstens nett zu einander zu sein.

Der Sänger selbst ist es bloß nicht, wenn es seinen aktuellen Lieblingsgegner Donald Trump betrifft, den er mit dem betont holprigen Kracher "Make America great again" verhöhnt, den er schon schrieb, ehe Trump gewählt wurde. Danach aber fährt der Ex-Punk und Pop-Philosoph die Schmeichler, Schüttler und Überlebenshymnen auf. "Brave Face", "There she is" und "21st Century Survival Blues" zeigen Frank Turner als unübertroffenen Meister der großen Gefühle. Leise und laut, mitsingkompatibel und dahingehaucht - der nette Punk-Missionar weiß genau, was er kann.

Direkt zum Künstler:
www.frank-turner.com