Samstag, 22. April 2017

Fischer-Z: Widerstand gegen den Wohlstand


Alles in allem sind es kaum elf Jahre gewesen, in denen John Watts den Namen Fischer-Z abgelegt und versucht hatte, unter seinem eigenen Namen an die großen Erfolge der 80er Jahre anzuknüpfen. Das gelang nicht, vielleicht auch, weil der studierte Psychologe sich nie dümmer stellte, als er ist.

Watts verband Liedermacherei und Rock, Pop und Multimedia, er reiste um die Welt und sang mit Musikern aller Kontinente, und bald schien es, als komme es ihm gar nicht mehr auf das Ergebnis seiner Bemühungen um neue Musik an, sondern nur noch um den Weg dorthin.

Aber natürlich ist der inzwischen 62-Jährige auch eitel. Wer mit Mitte 20 in Welthits wie "Marliese" und "Berlin" gezeigt hat, dass schwerer Inhalt und leichte Form bis an die Spitze der Charts klettern können, mag im Herbst seiner Karriere nur ungern dauerhaft in kleinen Klubs vor zwei Handvoll alten Fans auftreten. John Watts hat also den alten Bandnamen Fischer-Z aus dem Archiv geholt und eine neue Ära für die einstige New-Wave-Combo ausgerufen.

40 Jahre nach Bandgründung ist zwar außer ihm keines der Ursprungsmitglieder mehr dabei, aber Fischer-Z war schon immer ganz allein Watts' Baby, sein Sprachrohr, seine Stimme. "Building Bridges", bei ganz penibler Zählung wohl Album Nummer zwölf mit dem Schriftzug Fischer-Z auf dem Cover, unterstreicht den virtuellen Charakter dieser Formation durch den intimen Kreis, der es eingespielt hat. Neben Watts selbst ist da der Schlagzeuger und Percussionist James Bush, dazu Tochter Leila Watts und Mitproduzent Nick Brine als Backgroundsänger.

Ein Solowerk also, das in elf Songs hundert Prozent Watts bietet. Die zickige Gitarre ist hier, die Stimme wie eine überspannte Klaviersaite, die Bläsersektion aus dem Keyboard. Dazu kommen die Melodien, die immer an die großen Momente von "Cruise Missiles" und "The Worker" erinnern. Damals hatte Watts Politik und Beziehungskrisen in luftigen Pop gegossen, der dennoch wie ernsthafte Rockmusik gehört werden durfte.

Das versucht er hier wieder. "Building Bridges" startet mit abgeschlagenen Köpfen in Damaskus, blendet über auf Szenen aus der Finanzkrise, schimpft über den Mindestlohn und ruft die Besitzlosen zum Widerstand gegen den Wohlstand: "Die, die nichts haben, brauchen eine lautere Stimme!" Der weitgereiste Pop-Philosoph, allen Ehrgeizes ledig, sinniert öffentlich über die Leiden der Welt, über die Flüchtlingskrise und die alles zermalmende Kraft des Internets.

Gallig ist er dabei, die Stimme quengelt bei "Barbara Sunlight" ein höhnisches "heirate mich" und bei "Umbrella" verwandelt Watts "Paint it black" von den Rolling Stones in die Liebeserklärung eines alternden Mannes an ein junges Mädchen. "Shrink" ist dann ein Zwiegespräch des Sängers mit einem Alter Ego diesen Namens, in dem die verrückten Zeiten zu verrückter Musik beklagt werden. Watts darf das, denn er kann es, auch ganz allein.


Donnerstag, 20. April 2017

Deep Purple: Abschied der Dinosaurier


Im 50. Jahr ihres Bestehens reitet die britische Band Deep Purple mit dem Album "Infinite" in die Unendlichkeit der Rockgeschichte.

Die Rebellion dieser Männer hier war von anderer Art als die ihrer Kollegen von den Stones, den Kinks oder Jethro Tull. Während die im Kern personell stabil waren, überlebte Deep Purple bis heute acht Verpuppungen, bei denen nur der Mann hinter dem Schlagzeug derselbe blieb. Und, das ist das Erstaunliche, die Musik. 

Vier Sänger, vier Gitarristen, drei Bassleute und zwei Keyboarder haben Deep Purple seit der fantasiereichen Rock-Suite "April" betrieben. 45 Jahre sind seit dem größten Purple-Hit "Smoke on the water" vergangen. Und nun vereint das neue Album "Infinite" die klassischen mit den Dampfhammer-Genen des Band-Erbes zu einem letzten Ausritt der alten Garde um Drummer Ian Pace, Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover, denen mit Steve Morse (seit 1994) und Don Airey (seit 2002) zwei jüngere Kräfte zur Seite stehen. 

Stilsicher, wie die zehn neuen Songs belegen, produziert wie schon das letzte Werk "Now What?" erneut von Bob Ezrin. Deep Purple rufen noch einmal alle Tricks und Kniffe, alles Handwerk und alle Schablonen der letzten fünf Jahrzehnte ab und zelebrieren ihren Abschied mit der großen Geste echter Dinosaurier. Natürlich klingt Ian Gillan, inzwischen 71 Jahre alt, nicht mehr wie damals mit Ende 20, als er "Highway Star" mit einer Stimme sang, die in manchen Momenten aus einer anderen Welt zu kommen schien. 

Doch er klingt gut, voll und nie überfordert. "Johnny's Band" ist das Lied zu diesen alten Zeiten, eine Hommage an die Tage, als alle Musik machten und es manche sogar zu "Top of the Pops" schafften. Ehe der Traum im Drogenrausch, in Geldgier und privatem Größenwahn verglühte. Alle Mitglieder von Deep Purple, auch der 2012 verstorbene Keyboarder Jon Lord und Gründungsgitarrist Ritchie Blackmore, der seit 1993 endgültig auf folkloristischen Solo-Pfaden wandelt, könnten Geschichten davon erzählen, wie es wirklich war, in den ganz großen Tagen des Rock "on top of the world" zu sein, wie hier ein Lied heißt. 

Umso verwunderlicher, dass das sensible Konstrukt aus teilweise über Jahrzehnte zerstrittenen Genies nicht nur diese Zeiten, sondern auch die Phasen von Belächeltwerden und Vergessensein überstanden hat. Nun stehen sie hier, im Gepäck die alte Musik aus wilden Gitarren, manchmal minutenlang vor sich hintüdelnden Orgeln und wuchtigen Beats aus Ian Pace' wummernden Trommeln. "Infinite" hat viele Momente, in denen improvisiert wird wie damals bei "April", nur ohne Orchester. 

Ziellos und ohne Zeitbegrenzung erwecken Morse und Airey die rauschhaften Tage zum Leben, als in jeden großen Song ein großes Solo gehörte. Das ist heute so erfolgreich wie seit Ende der 80er Jahre nicht. Auf einmal kaufen die Leute ihre Alben wieder. Auf einmal führt sie Metallica-Drummer Lars Ulrich in die Rock'n'Roll-Hall-of-Fame ein. Deep Purple haben in Wacken gespielt, beim Jazzfestival in Montreux und beim Bluesfest im kanadischen Ottawa. Sie hatten ausverkaufte Konzerte in aller Welt und schafften es sogar in den USA wieder in die Albumcharts.

An der Musik allein kann es nicht liegen, denn die liefern jüngere Bands wie Arena oder IQ auch, obwohl sie sicherlich nie auf die Idee kämen, nach dem elektrischen Soundinferno über neun Songs ans Ende einen fast akustisch klingenden Klassiker wie den "Roadhouse Blues" von den Doors zu stellen. Wohl eher ist es der Nimbus, das Gefühl, langsam verklingender Geschichte zuzuhören.

Deep Purple live in Leipzig am 9. Juni, Arena

Tickets sind erhältlich bei: www.mawi-concert.de



Donnerstag, 13. April 2017

Reisebuchung: Immer wieder sonntags

Immer wieder sonntags wird es günstig. Das Internet verändert die Kultur der Reisebuchung. Und wer Bescheid weiß, spart.


Steigende Preise gehören eigentlich zu einer gesunden Wirtschaft, doch seit einiger Zeit schon wirkt das Internet kostendämpfend auch bei Urlaubsangeboten. Nicht nur die Krisen ringsum sorgen für Angebote auf dem Niveau von Notverkäufen, sondern auch die größeren Vergleichsmöglichkeiten, die Urlauber haben. Ein Trend, der nach einer neue Studie anhalten wird, die unter anderem im Auftrag des Internet-Reiseriesen Expedia angefertigt wurde. „Neue Höhen für Flugreisen“ wagt eine Prognose der Entwicklung der Flugpreise in diesem Jahr. Und kommt zum Schluss, dass Flugtickets eher billiger als teuer zu werden versprechen.

Und das, obwohl Reisende heute durchschnittlich schon weniger für einen Sitz in der Economy-Klasse zahlen müssen als 2014. In Europa sanken die Preise seitdem um durchschnittlich vier Prozent, global aber ist das noch wenig: Südamerikaner etwa sparen bei Flügen nach Südostasien im Moment im Durchschnitt sogar ein Drittel des Preises, den sie noch vor zwei Jahren bezahlen mussten.

Ganz so viel können Frühbucher nicht herausholen, aber die Studie bestätigt, dass der Januar der beste Monat ist, um günstig zu buchen. Dies betrifft vor allem Ziele innerhalb Europas, in Südamerika und Asien. Eine Ausnahme machen die USA: Hier ist der September der günstigste Buchungsmonat.

Für alle, die es früher im Jahr in die USA zieht, empfiehlt sich nach Ansicht der Experten allerdings auch der Januar, um billiger zu fliegen. Der Sonntag ist dabei im Schnitt betrachtet der beste Tag, Flüge und Hotels zu buchen. Besonders empfehlenswert sei der Sonntag für alle, die in Europas reisen: Der durchschnittliche Ticketpreis ist an diesem Tag gut 30 Prozent niedriger als an den anderen Tagen.


Viel hängt auch davon ab, wie weit im Voraus man seine Ferien genau planen und damit buchen kann. Viel ist gut, zu viel nicht: Bei einer Reise innerhalb Europas legt Expedia nahe, mindestens 85 Tage vor Abflug zu buchen. Das spare bis zu 30 Prozent. Plant man hingegen, von Europa in die USA zu fliegen, seien 180 Tage zu empfehlen. Solche Vorausschau könne dann sogar zu einer Ersparnis von bis zu 34 Prozent führen.

Sonntag, 9. April 2017

Heiko Maas gegen den Hass: Internet unter Aufsicht


Nicht mehr nur strafbare, sondern auch rechtswidrige Inhalte möchte Bundesjustizminister Heiko Maas künftig aus dem Internet heraushalten. Was aber ist eigentlich der Unterschied? Abgesehen davon, dass das eine bestraft wird und das andere im deutschen Verwaltungsrecht nicht nur straffrei bleibt, sondern sogar Bestandskraft erlangen kann?

Das ist schnell erklärt. Neulich etwa hätte die deutsche Medienaufsicht einer sportbegeisterten Bank beinahe verboten, die Handball-WM im Internet zu übertragen. Eigentlich wäre das nämlich Rundfunk und der braucht in Deutschland immer eine Lizenz. Besaß die Bank nicht. Hat auch der Youtube-Star Piet Smiet nicht, der im Netz Videos sendet, in denen er sich durch Computerspiele kämpft. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten droht ihm deshalb nun damit, seinen Kanal zu schließen.

Der ist, so einfach ist das, zwar nicht strafbar, aber rechtswidrig.

Mittwoch, 5. April 2017

Wir Sklaven des Belohnungszentrums

Schön und schlau soll der digitale Zwilling sein - vor allem Männer riskieren dafür viel. Von wegen sozial! Beeindrucken, begeistern und von sich selbst überzeugen, das ist es, was Internetnutzer in sozialen Netzwerken wirklich wollen. 

Schön und schlau soll er sein, der digitale Zwilling, weitgereist, empfindsam und sympathisch rüberkommen. Denn wichtigstes Ziel, das zeigt jetzt eine Studie im Auftrag des russischen Antiviren-Spezialisten Kaspersky Lab, ist es, viele Like-Klicks zu sammeln.

Dabei stellen viele Nutzer ihr Leben häufig aufregender dar als es ist. Vor allem Männer agieren offener und geben mehr von sich preis als Frauen. So würden in Deutschland 5,6 Prozent der Männer, aber nur 3,2 Prozent der Frauen vertrauliche Informationen über Kollegen im Netz öffentlich machen, um zu punkten. Peinliche Details über Freunde würden 6,6 Prozent der Männer verraten, aber nur 2,4 Prozent der Frauen.

Dass Männer eher bereit sind, Grenzen zu überschreiten, erklärt die Medienpsychologin Astrid Carolus damit, dass „Männer weniger auf soziale Harmonie fokussiert sind und höhere Risiken eingehen“. Dabei schonen sie auch ihre eigene Privatsphäre nicht. So gaben 14,2 Prozent der befragten Männer in Deutschland an, sie würden auch Fotos posten, auf denen sie nur leicht oder sogar gar nicht bekleidet sind. Bei den Frauen sind dazu laut Umfrage nur sechs Prozent bereit.

Enthemmung, die um Aufmerksamkeit buhlt. „Auf der Suche nach sozialer Akzeptanz werden die Grenzen des Privaten weit gedehnt“, glaubt Holger Suhl von Kaspersky Lab. Nutzer setzten sich und andere damit Risiken aus, die im Ernstfall zu gestörten Beziehungen im richtigen Leben führen können. In Deutschland wollen 42,6 Prozent aller Befragten nicht, dass Freunde Fotos von ihnen veröffentlichen.

„Wir sollten daher mehr darauf achten, welche Informationen über soziale Netzwerke geteilt werden“, empfiehlt Sicherheitsexperte Suhl. Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt sind deutsche Nutzer hier aber schon ein Stück sicherheitsbewusster. Nur 7,1 Prozent (weltweit zwölf Prozent) würden für mehr Likes beim Posten die Wahrheit verdrehen. Auch hier sind mehr Männer (8,4 Prozent) als Frauen (5,8 Prozent) dazu bereit.

Der Unterschied liegt nach der Studie namens „Have we created unsocial media?“ darin, dass Männer in sozialen Netzwerken stärker nach Anerkennung suchen. So sind in Deutschland 16 Prozent der männlichen, aber nur 11,8 Prozent der weiblichen Nutzer der Meinung, dass mit fehlenden Likes auch ihr Ansehen bei Freunden abnimmt. Beide Geschlechter sind etwa gleich stark beunruhigt (etwa 17 Prozent), wenn nahestehende Menschen keine Reaktionen auf ihre Posts zeigen.

Montag, 27. März 2017

Stefan Diestelmann: Blues-Gott mit Gitarre



Immer noch beeindruckend, welche Präsenz dieser Mann selbst auf dieser seiner letzten Bühne gehabt hat, die nur ein kleines Boot auf dem Ammersee in Bayern war. Stefan Diestelmann spielte noch einmal sein ganzes Leben - und nicht nur den Blues. Den aber konnte er besonders gut - heute vor zehn Jahren ist der erfolgreichste und wichtigste Bluesmusiker der DDR.

Die genauen Umstände sind immer noch unbekannt, vermutlich werden sie auch nie offenbar werden, weil die einzigen Freunde, die der Gottkönig des DDR-Blues am Ende seines bewegten Lebens noch hatte, auf seine Bitten hin schweigen.

Fast wäre sogar der Tod des Ost-West-Wanderers unbekannt geblieben, weil der gebürtige Bayer Diestelmann es vorzog, nach seiner Rückkehr in die alte Heimat und dem künstlerischen Scheitern dort langsam und dann immer schneller aus der Öffentlichkeit und den Konzertsälen zu verschwinden.

Diestelmann, ein Leben lang ein begnadeter Geschichtenerzähler, der jede seiner verrückten Storys auch selbst zu glauben schien, pflegte den Nimbus des Total-Aussteigers. Kein Blues mehr, kein Applaus und keinerlei Kontakte. „Er hat sich der Familie entzogen", erinnert sich sein Onkel Jürgen Diestelmann. Wenn Touristen aus dem Osten ihn erkennen und fragen, warum er denn nicht mehr spiele, lässt er sie wissen, dass die Musik ihm zu wichtig sei, "dass ich sie als Broterwerb betreiben will". Aus dem wichtigsten Blues-Mann der DDR wird ein Freizeitkapitän, der sein Boot über den Ammersee steuert und behauptet, die Musik gar nicht zu vermissen.

Dabei war er für die wie geschaffen. Zu Hause geschlagen von einem Vater, der ein Leben lang wütend auf seine eigene Entscheidung war, zugunsten der Karriere von West nach Ost zu ziehen und in der Schule als Wessi gemobbt, flüchtete Stefan Diestelmann früh in den Blues. "Es war der Rhythmus im Blues, der mich angemacht hat", sagt er später, "das Primitive, in dem alles steckt."

Mit der Gitarre ist er wer, wenn er singt, empfängt er Bewunderung. Es ist dies das Hochgefühl, dem Stefan Diestelmann nun stets nachjagen wird: im Mittelpunkt stehen, der sein, zu dem alle aufschauen. Er wird tatsächlich zum Star, er verdient viel Geld, er wird gefeiert und mit Preisen bedacht. Er bekommt einen Berufsausweis, obwohl er nie eine musikalische Ausbildung genossen hat, sondern stattdessen - zumindest nach eigenen Angaben - nach einem Fluchtversuch in der Besserungsanstalt landet.

Der Blues allein reicht ihm bald nicht mehr, sich in andere Welten zu versetzen. Stefan Diestelmann will es größer. Alexander Blume, sein Pianist, sieht ihn damals "immer bereit, zu übertreiben". So wird der Autodidakt zum Superstar in seiner eigenen Realität. Er spielt wirklich Konzerte mit Weltstars wie Phil Everly und mit Harmonica Phil Wiggins, aber es reicht nicht. Er  will in den USA mit BB King auftreten. Den Blues zurückbringen,. dorthin, wo er herkommt.

1984 nutzt Diestelmann einen Auftritt im Westen, um der DDR den Rücken zu kehren. Drüben taucht der König des Blues ab. Er dreht jetzt Werbefilme für Hotels und behauptet, sehr glücklich zu sein. Er ist immer noch ein großer Geschichtenerzähler, ein Mann, der abendliche Runden ganz allein unterhalten kann. Er spricht viel von früher. Er macht Witze. Er macht keine Musik mehr.

Er starb dann, wie er am Ende lebte: Umgeben von zwei, drei Menschen, zu denen er noch Kontakt hatte. Und vergessen von den Hunderttausenden, die einst seine Platte "Hofmusik" gekauft hatten.



Freitag, 24. März 2017

Hochwasser: Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

So wird die neue Mauer aussehen, die ab 2018 den Gimritzer Damm flankiert. 
Nach dem Hochwasser vom Sommer 2013 kam der Streit darum, wie es weitergehen soll. Dammbau hier oder dort, eine neue Eissporthalle oder die alte, alle Wege im Naturschutzgebiet asphaltieren oder doch nur ein paar? So schnell das Rathaus am Anfang vorgeprescht war, um gemeinsam mit bewährten Partnern vollendete Tatsachen zu schaffen, so zäh wurde die Geschichte schließlich vor Gericht.

Erst nach dreieinhalb Jahren wird nun langsam deutlich, wohin die Reise geht: Es wird kein neuer Damm gebaut, nicht an neuer Stelle wie ursprünglich vom Oberbürgermeister angestrebt, und nicht an alter, wie immer schon von der Verwaltung abgelehnt. Stattdessen entsteht ab 2018 neben dem alten Deich eine sogenannte Spundwand, wie sie heute schon in der Nähe von Barby an der Elbe zu bewundern ist (Bild oben).

Das Rathaus hat die Absicht, eine 1.240 Meter lange Mauer zu bauen, immer entlang des alten Dammes - und höher als dessen Krone heute.

Benutzt werden für eine solche „tragende und dichtende Wand auf einer aufgelösten Bohrpfahlgründung“, wie es offiziell heißt, in der Regel Spundwandsegmente aus Stahl, die mehrere Meter tief in die Erde reichen. Nach oben überragt die künftige Stahlmauer zwischen Neustadt und der Peißnitz nach Fertigstellung jeden Menschen, sie zerschneidet die Verbindung zwischen Neustadt und Altstadt, sie verleiht der Naturidylle am Rande der Peißnitzinsel die Atmosphäre einer Industriebrache.

Sprayer werden sich freuen, Spaziergänger erschüttert sein. Für das Bauwerk weichen muss der komplette Bewuchs auf der Saaleseite des Dammes vom Sandanger bis zur Heideallee, geschätzte 500 Bäume, teilweise 30 bis 50 Jahre alt.

An ihrer Stelle wächst ein Stahlriegel im Vorfeld des Dammes, der in Zukunft  als "unüberwindliche Barriere für Tiere und Baumwurzeln" (Eigenwerbung) wirkt.