Donnerstag, 3. September 2015

Gerhard Gundermann: Wie ich IM Grigori wurde



Im Sommer vor 20 Jahren hatten dann alle seine Akte. Der Stern recherchierte, die ARD bat andauernd um Rückruf. Die Gauck-Behörde hatte, nachdem auf einen Antrag hin eine IM-Akte zum ostdeutschen Liedermacher Gerhard Gundermann aufgetaucht war, nicht nur eine Kopie der zweibändigen Sammlung von Protokollen und Treffberichten herausgegeben, sondern ein Dutzend.

Die Luft für Gerhard Gundermann wurde dünn. Doch Conny Gundermann, seine Frau, war „irgendwie erleichtert, als es endlich raus war: der Gerhard war ja in den letzten Monaten gar kein Mensch mehr", beschreibt sie. Nur noch „rumgegrübelt" habe er, und überlegt, wie er es den Leuten sagt. „Sagen musste er es, das ist er seinem Publikum schuldig", war für Conny Gundermann schon lange klar. Gerhard Gundermann, der drei Jahre  später mit nur 43 Jahren völlig überraschend sterben sollte, über seine Zeit als „IM Grigori", die ihn 1995 einen großen Plattenvertrag, die Einladung einer großen Managementfirma und die Anerkennung der Westmedien kostete.

Hast Du damit gerechnet, dass irgendwann jemand kommt und dich auf die Zeit zwischen 1976 und 82 anspricht?

Gundermann: Es sind doch schon mehrere gekommen. Und dann habe ich immer gesagt, ja, so war das. Aber viele sind es nicht gewesen. Und ich hatte diese ganze Geschichte, nein, nicht vergessen, auch nicht abgehakt, aber irgendwie beiseite geschoben. Ich habe darüber nachgedacht und bin irgendwie darauf gekommen: man kann mit dem ganzen nur im Raum DDR umgehen. Aber der Raum DDR ist ja weg. Also habe ich für mich gesagt, das ist erledigt. Ich habe mich weder um meine Opfer-, noch um meine Täterakte gekümmert.

Hast du damals gewusst, dass du an OV und OPK beteiligt bist?

Gundermann: Nein, dass hat mir jetzt erstmal jemand übersetzen müssen, was das überhaupt ist. Die haben damals immer gesagt, „Schätze mal den und den ein". Eine ganze Reihe von denen sind dann später IM geworden, als ich nicht mehr dabei war. Ich habe sie empfohlen, und dann hatte ich sie auf dem Hals. So ist das.

Was willst Du nun tun?

Gundermann: Ich versuche, auf die Leute zuzugehen. Nachdem ich meine Akte gesehen hatte, habe ich versucht, rauszukriegen, wer denn nun hinter den Ovs und OPKs steckt. Das muss man ja erstmal entschlüsseln. Einen habe ich angerufen, der hat mich dann zu sich bestellt. Ich bin hingefahren - und der hat mich abtropfen lassen. Er wollte nicht mit mir drüber reden, er hat einfach gesagt, er hätte die Unterlagen jetzt nicht da. Ist ja sein gutes Recht. der ist ja jetzt am Zug. Vielleicht verarscht der mich auch bloß.

Was hast du denn über den berichtet?

Gundermann: Arroganten Mist. Der Gag war der: Der wollte immer in den Westen und die Stasi wollte ihn weghaben. Hätten die sich ausgesprochen miteinander, hätten die sich viel Mühe und Stress sparen können. Die andere OPK, an der ich beteiligt war, ist dagegen ziemlich harmlos. Ich habe jetzt auch mit dem gesprochen, und es stellte sich raus - der hatte die ganze Zeit Angst, dass ich seinen Namen in meiner Opferakte finde. Der hatte nämlich da angefangen, als ich aufgehört habe. (unter Video geht es weiter)




Welche Einschätzung hast du selbst von deiner Tätigkeit?

Gundermann: Meine Definition ist inzwischen so: Ich habe mich schuldig gemacht vor mir selbst, vor der Idee des Sozialismus. Ob ich mich an anderen Menschen schuldig gemacht habe, muß ich erst noch rauskriegen. Mit dem, was ich bisher weiß, kann ich leben, ohne daß ich mich aufhängen muß.

Aber solche Sachen wie die Funkgeräte-Nummer, wo du zwei Bekannte verraten hast, die Funkgeräte aus Italien eingeschmuggelt hatten - das ist doch Petzerei, das ist doch hochgradig unanständig.

Gundermann: Ja, klar. Das ist eklig. Aber es war doch so: Ich habe doch mit denen über alles mögliche geredet, und nie ist was passiert. Der Typ mit den Funkgeräten hat nie Ärger bekommen. Dabei hatte der eine unheimliche kriminelle Energie. Der klaute, auch wenn er Geld in der Tasche hatte. Der benutzte den Singeklub, um Privatgeschäfte zu machen. Ich dachte damals, in dem Moment, wo die mir vertrauen, daß ich alles weiß, trauen sie mir auch zu, daß ich alles im Griff habe. DaSS die also nicht eingreifen. Mir war ja die Gruppe wichtiger als der eine Typ. Das zumindest hat ja auch geklappt.

Wofür hast Du das Geld bekommen, über das die Stasi zwei lange Quittungslisten geführt hat?

Gundermann: Die kleinen Summen sind Kaffee und Kuchen. Was so im Februar ist, müssen Geburtstagsgeschenke sein. Und einmal die 161 Mark sind für den Fotoapparat, den sie mir gekauft haben, damit ich im Westen für sie fotografieren kann. Und die Filme. Beim ersten Treffen hat mir der Leutnant Stasch 50 Mark gegeben. Das sei so üblich. Aber ich habe mir das dann überlegt, und beim nächsten Mal gesagt, daß ich kein Geld haben will. Da hieß es dann: Das gibt's nicht, denn mit allen, die kein Geld haben wollen, stimmt irgendwas nicht. Ich hab´s trotzdem nicht genommen.

Dafür gab´s dann später eine ganze Reihe von Auszeichnungen?

Gundermann: Und jedesmal ein blödsinniges Theater. Die Artur-Becker Medaille haben sie mir gezeigt, und dann wieder mitgenommen. Die 250 Mark, die da dranhingen, konnte ich behalten. Für den Einsatz in Ungarn gab's eine Obstschale aus Blech. Die habe ich weggeschmissen.

Wie hast Du die Treffs mit denen getarnt?

Gundermann: Gar nicht. Ich war doch solo, mich hat doch keiner gefragt, wo ich hingehe.

Welches Verhältnis hattest Du zu dem Leutnant Stasch, der ja über Jahre dein Ansprechpartner war?

Gundermann: Wie soll ich das jetzt sagen. Ich habe doch in jedem Verein erstmal gedacht, jetzt bin ich bei den Schlauen gelandet. Und wenn ich bei den Guten bin, sind automatisch alle Sachen, die wir machen, gut. Mein eigener Maßstab hat sich erst später wieder eingeschaltet. Ich habe erst später gemerkt, dass die mich nicht als Partner behandeln. Ich hoffte, die warnen mich, wenn auf der Parteischiene wieder was gegen mich läuft. Haben sie aber nicht gemacht.

Also kein besonderes Verhältnis zu Stasch?

Gundermann: Das war nur der Nimbus. Die Leute selber habe ich mir bloß kluggeredet. Der Voigt zum Beispiel, der zweite, der ab und zu kam, der war immer unglücklich, weil er nicht verstanden hat, was ich ihm erklärt habe.


Warst Du ein guter Spion?

Gundermann: Nein. Glaube ich nicht. Die haben mich zwar in den Akten immer als ergiebig und gut eingeschätzt, aber das war doch auch bloß, damit die nach oben gut aussahen. Zum Beispiel nach der Ungarn-Kiste, wo ich zwei Fluchthelfer in die DDR locken sollte. Da habe ich mich so geschämt, weil da alles schief ging. Die haben alle gewusst, was ich für ´ne Larve bin. Aber die haben das als gute Operation eingeschätzt. Ich dachte, ich krieg' nur ´ne Obstschale, weil ich schlecht war. Aber da habe ich mich geirrt. Die fanden mich Klasse. Ich weiß auch nicht, warum.

Wenn du heute die Akte liest, was denkst du dabei?

Gundermann: Die ganzen Dinger mit Planschwindel aufdecken, melden, wenn die Chefs im Betrieb klauen, die Forderungen nach mehr Geld für die Basiskultur in Hoywoy, das ist alles okay. Wo ich für die Brigade Feuerstein gegensteuern wollte, wo was über FDJ und Partei schief lief, war zumindest gutgemeint. Aber was Scheiße ist, sind die persönlichen Sachen. Die Petzberichte, diese widerlichen Arien. Das ist ganz dolle Scheiße.

Aus welcher Motivation hast Du denn das gemacht?

Gundermann: Ich weiß es nicht.

Irgendwann kam der Punkt, an dem du nicht mehr hingegangen bist. Weiß Du, warum?

Gundermann: Ich war sauer geworden. Ein riesengroßer Apparat war mit einem Riesenaufwand damit beschäftigt, Kinderkacke zu produzieren. Diese blöde Sicherheitsdoktrin: wenn ein Mensch ein Problem hat, schafft man nicht das Problem ab, sondern den Menschen. Das ist mir aufgefallen, auch wenn ich ein langsamer Denker bin. Das ganze Land kochte, und die hatten nur Scheiße im Kopf. Zum Schluss bin ich nur noch hingegangen, um denen das begreiflich zu machen, Aber die wollten das nicht hören.

Aber du hast es versucht. War das naiv?

Gundermann: Ja, wahrscheinlich. Ich wollte immer meine Kraft zur Verfügung stellen, und merkte dann immer, daß ich Leuten diene, die überhaupt nüscht auf der Lampe haben. Ich bin dahintergekommen, dass ich die Verantwortung für mein Handeln selber übernehmen muss. Das ist die Lektion, die ich gelernt habe. Leider zu spät.

Wie hast du dann erlebt, dass du ein Thema für die wurdest?

Gundermann: Naja, eigentlich erstmal gar nicht. Ich habe mich ja nicht unbedingt mit der Stasi angelegt. Ich habe mich doch mit Werner Walde, dem SED-Chef von Cottbus, in den Haaren gehabt. Für den war ich ein rotes Tuch. Das ging soweit, dass wir 1988 überlegt haben, ob wir uns pro forma scheiden lassen, damit ich nach Berlin umziehen kann, und aus dem Herrschaftsbereich von dem Walde rauskomme. In Cottbus sind ja Filme und Lieder verboten worden, die überall anders liefen. Also bei SED und FDJ war ich für viele der Spezialfeind. Die hatten Leute auf mich angesetzt, haben Journalisten verboten, über mich zu schreiben. Darüber waren die Stasileute auch ziemlich unglücklich. Die arbeiteten ja mit mir, und dann wurde immer gesagt, dass ich der Böse bin. Von der Partei wurde alles, was ich machen wollte, torpediert: private Kulturinitiativen, Veranstaltungsreihen. Bloß ein Telefon haben wir sofort bekommen, als wir eins haben wollten. (lacht)

Ist das auch ein Grund, warum du nie den Sprung zum vollprofessionellen Künstler gemacht hast? Dass Du Angst hattest, von der Gnade irgendwelcher Kulturfürsten abhängig zu werden?

Gundermann: Ja, ich hatte keine Lust, mich prostituieren zu müssen, um die Band bezahlen zu können. Mir ist lieber, daß ich wie jetzt Konzertanfragen absage, weil ich Schicht habe, als dass ich rumrenne, und um Engagements bettele. Ich wollte mir damals immer die Freiheit bewahren, eine Mugge, die mir nicht passt, absagen zu können, auch wenn ich viel verdienen könnte, und dafür eine Sache zu machen, die mir gar nichts einbringt. Heute ist das im Grunde genommen noch viel schlimmer. Du musst dich schnell verbiegen, um zu überleben. Das will ich nicht. Aber schon durch die Band bin ich da nicht mehr ganz frei, denn die Jungs müssen ja verdienen.

Wie sind die Reaktionen auf die MfS-Sache? Mußt Du Angst haben, die Band und deine Familie bald nicht mehr ernähren zu können?

Gundermann: Der Chef meiner Plattenfirma, wusste es schon länger. Er verstand es. Vivi Eickelberg, die Managerin von Heinz Rudolf Kunze und Herman Van Veen, der ich das auch schon früher erzählt habe, hat es auch ziemlich unaufgeregt genommen. Auch die Silly-Leute, Tamara, andere Kollegen, denen ich es erzählt habe, und die Musiker meiner Band. Alle Leute, die im Osten mal Verantwortung getragen haben, wissen ja, dass ohne die oder gar gegen die nichts ging. Damals musste man die doch als Verbündete in Betracht ziehen, auch wenn das ein Risiko war. Die Alternative war totale Verweigerung - und scheinbar haben die Verweigerer recht behalten. Die können heute sagen: Wir haben eine weiße Weste, wir haben es schon immer gewusst, so wie wir gelebt haben, war es okay, alle anderen sind Schweine. Ich kann damit nichts anfangen. Ich muss immer was tun. Schade ist bloß, dass genau das Gegenteil von dem rausgekommen ist, was ich wollte: das Prinzip Sozialismus wurde auf allen Ebenen verheizt, nicht nur ganz oben, und ich habe mitgemacht. Ich habe Demokratie verhindert, ich habe dafür gesorgt, dass am Ende die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Idee war. Das ist meine Schuld, damit muss ich klarkommen. Was das Publikum jetzt zu der Sache sagt, weiß ich noch nicht. Wenn mich jetzt keiner mehr sehen will, kann ich das verstehen. Das ist ihr gutes Recht. Dann mache ich erstmal zwei Jahre Pause. Vielleicht haben sie mir ja danach verziehen.

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