Montag, 21. Juli 2014

Cro: Rap fürs Reihenhaus


Der schwäbische Hip-Hopper Carlo Waibel legt mit seinem zweiten Album eine Sammlung von Popsongs für die ganze Familie vor.

Von wegen Rap! Zwar steht das Werk von Carlo Waibel, der sich im Dienst kurz Cro nennt, in den großen Elektromärkten in der Ecke mit dem Sprechgesang. Doch schon auf Cros Debütalbum "Raop" war der Mann, der sein Gesicht stets hinter einer Panda-Maske verbirgt, mehr Fanta Vier als Public Enemy. Mit "Melodie", dem zweiten professionell eingespielten Album, setzt der 24-Jährige nun noch einen drauf. Die 14 Stücke sind rund und knackig, fett produziert und mit ordentlichen Melodien versehen, die Rap-Passagen flutschen und die gesungenen Teile bleiben im Ohr.

Rap aus dem Reihenhaus, auch inhaltlich. Waibel, der mit seinem Debüt zum neuen deutschen Hip-Hop-Wunder wurde und abräumte, was es an Preisen zu gewinnen gab, beschäftigt sich hier mit dem Lieblingsthema aller Rapper: sich selbst, seinen Homies und den erstaunlichen Folgen von Ruhm und Erfolg für die jugendliche Psyche.

"Könnt ich durch die Zeit fahren mit 'nem schnellen Auto / würd ich alles noch mal tun und zwar genauso", genießt der Bambi-Preisträger und Chartstürmer die frühen Früchte einer Karriere, die er im zarten Alter von zehn Jahren im heimischen Kinderzimmer in Mutlangen anschob. Hier fummelte er damals erste Aufnahmen zusammen, später brachte er sich Klavier und Gitarre bei, mit 16 startete er unter dem Namen Lyr1c auf einer Internetplattform für Online-Reimbattles mit anderen Rappern.

Mit "Raop" erfand er dann seine ganz eigene Mischung aus Rap und Pop, die die Ghettomusik der amerikanischen Großstädte für das deutsche Formatradio übersetzte. Spartenüblich ohne Angst vor großen Namen: In seinem ersten Hit "Easy" verglich sich Cro mit US-Großmeister Jay-Z, der damals schon auf neun Nummer-1-Alben verweisen konnte, mit Beyoncé Knowles verheiratet war und seine eigene Modefirma Rocawear besaß.

Cros Modelabel heißt Vio Vio und bestand schon vor dem ersten Erfolg auf dem Musikmarkt. Carlo Waibel ist ausgebildeter Mediengestalter, er hatte ursprünglich eigentlich vor, in Mode zu machen.
Muss er nun nicht mehr, denn auch "Melodie" schoss sofort nach Veröffentlichung auf Platz 1 in der Hitparade - wohl nicht eben zur völligen Überraschung des Herstellers, der im Opener "I can feel it" vorhersagt "direkt auf die 1 gechartet / letztes Album zweimal Platin". Das Patentrezept für Ohrwürmer wirkt: kleine Heimorgelmelodie, verschleppter Beat, fetter Bass und flinke Zunge, fertig ist eine schmissige Nummer, die auf jeder Party bestehen kann.

Cro dosiert dabei geschickt. "Cop Love" ist die Morgenballade, leicht angejazzt und mit Schlaf in den Augen, "Bad Chick" dagegen die fröhliche Beziehungskiste mit heruntergepumpten Abzählreimen und einem Augenzwinkern in Richtung Michael Jackson als Refrain.

Musik, die zu Holzparkett und Latte-Kaffee passt, zum neuen Samsung-Handy und einem Paar weißer Beats-Kopfhörer, die sich aber auch bedenkenlos zum Geburtstag verschenken lässt, ziemlich egal sogar an wen. Denn Cro hat keine Botschaft außer der, nicht alles so hoch zu hängen und dabei möglichst locker zu bleiben. Bei "Meine Gang" schlurft er im Reggae-Rhythmus vorbei, bei "Erinnerung" leitet schweres Orchestergesülze in ein cinemascopisches Werk, in dem der Künstler auf sein Leben zurückschaut und feststellt, dass es ihm ganz gut geglückt ist, aus einer zunächst abgebrochenen Schullaufbahn und keiner Ahnung von einem Ziel so etwas Großes wie diesen Pop-Panda zu bauen. Die Beats sind hier schlurfig, die aus Bandwurmsätzen gebastelten Melodielinien voller Widerhaken. Die aber sind doch so gut versteckt, dass sie runtergehen wie Öl.

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