Sonntag, 27. März 2016

Zweiter Weltkrieg: Bomben auf Halle

Es ist der 501. Fliegeralarm im Süden Sachsen-Anhalts seit Kriegsbeginn - und diesmal greifen 369 Fliegende Festungen wirklich an. Halle zu Ostern 1945, eine Stadt im beginnenden Frühling, eine Stadt im endenden Krieg: Das alte Rathaus wird teilweise zerstört, die Ratswaage beschädigt, am Hotel Goldene Kugel, den Hotels Europa, Weltkugel und Hohenzollernhof, dem Riebeck-Bräu und in der Beesener Straße explodieren Bomben. Auch das Kaufhaus Ritter in der Leipziger Straße wird schwer getroffen, während das eigentlich Ziel, der Bahnhof, auf dem immer noch Truppen und Material für die beiden Fronten umgeschlagen werden, keine Treffer erhält.

Die Stadt, über Jahre hinweg vor allem wegen der Siebel-Flugzeug-Werk ein Ziel alliierter Bomber, hoffte schon auf den Frieden. Und wird in jener Osternacht schwerer getroffen als je zuvor. Da hatten Briten und Amerikaner meist die Industriegebiete um Leuna, Buna, aber auch Bitterfeld und Zeitz als „first target“ anvisiert, wie es in den Mission-Protokollen etwa der 303rd Bomber Group heißt. Halle ist - wie auch Leipzig - meist „zweites Ziel“ und wird nur angeflogen, wenn die Wetterbedingungen oder starke Luftabwehr einen Angriff auf das primäre Ziel nicht zulassen.

Ziel Hauptbahnhof, vermerkt First Lieutenant Oliver Lee Bashor im Mission-Book seiner B-17, die die Mannschaft „Sweet LaRhonda“ nennt. Bashor stammt aus Loveland, einer Kleinstadt in Colorado, er fliegt seine 13. Mission, bisher hat er Glück gehabt: Obwohl die Besatzungen der B17-Bomber die höchste Verlustrate in allen Waffengattungen haben, sind bashor und seine Männer bisher davongekommen. „Abgesehen von zahlreichen Löchern durch Flakbeschuss keine größeren Beschädigungen“, heißt es in den Aufzeichnungen der Besatzung, „auch alle Crewmitglieder blieben unbeschadet“.

Verglichen mit früheren Einsätzen ist dieser Flug mit der Nummer 349 fast ein Spazierflug für die 359th Bomb Squadron, die Teile einer Operation ist, bei der insgesamt 1 348 Bombers und 889 Geleitschutzjäger der 8. Air Force die Raffinerie in Zeitz, Stendal. Salzwedel, Erfurt, Weimar und Aschersleben angreifen.

Sweet LaRhonda, Teil einer Einheit, die sich die „Hells Angels“ nennt, fliegt die Position „high Squadron, right side“ in der sogenannten Combat Box, einer eng zusammengezogenen Flugformation aus jeweils drei nebeneinander fliegenden Maschinen, die in je drei Schichten über anderen Dreiergruppen fliegen. Der Himmel ist klar mit hochliegenden weißen Wolken. „No enemy aircraft or flak“ schreibt Bashor.

Zeitzeugen aus Halle erinnern sich genau, wie das von unten aussah. Bereits Ende Februar hatten 314 amerikanische Bomber mit Hauptziel Bahnhof den Süden der Saalestadt angegriffen. Die Siebel-Werke, die bis in den letzten Monaten des Krieges am Überschall-Flugzeug DFS 346 arbeiten, um dem Führer womöglich doch noch eine Wunderwaffe zur Verfügung zu stellen, werden bei diesen Angriff bereits schwer getroffen. Die 8. Air Force verliert zwei B24-Bomber, ein Pilot wird getötet, 18 Männer gelten als nach der Heimkehr von Mission Nummer 851 auf den Stützpunkt im englischen Molesworth als „MIA“ - missed in action.

Am Boden bringen nahezu 200 schwere 500-Kilo-Bomben den bis dahin meist so fernen Krieg in die Wohnzimmer. In der Zwingerstraße Nummer 25 fällt eine Brandbombe mitten in eine Wohnung, erinnert sich eine 89-Jährige Hallenserin später. „Eine Freundin wohnte nebenan in der 26, die Familie hatte großes Glück.“ Oft seien Sprengkörper nicht explodiert. „Dann kamen Spezialisten, die sie entschärften“, beschreibt die Frau.

Das war aber nicht immer so in diesen letzten Kriegstagen, als die Verwaltung bereits eine Notverwaltung ist. In vielen Fällen werden Blindgänger einfach nicht entdeckt, weil überhaupt niemand nach ihnen sucht. „Überall waren viele Krater, lag Schutt. Da hat doch kein Mensch nach Bomben geguckt“, sagt die alteingesessene Hallenserin, die bei den Angriffen einen Onkel verlor.

Damals (links) und heute: Noch immer sind Bomben in der Erde.
Weil die Straßen weiter befahren werden müssen, werden Bombentrichter einfach zugeschüttet, ohne dass kontrolliert wird, was noch unter Schutt und Trümmern liegt. „Die Menschen hatten andere Probleme, man hat sich zuerst um die Menschen gekümmert, nicht um die Bomben.“ Ein Blindgänger von Ostern 1945 wird erst 66 Jahre später bei Bauarbeiten entdeckt werden - 2011 muss die gesamte südliche Innenstadt wegen des Fundes der 250-Kilo-Bombe in der Nähe des Elisabeth-Krankenhauses evakuiert werden.

Damals ist der Krieg zumindest für die Männer oben in den Flugzeugen Alltag. Der schwerste Angriff auf die größte Stadt in Sachsen-Anhalt, der zugleich auch die raffinerie in Zeitz trifft, ist für Staff Sergeant Bert M. Beals, der als Maschinengewehrschütze in einem Bomber am Angriff teilnimmt, reine Routine.

Beals, der schon 30 Flüge hinter sich hat, wird später in sein Tagebuch schreiben „nicht viel Flak am Ziel, nicht so viel, wie ich dachte“. Auch seine schwere B-24 „Liberator“ mit dem Namen „Sweat-N-Duck“ kehrt wohlbehalten zurück.


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