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| Rio Reiser 1994 in Halle. |
Er weiß es an diesem Tag im Mai 1996 noch nicht, aber der Mann, der sich Rio Reiser nennt, wird heute sein vorletztes Konzert spielen. Einmal noch all die Lieder, wobei er seine größten Hits weglässt. Einmal noch alles geben, auch wenn die Halle längst nicht ausverkauft ist. Ein paar Tage später gibt es noch ein Konzert. Alle anderen sagt er ab. Am 20. August 1996, nur drei Monate später, wird Reiser tot sein.
Erstmal zieht er immer die Schuhe aus. Kann kommen, was will – Rio Reiser setzt sich, schlüpft aus den Slippern und zerrt die blauen Frotteesocken von den Füßen. Ein Ritual. Ralf Möbius, wie Rio eigentlich heißt, tritt barfuß auf, egal, ob Mitte der 70er im Hinterhof eines besetzten Hauses, Mitte der 80er in der ausverkauften Seelenbinderhalle in Berlin oder Mitte der 90er in der kaum halb gefüllten Schorre in Halle. Danach geht er zum Mikro und singt: "Alles was ich sagen kann / ist schon längst gesagt".
Rio Reiser ist ein Mann, in dessen Lebensgeschichte sich eine ganze Epoche spiegelt. Als er anfängt, hatten sich die 68er gerade auf den berühmten "Marsch durch die Institutionen" gemacht. Rio, damals noch bei der Anarcho-Kapelle Ton Steine Scherben, brüllt ihnen hinterher "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht!".
Mit Alben wie "Keine Macht Für Niemand" setzt seine Band Ton Steine Scherben bleibende Akzente. Keine deutsche Stadt ohne diesen gesprayten Spruch. Bis Anfang der 80er Jahre bleibt Rio Reiser bei Ton Steine Scherben. Nebenbei spielt er Theater, übernimmt sogar die Hauptrolle in einem Kinofilm. Ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit gerät Reiser allerdings erst mit seinem 84-er Superhit "König von Deutschland". Auf einen Schlag zählt man den bekennenden Linken zum Kreis der großen Figuren des Deutschrock.Dabei gab es lange vorher schon einen Tag im Leben des Rio Reiser, an dem er die Nase voll hatte von alldem. Der "König von Deutschland" sein. In Talkshows den Vorzeige-Revoluzzer spielen. Hier ein paar Sätze als prominentes PDS-Mitglied absondern, dort als Alt-68er vorgeführt werden. "Ich saß im Hotel und wartete auf einen Fernsehtermin, aber auf einmal dachte ich, nein, es reicht." Rio Reiser, der eigentlich Ralph Möbius heißt, stakste zur Hotelrezeption und fragte: "Wo scheint denn jetzt gerade die Sonne?"
Es ist November. An der Rezeption sagen sie ihm, Miami sei prima. Immer warm. "Da bin ich das erste Mal in meinem Leben in die USA geflogen." Im Grunde genommen aber, attestiert sich Rio Reiser selbst, "bin ich Preuße und ein sehr disziplinierter Mensch."
Ohne Arbeit kann er nicht leben: Auch nachdem er sich wieder in sein Haus nach Nordfriesland zurückgezogen hat, komponiert er und schreibt. Auch am Montag vor seinem Tod ist Rio Reiser wieder in seinem Studio gewesen. Wie schon seit dem Ende seiner letzten, auch schon wegen Krankheit abgebrochenen Tournee, arbeitet er an seiner neuen Platte. "Am frühen Abend sind wir eine Runde mit dem Hund spazieren gegangen", erzählt sein Bruder Peter, "anschließend wollten wir noch Tee trinken."Doch als er wenig später ins Zimmer kommt, findet er Rio Reiser leblos auf der Couch. Die Wiederbelebungsversuche eines Notarztes bleiben ergebnislos.
Rio Reiser ist nur 46 Jahre alt.
Aber was waren das für Jahre. Immer neben der Spur. Nie dort, wo die anderen Deutschrockkollegen sich ums Scheinwerferlicht balgen. Für das größte Mißverständnis der Welt hielt Rio Rieser, "dass alle denken, es wäre das Ziel des Lebens, möglichst viel Geld zu verdienen. Das ist nicht wahr." Sein Kontostand, so sagte er, sehe ziemlich mies aus. Aber "damit lebe ich schon, seit ich Musik mache."
Angefangen hatte alles mit einer anarchistischen Theatergruppe, aus der sich Ende der 60er Jahre die Rockgruppe Ton Steine Scherben entwickelte. Die Scherben waren die Lieblingsband eines bunten Völkchens aus Anarchisten, Kiffer- und Kommunistengruppen, Hausbesetzern und Weltverbesserern.
Ihre Musik aber funktioniert stets abseits aller ideologischen Kategorien. Vielleicht deshalb haben Stücke wie "Keine Macht für Niemand", der "Rauchhaus-Song" oder das wundervolle Liebeslied "Halt Dich an deiner Liebe fest" die Zeiten unbeschadet überstanden. Kommerziellen Erfolg hatten Ton Steine Scherben kaum. In der Szene gehörte es zum guten Ton, Konzertkassen zu stürmen, Bands zu kostenlosen Auftritten zu drängen und Schallplatten "mitzunehmen".
Als Rio Reiser die Gruppe Mitte der 80er Jahre entnervt verlässt, nimmt er einen Berg Schulden mit. Den hat er später Mark für Mark abgetragen - aus den Einnahmen, die ihm Pophits wie "Blinder Passagier", "Laß uns ein Wunder sein" oder "Junimond" einbringen.
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| Reiser beim vorletzten Konzert seines Lebens. |
Das geschieht allerdings am 11.11. um 11.11 Uhr, wie er betont. Seinen Hit "König von Deutschland" habe er der ehemaligen SED im übrigen auch nur als Wahlkampfhymne geliehen, um sich diebisch über die Aufregung zu freuen, die das auslöst. Rio Reiser ist ein Mann schneller Entscheidungen. Die Begründungen sucht er sich gern im Nachhinein.
An dem Tag in seinem Leben, an dem Rio Reiser beschloß, nie wieder Haschisch zu rauchen, wirft er seine Uhr weg, "weil ich wirklich nur noch Hier und Jetzt sein wollte". Das war damals in Miami, als "niemand wußte, wo ich bin. Niemand, keiner, nicht mal meine Brüder."
Die Sonne habe wirklich geschienen in Florida, erinnerte sich Rio Reiser, am besten aber sei dieses sehr angenehme Gefühl gewesen: "Dass ich weiß, daß ich das kann: Einfach weggehen und niemals wiederkommen."
Reiser, bürgerlich Ralph Möbius, hat seine Biografie früh geschrieben, so früh, als habe er geahnt, dass ihm nicht viel Zeit bleiben wird. Als Pionier der deutschsprachigen Rockmusik, der mit den Scherben schon Songs wie "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht" spielte, als Grönemeyer, BAP und die Toten Hosen noch lauschend vor dem Kofferradio saßen, hatte er viel zu erzählen in "König von Deutschland: Erinnerungen an Ton Steine Scherben und mehr". Aber warum überhaupt?
Frage: Warum schreibt ein 43-Jähriger seine Autobiografie?
Reiser: Gute Frage. Als der Verlag mich fragte, habe ich gesagt, sie sollen wieder anrufen, wenn ich 80 bin. Aber dann hat es mich doch gereizt. Was noch kommt, kann man ja in einem zweiten Teil abhandeln.
Frage: Hält dich das Schreiben vom Musikmachen ab? Oder warum wurde deine letzte Tour abgesagt? Reiser: Ich mach" keine Auftritte mehr, solange die Bedingungen nicht stimmen. Ich habe keine Lust drauf, daß irgendwelche Typen dabei kräftig abkassieren. Da mach" ich nicht mit. Wenn es nur noch darum geht, Geld zu verdienen, dann ist mir das zu blöde. Alle denken, Geld sei das Ziel. Das ist nicht wahr. Mein Kontostand sieht ziemlich mies aus. Aber damit lebe ich schon, seit ich Musik mache.
Frage: Das klingt nach genau denselben Idealen, die du im Buch ziemlich zynisch runtermachst.
Reiser: Zynisch? Das sehe ich nicht so. Richtig ist: Ich wollte an der berühmten Legende der 68er kratzen. Ich wollte die Geschichte relativieren. Ich war kein Student und ich habe also etwas anderes zu erzählen.
Frage: Die Scherben waren doch aber die amtliche Kult- und Kampfkapelle der 68er Bewegung. Ein Mißverständnis?
Reiser: Ja, die Studentenbewegung hat uns mißverstanden. 80 von 100 Auftritten waren in der Provinz. Aus meiner Sicht ist das alles eine Lüge, diese ganze Studentenbewegung.
Frage: Studentenbewegung allgemein oder Studentenbewegung und Scherben?
Reiser: Alles. Es gibt zwei Übertreibungen: Daß 68 eine Studentenbewegung war. Es war keine. Es gab gar kein 68. Zweitens, daß die Scherben das Aushängeschild der Bewegung gewesen seien. Das ist nicht wahr. Wir waren doch froh, wenn wir nicht in Uni-Städten spielen mußten. Dort sind wir nur für irgendwelche Sachen benutzt worden.
Frage: Das war euch damals klar?
Reiser: Ja, das war uns sehr klar. Wir haben das gehaßt wie die Pest. Studentenbewegung war für uns etwas ganz Fürchterliches. Die Scherben waren keine Studentenband. Der Erfolg beruhte darauf, daß wir in der Provinz gespielt haben. Da funktionierte die Sache, da hatten wir Spaß -und um Spaß ging es. Daß ich damals immer eine Mao-Bibel mit mir 'rumtrug, hatte auch nur den Grund, dieser machtgeilen Studentenszene einen mitzugeben. Ich bin kein Student. Viele waren keine Studenten. Studentenbewegung wird bloß gesagt, weil die Studenten von amals heute in den Medien sitzen und gern ein bißchen träumen, wie revolutionär sie alle mal waren. Dann kommen sie zu mir und sagen: Scherben! Rio! Wahnsinn!
Frage: Drogen spielten damals eine große Rolle. Wie ist das heute?
Reiser: Meine einzige Sucht sind die Zigaretten. Sonst bin ich von allen Drogen weg. Ich habe zuviele Freunde verloren durch Drogen. Das heißt aber nicht, daß ich Drogen verteufele. Ich habe durch Drogen auch sehr viel gelernt. Über mich und über andere. Mit den Drogen konnte ich immer hinter die Kulissen gucken. Das machten die Drogen. Für mich. Ich habe andere Leute erlebt, die Drogen nicht benutzt, sondern gebraucht haben. Ich war auch ein Jahr heroinabhängig. Dann ging ich auf Entzug. Was ich wirklich vermisse, seit ich total sauber bin, ist der absolute Zeitverlust, den ich beim Kiffen immer hatte. Das war das Schönste dabei. Aber es geht auch so. Seit ich nicht mehr kiffe, trage ich keine Uhr mehr.
Frage: 1990 standest du auf dem Sprung unter die ganz Großen. Und dann das "rote Album" - ohne Gitarren, nur Synthesizer. Fans waren entsetzt, der Sprung unter die Großen fiel aus.
Reiser: War doch gut! Ich möchte mich ja nicht fangen lassen. Nimm mal Peter Maffay. Der macht eben immer wieder dieselbe Platte. Ich könnte so nicht leben.
Frage: Du weichst dem Erfolg also mit Absicht aus?
Reiser: Ja, ich laß es einfach sausen. Habe ich gemacht, vor zwei Jahren. Irgendeine Sendung war angesagt. Da bin ich an die Hotelrezeption, hab' gefragt: "Wo scheint denn jetzt die Sonne?" Sagten die, in Miami. Also bin ich in die USA geflogen. Und niemand wußte, wo ich bin. Niemand. Keiner. Das ist ein angenehmes Gefühl. Daß ich weiß, daß ich das kann. Jederzeit weg.
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