Der König der Bandwurmsätze
Der Bandwurm „Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“, der der Nennung des Namens Erich Honecker hinterherzukriechen hatte, ist dem 1936 in Langenberg in der Nähe von Gera geborenen Sprecher der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ nach tausenden Sendungen in Fleisch und Blut übergegangen.
Der „Zentralsekretär des ZK der Mongolischen Revolutionären Volkspartei und Präsidiumsvorsitzende des Großen Volkschural, Dschambyn Batmönch“ dagegen wird eher weniger oft erwähnt. Feldmann, der auf die Mitte seiner 80er Jahre zuging, trainierte in solchen Fällen vorher, manchmal sogar mit Muttersprachlern.
Eine Waffe im Kalten Krieg
Die „AK“, wie die Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens am Senderstandort in Berlin-Adlershof genannt wird, ist schließlich nicht irgendeine Sendung, sondern eine Waffe im kalten Meinungskrieg. Um acht Uhr abends startet die „Tagesschau“ im Westfernsehen. In der halben Stunde davor läuft jeden Abend der Versuch, den Bürgern der DDR, aber auch dem Ausland vorbeugend zu erklären, wie das alles wirklich zu sehen ist.
Die Meinungsmacher in der Propagandamaschine des selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaates hatten zeitig erkannt, dass der, der zuerst spricht, die Tonart bestimmt. was später als "Framing" zu einer anerkannten Methode der Beeinflussung der öffentlichen Meinung wird, versucht die Redaktion in Berlin-Adlershof schon Jahrzehnte vorher.
Arbeit ist meist vergeblich
Wenn auch zumeist vergeblich: Die "AK" ist für die meisten DDR-Bürgerinnen und -Bürger elektrische Lügenpresse. Nachrichten im ursprünglichen Sinn erwartet niemand von der halbstündigen Framing-Show. Interessant ist allein der Umstand, dass sich hier aus erster Hand erfahren lässt, wie die Staatspartei die Welt gern gesehen haben würde. Wichtig ist dabei nicht nur, was gesendet wird. Sondern auch, was die direkt aus dem Politbüro angeleitete Redaktion weglassen muss: Unangenehmes aus dem eigenen Land. Unruhen bei den sozialistischen Brüdern. Erfolgsmeldungen aus dem Reich des Klassenfeindes.
Klaus Feldmann ist auf der Mattscheibe die Stimme der Herren aus dem Politbüro, der Verkünder meist guter Nachrichten vom sozialistischen Aufbau, wachsender Völkerfreundschaft und hervorragender Planerfüllung. Eine Rolle, in die der in Thüringen geborene Sachse - die Tante der Mutter war Hebamme in einem Dörfchen bei Gera - nicht ganz freiwillig schlüpfte.
Ein Junge aus Leipzig
Aufgewachsen im Leipziger Stadtteil Gohlis, hatte sich der gerade Elfjährige bei einem Besuch von Vertretern des Mitteldeutschen Rundfunks nur neugierig machen lassen auf die „Junge Funkgruppe“, die der gerade gegründete Sender ins Leben rufen wollte. Klaus Feldmann ging hin, absolvierte ein Casting, ließ sich zum Sprechunterricht schicken und las daheim zu Trainingszwecken stundenlang laut Zeitung. Auf der Toilette, was Vater, Mutter und Bruder zuweilen auf den angehenden Radiosprecher fluchen lässt.
Die ersten Gehversuche machen Spaß. Der junge Feldmann hat Talent, er spricht bald Schulfunk und Jugendfunk und auch beim MDR, dem gleichnamigenVorläufer des heutigen öffentlich-rechtlichen Senders. „Daraus ist der Wunsch entstanden, beim Rundfunk zu arbeiten“, beschrieb er 70 Jahre später. Eine Lehre als Buchdrucker absolviert er deshalb ohne großen Elan. „Aber als ich später prominent war, erfuhr ich aus lobenden Artikeln in den Zeitungen, dass ich ein sehr guter Schüler war“, staunte er mit Verspätung. Das habe mit seinen Zensuren überhaupt nicht übereingestimmt. Ein Fallvon Lügenpresse,erlebt am eigenen Leib. „Das Lob hätte ich damals nötiger gehabt“, schmunzelt Feldmann.
Die große Liebe
Der Aufstieg des ehrgeizigen Sachsen zum Fernsehliebling beginnt direkt nach dem Studium. „Ich wurde ja als Journalist und Sprecher ausgebildet“, sagt er, „aber als die Frage im Raum stand, zu schreiben oder sprechen, entschied ich mich für den Sprecher; die große Liebe.“ Feldmann hört sich gern. Andere sehen das ähnlich.
Die lieben ihn ebenso oder doch zumindest seine Stimme. Von der Rundfunkschule in Weimar geht es zum Deutschlandsender nach Berlin. Der 21-jährige Klaus arbeitet in der Sportredaktion, leistet Nachtdienste bei den Nachrichten und spricht für Dokumentarfilme Tonspuren ein. Seiner „Liebschaft“, wie Klaus Feldmann das Sprechergeschäft nennt, habe er alles geben wollen. Aber die gibt ihm auch viel zurück.
Das Glück ist ihm hold. Als einer der Sprecher der „Aktuellen Kamera“ aus der DDR flüchtet, schlägt Feldmanns Stunde. Eilig wird Ersatz gebraucht. Schon einen Tag nach dem Vorsprechen ist er zum ersten Mal auf Sendung. Es beginnt ein neues Leben. Denn danach ist Klaus Feldmann bekannt wie ein „bunter Hund“ wie er es formuliert hat. „Leute sprachen mich auf der Straße an“, erinnerte er sich. „Ich war 25 Jahre alt - das muss man in dem Alter erst einmal verkraften und keinen Flitz bekommen.“ Sein persönliches Umfeld, Familie, Freunde, Bekannte, hätten ihn aber gut auf dem Boden gehalten, glaubt er. Abheben verboten.
Dass Feldmann zu dieser Zeit mit dem Gedanken spielt, ebenfalls in den Westen zu gehen, weiß niemand, nicht einmal seine Familie. Einen konkreten Plan habe es auch nicht gegeben, eine Umsetzung schon gar nicht. „Ich habe für mich selbst auch immer wieder Ausreden für die Verschiebung des Zeitpunktes gefunden.“
Dann kommt der 13. August 1961, den Klaus Feldmann im Rundfunkstudio erlebt, in dem ein Kampfgruppenkommando seine Sendung überwachen will. Er weigert sich wie ein richtiger Journalist, die Nachrichten zu verlesen, so lange die bewaffneten Männer nicht gehen, und setzt sich durch. Dass er damit ins Visier der Staatssicherheit rückt, die ihn in den folgenden Jahren im Auge behält, erfährt er erst nach dem Ende der DDR.
Liebling der Fernsehnation
Die Grenze ist zu, die letzte Chance zur Flucht aus der DDR vorbei. Doch im Nachhinein, sagt Feldmann, „war ich nie unglücklich darüber, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich mit meiner Weltanschauung im Westen glücklich geworden wäre“. Feldmann sieht sich als Kommunisten. Die DDR ist eigentlich sein Land. Der Westen nicht. Mit dem sei er schließlich auch heute nicht hundertprozentig auf einer Wellenlänge.
Nicht, dass er damals mit allem einverstanden gewesen wäre. Feldmann ist der Star der DDR-Nachrichten, er wird zum Fernsehliebling gewählt und von der „Nacht der Prominenten“ bis zu Auftritten bei Arbeitskollektiven in den Betrieben ist er immer gut beschäftigt. Doch bei der AK werden die Räume enger. Die Diskussionen, die es durchaus auch gegegen habe, immer leiser. Das „ungeliebte Kind“, wie Feldmann sagt, sei von Anfang an in der Vormundschaft der Partei gewesen. Das bisschen Freiheit aber, das es gab, schwindet zusehends.
„Es wurde ein höriges Kind und war es mal bockig, zogen die Erziehungsberechtigten die Laufleine an.“ Auch habe das Kind seinen Beobachtungen nach immer geglaubt, dass seine „Eltern“ nur das Beste wollen und vielleicht auch mehr wissen. Ein Irrtum. „Das unglückliche Kind kam in Verruf, es war Rotlichtbestrahlung, das Publikum wandte sich ab.“
Zu seinem Glück hätten die Menschen aber immer zwischen dem Inhalt des Dargebotenen und dem Darbietenden unterschieden, als der er sich verstand. Klaus Feldmann sah sich als reines Medium, ein Dienstleister des korrekten Aufsagens: „Ich habe immer versucht, die Nachrichten sachlich zu sprechen, damit die Meinungsbildung beim Zuschauer erfolgt.“ Dass die Zahl der sogenannten „Wortlautmeldungen“, die direkt aus der Parteizentrale in die Sendung gereicht wurden und unverändert vorzulesen waren, in den letzten Jahren der DDR immer weiter anstieg, sei sogar in der Redaktion diskutiert worden. Jedoch „zaghaft und diplomatisch“. Und ohne dass es zu Veränderungen führte.
Jenseits der Kameras
Schon kurz vor dem Mauerfall schied Klaus Feldmann wegen einer Erkrankung bei der AK aus. Und „dass es im Fernsehen danach keinen Platz für mich geben würde“, sagte er, „wusste ich“. Anfangs habe er noch gehadert, weil das auch für seinen geliebten Rundfunk galt. Doch die Stimme der SED-Herren, das leuchtet ihm ein, könne nun nicht im Schlagerradio Nachrichtenaufsagen.
Hatte auch sein Gutes. „Nach längerem Überlegen fand ich das aber dann ganz gut, denn auch wenn ich bei der AK nur der Verleser der Nachrichten war, hätte ich nun ja alles, was ich gut fand an meinem Staat, in Grund und Boden verdammen müssen.“ Aber 40 Jahre seines Lebens streichen? „Dazu war ich nicht bereit, denn ich wollte mich nicht einreihen in die Schar der Wendehälse“.
Pressereferent in der Autobranche
Stattdessen wird Klaus Feldmann Pressereferent in der Automobilbranche, ein Job zumeist hinter den Kulissen, in dem er seine Fähigkeiten bis zum Ruhestand nutzen kann. Bis heute schreibt er Bücher und geht auf Lesereisen, er trifft sein altes Publikum noch einmal, diesmal aber ganz anders.
Dazu viel Laufband und Ergometer, sagte Klaus Feldmann kurz vor seinem Tod im Mai 2023, „die beiden jüngsten Enkelkinder, sechs und zwei Jahre alt, halten Opa zusätzlich auf Trab“. Immer im April ging es frü den rüstigen Rentner raus auf den geliebten Dauercampingplatz, egal, wie das Frühlingswetter sich präsentierte. Klaus Feldmann sagte, er sei zufrieden.
Nur wenn er Nachrichten schaue, müsse er manchmal husten. Was die Kollegen und Kolleginnen heute böten, finde nicht seine Zustimmung, sagte der Mann, der in der "Aktuellen Kamera" wie ein menschlichen Aktenschrank über die Neuigkeiten aus Politbüro, Zentralkomitee und sozialistischer Volkswirtschaft präsidierte. „Man wandert im Studio hin und her, gestikuliert mit allen Körperteilen, stellt die Brustvergrößerung einer prominenten Dame an die Spitze der Sendung.“ Feldmann schüttelte angewidert den Kopf. „Das sind nicht meine Nachrichten.“

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