Donnerstag, 2. April 2026

Nina Hagen: Ein fremder Stern namens Nina

Nina Hagen ist ein menschliches Ufo, das auf fremden Sternen landet.

Die Sache mit dem Zölibat, die nimmt sie dem Papst übel. Unmenschlich findet Nina Hagen das Beharren der katholischen Kirche auf dem Sex-Verbot für Priester. Die Frau, die in ihren früheren Leben Schlagersängerin, Punk-Rockerin, Dissidentin und Skandalnudel war, weiß von jemandem, der eine Nahtoderfahrung hatte, im Himmel war und Jesus begegnet ist. „Er kann bezeugen, dass Gott keine katholischen Patriarchen braucht, um mit jedem einzelnen Menschen eine direkte Beziehung haben zu können!“

Widerspruch als Wesen

Nina Hagens Wesen ist Widerspruch, immer noch. Die Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, zeitweise aufgewachsen mit dem Liedermacher Wolf Biermann als Stiefvater, zeitweise aber auch bei einer Freundin ihrer Mutter im sachsen-anhaltischen Sangerhausen, ist laut, sie ist schrill, sie bricht Tabus am laufenden Band und immer, wenn es gerade scheint, also würde sie nun ein wenig seriöser werden, landet sie garantiert wieder wie ein Ufo auf der Kaffeetafel.

Hagen hat mit 13 Jahren ihren ersten Mann gehabt, mit 15 die erste Abtreibung und mit 19 ihren ersten Hit.Nina Hagen hat immer schon getan, was ihr in den Kopf kam. Mit 13 schon galt sie als Problemkind, das sich mit älteren Jungs herumtrieb, trank und Drogen nahm. Aus einem Kinderheim in Mecklenburg haute sie ab, „zerrissen zwischen zwei Elternteilen“, wie sie später in ihrer Autobiografie beschrieben hat.

Rettung in der Provinz

Eva-Maria Hagen ist ein vielbeschäftigter Kinostar, Ninas Stiefvater Wolf Biermann ein rund um die Uhr bespitzelter Staatsfeind und die Tochter nach einer aus dem Ruder gelaufenen Party mit Bier und Drogen unter Verdacht, es beim nächsten Mal komplett zu übertreiben. Rettung kam damals aus der Provinz: Eva-Maria Hagen, Defa-Star und alleinerziehende Mutter, findet in Sangerhausen Asyl für die renitente Tochter. 

Was also tun mit der 13-jährigen Catharina, fragte sich die Defa-Diva. Das Mädchen muss raus aus Berlin, weg vom schlechten Einfluss ihrer zumeist älteren Freunde und irgendwohin, wo jemand sie besser im Auge behalten kann als ihre Mutter, die wegen laufender Dreharbeiten oder der jungen Liebe zum verfemten Liedermacher Wolf Biermann nur selten zu Hause sein kann.

Zerrissen zwischen den Eltern

Kinderheim geht nicht, nicht schon wieder. Der letzte Versuch, den eigensinnigen Teenager, den alle nur Nina nennen, in ein Heim in Mecklenburg zu geben, war gescheitert. Sie habe sich dort wie ein „verstoßenes Kind gefühlt“, hat Nina Hagen in ihrem Buch „Bekenntnisse“ gestanden, „ich war zerrissen zwischen zwei Elternteilen.“

Als alleinerziehende berufstätige Frau aber hat Eva-Maria Hagen auch in der DDR keine Aussichten, Dreharbeiten in Wunschzeiten verlegt zu bekommen, in denen Tochter Nina die Schulbank drückt. Zum Glück aber fällt ihr dann Annemarie Thoreen ein, die Mutter ihrer besten Freundin Gisela, die in Sangerhausen lebt und Nina schon früher für kurze Zeit betreut hat.

"Muschel" hilft

„Muschel“, wie Annemarie Thoreen bei der späteren Punk-Ikone nur heißt, nimmt Nina gern auf. Doch für die rebellische Großstadtgöre ist das Exil am Harz ein Kulturschock. „Unaufgeregt und gemächlich floss das Leben in dieser verträumten Kleinstadt dahin“, erinnerte sich Nina Hagen viele Jahre später. Nicht mal Westfernsehen habe es gegeben. Ja, nicht mal Westradio.

Nur lauter liebe Leute und ein Rosarium, in dem die Weltkarriere des schrillsten Ufos am Rockhimmel ihren Anfang nimmt. Nina Hagen, auf Bildern aus diesen ihren letzten Kindertagen ein Mädchen mit jungenhaftem Bubi-Schnitt, hat auf der kleinen Open-Air-Bühne des Rosariums ihren ersten öffentlichen Auftritt. Muschel, ihre Herbergsmutter, ist danach sicher: „Das wird mal eine große Künstlerin.“

Asyl in Sangerhausen

Hagen findet Rettung in der Provinz, Asyl für die Tochter in Sangerhausen. Zwischen Vorharz und Mansfelder Land taucht Nina Hagen in einen neue Welt. „Unaufgeregt und gemächlich floss das Leben in dieser verträumten Kleinstadt dahin“, erinnerte sie sich später. Nicht mal Westradio habe es gegeben. Erstaunlich für das Großstadtgirl: „Ich fühlte mich pudelwohl in meiner Haut.“

In Sangerhausen beginnt die Karriere, die Nina Hagen zum ersten deutschen Weltstar seit Velvet-Underground-Sängerin Nico machen wird. Als Jugendliche erlebte die spätere Punk-Queen Nina Hagen prägende Monate in Sangerhausen. Auch ihre ersten musikalischen Erfolge feierte sie in der Rosenstadt.

Wohlfühlen in der Provinz

Vorher aber ist die Zeit in der Provinz zu überstehen. Nina Hagen geht in Sangerhausen zur Schule, sie besucht die siebte Klasse und findet schnell Freunde. Mit Wohlwollen hat sie später auf die Monate am Harz zurückgeschaut. „Ich fühle mich pudelwohl in meiner Haut und hatte Zeit, einige entscheidende Wachstumsschritte zu vollziehen.“ Zudem gewinnt Nina Hagen den Wettbewerb der Jungen Talente der „Geschwister Scholl“-EOS. „Ich trat mit meiner Gitarre und einem amerikanischen Friedenslied an und wurde prompt zur Siegerin gekürt.“

Wichtiger aber noch: Zum ersten Mal im Leben sei sie damals Gott begegnet, versichert die heute tief gläubige Sängerin. Ihr Versuch, ihn mit lästerlichen Flüchen aus einem Schrank zu locken, endet mit einem untrüglichen Zeichen: Beim Gerätturnen im Sportunterricht am nächsten Tag stürzt Nina Hagen schwer, sie bricht sich ein Bein und weiß seitdem: „Gott gibt es wirklich“

Mit 14 gewinnt sie den „Wettbewerb der Jungen Talente“. Mit 17 trampt sie unerlaubt durch Polen und singt inkognito in polnischen Rockbands. Mit 19, wegen politischer Unzuverlässigkeit auf Geheiß des MfS von der Schauspielschule abgelehnt, steigt sie bei der Gruppe Automobil ein, die nur wenige Monate später den Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ landet.

Du hast den Farbfilm vergessen

Ein Lied, das Nina Hagen nie gern gesungen hat. Zu schlagerhaft, zu populär. In der DDR fühlt sich die junge Frau mit der einzigartigen Stimme zusehends vereinnahmt und missbraucht. Bei einem Besuch in der Orwo-Filmfabrik in Wolfen reicht es ihr: Der Abstecher der Stars zu den Farbfilmherstellern wird zum Debakel, als Nina Hagen sich über die unmenschlichen Bedingungen beschwert, unter denen die Arbeiter schuften müssen.

Die Zeit der Hagens in der DDR neigt sich da schon dem Ende zu. Nach der Biermann-Ausbürgerung dauert es nicht lange und Nina Hagen tauscht die Freiheit in den Grenzen der DDR gegen die unbegrenzten Karrieremöglichkeiten im Westen.

Doch nicht die kleine Bundesrepublik, sondern die Welt wird das Feld der einstigen Schülerin der Sangerhäuser Geschwister Scholl-EOS. Mit ihrer Nina-Hagen-Band wird die 22-Jährige zum Hitparaden- und Medienstar, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien, den Niederlanden und den USA.

Zwischen Ufos und Tabus

Verrückt ist immer dort, wo Nina Hagen ist, über Ufos spricht und Tabus bricht. „Angstlos“ nennt sie ein Album, das ihren Ruf als schrillste Sirene im Pop-Universum untermauert. Hagen lebt mit dem holländischen Gitarristen Herman Brood zusammen, ihre Freunde sind der Mode-Designer Jean Paul Gaultier und der Komponist Giorgio Moroder. Mit den Red Hot Chili Peppers komponiert sie, Phil Manzanera von Roxy Music produziert ihre Platten.

Hagens Art Weltbürgertum, halb zwischen Ohnmacht und Überforderung, inszeniert „Unity“ musikalisch. Zwölf Songs, zwölf Nina Hagens, mal stampfend wie in „Shadrack“, mal verträumt wie im von Sheryl Crow übernommenen „Redemption Day“ und mal als Kuschel-Jazz wie in „It Doesn’t Matter Now“. Eigentlich hatte Nina Hagen, gelangweilt von der DDR, geplant, über Polen in den Westen abzuhauen. Dann aber wurde sie auf Vermittlung von Reinhard Lakomy schnell zu einem DDR-Popstern.

Lieder wie „Du hast den Farbfilm vergessen“, „Hatschi-Waldera“ und „He, wir fahren aufs Land“, die jetzt von Sony als „The Amiga Recordings“ erstmals gesammelt veröffentlicht wurden, zeigten eine burschikose junge Frau mit Stimme wie ein Wirbelsturm, der schlagartig alle Türen zum Olymp der DDR-Unterhaltungskultur offenstanden.

Zwei Jahre und eine Solidaritätserklärung für ihren Stiefvater Biermann später war die Karriere auch schon zu Ende. Nina Hagen verließ die DDR, sie ging nach England und wurde ein Punk.

Das ist die Frau, die gerade ihren 71. Geburtstag gefeiert hat, bis heute geblieben. Nina Hagen macht nur noch, was sie will: Mal ist das indische Musik, mal ein Rilke-Projekt, mal tut sie sich mit der gleichermaßen nonkonformen Meret Becker zusammen, um Brecht zu singen.

Dann singt sie Filmschlager zu Big-Band-Sound, covert „Ballroom Blitz“ von Sweet oder sie tut sich mit dem erfolgreichen Erfurter Musiker Clueso zusammen. Immer bleibt sich Nina Hagen dabei treu, ein Irrlicht am Rande des Mainstreams, das bunter als anderen blinkt, ohne sich darum zu scheren, was irgendwer davon hält.

Radikale Interpretin

Im Grunde genommen hat sie sich dafür nie interessiert. Schon die Lieder des Frühwerkes, mehr Prog-Jazz als Pop oder Rock, glänzen durch eine radikale Interpretation des Schlagergedankens. Geschrieben von dem späteren Silly-Bassisten Mathias Schramm, Karat-Keyboarder Thomas Kurzhals oder dem an der Spezialschule für Musik in Halle ausgebildeten Renft-Keyboarder Michael Heubach, zeigen Songs wie „Das kommt, weil ich so schön bin“ oder die Parodie „Ich bin so alt“, dass Nina Hagen alles kann, nur nicht Konventionen einhalten.

Nina Hagen, zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade 20 Jahre alt und ohne jede Gesangsausbildung, als früh vollendete Meisterin ihres Faches. Sie gurrt und kreischt, säuselt und summt, sie haucht und brüllt, dass nur das grundsätzliche Misstrauen der DDR-Kulturaufseher erklären kann, warum die staatliche Plattenfirma Amiga selbst nach dem Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ keine Anstalten machte, der Newcomerin die Produktion einer Langspielplatte anzubieten.

"Zieh die Schuhe aus"

Stattdessen sang die Hagen, was man sie singen ließ. „Zieh die Schuhe aus“ zum Beispiel war Teil des Soundtracks des Defa-Films „Hostess“ und wurde zusammen mit der Art-Rock-Band Stern-Combo-Meißen eingespielt. „Rangeh’n“ dagegen kennt jeder Hagen-Fan - nur nicht so. Der Song, später im Westen auf Hagens erstem Album mit der Nina-Hagen-Band in einer rotzigen Punk-Fassung veröffentlicht, ist hier in einer frühen Ostrock-Version zu hören.

Statt der drahtigen, zitternden Westfassung voller Geschrei und fiebriger Nervosität wurde im Amigastudio eine frühe feministische Eroberungshymne eingespielt, in der Nina Hagen ihren anzüglichen Text begleitet von Boogie-Woogie-Klavier und Chorgesang darbietet.

Mit "Hatschi Waldera"

Wie hier ist auch bei „Zieh die Schuhe aus“ zu ahnen, weshalb Hagen, in der DDR mit Fritzens Dampferband und der Leipziger Truppe „Automobil“ eher geschmacksneutral unterwegs, wenig später im Westen als neue Punk-Queen gefeiert wurde. Andere Stücke dagegen - wie „Honigmann“ und „Hatschi-Waldera“ - zeigen Hagen beim Versuch, die Schlagermaus zu spielen. Sie kann das, aber sie ist das nicht.

Die Frau, die zwei Jahre nach diesen eher züchtigen Aufnahmen als Bürgerschreck in zerrissenen Strumpfhosen und mit Songs wie „Unbeschreiblich weiblich“ und „Auf’m Bahnhof Zoo“ Furore macht, ist hier noch ein Mädchen, das mal ironisch, mal provokant nach sich selbst sucht. Irgendwo muss es sein, das Leben, das sie später wirklich gefunden hat.

Das menschliche Ufo

Das Stück „Ich bin so alt“, in dem sie hier in banger Erwartung klagt „früher da war noch was los, da haben wir noch gerockt“, ist für Nina Hagen ein Lied geblieben, das sie einfach nicht betrifft.  Mit 71 Jahren, pünktlich zum Geburtstag, landet das menschliche Ufo mit „Highway to Heaven“ erneut schrill auf der gemütlichen deutschen Kaffeetafel. 

Statt Punk-Attitüde serviert Nina Hagen diesmal Gospel – radikal, gottgefällig und gewohnt widersprüchlich. Album Nummer 17 aus dem Hause Hagen ist das Werk einer Frau, die keine Institutionen braucht, um mit dem Schöpfer zu plaudern, und die Kritiker nun vor das Rätsel stellt, wie viel Wahnsinn und wie viel Weisheit in diesem neuen Kapitel stecken.

Revue der Unangepassten

Die Rezensionen lesen sich wie ein Protokoll der Überforderung. Während das Album für die einen eine „spirituelle Überwältigung“ ist, wirkt es auf andere wie ein „ratlos machendes“ Spätwerk. Wer erwartet hatte, die Queen of Punk würde im Alter die Samthandschuhe anziehen, sieht sich getäuscht: Hagen kreischt, gurrt und brüllt ihre Hingabe zu Jesus mit einer Stimmgewalt heraus, die Kritiker wahlweise als „urwüchsig“ oder „produktions-technisches Chaos“ bezeichnen. 

Besonders die Duette mit Gitte Hænning und Nana Mouskouri werden als bizarre, aber faszinierende Gipfeltreffen nonkonformer Geister wahrgenommen – eine „Revue der Unangepassten“.

Die Presse ist gespalten: Der "Rolling Stone" vermisst die klare Linie und straft die teils zerfahrene Produktion ab, während die taz das Album als anarchisches Manifest feiert. Nina Hagen bleibt sich dabei treu: Sie ist die „Antifa Gottes“, die Southern Gospel und Reggae-Beats zu einem Gebräu mischt, das den Mainstream verlässlich vor den Kopf stößt. 

Die Stimme mag rauchiger, brüchiger und dunkler geworden sein – ein Echo des späten Johnny Cash –, doch die Energie ist dieselbe wie 1974 im Amiga-Studio. Ob sie nun über den Farbfilm klagt oder den Highway zum Himmel besingt: Nina Hagen muss niemandem mehr beweisen, dass sie alles kann. Sie macht einfach, was sie will, und lässt ein irritiertes, aber staunendes Publikum am Wegesrand zurück.


Donnerstag, 5. März 2026

Halle-Neustadt: Die nummerierte Stadt

Zwischen den Blöcken spielten Kinder, die keine Straßennamen lernen mussten, nur Zahlen.

New York hat die Fifth Avenue, berühmt sind die 42nd Street in der Nähe des Times Square und die 34th Street in Manhattan. Das wahre mathematische Stadt-Abenteuer des 20. Jahrhunderts aber fand in Halle-Neustadt statt. Als sozialistisches Utopia auf dem Reißbrett entworfen, verzichtete die Chemiearbeiterstadt fast völlig auf Straßennamen. Die Erbauer hatten sich etwas ausgedacht. Sie setzten auf ein ausgeklügeltes, streng logisches und wissenschaftlich begründetes  System aus Blocknummern, das Außenstehende zur Verzweiflung und Postboten an den Rand des Wahnsinns trieb.

Pure Logik oder kybernetisches Chaos? Als einziger Ort in der DDR kannte die Plattenbausiedlung Halle-Neustadt keine Straßennamen, sondern nur Blocknummern. Doch es war ein nur für Außenstehende rätselhaftes System - wer hier wohnte, wusste, wie es funktioniert. Nur warum, das wusste niemand. Das letzte Geheimnis der Geschichte einer Stadt, die in das sozialistische Jahrtausend marschieren wollte, blieb bis zum Ende eins. Zehntausende hatten zwar gelernt, sich zwischen kryptischen Ziffern und aufgemalten Baumsymbolen zurechtzufinden. Aber wieso eigentlich war das alles so?

Gebaut als Halle-West

Dass sich der Block mit der Nummer 491 nur ein paar Meter neben der 391 befand, die 324 dafür aber direkt gegen der 253 und die 617 neben der 499 war ein Rätsel. Aber keines, das die Menschen beschäftigte, die in Halle-Neustadt wohnten. Die Plattenbausiedlung, ab 1963 als Halle-West errichtet, um Arbeitskräfte für die schnell wachsenden Chemieunternehmen in Buna und Leuna unterzubringen, hatte eben, was keine Stadt sonst hatte, abgesehen von New York. Keine Straßennamen, jedenfalls beinahe. Dafür aber ein System von Blocknummern, das sich Besuchern nicht erschloss, Einwohnern aber auch ohne tieferes Verständnis der zugrundeliegenden Systematik eine Orientierung zwischen Häuser, Blocks und Wohnkomplexen erlaubte.

Wer längere Zeit hier zubrachte, wusste automatisch, wie das vermeintliche Zahlenchaos zu ordnen war. Vom Stadtzentrum aus wurden die Zahlen im Uhrzeigersinn vergeben, allerdings entsprachen die Nummern der Wohnkomplexe den Blocknummern damit nun ausgerechnet nie, weil die Stadtviertel ihre Nummern nach dem Datum der Fertigstellung erhalten hatten. Das 1. WK bekam Blocknummern von 600 aufwärts, das 8. WK hatte die 300er Blocks und das 6. alle von 900 an. Wenig zur Klarheit trug bei, dass die Zehnerstelle in jeder Blocknummer sich auf die Entfernung von einem gedachten Schnittpunkt zwischen zentraler Magistrale-Straße und S-Bahntrasse in der Stadtmitte bezog. Und das auch noch nur theoretisch, weil ein Teil der Blocks dann doch eher nach dem Datum der Fertigstellung nummeriert worden war.

Weg mit der Vergangenheit

Höchst unverständlich, aber hochmodern. Richard Paulick, als Chefarchitekt der Chemiearbeiterstadt Vater der Gesamtplanes des entscheidenden Schrittes der Stadt Halle „in das sozialistische Jahrtausend“, wie es eine Schrift vom Anfang der 60er Jahre nannte, wollte mehr als nur eine neue Stadt bauen. Halle-Neustadt war der Versuch, mit dem Städtebau der Vergangenheit zu brechen. 

Statt in engen Innenstadtquartieren mit Hinterhof und einem Klo halbe Treppe sollte der neue Mensch in breiten Straßen gehen, hinter lichten Fenstern leben, mit Balkonen und warmem Wasser aus der Wand. Das Zeitalter der Kybernetik war angebrochen. Die Idee, ein moderne Stadt zu errichten, die industriell gebaut wird, aber in der Lage ist, die „pulsierenden Kräfte breiter Massen zusammenzufassen und ihnen eine Richtung zu geben“, wie der französische Architekturerneuerer Le Corbusier schon in den 20er Jahre geträumt hatte, sie schien in einem kühnen Experiment realisierbar.

Ostdeutscher Sonderfall

Wolfgang Kirchner, der damals als junger Ingenieur das Plattenwerk mit aufbaute, das über ein Vierteljahrhundert Tausende Wände und Bodenplatten für die einzige deutsche Stadtneugründung des 20. Jahrhunderts lieferte, betrachtet „HaNeu“, wie es später zumindest in den DDR-Medien oft genannt wurde, nicht als ostdeutschen Sonderfall. Vorbilder habe es in der Bundesrepublik und in Schweden gegeben. 

„Industrielles Bauen versprach warme, bequeme und bezahlbare Wohnungen für alle“, sagt er. In seiner Fantasie habe er zwischen den weißen Blöcken von Anfang an Bäume gesehen, 30 Jahre alt und leuchtend grün, erinnert sich Kirchner. „Wenn man sich Parks zwischen die Häuser gedacht hat, war das alles richtig schön.“

Für die, die in den Blöcken und den weiten Hinterhöfen aufwuchsen, sowieso. Kaum einer aus der zwischen 1970 und 1990 geborenen Generation der Neustadt-Kinder hätte das Prinzip der Blocknummerierung korrekt erklären können. Wie in anderen Städten die Straßen eben irgendwie hießen, hießen sie hier eben irgendwie nicht. Dafür trugen sie ja ihre Nummern.

Die Stadt der Zukunft


Halle-Neustadt sollte eine Stadt der Zukunft sein, ein Heim für den neuen Menschen, so hatten es ihre Erbauer geplant. Neustadt hatte immerhin schon eine neue Sprache: „Maggi“ war die Magistrale, „Koofi“ war die Kaufhalle, „Kiga“ der Kindergarten. In Neustadt lebten schließlich die Sieger der  künftigen Geschichte, Familien mit Telefonanschlüssen, warmes Wasser aus dem hahn, Heizungen, die sich nicht ausdrehen ließen. Glückliche, die von den Errungenschaften einer Zeit profitierten, an deren Ende das Ende aller Ausbeutung stehen würde.

Dieses Ende kam so wenig wie aus Neustadt noch eine wirkliche Stadt wurde. Ausgerechnet in ihrem größten Bauprojekt ging die DDR am schnellsten und gründlichsten zugrunde: Noch vor dem Beitritt des Arbeiter- und Bauernstaates zur Bundesrepublik votierten die Halle-Neustädter später für einen Beitritt zur Stadt Halle. 

Niemals ein Krankenhaus

Folgen eines Projekts, das Stadt hatte werden wollen, aber ein Stadt baute, der manches fehlte, was jede Stadt hat: Die Geburtsurkunden der Kinder von Halle-Neustadt waren allesamt von Anfang an falsch. Gut, die Namen stimmten, die Geburtszeiten sicher auch. Nur als Geburtsort steht da immer Halle, manchmal auch Zeitz und Merseburg und sicher noch andere Städte. 

Nie aber Halle-Neustadt, nicht einmal in den zwei Jahrzehnten, in denen die Söhne und Töchter der Bewohner der sozialistischen Chemiearbeiterstadt zur Welt kamen. Sie alle wuchsen auf als Kinder einer Stadt, die vielleicht als einzige weltweit keine Kinder hat, weil sie in ihren besten Tagen zwar beinahe hunderttausend Einwohner besaß, aber nie ein eigenes Krankenhaus.

Ein logisches System

Wer sich tatsächlich schwer tat mit dem vermeintlich logisch aufgebauten System, das sich im Grunde genommen an das der DDR-weit vergebenen Postleitzahlen anlehnte, war die Deutsche Post der DDR. Vor allem am Anfang, als die Blocknummernvergabe mehrfach korrigiert und geändert wurde, weil sie „EDV-gerecht nicht zu erfassen waren“, wie es in einem Brief des Stadtbaudirektors an das Hauptpostamt von 1975 heißt. Zusteller standen vor Rätseln, weil eine neue Zahl an einem Block keinen Hinweis darauf lieferte, unter welchem Namen das Gebäude zuher geführt worden war.

Wie Unterlagen verraten, die im halleschen Stadtarchiv liegen, blieb die in der westdeutschen Quadratestadt Mannheim bereits Ende des 17. Jahrhunderte eingeführte Nummerierung auch für die Neustädter Stadtverwaltung über ein Vierteljahrhundert hinweg ein Problem. Die Vorstellung der Planer um Paulick, dass der Arbeiter der Zukunft keine altertümlichen Straßennamen mehr brauche, galt weiterhin als gut. Doch die Umsetzung krankte daran, dass viele Blocks ihre Zahl nirgendwo deutlich sichtbar zeigten.

"Einheit von Leben und Wohnen"

Die „Einheit des gesellschaftlichen Lebens und Wohnens“, die das SED-Politbüro mit seinem Baubeschluss im Jahr 1963 beschworen hatte, drohte in der Praxis an ein paar Schildern zu scheitern. Und das trotz der „bildkünstlerischen Mittel“, die als Plastiken, Wandmalereien und Brunnen zwischen die Fünfgeschosser und Hochhäuser gesetzt worden waren, um keine Monotonie aufkommen zu lassen.

Schon 1973 erging vom Stadtbauamt deshalb ein erster Auftrag zur Erarbeitung eines „Orientierungssystems“ an das Büro für Städtebau und Architektur. Halle-Neustadts Wohnkomplexe, weniger der vom Schriftsteller Jan Koplowitz in einer Großreportage gerühmte „Aufbruch in das Wohnen von Morgen“ als eine Bienenwabe aus Betonfertigteilen, die mit Wohngebietskneipen, Arztblock, Kaufhalle und Schule dörfliche Strukturen nachbildete, sollten sich Besuchern und Einheimischen besser zu erkennen geben. 

Fremde scheitern zuverlässig

Größere „Blockkennzeichnungsnummern“, standardisiert an stets derselben Stelle angebracht, dazu ein neues „Bezeichnungs- und Informationssystem“, das 1977 in Auftrag gegeben wurde, wecken Hoffnung darauf, die Verwirrung auswärtiger Besucher zu beseitigen.

Eine weitere Täuschung. Anwohner kamen gut klar, je länger sie in Neustadt wohnten, desto besser. Fremde aber scheiterten zuverlässig. 1982 wurde mit „Blockkennzahlen“ nachgearbeitet, die wegen fehlender Produktionskapazitäten von einer Feierabendbrigade hergestellt werden mussten. Um zu verhindern, dass sich Kinder verliefen, die noch keine Zahlen lesen konnten, verpflichteten die Stadtplaner schließlich sogar zwei Gebrauchsgrafiker, die auf Bürgerwunsch, wie es im Briefverkehr der Behörden heißt, „Wohngebietssymbole zur weiteren Kenntlichmachung der Standorte der Wohnblocks“ in Form von Baummotiven entwarfen, die Müllhäuschen angebracht wurden.

So passten sich die kühnen Träume vom neuen Wohnen kleinteilig an die Möglichkeiten an. Paulicks erträumte „Zweckform von Technik und Industrie“ aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Kinderzimmer und Küche mit Durchreiche auf 52 Quadratmetern musste in zähen Kämpfen alltagstauglich gemacht werden. 

Plaketten aus Buna-Plastik

Ein erster Versuch mit Plaketten aus Buna-Plastik scheitert, weil das Material sich im Sommer verzog. Der zweite Anlauf glückte: Mit Schablonen wurden nun Symbole aufgemalt. Doch als nachgestrichen werden sollte, weil die Farbe schnell verblasste, waren die Pappvorlagen nicht mehr brauchbar - aus „Schuhsohlengummi“, so ein zeitgenössischer Bericht, mussten neue gefertigt werden.

Kurz vor dem Ende der DDR und dem Ende von Halle-Neustadt als eigener Stadt tauchen in den archivierten städtischen Unterlagen dann Überlegungen auf, der sozialistischen Chemiearbeiterstadt doch wieder Straßennamen zu geben. In langen Listen sind Bezeichnungen wie „Georgi-Dimitroff-Straße“, „Straße der Jugend“, „Wilhelm-Pieck-Ring“ und „Leninstraße“ aufgeführt, die auf Tauglichkeit geprüft, dann doch nicht mehr vergeben wurden.

Erst Anfang 1992, Halle-Neustadt war nach einer Bürgerbefragung bereits zu einem Stadtteil von Halle geworden, verschwanden die Blocknummern auf Beschluss des neugewählten Stadtrates. Sie wurden abgelöst von Dichter- und Blumennamen. Doch wer 30 Jahre später in Halle-Neustadt nach einer Adresse fragt und an einen älteren Einwohner gerät, muss bis heute mit einer Gegenfrage rechnen: Und welche Blocknummer war das?


Dienstag, 11. November 2025

Zehn Jahre: Romantiker und Menschenmagnet


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann

Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.

Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen  auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

Steffen Drenkelfuß bei Facebook

Donnerstag, 12. Juni 2025

Kunstrasen: Abriss nach Aktenlage


Normalerweise wären sie jetzt alle hier: Saleh, Mohammed, Fabi und all die anderen Kinder und Jugendlichen aus der Neustadt, die auf diesem Platz ihre zweite Heimat gefunden hatten. Auf dem ehemaligen Trainingsgelände des Halleschen Fußballclubs blieb ein schöner Kunstrasenplatz zurück, als der Viertligist seine Zelte ab-, und zu neuen Ufern aufbrach.

Ein Glücksfall für Dutzende Kinder und Jugendliche aus Halle-Neustadt, die keine 300 Meter entfernt leben. Jeden Nachmittag, vor allem aber am Wochenende war der Platz voll. Es wurde trainiert. Es wurde gespielt. Um die Goldene Ananas, aber mit Einsatz und Spaß.

Doch dann endete die kurze, glückliche Episode des Platzes. Bagger und Bauarbeiter rückten an. Innerhalb weniger Tage war der Kunstrasen Geschichte. Im Moment stehen noch ein paar Begrenzungen, daneben große Container mit sauber getrenntem Abfall. Holzreste, die Ballnetze, ein Tor, noch ein zweites – aber alles ist vorbei. Für immer. 

Von der Erfolgsgeschichte zum Abriss


Für die Jugendlichen ist es eine Tragödie. Für die Stadt der Vollzug einer notwendigen Pflichtaufgabe. Was sich hinter der Zerstörung des einzigen öffentlichen Kunstrasenplatzes der Stadt verbirgt, ist allerdings eine Geschichte, die viel Deutschland im Jahr 2025 erzählt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. 

Die Fakten sind schnell aufgezählt: Gebaut wurde der Platz vom Halleschen Fußballclub, damals schon mit viel Unterstützung durch Fördermittel aus allerlei Töpfen. Die Spielfläche war das Herz des Leistungszentrums des Vereines, es wurden Ligaspiele ausgetragen, tagtäglich trainierten Männer, Frauen und Kinder in verschiedenen Altersklassen

Tabula rasa.


Dann kam das Jahr 2013 – und mit ihm das Jahrhunderthochwasser. Auch der Kunstrasenplatz wurde überflutet. Für gewöhnlich wäre das kein großes Problem: Das Plastik wird gereinigt und schon kann wieder gespielt werden. Doch diesmal suchten Verein und Stadt nach einer anderen Lösung. Der Fußballclub wollte das Gelände am Sandanger verlassen – zu hohe Kosten, zu alt die Gebäude, zu groß die Flutgefahr. Ein neues, modernes Nachwuchsleistungszentrum sollte entstehen, allerdings an einem anderen Standort, der sich besser eignet.


Bürokratie schlägt Herz 

Nur der Kunstrasenplatz wurde plötzlich zum Problem. Um Fördermittel für das neue Leistungszentrum zu bekommen, musste das alte Gelände laut Flutrichtlinie als komplett zerstört und unbrauchbar gemeldet werden. Also war der Platz mit einem Mal offiziell unbespielbar – auch wenn weiterhin dort trainiert und gespielt wurde. Millionen Euro Fördermittel standen auf dem Spiel. Das fand in der Nachwuchsliga beinahe zehn Jahre lang weiter auf dem nach Aktenlage zerstörten Kunstrasengeläuf statt. Aber parallel dazu entstand das neue Leistungszentrum, das schließlich feierlich eingeweiht wurde. 

Doch damit alles ordnungsgemäß abgerechnet werden kann, musste nun nur noch der alte Kunstrasenplatz nicht nur angeblich, sondern auch faktisch verschwinden. Eine rein verwaltungstechnische Entscheidung: Wenn der Rückbau der Altanlage zur Förderbedingung gehört, muss er erfolgen – egal, wie gut der Platz noch ist und wie viele Jahre er Freizeitsportlern noch gute Dienste leisten könnte.


Der Rest vom Fußballfeld.


Für die Verantwortlichen in den Büros ist der Unterschied zwischen kaputt und weg nicht groß. Aber für die Kinder und Jugendlichen, die hier Tag für Tag spielten, ist er riesig. Dieser Platz war nicht irgendein Fußballplatz. Es war der einzige Kunstrasenplatz der Stadt, der jederzeit für alle offenstand – ohne Vereinsmitgliedschaft, ohne Schließzeiten, ohne Nachbarn, die sich vom Lärm spielender Kinder gestört fühlen.

Als sie dann aber kamen, nichtsahnend, war alles weg. Der saubere Schnitt zwischen Neubau und Altanlage macht reinen Tisch und er hinterlässt eine Brache, auf die irgendwann Camper mit ihren Wohnmobilen ziehen sollen. Auf 50.000 Quadratmetern wäre Platz für etwa 500 Fahrzeuge, 70 sollen am Ende hinpassen.

Dass der Kunstrasenplatz fehlen wird, ist praktisch nur ein Gefühl der Betroffenen. Offiziell die Jugendlichen aus Halle-Neustadt den Platz nie nutzen dürfen. Dass die Spielfläche, einst mehr als eine halbe Million Euro teuer, die nächsten fünf, zehn oder 15 Jahre weiter hätte ihrem ursprünglichen Zweck dienen können, spielt auch keine Rolle. Verwaltungstechnisch war sie schließlich bereits seit zwölf Jahren abgeschrieben und unbenutzbar.

Am Wochenende war es immer voll.

Der Kunstrasen hätte noch Jahre seinem Zweck dienen können.

Der Abriss geht auf Halde.





Samstag, 8. März 2025

Wolfgang Schnur: Das letzte Interview



Wolfgang Schnur redet gern. Aber er kann auch schweigen. Zumindest diesen einen, kleinen Moment lang, der sich in seinem Berliner Kellerbüro dehnt und dehnt und dehnt, während Wolfgang Schnur mit gesenktem Blick die Auslegware vermisst. Sekundenlang ist er wie gelähmt, schutzlos, stumm und ganz er selbst. Dann aber flackern die wasserblauen Augen wieder, die Arme heben sich, und Schnur schaltet den Wortwerfer an: "Meine Lebensgefährtin hat es nicht mehr ertragen, ihr wurde das zu viel, und so bin ich nun ein Einzelkämpfer."

Eine Rolle, die dem Mann, der beinahe letzter Ministerpräsident der DDR geworden wäre, nicht schlecht gefällt. Dass er ganz oben war und dann abgestürzt ist, tiefer als irgendwer sich vorstellen kann; dass er die Macht verloren hat und den Beruf, sein Vermögen und das schmucke Haus in Hessenwinkel; dass alle Freunde ihm gekündigt haben und sein Ruf ruiniert ist, reichte wohl noch nicht, vermutet der Mann mit dem graumelierten Räuberbart. Schnur gefällt sich im Schmerz. "Ich muss den Kelch ganz austrinken, bis auf den letzten Tropfen." 

Doch Schnur, Ex-Gleisbauer, Ex-Rechtsanwalt, Ex-Parteigründer, Ex-Anwärter auf den Posten des DDR-Ministerpräsidenten und Ex-Stasi-IM, schluckt schwer an der bitteren Brühe, die er sich selber angerührt hat. Aus den höchsten Höhen der Politik, kurz davor, letzter Ministerpräsident der DDR zu werden, ist der Jurist, vermeintliche Bürgerrechtler und Politiker abgestürzt. 

Zehn Jahre später spricht er ausführlich darüber, über sein Leben, seine Sicht der Ereignisse und das, was bleibt. Ihm selbst noch 15 Jahre, die er weit abseits der Öffentlichkeit verbrachte. 

Frage: Lassen Sie uns von vorn beginnen. Kurz vor Ihrem Ziel, die letzte Volkskammerwahl in der DDR zu gewinnen und Ministerpräsident zu werden, sind Sie aufgeflogen. Sie waren Stasi-IM, über viele, viele Jahre. Haben Sie denn wirklich gedacht, dass das nicht herauskommt?

Schnur: Mhm. Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass man persönlich diesen Teil einfach ausgeblendet hat. Ich gehörte ja nicht zu denen, die dafür gesorgt haben, dass meine Akten verschwinden. Ich bin sicher, wenn ich das gewollt hätte, hätte ich Möglichkeiten gehabt. Aber ehrlich gesagt habe ich keine Sekunde daran gedacht, überhaupt auf die Idee zu kommen.

Frage: Dass da mal jemand kommt und Ihnen das vorhält?

Ach, wissen Sie, ich weiß das gar nicht genau, was ich dachte. Aber ich glaube, es war eine Art eigene Blindheit. Ich hatte nur ein Ziel – das habe ich immer gesagt: Wenn ich die Möglichkeit habe, frei politische Verantwortung zu übernehmen, dann mache ich das ohne Wenn und Aber. Und genau das habe ich getan. Das steht zweifelsfrei fest. Ich gehe auch davon aus, dass mit mir wesentliche Dinge in Gang gesetzt wurden – vielleicht nicht der erste Schritt zur Währungsunion, aber sicherlich andere wichtige Entwicklungen. Die Allianz für Deutschland war ein entscheidender Faktor, das muss man nennen. Ich glaube, die Markierungspunkte für die Einheit Deutschlands – nicht nur die formale Einigung – wurden auch durch die Person Helmut Kohl verkörpert. Durch ihn ist vieles zusammengekommen. Das wird oft übersehen. Aber ich war ja derjenige, der für den Demokratischen Aufbruch in einer schwierigen Anfechtungsphase stand. Damals habe ich klare Positionen bezogen. Das führte etwa dazu, dass Pfarrer Schorlemmer sich zurückzog und mir  Vorwürfe von Rechtslastigkeit gemacht wurden. Man muss das nüchtern betrachten: Nachdem es kein einheitliches Wahlbündnis gab, haben sich die neuen Kräfte nicht zusammengeschlossen. Jeder wollte seine eigene Geschichte schreiben, jeder glaubte, er würde siegen. Das war dann nicht mehr diese gemeinsame Euphorie. Es hatte viel mit Macht zu tun – das muss man klar sagen. 

Frage: Sie meinen, Sie haben sich bemüht, ein Wahlbündnis zu schaffen?

Schnur: Ja, genau. Für den Demokratischen Aufbruch kann ich sagen: Wir haben lange versucht, die neuen Kräfte zusammenzubringen. Ich glaube, das scheiterte letztlich an der damaligen SPD. Die hatte mit 75 bis 80 Prozent in den Befragungen so ein Gewicht, dass sie nicht teilen wollte. Dann fielen bei mir politische Entscheidungen: Ich sagte, gut, dann wenden wir uns der CDU zu. Das passte von der Programmatik und meiner eigenen Einstellung her. Für uns im Osten war das alles völlig neu, aber ich habe mich schnell zurechtgefunden. Man musste Allianzen schmieden – nicht nur die Allianz für Deutschland, sondern persönliche Allianzen. Die richtigen Leute an die richtigen Stellen setzen. Wir waren Lehrlinge in diesem Geschäft, und das zeigte sich auch in der Allianz für Deutschland: Es gab Eitelkeiten. Nicht nur die Frage, wer besser mit Helmut Kohl kann, sondern wer sich durchsetzt. Ich bekenne mich dazu: Der Auftritt in Halle mit meiner großen Rede und der Ankündigung, hier stehe der nächste Ministerpräsident, das war ein wichtiger Ausgangspunkt, wo ich meine Ziele manifestiert habe. Ich sagte immer, ich will Ministerpräsident werden – das habe ich in dieser historischen Stunde gesehen.

Frage: Stehen Sie dazu auch heute noch?

Schnur: Ja, absolut. Wenn man ein politisches Amt ausübt, muss man den Menschen sagen, was man will. Die Wähler sollten wissen, woran sie sind. Allerdings fehlten uns damals viele Beurteilungsfähigkeiten. Wir dachten, die wirtschaftliche Lage der DDR sei nicht so marode, wie sie dargestellt wurde – oder wie sie sich später herausstellte. Ich glaube, der Demokratische Aufbruch hatte ein Wahlprogramm, das einem Marshallplan für die DDR entsprochen hätte. Ehrlich gesagt bedauere ich, dass ich daran nicht stärker beteiligt war. Mit meinen Kontakten zur Wirtschaft hätte ich das vielleicht voranbringen können.

Frage: Haben Sie das damals beobachtet, oder saß der Schock danach so tief?

Schnur: Ich könnte mir vorstellen, dass andere sich zurückziehen und konsterniert sind, wenn so etwas passiert. Aber ich muss sagen: Erstens war ich über ein Jahr lang krank. Ich bin an der ganzen Situation zusammengebrochen – Herzinfarkt oder nicht, es war pure Erschöpfung. Ich hatte mich nie geschont. Von einer Veranstaltung zur nächsten, immer unterwegs. Dabei habe ich Menschen kennengelernt, die jahrzehntelang im Stillen für andere da waren. Meine Haftbesuche waren keine großen öffentlichen Aktionen. Vielleicht kam mal ein Prozess in die Öffentlichkeit, aber meist durch den Westen. Stille Diplomatie war oft notwendig. Ich habe neulich Zeitungsartikel gefunden, die belegen, dass ich etwa 30.000 Menschen in den Westen gebracht habe, ohne dass sie die Qual einer Inhaftierung durchmachen mussten. Es setzt bitter an, wenn mir dann die Anwaltszulassung wegen angeblicher Verletzung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit entzogen wird. Für mich stellt sich die Frage: Was war wichtiger – Menschen davor zu bewahren, zugrunde zu gehen, oder sie vor Haft zu schützen? Für mich ist das eine klare Sache.

Frage: Würden Sie sagen, diese Kontakte waren damals ein Mittel, um Verbündete zu gewinnen?

Schnur: Ich bin freiwillig meine Verbindung zur Staatssicherheit eingegangen. Es war eine bewusste Entscheidung.

Frage: Aber Sie haben mal gesagt, Sie seien sehr jung gewesen...

Schnur: Ja, sehr jung. Aber das hatte einen anderen Hintergrund. Ich wuchs als Vollwaise in der DDR auf. Mit 16 fand ein Kinderarzt, ein Freund meines Vaters, heraus, dass meine leibliche Mutter noch lebt – im Westen der Bundesrepublik. Das war ein Schock: Mein ganzes Leben hätte anders sein können! Ich hatte eine starke Bindung zu meinen Pflegeeltern, aber der plötzliche Tod meines Pflegevaters war ein Bruch. Meine Pflegeeltern waren ehrlich: „Dass du bei uns bist, ist eine Folge des Krieges.“ Ich erlebte am eigenen Leib, was Krieg anrichtet. Aber da war die Sehnsucht, meine leibliche Mutter kennenzulernen, war da, aber ich dachte: Sie hätte ja kommen können, es war ihr nicht verwehrt. Kurz vor dem 13. August 1961 ging ich über Westberlin zu ihr. Dann wurde ich krank und blieb bis Oktober 1962 dort. Plötzlich hatte ich das Bildungssystem der BRD vor mir. In der zehnten Klasse nannte ich meinen Geschichtslehrer einen Nazi, weil er die Geschichte anders darstellte als in der DDR. Das führte zu Konflikten. Letztlich landete ich wieder in einem Heim im Westen. Meine Mutter hatte Angst, die Spannung war zu groß. Ich war für sie ein wandelnder Vorwurf, auch wenn ich das nicht wollte. Erst 1993, an ihrem Sterbebett, kam es zur Versöhnung. Sie konnte mir nicht sagen, dass sie mich liebt, aber sie tat viel für meine Kinder. Später erfuhr ich, dass sie Jüdin war – das war bitter. Sie muss Qualvolles durchgemacht haben. Dieser Spannungsbogen trieb mich damals jedenfalls zurück in die DDR. Dort wurde ich kontrolliert, musste mich bewähren und landete im Gleisbau. Aber das war für mich eine tolle Zeit: Ich war wissbegierig, las viel, zeigte politisches Interesse. In der Pionierorganisation und FDJ war ich immer vorne dabei. Ich vermute, das hat tiefe Wurzeln in meiner jüdischen Herkunft. 

Frage: Werfen Sie sich heute Fehler vor?

Schnur: Über die Jahre mit dem Ministerium für Staatssicherheit kann ich nicht sagen, dass alles fehlerfrei war. Das wäre naiv. Ich erkenne heute, dass meine Tätigkeit auch missbraucht wurde – das kann ich nicht wegdiskutieren. Deshalb stehe ich dazu. Wenn ich mich zum Grundgesetz der Bundesrepublik bekenne, ist das eine klare Entscheidung. Dann sollten andere darüber urteilen – vor allem die Wähler, wenn ich mich zur Wahl stellte. Ich finde es fatal, dass führende Funktionäre des ZK und Politbüros anders behandelt wurden als Menschen wie ich oder andere, die nur ein kleiner Teil des Systems waren, ohne Machtentscheidungen zu treffen. Wir haben in dieser Diktatur gelebt, die heute fast verleugnet wird.

Frage: Wie sehen Sie das?

Schnur: Wenn man jemanden wie mich in die IM-Situation stellt, frage ich: Wer hatte damals den Lösungsweg? Wie kommt man in den Westen, ohne kriminalisiert zu werden? Ohne die Staatssicherheit war das kaum möglich. Man musste jemanden mies machen, um ihn rauszubringen. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass das MfS durch mich Informationen über kirchliche Begegnungen bekam. Deshalb sage ich: Man muss sich zur persönlichen Schuld und Verantwortung bekennen. Ich stelle mich jedem fairen Verfahren. Es wurde ja auch eines geführt – rechtskräftig, nicht wegen politischer Verfolgung, sondern nach dem Strafgesetzbuch der Bundesrepublik. Fatal finde ich, dass Originalunterlagen, die mich hätten entlasten können, nicht beigezogen wurden. Ich wurde verurteilt, habe die Bewährungsstrafe verbüßt und muss das akzeptieren. Aber die Bitterkeit über den Entzug meiner Anwaltszulassung bleibt. Das führt zu inneren Spannungen und Kämpfen. Dennoch darf ich nicht so anfangen wie früher und sagen: „Das war alles nicht so, ich wurde gezwungen.“ Das wäre Unsinn. Sehen Sie Joschka Fischer, der für sich in Anspruch nimmt, mit seiner Vergangenheit gebrochen zu haben. Wenn man sich zu seiner Sache bekennt, sollte die andere Seite Respekt zeigen und nicht das Unmenschliche herausstellen. Aber es wird eben weiter mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen.

Frage: Ihre Akten sind also ein Beweis?

Schnur: Ja, ich bin froh, dass sie existieren. Sie dokumentieren die komplizierte politische Situation in der DDR. Besonders ab 1975 wurde meine Zusammenarbeit mit dem MfS intensiver – etwa nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976. Da stand ich vor der Frage: Gehe ich diesen Weg weiter? Ich traf Menschen mit anderen politischen Auffassungen – Brandt-Anhänger, die einen sozialdemokratischen Sozialismus wollten, eine bessere DDR. Ich fragte mich: Wenn ich jetzt aussteige, verliere ich vielleicht meine Anwaltszulassung. Das war eine reale Angst. Ursprünglich wollte ich gar kein Jurist werden, sondern in die politische Laufbahn – Nachfolger von Egon Krenz, wenn man so will. Aber das Schicksal kam dazwischen: Meine Mutter lebte plötzlich in der BRD, und ich erfüllte die Nomenklatur nicht mehr. Das war ein klarer Bruch in meinem Lebensplan, in der DDR Politik auf höchster Ebene zu machen. Ich glaubte damals an den Frieden – beeinflusst durch meine persönliche Situation, den Verlust meiner Eltern, meinen Status als Vollwaise. Meine Lehrer zwischen der sechsten und achten Klasse förderten meine Gaben. Ich legte mich mit dem Schulleiter an, weil er keine angemessene Rede zum 8. Mai hielt, dem Tag der Befreiung. Das prägte mich. Bis heute meine ich: Wir brauchen Menschen, die sich für die Gesellschaft verantwortlich fühlen, Abgeordnete werden, Ziele setzen. In der DDR wurde ich systembedingt zu einem Werkzeug – das will ich nicht übersehen.

Frage: Haben Sie in den 60ern oder frühen 70ern gedacht, Sie benutzen die Staatssicherheit? Oder merkten Sie, dass sie Sie benutzen?


Schnur: Damals hatte ich den Irrglauben, ich würde sie brauchen. Die Beweise zeigen: Durch meine Tätigkeit kamen Menschen nicht zu Schaden, wurden nicht inhaftiert. Das ist ein Ergebnis. Aber heute sehe ich: Es war ein fataler Irrtum, zu glauben, ich hätte sie benutzt. Sie haben mich gebraucht – und auch die evangelische Kirche der DDR brauchte mich. Durch meine pazifistische Haltung lehnte ich Gewalt ab. Ich wollte keine Inhaftierungen, sah auch die Volkspolizisten als Menschen unseres Staates. Deshalb reiste ich durchs Land, hielt Vorträge – mir gehörte die ganze DDR. Denken Sie an Lothar Rochau in Halle-Neustadt, eine wichtige Figur. Vor 2.000 jungen Menschen sprach ich in der offenen Jugendarbeit – man hörte die Stecknadel fallen. Mein Charisma trug dazu bei, jede Konfrontation mit dem Staat zu vermeiden, die zu Inhaftierungen oder Nachteilen führen könnte. Ich wollte, dass die Bürger ihre Rechte nach der Verfassung nutzen.

Frage: Sie sagten, die Diktatur werde inzwischen geleugnet. Was meinten Sie damit?

Schnur: Ja, in der historischen Betrachtung der DDR wird das für mich verleugnet. Die Verfassung legte klar fest, dass die SED die Macht hatte – eine Diktatur. Das war mein Ausgangspunkt in Vorträgen, dokumentiert auf Tonbändern in kirchlichen Stellen. Es ging darum: Wie können wir Bürgerrechte wahrnehmen? Wie ermutigen wir die Menschen? Die Kirche wollte, dass die Leute in der DDR bleiben – dafür mussten wir sie stärken, etwa Eltern in Schulfragen oder bei der vormilitärischen Ausbildung. 1978 stieg ich intensiv in die Wehrdienstverweigerung ein – ein Thema, das mich vorher nicht beschäftigte. Junge Christen, Pazifisten oder politische Ausreisewillige kamen auf mich zu. Ich kämpfte gegen das MfS: „Ihr sperrt junge Menschen ein, die Minister werden könnten!“ Im November 1985 gelang es – keiner meiner Wehrdienstverweigerer oder Bausoldaten wurde mehr inhaftiert, selbst wenn sie sich erst kurz vor der Einberufung erklärten. Das war ein politischer Sieg, auch weil die DDR es sich nicht mehr leisten konnte, anders zu handeln. 

Frage: Sie verteidigen sich also damit, dass Sie viel Gutes bewirkt haben...

Schnur: Ich bin froh, dass meine Akten da sind. Sie belegen, wie ich etwa in Güstrow Wehrdienstberatungen abhielt. Die Teilnehmer meldeten den Wehrkreiskommandos ihre Haltung – wenn das nicht geschah, sagte ich: „Geht hin, erklärt es.“ So wurde mancher Einberufungsbefehl zurückgenommen. Bis zum Ende der DDR wurde kein Wehrdienstverweigerer mehr inhaftiert – das ist aktenkundig. Das MfS war bis zuletzt misstrauisch gegen mich. Ich hatte eine Autorität erreicht, die sie störte. Sie wollten keine Konfrontation zwischen Staat und Kirche – für die SED war die Kirche außenpolitisch wichtig, nicht innenpolitisch. 


Jedes politische Verfahren brachte der DDR Minuspunkte. Sie mussten meine Arbeit dulden, weil der Gewinn größer war. Ein Beispiel: Als junge Leute der Umweltbibliothek in Berlin inhaftiert wurden, übernahm ich ihre Verteidigung. Es gab ein Hin und Her – Hardliner wollten sie drinnen behalten. Bei einer kirchlichen Veranstaltung erklärte ich: „Die Generalstaatsanwaltschaft lässt das Verfahren fallen.“ Das hätte schiefgehen können, aber in dieser Umbruchsituation klappte es – sie kamen frei. Ähnlich war es bei den Rosa-Luxemburg-Demonstrationen im Januar 1988. Da gab es koordiniertes Zusammenwirken zwischen Bundesregierung, Kirche und MfS. Ich sagte: „Ihr macht ein Eigentor.“ Das führte zu politischen Lösungen, wie der England-Variante, nach der die Betroffenen ausreisten, aber nicht für immer und nicht nach Westdeutschland. Das MfS ärgerte sich, wenn ich ihre Ergebnisse anzweifelte. Ich sagte: „Wenn ich überzeugt bin, dass etwas nicht stimmt, lasse ich mir nichts anderes einreden.“ Das ließ mich glauben, ich benutze sie – heute sehe ich klar: Sie haben mich missbraucht. Ich würde nie zögern, es zuzugeben, falls jemand durch meine Informationen inhaftiert wurde. Aber selbst Rainer Eppelmann schreibt in seinem Buch, dass ich mit allen Mitteln dafür kämpfte, Menschen vor dem Einsperren zu bewahren. 

Frage: Manche, die Sie halfen, fühlen sich heute trotzdem von Ihnen verraten.

Schnur: Das muss man mit Verständnis sehen. Bei Freya Klirr und Stefan Krawczyk differenziere ich: Krawczyk wusste 1988, worum es ging – er wollte seine Frau schützen, was ich respektierte. Ich wollte, dass sie das Land verlassen, weil es keine andere Lösung gab. Niemand dachte damals an die deutsche Einheit. Die Bedingungen damals muss man betrachten. Ich bedauere, dass die Originalakten der beiden in meinem Verfahren nicht einbezogen wurden – sie beweisen, dass nicht ich ihre Ausreise bewirkte, sondern Professor Vogel im Beisein von Bischof Forke. Das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen kann das bestätigen – Frau Williams sagte mir: „Sichern Sie allen, die in den Westen wollen, unsere Hilfe zu.“ In Friedrichsfelde 1988 war die Situation heikel: Antragsteller wollten zu Vogels Büro, umzingelt von Polizei. Ich sagte: „Seid ihr wahnsinnig? Das eskaliert!“ Mit Stolpe nahm ich Listen auf – im Konsistorium wurden sie geschrieben und die Leute in den Westen geleitet.

Frage: Mussten Sie der Stasi immer erklären, was Sie tun, damit sie Sie weitermachen lassen?

Schnur: Ich hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu meinem Führungsoffizier in Berlin – ein Vertrauen war gewachsen. Er wollte keinen Konflikt zwischen Staat und Kirche, keine Gewalt. Er sagte: „Wenn du dich für uns einsetzt, finden wir Lösungen.“ Bis September 1987 funktionierte das. Dann änderte sich die innenpolitische Lage, und ich vertraute ihm zu lange. Nach den Kommunalwahlen 1989 sagte ich: „Jetzt muss sich etwas ändern.“ Aber niemand dachte damals an ein einheitliches Deutschland – die Zwei-Staaten-Lage war fest in uns verankert. Das trieb mich, eine politische Formation zu unterstützen. Im Sommer sagte ich bei einem Treffen: „Wenn ich frei politisch wirken kann, mache ich das.“ Das MfS wusste davon – es steht in meinen Akten. Sie wollten mich davon abhalten, eine Führungsposition einzunehmen. Doch die Ereignisse überrollten das – etwa als im September 1989 junge Menschen in Leipzig inhaftiert wurden. Ich kämpfte: „Ihr habt nichts Unrechtes getan, wir ziehen das durch.“ Sie kamen frei. Die Bahnhofsgewalt in Dresden, die Ablösung Honeckers – das zeigt: Ich wollte keine Schuld mindern, sondern fand es absurd, dass Menschen, die legal in den Westen wollten, angeklagt wurden. Ich setzte mich ein, dass das nicht geschah.

Frage: Geben Sie sich selbst die Schuld, dass es so kam?

Schnur: Hätte ich früher den Schritt machen sollen und sagen, wie es war. Aber damals konnte ich das nicht. Anfang März 1990 zog ich die Konsequenz, um ein politisches Desaster zu verhindern. Es war meine Entscheidung – auch, weil eine Lebenslüge wegbrach. Ich dachte nur an mein Ziel: den Wahltag, den Höhepunkt. Hätte ich in Berlin gesagt: „Macht meine Akten weg“? Nein, ich war so beseelt von dem, was ich tat – vom stillen Kampf im Gerichtssaal zur Rede vor Massen in Erfurt und Halle. Diese Euphorie packte mich. Ich merkte: Ich kann das. Ich habe das Positive meiner Arbeit stärker gesehen – was sollte mir schon passieren? Erst als die Akten in Rostock auftauchten, dachte ich an Rückzug. Ich wollte der Sache keinen weiteren Schaden zufügen.

Frage: Dachten Sie, das lässt sich wegdiskutieren?

Schnur: Nein, als die geballten Akten da waren, sah ich die Konsequenz. Bis dahin glaubte ich daran. Ich hinterlasse Eindruck, weil ich nie zweifele, wofür ich kämpfe. ich glaube wirklich, was ich tue. Aber Politik ist nüchterner, schärfer, manchmal makaber – das sehe ich heute. Ich würde morgen wieder Verantwortung übernehmen, ohne Wenn und Aber.

Frage: Was denken Sie heute über die DDR-Führung?

Schnur: Die hat der jungen Intelligenz keinen Weg geebnet. Honeckers Erfahrungen aus der Hitlerdiktatur prägten ein starres Feindbild – eine neue philosophische Betrachtung war ihnen nicht möglich. Die Dogmatiker an den Parteischulen hielten am Alten fest, selbst als Gorbatschow den Wandel versuchte. Warum die Jungen keinen Aufstand machten? Die Machtstrukturen waren zu fest. Ein Kartenhaus muss komplett fallen, nicht nur ein Teil. Wir Ostdeutschen haben den Nachteil: Wer sich zur Vergangenheit bekennt, wird geprügelt, während Leugner Vorteile genießen. Ich zweifle, ob wir das politische System der DDR wirklich aufgearbeitet haben.

Frage: Haben Sie nach Ihrem Rücktritt noch einmal mit Helmut Kohl gesprochen?

Schnur: Nein, gar nicht. Ich zog mich zurück. Er machte keine Hässlichkeiten, keine Vorwürfe. Er verstand, wie man zu so einer Biografie kommt, und bewahrte mich vor Vorwürfen. Ich habe nicht geheuchelt, sondern wie ein Wahnsinniger gearbeitet – von Veranstaltung zu Veranstaltung. Mit ihm hatte ich ein gutes politisches und menschliches Verhältnis. Die Allianz für Deutschland, die außenpolitischen Gespräche mit Genscher und der Sowjetunion – das war auch mein Verdienst.

Frage: War Ihre Wahl als Spitzenkanddiat ein taktischer Schachzug mit Kohl?

Schnur: Nein, gar nicht. Das war ein historischer Selbstlauf, getrieben von der Bürgerrechtsbewegung. Als es soweit war, war ich war machtgierig, blendete dmeine Geschichte aus. Hätte ich gesagt: „Ich habe zwei Gesichter, gebt mir eine Chance“, hätte mein Charisma vielleicht überzeugt. Aber so fragte man  mich nicht: „Erläutere uns das.“ Dabei zeigen die Akten zeigen alles. Es war ein Verdienst vieler, dass die DDR keinen Bürgerkrieg wie Jugoslawien erlebte. Das MfS wurde zahm – ein Beweis, dass Kräfte politische Veränderung ohne Gewalt wollten. Zu denen gehörte ich. Aber ich hätte früher mit dem System brechen sollen. 

Frage: Wie empfanden Sie mit dieser Erfahrung Kohls späteren eigenen Absturz nach so vielen Jahre, in denen er als Einheitskanzler und großer Staatsmann gewürdigt worden  war?

Schnur: Als Tragik. Ich kenne das selbst. Er war redlich, aufrichtig. Wir tragen alle ein anderes Ich in uns. Er wollte nichts Unrechtes, sondern das Beste fürs Land. Doch man übersieht eigene Fehler. Er war nicht bestechbar – da bin ich sicher. Seine Politik aus dem Bauch, besonders für Europa, war beeindruckend. Ich empfand es als schmerzlich, nicht mehr mitgestalten zu können – ich verlor viel. Ihm wird es ähnlich gegangen sein.

Frage: Wie haben Sie selbst ihren Fall verarbeitet?

Schnur: Es war ein Fegefeuer, aber ich bin bei Gott geblieben und habe gesagt: Wer weiß, wozu er mich braucht? Ich bekenne mich zum evangelischen Glauben. Mein Freund aus Israel ist Jude – durch Aufenthalte dort spüre ich eine Wurzel. Für mich ist Gott existenziell: Er holte mich aus Tiefen, dafür bin ich dankbar. Es gab Momente, wo ich sagte: „Es reicht.“ Besonders belastend war das für meine Familie. Doch ich glaube, Gott gibt mir Wegweisung. Ich arbeite jetzt viel in Thüringen mit meinem gemeinnützigen Verein und ich sehe, wie Menschen Hoffnungen mit mir verbinden – ohne Umschweife. In den letzten zehn Jahren überwiegt das Bekenntnis zu meiner Arbeit die Kriminalisierung. Die Kritik ist laut, weil sie Zugang zur Öffentlichmkeit hat. Joachim Gauck etwa will nicht einsehen, dass ich seinen Söhnen den Weg in den Westen ebnete – ohne Inhaftierung. Das war nur mit der Staatssicherheit möglich. Das Lob ist leise, aber ich bin es zufrieden.

Frage: Gibt Ihnen das Kraft, noch einmal zurückzukehren, wohin auch immer?

Schnur: Warum nicht? Ich denke politisch, lebe politisch. Ich würde zurückkehren, wenn ich wirtschaftlich unabhängig bin. Mein Haus soll zwangsversteigert werden, ich habe Schulden durch Fehlinvestitionen – weil ich Menschen vertraute. Aber das ist nicht mein Grundproblem. Es macht mich verantwortlich für die Nöte Arbeitsloser, Schwacher. Wir sind keine Gesellschaft für die Schwachen – die Starken haben Chancen. Ich sehe Potenzial für neue politische Verhältnisse. Das Parteienspektrum ist in alten Mustern gefangen, ohne Anstand im Umgang mit Gegnern.

Frage: Haben Sie Rechte am Demokratischen Aufbruch? Am Namen?

Schnur: Nein, ich glaube nicht. Aber ich denke darüber nach, eine neue Bürgerbewegung zu gründen – wo Kapital, Arbeit und Mensch in Verantwortung stehen. Deutschland hat Reichtum – wir könnten Arbeit schaffen, soziale Verantwortung wahrnehmen, Osteuropa stärken. Ich würde ein Parteiamt anstreben, aber erst muss ich meine Verhältnisse ordnen. Mein Hauptziel ist die Rückkehr meiner Anwaltszulassung – dazu müssen meine Schulden weg. Selbst dann wäre es schwer, denn ein Anwalt darf nicht in Vermögensverfall geraten. Meine juristische Arbeit in der DDR war top – das sagen Kollegen heute noch. Sie war ein Mittel, mit dem MfS Dinge anzugehen. Recht und Seelsorge hängen für mich zusammen – Menschen brauchen das heute mehr denn je. Ich hätte Zulauf, mit Leidenschaft als Jurist. Das ist ein Geschenk Gottes.

Frage: Hat Gott viel Mühe mit Ihnen?

Schnur: Ja, doch. Aber er war liebevoller zu mir als andere. Die Kirche hätte zehn Jahre später sagen können: „Er hat sich gewandelt.“ Stattdessen Blockaden. Sie weiß, wie kompliziert es war, Menschen in der DDR zu halten oder gehen zu lassen – etwa durch Grundstückskäufe oder Devisen. Sie hätte eine stärkere Rolle spielen sollen. Ich wollte, dass Menschen nicht zerbrechen, dass die DDR sozial gerechter wird. Eitelkeiten waren da, aber auch Ideale. Ohne Ideale kann man heute nicht politisch wirken. Die Verfasser des Grundgesetzes hatten Weitsicht – daran würde ich für eine neue Kraft anknüpfen. Menschenwürde umsetzen, nicht nur appellieren – das ist entscheidend.

Frage: Wie sah das im Alltag aus? Wie war Ihr Terminkalender in der DDR?

Schnur: Ich habe 16 bis 18 Stunden gearbeitet. Mir gehörte die DDR – das war mein Lebensgefühl. Ich fuhr zu allen Bezirksgerichten, von Meiningen bis Halle. Dort half ich Antragstellern, Inhaftierten. Für die war ich ein Lichtstrahl – jemand schrieb, ohne mich wäre er nicht mehr am Leben. Man kann mich Stasischwein nennen – mir ist wichtiger, dass meine Arbeit sich gelohnt hat. Die Sprache in den Protokollen war nicht meine – das MfS brauchte ihr Vokabular. Ich stellte Leute als Staatsfeinde dar, damit sie raus konnten. Je schlimmer, desto besser.

Frage: Wann sahen Sie Ihren Führungsoffizier zuletzt?

Schnur: Im Oktober oder November 1989. Ein Rostocker Offizier lieferte mich ans Messer – ich verstehe ihn. Es brachte ihn aus dem Konzept, dass ich die Macht ergreifen wollte. Verwunderlich, dass es so spät passierte. Ende 1989, Anfang 1990 wehrte ich mich noch. Erst als die Akten da waren, zog ich zurück.

Frage: Was sagt Ihre Familie heute zu all dem?

Schnur: Ich bin jetzt Einzelkämpfer. Meine Partnerschaft ist daran zerbrochen – ein schwerer Punkt. Meine erste Frau und Kinder waren genauso überrascht. Gespräche im Nachhinein? Ja und nein – es ist zu schwierig, auch durch das Zerrbild der Medien. Ich erkläre es ihnen, bekenne mich dazu. Meine Kinder spürten doch meine harte Arbeit – ich war immer unterwegs, um Menschen zu helfen. Öffentlich darüber zu reden zeigt, dass ich zu meiner Biografie stehe. Für mich selbst halte ich Biografisches fest – kein Buch, es hat noch keinen Titel. Vielleicht „Ich bin’s gewesen“, um dem Leugnen etwas entgegenzusetzen. Ich will Verständnis erlangen und verhindern, dass andere in solche Situationen kommen. Dich sache ist doch: Wie viele Menschen arbeiten heute ehrenamtlich für Verfassungsschutz oder BND? Sicherheit braucht das – aber macht das den Verrat kleiner?