Samstag, 5. September 2026

Freddie Mercury: Der Königin mit Bart

Freddie in der Brieftasche. Solche abfotografierten Poster aus dem Westen wurden samstags auf  illegalen Schwarzmärkten vor den Fußballstadien gehandelt.

Nicht Mutter und nicht Vater, nicht die kleine Schwester und nur vielleicht die erste Freundin. Der frühberufene Queen-Fan in der DDR trug Ende der 70er Jahre andere Bilder wie Ikonen in der Brieftasche: Ein schmaler Mann im Streifenanzug, der Körper unter höchster Spannung. Dahinter halb verdeckt ein Bassist in höchster Konzentration und ein Gitarrist, versunken über seinem Instrument.

Der Sänger heißt Freddie Mercury, seine Bandkollegen John Deacon und Brian May. Die Fotos sind geknickt und brüchig. Auf der Rückseite werden sie von Lenkerband zusammengehalten. Heute wäre Freddie Mercury 80 Jahre alt geworden. 

Vielleicht war es gar nicht die Stimme. Vielleicht war es dieser einzigartige Gang: ein gespreiztes, stolzes Schreiten, den Kopf weit zurückgeworfen, die mächtige Brust voll in die bläulichen Scheinwerferstrahlen gereckt. Oder es war dieser Blick – ein aristokratisch wirkendes, durchdringendes Starren, das Gesprächspartner stets in sicherer Distanz hielt. 

Wenn Freddie Mercury über die Großbühnen dieser Welt stolzierte, das Mikrofon an der abgebrochenen Stange wie ein königliches Zepter schwingend, wirkten Gang, Blick und Vokalkraft bis in die allerletzte Reihe des steilsten Rangs. Mercury war der unangefochtene Herrscher über Herzen und Hirne, ein zielstrebiger, geradezu besessener Zauberer, der aus einfachen Tönen pure Magie wringen konnte. Er zähmte randvolle Stadien mit einer Stimme, die ihresgleichen suchte. Er war der Gottkönig des Gigantenrock, eine Übergestalt mit Überstimme, der absolute Prototyp des modernen Popstars.

Yves Saint Laurent hat ihn einmal gezeichnet. Damals, Anfang der 1980er Jahre, stand Mercury auf dem absoluten Gipfel seines Weltruhms und verkörperte in seiner öffentlichen Rolle das ultimative Aushängeschild des maskulinen, fast hemmungslosen Rock: Die Brust schwer behaart, gekleidet in enge Lederhosen und weiche Turnschuhe, meist mit einer glimmenden Kippe in der Hand. Doch der berühmte französische Modeschöpfer zeichnete nicht den unerschütterlichen Giganten, sondern die andere, hochsensible Seite des Künstlers. Er zeichnete Mercury nackt, behängt mit intimen Fetischen, den Kopf schüchtern und fast demütig zur Seite geneigt.

Das war die fundamentale Doppelexistenz eines Mannes, der als Farrokh Bulsara auf der tropischen Insel Sansibar geboren wurde und dessen beispiellose Lebensreise über verschlungene, dramatische Pfade auf die Weltbühnen führen sollte.

Vom Flüchtlingskind zum Designer der Legende

Dabei hatte diese gigantische Karriere, die den Sohn einer parsischen Familie zu einem der größten Pop-Monarchen der Geschichte machen sollte, eher zufällig begonnen. Der junge Farrokh wuchs im Umfeld eines indischen Elite-Internats auf. Schon dort spielte er in einer Schülerband und erhielt auf das Anraten eines aufmerksamen Lehrers hin ersten Klavierunterricht. Doch die Musik war damals keineswegs sein einziger Lebensentwurf: Eigentlich wollte der junge Mann lieber Designer werden.

Als seine Eltern nach einem blutigen Aufstand gegen den Sultan von Sansibar über Nacht alles aufgeben und mit ihm sowie seiner jüngeren Schwester Kashmira nach England flüchten mussten, schrieb er sich am renommierten Ealing College ein, um Kunst zu studieren. Freddie – so wurde er bereits seit seinen Internatstagen von allen genannt – bewegte sich in der Londoner Szene und lernte schließlich die Musiker Brian May und Roger Taylor kennen, die damals zusammen in der Formation Smile spielten.

Der Mann im Hintergrund

Der Mann, der sich später Freddie Mercury nennen sollte, stieg nicht sofort als Star ein. Zunächst half er der Band im Hintergrund: Er entwarf spektakuläre Bühnenklamotten, feilte mit feinem Gespür an der visuellen Dramaturgie der Auftritte und ging Schlagzeuger Roger Taylor zur Hand, der mit dem Verkauf von Second-Hand-Mode auf dem betriebsamen Kensington Markt Geld für die monatliche Miete verdiente. Irgendwo auf diesem steinigen Weg zwischen Modeverkäufen und feuchten Proberäumen muss der junge Kunststudent auf den Geschmack gekommen sein.

Als der ursprüngliche Sänger von Smile keine Lust mehr hatte, ergriff Freddie seine Chance und stieg ein. Er war damals ein magerer, fast schüchterner junger Mann mit schulterlang wallendem Haar. Auf frühen Fotos lächelte er so gut wie nie – er genierte sich zutiefst für seinen ausgeprägten Überbiss.

Doch sein Ehrgeiz war maßlos. Der Neue taufte die Gruppe flugs in Queen um. Die allerersten Aufnahmen der Band verraten bereits vieles von dem, was in den Jahrzehnten danach die Welt erobern sollte. Stücke wie „Tear Down The Walls“ oder „Black Swan“, die später auf dem Album „Pre Ordained“ nachzuhören waren, beschworen schon all den gewaltigen Pomp und das theatralische Pathos späterer Großwerke. Sie rumpelten allerdings aufgrund unüberhörbarer handwerklicher Schwächen der Anfangstage noch mächtig.

Schräge Rockopern

Der unaufhaltsame Siegeszug der Band begann erst mit ihrem dritten Studioalbum „Sheer Heart Attack“. Mit mitreißenden Stücken wie „Killer Queen“ und „Now I'm Here“ wischten die Musiker die verkopfte Konzeptkunst ihrer ersten beiden Alben „Queen“ und „Queen II“ beiseite. An ihre Stelle trat kompakter, präziser Rock. Bulsara hatte sich inzwischen nach einer mythologischen Textzeile aus seinem eigenen Stück „My Fairy King“ offiziell in Freddie Mercury umbenannt. Gemeinsam mit Gitarrist Brian May, Drummer Roger Taylor und dem neu hinzugekommenen Bassisten John Deacon bildete er eine Einheit, die das Musikgeschäft grundlegend revolutionieren sollte.

Das Manifest des Gigantenrock

Seltsamerweise war es ausgerechnet eine verschachtelte, opernhafte Komposition, die der Gruppe den endgültigen weltweiten Durchbruch brachte und Mercury zum globalen Superstar machte: „Bohemian Rhapsody“. Das Fünfeinhalb-Minuten-Werk trotzte allen ungeschriebenen Gesetzen des Radioformats und hielt sich sagenhafte neun Wochen ununterbrochen auf Platz 1 der britischen Charts.

Das Album „The Game“ besiegelte Anfang der 1980er Jahre schließlich den endgültigen Abschied vom orchestralen Rock der 70er. Platz 1 überall auf dem Globus. Mercury war nun 34 Jahre alt, besaß die mächtigste Stimme seiner Generation, war vielfacher Millionär – und seine besten Jahre schienen noch vollkommen vor ihm zu liegen.

Doch trotz des gigantischen Erfolgs blieb Mercury für die Öffentlichkeit ein Rätsel. Euer Merkwürden lebte nach außen hin mit seiner langjährigen Freundin Mary Austin zusammen, doch privat outete er sich im engeren Kreis als homosexuell. Er stürzte sich mit unersättlicher Energie in ein exzessives Leben voller Drogen, rauschender Nächte und wechselnder sexueller Abenteuer. „Exzess ist Teil meiner Natur. Langeweile ist eine Krankheit“, sagte er einmal offen über sich selbst.

Langeweile als Krankheit

Trotz dieser extremen Ausschweifungen schaffte er es mit eiserner Selbstdisziplin immer wieder, pünktlich zu den gewaltigen Welttourneen seiner Band auf den Punkt fit zu sein. Seine Bühnenpräsenz war eine Klasse für sich. Als die monumentale „Magic Tour“ die Band im Jahr 1986 auch hinter den Eisernen Vorhang ins ausverkaufte Nepstadion nach Budapest führte, nutzten tausende Fans aus der DDR diese seltene, historische Chance, ihre westlichen Idole einmal im Leben live zu erleben. Es sollte die allerletzte Gelegenheit sein.

Denn was damals niemand im Stadion ahnte: Es war eine dramatisches Rennen gegen die Zeit, die dem Mann bevorstand, der einst als Flüchtlingskind nach England gekommen war. Nur vier Jahre sollte er nach dem Höhepunkt Anfang der 80er Jahre überhaupt noch auf der Bühne stehen können. Danach holte ihn jene Seite seiner Persönlichkeit mit grauenvoller Konsequenz ein, die er vor den Augen der Welt versteckte.

Als Queen 1986 in Budapest die Massen verzauberte, wusste der Komponist von unsterblichen Rockklassikern wie „Bohemian Rhapsody“, „We Will Rock You“, „We Are The Champions“, „Fat Bottomed Girls“ oder „Somebody To Love“ bereits zutiefst im Inneren, dass dies seine letzte Tournee sein würde.

Der Meister der Inszenierung

Doch nach außen drang absolut nichts. Mercury, der unangefochtene Meister der visuellen und medialen Inszenierung, ließ Queen zunächst pausieren. Er flüchtete sich in die Arbeit und veröffentlichte Aufsehen erregende Soloalben. Er stürzte sich in die Produktion der Single „The Great Pretender“ und erfüllte sich einen Lebenstraum, indem er mit der spanischen Operndiva Montserrat Caballé das klassisch-orchestrale Meisterwerk „Barcelona“ einspielte.

Als er 1987 offiziell von seiner Diagnose erfuhr, feierte der gerade 40-Jährige seinen Geburtstag als eine sagenhaft rauschende Festivität mit 700 geladenen Gästen, fließenden Champagner-Strömen und Nackttänzerinnen – eine trotzige Bewegung gegen das drohende Schicksal. Auf Journalistenfragen antwortete er kühl: „Ja, ich habe einen Aids-Test gemacht, und es geht mir gut.“ In diesem Satz steckte bereits die ganze gut versteckte Wahrheit.

Als Queen Ende der 80er Jahre wieder im Studio zusammenkamen, war der Titel ihres neuen Albums „The Miracle“ (Das Wunder) der einzige, gut versteckte Hinweis auf das menschliche Drama, das sich hinter den dichten Kulissen abspielte.

"The Show Must Go On"

Die Krankheit zehrte ihn sichtlich aus. Mercury war schließlich so geschwächt, dass er im Studio immense Mühe hatte, seine gewaltigen Vokalpassagen einzusingen. Bleich, abgemagert und schmerzhaft hinkend quälte er sich durch die Dreharbeiten zu den letzten Musikvideos der Band, etwa zu den „I’m Going Slightly Mad“ und „These Are The Days Of Our Lives“.

Optisch war der Königin mit Bart nur noch ein Schatten jenes Mannes, der einst über die Bretter der Weltbühnen stolzierte, als gehörte ihm das gesamte Universum. Und doch blieb „The Show must go on“ seine unumstößliche Lebensdevise. Niemand sollte erfahren, wie grausam es wirklich um ihn stand. Nichts sollte das makellose Bild des unbesiegbaren Rockgottes trüben.

Erst am Vorabend seines Todes sollte er die Wahrheit unverschlüsselt aussprechen. Am 23. November 1991 – das 14. Queen-Album „Innuendo“ war gerade erst einige Monate auf dem Markt – ließ Mercury über sein Management offiziell mitteilen, dass er an Aids erkrankt sei. Nur wenige Stunden später starb Freddie Mercury in seinem Anwesen in Kensington, gar nicht weit entfernt von jenem Modemarkt, auf dem seine Reise einst begonnen hatte. 

Sein Vorhaben aber, kein Rockstar werdenn zu wollen, sondern eine Legende, das hatte er erreicht: Das Bild, das Mercury der Nachwelt hinterlässt, ist genau das, das er bis zu seinem letzten Atemzug von sich abgeben wollte. „Made in Heaven“, das finale Queen-Album, das die verbliebenen Mitglieder Brian May, Roger Taylor und John Deacon nach seinem Tod noch mit von Mercury eingesungenen Gesangsspuren vervollständigen konnten, wurde mit über 20 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Album der 1970 gegründeten Bandgeschichte.

Dienstag, 18. August 2026

Rio Reiser: Die Sehnsucht nach dem Wegsein

Rio Reiser 1994 Maritim-Hotel Halle
Rio Reiser 1994 in Halle.

Er weiß es an diesem Tag im Mai 1996 noch nicht, aber der Mann, der sich Rio Reiser nennt, wird heute sein vorletztes Konzert spielen. Einmal noch all die Lieder, wobei er seine größten Hits weglässt. Einmal noch alles geben, auch wenn die Halle längst nicht ausverkauft ist. Ein paar Tage später gibt es noch ein Konzert. Alle anderen sagt er ab. Am 20. August 1996, nur drei Monate später, wird Reiser tot sein.  

Erstmal zieht er immer die Schuhe aus. Kann kommen, was will – Rio Reiser setzt sich, schlüpft aus den Slippern und zerrt die blauen Frotteesocken von den Füßen. Ein Ritual. Ralf Möbius, wie Rio eigentlich heißt, tritt barfuß auf, egal, ob Mitte der 70er im Hinterhof eines besetzten Hauses, Mitte der 80er in der ausverkauften Seelenbinderhalle in Berlin oder Mitte der 90er in der kaum halb gefüllten Schorre in Halle. Danach geht er zum Mikro und singt: "Alles was ich sagen kann / ist schon längst gesagt". 

Rio Reiser ist ein Mann, in dessen Lebensgeschichte sich eine ganze Epoche spiegelt. Als er anfängt, hatten sich die 68er gerade auf den berühmten "Marsch durch die Institutionen" gemacht. Rio, damals noch bei der Anarcho-Kapelle Ton Steine Scherben, brüllt ihnen hinterher "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht!". 

Rio Rieser Ton Stein Scherben Jeansjacke
Mit Alben wie "Keine Macht Für Niemand" setzt seine Band Ton Steine Scherben bleibende Akzente. Keine deutsche Stadt ohne diesen gesprayten Spruch. Bis Anfang der 80er Jahre bleibt Rio Reiser bei Ton Steine Scherben. Nebenbei spielt er Theater, übernimmt sogar die Hauptrolle in einem Kinofilm. Ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit gerät Reiser allerdings erst mit seinem 84-er Superhit "König von Deutschland". Auf einen Schlag zählt man den bekennenden Linken zum Kreis der großen Figuren des Deutschrock. 

Dabei gab es lange vorher schon einen Tag im Leben des Rio Reiser, an dem er die Nase voll hatte von alldem. Der "König von Deutschland" sein. In Talkshows den Vorzeige-Revoluzzer spielen. Hier ein paar Sätze als prominentes PDS-Mitglied absondern, dort als Alt-68er vorgeführt werden. "Ich saß im Hotel und wartete auf einen Fernsehtermin, aber auf einmal dachte ich, nein, es reicht." Rio Reiser, der eigentlich Ralph Möbius heißt, stakste zur Hotelrezeption und fragte: "Wo scheint denn jetzt gerade die Sonne?" 

Es ist November. An der Rezeption sagen sie ihm, Miami sei prima. Immer warm. "Da bin ich das erste Mal in meinem Leben in die USA geflogen." Im Grunde genommen aber, attestiert sich Rio Reiser selbst, "bin ich Preuße und ein sehr disziplinierter Mensch." 

Rio Reiser Eintrittskarte Easyschorre Halle letztes Konzert
Ohne Arbeit kann er nicht leben: Auch nachdem er sich wieder in sein Haus nach Nordfriesland zurückgezogen hat, komponiert er und schreibt. Auch am Montag vor seinem Tod ist Rio Reiser wieder in seinem Studio gewesen. Wie schon seit dem Ende seiner letzten, auch schon wegen Krankheit abgebrochenen Tournee, arbeitet er an seiner neuen Platte. "Am frühen Abend sind wir eine Runde mit dem Hund spazieren gegangen", erzählt sein Bruder Peter, "anschließend wollten wir noch Tee trinken." 

Doch als er wenig später ins Zimmer kommt, findet er Rio Reiser leblos auf der Couch. Die Wiederbelebungsversuche eines Notarztes bleiben ergebnislos. 

Rio Reiser ist nur 46 Jahre alt. 

Aber was waren das für Jahre. Immer neben der Spur. Nie dort, wo die anderen Deutschrockkollegen sich ums Scheinwerferlicht balgen. Für das größte Mißverständnis der Welt hielt Rio Rieser, "dass alle denken, es wäre das Ziel des Lebens, möglichst viel Geld zu verdienen. Das ist nicht wahr." Sein Kontostand, so sagte er, sehe ziemlich mies aus. Aber "damit lebe ich schon, seit ich Musik mache." 

Angefangen hatte alles mit einer anarchistischen Theatergruppe, aus der sich Ende der 60er Jahre die Rockgruppe Ton Steine Scherben entwickelte. Die Scherben waren die Lieblingsband eines bunten Völkchens aus Anarchisten, Kiffer- und Kommunistengruppen, Hausbesetzern und Weltverbesserern.

Ihre Musik aber funktioniert stets abseits aller ideologischen Kategorien. Vielleicht deshalb haben Stücke wie "Keine Macht für Niemand", der "Rauchhaus-Song" oder das wundervolle Liebeslied "Halt Dich an deiner Liebe fest" die Zeiten unbeschadet überstanden. Kommerziellen Erfolg hatten Ton Steine Scherben kaum. In der Szene gehörte es zum guten Ton, Konzertkassen zu stürmen, Bands zu kostenlosen Auftritten zu drängen und Schallplatten "mitzunehmen". 

Als Rio Reiser die Gruppe Mitte der 80er Jahre entnervt verlässt, nimmt er einen Berg Schulden mit. Den hat er später Mark für Mark abgetragen - aus den Einnahmen, die ihm Pophits wie "Blinder Passagier", "Laß uns ein Wunder sein" oder "Junimond" einbringen. 

Rio Reiser letztes Konzert Easyschorre Halle live 1996
Reiser beim vorletzten Konzert seines Lebens.

Seine alten Anhänger wissen davon nicht. Und sie wollen nichts davon wissen. Sie kritisierten ihn wegen seiner kommerziellen Einstellung. Rio habe sich kaufen lassen von der Industrie, die er früher bekämpft habe. Reiser selbst treffen solche Vorwürfe nicht. "Entweder kann ich meine Glaubwürdigkeit bewahren oder nicht", sinniert er, "die einzige Instanz aber, die das bestimmt, bin ich selbst." 

Seine zweite Karriere als Solokünstler inszeniert er vielleicht deshalb als ständiges Verwirrspiel. Immer wieder irritiert er Freund und Feind: Er raucht Haschisch und interviewt Heiner Geißler zur Drogenproblematik. Er ist begeistert von dem CDU-Politiker - und trat in die PDS ein. 

Das geschieht allerdings am 11.11. um 11.11 Uhr, wie er betont. Seinen Hit "König von Deutschland" habe er der ehemaligen SED im übrigen auch nur als Wahlkampfhymne geliehen, um sich diebisch über die Aufregung zu freuen, die das auslöst. Rio Reiser ist ein Mann schneller Entscheidungen. Die Begründungen sucht er sich gern im Nachhinein.

An dem Tag in seinem Leben, an dem Rio Reiser beschloß, nie wieder Haschisch zu rauchen, wirft er seine Uhr weg, "weil ich wirklich nur noch Hier und Jetzt sein wollte". Das war damals in Miami, als "niemand wußte, wo ich bin. Niemand, keiner, nicht mal meine Brüder." 

Die Sonne habe wirklich geschienen in Florida, erinnerte sich Rio Reiser, am besten aber sei dieses sehr angenehme Gefühl gewesen: "Dass ich weiß, daß ich das kann: Einfach weggehen und niemals wiederkommen." 

Reiser, bürgerlich Ralph Möbius, hat seine Biografie früh geschrieben, so früh, als habe er geahnt, dass ihm nicht viel Zeit bleiben wird. Als Pionier der deutschsprachigen Rockmusik, der mit den Scherben schon Songs wie "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht" spielte, als Grönemeyer, BAP und die Toten Hosen noch lauschend vor dem Kofferradio saßen, hatte er viel zu erzählen in "König von Deutschland: Erinnerungen an Ton Steine Scherben und mehr". Aber warum überhaupt?

Frage: Warum schreibt ein 43-Jähriger seine Autobiografie? 

Reiser: Gute Frage. Als der Verlag mich fragte, habe ich gesagt, sie sollen wieder anrufen, wenn ich 80 bin. Aber dann hat es mich doch gereizt. Was noch kommt, kann man ja in einem zweiten Teil abhandeln. 

Frage: Hält dich das Schreiben vom Musikmachen ab? Oder warum wurde deine letzte Tour abgesagt? Reiser: Ich mach" keine Auftritte mehr, solange die Bedingungen nicht stimmen. Ich habe keine Lust drauf, daß irgendwelche Typen dabei kräftig abkassieren. Da mach" ich nicht mit. Wenn es nur noch darum geht, Geld zu verdienen, dann ist mir das zu blöde. Alle denken, Geld sei das Ziel. Das ist nicht wahr. Mein Kontostand sieht ziemlich mies aus. Aber damit lebe ich schon, seit ich Musik mache. 

Frage: Das klingt nach genau denselben Idealen, die du im Buch ziemlich zynisch runtermachst. 

Reiser: Zynisch? Das sehe ich nicht so. Richtig ist: Ich wollte an der berühmten Legende der 68er kratzen. Ich wollte die Geschichte relativieren. Ich war kein Student und ich habe also etwas anderes zu erzählen. 

Frage: Die Scherben waren doch aber die amtliche Kult- und Kampfkapelle der 68er Bewegung. Ein Mißverständnis? 

Reiser: Ja, die Studentenbewegung hat uns mißverstanden. 80 von 100 Auftritten waren in der Provinz. Aus meiner Sicht ist das alles eine Lüge, diese ganze Studentenbewegung.

Frage: Studentenbewegung allgemein oder Studentenbewegung und Scherben?

Reiser: Alles. Es gibt zwei Übertreibungen: Daß 68 eine Studentenbewegung war. Es war keine. Es gab gar kein 68. Zweitens, daß die Scherben das Aushängeschild der Bewegung gewesen seien. Das ist nicht wahr. Wir waren doch froh, wenn wir nicht in Uni-Städten spielen mußten. Dort sind wir nur für irgendwelche Sachen benutzt worden. 

Frage: Das war euch damals klar? 

Reiser: Ja, das war uns sehr klar. Wir haben das gehaßt wie die Pest. Studentenbewegung war für uns etwas ganz Fürchterliches. Die Scherben waren keine Studentenband. Der Erfolg beruhte darauf, daß wir in der Provinz gespielt haben. Da funktionierte die Sache, da hatten wir Spaß -und um Spaß ging es. Daß ich damals immer eine Mao-Bibel mit mir 'rumtrug, hatte auch nur den Grund, dieser machtgeilen Studentenszene einen mitzugeben. Ich bin kein Student. Viele waren keine Studenten. Studentenbewegung wird bloß gesagt, weil die Studenten von amals heute in den Medien sitzen und gern ein bißchen träumen, wie revolutionär sie alle mal waren. Dann kommen sie zu mir und sagen: Scherben! Rio! Wahnsinn! 

Frage: Drogen spielten damals eine große Rolle. Wie ist das heute? 

Reiser: Meine einzige Sucht sind die Zigaretten. Sonst bin ich von allen Drogen weg. Ich habe zuviele Freunde verloren durch Drogen. Das heißt aber nicht, daß ich Drogen verteufele. Ich habe durch Drogen auch sehr viel gelernt. Über mich und über andere. Mit den Drogen konnte ich immer hinter die Kulissen gucken. Das machten die Drogen. Für mich. Ich habe andere Leute erlebt, die Drogen nicht benutzt, sondern gebraucht haben. Ich war auch ein Jahr heroinabhängig. Dann ging ich auf Entzug. Was ich wirklich vermisse, seit ich total sauber bin, ist der absolute Zeitverlust, den ich beim Kiffen immer hatte. Das war das Schönste dabei. Aber es geht auch so. Seit ich nicht mehr kiffe, trage ich keine Uhr mehr. 

Frage: 1990 standest du auf dem Sprung unter die ganz Großen. Und dann das "rote Album" - ohne Gitarren, nur Synthesizer. Fans waren entsetzt, der Sprung unter die Großen fiel aus. 

Reiser: War doch gut! Ich möchte mich ja nicht fangen lassen. Nimm mal Peter Maffay. Der macht eben immer wieder dieselbe Platte. Ich könnte so nicht leben. 

Frage: Du weichst dem Erfolg also mit Absicht aus? 

Reiser: Ja, ich laß es einfach sausen. Habe ich gemacht, vor zwei Jahren. Irgendeine Sendung war angesagt. Da bin ich an die Hotelrezeption, hab' gefragt: "Wo scheint denn jetzt die Sonne?" Sagten die, in Miami. Also bin ich in die USA geflogen. Und niemand wußte, wo ich bin. Niemand. Keiner. Das ist ein angenehmes Gefühl. Daß ich weiß, daß ich das kann. Jederzeit weg.

Samstag, 27. Juni 2026

Gerhard Gundermann: „Ich war ein Soldat in der falschen Armee“

Der Tag war noch fern. Irgendwo weit hinter der nächsten oder übernächsten Platte lag er, und dass er kommen würde, hat Gerhard Gundermann ganz genau gewusst. Aber Gundermann, den alle seine Freunde bloß „Gundi“ rufen, hat darauf gewartet. Wenn keiner was sagt, muss er auch nicht, so ungefähr dachte er. „Wenn mich jemand nach der Sache gefragt hat“, hat er später beschrieben, was in ihm vorging. Nein, nie hat er gelogen. „Ich habe die Wahrheit gesagt.“

Sänger, Texter, Liedermacher

Die war fürchterlich genug. Er, Gerhard Gundermann – Sänger, Texter, Liedermacher –, war acht Jahre lang im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) tätig. „Zur Wahrnehmung der Konspiration“, schrieb er damals in seine Verpflichtungserklärung, „wähle ich mir den Decknamen ‚Grigori‘“. Seiner Frau hat „Grigori“ später alles lange erzählt; der Chef seiner Plattenfirma und die Freunde von der Rockgruppe „Silly“ haben es dann nach der Wende direkt von ihm erfahren. Auch die Musiker seiner Band wissen Bescheid. Die sollen ja wissen, zu dieser Auffassung war Gundermann gekommen, „warum sie vielleicht mal faule Eier an den Kopf geknallt kriegen.“

Gewundert haben sich alle. Groß gefragt hat niemand. Gegangen ist auch keiner. „Und damit“, denkt der Mann mit dem dünnen Blondhaar und der großen Brille, „war die Geschichte für mich erstmal vergessen.“ Ohnehin hätte „eine richtige Aufarbeitung“, denkt Gundermann, nur im Raum DDR funktioniert. „Die DDR ist weg – wie soll man da jetzt noch erklären, wie das war?“ Wenn er es doch selber nicht versteht?

Die Akte, von der er immer „so eine ganz harmlose Ansicht“ hatte, war dann irgendwann draußen. 1995 war das, als die 500 Seiten mit Berichten zu Kollegen, Informationen über die DDR-Musikszene und Hinweisen zu illegalem Geldwechsel für Schlagzeilen sorgten. Nach dem damals prominenten Radiomoderator Lutz Bertram, dem Lyriker Sascha Anderson und dem Puhdys-Musiker Peter Meyer nun auch noch Gundermann. 

Dylan aus dem Tagebau

Ausgerechnet Gundermann. Der „Dylan aus dem Tagebau“, der nach seiner letzten Platte als „originärster ostdeutscher Rocksänger“ gelobt und von seinen Fans als eine Art Sprachrohr ostdeutschen Selbstbewusstseins verehrt wurde. Gundermann, der Widerborstige, Aufrechte, Unbestechliche, zu DDR-Zeiten in stetem Streit mit der Partei, von Kulturbehörden beargwöhnt und zeitweise totgeschwiegen. Gundermann, der sich vom gläubigen Kommunist, staatstreuen Parteimitglied und Offiziersbewerber zum Abweichler, Staatsfeind und schlaflosen Nebenerwerbskünstler auf einer nie endenden Tournee zwischen Schichtende und Schichtbeginn gewandelt hatte. 

"Gundi" fuhr seinen Braunkohlenbagger auch aus demonstrativen Gründen. Er war zugleich auf der Flucht vor der Vereinnahmung und versucht vom Erfolg, uneins mit sich selbst und auf der Suche nach einer Vision für alle. Er wollte nicht abheben, sondern lieber ausbrennen. 

War es die Schuld, von der er später sagte, er fühle sie? Sah er die doppelte Last als Schichtarbeiter und  Künstler als Buße, die er angenommen hatte? Als Gundermann kurz vor dem Höhepunkt seines Erfolges  in der wiedervereinigten Republik stand, den großen Plattenvertrag mit einem internationalen Konzern direkt vor der Nase, tauchte plötzlich ein Gespenst aus der Vergangenheit wieder auf: IM „Grigori“, das Gespenst aus einer vergangenheit, in der Gundermann 21 Jahre alt gewesen war und glühender Kommunist, machte aus dem „Kundschafter des Guten“, für den er sich hielt, eine Persona non Grata für die Musikindustrie.



Der falsche Brandenburger

Das Leben des Mannes aus Thüringen, den es so jung in die Lausitz verschlagen hatte, dass ihn seine Fans meist für einen Brandenburger hielten, vollendete sich zu früh. In der DDR hatte Gundermann lange nach seinem Weg gesucht. Im Westen, in den er nie gewollt hatte, meinte er kurz, ihn  gefunden zu haben. Aus dem Hilfsarbeiter im Tagebau, der sich zum Baggerfahrer hochgearbeitet hatte, wurde ein  Künstler im Hauptberuf, auch wenn er dem Frieden nicht trauen wollte, den seine Leidenschaft für die Musik und seine Angts, von ihr abhängig zu werden, miteinander geschlossen hatten.

Gundermann fuhr weiter mit seinem Wartburg umher, nach schiht durch die halbe Republik zum Konzert, nach dem Konzert zurück zur nächsten Schicht. Der Chef seiner Plattenfirma bekniete ihn wieder und wieder, sich doch wenigstens ein vernünftiges Auto anzuschaffen. Sein Anteil an den einnahmen von Alben wie "Einsame Spitze" und "Der 7te Samurai" seien doch hoch genug, an dieser Stelle nicht zu knausern.

Gundermann wollte nicht hören. Er konnte nicht über seinen Schattenspringen. Am Ende mussten sie ihm den neuen Wagen schenken. Die Kerze, die an beiden Enden brannte, hat Regisseur Andreas Dresen später in seinem Film "Gundermann" einfühlsam porträtiert - mit einem Fokus auf die gerade mal sechs der 48 Lebensjahre andauernden Stasi-Zuträgerdienste des Künstlers.

Was er selbst zu diesem dunklen Kapitel sagte, erklärte Gundermann 1995, wenige Tage, bevor seine Akte und sein Wriken als "IM Grigori" bekannt wurden. „Ich dachte damals, die DDR ist so eine Art belagerte Festung“, sagte er. Das Gespräch mit ihm zeigt einen Mann, der sich schuldig fühlt. Aber auch  immer und schon wieder ganz falsch verstanden.

Herr Gundermann, wie fing damals im Jahr 1976 alles an?

Gerhard Gundermann: „Zur Klärung eines Sachverhalts“ wurde ich als 21-Jähriger zur Polizei zitiert. Dort erwartete mich Georg Stasch, Unterleutnant der MfS-Bezirksverwaltung Cottbus. Für mich als SED-Mitglied, FDJler und jemanden, der tief durchdrungen war vom Glauben an den Sieg des Sozialismus, war das keine große Sache. Die waren doch für mich die Guten. Ich dachte damals, die DDR ist so eine Art belagerte Festung. Unterleutnant Stasch argumentierte: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und Du, Genosse, bist doch für uns, oder?“ Der leise Zweifel, der da mitklingt, hat mich mein Leben lang begleitet.

Sie wollten also schon früh für das System arbeiten?

Gerhard Gundermann: Schon als Junge wollte ich für die Revolution arbeiten. Bei der Berufsberatung habe ich sogar angegeben, Agent sei mein Traumband. Da das nicht ging, meldete ich mich für die Offiziershochschule. In Löbau, wo die Neuen zur Begrüßung erst mal Einrücken und Ausrücken aus der Unterkunft exerzieren mussten, kollidierten Anspruch und Wirklichkeit zum ersten Mal. Du willst den Sozialismus beschützen, nörgelte ich, und die lassen dich wie einen Idioten mit dem Koffer rumrennen. Einige Auseinandersetzungen später flog ich von der Schule. Ich konnte weder richtig schießen noch Schützenpanzer fahren, und als Politoffizier wollten sie mich nicht.

Wie ging es danach für Sie weiter?

Gerhard Gundermann: Ich beschloss, in die Produktion zu gehen, machte Wechselschichten auf einem Braunkohlebagger in Welzow und trat zwischendurch mit dem Hoyerswerdaer Singeklub auf. Immer wieder eckte ich als notorischer Querkopf bei Partei und FDJ an. Da kam die Stasi gerade recht. Ich habe mir eingebildet, dass ich über die Stasistrecke gegensteuern kann.

Laut Ihren Führungsoffizieren, die Sie alle zwei Wochen in der konspirativen Wohnung „Hildegard“ trafen, waren Sie ein „guter Spitzel“. Sie lieferten Berichte „sehr guter Qualität“, galten als ehrlich, zuverlässig und als Mann mit Zukunft. Was genau haben Sie getan?

Gerhard Gundermann: Ich habe Briefe von Freunden besorgt und sie dem MfS zur Durchsicht gegeben. Ich habe Singeklub-Kollegen gemeldet, die sich Sprechfunkgeräte aus dem Westen mitgebracht hatten. Und ich habe dem Sicherheitsorgan fürsorglich mitgeteilt, was ich über die intimen Kontakte einer Bekannten zu einem französischen Bauarbeiter wusste. Bei kleineren Aufträgen zur Überwachung von Auslandsreisen des Singeklubs fühlte ich mich mächtig wichtig und unheimlich geheim.

Später setzte das MfS Sie in Ungarn für eine gezielte Aktion gegen Mitglieder der sogenannten „kriminellen Menschenhändlerbande Julius Lampel“ ein. Sie sollten Kontakt zu zwei Agenten der Organisation aufnehmen und sie in die DDR locken. Warum schlug das fehl?

Gerhard Gundermann: Der Plan ging schief, weil die Agenten Lunte rochen. Ich war ein beschissener Spion. Mir hat doch jeder angesehen, woher ich komme. Die Stasi feierte die Pleite dennoch als „erfolgreiche Operation“. Ich erhielt eine Obstschale als Anerkennung, später belobigte man mich als „Kämpfer Grigori“ mit der Arthur-Becker-Medaille.

Hat Ihnen das geschmeichelt?

Gerhard Gundermann: Das nützte nicht mehr viel. Es gab einen Punkt, da bin ich sauer geworden auf die. Wenn ich heute meine Akten lese, sehe ich da zwei völlig verschiedene Leute: Der eine hat wie ein Idiot deren Aufträge ausgeführt, der andere hat immer versucht, aufzuschreiben, was ihm selbst wichtig war. Ich habe auf Planschwindel und Verstöße gegen den Arbeitsschutz hingewiesen, Defizite in der Jugendarbeit kritisiert und gegen Parteifunktionäre gewettert. Ganz und gar anvertraut habe ich mich dem MfS, weil ich gedacht habe, ich bin deren Partner. Doch die, von denen ich Hilfe in meinem ständigen Clinch mit Bürokratie und Apparat erhoffte, ließen mich einfach auflaufen. Ich war bloß der Dackel.

Ab 1982 blieben Sie den Treffen mit dem Führungsoffizier fern. Was war passiert?

Gerhard Gundermann: Ich, der Mann, der glaubte, ein „Kundschafter der Guten“ zu sein, begriff endlich: Ich war ein Spitzel. Nach der Armee schmiss mich jetzt auch die Partei raus. Das MfS zog die Konsequenzen. In der Akte „Grigori“ heißt es unter dem Datum vom 28. Februar 1984, eine weitere Zusammenarbeit sei wegen „parteifeindlicher Verhaltensweisen“ nicht möglich. Ich hätte bei den letzten Treffen nur noch Marx und Lenin zitiert, aus dem Statut der Partei vorgelesen, die führende Rolle der SED abgelehnt und Parteichef Erich Honecker diskreditiert. Kurze Zeit später hatte ich das MfS dann selbst auf dem Hals.

Die Ironie der Geschichte ist, dass Sie danach von Leuten bespitzelt wurden, die Sie dem MfS vorher selbst als brauchbare Mitarbeiter empfohlen hatten. Suchen Sie nach Entschuldigungen?

Gerhard Gundermann: Damit rausreden will ich mich nicht. Ich möchte geradestehen für das, was ich getan habe. Obwohl ich hoffe, dass sich herausstellt, dass ich keinem Menschen geschadet habe, fühle ich mich heute schuldig. Ich habe immer in der falschen Armee gekämpft. Leute wie ich haben die DDR kaputtgemacht.

Freitag, 8. Mai 2026

Vier Panzersoldaten und ein Hund: Vielen Tank

Die vier Panzersoldaten und ihr Hund Scharik in einem polnischen Militärmuseum.

Eines Tages wurde André Greiner-Pohl klar, dass es Zeit war, ein Denkmal zu bauen. Zehn Jahre lag das letzte Lebenszeichen von "Rudy 102" da schon zurück. Im Internet zahlten Fans Unsummen für zerlesene Exemplare von Janusz Przymanowskis Buch. Und in den Köpfen der Generation, die mit Janek, Gustlik und Grigorie aufgewachsen war, begann die Erinnerung an den berühmtesten Panzer der Kinderjahre langsam zu verblassen. 

 Also musste Freygang ran, die Band, mit der Greiner-Pohl in der DDR verboten gewesen war, weil er sich der Forderung "Schwerter zu Pflugscharen" angeschlossen hatte. Ausgerechnet Freygang spielte jetzt ein Lied zu Ehren von "Vier Panzersoldaten und ein Hund", der polnischen Fernsehserie, die zwischen 1967 und 1975 im ganzen Ostblock Furore gemacht hatte.

Erstmals zeigte damals ein Film aus dem sozialistischen Lager den II. Weltkrieg ironisch überspitzt, als Unterhaltungs-, nicht als Erziehungsfernsehen. Eine Revolution in Schwarzweiß, aufgemacht als Abenteuer-Mehrteiler, getarnt als Kinderfilm voll mehr oder weniger absurder Heldentaten. Die Machart ist ähnlich wie bei Robert Altmans Militärklamotte "Mash". 

Dreht die sich um die Erlebnisse von drei Militärärzten im Koreakrieg, schildert "Czterej pancerni i pies" den Weltkrieg aus der Sicht einer polnischen Panzerbesatzung, die an der Seite der sowjetischen Armee Richtung Berlin vorrückt. Das Zynische, das "Mash" letztlich zum Antikriegsfilm macht, fehlt den Panzersoldaten zwar. 

Doch für eine Generation, die in den 60er und 70er Jahren in der DDR, Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei aufwuchs, enttabuisierten die 21 Folgen den in der Schule heroisierten "Großen Vaterländischen Krieg". Zum ersten Mal waren die Guten nicht durchweg strahlende Heldengestalten, sondern durchaus faule, feige oder sonstwie fragwürdige Figuren. Zum ersten Mal waren Spannung und Abenteuer auf dem Schlachtfeld nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. 

Bei den vier Panzersoldaten fanden Jungen, was Mädchen im tschechischen Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" entdeckten: Eine halbreale Wirklichkeit, in der das Böse böse und das Gute gut war und von Anfang an sichergestellt, dass das Richtige am Ende selbstverständlich siegt. Große Tragödien und kleine Dramen eingeschlossen. Der erste Panzerkommandant Olgierd stirbt im feindlichen Kugelhagel. Sein erst 17-jähriger Nachfolger Janek kann sich zwischen der rothaarigen Sanitäterin Marusia und der blonden Funkerin Lidka nicht entscheiden.

Im Einsatz wird mal dieses, mal jenes Besatzungsmitglied verletzt und die Deutschen greifen immer wieder auf Tricks und Hinterhalte zurück, um die vorrückende polnische Panzertruppe aufzuhalten. Das Erzähltempo ist dabei eher behäbig, die Dialoge und Konflikte erinnern an Jugendbücher wie Mark Twains "Tom Sawyer" oder Eric Knight verfilmte "Lassie"-Abenteuer. Umso erstaunlicher ist, welch Fangemeinde Gustlik-Darsteller Franciszek Pieczka, "Janek" Janusz Gajos und Wlodzimierz Press, der den georgischen Schnauzbartträger Grigorij Saakaszwili spielt, bis heute haben. 

Jahrzehntelang hatte der Anhang der Tank-Truppe auf eine Neuausstrahlung oder Video-Veröffentlichung der Serie gewartet. Doch vergebens. In der Not wurden Folgen im polnischen Fernsehen mitgeschnitten, das die "Panzersoldaten" immer am 8. Mai ausstrahlt. Später kursierte auf Wochenmärkten an der Grenze eine DVD-Box mit den polnischen Originalfilmen mit englischen Untertiteln. Die Nachricht von einer deutschen Ausgabe wurde denn auch geradezu euphorisch gefeiert. "Viele schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit kommen in meinem Sinn", scheibt ein Fan nach dem Auspacken der so genannten "Panzer-Edition" mit acht DVDs, Begleitheft und einem T-34-Panzermodell zum Basteln. 

Enthalten sind sogar die sagenumwobenen Folgen 11 bis 14, in den 80ern aus dem DDR-Archiv verschwanden. Hier sind sie nun wieder, neu synchronisiert. "Mein Bruder, ich und noch drei, wir waren die vier Panzersoldaten", erinnert sich ein anderer Fan im Internet: "Gustlik war mein Bruder, ich war der Hund." Von so viel Erfolg hatte der 1998 verstorbene Autor Janusz Przymanowski nicht einmal geträumt. Der Mann aus Warschau war zwischen 1940 und 1943 in der Sowjetunion interniert gewesen, dann trat er als Freiwilliger in die Rote Armee ein und kämpfte in einem Korps der polnischen Streitkräfte in der UdSSR. 


Während seines Geschichtsstudium an der Uni in Warschau schrieb Janusz Przymanowski dann die hochgradig idealisierte Geschichte der Rudy-Besatzung: Mit Pfiffigkeit, Improvisation und Mut befreien Polen und Russen ihre Heimat vom faschistischen Joch. Was ein kleiner Film werden sollte, wurde Kult, nicht erst nach dem Untergang des Sozialismus. 

"Gustlik" Franciszek Pieczka erinnert sich, wie der Abenteuerfilm zu etwas geriet, das man "politisch-pädagogisch zu nutzen" begann. Junge Pioniere spielten Panzersoldaten, die Darsteller waren Stars, die überall erkannt wurden Bei der Exhumierung von Leichen sowjetischer Häftlinge in einem früheren KZ wurden die "Panzersoldaten" und ihr Hund als Ehrengäste geladen.
 
Pieczka: "Als wir auf einem Panzerfahrzeug auf das Lagergelände rollten, ging ein Schrei durch die Menge". Die anwesenden Sowjetgeneräle seien schlagartig zu Statisten geworden. Heldenstatus, den die Darsteller nie wollten. 

So möchte Janusz Gajos, einst der blonde, strahlende Janek und heute einer der berühmtesten Schauspieler Polens, gar nicht mehr über seine Zeit als Panzerkommandant sprechen. Ganz im Gegensatz zu vielen Fans: Die bekennen sich offen zu ihrer Kindheitsschwärmerei: Mit Kapuzenjacken, auf den "Rudy 102" steht. Oder T-Shirt mit dem Slogan "Mein Hund heißt Scharik".

Donnerstag, 2. April 2026

Nina Hagen: Ein fremder Stern namens Nina

Nina Hagen ist ein menschliches Ufo, das auf fremden Sternen landet.

Die Sache mit dem Zölibat, die nimmt sie dem Papst übel. Unmenschlich findet Nina Hagen das Beharren der katholischen Kirche auf dem Sex-Verbot für Priester. Die Frau, die in ihren früheren Leben Schlagersängerin, Punk-Rockerin, Dissidentin und Skandalnudel war, weiß von jemandem, der eine Nahtoderfahrung hatte, im Himmel war und Jesus begegnet ist. „Er kann bezeugen, dass Gott keine katholischen Patriarchen braucht, um mit jedem einzelnen Menschen eine direkte Beziehung haben zu können!“

Widerspruch als Wesen

Nina Hagens Wesen ist Widerspruch, immer noch. Die Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, zeitweise aufgewachsen mit dem Liedermacher Wolf Biermann als Stiefvater, zeitweise aber auch bei einer Freundin ihrer Mutter im sachsen-anhaltischen Sangerhausen, ist laut, sie ist schrill, sie bricht Tabus am laufenden Band und immer, wenn es gerade scheint, also würde sie nun ein wenig seriöser werden, landet sie garantiert wieder wie ein Ufo auf der Kaffeetafel.

Hagen hat mit 13 Jahren ihren ersten Mann gehabt, mit 15 die erste Abtreibung und mit 19 ihren ersten Hit.Nina Hagen hat immer schon getan, was ihr in den Kopf kam. Mit 13 schon galt sie als Problemkind, das sich mit älteren Jungs herumtrieb, trank und Drogen nahm. Aus einem Kinderheim in Mecklenburg haute sie ab, „zerrissen zwischen zwei Elternteilen“, wie sie später in ihrer Autobiografie beschrieben hat.

Rettung in der Provinz

Eva-Maria Hagen ist ein vielbeschäftigter Kinostar, Ninas Stiefvater Wolf Biermann ein rund um die Uhr bespitzelter Staatsfeind und die Tochter nach einer aus dem Ruder gelaufenen Party mit Bier und Drogen unter Verdacht, es beim nächsten Mal komplett zu übertreiben. Rettung kam damals aus der Provinz: Eva-Maria Hagen, Defa-Star und alleinerziehende Mutter, findet in Sangerhausen Asyl für die renitente Tochter. 

Was also tun mit der 13-jährigen Catharina, fragte sich die Defa-Diva. Das Mädchen muss raus aus Berlin, weg vom schlechten Einfluss ihrer zumeist älteren Freunde und irgendwohin, wo jemand sie besser im Auge behalten kann als ihre Mutter, die wegen laufender Dreharbeiten oder der jungen Liebe zum verfemten Liedermacher Wolf Biermann nur selten zu Hause sein kann.

Zerrissen zwischen den Eltern

Kinderheim geht nicht, nicht schon wieder. Der letzte Versuch, den eigensinnigen Teenager, den alle nur Nina nennen, in ein Heim in Mecklenburg zu geben, war gescheitert. Sie habe sich dort wie ein „verstoßenes Kind gefühlt“, hat Nina Hagen in ihrem Buch „Bekenntnisse“ gestanden, „ich war zerrissen zwischen zwei Elternteilen.“

Als alleinerziehende berufstätige Frau aber hat Eva-Maria Hagen auch in der DDR keine Aussichten, Dreharbeiten in Wunschzeiten verlegt zu bekommen, in denen Tochter Nina die Schulbank drückt. Zum Glück aber fällt ihr dann Annemarie Thoreen ein, die Mutter ihrer besten Freundin Gisela, die in Sangerhausen lebt und Nina schon früher für kurze Zeit betreut hat.

"Muschel" hilft

„Muschel“, wie Annemarie Thoreen bei der späteren Punk-Ikone nur heißt, nimmt Nina gern auf. Doch für die rebellische Großstadtgöre ist das Exil am Harz ein Kulturschock. „Unaufgeregt und gemächlich floss das Leben in dieser verträumten Kleinstadt dahin“, erinnerte sich Nina Hagen viele Jahre später. Nicht mal Westfernsehen habe es gegeben. Ja, nicht mal Westradio.

Nur lauter liebe Leute und ein Rosarium, in dem die Weltkarriere des schrillsten Ufos am Rockhimmel ihren Anfang nimmt. Nina Hagen, auf Bildern aus diesen ihren letzten Kindertagen ein Mädchen mit jungenhaftem Bubi-Schnitt, hat auf der kleinen Open-Air-Bühne des Rosariums ihren ersten öffentlichen Auftritt. Muschel, ihre Herbergsmutter, ist danach sicher: „Das wird mal eine große Künstlerin.“

Asyl in Sangerhausen

Hagen findet Rettung in der Provinz, Asyl für die Tochter in Sangerhausen. Zwischen Vorharz und Mansfelder Land taucht Nina Hagen in einen neue Welt. „Unaufgeregt und gemächlich floss das Leben in dieser verträumten Kleinstadt dahin“, erinnerte sie sich später. Nicht mal Westradio habe es gegeben. Erstaunlich für das Großstadtgirl: „Ich fühlte mich pudelwohl in meiner Haut.“

In Sangerhausen beginnt die Karriere, die Nina Hagen zum ersten deutschen Weltstar seit Velvet-Underground-Sängerin Nico machen wird. Als Jugendliche erlebte die spätere Punk-Queen Nina Hagen prägende Monate in Sangerhausen. Auch ihre ersten musikalischen Erfolge feierte sie in der Rosenstadt.

Wohlfühlen in der Provinz

Vorher aber ist die Zeit in der Provinz zu überstehen. Nina Hagen geht in Sangerhausen zur Schule, sie besucht die siebte Klasse und findet schnell Freunde. Mit Wohlwollen hat sie später auf die Monate am Harz zurückgeschaut. „Ich fühle mich pudelwohl in meiner Haut und hatte Zeit, einige entscheidende Wachstumsschritte zu vollziehen.“ Zudem gewinnt Nina Hagen den Wettbewerb der Jungen Talente der „Geschwister Scholl“-EOS. „Ich trat mit meiner Gitarre und einem amerikanischen Friedenslied an und wurde prompt zur Siegerin gekürt.“

Wichtiger aber noch: Zum ersten Mal im Leben sei sie damals Gott begegnet, versichert die heute tief gläubige Sängerin. Ihr Versuch, ihn mit lästerlichen Flüchen aus einem Schrank zu locken, endet mit einem untrüglichen Zeichen: Beim Gerätturnen im Sportunterricht am nächsten Tag stürzt Nina Hagen schwer, sie bricht sich ein Bein und weiß seitdem: „Gott gibt es wirklich“

Mit 14 gewinnt sie den „Wettbewerb der Jungen Talente“. Mit 17 trampt sie unerlaubt durch Polen und singt inkognito in polnischen Rockbands. Mit 19, wegen politischer Unzuverlässigkeit auf Geheiß des MfS von der Schauspielschule abgelehnt, steigt sie bei der Gruppe Automobil ein, die nur wenige Monate später den Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ landet.

Du hast den Farbfilm vergessen

Ein Lied, das Nina Hagen nie gern gesungen hat. Zu schlagerhaft, zu populär. In der DDR fühlt sich die junge Frau mit der einzigartigen Stimme zusehends vereinnahmt und missbraucht. Bei einem Besuch in der Orwo-Filmfabrik in Wolfen reicht es ihr: Der Abstecher der Stars zu den Farbfilmherstellern wird zum Debakel, als Nina Hagen sich über die unmenschlichen Bedingungen beschwert, unter denen die Arbeiter schuften müssen.

Die Zeit der Hagens in der DDR neigt sich da schon dem Ende zu. Nach der Biermann-Ausbürgerung dauert es nicht lange und Nina Hagen tauscht die Freiheit in den Grenzen der DDR gegen die unbegrenzten Karrieremöglichkeiten im Westen.

Doch nicht die kleine Bundesrepublik, sondern die Welt wird das Feld der einstigen Schülerin der Sangerhäuser Geschwister Scholl-EOS. Mit ihrer Nina-Hagen-Band wird die 22-Jährige zum Hitparaden- und Medienstar, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien, den Niederlanden und den USA.

Zwischen Ufos und Tabus

Verrückt ist immer dort, wo Nina Hagen ist, über Ufos spricht und Tabus bricht. „Angstlos“ nennt sie ein Album, das ihren Ruf als schrillste Sirene im Pop-Universum untermauert. Hagen lebt mit dem holländischen Gitarristen Herman Brood zusammen, ihre Freunde sind der Mode-Designer Jean Paul Gaultier und der Komponist Giorgio Moroder. Mit den Red Hot Chili Peppers komponiert sie, Phil Manzanera von Roxy Music produziert ihre Platten.

Hagens Art Weltbürgertum, halb zwischen Ohnmacht und Überforderung, inszeniert „Unity“ musikalisch. Zwölf Songs, zwölf Nina Hagens, mal stampfend wie in „Shadrack“, mal verträumt wie im von Sheryl Crow übernommenen „Redemption Day“ und mal als Kuschel-Jazz wie in „It Doesn’t Matter Now“. Eigentlich hatte Nina Hagen, gelangweilt von der DDR, geplant, über Polen in den Westen abzuhauen. Dann aber wurde sie auf Vermittlung von Reinhard Lakomy schnell zu einem DDR-Popstern.

Lieder wie „Du hast den Farbfilm vergessen“, „Hatschi-Waldera“ und „He, wir fahren aufs Land“, die jetzt von Sony als „The Amiga Recordings“ erstmals gesammelt veröffentlicht wurden, zeigten eine burschikose junge Frau mit Stimme wie ein Wirbelsturm, der schlagartig alle Türen zum Olymp der DDR-Unterhaltungskultur offenstanden.

Zwei Jahre und eine Solidaritätserklärung für ihren Stiefvater Biermann später war die Karriere auch schon zu Ende. Nina Hagen verließ die DDR, sie ging nach England und wurde ein Punk.

Das ist die Frau, die gerade ihren 71. Geburtstag gefeiert hat, bis heute geblieben. Nina Hagen macht nur noch, was sie will: Mal ist das indische Musik, mal ein Rilke-Projekt, mal tut sie sich mit der gleichermaßen nonkonformen Meret Becker zusammen, um Brecht zu singen.

Dann singt sie Filmschlager zu Big-Band-Sound, covert „Ballroom Blitz“ von Sweet oder sie tut sich mit dem erfolgreichen Erfurter Musiker Clueso zusammen. Immer bleibt sich Nina Hagen dabei treu, ein Irrlicht am Rande des Mainstreams, das bunter als anderen blinkt, ohne sich darum zu scheren, was irgendwer davon hält.

Radikale Interpretin

Im Grunde genommen hat sie sich dafür nie interessiert. Schon die Lieder des Frühwerkes, mehr Prog-Jazz als Pop oder Rock, glänzen durch eine radikale Interpretation des Schlagergedankens. Geschrieben von dem späteren Silly-Bassisten Mathias Schramm, Karat-Keyboarder Thomas Kurzhals oder dem an der Spezialschule für Musik in Halle ausgebildeten Renft-Keyboarder Michael Heubach, zeigen Songs wie „Das kommt, weil ich so schön bin“ oder die Parodie „Ich bin so alt“, dass Nina Hagen alles kann, nur nicht Konventionen einhalten.

Nina Hagen, zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade 20 Jahre alt und ohne jede Gesangsausbildung, als früh vollendete Meisterin ihres Faches. Sie gurrt und kreischt, säuselt und summt, sie haucht und brüllt, dass nur das grundsätzliche Misstrauen der DDR-Kulturaufseher erklären kann, warum die staatliche Plattenfirma Amiga selbst nach dem Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ keine Anstalten machte, der Newcomerin die Produktion einer Langspielplatte anzubieten.

"Zieh die Schuhe aus"

Stattdessen sang die Hagen, was man sie singen ließ. „Zieh die Schuhe aus“ zum Beispiel war Teil des Soundtracks des Defa-Films „Hostess“ und wurde zusammen mit der Art-Rock-Band Stern-Combo-Meißen eingespielt. „Rangeh’n“ dagegen kennt jeder Hagen-Fan - nur nicht so. Der Song, später im Westen auf Hagens erstem Album mit der Nina-Hagen-Band in einer rotzigen Punk-Fassung veröffentlicht, ist hier in einer frühen Ostrock-Version zu hören.

Statt der drahtigen, zitternden Westfassung voller Geschrei und fiebriger Nervosität wurde im Amigastudio eine frühe feministische Eroberungshymne eingespielt, in der Nina Hagen ihren anzüglichen Text begleitet von Boogie-Woogie-Klavier und Chorgesang darbietet.

Mit "Hatschi Waldera"

Wie hier ist auch bei „Zieh die Schuhe aus“ zu ahnen, weshalb Hagen, in der DDR mit Fritzens Dampferband und der Leipziger Truppe „Automobil“ eher geschmacksneutral unterwegs, wenig später im Westen als neue Punk-Queen gefeiert wurde. Andere Stücke dagegen - wie „Honigmann“ und „Hatschi-Waldera“ - zeigen Hagen beim Versuch, die Schlagermaus zu spielen. Sie kann das, aber sie ist das nicht.

Die Frau, die zwei Jahre nach diesen eher züchtigen Aufnahmen als Bürgerschreck in zerrissenen Strumpfhosen und mit Songs wie „Unbeschreiblich weiblich“ und „Auf’m Bahnhof Zoo“ Furore macht, ist hier noch ein Mädchen, das mal ironisch, mal provokant nach sich selbst sucht. Irgendwo muss es sein, das Leben, das sie später wirklich gefunden hat.

Das menschliche Ufo

Das Stück „Ich bin so alt“, in dem sie hier in banger Erwartung klagt „früher da war noch was los, da haben wir noch gerockt“, ist für Nina Hagen ein Lied geblieben, das sie einfach nicht betrifft.  Mit 71 Jahren, pünktlich zum Geburtstag, landet das menschliche Ufo mit „Highway to Heaven“ erneut schrill auf der gemütlichen deutschen Kaffeetafel. 

Statt Punk-Attitüde serviert Nina Hagen diesmal Gospel – radikal, gottgefällig und gewohnt widersprüchlich. Album Nummer 17 aus dem Hause Hagen ist das Werk einer Frau, die keine Institutionen braucht, um mit dem Schöpfer zu plaudern, und die Kritiker nun vor das Rätsel stellt, wie viel Wahnsinn und wie viel Weisheit in diesem neuen Kapitel stecken.

Revue der Unangepassten

Die Rezensionen lesen sich wie ein Protokoll der Überforderung. Während das Album für die einen eine „spirituelle Überwältigung“ ist, wirkt es auf andere wie ein „ratlos machendes“ Spätwerk. Wer erwartet hatte, die Queen of Punk würde im Alter die Samthandschuhe anziehen, sieht sich getäuscht: Hagen kreischt, gurrt und brüllt ihre Hingabe zu Jesus mit einer Stimmgewalt heraus, die Kritiker wahlweise als „urwüchsig“ oder „produktions-technisches Chaos“ bezeichnen. 

Besonders die Duette mit Gitte Hænning und Nana Mouskouri werden als bizarre, aber faszinierende Gipfeltreffen nonkonformer Geister wahrgenommen – eine „Revue der Unangepassten“.

Die Presse ist gespalten: Der "Rolling Stone" vermisst die klare Linie und straft die teils zerfahrene Produktion ab, während die taz das Album als anarchisches Manifest feiert. Nina Hagen bleibt sich dabei treu: Sie ist die „Antifa Gottes“, die Southern Gospel und Reggae-Beats zu einem Gebräu mischt, das den Mainstream verlässlich vor den Kopf stößt. 

Die Stimme mag rauchiger, brüchiger und dunkler geworden sein – ein Echo des späten Johnny Cash –, doch die Energie ist dieselbe wie 1974 im Amiga-Studio. Ob sie nun über den Farbfilm klagt oder den Highway zum Himmel besingt: Nina Hagen muss niemandem mehr beweisen, dass sie alles kann. Sie macht einfach, was sie will, und lässt ein irritiertes, aber staunendes Publikum am Wegesrand zurück.


Donnerstag, 5. März 2026

Halle-Neustadt: Die nummerierte Stadt

Zwischen den Blöcken spielten Kinder, die keine Straßennamen lernen mussten, nur Zahlen.

New York hat die Fifth Avenue, berühmt sind die 42nd Street in der Nähe des Times Square und die 34th Street in Manhattan. Das wahre mathematische Stadt-Abenteuer des 20. Jahrhunderts aber fand in Halle-Neustadt statt. Als sozialistisches Utopia auf dem Reißbrett entworfen, verzichtete die Chemiearbeiterstadt fast völlig auf Straßennamen. Die Erbauer hatten sich etwas ausgedacht. Sie setzten auf ein ausgeklügeltes, streng logisches und wissenschaftlich begründetes  System aus Blocknummern, das Außenstehende zur Verzweiflung und Postboten an den Rand des Wahnsinns trieb.

Pure Logik oder kybernetisches Chaos? Als einziger Ort in der DDR kannte die Plattenbausiedlung Halle-Neustadt keine Straßennamen, sondern nur Blocknummern. Doch es war ein nur für Außenstehende rätselhaftes System - wer hier wohnte, wusste, wie es funktioniert. Nur warum, das wusste niemand. Das letzte Geheimnis der Geschichte einer Stadt, die in das sozialistische Jahrtausend marschieren wollte, blieb bis zum Ende eins. Zehntausende hatten zwar gelernt, sich zwischen kryptischen Ziffern und aufgemalten Baumsymbolen zurechtzufinden. Aber wieso eigentlich war das alles so?

Gebaut als Halle-West

Dass sich der Block mit der Nummer 491 nur ein paar Meter neben der 391 befand, die 324 dafür aber direkt gegen der 253 und die 617 neben der 499 war ein Rätsel. Aber keines, das die Menschen beschäftigte, die in Halle-Neustadt wohnten. Die Plattenbausiedlung, ab 1963 als Halle-West errichtet, um Arbeitskräfte für die schnell wachsenden Chemieunternehmen in Buna und Leuna unterzubringen, hatte eben, was keine Stadt sonst hatte, abgesehen von New York. Keine Straßennamen, jedenfalls beinahe. Dafür aber ein System von Blocknummern, das sich Besuchern nicht erschloss, Einwohnern aber auch ohne tieferes Verständnis der zugrundeliegenden Systematik eine Orientierung zwischen Häuser, Blocks und Wohnkomplexen erlaubte.

Wer längere Zeit hier zubrachte, wusste automatisch, wie das vermeintliche Zahlenchaos zu ordnen war. Vom Stadtzentrum aus wurden die Zahlen im Uhrzeigersinn vergeben, allerdings entsprachen die Nummern der Wohnkomplexe den Blocknummern damit nun ausgerechnet nie, weil die Stadtviertel ihre Nummern nach dem Datum der Fertigstellung erhalten hatten. Das 1. WK bekam Blocknummern von 600 aufwärts, das 8. WK hatte die 300er Blocks und das 6. alle von 900 an. Wenig zur Klarheit trug bei, dass die Zehnerstelle in jeder Blocknummer sich auf die Entfernung von einem gedachten Schnittpunkt zwischen zentraler Magistrale-Straße und S-Bahntrasse in der Stadtmitte bezog. Und das auch noch nur theoretisch, weil ein Teil der Blocks dann doch eher nach dem Datum der Fertigstellung nummeriert worden war.

Weg mit der Vergangenheit

Höchst unverständlich, aber hochmodern. Richard Paulick, als Chefarchitekt der Chemiearbeiterstadt Vater der Gesamtplanes des entscheidenden Schrittes der Stadt Halle „in das sozialistische Jahrtausend“, wie es eine Schrift vom Anfang der 60er Jahre nannte, wollte mehr als nur eine neue Stadt bauen. Halle-Neustadt war der Versuch, mit dem Städtebau der Vergangenheit zu brechen. 

Statt in engen Innenstadtquartieren mit Hinterhof und einem Klo halbe Treppe sollte der neue Mensch in breiten Straßen gehen, hinter lichten Fenstern leben, mit Balkonen und warmem Wasser aus der Wand. Das Zeitalter der Kybernetik war angebrochen. Die Idee, ein moderne Stadt zu errichten, die industriell gebaut wird, aber in der Lage ist, die „pulsierenden Kräfte breiter Massen zusammenzufassen und ihnen eine Richtung zu geben“, wie der französische Architekturerneuerer Le Corbusier schon in den 20er Jahre geträumt hatte, sie schien in einem kühnen Experiment realisierbar.

Ostdeutscher Sonderfall

Wolfgang Kirchner, der damals als junger Ingenieur das Plattenwerk mit aufbaute, das über ein Vierteljahrhundert Tausende Wände und Bodenplatten für die einzige deutsche Stadtneugründung des 20. Jahrhunderts lieferte, betrachtet „HaNeu“, wie es später zumindest in den DDR-Medien oft genannt wurde, nicht als ostdeutschen Sonderfall. Vorbilder habe es in der Bundesrepublik und in Schweden gegeben. 

„Industrielles Bauen versprach warme, bequeme und bezahlbare Wohnungen für alle“, sagt er. In seiner Fantasie habe er zwischen den weißen Blöcken von Anfang an Bäume gesehen, 30 Jahre alt und leuchtend grün, erinnert sich Kirchner. „Wenn man sich Parks zwischen die Häuser gedacht hat, war das alles richtig schön.“

Für die, die in den Blöcken und den weiten Hinterhöfen aufwuchsen, sowieso. Kaum einer aus der zwischen 1970 und 1990 geborenen Generation der Neustadt-Kinder hätte das Prinzip der Blocknummerierung korrekt erklären können. Wie in anderen Städten die Straßen eben irgendwie hießen, hießen sie hier eben irgendwie nicht. Dafür trugen sie ja ihre Nummern.

Die Stadt der Zukunft


Halle-Neustadt sollte eine Stadt der Zukunft sein, ein Heim für den neuen Menschen, so hatten es ihre Erbauer geplant. Neustadt hatte immerhin schon eine neue Sprache: „Maggi“ war die Magistrale, „Koofi“ war die Kaufhalle, „Kiga“ der Kindergarten. In Neustadt lebten schließlich die Sieger der  künftigen Geschichte, Familien mit Telefonanschlüssen, warmes Wasser aus dem hahn, Heizungen, die sich nicht ausdrehen ließen. Glückliche, die von den Errungenschaften einer Zeit profitierten, an deren Ende das Ende aller Ausbeutung stehen würde.

Dieses Ende kam so wenig wie aus Neustadt noch eine wirkliche Stadt wurde. Ausgerechnet in ihrem größten Bauprojekt ging die DDR am schnellsten und gründlichsten zugrunde: Noch vor dem Beitritt des Arbeiter- und Bauernstaates zur Bundesrepublik votierten die Halle-Neustädter später für einen Beitritt zur Stadt Halle. 

Niemals ein Krankenhaus

Folgen eines Projekts, das Stadt hatte werden wollen, aber ein Stadt baute, der manches fehlte, was jede Stadt hat: Die Geburtsurkunden der Kinder von Halle-Neustadt waren allesamt von Anfang an falsch. Gut, die Namen stimmten, die Geburtszeiten sicher auch. Nur als Geburtsort steht da immer Halle, manchmal auch Zeitz und Merseburg und sicher noch andere Städte. 

Nie aber Halle-Neustadt, nicht einmal in den zwei Jahrzehnten, in denen die Söhne und Töchter der Bewohner der sozialistischen Chemiearbeiterstadt zur Welt kamen. Sie alle wuchsen auf als Kinder einer Stadt, die vielleicht als einzige weltweit keine Kinder hat, weil sie in ihren besten Tagen zwar beinahe hunderttausend Einwohner besaß, aber nie ein eigenes Krankenhaus.

Ein logisches System

Wer sich tatsächlich schwer tat mit dem vermeintlich logisch aufgebauten System, das sich im Grunde genommen an das der DDR-weit vergebenen Postleitzahlen anlehnte, war die Deutsche Post der DDR. Vor allem am Anfang, als die Blocknummernvergabe mehrfach korrigiert und geändert wurde, weil sie „EDV-gerecht nicht zu erfassen waren“, wie es in einem Brief des Stadtbaudirektors an das Hauptpostamt von 1975 heißt. Zusteller standen vor Rätseln, weil eine neue Zahl an einem Block keinen Hinweis darauf lieferte, unter welchem Namen das Gebäude zuher geführt worden war.

Wie Unterlagen verraten, die im halleschen Stadtarchiv liegen, blieb die in der westdeutschen Quadratestadt Mannheim bereits Ende des 17. Jahrhunderte eingeführte Nummerierung auch für die Neustädter Stadtverwaltung über ein Vierteljahrhundert hinweg ein Problem. Die Vorstellung der Planer um Paulick, dass der Arbeiter der Zukunft keine altertümlichen Straßennamen mehr brauche, galt weiterhin als gut. Doch die Umsetzung krankte daran, dass viele Blocks ihre Zahl nirgendwo deutlich sichtbar zeigten.

"Einheit von Leben und Wohnen"

Die „Einheit des gesellschaftlichen Lebens und Wohnens“, die das SED-Politbüro mit seinem Baubeschluss im Jahr 1963 beschworen hatte, drohte in der Praxis an ein paar Schildern zu scheitern. Und das trotz der „bildkünstlerischen Mittel“, die als Plastiken, Wandmalereien und Brunnen zwischen die Fünfgeschosser und Hochhäuser gesetzt worden waren, um keine Monotonie aufkommen zu lassen.

Schon 1973 erging vom Stadtbauamt deshalb ein erster Auftrag zur Erarbeitung eines „Orientierungssystems“ an das Büro für Städtebau und Architektur. Halle-Neustadts Wohnkomplexe, weniger der vom Schriftsteller Jan Koplowitz in einer Großreportage gerühmte „Aufbruch in das Wohnen von Morgen“ als eine Bienenwabe aus Betonfertigteilen, die mit Wohngebietskneipen, Arztblock, Kaufhalle und Schule dörfliche Strukturen nachbildete, sollten sich Besuchern und Einheimischen besser zu erkennen geben. 

Fremde scheitern zuverlässig

Größere „Blockkennzeichnungsnummern“, standardisiert an stets derselben Stelle angebracht, dazu ein neues „Bezeichnungs- und Informationssystem“, das 1977 in Auftrag gegeben wurde, wecken Hoffnung darauf, die Verwirrung auswärtiger Besucher zu beseitigen.

Eine weitere Täuschung. Anwohner kamen gut klar, je länger sie in Neustadt wohnten, desto besser. Fremde aber scheiterten zuverlässig. 1982 wurde mit „Blockkennzahlen“ nachgearbeitet, die wegen fehlender Produktionskapazitäten von einer Feierabendbrigade hergestellt werden mussten. Um zu verhindern, dass sich Kinder verliefen, die noch keine Zahlen lesen konnten, verpflichteten die Stadtplaner schließlich sogar zwei Gebrauchsgrafiker, die auf Bürgerwunsch, wie es im Briefverkehr der Behörden heißt, „Wohngebietssymbole zur weiteren Kenntlichmachung der Standorte der Wohnblocks“ in Form von Baummotiven entwarfen, die Müllhäuschen angebracht wurden.

So passten sich die kühnen Träume vom neuen Wohnen kleinteilig an die Möglichkeiten an. Paulicks erträumte „Zweckform von Technik und Industrie“ aus Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Kinderzimmer und Küche mit Durchreiche auf 52 Quadratmetern musste in zähen Kämpfen alltagstauglich gemacht werden. 

Plaketten aus Buna-Plastik

Ein erster Versuch mit Plaketten aus Buna-Plastik scheitert, weil das Material sich im Sommer verzog. Der zweite Anlauf glückte: Mit Schablonen wurden nun Symbole aufgemalt. Doch als nachgestrichen werden sollte, weil die Farbe schnell verblasste, waren die Pappvorlagen nicht mehr brauchbar - aus „Schuhsohlengummi“, so ein zeitgenössischer Bericht, mussten neue gefertigt werden.

Kurz vor dem Ende der DDR und dem Ende von Halle-Neustadt als eigener Stadt tauchen in den archivierten städtischen Unterlagen dann Überlegungen auf, der sozialistischen Chemiearbeiterstadt doch wieder Straßennamen zu geben. In langen Listen sind Bezeichnungen wie „Georgi-Dimitroff-Straße“, „Straße der Jugend“, „Wilhelm-Pieck-Ring“ und „Leninstraße“ aufgeführt, die auf Tauglichkeit geprüft, dann doch nicht mehr vergeben wurden.

Erst Anfang 1992, Halle-Neustadt war nach einer Bürgerbefragung bereits zu einem Stadtteil von Halle geworden, verschwanden die Blocknummern auf Beschluss des neugewählten Stadtrates. Sie wurden abgelöst von Dichter- und Blumennamen. Doch wer 30 Jahre später in Halle-Neustadt nach einer Adresse fragt und an einen älteren Einwohner gerät, muss bis heute mit einer Gegenfrage rechnen: Und welche Blocknummer war das?


Dienstag, 11. November 2025

Zehn Jahre: Romantiker und Menschenmagnet


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann

Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.

Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen  auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

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