Der Sänger, Texter und Baggerfahrer Gerhard Gundermann sang über seine "Grube Brigitta", die pleite war "die letzte Schicht lang schon verkauft". Sein Bagger, der sterbe "in der Heide/und das Erdbeben hört endlich auf." Gundermann, 1955 geboren, war Braunkohlekumpel und Mitgründer der "Brigade Feuerstein", ein scharfzüngiger Texter, melodieverliebter Liedermacher, Kommunist und Stasi-Spitzel, bis er sich vom MfS lossagte und selbst zum Opfer der Überwacher wurde.
Mit seiner Musik, vor allem aber mit seinen Texten war der gebürtige Weimarer eine der widersprüchlichsten und interessantesten Gestalten der deutschen Musikszene. Eine der wenigen Stimmen des Ostens in der Nachwendezeit, die Gundermann im Örtchen Welzow bei Hoyerswerda verbrachte, verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes, und ein hemmungslos optimistischer Skeptiker, der den Tagebau, in dem er lange selbst gearbeitet hatte, allmählich auf sein Haus vorrückten sah.
Gerhard Gundermann in den 80er Jahren bei einem Solo-Auftritt in Halle.
Mit 37 legte Gerhard Gundermann seine zweite Platte "Einsame Spitze" vor, eine Mischung aus Springsteen, seine große Liebe, und Ostrock. Ihm blieben zum Zeitpunkt des Interviews kaum noch sieben Jahre. Er produzierte drei weitere Studioalben namens "Der 7te Samurai", "Frühstück für immer" und "Engel über dem Revier", spielte endlos und ruhelos viele Konzerte, die nicht immer so voll waren, wie es heute behauptet wird.
Er steckte das weg, fuhr nach dem Konzert oft hunderte Kilometer nach Hause in die Lausitz, wo er einen Kaffee trank und sich zur Schicht als Maschinist für Tagebaugroßgeräte und später in der Umschulung zum Tischler meldete. Gundermann war kein Star, sondern ein normaler Mann. In seinen Texten kletterte er vom hohen Ross der Welterklärer, er beschrieb das Leben aus der Sicht der kleinen Leute, der Arbeitslosen, der aus der Bahn Geworfenen. Kurz vor seinem Tod arbeitete er noch an einem Projekt mit dem Namen „Das Koffer-Album“ - die Lausitzer Übersetzung von „Cover-Album“. Die CD sollte Springsteen-Songs mit deutschen Texten enthalten, doch es gelang nicht, die Rückübersetzung der Gundermann-Texte zu den Songs des Boss' beim Springsteen-Management genehmigt zu bekommen.
Mit nur 43 Jahren starb Gerhard Gundermann, genannt Gundi, an einem Schlaganfall. Sein altes Fleischerhemd hat seine Frau verschenkt, aus dem Haus in Hoyerswerda ist sie ausgezogen. Erinnerungen seien kein Stück Stoff, sagt sie. Gundi lebt in seinen Liedern weiter, Liedern aus Tränen und Lachen, Balladen aus der Braunkohlewüste in der Lausitz. Spätestens seit Andreas Scheers "Gundermann"-Kinofilm ist der Mann, der mit 18 von der Offiziersschule flog und sich vom Hilfsarbeiter zum Förderbrückenführer hocharbeitete, erfolgreicher als jemals zu Lebzeiten, ein moderner Klassiker der deutschen Rockmusik.
Das Interview fand im Januar 1992 statt.
Du hast lange geschwiegen, ehe Deiner Debütplatte "Männer, Frauen und Maschinen" die "Einsame Spitze" folgte. Was hat Dich aufgehalten?
Gundermann: Ja, was eigentlich? Material hatte ich immer und gewollt habe ich auch, klar. Aber ich bin ja auch doof. Gleich nach der Wende bin ich zur Ariola gegangen und habe denen mein Zeug gegeben. Da denkste dann: Wenn ich jetzt bei denen war, darf ich erstmal mit keinem anderen reden, bis die ja oder nee gesagt haben. Die haben aber nicht mal nee gesagt bis heute. So nach einem Jahr habe ich mich dann doch mal anderswo umgehört...
Als einer der letzten deutschen Sänger lässt Du Dir die Bezeichnung "Liedermacher" gefallen...
Gundermann: Ja, obwohl vor einem Jahr oder so immer in der Zeitung stand: Ha, Liedermacher sind jetzt out, weil man kann ja jetzt alles in die Zeitung schreiben. Aber ich habe mich ja nie als Zeitungsersatz verstanden, auch in der DDR nicht. Erstens habe ich immer Lieder gesungen, das hat die Zeitung nicht gemacht (lacht). Und zweitens, auch wenn damals Erich Honecker auf dem Thron saß und heute sitzt da Helmut Kohl - die meisten Dinge auf der Welt funktionieren doch unabhängig davon. Und über die denke ich nach, über die mache ich auch Lieder. Nicht darüber, ob der Honecker nun vor Gericht kommt oder was. Mich interessieren ganz andere Fragen.
Deine Antworten scheinen viele Leute ziemlich zu verstören. Für Deine Forderung, eine "grüne Armee" zu gründen, hast Du Dir gar den Vorwurf eingehandelt, ein "Ökofaschist" zu sein. Meinst du solche Vorschläge ernst?
Gundermann: Mit dem Vorwurf kann ich leben, weil ich sie ernst meine. Grüne Armee ist keine Poesie. Das Schlüsselerlebnis ist für mich ein Fernsehbericht so vor zehn Jahren gewesen. Damals hat der Bundesgrenzschutz in Italien bei der Beseitigung von Erdbebenschäden geholfen - und genau für solche harten Sachen brauchst Du harte Leute. Bloß, dass der Feind nicht die Armee von nebenan, sondern was anderes, viel Schlimmeres ist. Guck Dich doch um: Die Welt geht kaputt. Da hilft keine Kosmetik mehr. Wenn wir die Kurve noch kriegen wollen, dann muss was passieren, dann brauchen wir Armeen gegen die Wüste, müssen wir schleunigst sämtliche Kapazitäten, die im Militär stecken, an diese entscheidende Front werfen. Dazu braucht es natürlich den politischen Willen.
Ist der nicht illusorisch? Sagt das nicht zugleich, dass wir es nicht schaffen werden?
Gundermann: Das weiß ich nicht genau. Früher, da habe ich die beiden großen Weltlager immer als zwei Kämpfende am Fuße eines Berges gesehen. Und vom Berg kommt so ein Riesenbrocken runtergerollt, genau auf die zu. Nun können sie sich entscheiden: Entweder, sie hauen sich weiter und werden überrollt, oder sie tun sich zusammen und versuchen das aufzuhalten. Es ist ganz anders gekommen.
Einer der beiden Kämpfer ist abgetreten.
Gundermann: Und das ist der Punkt. Niemand hätte doch vor fünf Jahren dran geglaubt, dass der Konflikt sich so auflöst. Ich halte jetzt alles für möglich - da hab' ich ja eine gewisse Schule durch. Und deshalb denke ich auch, dass da noch gewisse Möglichkeiten sind. Die westliche Welt ist doch auch im Wandel, das ist doch alles tieferschüttert, das muss man doch sehen.
Du siehst einen Wandel zum Positiven?
Gundermann: Ich bin ein Anhänger der Theorie von der neunten Welle. Die sagt: jede Generation hat 30 Jahre Zeit, ihre Ideale zu verwirklichen, ehe alles anders kommt. Das kannst Du in den USA ziemlich genau nachvollziehen - alle 30 Jahre steigt da ein Demokrat auf den Präsidentensessel, alle 30 Jahre kommt ein Versuch der Erneuerung. Und wir hängen da irgendwie dran.
Eine Mechanik, ein Automatismus, Zufall oder Gottvertrauen?
Gundermann: Ich glaube jedenfalls, dass es Zusammenhänge gibt, die ich nicht durchschauen kann, die aber doch funktionieren. Es ist ja objektiv so: Du kannst Gesetze machen wie Du willst, wenn die Leute zu Zehntausenden über die Oder schwimmen, dann musst Du damit leben oder schießen. Und im letzteren Fall führen wir vielleicht in vierzig Jahren wieder Prozesse.
Wie sieht Deine Lösung aus?
Gundermann: Wenn das Wohlstandsgefälle auf 300 Kilometer Entfernung fünf menschliche Generationen ausmacht - von der Industriegesellschaft bis in den Feudalismus - dann werden die hier herkommen, wenn wir es nicht schaffen, unseren Wohlstand da 'rüber zu exportieren. In der Physik gibt es die einfache Regel vom Wasser, das in verbundenen Gefäßen immer gleich hoch ist. Da kannst Du Wasser sagen oder Wohlstand. Wir, also die ; DDR' waren der erste Schritt, dieses Gefälle auszugleichen.
Triffst du beim Versuch, die ganze Welt so leben zu lassen, wie wir leben, aber nicht auf andere Grenzen?
Gundermann: Ja klar. Deshalb ist das auch nicht möglich. Und weil nicht alle auf unser Wohlstandsniveau hochkommen können, werden wir wohl runtergehen müssen. So, dass es für alle reicht. Wir müssen abgeben, bis sich das alles auf eine Art Nullpunkt eingependelt hat. Lebensstandard wie in Polen meinetwegen. Und das reicht ja zu - denn ein Pole ist ja ein Fürst gegen andere, noch Ärmere.
Wie soll sich soviel Vernunft und Verzicht durchsetzen?
Gundermann: Ich vermute: nur durch Katastrophen. Wenn sich die Klimaveränderungen, die wir ja längst haben, erst auf die Nahrungsmittelversorgung auswirken, dann werden die Leute bestimmt wach. Der Druck der Ereignisse wird uns dann keine andere Wahl als die Vernunft lassen. Ich hoffe nur, dass der Druck der Ereignisse groß genug ist, damit wir reagieren, aber nicht so groß, dass wir nicht mehr reagieren können. In diese geschichtliche Sekunde müssen wir springen, dann müssen wir unsere Konzepte vorholen und Lösungen anbieten können.
Jetzt spielst Du auf Dein Wendetrauma an?
Gundermann: Wenn Du so willst. Wir haben in der DDR immer an der Macht gesägt, gesägt, gesägt - aber nie gedacht, dass Staat wirklich mal umkippt. Ich hab' zum Beispiel nie für die Schublade gearbeitet. Ich habe immer nur gemacht, was machbar war. Das war falsch. Als dann die Wende kam und die alten Herren gingen und plötzlich alles möglich' war, stand ich mit leeren Händen da. Weil ich blöde war. Das passiert mir beim nächsten Mal nicht wieder. Ich arbeite jetzt vor, damit ich was zu sagen weiß, wenn ich irgendwann gefragt werde.
Wie siehst Du Deine Zukunft und wo Deinen Platz im deutschen Rock- und Popgeschäft? Hat Gundermann noch den Traum von Ruhm und Reichtum bei dem, was er macht?
Gundermann: Ruhm und Reichtum? Bestimmt nicht. Obwohl ich mir natürlich schon wünschen würde, dass alle Leute, die mit dem, was ich mache, etwas anfangen könnten, erstmal erfahren, dass es mich gibt. Das ist noch nicht der Fall, und insofern bin ich natürlich nicht abgeneigt, etwas berühmter zu werden. Mein Wunsch wäre, zu einem Level kommen, wo man genug Freiheit hat, sich um das Eigentliche zu kümmern, und wo einen nicht ständig irgendwelcher Mist von der Arbeit abhält. Aber eigentlich denke ich mir: Den lieben Gott kannst Du sowieso nicht bescheißen. Und ob ich mich verbiege oder verweigere - es kommt alles, wie es kommt. Ich kann's nicht ändem.
Was macht eigentlich Dein anderes Ich, der Baggerfahrer Gundermann?
Gundermann: Der macht ABM. Unseren ganzen Betrieb haben sie dichtgemacht und zu so `ner Sanierungsfirma umgeschmiedet. Wir reparieren jetzt das, was wir früher kaputtgemacht haben.
Zwei Bilder, dazwischen liegen 40 Jahre. Das linke stammt aus den 80er Jahren, damals stand mitten in Halle ein feines Hotel für die besseren Gäste, das "Weltfrieden" hieß. Der meiste Glanz war längst gewichen, die frühere Pracht verblasst.
Meist saßen in den weitläufigen Gaststättenräumen schon morgens halb zehn die ersten harten Trinker.
Mehrfach war tagsüber Schichtwechsel, manchmal hinter der Theke, manchmal davor.
Als sich das Land auflöste, dessen Kneipenkultur solche Etablissements prägten, ging es dem "Weltfrieden" erst schlecht und dann immer schlechter. Schließlich wurde das Haus verkauft, es folgte ein Betreiberwechsel und irgendwann blieb die Tür einfach zu.
Alles, was danach folgte, passierte ohne das "Weltfrieden". Das Haus hat immer wieder den Besitzer gewechselt, nie aber jemanden gefunden, der eine Kelle Zement in die Hand nahm oder irgendetwas reparierte.
Heute ist das gewaltige Haus - man sieht auf dem Foto nur einen kleinen Ausschnitt - ein Lost Place mitten in der Innenstadt, eine Ruine in the making. Ohne den einstigen Namenszug, aber von oben bis unten mit Graffiti verziert.
Wolf Biermanns berühmte Oma Meume aus dem Lied "Großes Gebet der alten Kommunistin Oma Meume in Hamburg" ist keine Kunstfigur, sondern Biermanns wirkliche Großmutter. Neben dem "Gebet" gibt es ein weiteres Lied namens "Eine Moritat auf Biermann seine Oma Meume in Hamburg", in dem der Liedermacher und Sänger der Frau nachsingt, die als junges Mädchen aus Halle wegmachte nach Hamburg, wie er sagt. "Genauer gesagt, sie ist ihrem Mann hinterhergerannt und hinterhergereist, der abgehauen ist nach Kiel, weil er dort Arbeit finden konnte als Steineträger auf dem Bau." Oma Meume wurde wenig später Hamburgerin - und zweisprachig, wie Biermann sagt.
Neben Sächsisch, wie er den halleschen Dialekt nennt, habe Oma Mäume auch Platt gesprochen. Zuweilen beides sogar gleichzeitig. "Wenn sie vornehm sprechen wollte, sprach sie knüppeldickes, dreckiges Sachsenanhaltinersächsisch, wenn sie aber dreckig sprechen wollte, dann sprach sie Hamburger Platt."
Zwei Sprachen, die auch Enkel Wolf Biermann beherrscht, wie er mit dem Vortrag eines Gedichtes des niederdeutschen Dichters Klaus Groth (auch: Claus Johannes Groth) zeigt. Das hanseatische Platt unterlegt mit dem Anhaltiner Sächsisch der Halloren, das Oma Meume bis an ihr Lebensende sprach. Und wirklich: Bei Wolf Biermann wird daraus die Lingua franca einer längst vergangenen Zeit, als Englisch, Dänisch und Deutsch noch gemeinsam in der Babywiege lagen.
Die OP-Maske, die auf der Peißnitzinsel in einem Baum hing, hat sich vor wenigen Tagen verabschiedet.
Es ist vier Jahre her, dass die Welt sich von einem Tag auf den anderen veränderte. von einem Tag auf den anderen veränderte. Überall herrschte Maskenpflicht, Menschen verschwanden unter Schutzausrüstungen, ein kollektiver Gesichtsverlust trat ein. Damals, als die ersten Vorschrift zur sogenannten Gesichtsbedeckung den Blick der Deutschen auf sich selbst für immer veränderten, sollten alle diese Masken tragen. Aber anfangs gab es keine zu kaufen.
Umso auffälliger war eine Maske, die ein Unbekannter an einen kleinen Baum in einem Park gehängt hatte. So niedrig, dass jeder sie sehen konnte. So hoch, dass niemand in der Lage war, sie herunterzuholen.
Vier Jahre hing sie im Baum, die Maske.
Die blassblaue Maske überstand den ersten Sommer der Pandemie und den ersten Winter überstand sie auch. Unbeschadet hing sie an einem Zweig, vom Wind gebeutelt und vom Sturm zerzaust, nassgeregnet und anschließend wieder von der Sonne getrocknet. Es kam der Frühling und der nächste Sommer und sie war immer noch da, es kam der erste Ausnahmezustand namens "Lockdown" null und der zweite, die erste Impfkampagne und die mit den Boostern. Und sie baumelte weiter unerbittlich in ihrem Baum, als wollte sie alle verlachen, die vor lauter Angst und Unsicherheit und vor Hiobsbotschaften und Beruhigungsversuchen nicht mehr wussten, was sie nun glauben sollten und überhaupt noch konnten.
Die Maske war stabil, auch wenn sich alles rundherum änderte. Die Impfungen, die vor Ansteckungen schützten, taten das dann doch nicht, aber die Maske war noch da. Die neue Welle, die noch schlimmer werden würde, wie der Gesundheitsminister nicht müde wurde zu betonen, kam nicht. Doch die Maske war noch da. Corona wurde vom Sonderfall zum Alltag, wie die Maske, die ganz nah an einem beliebten Spazierweg hing. Und hing. Und hing.
Vom Tag an, an dem der damalige deutsche Gesundheitsminister behauptete, dass „Mundschutz nicht notwendig ist, weil das Virus gar nicht über den Atem übertragbar ist“, bis zum Tag, an dem selbst im Freien Maske getragen werden musste, betrachtete sie die Veränderungen von höherer Position aus. Eine einfache OP-Maske, die auf dem Höhepunkt der Krise zwei Euro kostete - 100 Mal mehr als in gewöhnlichen Zeiten. Sie das alles durchgehalten.
Der zweite Corona-Winter kam, der zweite Frühling, Sommer, Herbst und noch ein Winter. Als bleibe sie ewig jung, baumelte sie da oben, ein angeblich wirksames Viren-Abwehrmittel, das zum Denkmal einer verrückten Zeit wurde. Die Maske, im März 2020 auf den Baum geraten, hing dort noch im März vier Jahre später, etwas zerzaust, ein wenig fusselig, aber störrisch, als wollte sie ihren Platz nie mehr räumen.
Dann aber ist es doch passiert. Eines Tages war sie verschwunden, von einem kleinen Frühjahrssturm herabgeweht. Das Band war gerissen, der Mundschutz auf den Boden gefallen. Nach genau vier Jahren und zwei Monate, also 1520 Tagen, bestehend aus 217 Wochen, ist die Geschichte der letzten Maske vorbei.