Montag, 26. Oktober 2015

Neubau in China: Eine Chance für Magdeburg

In China wird ein Stückchen Hannover nachgebaut, weil es so schön ist. Andere Städte könnten nachziehen - darunter auch die Hauptstadt Sachsen-Anhalts.

Dass Chinesen süße Bratwurst essen, Fisch am Tisch kochen und bei Sonnenschein am liebsten mit Schirm und Handschuhen aus dem Haus gehen, kann man seltsam finden. Doch was die Stadtväter der Sechs-Millionen-Metropole Changde jetzt ausbaldowert haben, mutet denn doch ein wenig bizarr an: Um ausländische Investoren und Touristen anzulocken, wie es offiziell heißt, soll auf zwei Hektar Fläche direkt am Yuanjiang-River die Innenstadt von Hannover nachgebaut werden.

Ja, Hannover. Geplant sind eine Fußgängerzone, die „Hannoversche Straße“ heißen wird, dazu ein „Leibniz-Platz“ und ein „Bahlsen-Platz“, wie Bauleiter Chiyang Peng über das 370-Millionen-Euro-Projekt verriet. Gebaut wird aus Fertigteilen, aber mit spitzen Giebeln, bunten Fassaden und engen Gassen. Einziehen soll später ein Mix aus feinen Hotels, Edel-Boutiquen, Modehäusern und Genießerlokalen. Ein Hannover eben, wie es noch niemand kennt, weil jeder bei dem Namen natürlich nur die triste Schnellbaustadt an der Leine vor Augen hat.

Die chinesische Idee eines verbesserten, ja, schönen Hannovers im Reich der Mitte hat aber gerade deshalb Potenzial für unsere Region. Auch Magdeburg, städtebaulich mit demselben Schicksal unsichtbarer Schönheit geschlagen wie die niedersächsische Landeshauptstadt, hat eine Partnerstadt in China. Idee aus Halle: Dort, in Harbin, könnte demnächst ein neues, hübsches Magdeburg entstehen!

Dienstag, 20. Oktober 2015

Ronald M. Schernikau: Deutsch­land in der Brat­pfanne

Vor 24 Jahren starb der Literatur-Exot Ronald M. Schernikau - nicht ohne zuvor sein großes, rätselhaftes Büchersammelwerk "legende" fertiggestellt zu haben.

Ganz am Ende tritt er dem Leser selbst entgegen. Ronald M. Schernikau, hasenzahnig lächelnd, die Brille im Gesicht groß wie eine Schaufensterscheibe, mit schulterlangem Hippie-Haar und einem Seidentuch um den Hals. Schernikau sieht harmlos aus - doch wer es bis hierher geschafft hat, auf Seite 836 seines Monumentalwerkes "legende", der weiß: Der Kerl ist alles, nur nicht das.

Allein die Geschichte des Buches spricht Bände. 1983, zwei Jahre nach seinem ersten kleineren literarischen Erfolg mit der Coming-Out-Geschichte "Kleinstadtnovelle", begann der damals 23-Jährige mit der Arbeit an seinem Hauptwerk. Fertig gestellt hat er es im Jahre 1991, gerade eben noch rechtzeitig vor seinem frühen Tod. Erschienen ist es erst jetzt, denn lange fand sich kein Verlag, der das überaus anspruchsvolle Buchbrikett veröffentlichen wollte.

Selber schuld, Schernikau. Hartnäckig hatte sich der gebürtige Magdeburger zum Sonderling des deutschen Literaturbetriebes stilisiert: Nachdem seine Eltern 1966 nach Lehrte bei Hannover umgezogen waren, trauert das "Kind, das lieber lacht als Spaß hat" (Sch. über Sch.) der verlorenen Heimat DDR nach. Ohne nachzulassen tut er das und schafft es schließlich wirklich, 1986 die Zulassung für ein Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig zu bekommen.

Seinen Kommilitonen muss Schernikau vorgekommen sein wie ein Wesen von einem anderen Stern: Ein Wessi, der für den Kommunismus glüht, ein Wohlstandsbürger, der die Mangelwirtschaft als Erlösung vom Konsumterror feiert. Am ersten September 1989 ist Schernikau am Ziel seiner Wünsche, als die untergehende DDR seinem Antrag auf Erteilung der Staatsbürgerschaft zustimmt.

Ein komischer Kauz, unbrauchbar für jede moderne Vermarktung. Acht Jahre immerhin benötigte Thomas Keck, Schernikaus Lebensgefährte und Erbe, um aus dem Buchprojekt ein Buch zu machen. Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Matthias Frings und Peter Hacks, die für 135 Mark jeweils ein Exemplar der Erstausgabe vorbestellten, konnte der kleine Dresdner Goldenbogen-Verlag die Finanzierung der regulären Auflage absichern, die für 65 Mark in den Handel kommt. Dafür wird allerdings eine Menge geboten. "Sie müssen bedenken", entschuldigt der eigensinnige Poet eingangs seine nachfolgende Jagd durch Zeiten, Stile und Zitate, "dass ich gezwungen war, mein Spätwerk schon in meinen Dreißigern zu schreiben." Schernikau, bekennender Schwuler, war an Aids erkrankt und wusste recht zuverlässig, dass er nach "legende" nichts weiter mehr würde schreiben können.

Folglich hat er alles zwischen diese beiden schwarzen Leinenrücken gepresst: Neun Bücher, aufgeteilt in durchnumerierte Kapitel mit Namen wie "Beruf Eros Ramazotti", "Hüter der Kugelvase" oder "Der Neffe von Ulla", allesamt von wunderlicher Gestalt und rätselhaftem Inhalt. Deutlich wird nur wenig. Etwa, dass im Zentrum der Schernikauschen Legende eine Stadt steht wie das einstige Westberlin, in dem der Dichter lange lebte. "wie das eigelb im spiegelei liegt die insel mitten im land. wie das spiegelei in der bratpfanne liegt das land in der welt", beschreibt er, praktisch und pathetisch zugleich, die Insel, die den Schauplatz abgibt für eine Handlung, die irgendwo zwischen Arno Schmidts "Kaff auch Mare Crisium" und "Ulysses" von James Joyce spielt.

Bei Ronald M. Schernikau treten eingangs vier Götter auf, die fifi, kafau, stino und tete heißen und beauftragt sind, des Schokoladenfabrikanten anton tattergreis' Nachfolger janfilip geldsack zu retten. Der ist angesichts seiner Allmacht traurig, weswegen er über die Heirat mit einer Kommunistin nachdenkt, um sich selbst auszulöschen. "Ich soll mich nicht mehr geben. es soll keinen mehr geben wie mich, niemals mehr."

Das lässt erahnen: Typografisch von Schernikau selbst sehr geschmackvoll gestaltet, ist "legende" nicht unbedingt eine unbeschwerte Strandlektüre. Hier ist Mitarbeit unabdingbar, gelegentliches Blättern Grundvoraussetzung zum Verständnis, das dennoch eingeschränkt bleibt. "legende" ist enigmatisch, Literatur in einem unbekannten Code. Unentwegt springt das Buch durch verschiedene Perspektiven, trotzig umkreist Schernikau seine Themen, sich näher und näher schiebend, um plötzlich unvermittelt abseits weiter zu plaudern.

Im richtigen Leben soll er schüchtern gewesen, aber hin und wieder trotzdem ein offenes Wort gewagt haben. Zur falschen Zeit an der falschen Stelle meist - etwa in der Endphase des Untergangs der DDR, als er seine ostdeutschen Schriftsteller-Kollegen in flammenden Worten vor dem "Maß an Unterwerfung" warnte, das "der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt".

Ausgelacht ist er worden, aufgegeben hat er nicht. Hier kommt dieselbe Botschaft, vielfach verpackt in Szenen, Verse, Miniaturen. Ein Buch wie ein Steinbruch, der rote Faden sorgfältig versteckt unter Geröll und Versschutt. Schernikau erzählt von seinem eigenen Tod, von der Weltrevolution, vom Haareschneiden und vom Ficken in der Parktoilette. Mal wird es beim Er-zählen ein Gedicht, mal etwas wie ein Essay, dann wieder ein dahinwabernder Monolog: "ich möchte ich möchte ich möchte paar locken Dich ein känguruh möcht ich weil ich hab' Dich lieb ja du da Dich".

Ja, Sprachkraft hat Schernikau und Frechheit, doch sein Ehrgeiz, die letzten Dinge zu sagen und sein Hang, ein Monument zu bauen und allen Lächlern und Zweiflern von ganz oben aus dem Wolkenkuckucksheim die Zähne zu zeigen, stehen dem Lektüre-Genuss entgegen. Brüche und Rückblenden zerren die an die Bibel erinnernde "legende" durch den Zerhacker, immer wieder geht die Formulierungsfreude dem Autor durch, bis kein Wort mehr etwas bedeutet.

Was dem Poeten selbst nicht entgangen ist. "schon an dieser stelle die erste rückblende, um den leser auf die übergroße komplitesse des erzählwerks vorsichtig vorzubereiten", schreibt er irgendwo zwischendurch, wo vermutlich schon kein Leser mehr hinkommen wird. Wie Sysiphus hat Schernikau an diesem Monstrum von einem Buch gearbeitet, größenwahnsinnig, selbstverliebt und brillant, besessen von der Aufgabe, mit Worten die Welt zu verändern. "Der Kommunismus wird siegen werden", heißt es zum bitteren Finale. Die Insel wird anschließend offiziell zum Friedhof erklärt und aus der Luft geweiht. 


Kein Schlussakkord, ein Fadeout.

Und heute ein Triumph: Bei Amazon ist die "legende" derzeit zwar zu bekommen. Für 280 Euro.

Ronald M. Schernikau: "legende", verlag ddp goldenbogen, Dresden 1999, 845 Seiten, ursprünglich 32,50 Euro

David Gilmour: Gitarrist auf Freiflug

Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour träumt auf seinem Solo-Album „Rattle that lock“. Und er klingt dabei, als sei er ganz allein Pink Floyd.

Es war natürlich eine freiwillige Gefangenschaft, die im vergangenen Jahr endete, als mit David Gilmour und Nick Mason die beiden verbliebenen Mitglieder von Pink Floyd bekanntgaben, nach dem Album „The Endless River“ keine weiteren Floyd-Platten mehr veröffentlichen zu wollen. Immer der Erwartungsdruck, immer die Sehnsucht der Fans, noch einmal ein „Wish you were here“ oder "Dark side of the moon" geliefert zu bekommen. Da muss das Ende irgendwie auch befreiend wirken.

David Gilmour, der seit dem Ausstieg von Roger Waters Mitte der 80er zum musikalischen Chef der Supergruppe aufgerückt war, feiert das am liebsten, indem er Solo-Alben veröffentlicht, die in der Regel nicht viel anders klingen als seine Aufnahmen mit der Gruppe. Seit Roger Waters dort ausgestiegen war, prägte Gilmour, der spät hinzugekommene Ersatz von Syd Barrett, den Sound der Band. Naturgemäß prägt er auch den seiner Alleingänge.

„Rattle that lock“, Soloalbum Nummer vier des Gitarristen, nimmt die schwebende Atmosphäre des endlosen Flusses auf. Unterstützt von einem Heer an Promifreunden mit David Crosby, Graham Nash und Phil Manzanera an der Spitze, baut das in edler Verpackung verkaufte Werk in seinen besten Momenten dieselbe Stimmung auf wie einst „Us and them“ oder später „High hopes“.

Das liegt nicht nur daran, dass Gilmour seine patentierten Gitarrenklänge liefert, sondern auch an Details wie dem verhuschten Sprechgesang zu Beginn von „A boat lies waiting“ oder der Melodieführung in „In any tongue“, die jeden Floyd-Fan an die guten alten Zeiten erinnern wird, als dieses Lied so ähnlich noch von der größten Band der Welt auf den allergrößten Bühnen gespielt wurde.

Gilmour ist dem Alter entrückt, in dem er den Vorwurf des Selbstplagiats fürchten musste. Zudem sind hier die Songs, in denen er bei seinem Leisten bleibt, viel besser als die, in denen er versucht, mal alles ganz anders zu machen.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Glen Hansard: Mission Mitsingen

Ausverkaufter geht es nicht. Um den gesamten Häuserblock der Konzerthalle Täubchenthal in Leipzig zieht sich die Schlage der Fans vor dem Konzert des irischen Folk- und Rocksängers Glen Hansard. Glen wer? Vom Namen her ist der Ire dem breiten Radiopublikum nicht unbedingt bekannt. Doch seit er vor neun Jahren in der Kinoromanze „Once“ nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern zum Film mit dem Song „Falling Slowly“ auch einen Superhit lieferte, hat der gebürtige Dubliner weltweit keine Probleme, Hallen fast beliebiger Größe zu füllen.

In Leipzig ist er zum ersten Mal, begleitet von einer neunköpfigen Band, der Sängerin Lisa Hannigan und seiner alten, vorn völlig durchgescheuerten Gitarre, die jeder Fan aus „Once“ kennt. Was der Mann, der vor seiner großen Karriere jahrelang als Straßenmusiker um die Welt zog, in den folgenden 140 Minuten bietet, ist kaum mit Superlativen zu fassen: Hansard, haucht und schreit, er schwelgt und wimmert, er singt und lässt immer wieder singen.



Der 45-Jährige hat die Lieder dazu. Bereits mit den Frames, der Band, die er nach „Once“ verließ, zauberte er Hymnen am Fließband, Lieder halb aus irischem Folk, halb aus US-Rock gestrickt. Diese Wurzeln sind bis heute geblieben, auch wenn die neue Band mit ihren Streichern und Bläsern alte Frames-Stücke wie „Revelate“ und neue Songs wie „Didn't He Ramble“ eher im klassischen Van Morrison-Stil interpretiert.

Hansard aber, der als 13-jähriger seine ersten Straßenauftritte absolvierte, bleibt immer der Mann in der Mitte. Er nimmt das Tempo raus, lässt die Zuschauer singen, spricht ein bisschen Deutsch und scheint tief im grauen Bart beständig zu schmunzeln - vor allem, wenn ihn sein Publikum ohne Worte versteht. Bei „Her Mercy“ etwa bittet er um Chorunterstützung im Refrain, „ein bisschen wie ein Gospelchor“ solle es werden, sagt Hansard. Und bekommt eine ganze Kirche voll, als sei das alles einen Tag zusammen geübt worden. Auch den Fans gefällt es, sehr sogar: Als das Lied auf der Bühne beendet ist, singen sie so lange weiter, bis auch Hansard noch einmal mitmacht.

Der Ire arbeitet für sein Geld. Nassgeschwitzt und ruhelos zieht er alle Register. „Minds made up“ ist ein wildes Rockspektakel, „Say It to Me Now“ dagegen singt er ohne jede elektrische Verstärkung vom Bühnenrand in den andächtig lauschenden Saal. Als zum oscarprämierten „Falling Slowly“ auch noch die frühere Damien-Rice-Mitsängerin Lisa Hannigan auf die Bühne kommt, um das von Hansard einst mit Filmpartnerin und Lebensgefährtin Markéta Irglová gesungene Schmerzensduett „Falling Slowly“ zu geben, badet die Halle in Herzschmerz.

So traurig, so schön, dass Glen Hansard niemanden so nach Hause gehen lassen will. Zusammen mit der Band marschiert er zum Finale mitten hinein ins Publikum und zelebriert Dick Blakeslees alten Polit-Song „Passing Through“.