Dienstag, 18. September 2018
Frank Turner: Ein Mann mit Mission
Er zählt sie immer noch, seine Auftritte. Vom ersten an, den er damals im September vor 14 Jahren spielte, als sich seine Band Million Dead aufgelöst hatte, kommt der britische Musiker und Sänger Frank Turner bis heute auf 2 223 Live-Shows, in denen er seinen Lagerfeuer-Punkrock von großen und kleinen, manchmal aber auch von keinen Bühnen gesungen hat. Immer sprüht der 36-Jährige vor Temperament, immer zündet er sein Publikum an, weckt er Begeisterung bis hin zur schieren Euphorie.
Ein langer Weg, der inzwischen in die großen Hallen und - bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London - sogar in die Stadien der Welt geführt hat. Doch Turner, in Bahrain geboren, im südenglischen Winchester aufgewachsen und im Elite-Internat Eton ausgebildet, hat sich den Erfolg auf die harte Tour erarbeitet. Seit zwölf Jahren spielt er nie weniger als 160 Konzerte im Jahr, meist aber über 200. Alle zwei Jahre gibt es ein neues Album, das stets Turners Philosophie folgt: Ehrliche Musik, handgemacht, quer zum Zeitgeist gedacht und nie auf kommerziellen Erfolg kalkuliert.
Der Mann mit dem Dreitage-Bart und dem Universitätsabschluss in Europäischer Geschichte bleibt seiner Mission auch beim Nachfolger seines bislang erfolgreichsten Werkes "Positive songs for negative people" treu. "Be more kind", zu deutsch ein Aufruf, freundlicher zueinander zu sein, in Zeiten, in denen Wut, Zorn und Hass die Welt zu regieren scheinen, ist eine Sammlung von 13 Songs, die Turners Fähigkeit, nach Belieben unwiderstehliche Melodien zu erfinden, mit seinem Händchen für Sounds zwischen Rock und Folk verbinden, dazu aber erstmals auch fast schon poppige Synthesizer addiert.
Ein Album, das mehr sein will als Musik, denn Frank Turner, der seine Karriere mit entschieden politischen Texten startete, hat beschlossen, dass es Zeit ist, dorthin zurückzukehren, wo er einst mit Million Dead und dem ruppig eingespielten Liebeslied "Smiling at strangers on trains" angefangen hatte. "Stop asking musicians what they think", heißt es in "1933", einem Lied, das zu zackigen Akkorden den Karl-Marx-Spruch von der Geschichte zitiert, die sich als Farce wiederholt. Ehe Frank Turner mit kippender Stimme warnt: "Glaub' bloß nicht, dein brennendes Haus sei die Morgendämmerung".
Es ist viel schlimmer. "Die Welt draußen brennt mit einem neuen Licht", reimt Turner, "aber es wärmt mich nicht." In 45 Ländern der Erde hat Frank Turner seine 2 223 Konzerte gespielt, er war nicht nur in Wohlfühlzonen wie Deutschland, Estland oder den USA unterwegs, sondern auch in Indien, Sierra Leone und Südafrika. Das weitet den Blick, das brachte Turner zur Überzeugung, dass er zwar keineswegs die Verpflichtung habe, seine Ansichten zu äußern. "Künstler müssen das nicht, sie können mit ihrer Kunst ausdrücken, was immer sie wollen", sagt er. Das sei aber nur die eine Seite. "Die andere ist, dass jeder Künstler natürlich das Recht hat, sich zu allem zu äußern."
Turner, in den vergangenen zehn Jahren Mitbegründer einer Rockschule, in der Leute wie Jake Bugg, Passenger, Jayke Orvis oder Chuck Ragan sich abwandten vom traditionellen Rockgeschäft und eine Rückkehr zu den wahren Werten des Rock predigten, der Echtheit über Vermarktungschancen stellt, zieht mit seiner Stammband The Sleeping Souls alle Register zwischen Wut auf die Welt, Tröstung der Enttäuschten und Wunschgesang. Im sparsam instrumentierten Opener "Don't worry" umarmt eine sanfte Melodie die Mühseligen und Beladenen. "Du bist nicht allein", heißt die Botschaft, die am Ende ein summender Chor zu gospelartigem Klatschen singt. Es folgt "Little Changes", ein Stück über Entfremdung, in dem Turner angstlos raunt, dass die großen Dinge sich schnell ändern können, wenn "wir die kleinen Dinge ändern". Welche? Der Titelsong gibt Frank Turners einfache Antwort: In einer Welt, die sich entschlossen hat, verrückt zu werden, hindert uns doch niemand daran, wenigstens nett zu einander zu sein.
Der Sänger selbst ist es bloß nicht, wenn es seinen aktuellen Lieblingsgegner Donald Trump betrifft, den er mit dem betont holprigen Kracher "Make America great again" verhöhnt, den er schon schrieb, ehe Trump gewählt wurde. Danach aber fährt der Ex-Punk und Pop-Philosoph die Schmeichler, Schüttler und Überlebenshymnen auf. "Brave Face", "There she is" und "21st Century Survival Blues" zeigen Frank Turner als unübertroffenen Meister der großen Gefühle. Leise und laut, mitsingkompatibel und dahingehaucht - der nette Punk-Missionar weiß genau, was er kann.
Direkt zum Künstler:
www.frank-turner.com
Montag, 3. September 2018
Horror: Letzte Schlacht mit Happy End
Die Anerkennung von denen, auf deren Anerkennung er nie Wert gelegt hat, ist spät gekommen. Aber Stephen King, inzwischen jenseits der 70, hat sowieso nicht gewartet auf das Lob des Feuilletons, den National Book Award und die Anerkennung der großen Hollywood-Studios. Also zumindest nicht öffentlich.
King, der sein Debüt „Carrie“ mit Mitte 20 in einem ärmlichen Wohnwagen schrieb, wenn ihm der Brotjob als Englischlehrer Zeit ließ, hat einfach geschrieben, immer weiter, Bestseller auf Bestseller, von einer treuen Fangemeinde weggefressen wie von Säure. 77 Bücher hat King in den letzten 44 Jahren produziert, zuletzt sogar in schnellerer Abfolge als Anfang des Jahrtausends. „Der Outsider“, sein neuestes Werk, ist das neunte neue Buch in den letzten fünf Jahren, nicht mitgerechnet allerlei Kurzgeschichten und Kurzgeschichtensammlungen.
Das ist einerseits so viel Stoff, dass auch dem Meister des milden Grusels allmählich die Sujets ausgehen. Andererseits aber führt dieser Mangel an bahnbrechend neuen Ideen King zum Glück genau dorthin zurück, wo er einst mit „Carrie“ startete und auch später immer wieder seine besten Momente hatte: In eine kleine Stadt, zu einfachen Leuten mit überschaubar komplexen Problemen. Menschen, die sich seit Jahren kennen, die einander vertrauen. Bis eines Tages etwas geschieht, das alles auf den Kopf stellt, was alle bis dahin voreinander geglaubt und gewusst haben.
In Flint City im Bundesstaat Oklahoma, den der erbitterte Trump-Gegner King gewählt haben mag, weil sich hier - im Gegensatz zu seinem üblichen Handlungsrevier Maine - eine Mehrzahl der Wähler vor zwei Jahren für Trump entschied, endet die Normalzeit mit einem grausamen Mord an einem kleinen Jungen. Für Detektive Ralph Anderson kein schwerer Fall: Es gibt jede Menge Zeugen, die den Täter gesehen haben, Fingerabdrücke und DNA-Spuren. In einem Akt demonstrativer Staatsgewalt lässt Anderson den Täter Terry Maitland festnehmen, während die Nachwuchs-Baseballmannschaft des allseits beliebten Familienvaters sich gerade müht, das Halbfinale der Meisterschaft zu überstehen.
1 500 Augenzeugen. Eine Vorverurteilung wie ein Fallbeil. Nichts wird mehr gut werden in dieser Geschichte, die sich liest wie ein Kriminalroman von John Grisham. Denn der angebliche Täter hat ein felsenfestes Alibi, er kann es nicht gewesen sein, weil er unter Zeugen ganz woanders war. Was also ist die Wahrheit? Gibt es überhaupt eine? Oder zwei?
Stephen King spielt mit alternativen Fakten, mit abweichenden Wirklichkeiten und der Wahrscheinlichkeit, dass es zwischen Himmel und Erde vielleicht doch mehr Dinge gibt, als Schulweisheit sich erträumen kann.
Sherlock Holmes Satz „Wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische, obwohl unmöglich, unweigerlich richtig“ ebnet den Weg in eine zweite Romanrunde, in der aus der Kleinstadtnovelle um die Geschichte eines zu Unrecht beschuldigten Vorzeige-Amerikaners die - lose - Fortsetzung von Kings Trilogie um „Mr Mercedes“ wird. Zwar ist deren Hauptheld Bill Hodges tot, doch in dessen findiger Ex-Assistentin Holly Gibney findet Ralph Anderson eine - im Kampf gegen den Mercedes-Killer Brady Hartsfield übersinnlich gestählte - Mitstreiterin.
Ein Schlüsselroman über amerikanische Verhältnisse in der Ära Trump, in der die Monster sich verwandeln, die Silhouetten, Gesichter, ja, gar Fingerabdrücke von Nachbarn, Freunden und Verwandten annehmen. Und Realität nicht mehr ist, was wirklich ist. Sondern was sein könnte: Der nette Mann von nebenan ein Killer und Kannibale, seine Frau der Komplize, sein ganzes Leben Fassade. Den Mob, der vor dem Gericht auftaucht, nichts wirklich wissend, aber nach sofortigen Konsequenzen verlangend, könnte Stephen King aus der deutschen Gegenwart abgemalt haben.
Aber letzten Endes schreibt King, der kommenden Monat 71 Jahre alt wird und schon zwei Monate später ein neues, wenn auch recht dünnes Buch namens „Erhebung“ herausbringen wird, weder Detektivromane noch Politthriller. „Der Outsider“ wird hier nicht erklärt oder begründet, er braucht keine Motivation als die, eben das sein zu müssen, was Kings Helden nie sind: Böse.
Was aber ist das Rezept, um diese Schlacht des Guten gegen das Schlechte zu gewinnen, in dem Krieg, den Stephen King in all seinen Büchern beschreibt? Nun, der von Schuldgefühlen gequälte Polizist Anderson, die von ihrem Vorbild verlassene Privatdetektivin Holly Gibney und ihre bunte Schar Verbündeter finden, was heute kaum noch jemand sucht: Glauben, was wahr ist. Sagen, was klar ist. Einander vertrauen und nicht auf die Einflüsterungen derer hören, die ganz andere Interessen haben. Dann gibt es auch ein Happy End. Mit Tränen zwar. Aber bis zum nächsten Mal.
Donnerstag, 23. August 2018
Gerhard Gundermann: Der tiefe Fall von "Grigori"
Er wollte damals nichts mehr sagen. Gar nichts. Er wollte auch nicht, dass noch etwas geschrieben wird. "Lasst mich doch in Ruhe", meckerte Gerhard Gundermann damals, 1995,, "ich hab' genug am Hals wegen dieser Kiste." Die Kiste, das ist Gundermanns Vergangenheit. Mit elf Jahren Verspätung kehrte sie zurück: "Gundi", der singende Baggerfahrer, der in den neuen Bundesländern als eine Art Sprachrohr ostdeutschen Selbstbewußtseins galt, war zwischen 1976 und 1984 nicht nur Texter und Komponist für den FDJ-Singeklub "Brigade Feuerstein" gewesen. Sondern nebenbei auch noch der "IM Grigori" der Staatssicherheit.
Als Grigori gab Gundermann Briefe von Freunden ans MfS weiter. Er meldete Singeklub-Kollegen, die sich von einer Westtournee Funkgeräte mitbrachten. Und er teilte dem "Organ" alles mit, was er über die intimen Kontakte einer Bekannten zu einem französischen Bauarbeiter wusste. Gundermann war ein guter Spitzel. Der IM sei "ehrlich und zuverlässig", lobte sein Führungsoffizier, seine Berichte wurden als "umfassend und objektiv" geschätzt. Das MfS belobigt den "Kämpfer Grigori" mit der "Arthur-Becker-Medaille" und einer Obstschale, wie in Andreas Dresens neuem Film "Gundermann" zu sehen ist..
Und nun steht er da: Im blauweiß gestreiften Fleischerhemd wie immer, die Augen hinter der großen Goldrandbrille versteckt wie immer, und alle paar Minuten mit der Nase schniefend. Wie immer.
Nur die Leute beobachteten ihn seitdem reservierter, schien ihm. Aber das könne Einbildung sein. Viele wüssten es ja noch gar nicht. Denen sagte er es dann selber: "Ich habe mit dem MfS geredet", schnüffelte Gerhard Gundermann im Konzert gleich nach dem ersten Lied ins Mikrophon, "und dazu stehe ich." Jetzt, wo die Akte nun mal "raus" sei, wie Gundermann es nennt, wolle er "offensiv damit umgehen". Die Fans hier in Berlin, wo Gundermann den ersten Auftritt nach der "Kiste" hatte, klatschten solidarisch.
Die Karriere des Sängers aber, der hauptberuflich nach wie vor als Förderbrückenführer in einem Tagebau bei Cottbus arbeitet und in Ostdeutschland nicht zuletzt dieser Tatsache wegen als moralische Institution galt, war zu Ende. Alle Türen, die dem Vierzigjährigen gerade noch weit offenzustehen schienen, waren plötzlich zugeschlagen. Die große Plattenfirma, bei der Gundermann einen lukrativen Vertrag hatte unterschreiben sollen, zog ihr Angebot zurück als brenne es lichterloh.
Aus einem neuen Verlagsdeal wurde auch nichts. Und Radio Brandenburg, bis dahin so etwas wie Gundis Haussender, richtete ihn genüsslich hin. Sie spielten das Stück "Ich mache meinen Frieden", denn da singt Gundermann: "Wer mich angeschissen hat / will ich nicht mehr wissen." Und dann "Sieglinde", die Nummer, in der Gundermann einer verräterischen Freundin zu flotten Rockrhythmen verzeiht: "Sie sagen / Du hast mich belauscht / doch außer Dir hat mir nie einer zugehört / und schneller als das Wasser rauscht / hab' ich dir meine paar Geheimnisse diktiert". Dazu zwei, drei Zitate aus der Akte - das gab einen schönen Widerspruch zwischen Poesie und Petzbericht.
Auch Vivi Eikelberg, Chefin des Berliner Managementbüros Eikelberg's, das damals unter anderem Heinz Rudolf Kunze und Hermann van Veen vertrat, konnte für Gundermann nichts mehr tun. "Nach dieser Sache hat Gerhard keine Zukunft mehr im Westen", bedauert die Managerin, die mit dem "hochtalentierten Texter und Komponisten" eigentlich schon handelseinig war. Das mit der Stasi, das hatte Gundermann ihr gleich gesagt. "Aber mehr so nebenbei", erinnert sich Vivi Eikelberg. Es sei auch alles ganz harmlos gewesen.
Inzwischen hat auch die Managerin die Akte "Grigori" gelesen und hat ihre Meinung ändern müssen: "Er hat ja doch Sachen getan, die man kaum entschuldigen kann." Nun ja. Zum Glück war der Vertrag noch nicht unterschrieben, die Platte noch nicht produziert. Anderenfalls, Vivi Eikelberg kennt das Geschäft, wäre es schlimmer gekommen: "Wir machen eine Platte, gehen auf Promoreise, und pünktlich packt irgendwer die Akte auf den Tisch."
Ein späterer Zeitpunkt wäre noch schlimmer gewesen, dachte auch Klaus Koch. Koch ist Inhaber von Gundermanns Plattenfirma Buschfunk. "Er hätte nicht so lange schweigen dürfen", meint der Produzent. Wenn der Gundi gleich in die Offensive gegangen wäre? Vielleicht hätte das was geändert? Gelegenheiten gab es. Neulich zum Beispiel, als er diesen Auftritt beim ZDF-Talk zum Thema "Stasi-Akten - Deckel drauf?" hatte. Gundi musste bloß singen. Geredet hat er nicht.
Warum auch? "Wenn mich einer gefragt hat", sagt Gundermann, "habe ich's ja immer zugegeben." Im übrigen hat Gerhard Gundermann beim Stichwort "Stasi" stets zuerst an seine Opfergeschichte gedacht. Sechs Jahre unterm Brennglas. Parteiausschluss, Auftrittsverbot, Westreisesperre.
Das abgehörte Telefon. Erst später ist ihm eingefallen, dass da noch was war. Muss etwa zu der Zeit gewesen sein, als die Rundfunkmoderatoren Bertram und Kuttner in dicken Schlagzeilen als "Inoffizielle" geoutet wurden. "Ab dem Moment war der Gundi kein Mensch mehr", erinnert sich seine Frau Conny. "Du musst vor die Leute gehen, du musst das erklären", redete sie ihrem Mann zu. Doch da war der versprochene Verlagsvertrag, der große Plattendeal und die nächste Tour. Und überhaupt. Was erklären? Und wie? "Hätte ich etwa zwischen zwei Stücken sagen sollen: Ich war auch dabei - und nun machen wir mal wieder Musik?"
Mittlerweile hat Gundermann seine Akte Wort für Wort in seinen Computer getippt, "um das mal im Zusammenhang lesen zu können". Er hat nun doch seine Opferakte beantragt, in der Hoffnung, man könne "damit alles ein bisschen relativieren". Die Gauck-Behörde hat ihn bisher bloß vertröstet. Ein, zwei Jahre könne das schon dauern mit der Akteneinsicht. Ein, zwei Jahre, schätzt Vivi Eikelberg vom Managementbüro, werde es wohl auch dauern, bis "ein bißchen Gras drübergewachsen ist" und man es noch mal versuchen könne. Wenn überhaupt.
Bis dahin klappert Gundermann seine "Opfer" ab. Einer hat ihn zwar bei sich zu Hause empfangen, aber dann einfach nicht mit ihm geredet. Ein anderer gestand, die letzten Jahre immer Angst gehabt zu haben, Gundermann könne seinen Namen in seiner Opferakte finden.
Der dritte, vor siebzehn Jahren von seinem Singeklub-Kollegen Grigori bezichtigt, illegal Funkgeräte in die DDR geschmuggelt zu haben, hat bloß gelacht. Der Mann managt heute die Gruppe Keimzeit, Gundermanns Ostrock-Kollegen.
Die Funkgeräte, ist ihm jetzt eingefallen, hat er immer noch. Die haben nie richtig funktioniert.
Gundermann im Maulbeerbaum
Als Grigori gab Gundermann Briefe von Freunden ans MfS weiter. Er meldete Singeklub-Kollegen, die sich von einer Westtournee Funkgeräte mitbrachten. Und er teilte dem "Organ" alles mit, was er über die intimen Kontakte einer Bekannten zu einem französischen Bauarbeiter wusste. Gundermann war ein guter Spitzel. Der IM sei "ehrlich und zuverlässig", lobte sein Führungsoffizier, seine Berichte wurden als "umfassend und objektiv" geschätzt. Das MfS belobigt den "Kämpfer Grigori" mit der "Arthur-Becker-Medaille" und einer Obstschale, wie in Andreas Dresens neuem Film "Gundermann" zu sehen ist..
Alles wie immer
Und nun steht er da: Im blauweiß gestreiften Fleischerhemd wie immer, die Augen hinter der großen Goldrandbrille versteckt wie immer, und alle paar Minuten mit der Nase schniefend. Wie immer.
Nur die Leute beobachteten ihn seitdem reservierter, schien ihm. Aber das könne Einbildung sein. Viele wüssten es ja noch gar nicht. Denen sagte er es dann selber: "Ich habe mit dem MfS geredet", schnüffelte Gerhard Gundermann im Konzert gleich nach dem ersten Lied ins Mikrophon, "und dazu stehe ich." Jetzt, wo die Akte nun mal "raus" sei, wie Gundermann es nennt, wolle er "offensiv damit umgehen". Die Fans hier in Berlin, wo Gundermann den ersten Auftritt nach der "Kiste" hatte, klatschten solidarisch.
Die Karriere des Sängers aber, der hauptberuflich nach wie vor als Förderbrückenführer in einem Tagebau bei Cottbus arbeitet und in Ostdeutschland nicht zuletzt dieser Tatsache wegen als moralische Institution galt, war zu Ende. Alle Türen, die dem Vierzigjährigen gerade noch weit offenzustehen schienen, waren plötzlich zugeschlagen. Die große Plattenfirma, bei der Gundermann einen lukrativen Vertrag hatte unterschreiben sollen, zog ihr Angebot zurück als brenne es lichterloh.
Alle ziehen sich zurück
Aus einem neuen Verlagsdeal wurde auch nichts. Und Radio Brandenburg, bis dahin so etwas wie Gundis Haussender, richtete ihn genüsslich hin. Sie spielten das Stück "Ich mache meinen Frieden", denn da singt Gundermann: "Wer mich angeschissen hat / will ich nicht mehr wissen." Und dann "Sieglinde", die Nummer, in der Gundermann einer verräterischen Freundin zu flotten Rockrhythmen verzeiht: "Sie sagen / Du hast mich belauscht / doch außer Dir hat mir nie einer zugehört / und schneller als das Wasser rauscht / hab' ich dir meine paar Geheimnisse diktiert". Dazu zwei, drei Zitate aus der Akte - das gab einen schönen Widerspruch zwischen Poesie und Petzbericht.
Auch Vivi Eikelberg, Chefin des Berliner Managementbüros Eikelberg's, das damals unter anderem Heinz Rudolf Kunze und Hermann van Veen vertrat, konnte für Gundermann nichts mehr tun. "Nach dieser Sache hat Gerhard keine Zukunft mehr im Westen", bedauert die Managerin, die mit dem "hochtalentierten Texter und Komponisten" eigentlich schon handelseinig war. Das mit der Stasi, das hatte Gundermann ihr gleich gesagt. "Aber mehr so nebenbei", erinnert sich Vivi Eikelberg. Es sei auch alles ganz harmlos gewesen.
Inzwischen hat auch die Managerin die Akte "Grigori" gelesen und hat ihre Meinung ändern müssen: "Er hat ja doch Sachen getan, die man kaum entschuldigen kann." Nun ja. Zum Glück war der Vertrag noch nicht unterschrieben, die Platte noch nicht produziert. Anderenfalls, Vivi Eikelberg kennt das Geschäft, wäre es schlimmer gekommen: "Wir machen eine Platte, gehen auf Promoreise, und pünktlich packt irgendwer die Akte auf den Tisch."
Hätte ja geredet
Ein späterer Zeitpunkt wäre noch schlimmer gewesen, dachte auch Klaus Koch. Koch ist Inhaber von Gundermanns Plattenfirma Buschfunk. "Er hätte nicht so lange schweigen dürfen", meint der Produzent. Wenn der Gundi gleich in die Offensive gegangen wäre? Vielleicht hätte das was geändert? Gelegenheiten gab es. Neulich zum Beispiel, als er diesen Auftritt beim ZDF-Talk zum Thema "Stasi-Akten - Deckel drauf?" hatte. Gundi musste bloß singen. Geredet hat er nicht.
Warum auch? "Wenn mich einer gefragt hat", sagt Gundermann, "habe ich's ja immer zugegeben." Im übrigen hat Gerhard Gundermann beim Stichwort "Stasi" stets zuerst an seine Opfergeschichte gedacht. Sechs Jahre unterm Brennglas. Parteiausschluss, Auftrittsverbot, Westreisesperre.
Das abgehörte Telefon. Erst später ist ihm eingefallen, dass da noch was war. Muss etwa zu der Zeit gewesen sein, als die Rundfunkmoderatoren Bertram und Kuttner in dicken Schlagzeilen als "Inoffizielle" geoutet wurden. "Ab dem Moment war der Gundi kein Mensch mehr", erinnert sich seine Frau Conny. "Du musst vor die Leute gehen, du musst das erklären", redete sie ihrem Mann zu. Doch da war der versprochene Verlagsvertrag, der große Plattendeal und die nächste Tour. Und überhaupt. Was erklären? Und wie? "Hätte ich etwa zwischen zwei Stücken sagen sollen: Ich war auch dabei - und nun machen wir mal wieder Musik?"
Akte komplett abgetippt
Mittlerweile hat Gundermann seine Akte Wort für Wort in seinen Computer getippt, "um das mal im Zusammenhang lesen zu können". Er hat nun doch seine Opferakte beantragt, in der Hoffnung, man könne "damit alles ein bisschen relativieren". Die Gauck-Behörde hat ihn bisher bloß vertröstet. Ein, zwei Jahre könne das schon dauern mit der Akteneinsicht. Ein, zwei Jahre, schätzt Vivi Eikelberg vom Managementbüro, werde es wohl auch dauern, bis "ein bißchen Gras drübergewachsen ist" und man es noch mal versuchen könne. Wenn überhaupt.
Bis dahin klappert Gundermann seine "Opfer" ab. Einer hat ihn zwar bei sich zu Hause empfangen, aber dann einfach nicht mit ihm geredet. Ein anderer gestand, die letzten Jahre immer Angst gehabt zu haben, Gundermann könne seinen Namen in seiner Opferakte finden.
Der dritte, vor siebzehn Jahren von seinem Singeklub-Kollegen Grigori bezichtigt, illegal Funkgeräte in die DDR geschmuggelt zu haben, hat bloß gelacht. Der Mann managt heute die Gruppe Keimzeit, Gundermanns Ostrock-Kollegen.
Die Funkgeräte, ist ihm jetzt eingefallen, hat er immer noch. Die haben nie richtig funktioniert.
Gundermann im Maulbeerbaum
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Mittwoch, 22. August 2018
Sie sind unter uns: Goethes Begegnung der 3. Art
Es ist nicht irgendwer, der da an einem Septembertag des Jahres 1768 aus seiner Postkutsche steigt, ein paar Schritte zur Seite tritt und plötzlich wie erstarrt stehenbleibt. "Es blinkten in einem trichterförmigen Raume unzählige Lichtlein", beschrieb er später. "Eine Art wundersam erleuchtetes Amphitheater", von dem der Zeuge noch fast 45 Jahre später wissen wird, "dass das Auge davon geblendet wurde" und "dass sie flimmerten, aber nicht stillsaßen, sondern hin und wieder hüpften, sowohl von oben nach unten als umgekehrt und nach allen Seiten".
Johann Wolfgang von Goethe, kein Geringerer war der Postkutschenpassagier, war fasziniert, berauscht, beeindruckt. Und ratlos, denn eine Erklärung für das Phänomen, das er später in seiner Autobiografie "Dichtung und Wahrheit" beschrieb, fiel ihm partout nicht ein. Goethe, obschon Universalgelehrter und einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, wusste nichts von Außerirdischen. Er sah nur, verstand aber nicht.
In den "Atlas der außerirdischen Begegnungen" (Frederking & Thaler, 29,99 Euro), den der französische Schriftsteller Bruno Fuligni zusammengestellt hat, schaffte es der deutsche Dichterfürst nur wegen seiner blumigen Beschreibung des Unerklärlichen. Fuligni, selbsternannter "Experte für Geheimarchive" griff sie dankbar auf, als er daranging, eine Weltkarte der Welträtsel zu entwerfen. Von den prähistorischen Astronauten, die Felsritzungen aus dem Mesolithikum zeigen - samt Handfeuerwaffe und Navigationsgerät - über das Leuchtkreuz, das die französische Stadt Migné anno 1826 plötzlich erleuchtet haben soll, bis zum "Tor zur Innenwelt", über das der russische Schriftsteller Antoni Ossendowski auf seiner Flucht vor Lenins Revolutionären zufällig irgendwo in der Mongolei gestolpert sein will, bleibt keine Legende unerwähnt, so erstaunlich unmöglich sie auch klingt.
Dänikens Idee, bei den Kratzzeichnungen in der peruanischen Steinwüste könne es sich um einen "Flugplatz" handeln, wird ebenso erwähnt wie der Alien-Kirchengründer Emanuel Swedenborg und die brasilianische Ufo-Insel Trindade, auf der 48 Menschen im Jahr 1958 einer Ufo-Landung beigewohnt haben wollen.
Es fehlt keiner der bekannten spektakulären Fälle. Wohl aber einige der am besten dokumentierten Ereignisse aus Ostdeutschland - so ein angeblicher Ufo-Überflug über Halle, bei dem fünf Polizeibeamte im Februar 1985 zwischen 23.40 und 23.50 Uhr von vier Orten im Stadtgebiet aus dieselbe Beobachtung eines nach Norden fliegenden Objektes machen, das dann plötzlich zerplatzt. Obwohl die Staatssicherheit damals sofort ermittelt und Minister Erich Mielke selbst auf dem Laufenden gehalten wird, findet der diensthabende MfS-Major Herbert Jeschke keine Hinweise auf einen Absturzort des von einem der Volkspolizisten als "zigarrenähnlich" beschriebenen Flugkörpers, der von einem anderen Zeugen als eher "länglich-viereckiger Körper" wahrgenommen worden war.
Der Vorfall blieb geheim, obwohl die Uno schon 1978 ihre Resolution 33/426 verabschiedet hatte, die die Mitgliedsstaaten dazu aufforderte, "geeignete Schritte zur Untersuchung außerirdischen Lebens einschließlich unidentifizierter fliegender Objekte" zu unternehmen.
So eifrig die USA war, die allein im Air-Force-"Projekt Blue Book" 12 618 Ufo-Sichtungen anhäufte, so zurückhaltend wurde in Deutschland mit dem Thema umgegangen. So erklärte der damalige Staatssekretär Peter Altmaier am 12. Juni 2008 , dass es "keine Erkenntnisse über Sichtungen sogenannter Ufos bzw. Außerirdischer in Deutschland" gebe. Entsprechend seien auch keine Akten über Ufo-Sichtungen vorhanden.
Sonntag, 5. August 2018
DDR-Geschichte: Honeckers vergessener Aufstand gegen Moskau
An den 16. April 1983 erinnert sich Egon Krenz noch ganz genau. Damals wird der Chef der DDR-Jugendorganisation FDJ aus dem "Großen Haus" angerufen, wie die FDJ-Funktionäre unter sich den Sitz des SED-Zentralkomitees nennen. Am Apparat: Erich Honecker, höflich wie immer, weiß Krenz heute noch. "Komm doch bitte gleich mal rüber", habe der Generalsekretär und Staatschef gesagt.
Anfang eines geheimen Aufstandes
Es ist der Anfang eines Aufstandes, der bis heute geheim geblieben ist. Krenz, damals mit Mitte 40 der jüngste Großfunktionär der DDR und damit automatisch hochgehandelt für die Nachfolge des 25 Jahre älteren Staats- und Parteichefs Honecker, glaubt zuerst an ein Personalgespräch. Wird aber in den folgenden Stunden zum eigenen Erstaunen Honeckers geheimer China-Botschafter.
Eine Mission in den Haarrissen der Blockpolitik, wie Krenz in seinem Buch "China - wie ich es sehe" (Edition Ost, 160 Seiten 12,99 Euro) beschreibt. Seit sich die Sowjetunion und China nach Stalins Tod überworfen haben, weil dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow und Chinas Parteiführer Mao Zedong im Streit um die Führung der kommunistischen Weltbewegung immer härter aneinandergerieten, hält auch die DDR strikte Distanz zum Regime in Peking, obwohl das die DDR als einer der ersten Staaten anerkannt hatte. Dankbar kein aber gibt es nicht in der Weltpolitik.
Denn der große Bruder in Moskau erzwingt Gefolgschaft, China ist weit weg, der russische Rock näher als die chinesische Hose. So kommt es 1963 bei einem SED-Parteitag während der Rede des als Gast geladenen Chinesen Wu Xiuquan zu demonstrativen Tumulten. SED-Delegierte versuchen, den Gast mit Lärm und Getöse zu zwingen, seine als sowjetfeindlich begriffene Rede zu beenden. Wu antwortet danach kalt: Er habe nun ja die "Zivilisation" der deutschen Genossen kennengelernt.
Neuanfang ohne Moskau
20 Jahre danach ist Mao, der Massenmörder und selbsternannte Prophet des großen Sprungs zum Kommunismus, tot. Und Erich Honecker unzufrieden damit, dass die sowjetische Führung dennoch nie versucht hat, so Krenz, "eine große sozialistische Gemeinschaft vom chinesischen Meer im Osten bis an die Elbe und Werra im Westen zu bilden". der DDR-Staats- und Parteichef sieht in genau so einer Allianz eine Möglichkeit - vielleicht die letzte - den schwindenden Einfluss der selbsternannten sozialistischen Ländern auf die Weltpolitik zu stärken und den stagnierenden Ausbau des sozialistischen Weltsystems wieder in Fahrt zu bringen.
Aus Honeckers Sicht ergibt sich eine Gelegenheit zu einem ersten Schritt daraus, dass mit Hu Yaobang ein Mann die Führung der KP Chinas übernommen hat, den Honecker noch aus seiner Zeit an der Spitze der FDJ kennt. Yaobang sei ein Freund aus Jugendzeiten, erzählt er Krenz, den er, Honecker aber nicht direkt kontaktieren könne, ohne den Zorn Moskaus zu erregen.
Einsatz Krenz, Ball über die Bande. Der FDJ-Chef wird beauftragt, mit dem Chef einer chinesischen Zeitung, der sich in der DDR aufhält, zu sprechen, um diesem mitzuteilen, dass die DDR großes Interesse an guten Beziehungen zu Peking habe. Der Mann werde diese Botschaft dann an Hu Yaobang weitergeben, Moskau zwar schäumen, aber "wenn man dich dafür kritisiert", gibt Honecker Krenz mit, "kann ich das auf deine Unerfahrenheit schieben."
Honeckers Manöver gegen Gorbatschow
Das Manöver glückt. Es beginnt ein "intensiver Delegationsaustausch zwischen Berlin und Peking", wie Krenz es nennt. Die erhoffte Annäherung zwischen Moskau und den chinesischen Brüdern allerdings gelingt weder unter Juri Andropow noch unter Nachfolger Michael Gorbatschow, für den DDR-Abgesandte wie Wirtschaftschef Gerhard Schürer sogar direkte Botschaften entgegennehmen. Das Verhältnis aber bleibt angespannt, Gorbatschow lässt alle Avancen unbeantwortet. Für Egon Krenz endet sein chinesisches Abenteuer im Desaster: 1989 besucht der Hoffnungsträger der SED-Reformer China und danach lobt er das Massaker vom Tian'anmenplatz als Beitrag zur "Wiederherstellung der Ordnung".
Noch vor Antritt der Nachfolge Honeckers ist der Kronprinz verbrannt.
Donnerstag, 26. Juli 2018
The Alarm: Ein neues Kapitel
Rory Macdonald und Mike Peters gingen mit ihren Bands Runrig und The Alarm stets eigene Wege. Im vierten Jahrzehnt drehen der Schotte und der Waliser noch einmal auf.
Es ist eine Stimme aus der Vergangenheit, die da zu vorsichtigen Gitarrenakkorden „Ohoho“ ruft. Rockpalast 1984, Markthalle Hamburg, auf der Bühne vier Männer mit hochtoupiertem Haar und akustischen Gitarren. Eine Band wie eine Mischung aus Robert Smith von The Cure und Bob Dylan, im Mittelpunkt ein blonder Schlacks, der vom „Blaze of glory“ singt und von einem Marsch für die Freiheit.
Der Mann heißt Mike Peters, die Band nennt sich The Alarm. Neben den irischen Kollegen von U2 und den Schotten von Big Country sind die vier Mittzwanziger aus dem Örtchen Rhyl in Wales die Spitze einer neuen Generation von Gitarrenbands inmitten eines Heeres aus Gruppen, die eher elektronische Musik machen. The Alarm zeichnet zudem aus, dass die Gruppe, zu der anfangs auch der spätere World Party-Gründer Karl Wallinger gehört, elektrisch verstärkte Akustik-Gitarren verwendet, um ihren hymnischen und immer wieder auf die walisischen Wurzeln verweisenden Folkrock zu spielen. Eine Gemeinsamkeit, die sie mit den schottischen Kollegen von Runrig verbindet, die ein paar Jahre früher als reine Folkband starteten, später Rockelemente einbauten und wenig später mit dem Album „The Cutter and the Clan“ zum ersten Mal in der Hitparade auftauchten.
Dreißig Jahre und zwei gänzlich gegensätzlich verlaufende Karrieren sind die geistesverwandten 80er-Veteranen zurückgekehrt, auch das aber wieder auf ganz verschiedenen Wegen. Während Runrig sich mit einem Doppel-Album namens „Best of Rarities“ von ihrem Anhang aus sogenannten Riggies verabschieden, schlägt Mike Peters mit dem zwölften Alarm-Album „Equals“ nach acht Jahren Studiopause ein neues Kapitel für die legendäre Band auf. Auf die ersten „Ohohos“ in „Two Rivers“, dem Opener des Werkes, folgen plötzlich elektronische Beats, beim nächsten Song „Beautiful“ klingen US-Punkbands an, ehe das Titelstück balladesk beginnt wie der Bandklassiker „Eye of a hurricane“.
Mit knapp 60 hat sich Peters, Mitte des vergangenen Jahrzehnts zweimal schwer an Krebs erkrankt, noch einmal neu erfunden. Kritisch wie schon seinerzeit mit „Across the boarder“ oder „Hardland“ vermählen Peters, Gitarrist James Stevenson, Bassmann Craig Adams und Drummer Derek Forbes Springsteen-Attitüde und Folkrock-Gefühl. Schmutzig, handgemacht und immer wieder mit unwiderstehlichen Melodien versehen, ist das sechste Album der Ende der 90er Jahre neuformierten Gruppe deren vorläufiges Meisterwerk. The Alarm, einst wie Runrig Vorreiter auch beim Versuch, Rockmusik mit Texten in gälischer und walisischer Sprache zu machen, klingen geerdet, zugleich aber frisch wie eine Newcomerband, die noch Spaß daran hat, Dinge auszuprobieren und ohne Vorfestlegungen draufloszuspielen.
Runrig, seit den allerersten Anfängen in den 70er Jahren die Familiencombo der Macdonald-Brüder, die zeitweise zu dritt im Lineup vertreten waren, versucht dergleichen gar nicht erst. „Best of Rarities“ ist ein Nachruf aus eigener Feder, eine Zusammenstellung von zum Teil wieder gälisch gesungenen Live-Aufnahmen aus den Jahren 1993 bis 2016, aufgehübscht mit einer Neueinspielung des schwergewichtigen Abschiedsstückes „Somewhere“, das besonders gut passt, weil sich Runrig nach 45 Jahren auf der Bühne in diesem Sommer mit einem letzten gewaltigen Open-Air-Konzert verabschieden wollen. „The Last Dance“ überschrieben, sollte dieses finale Konzert im City Park im schottischen 36 000-Einwohner-Städtchen Stirling die Bandgeschichte mit einem letzten großen Hymnensingen beenden. Die Karten für das Konzert am 18. August waren so schnell vergriffen, dass die Macdonald-Brüder ein zweites Konzert am Vortag planen, um dem Andrang einigermaßen beikommen zu können.
Mike Peters jagt derweil noch anderen Träumen nach: Wie in den großen Tagen, als seine Band versuchte, den US-Markt zu knacken, geht der 59-Jährige diesen Sommer auf US-Tournee. Der „Mann in der Tarnjacke“, wie ihn der Filmemacher Russ Kendall in einer abendfüllenden Dokumentation über den Weg zum Ruhm, den Kampf gegen die schwere Krankheit und die Rückkehr auf die Bühne nannte, will es noch einmal wissen. Mit guten Argumenten: Seit Songs von The Alarm immer öfter als Unterlegmusik in Netflix-Serien wie „„Tote Mädchen lügen nicht“ verwendet werden, entdecken neue, junge Hörer das Schaffen der Waliser.
Die ersten Testkonzerte im Mai in New York waren ausverkauft.
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Donnerstag, 19. Juli 2018
Berlin 1988: Springsteen bricht die Mauer
Im Juli 1988 spielte Bruce Springsteen in Ostberlin - Das größte Konzert der DDR-Geschichte blieb das letzte. Offiziell waren 160 000 Karten verkauft, mehr als 200 000 Menschen gekommen: Zusammen mit Bruce Springsteen sangen sie am 19. Juli 1988 "Born In The USA" - ein Abgesang auf die DDR.
Nach anderthalb Stunden ging nichts mehr. "Ich musste mich ausklinken", erinnert sich Dirk Götze an den Tag vor 20 Jahren, an dem die trübe DDR zur Deutschen Demokratischen Rockrepublik wurde. Eine Woche zuvor erst hatte die Nachrichtenagentur ADN gemeldet, dass beim "5. Berliner Rocksommer der FDJ der US-Rockstar Bruce Springsteen" auftreten werde. Eine Völkerwanderung zur Radrennbahn in Berlin Weißensee setzte ein, die für den Merseburger Springsteen-Fan Dirk Götze erst irgendwo in Reihe 15 endet, direkt vor der Bühne. "Da war so viel Alarm, dass ich den Rest von der Seite aus ansehen musste."
Es ist kein Konzert wie jedes andere - auch für den US-Musiker nicht. Sechs Jahre zuvor war der Sohn eines Taxifahrers aus New Jersey zum ersten Mal in Ostberlin gewesen. Springsteen hatte sich die Mauer angeschaut - und seinem Manager Jon Landau seitdem in den Ohren gelegen, ihm ein Konzert im Ostblock zu organisieren.
Ein utopisches Vorhaben. Immerhin gilt Bruce Springsteen, obschon Kritiker amerikanischer Zustände, den Genossen als unverbesserlicher US-Patriot. 1984 aber darf plötzlich seine Platte "Born in The USA" in der DDR erscheinen. Und als die Freie Deutsche Jugend (FDJ) 1987 beginnt, die gefürchteten Rockkonzerte im Westteil Berlins mit eigenen Pop-Festivals zu bekämpfen, ist der flugs zum Arbeiterkind umdeklarierte Rocker ein naheliegender Kandidat. Springsteen macht es der FDJ leicht. Eine Million in DDR-Mark will er als Gage, für 340 000 Mark mehr willigt seine Plattenfirma sogar ein, das Konzert in Fernsehen und Radio übertragen zu lassen.
Vom frühen Morgen des denkwürdigen Dienstag an wälzt sich ein endloser Strom von Jugendlichen nach Berlin. Ausnahmsweise gibt es die Karten zum Preis von 19,95 Mark plus fünf Pfennig "Kulturabgabe" nicht nur für ausgewählte FDJler und Bestarbeiter. So sind die Züge überfüllt, aus Trabis hängen selbstgemalte US-Fahnen, aus Kassettenrecordern dröhnen Hits wie "Hungry Heart" und "Glory Days".
Springsteen, begleitet von einem 140-köpfigen Tross, sitzt da schon in einem Zelt im Backstage, nur geschützt von einem Schild an der Tür, auf dem "Please knock and wait" steht. Kurz nach sieben springt er auf die Bühne, lässt die Gitarre zu "Badlands" bellen und badet im Jubel der Massen, die die Wiese bis zum Horizont füllen. US-Fahnen werden geschwenkt, das anwesende Stasi-Kommando beschränkt sich darauf, die Fans zu bitten, sie nicht direkt in die Kameras zu halten. "Ein Eingreifen", vermerkt ein Beamter, "war nicht nötig und nicht möglich."
Nur Springsteen, von seinen Fans "The Boss" genannt, kommandiert hier. Als er bemerkt, dass sein Konzert von der FDJ unter dem Motto "Nikaragua im Herzen" angepriesen wird, grummelt es kurz. Dann werden die Plakate abgehängt. Jetzt aber ist auch dem Musiker klar geworden, dass hier kein normales Konzert läuft. Springsteen bittet seinen Fahrer Georg Kerwinski, ihm einige Sätze auf Deutsch aufzuschreiben: "Ich bin nicht hier für oder gegen eine Regierung", will er sagen, "ich bin hier, um Rock'n'Roll zu spielen - in der Hoffnung, dass eines Tages alle Mauern umgerissen werden."
Springsteen nestelt schon nach dem Zettel, als Jon Landau draußen den Text liest und das Wort "Mauern" sieht. Mauern geht gar nicht, weiß der Ex-Journalist. Während die Band das Intro zum Dylan-Song "Chimes Of Freedom" spielt, schickt er Kerwinski eilig auf die Bühne, um dem Boss stattdessen "Barrieren" ins Ohr zu brüllen.
Diplomatisch, aber nicht diplomatisch genug: DDR-Fernsehen und Radio blenden das Grußwort des amerikanischen Gastes aus. Die Botschaft aber ist längst angekommen. Barrieren, Mauern, Ost und West? Was zählt das, wenn 200 000 ostdeutsche Kehlen "Born To Run" singen und ein Mädchen aus Thüringen bei "Dancing in the Dark" auf der Bühne mit dem Boss tanzen darf.
"Das war das größte Konzert, das wir je gemacht haben", beschreibt Springsteen später. Etwas habe in der Luft gelegen an jenem magischen Juli-Abend des Jahres 1988, glaubt Springsteen, der sich immer noch "gut an einzelne Gesichter in der Menge" erinnert und daran, dass "die Leute US-Flaggen aus Kleidungsstücken zusammengeflickt" hatten. Fahnen der Sehnsucht, Symbole dafür, dass die DDR am Ende war. 16 Monate später fällt die Mauer, alle Barrieren werden umgerissen.
Dirk Götze ist bis heute Springsteen-Fan.
Samstag, 30. Juni 2018
Defa-Filmlegenden: Trompeterlied im Schweinsgalopp
Es beginnt, wie solche Filme immer beginnen. Nur ein bisschen schneller. Der Trompeter hat wohl Jagdwurst gefressen, würde der Hallenser sagen, denn am Anfang des Defa-Filmes „Das Lied vom Trompeter“ eilt das bekannte Trompeterlied im Schweinsgalopp vorüber.
Das ist dennoch der echte, der völlig unverfälschte Konrad-Petzold-Klassiker aus dem Jahr 1964: Im Garten hinter dem Volkspark steht Günther Simon als Ernst „Teddy“ Thälmann, und schickt seinem Freund Fritz Weineck mit bebender Stimme ein paar rührende Worte hinterher. Dann reißen sich alle die Mützen vom Kopf. Fred Delmare als Kleckchen. Jürgen Frohriep. Und Rolf Römer.
Die Trompete weint aus dem Off herein. Der größte hallesche Lokalmythos der Neuzeit, er war jahrzehntelang vergessen, obwohl nicht nur die Trompetergeschichte selbst, sondern auch ihre Übersetzung in Propaganda-Kunst ein ganz und gar hallesches Thema war. Otto Gotsche, Sohn eines Eisleber Bergmannes, Widerstandskämpfer, Künstler und später SED-Funktionär, schrieb die ebenso rührende wie klassenkampftaugliche Tragödie des jungen Fritz Weineck auf, der die Musik liebt, aber im Kugelhagel einer arbeiterfeindlichen Soldateska stirbt, weil er seine Klasse nicht verrät. Vor dem Mauerbau geschrieben, wurde das Buch drei Jahre später zum Drehbuch.
Die Defa-Gruppe „Konkret“ drehte an den Originalschauplätzen, so dass die 81 Minuten zu einer Zeitreise in ein Halle werden, dessen Hinterhöfe, Straßen und Plätze, Backsteinmauern und Ladeninschriften die 20er Jahre auch in den 60ern noch gut nachzustellen wussten. Horst Jonischkan spielt den Fritz Weineck als Träumer, der durch Glaucha läuft oder am Saaleufer sitzt und Mundharmonika spielt. „Ich möchte so gern Musik machen“, sagt er und schaut verloren über den Fluss.Es wird anders kommen, denn die Zeiten sind so.
In satten Schwarz-weiß-Tönen mit Hilfe des Totalvision-verfahrens sparsam auf 35-Millimeter-Film, dennoch aber im Kino-Breitbildforma gedreht, benutzt der spätere Indianerfilm-Spezialist Petzold die Biografie des Bürstenbinders, der im Roten Frontkämpferbund seine Klassenwurzeln entdeckt, als Leinwand, auf der ein Zeitpanorama nach SED-Lehre abläuft: Reiche tragen Pelze, horten Würste und sprechen mit keifender stimme. Arme teilen gern, reden nachdenklich und tragen ihr Schicksal mit kämpferischem Mut. „Die Brigade Halle schlägt Dich kurz und klein, Du Arbeiterschwein“, singt die Konterrevolution im Keller, während Fritz Weineck sich schon entschlossen hat. „Ich lenk´ sie auf mich, ihr nehmt die Gewehre“, sagt er.
Diesmal kriegen sie ihn noch nicht, doch der Kampf geht weiter und am Ende ist Fritz tot. Die Szenen im Volkspark, der viel kleiner scheint als in Wirklichkeit, sind beeindruckend dicht komponiert, doch die Dramaturgie folgt keiner Logik, sondern den Erfordernissen des politischen Kampfes: Der Saalschutz der Arbeiter formiert sich vor Teddy, dem Führer und KPD-Präsidentschaftskandidat. Ein heute nur noch als „Leutnant Pietzger“ bekannter Schutzpolizist schießt dennoch, während Fritz warnend seine Trompete bläst. Frauen schreien. Die Kamera wackelt. Ein Geländer bricht. Panik. Tod. Fritz springt Helga Göring bei, die seine Mutter spielt. Von hinten naht ein Schupomann und schießt ihm in den Rücken.
Eine Legende ist geboren, die auf DVD weitergeht. Der Agitprop-Film von einst ist der Kultfilm von heute.
Filme aus Halle: „Fritz Weineck“ Horst Jonischkan spielt auch in der Konrad-Wolf-Verfilmung „Der geteilte Himmel“ mit, die auf Basis des gleichnamigen Buches von Christa Wolf entstand, das die Autorin während ihrer Jahre in Halle geschrieben hatte. Deshalb wurde auch in Halle gedreht, unter anderen im Waggonbau Ammendorf. Wolf hatte zuvor schon „Professor Mamlock" in Halle gedreht, vor allem eine Villa zwischen Kirchtor und Neuwerk spielt in dem Film eine große Rolle.
Drehort für den 2005 vom New Yorker Museum of Modern Art in New York gefeierten Film „Das zweite Gleis“ war dagegen der Güterbahnhof in Halle, "Rabenvater" mit Uwe Kickisch entstand im Jahr 1986 dann hauptsächlich in Halle-Neustadt. Die unweit von Halle gelegenen Muschelkalkhänge von Köllme wiederum dienten beim Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" als Kulisse, während "Das Fahrrad“ Heidemarie Schneider in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter Anfang der 80er Jahre zeigt, die in Halles Altstadt mit DDR-typischen Problemen fertigwerden muss.
Das ist dennoch der echte, der völlig unverfälschte Konrad-Petzold-Klassiker aus dem Jahr 1964: Im Garten hinter dem Volkspark steht Günther Simon als Ernst „Teddy“ Thälmann, und schickt seinem Freund Fritz Weineck mit bebender Stimme ein paar rührende Worte hinterher. Dann reißen sich alle die Mützen vom Kopf. Fred Delmare als Kleckchen. Jürgen Frohriep. Und Rolf Römer.
Die Trompete weint aus dem Off herein. Der größte hallesche Lokalmythos der Neuzeit, er war jahrzehntelang vergessen, obwohl nicht nur die Trompetergeschichte selbst, sondern auch ihre Übersetzung in Propaganda-Kunst ein ganz und gar hallesches Thema war. Otto Gotsche, Sohn eines Eisleber Bergmannes, Widerstandskämpfer, Künstler und später SED-Funktionär, schrieb die ebenso rührende wie klassenkampftaugliche Tragödie des jungen Fritz Weineck auf, der die Musik liebt, aber im Kugelhagel einer arbeiterfeindlichen Soldateska stirbt, weil er seine Klasse nicht verrät. Vor dem Mauerbau geschrieben, wurde das Buch drei Jahre später zum Drehbuch.
Die Defa-Gruppe „Konkret“ drehte an den Originalschauplätzen, so dass die 81 Minuten zu einer Zeitreise in ein Halle werden, dessen Hinterhöfe, Straßen und Plätze, Backsteinmauern und Ladeninschriften die 20er Jahre auch in den 60ern noch gut nachzustellen wussten. Horst Jonischkan spielt den Fritz Weineck als Träumer, der durch Glaucha läuft oder am Saaleufer sitzt und Mundharmonika spielt. „Ich möchte so gern Musik machen“, sagt er und schaut verloren über den Fluss.Es wird anders kommen, denn die Zeiten sind so.
In satten Schwarz-weiß-Tönen mit Hilfe des Totalvision-verfahrens sparsam auf 35-Millimeter-Film, dennoch aber im Kino-Breitbildforma gedreht, benutzt der spätere Indianerfilm-Spezialist Petzold die Biografie des Bürstenbinders, der im Roten Frontkämpferbund seine Klassenwurzeln entdeckt, als Leinwand, auf der ein Zeitpanorama nach SED-Lehre abläuft: Reiche tragen Pelze, horten Würste und sprechen mit keifender stimme. Arme teilen gern, reden nachdenklich und tragen ihr Schicksal mit kämpferischem Mut. „Die Brigade Halle schlägt Dich kurz und klein, Du Arbeiterschwein“, singt die Konterrevolution im Keller, während Fritz Weineck sich schon entschlossen hat. „Ich lenk´ sie auf mich, ihr nehmt die Gewehre“, sagt er.
Diesmal kriegen sie ihn noch nicht, doch der Kampf geht weiter und am Ende ist Fritz tot. Die Szenen im Volkspark, der viel kleiner scheint als in Wirklichkeit, sind beeindruckend dicht komponiert, doch die Dramaturgie folgt keiner Logik, sondern den Erfordernissen des politischen Kampfes: Der Saalschutz der Arbeiter formiert sich vor Teddy, dem Führer und KPD-Präsidentschaftskandidat. Ein heute nur noch als „Leutnant Pietzger“ bekannter Schutzpolizist schießt dennoch, während Fritz warnend seine Trompete bläst. Frauen schreien. Die Kamera wackelt. Ein Geländer bricht. Panik. Tod. Fritz springt Helga Göring bei, die seine Mutter spielt. Von hinten naht ein Schupomann und schießt ihm in den Rücken.
Eine Legende ist geboren, die auf DVD weitergeht. Der Agitprop-Film von einst ist der Kultfilm von heute.
Filme aus Halle: „Fritz Weineck“ Horst Jonischkan spielt auch in der Konrad-Wolf-Verfilmung „Der geteilte Himmel“ mit, die auf Basis des gleichnamigen Buches von Christa Wolf entstand, das die Autorin während ihrer Jahre in Halle geschrieben hatte. Deshalb wurde auch in Halle gedreht, unter anderen im Waggonbau Ammendorf. Wolf hatte zuvor schon „Professor Mamlock" in Halle gedreht, vor allem eine Villa zwischen Kirchtor und Neuwerk spielt in dem Film eine große Rolle.
Drehort für den 2005 vom New Yorker Museum of Modern Art in New York gefeierten Film „Das zweite Gleis“ war dagegen der Güterbahnhof in Halle, "Rabenvater" mit Uwe Kickisch entstand im Jahr 1986 dann hauptsächlich in Halle-Neustadt. Die unweit von Halle gelegenen Muschelkalkhänge von Köllme wiederum dienten beim Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" als Kulisse, während "Das Fahrrad“ Heidemarie Schneider in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter Anfang der 80er Jahre zeigt, die in Halles Altstadt mit DDR-typischen Problemen fertigwerden muss.
Samstag, 16. Juni 2018
Alter Schlachthof Halle: Aufgerissene Eingeweide
Ganz zuletzt floß nur noch Kunstblut, einen Abend lang. Die Kapelle Gwar war zu Gast im Alten Schlachthof von Halle, einem aus Backsteinen gemauerten Stück Geschichte der einstigen Industriemetropole an der Saale. Seitdem verrottet und zerfällt das mäandernde Gelände direkt an den Gleisanlagen der Bundesbahn in aller Ruhe.
Nur gelegentlich kommen Grafittimaler und Verfassungsfeinde, um sich im Hinterhof zu sonnen und verbotene Parolen an die Fliesenwände zu krakeln. Autodiebe haben hier, wo früher Tiere zu Tausenden den Weg allen Fleisches gingen, um die unersättliche Stadt zu füttern, ihre überzählige Beute abgestellt. Zuhälter parken nicht mehr benötigte Wonnewagen. Aus dem Mauerwerk aber dringt kein Blut aus, nirgends, es ist totenstill, keine verlorene Kuhseele und kein Geist eines gemeuchelten Schweins spukt durch den Hallen.
"Vendetta" hat jemand mit augenfälliger Rechtschreibschwäche auf einen Wohnanhänger geschmiert, nebenan lagern arbeitsscheue Zeitungszusteller seit Jahren günstig die Blätter, die sie eigentlich austragen sollen. Vor drei Jahren brannte der Schlachthof zum ersten Mal, seitdem haben die feuer nie wieder richtig aufgehört, obwohl der Besitzer einmal wechselte und dann gleich noch einmal und frühere Pläne vom Aufbau einer neuen Art von Nachbarschaft angesichts dessen, was die neuen Investoren hier schaffen wollen, sehr bescheiden wirken.
Allein, es tut sich nichts. Das Areal am Güterbahnhof mit weitläufigen Markthallen, Wasserturm und Verwaltungsgebäude steht leer und verfällt, Handel, Künstleratelier, Wohnungen, bisher ist alles Schall und Rauch und bröcklige Wände. Das Projekt, wenn es wird, soll groß werden, riesig, die Krönung eines neuen Boomviertels, als das das Rathaus die nebenstehende Siedlung schon vor langer Zeit ausgerufen hat.
Mittwoch, 30. Mai 2018
Spukhafte Fernwirkung: Als Einstein Gott Vorschriften machte
Albert Einstein veröffentlichte 1905 die spezielle Relativitätstheorie und revolutionierte die gesamte Physik - für viele eine harte Nuss. Ein weiterer Versuch populärer Erklärung.
Albert Einstein ahnte nur, dass es jenseits der Physik noch etwas geben muss. Heute gilt die Quantenphysik als letzter Stand der Wissenschaft - verstehen aber kann sie nur, wer sie sich von kundigen Männern wie Anton Zeilinger erklären lässt. Ein ganz klein wenig Hexerei ist dabei. Stellen wir uns Folgendes vor: Zwei Photonen, also Lichtteilchen, die mit Hilfe eines Lasers und eines Prismas im Labor miteinander "verschränkt" wurden - in einfachen Worten. Diese Photonen sind winzig klein, man kann sie nicht sehen, man weiß nur, dass sie da sein müssen. Und weil sie da sind, weiß man, dass eines von ihnen die bestimmte Eigenschaft A hat, während das andere die bestimmte Eigenschaft B in sich trägt. Welche Eigenschaft das eine hat, hängt ganz davon ab, welche im anderen enthalten ist.
Zu kompliziert? Schwer verständlich? Das fand Einstein auch. Also machen wir es doch gleich noch ein bisschen schwieriger: Keines der beiden verschränkten Teilchen kennt seine eigene Eigenschaft. Denn die wird erst festgelegt, wenn ein Beobachter von außen sie zu ergründen versucht - wie zwei Würfel mit nur zwei Buchstaben, die erst eine Zahl zeigen, wenn sie geworfen worden sind. Dann aber, und das ist wirklich wahr, entscheidet sich nicht nur das eine Quant für Eigenschaft A oder B. Sondern ganz automatisch auch das andere - hat ein Würfel das "A", zeigt der andere das "B" und umgekehrt. Und nun halten wir uns mal fest, denn was jetzt kommt, ist mehr als nur ein bisschen Hexerei: Dabei ist völlig egal, welcher Abstand zwischen beiden Teilchen liegt. Und gleichgültig, dass es keinerlei Verbindung zwischen ihnen gibt.
Albert Einstein nannte das einst "spukhafte Fernwirkung
Und im Bauplan des Kosmos ist Einsteins "spukhafte Fernwirkung" nun mal ein Fakt, wie der Wiener Physik-Professor Anton Zeilinger auf einer eben erschienenen Doppel-CD gleichen Namens ausführt. Die, als Teil einer populärwissenschaftlichen Hörbuch-Reihe im Kölner Supposé-Verlag erschienen, versucht, Leuten die Quantenphysik zu erklären, die bei dem Wort allein schon an langweilige Gleichungsketten und endloses Formelgewimmel denken. Ein Vorhaben, das Zeilinger, im vergangenen Jahr Leiter eines Aufsehen erregenden Experiments, bei dem es erstmals gelang, Lichtteilchen durch ein Glasfaserkabel unter der Donau hindurch zu beamen, mit Wiener Charme und nahezu ohne Fachausdrücke erledigt. Locker plaudernd beschreibt der 60-jährige Experimentalphysiker eine Welt, in der ganz andere Gesetze gelten als in unserem Alltag. Eine Welt ist dies, in der Dinge zugleich da und dort sein können und in der der Zufall kein Ergebnis von beeinflussbaren Faktoren, sondern reine, pure Willkür ist.
Zeilinger, ein wuschliger Charakterkopf von Reinhold-Messner'schem Format, bemüht einprägsame Beispiele, um klarzumachen, was die Welt im Innersten zusammenhält. "Wenn ein Spiegel genau halb durchsichtig ist", beschreibt er, "geht die Hälfte des Lichtes hindurch und die andere Hälfte wird reflektiert." Soweit, so gut. Was aber geschieht mit einem einzelnen Photon, das auf den Spiegel trifft? Wird es zurückgeworfen? Oder durchgelassen? "Niemand weiß das", sagt Anton Zeilinger, "nicht einmal das Photon selbst."
Und all unsere Wissenschaft kann daran nichts ändern. Einstein meinte einst, die Welt könne gar nicht so verrückt sein, wie uns die Quantenmechanik glauben machen will. "Heute aber wissen wir, die Welt ist so verrückt", zitiert Anton Zeilinger seinen amerikanischen Forscherkollegen Daniel Greenberger. Im Reich der Quanten können Teilchen an verschiedenen Orten zugleich sein, und auch die Regel, dass Dinge selbst dann existieren, wenn sie niemand sieht - wie die Sonne, die auch scheint, wenn keiner hinschaut -gilt nicht mehr.
Das ist im ersten Moment verstörend. Männer wie Anton Zeilinger aber sehen vor allem "Die Schönheit der Quantenphysik" (CD-Untertitel) und die Fülle der neuen Möglichkeiten, die in Einsteins "spukhafter Fernwirkung" stecken. Schon hat Zeilingers Team so genannte Quantenzustände kilometerweit über die Dächer von Wien hinweg transportiert. Und schon basteln andere Forscher an Computern, die auf Quantenbasis funktionieren - dann stünde eine Revolution ins Haus, die alle bisherigen technischem Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte in den Schatten stellen wird.
Nur das Beamen größerer Objekte oder gar ganzer Menschen bleibt wahrscheinlich für immer Science-Fiction: "Allein die Information über die Quantenzustände eines Menschen, die zum Beamen übertragen werden müssten, würden einen CD-Stapel von 1 000 Lichtjahren Länge füllen", weiß Zeilinger. Ein Lichtjahr sind knapp 10 Billionen Kilometer - selbst mit bester Technik würde die Übertragung dieser Daten Ewigkeiten dauern. Der britische Quantencomputerexperte Samuel Braunstein hat das einmal gallig kommentiert: "Natürlich wäre es einfacher zu laufen."
Samstag, 26. Mai 2018
Michel Birbæk: Heiße Romance mit Prinz
Das Leben ist hart und der Weltstar tot: Der Däne Michel Birbæk beschreibt in "Das schönste Mädchen der Welt", warum es trotzdem schön ist, da zu sein.
Viel ist nicht übrig vom Ruhm der großen Tage. Ein paar Telefonnummern hat Leo Palmer noch, einen guten Ruf in der Branche und einige Erinnerungen. Aber mit Ende 40 ist der Lack ab. Aus der Zeit, als der begnadete Background-Sänger mit seiner Band "Funkbanditen" kurz davor stand, die Welt zu erobern, ist nur noch die Sammlung von CDs des amerikanischen Superstars Prince geblieben. Der ist für Leo Palmer soetwas wie Jesus, Mohammed und Buddha zugleich. Ein Erretter, Erlöser und Idol, Ratgeber, Tröster und Rhythmusgeber, ein Mann, der in ein Leben voller Alltag glitzernde Diamanten streut und mit seiner Person beweist, was ein Mensch alles sein kann, wenn er will.
Leo Palmer will nur noch mal eine Frau kennenlernen, mit der es länger funktioniert. Ruhelos treibt er sich bei der Rendezvous-App Tinder herum, jeden Tag ein Date, immer mal auch eine anschließende Nacht. Aber Michel Birbæk, in Kopenhagen geboren und selbst anderthalb Jahrzehnte als Musiker weltweit unterwegs, gönnt seinem gefallenen Rockhelden in seinem Pop-Roman "Das schönste Mädchen der Welt" kein Happy End. Als Leo Mona trifft und sich unsterblich verliebt, passiert die Katastrophe: Prince stirbt. Für dessen größten Fan wie für die zersprengten Reste der alten Band ist das ein Schicksalsschlag, gegen den die Apokalypse wirkt wie ein lauer Sommerregen.
Auf einmal ist die neue Liebe nur noch nebensächlich. Auf einmal wird dem altgewordenen Jugendlichen von damals klar, dass Dinge im Leben wirklich zu Ende gehen. Niemals mehr Prince auf Tour. Niemals mehr jung. Niemals mehr Zeit, geradezurücken, was vor vielen, vielen Jahren von einem früheren Selbst verpatzt und verdorben wurde.
Ein Pop-Roman, der in der Sprache lässig ist wie Tommy Jauds Idiotenbücher, damit aber eine tiefere Ebene verbirgt, die weniger zum Lächeln und Lachen ist. Leo Palmer, der eine feste Bindung sucht, seit seine Ehe mit Schlagzeugerin Stella gescheitert ist, geht festen Bindungen aus dem Weg. Nicht noch einmal verletzt werden, nicht noch einmal verletzen können, was man eigentlich liebt - das ist der Plan, nach dem er lebt, ohne ihn selbst zu kennen. Auch die anderen von früher, die sich alle nach Jahren wiedertreffen, um Prince zu betrauern, haben ihre Macken: Der eine kokst und ist selbstmordgefährdet, die andere pleite, der dritte so beziehungsunfähig, dass er mit elf Hunden zusammenlebt. Die Vergangenheit steht zwischen allen und zugleich bindet sie alle aneinander - gemeinsame Erlebnisse sind auf einmal wieder so nah, dass sich auch die Menschen, die aus den Freunden von früher geworden sind, wieder nahekommen.
Keine Romanze, keinen lustigen Bericht von einer bizarren Reise, sondern ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklicher Roman über das, was immer bleibt, hat der seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Birbaek geschrieben. Zugleich ist das Buch eine Liebeserklärung an einen der größten Stars, den die Popwelt jemals hatte. Den vor zwei Jahren nach einer versehentlich eingenommenen Medikamentenüberdosis verstorbenen Prince Rogers Nelson hat Buchautor Birbaek selbst zu seinem absoluten Säulenheiligen erklärt, hier steht sein Name für eine Zeit, in der Musik noch handgemacht war, Bands noch auf der Bühne beweisen mussten, was sie können. Und alle, die das taten, jung, schön und voller Energie waren.
Ein Abgesang an eine verschollene Zeit ohne DJs, Computerprogramme und Streamingdienste, verpackt in eine Hymne an die gute alte Liebe. Michel Birbaek gelingt es in seinem fünften Großstadtroman, den Gefühlen und oft komischen Gebrechen einer Generation nachzuspüren, die als erste ganz selbstverständlich mit Rock und Pop und Teenagerliebe aufwuchs, bis heute aber ganz eigene Geister aus dieser so unbeschwert und offen wirkenden wunderbaren Vergangenheit mit sich schleppt. Zwischen Prince-Gottesdienst und zynischem Humor muss das Heimkind Leo Palmer, längst erfolgreicher Tonstudiobetreiber, zurück an den ersten Anfang, um die Chance auf einen zweiten mit dem "schönsten Mädchen der Welt" zu bekommen.
Mittwoch, 23. Mai 2018
DSGVO: Europa kontra Internet
Mit neuen Regeln zum Datenschutz schickt sich die EU an, kleine Firmen und privater Blogger aus dem Netz zu vertreiben. Kurz vor dem Inkrafttreten der neuen, umfassenden Regelungen herrscht Unklarheit über Begriffe und Definitionen und die einzigen, die sich freuen, sind Fachexperten und Berater, die eigentlich aber auch nicht besser wissen, wie ein rechtssicheres Angebot künftig aussehen muss.
Der wichtigste und sichtbarste Beitrag Europas zum Internet war über Jahre hinweg das fürchterlich nervende Banner, das vor jedem Besucher aufploppte, der sich zum ersten Mal auf eine Internetseite verirrt hatte, auf der er vorher noch nie war. Die Cookie-Richtlinie der EU zwang Seitenbetreiber, ihm mitzuteilen, dass auch ihre Seite tut, was alle Seiten im Internet tun: Cookies auf dem Rechner des Besuchers hinterlegen. Dabei handelt es sich um kleine Codestückchen, die dem Seitenbetreiber beim nächsten Besuch etwas über den Besucher verraten - etwa, dass er schon mal da war. Beim Besucher wiederum dafür sorgen, dass er sich nicht neu einloggen oder die Cookie-Warnung erneut mit einem Mausklick wegdrücken muss.
Die war etwa so sinnvoll wie der Versuch, Autofahrer vor jedem Verkehrsschild zu zwingen, mit einem Klick zu bestätigen, dass sie das Schild gesehen haben. Aber seit die EU im Jahr 2009 eine neue Richtlinie über "die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation" beschlossen hatte, blieb niemand verschont. Zwar kritisierten Digitalverbände die nutzerfeindliche Regelung harsch. Aber nun legen EU-Parlament und EU-Rat mit der sogenannten "General Data Protection Regulation" - zu deutsch "Datenschutz-Grundverordnung" oder kurz DSGVO - noch einmal nach. Und das so, dass vor dem Inkrafttreten der Regelung bei Bloggern und kleinen Seitenbetreibern im Netz Panik herrscht: Die elf Kapitel der neuen Richtlinie, aufgeteilt in stolze 99 Artikel, machen aus dem Betreiben einer Internetseite für Katzenfotos, Kochrezepte oder selbstgeschriebene Kurzgeschichten ein Unternehmen, das von einem privaten Hobby-Webmaster kaum zu managen ist.
Denn die DSGVO, bereits 2016 beschlossen, legt ihr ganzes Augenmerk auf den Schutz von Daten - und weil im Netz alles irgendwie aus Daten besteht, muss nach der Logik der EU-Kommission eben alles geschützt werden. Als "personenbezogene Daten" bezeichnet die Regelung "alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person" beziehen. Und als identifizierbar wird eine natürliche Person schon angesehen, wenn sie "die direkt oder indirekt mittels Zuordnung zu einer Kennung wie einem Namen, einer Kennnummer, Standortdaten oder einer Online-Kennung identifiziert" werden kann. Eine IP-Adresse hat so denselben Stellenwert wie ein Passfoto, ein Cookie, eigentlich ein anonymes Stückchen Code, das keinen Nutzer, sondern einen bestimmten Browser identifiziert, wird plötzlich zu einem personenbezogenen und damit schutzbedürftigen Gut.
Für kleine Firmen und Vereine aber auch für Blogger und Betreiber von privaten Internetseiten ändert das alles. Es reicht nun nicht mehr, Besucher über das Hinterlegen von Cookies auf ihrem Rechner und die Absicht, diese später auszulesen, zu informieren. Nein, sie müssen aktiv zustimmen, zuvor aber erst einmal umfassend belehrt werden. Dazu muss der Inhalt von zwölf Artikeln der DSGVO ihnen "in präziser, transparenter, verständlicher und leicht zugänglicher Form in einer klaren und einfachen Sprache" übermittelt werden. Immerhin darf diese Übermittlung "gegebenenfalls auch elektronisch" erfolgen. Doch "falls verlangt", muss die Information auch mündlich erteilt werden, heißt es in der Verordnung.
Die mit dieser Vorgabe, die künftig hohe Hürden vor den ersten Besuch jeder Internetseite türmt, allerdings noch lange nicht am Ende ist. Die EU sieht auch weitgehende Informationspflichten für Seitenbetreiber vor: Jeder Besucher hat künftig ein Auskunftsrecht darüber, was über ihn gespeichert wurde, wie lange es gespeichert werden soll und wohin die Information noch gelangt sein könnte - hier sind vor allem Werbeanbieter wie Google Adsense gemeint, die auf Partnerseiten ebenfalls Cookies hinterlegen. Und natürlich auch Links zu sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, auf denen Besucher Beiträge liken oder teilen können.
Viele Nutzer von Internetseiten wissen das derzeit gar nicht und glauben, dass ihre Seite zu klein ist, um von der Neuregelung betroffen zu sein. Doch das ist ein Irrtum: Schon ein einziges Werbebanner auf einer Seite verwandelt die für den Gesetzgeber in ein Unternehmen mit kommerzieller Absicht, für das die verzwickten Maßgaben der DSGVO umfassend gelten. Ganz nebenbei sorgt die neue, undurchsichtige Richtlinie dafür, dass Großkonzerne wie Facebook, Twitter und Google noch mächtiger werden: Künftig wird es sicherer sein, auf einer Seite bei den Giganten zu posten als eine eigene Internetseite zu unterhalten, denn die mächtigen Netzriesen haben hunderte Anwälte über Monate durchleuchten lassen, wie sie ihre geschäftsmodelle an der DSGVO vorbeifädeln können.
Ein Bärendienst, den die EU der Internetnutzung damit geleistet hat. Schon jetzt - also noch ehe die ersten Abmahnanwälte losgezogen sind, um aus Unkenntnis oder Missachtung der DSVGO-Regeln Kapital zu schlagen - sind kleine Anbieter verunsichert, Blogger schließen ihre Weblogs und Hobbyfotografen diskutieren im Netz, ob mal wohl in Zukunft noch einfach so fotografieren könne. Nach den Buchstaben der EU-Verordnung wohl nicht, denn digitale Aufnahmen sind zweifellos ein Fall von Datenverarbeitung, so dass jede irgendwo auf einem Foto abgebildete Person ihre Einwilligung zur Verarbeitung der sie betreffenden Daten geben müsste.
Österreich gräbt der Abmahnindustrie, die aufgrund der komplizierten Anforderungen der EU-Richtlinie schon in den Startlöchern stand, damit einer weiteren nationalen Vorgabe das Wasser ab. Abmahnanwälte und darauf spezialisierte Organisationen, die Datenschutzverletzungen im Auftrag von Nutzern zur Anzeige bringen, können das weiter tun, sie haben allerdings kein Recht, von den Tätern Schadenersatz zu verlangen. Das macht das Geschäftsmodell deutlich weniger attraktiv, denn um Schadenersatz zu erhalten, müssen einzelne Betroffene ihre Ansprüche nun individuell geltend machen. Da auf diese Weise weniger Geld für einen viel höheren Aufwand fließt, dürften Firmen, die Prozesse vorfinanzieren, kaum ein Interesse haben, in diesem Bereich zu investieren.
Ergänzt wird die europäische Datenschutzvorgabe im Nachbarland auch um ein sogenanntes Journalisten-Privileg: Medien dürfen personenbezogene Daten für journalistische Zwecke verarbeiten, ohne wie in der DSGVO eigentlich vorgeschrieben, umfassende Belehrungspflichten und Transparenzregeln zu befolgen. Ein ähnliches, wenn auch nicht so weit gehendes Privileg soll für Daten gelten, die zu wissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Zwecken gespeichert werden. Ausgewählte Teile der DSGVO finden dabei keine Anwendung, "soweit dies erforderlich ist, um das Recht auf Schutz der personenbezogenen Daten mit der Freiheit der Meinungsäußerung und der Informationsfreiheit in Einklang zu bringen".
Ausnahmen von der DSGVO sieht die Regierung in Wien zudem ausdrücklich auch für Geheimdienste vor. Die Mehrzahl ist richtig: Gemeint ist nicht nur der österreichische Dienst.
Der wichtigste und sichtbarste Beitrag Europas zum Internet war über Jahre hinweg das fürchterlich nervende Banner, das vor jedem Besucher aufploppte, der sich zum ersten Mal auf eine Internetseite verirrt hatte, auf der er vorher noch nie war. Die Cookie-Richtlinie der EU zwang Seitenbetreiber, ihm mitzuteilen, dass auch ihre Seite tut, was alle Seiten im Internet tun: Cookies auf dem Rechner des Besuchers hinterlegen. Dabei handelt es sich um kleine Codestückchen, die dem Seitenbetreiber beim nächsten Besuch etwas über den Besucher verraten - etwa, dass er schon mal da war. Beim Besucher wiederum dafür sorgen, dass er sich nicht neu einloggen oder die Cookie-Warnung erneut mit einem Mausklick wegdrücken muss.
Autofahrer, die Verkehrsschilder bestätigen
Die war etwa so sinnvoll wie der Versuch, Autofahrer vor jedem Verkehrsschild zu zwingen, mit einem Klick zu bestätigen, dass sie das Schild gesehen haben. Aber seit die EU im Jahr 2009 eine neue Richtlinie über "die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation" beschlossen hatte, blieb niemand verschont. Zwar kritisierten Digitalverbände die nutzerfeindliche Regelung harsch. Aber nun legen EU-Parlament und EU-Rat mit der sogenannten "General Data Protection Regulation" - zu deutsch "Datenschutz-Grundverordnung" oder kurz DSGVO - noch einmal nach. Und das so, dass vor dem Inkrafttreten der Regelung bei Bloggern und kleinen Seitenbetreibern im Netz Panik herrscht: Die elf Kapitel der neuen Richtlinie, aufgeteilt in stolze 99 Artikel, machen aus dem Betreiben einer Internetseite für Katzenfotos, Kochrezepte oder selbstgeschriebene Kurzgeschichten ein Unternehmen, das von einem privaten Hobby-Webmaster kaum zu managen ist.
Denn die DSGVO, bereits 2016 beschlossen, legt ihr ganzes Augenmerk auf den Schutz von Daten - und weil im Netz alles irgendwie aus Daten besteht, muss nach der Logik der EU-Kommission eben alles geschützt werden. Als "personenbezogene Daten" bezeichnet die Regelung "alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person" beziehen. Und als identifizierbar wird eine natürliche Person schon angesehen, wenn sie "die direkt oder indirekt mittels Zuordnung zu einer Kennung wie einem Namen, einer Kennnummer, Standortdaten oder einer Online-Kennung identifiziert" werden kann. Eine IP-Adresse hat so denselben Stellenwert wie ein Passfoto, ein Cookie, eigentlich ein anonymes Stückchen Code, das keinen Nutzer, sondern einen bestimmten Browser identifiziert, wird plötzlich zu einem personenbezogenen und damit schutzbedürftigen Gut.
IP-Adressen als geschütztes Gut
Für kleine Firmen und Vereine aber auch für Blogger und Betreiber von privaten Internetseiten ändert das alles. Es reicht nun nicht mehr, Besucher über das Hinterlegen von Cookies auf ihrem Rechner und die Absicht, diese später auszulesen, zu informieren. Nein, sie müssen aktiv zustimmen, zuvor aber erst einmal umfassend belehrt werden. Dazu muss der Inhalt von zwölf Artikeln der DSGVO ihnen "in präziser, transparenter, verständlicher und leicht zugänglicher Form in einer klaren und einfachen Sprache" übermittelt werden. Immerhin darf diese Übermittlung "gegebenenfalls auch elektronisch" erfolgen. Doch "falls verlangt", muss die Information auch mündlich erteilt werden, heißt es in der Verordnung.
Die mit dieser Vorgabe, die künftig hohe Hürden vor den ersten Besuch jeder Internetseite türmt, allerdings noch lange nicht am Ende ist. Die EU sieht auch weitgehende Informationspflichten für Seitenbetreiber vor: Jeder Besucher hat künftig ein Auskunftsrecht darüber, was über ihn gespeichert wurde, wie lange es gespeichert werden soll und wohin die Information noch gelangt sein könnte - hier sind vor allem Werbeanbieter wie Google Adsense gemeint, die auf Partnerseiten ebenfalls Cookies hinterlegen. Und natürlich auch Links zu sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, auf denen Besucher Beiträge liken oder teilen können.
Viele Nutzer von Internetseiten wissen das derzeit gar nicht und glauben, dass ihre Seite zu klein ist, um von der Neuregelung betroffen zu sein. Doch das ist ein Irrtum: Schon ein einziges Werbebanner auf einer Seite verwandelt die für den Gesetzgeber in ein Unternehmen mit kommerzieller Absicht, für das die verzwickten Maßgaben der DSGVO umfassend gelten. Ganz nebenbei sorgt die neue, undurchsichtige Richtlinie dafür, dass Großkonzerne wie Facebook, Twitter und Google noch mächtiger werden: Künftig wird es sicherer sein, auf einer Seite bei den Giganten zu posten als eine eigene Internetseite zu unterhalten, denn die mächtigen Netzriesen haben hunderte Anwälte über Monate durchleuchten lassen, wie sie ihre geschäftsmodelle an der DSGVO vorbeifädeln können.
Ein Bärendienst für das freie Netz
Ein Bärendienst, den die EU der Internetnutzung damit geleistet hat. Schon jetzt - also noch ehe die ersten Abmahnanwälte losgezogen sind, um aus Unkenntnis oder Missachtung der DSVGO-Regeln Kapital zu schlagen - sind kleine Anbieter verunsichert, Blogger schließen ihre Weblogs und Hobbyfotografen diskutieren im Netz, ob mal wohl in Zukunft noch einfach so fotografieren könne. Nach den Buchstaben der EU-Verordnung wohl nicht, denn digitale Aufnahmen sind zweifellos ein Fall von Datenverarbeitung, so dass jede irgendwo auf einem Foto abgebildete Person ihre Einwilligung zur Verarbeitung der sie betreffenden Daten geben müsste.
Österreich gräbt der Abmahnindustrie, die aufgrund der komplizierten Anforderungen der EU-Richtlinie schon in den Startlöchern stand, damit einer weiteren nationalen Vorgabe das Wasser ab. Abmahnanwälte und darauf spezialisierte Organisationen, die Datenschutzverletzungen im Auftrag von Nutzern zur Anzeige bringen, können das weiter tun, sie haben allerdings kein Recht, von den Tätern Schadenersatz zu verlangen. Das macht das Geschäftsmodell deutlich weniger attraktiv, denn um Schadenersatz zu erhalten, müssen einzelne Betroffene ihre Ansprüche nun individuell geltend machen. Da auf diese Weise weniger Geld für einen viel höheren Aufwand fließt, dürften Firmen, die Prozesse vorfinanzieren, kaum ein Interesse haben, in diesem Bereich zu investieren.
Österreich entschärft die Regeln
Ergänzt wird die europäische Datenschutzvorgabe im Nachbarland auch um ein sogenanntes Journalisten-Privileg: Medien dürfen personenbezogene Daten für journalistische Zwecke verarbeiten, ohne wie in der DSGVO eigentlich vorgeschrieben, umfassende Belehrungspflichten und Transparenzregeln zu befolgen. Ein ähnliches, wenn auch nicht so weit gehendes Privileg soll für Daten gelten, die zu wissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Zwecken gespeichert werden. Ausgewählte Teile der DSGVO finden dabei keine Anwendung, "soweit dies erforderlich ist, um das Recht auf Schutz der personenbezogenen Daten mit der Freiheit der Meinungsäußerung und der Informationsfreiheit in Einklang zu bringen".
Ausnahmen von der DSGVO sieht die Regierung in Wien zudem ausdrücklich auch für Geheimdienste vor. Die Mehrzahl ist richtig: Gemeint ist nicht nur der österreichische Dienst.
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Montag, 14. Mai 2018
Andy Weir: Die Frau im Mond
Mit seinem Debütroman "Der Marsianer" wurde der Amerikaner Andy Weir schlagartig zum Weltstar. Der Nachfolger "Artemis" spielt in einer Stadt auf dem Mond.
Es war eine verzweifelte Idee, die den kalifornischen Softwareprogrammierer Andy Weir mit Anfang 40 beinahe über Nacht zu einem literarischen Weltstar werden ließ. Weir hatte für ein Buch, an dem er lange Jahren herumtüftelte, einfach keinen Verleger gefunden. Und das Werk, das der Frage nachging, was wohl passieren würde, bliebe ein einzelner Astronaut auf einer Marsexpedition allein auf dem roten Planeten zurück, schließlich notgedrungen einfach im Internet veröffentlicht.
Ein Hit. Das Gedankenexperiment faszinierte zehntausende Leser, Weir schraubte hier und verbesserte dort. Und als die großen Verlage schließlich Schlange standen, war aus dem Hobbyschriftsteller schon ein Vorlagengeber für Hollywood geworden: Altstar Ridley Scott verfilmte die Geschichte um den auf dem Mars gestrandeten Astronauten Mark Watney mit Matt Damon in der Hauptrolle. Der Film war weniger als das Buch ein von Mathematik, Physik, Chemie und amerikanischen Pioniergeist gespeistes Wissenschaftsdrama. Aber genauso erfolgreich. Andy Weir kann seitdem Bücher schreiben, so viele er mag. Er ist schließlich eines dieser so selten gewordenen literarischen Wunderkinder, die eine eigene, unverwechselbare Sprache in einer eigenen Nische sprechen - und dennoch ein Millionenpublikum erreichen.
Mit "Artemis", seinem zweiten Buch, wird Weir das zweifellos wieder gelingen. Denn der inzwischen 45-Jährige variiert seinen Stoff nur vorsichtig. Diesmal spielt die Handlung auf dem Erdmond, der zum Zeitpunkt der Ereignisse am Ende des Jahrhunderts besiedelt ist. Artemis heißt die Mondstadt, in der das Mädchen Jazz Bashara aufgewachsen ist und in der sie nun als eine Art Tagelöhnerin lebt. Mit großen Träumen allerdings, denn richtig glücklich ist die Tochter eines auf den Mond ausgewanderten Handwerkers nicht mit ihrer Rolle als Gelegenheitskurierin, die ihren Job hauptsächlich als Tarnung für ein florierendes Schmuggelgewerbe für alles nutzt, was es auf dem Mond offiziell nicht geben soll.
Wie seine Space Opera vom Mars lebt auch Weirs neuer Weltraumthriller von der Faszination der gnadenlosen Begrenzung aller Dinge mitten im unendlichen Kosmos. Es gibt nicht genug Luft, nicht genug Wasser, nicht genug von irgendetwas, weil alles von der Erde heraufgebracht werden muss. Artemis, gegründet unter der Hoheit des Kongo, der Mitte des 21. Jahrhundert durch eine kluge Steuerpolitik zur führenden Weltraumnation wurde, ist weniger Stadt als Dorf. Eine multikulturelle Minigesellschaft am Rande des Niedergangs, weil der Weltraumboom längst vorüber ist, der Erhalt der Anlagen teuer und das einzige Exportgut Aluminium nicht mehr teuer genug.
Eine Welt auf der Kippe, Leben, das mit spitzem Bleistift rechnen muss. Jeder kennt hier jeden, die Staatsmacht wird geduzt. Die halbe Bevölkerung ist zudem in der Reparaturbranche tätig, weil Artemis unübersehbar Abnutzungserscheinungen zeigt. Die fünf durch Gänge verbundenen Kuppeln funktionieren nur durch konsequente Einhaltung von Regeln. Jede Verletzung hat tödliche Konsequenzen, jeder Verstoß muss deshalb geahndet werden.
Was nicht bedeutet, dass Jazz Bashara nicht bereit wäre, auch über die zulässigen Grenzen zu gehen, um sich ihren Traum von Unabhängigkeit und Wohlstand zu erfüllen. Als ein auf den Mond geflüchteter Milliardär sie bittet, ihm mit einem großangelegten Sabotagemanöver gegen die größte Bergbaugesellschaft auf dem Mond zu helfen, um in den Besitz der Firma zu gelangen, zögert sie nicht lange, die Chance zu ergreifen. Nur ein paar kleine Manipulationen, ein paar Sprengungen weit draußen, wo niemand Schaden nehmen kann. Und das Leben ist geritzt.
Es ist dann genau der Andy Weir, den Leserinnen und Leser vom "Marsianer" kennen, der die Ausführung der Aktion schildert, die im luftleeren Raum auf ganz andere Schwierigkeiten trifft als sie das auf der guten alten Erde täte. Jazz Bashara plant vorzüglich, aber der Kosmos hat eigene Vorstellungen: Es gibt einen Mord, ein Mafiakiller taucht auf, die Luft wird dünn und Weirs Heldin muss wie damals Mark Watney auf dem Mars alle Register ziehen, um am Leben zu bleiben. Unter Bedingungen, die es schon zur Herausforderung machen, von einer Kuppel in die andere zu gelangen, wenn man den normalen Verbindungsgang nicht benutzen kann, entwickelt Weir einen packenden Thriller voll überraschender Wendungen, der nichts gemein hat mit Ballerorgien a lá "Star Wars".
Denn hier geht es streng wissenschaftlich zu. Andy Weir hält die Anzahl der Mitwirkenden in seinem Kammerspiel auf Luna überschaubar, die Schauplätze sind es sowieso, auch die Hintergründe der Verschwörung, die Jazz Bashara nach und nach aufdeckt, sind nicht allzu komplex, sondern auch im vollen Lesesog, den Weir automatisch provoziert, leicht zu bewältigen.
Demnächst dann auch wieder im Kino.
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Sonntag, 6. Mai 2018
Jütland: Auf der falschen Ostsee-Seite
Hinter Flensburg fängt das Unbekannte an: Südjütland hat Meer und Seen und Strand und ist von den großen Urlauberströmen noch völlig unentdeckt.
Michael Rasmussen staunt. "Von Deutschland seid ihr", fragt er, "und ihr macht hier Urlaub?" Rasmussen, der als Feuerwehrmann in Kopenhagen arbeitet, glaubt es nicht. Er winkt zum Strand: Still ist der, nur ein paar Möwen keifen unterm Regenwolkenhimmel und ein Fahrradwanderer strampelt vorbei.
Hier im kleinen Örtchen Juelsminde machen Dänen Urlaub. Deutsche Feriengäste hingegen versammeln sich eher auf Sealand, wo die Fähre aus Rostock anlegt. Denn Jütland, das ist für Urlauber aus dem Süden der Landstrich oben an der Nordsee, an dem die Olsenbande alte Bunker nach Nazi-Gold durchsuchte.
Jütland aber fängt viel früher an, genau genommen sogar schon ein paar Kilometer hinter Flensburg. Und auch der Süden Jütlands hat alles zu bieten, was das Urlauberherz begehrt: lange Strände, einsame Buchten, versteckte Angelseen und malerische Holz-Häuser, Sportangebote und sehenswerte Ausflugsziele, pittoreske Städtchen, Bootsverleihe und Museen. "Das weiß nur keiner bei Euch", ist sich Michael Rasmussen sicher.
Denn obwohl Deutschlands nördlichem Nachbarn der Ruf vorauseilt, besonders teuer zu sein, kann es an den Preisen nicht liegen. Zwar schlägt der Familienbesuch im Restaurant im Kleinstadtlokal von Juelsminde kräftig ins Kontor, dafür unterscheidet sich die Supermarkt-Rechnung kaum von einer deutschen. Jütland, benannt nach den Jüten, die vor 1 500 Jahren eigentlich nach England wollten, dann aber schon hier hängenblieben, ist ein aufgeräumtes Fleckchenen Land. Gemähter Rasen, gekehrte Straßen. Ein Himmel wie blankgeputzt.
Und über allem weht der "Danebrok", die rot-weiße Fahne, für die jeder Hausbesitzer einen Mast im Garten errichten lässt. Ihre Nachbarn auf Zeit behandeln die Jütländer mit übersprudelnder Freundlichkeit. Es wird kaum deutsch gesprochen, doch bei der Suche nach dem Fahrradverleih ersetzen Nachbarn wie Michael und seine Frau Mona jedes Touristenbüro.
Das ist nicht allzu schwer, weil das landwirtschaftlich geprägte Jütland sich eingerichtet hat auf ein Leben als Feriengebiet. Von Vejle und Horsens gibt es Rundfahrten auf den Fjord, Geschichtsinteressierte lockt das Kattegat-Center, Tierfreunde das "Akvarium-Oceanarium". Eine halbe Autostunde entfernt wartet das "Legoland" in Billund, eine Stunde ist es bis zum Freizeitpark Tivoli Friheden.
Zwischen Radtour und Hafenfest, Angelausflug am Waldsee und Schwimmen im eisigen Meer herrscht ein ganz anderes Ostsee-Gefühl als drüben auf der deutschen Seite. Die langen Strände sind immer leer, weil es keine Hotels gibt. Kein Gedränge um einen Strandkorb, kein Marsch der Massen auf der abendlichen Promenade, keine Schlange vor der Eisbude.
Jütland ist so mehr Urlaub, mehr Erholung. "Deshalb fahren wir ja hierher", sagt Michael Rasmussen.
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Juelsminde, Dänemark
Samstag, 28. April 2018
Tod eines Hoffnungsträgers: Werner Lamberz und die Jagd auf Schwarzer Adler
Eigentlich war an jenem 6. März 1978 im Städtchen Beni Walid für den dreimotorigen Großraum-Hubschrauber "Super Frelon SA 321" ein striktes Nachtflug-Verbot verhängt worden. Doch dann steigt die Luftwaffen-Maschine, die erst am Morgen aus dem rund 160 Kilometer entfernten Tripolis gekommen war, abends gegen 21.30 Uhr doch noch zum Rückflug in die libysche Hauptstadt auf. Wenig später schon muss der Helikopter notlanden. Die beiden Piloten melden per Funk, dass sich eine Verkleidung am Motor geöffnet habe. Nach 20 Minuten ist eine Ersatzmaschine eingetroffen, der Flug kann fortgesetzt werden.
Unmittelbar nach dem erneuten Start aber kommt es zur Katastrophe: Der "Super Frelon" gerät ins Trudeln und fällt wie ein Stein vom Himmel. 13 Menschen sterben in der Wüstennacht, unter ihnen auch das DDR-Politbüromitglied Werner Lamberz, SED-ZK-Mitglied Paul Markowski, der Fotograf Hans-Joachim Spremberg und der Dolmetscher Armin Ernst.
Werner Lamberz, 48 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder, galt in der DDR als Hoffnungsträger. Der Sohn des Bauarbeiters Peter Lamberz, der wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD im KZ Buchenwald landete, verkörperte einen neuen Funktionärstyp. Werner Lamberz' Biografie mutet exotisch an: Um nach der Verhaftung des Vaters weitere Repressionen von der Familie fern zu halten, schickt seine Mutter ihn zuerst zur Hitler-Jugend, mit zwölf Jahren dann sogar ins Ordensburg-Internat der Adolf-Hitler-Schule. Nach dem Krieg absolviert Lamberz eine Installateurslehre im Rheinland. Als seine Mutter stirbt, wechselt er in die Ost-Zone, wo sein Vater als Landrat arbeitet. Hier beginnt der rasante Aufstieg des Werner Lamberz zum Kronprinzen von Erich Honecker. 1947 SED-Eintritt, 1950 Parteisekretär, dann Hochschule in Moskau, 1963 Kandidat des Zentralkomitees und Chef der Abteilung Agitation, die die DDR-Massenmedien kontrolliert.
Schnell rückt er in die Volkskammer und das Politbüro auf - Hinweise darauf, dass Lamberz, ein eloquenter Plauderer, der zehn Fremdsprachen beherrscht, der kommende Mann an der Staatsspitze sein könnte. 1978 ist Lamberz bereits Honeckers Eingreiftruppe für besonders heikle Missionen: Die Affäre um die Ausreise von Manfred Krug hat er ebenso abgewickelt wie die Biermann-Krise. In Libyen nun ist er als Sonderbotschafter von Honecker unterwegs, um Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi Militärhilfe anzubieten und Dollarkredite für die DDR zu besorgen.
"Werner Lamberz war jemand, der frischen Wind mitbrachte", erinnert sich auch Ex-DDR-Planungschef Gerhard Schürer, "und er hat seine Meinung auch gegenüber Honecker vertreten." Als die DDR-Führung per Blitz-Telegramm aus Libyen vom "bv" genannten "besonderen Vorkommnis" in der Wüste erfährt, kursieren denn auch sofort Verschwörungstheorien selbst unter den Funktionären. "Angeblich habe es einen Anschlag gegeben", sagt Schürer. So munkelte man, das Attentat habe eigentlich Gaddafi gegolten, der sich nur durch Zufall nicht in der Maschine befunden hätte. Andere sahen Stasi-Chef Mielke als Drahtzieher. Im Auftrag von Honecker, der sich vor einem erstarkenden Lamberz gefürchtet habe, sei der Auftrag für den Absturz ergangen. "Es kursierten sogar Witze darüber, dass die härteste Parteistrafe jetzt ein Rundflug über Libyen ist."
Indizien gab es dafür: So hatte Lamberz' Leibwächter Rolf Heidemann den Flug nach Beni Walid aus unerfindlichen Gründen nicht mit angetreten. Nach dem Absturz verbaten sich die Libyer jede Mitarbeit der DDR bei der Untersuchung des Unglücks.
Die DDR-Führung behandelte den Absturz als "tragischen Unglücksfall". Noch in der Nacht wird der 2. Sekretär Wolfgang Pohl nach Libyen geschickt, um die Toten zu identifizieren. Nicht einmal zwölf Stunden später landet eine Maschine mit vier versiegelten Zinksärgen auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Noch am selben Abend liegen die sterblichen Überreste auf den Obduktionstischen im Institut für Gerichtliche Medizin der Humboldt-Uni. Bereits bei der Öffnung der Särge stellt Professor Otto Prokop fest, "dass es sich um hochgradig verkohlte" Torsi handelt. So steht es im Obduktionsbericht, der jetzt in den Archiven der Gauck-Behörde gefunden wurde. Trotz der "äußerst erschwerten Befundserhebungen" habe bei allen als Todesursache eine "Verbrennung durch massive Hitzeeinwirkung" festgestellt werden können. "Fernerhin", schreibt Stasi-Oberst Pyka an seinen Chef Erich Mielke, "fanden sich sichere Zeichen für eine Verbrennung zu Lebzeiten."
Die Untersuchungen stützen die These vom Unglücksfall. Auch Röntgenuntersuchungen, schreibt Prokop, hätten keine Anhaltspunkte für "Einsprengungen von Fremdkörpern" ergeben, was "eine gewaltsame Todesart in Form von Sprengkörpern oder Geschossen ausschließt". Da die Skelette keinerlei Brüche aufwiesen, könne eine Explosion in großer Höhe ausgeschlossen werden. "Daraus ergibt sich als Unfallursache ein plötzlicher Absturz aus niedriger Höhe mit Brandfolge."
Während in der misstrauischen DDR-Bevölkerung immer neue Gerüchte über ein Attentat auf den beliebten Politiker die Runde machen, stellt die Stasi-Hauptabteilung IX die Ermittlungen in der "Leichensache L." (MfS) überraschend schnell ein. Die Theorie vom Unglücksfall, die Lamberz' Witwe Ingrid schon in der Todesnacht präsentiert bekam, gilt nun als amtlich. Die Libyer sind in ihrem Untersuchungsbericht zu dem Schluss gekommen, dass sich ein Rotorblatt gelöst hat und die Piloten dadurch die Kontrolle über die Maschine verloren.
Doch schon zwei Wochen später gerät diese Version ins Wanken, wie neu aufgetauchte Stasi-Dokumente jetzt belegen. Anlass ist eine Postkarte an das SED-Politbüro, die am 17. März in Halle in den Briefkasten geworfen worden war. Der Absender Mohammed Ben Yussuf, angeblich wohnhaft in der Leipziger Liebknecht-Straße 46, teilt darin mit, dass "die Verantwortung für den Abschuss des Hubschraubers die Organisation Black Eagle übernommen hat". Dabei handele es sich um eine Gruppe der Palästinensischen Befreiungsorganisation, die gegen Gaddafi kämpfe.
Sofort ordnet Erich Mielke republikweite Fahndungsmaßnahmen nach dem Absender an. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass ein Ben Yussuf "unter der Adresse in Leipzig nicht wohnhaft ist". Auch die Jagd auf die ominöse "Organisation Schwarzer Adler" bringt keinen Erfolg. Bleibt nur die Postkarte, die nun durch Schriftsachverständige begutachtet wird. Von in der DDR lebenden Ausländern werden Schriftproben besorgt, und in den Bezirken Halle, Leipzig und Berlin beginnt eine flächendeckende Post-Überwachung. Ohne Ergebnis.
Schon drei Monate nach dem Absturz über der Wüste wird das komplette Material der "Leichensache L." ins Archiv gebracht. Die Gerüchte um den Tod des Honecker-Kronprinzen aber verstummten bis zum Ende der DDR nicht.
Im Februar 1990, als Lamberz' ehemaliger Leibwächter Rolf Heidemann das Material sichten will, sind Großteile der Akte verschwunden.
Unmittelbar nach dem erneuten Start aber kommt es zur Katastrophe: Der "Super Frelon" gerät ins Trudeln und fällt wie ein Stein vom Himmel. 13 Menschen sterben in der Wüstennacht, unter ihnen auch das DDR-Politbüromitglied Werner Lamberz, SED-ZK-Mitglied Paul Markowski, der Fotograf Hans-Joachim Spremberg und der Dolmetscher Armin Ernst.
Genosse mit exotischer Biografie
Werner Lamberz, 48 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder, galt in der DDR als Hoffnungsträger. Der Sohn des Bauarbeiters Peter Lamberz, der wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD im KZ Buchenwald landete, verkörperte einen neuen Funktionärstyp. Werner Lamberz' Biografie mutet exotisch an: Um nach der Verhaftung des Vaters weitere Repressionen von der Familie fern zu halten, schickt seine Mutter ihn zuerst zur Hitler-Jugend, mit zwölf Jahren dann sogar ins Ordensburg-Internat der Adolf-Hitler-Schule. Nach dem Krieg absolviert Lamberz eine Installateurslehre im Rheinland. Als seine Mutter stirbt, wechselt er in die Ost-Zone, wo sein Vater als Landrat arbeitet. Hier beginnt der rasante Aufstieg des Werner Lamberz zum Kronprinzen von Erich Honecker. 1947 SED-Eintritt, 1950 Parteisekretär, dann Hochschule in Moskau, 1963 Kandidat des Zentralkomitees und Chef der Abteilung Agitation, die die DDR-Massenmedien kontrolliert.
Schnell rückt er in die Volkskammer und das Politbüro auf - Hinweise darauf, dass Lamberz, ein eloquenter Plauderer, der zehn Fremdsprachen beherrscht, der kommende Mann an der Staatsspitze sein könnte. 1978 ist Lamberz bereits Honeckers Eingreiftruppe für besonders heikle Missionen: Die Affäre um die Ausreise von Manfred Krug hat er ebenso abgewickelt wie die Biermann-Krise. In Libyen nun ist er als Sonderbotschafter von Honecker unterwegs, um Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi Militärhilfe anzubieten und Dollarkredite für die DDR zu besorgen.
Werner und der frische Wind
"Werner Lamberz war jemand, der frischen Wind mitbrachte", erinnert sich auch Ex-DDR-Planungschef Gerhard Schürer, "und er hat seine Meinung auch gegenüber Honecker vertreten." Als die DDR-Führung per Blitz-Telegramm aus Libyen vom "bv" genannten "besonderen Vorkommnis" in der Wüste erfährt, kursieren denn auch sofort Verschwörungstheorien selbst unter den Funktionären. "Angeblich habe es einen Anschlag gegeben", sagt Schürer. So munkelte man, das Attentat habe eigentlich Gaddafi gegolten, der sich nur durch Zufall nicht in der Maschine befunden hätte. Andere sahen Stasi-Chef Mielke als Drahtzieher. Im Auftrag von Honecker, der sich vor einem erstarkenden Lamberz gefürchtet habe, sei der Auftrag für den Absturz ergangen. "Es kursierten sogar Witze darüber, dass die härteste Parteistrafe jetzt ein Rundflug über Libyen ist."
Indizien gab es dafür: So hatte Lamberz' Leibwächter Rolf Heidemann den Flug nach Beni Walid aus unerfindlichen Gründen nicht mit angetreten. Nach dem Absturz verbaten sich die Libyer jede Mitarbeit der DDR bei der Untersuchung des Unglücks.
Die DDR-Führung behandelte den Absturz als "tragischen Unglücksfall". Noch in der Nacht wird der 2. Sekretär Wolfgang Pohl nach Libyen geschickt, um die Toten zu identifizieren. Nicht einmal zwölf Stunden später landet eine Maschine mit vier versiegelten Zinksärgen auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Noch am selben Abend liegen die sterblichen Überreste auf den Obduktionstischen im Institut für Gerichtliche Medizin der Humboldt-Uni. Bereits bei der Öffnung der Särge stellt Professor Otto Prokop fest, "dass es sich um hochgradig verkohlte" Torsi handelt. So steht es im Obduktionsbericht, der jetzt in den Archiven der Gauck-Behörde gefunden wurde. Trotz der "äußerst erschwerten Befundserhebungen" habe bei allen als Todesursache eine "Verbrennung durch massive Hitzeeinwirkung" festgestellt werden können. "Fernerhin", schreibt Stasi-Oberst Pyka an seinen Chef Erich Mielke, "fanden sich sichere Zeichen für eine Verbrennung zu Lebzeiten."
Die Stasi sucht einen Mörder
Die Untersuchungen stützen die These vom Unglücksfall. Auch Röntgenuntersuchungen, schreibt Prokop, hätten keine Anhaltspunkte für "Einsprengungen von Fremdkörpern" ergeben, was "eine gewaltsame Todesart in Form von Sprengkörpern oder Geschossen ausschließt". Da die Skelette keinerlei Brüche aufwiesen, könne eine Explosion in großer Höhe ausgeschlossen werden. "Daraus ergibt sich als Unfallursache ein plötzlicher Absturz aus niedriger Höhe mit Brandfolge."
Während in der misstrauischen DDR-Bevölkerung immer neue Gerüchte über ein Attentat auf den beliebten Politiker die Runde machen, stellt die Stasi-Hauptabteilung IX die Ermittlungen in der "Leichensache L." (MfS) überraschend schnell ein. Die Theorie vom Unglücksfall, die Lamberz' Witwe Ingrid schon in der Todesnacht präsentiert bekam, gilt nun als amtlich. Die Libyer sind in ihrem Untersuchungsbericht zu dem Schluss gekommen, dass sich ein Rotorblatt gelöst hat und die Piloten dadurch die Kontrolle über die Maschine verloren.
Doch schon zwei Wochen später gerät diese Version ins Wanken, wie neu aufgetauchte Stasi-Dokumente jetzt belegen. Anlass ist eine Postkarte an das SED-Politbüro, die am 17. März in Halle in den Briefkasten geworfen worden war. Der Absender Mohammed Ben Yussuf, angeblich wohnhaft in der Leipziger Liebknecht-Straße 46, teilt darin mit, dass "die Verantwortung für den Abschuss des Hubschraubers die Organisation Black Eagle übernommen hat". Dabei handele es sich um eine Gruppe der Palästinensischen Befreiungsorganisation, die gegen Gaddafi kämpfe.
Organisation Schwarzer Adler
Sofort ordnet Erich Mielke republikweite Fahndungsmaßnahmen nach dem Absender an. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass ein Ben Yussuf "unter der Adresse in Leipzig nicht wohnhaft ist". Auch die Jagd auf die ominöse "Organisation Schwarzer Adler" bringt keinen Erfolg. Bleibt nur die Postkarte, die nun durch Schriftsachverständige begutachtet wird. Von in der DDR lebenden Ausländern werden Schriftproben besorgt, und in den Bezirken Halle, Leipzig und Berlin beginnt eine flächendeckende Post-Überwachung. Ohne Ergebnis.
Schon drei Monate nach dem Absturz über der Wüste wird das komplette Material der "Leichensache L." ins Archiv gebracht. Die Gerüchte um den Tod des Honecker-Kronprinzen aber verstummten bis zum Ende der DDR nicht.
Im Februar 1990, als Lamberz' ehemaliger Leibwächter Rolf Heidemann das Material sichten will, sind Großteile der Akte verschwunden.
Donnerstag, 26. April 2018
Wandern auf der Rota Vicentina: Meer geht nicht
Im Südwesten führt ein 350 Kilometer langer Weg am Atlantik bis zum äußersten Ende Europas. Warum die malerische Rota Vicentina auch für unerfahrene Wanderer ein toller Tipp ist.
Es ging nicht mehr weiter, keinen Schritt. Die junge Frau hat sich in ihre Jacke gewickelt, den Rucksack unter den Kopf geschoben und sich am Wegesrand langgestreckt. Keine 50 Meter entfernt peitscht der Atlantik die Steilküste, weißer Schaum schwimmt auf den Wellen, über denen Störche kreisen. Kein Mensch ist zu sehen, nicht vorn und nicht hinten, kein Schiff, kein Boot und ein Auto sowieso nicht. Wer hier schläft, der findet seine Ruhe.
Und wer hier wandert, tut es auch. Die Rota Vicentina, die von Santiago do Cacém im Norden über 350 Kilometer bis zum Cabo de São Vicente am äußersten südlichen Zipfel Portugals führt, ist ein einsamer Pfad. Verglichen mit großen Pilger- und Wanderrouten wie dem Jakobsweg in Frankreich und Spanien oder der Annapurnarunde in Nepal ist die Strecke, die zumeist direkt am Atlantik entlangführt, nahezu unbekannt. Völlig zu Unrecht, denn abgesehen von hohen Bergen bietet die Rota alles, was ein Wanderer sich wünscht: Abwechslungsreiche Landschaft, wilde Natur, weite Aussichten, einsame Dörfer und idyllische Badebuchten.
Das „Schlandern“ entspannt
Die locken in der Vorsaison allerdings nicht wirklich zum Baden. Ein Nieselregen treibt vom offenen Meer herein, die Sonne versteckt sich kurz hinter einer Wattewolke. Gelb und orange leuchtet das Land hinter Almograve, wo die Rota als breite Wanderautobahn Richtung Zambujeira do Mar führt. Links Hügel, rechts steile Felsen, die zum Meer abfallen. Wer auf der Rota wandert und unterwegs nicht zelten will, der bucht Hotels auf der Strecke. Von dort aus lässt sich der Rota-Gänger dann von einem Taxi an den Start der jeweiligen Tagestour fahren oder aber am Ende der Etappe abholen und zum Hotel zurückbringen.
Genusswandern ist das, hier „Schlandern“ genannt, wie eine Mischung aus Schlendern und Wandern. Gepäck muss niemand tragen, ein kleiner Tagesrucksack für Wasserflasche, Müsliriegel und Regenjacke reicht. Dazu ein paar Karten über den Streckenverlauf, der von ein paar wenigen missverständlichen Stellen abgesehen, hervorragend markiert ist.
Die Erfinder der erst 2012 offiziell eröffneten Rota Vicentina haben die Tagesetappen auch für ungeübte Wanderer überschaubar gehalten. Die gesamte Strecke ist in Abschnitte eingeteilt, die nicht länger sind als 20 Kilometer. Da es abgesehen von Teilstrecken an der Steilküste, die sich kilometerlang über kleinere Anstiege und Abstiege erstrecken, nur Höhenunterschiede von höchstens 200 Metern zu überwinden gibt, ist das in jeweils fünf bis höchstens sieben Stunden Gehzeit gut zu schaffen.
Unterwegs geht es an zerklüfteten Klippen und Felsbögen vorbei. Winzige, menschenleere Küstenorte finden sich ab und zu am Wegesrand. Wegen der reichen Fauna und Flora ist die Costa Vicentina zum Naturschutzgebiet erklärt worden, sie heißt jetzt „Parque Natural do Sudoeste“.
Zu Recht: Über dem Steilufer von Cabo Sardao fliegen die Sturmstörche zu ihren Nestern, die wie von einer geheimen Kraft festgenagelt auf schmalen Felsspitzen selbst peitschenden Atlantikstürmen trotzen. Wie Fischadler segeln die Riesenvögel durch die Böen, um die Horste mit neuen Zweigen in Schuss zu bringen. Am Wegesrand des Trilho dos Pescadores - zu deutsch Fischerpfad - blühen Blumen in allen Farben. Der Weg mäandert durch Pinienwälder und weiße Dünen. Das einsame Haus dort oben soll einmal Amália Rodrigues gehört haben, der „Königin des Fado“, des klassischen Klagegesangs der Portugiesen, die es lieben, Liebe, Ungerechtigkeit und Alter in Liedern voller Herzblut und wilden Tonsprüngen zu besingen.
Die letzte Thüringer Bratwurst
Das Ende der Welt - an der Costa Vicentina ist es nie allzuweit weg. Dabei scheint alles hier zugleich unendlich: Der Weg, der Himmel, die bizarren Felsen, die drei Meter hohen Wellen, die Wände aus Schiefer, Sandstein und Granit, die spritzende Gischt und die Schaumflocken, die bis 30 Meter hoch fliegen. Weil sich an der Rota die afrikanische Platte unter die europäische schiebt, stehen ganze Küstenabschnitte schief. Sie wirken, als würden sie gleich umfallen - oder seien es schon. Es wäre genug Platz da. Die Rota Vicentina verläuft ja entlang des äußersten Westens Europas. Gegenüber, 5 700 Kilometer entfernt, hinter ein paar winzigen Azoren-Inseln, liegt Atlantic City im US-Bundesstaat New Jersey.
Nach Süden zu, immer den Weg lang, ist am Leuchtturm am Cabo de São Vicente Schluss. Ein Kiosk bietet Thüringer Bratwurst, die letzte vor Amerika, wie Wirt Wolfgang Bald wirbt. Ringsum ist Wasser. Meer geht nicht.
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Standort:
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Dienstag, 24. April 2018
Digitalisierung Deutschland: Die Mauer ist zurück
Deutschland bleibt im Rennen um die Zukunft immer weiter zurück. Und immer mehr Bürger beschließen, nicht groß rumzujammern, sondern einfach abgehängt zu bleiben.
Nur noch ganz, ganz langsam wächst die Zahl der Internetnutzer in Deutschland. Nach den Ergebnissen der aktuellen Studie zum Digital-Index der Initiative D21 stieg der Anteil der sogenannten Onliner im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2016 mit zwei Prozent etwas stärker als in den Vorjahren. Doch zugleich verfestigt sich am unteren und älteren Rand der Gesellschaft eine Schicht aus Bürgerinnen und Bürgern, die erklärtermaßen beschlossen haben, ohne Internet zu leben.
Eine digitale Spaltung, an der auch das erneut von der Gruppe der über 50-Jährigen getragene Wachstum der letzten zwölf Monate nichts ändert. Etwa ein Fünftel aller Menschen, die im Lande leben, sieht bis heute keinen Sinn darin, sich einen Computer, ein Tablet oder auch nur ein Smartphone anzuschaffen.
Eine digitale Spaltung, an der auch das erneut von der Gruppe der über 50-Jährigen getragene Wachstum der letzten zwölf Monate nichts ändert. Etwa ein Fünftel aller Menschen, die im Lande leben, sieht bis heute keinen Sinn darin, sich einen Computer, ein Tablet oder auch nur ein Smartphone anzuschaffen.
Nur noch ein Prozent der derzeit 19 Prozent Totalverweigerer plant, ins Netz zu gehen. Die meisten Mitglieder dieser abgehängten Gruppe sind nach Angaben der Studienverfasser im Rentenalter, viele von ihnen verfügten nur über eine geringe Bildung. Alltagstechniken wie Online-Banking, Messaging-Apps oder digitale Fotografie seien ihnen unbekannt, sie fehlten ihnen allerdings auch nicht. "Für das eigene Leben sehen sie ohne das Internet daher auch keinen Nachteil."
Verglichen mit den führenden Online-Nationen bleibt Deutschland damit weiter zurück. In Südkorea etwa haben 94 Prozent der Einwohner mindestens ein Smartphone, auch Australien (93) und Kanada (90) liegen hier über oder bei 90 Prozent Nutzung. In Deutschland hingegen hat sich das Wachstum seit 2010 dauerhaft geschwächt: Dauerte es von 40 auf 50 Prozent Nutzung noch zwei Jahre, waren es von 50 auf 60 Prozent vier und von 70 auf 80 dann schon acht.
Insgesamt stehe hierzulande mit 16 Millionen Menschen "ein alarmierendes Viertel der Bevölkerung im digitalen Abseits", heißt es in der Studie. Alarmierend sei, dass Teilhabe an der Gesellschaft zunehmend an die digitale Welt gebunden sei. Menschen, die sich diese nicht erschließen könnten oder wollten, würden zunehmend "von gesellschaftlichen Entwicklungen ausgegrenzt". Aber auch viele Internetnutzer sind kaum in der Lage, mit Fachbegriffen aus der digitalen Welt umzugehen. "Cookies" und "Cloud" hatten mit 58 und 56 Prozent noch den größten Bekanntheitsgrad, "Bots" sagen nur 23 Prozent etwas, "E-Government" nur 19 Prozent.
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