Dienstag, 22. August 2017

Google News: Aufstand gegen die neuen Neuigkeiten


Nach einer umfangreichen und undurchschaubaren Umgestaltung der News-Suche erntet der Suchriese Google massenhafte Kritik und Proteste von Nutzern.

Eigentlich gilt der kalifornische Internetriese Google als ein Unternehmen, das seine Nutzer ganz genau kennt. Kaum verwunderlich: Über mehr als ein Jahrzehnt scannt und speichert der Konzern aus Mountain View schon Trillionen Suchanfragen weltweit, er wertet das Verhalten von Milliarden Menschen beim E-Mail-Schreiben aus und erforscht ihre Vorlieben bei der Fotosuche.

Im Internetgeschäft gilt Google als allmächtig und so einflussreich, dass auch die im April vor 15 Jahren gestartete News-Sparte des Unternehmens schnell zu einem beliebten Dienst wurde. Übersichtlich fasste Google hier zusammen, was es an Neuigkeiten gab, der Nutzer konnte die Suche nach seinen Vorlieben konfigurieren, zwischen einzelnen Ländern und Sprachen hin- und herschalten und sich so mit einem kurzen Blick eine Übersicht über die aktuelle Nachrichtenlage machen, ohne auf eine einzige Quelle vertrauen zu müssen.

Obwohl Google die News-Suche nie offensiv bewarb und die Zahl der Nutzer des Angebotes verglichen mit der Zahl der normalen Google-Sucher kaum ins Gewicht fiel, sorgte Google-News für Streit. Medienhäuser beschwerten sich, weil in der Voranzeige ihrer Schlagzeilen beschreibende Texte enthalten waren, die es Lesern erlaubten, sich zu informieren, ohne die Internetseiten der Original-Anbieter zu besuchen. Die Bundesregierung reagierte und goss ein neues Leistungsschutzrecht für Presseverleger in Gesetzesform, das Google zwang, seine News zu überarbeiten und die „Snippets“ zu kürzen.

Die gerade vorgenommene Neugestaltung des Angebotes aber ist eine Idee, die bei Google selbst entstand. Ziel des neuen Designs der Internetseite sei es, so der Firmenblog, Nachrichten „zugänglicher“ zu machen und die Website mit einer besseren Navigation auszustatten. Die neue, klarere Gestaltung lege den Fokus auf „Fakten, verschiedene Perspektiven und verschafft Nutzern so mehr Kontrolle“.

Ein Eindruck, den die Adressaten der vermeintlichen Verbesserung augenscheinlich nicht teilen mögen. Das Echo der Nutzer auf den Umbau fällt verheerend aus, gerade für ein Unternehmen, das von sich behauptet, bei allen Entscheidungen ausschließlich Nutzerinteressen im Blick zu haben.
„Unmöglich“, „nicht nutzbar“ und „ein schlimmer Rückschritt“ lautet der Tenor der Einträge im Google-Hilfeforum. Wie hier wird auch auf anderen Diskussionsplattformen kein gutes Haar an der Neugestaltung gelassen.

Statt „mehr Kontext und mehr Einflussmöglichkeiten“ (Google) gebe es weniger Quellen, mehr toten Weißraum und null Übersicht. „Obwohl weniger Informationen dargestellt werden, wird mehr Platz gebraucht“, urteilt der deutschsprachige Googlewatch-Blog.

Google selbst hat auf die verheerenden Kritiken bislang nicht reagiert.

Freitag, 18. August 2017

Jason Isbell: Der Letzte seiner Art


Vor zehn Jahren stand Jason Isbell aus Alabama vor den Trümmern seiner Karriere mit der Band Drive-by Truckers. Heute ist er der König des Countryrock.

Den ersten Gipfel ersteigt Jason Isbell, da ist er noch keine 25. Auf alten Videos seiner Band Drive-by Truckers sieht man einen etwas aufgeschwemmten jungen Mann, der hemdsärmlig, aber zugleich mit einer betörend durchscheinenden Stimme über den alten Süden singt, der sich niemals ändern werde. Isbell, ein Arbeitersohn ohne Allüren, ist ein Star im handfesten Southern-Rock-Gewerbe, mit all den Nebengeräuschen: Whiskey. Kokain. Frauen.

Ein Männertraum, der im Chaos endet. Als sich die Band-Bassistin von ihm trennt, wird die Sauferei hart, wie er später erzählt. Manche vertragen es. Er nicht. Der begnadete Songschreiber landet im Gefängnis, die Band feuert ihn. Er macht ein Soloalbum, aber der Erfolg ist bescheiden. Erst als die Musikerin Amanda Shires in sein Leben tritt und sein Freund, der Sänger Ryan Adams, es schafft, von den Drogen wegzukommen, geht der 33-Jährige bepackt mit einer Gitarre in eine Entzugsklinik. "Das war meine Rettung", sagt er heute.

Und ein bisschen war es auch die Rettung der Countrymusik, dieses lange verlachten, zuletzt aber so gern ausgeschlachteten Multimilliardengeschäftes. Hier, wo in Deutschland kaum bekannte Künstler wie Tim McGraw, Luke Bryan und George Strait ein Millionenpublikum zählen, findet Jason Isbell ein künstlerisches Zuhause: Ein bisschen Neil Young klingt mit, ein wenig Bruce Springsteen, dazu die jüngeren Sons of Bill und Tom Petty.


Mit dem Album "Southeastern" verarbeitet er seinen Entzug, ein Seelenstriptease, der ebenso schmerzhaft wie heilsam wirkt. Der Nachfolger "Something More Than Free" etabliert Isbell, inzwischen mit Amanda Shires verheiratet und Vater einer Tochter, als die vielleicht wichtigste Stimme im alternativen Countryrock der Gegenwart. Der neue "König der Americana" steht plötzlich auf Platz 6 der offiziellen Albumcharts und sein Song "24 Frames" gewinnt gleich zwei Grammys.

Jason Isbell, längst ein ranker, schlanker Mittdreißiger mit Undercut und strenger Stirntolle, verzaubert das erwachsene Publikum der Country-Serie "Nashville" mit gesungenen Dramen zu herzerwärmenden Melodien. Und das schafft er auch auf "The Nashville Sound", seinem sechsten Solo-Album, das zugleich das dritte ist, das ohne Dope und Koks entstand. Zehn Songs, die Hälfte der Lieder rockig, die andere akustisch, viel Countryfeeling, etwas Folk und kräftige Dosen Southern Rock etwa in "Hope the high road" und "White Man's World" - Isbell zeigt in der klassischen Laufzeit von 40 Minuten alle seine überragenden Talente.

Unterstützt von seiner Band The 400 Unit, zu der nun auch Ehefrau Amanda Shires gehört, arbeitet der Mann aus Alabama sich nicht an den amerikanischen Mythen ab, sondern an einer Gegenwart aus brummender Wirtschaft und steigenden Vermögen, in der zugleich immer mehr Menschen abgehängt vom allgemeinen Wohlstand zurückbleiben.

Jason Isbell macht Hymnen daraus. "If we were vampires" ist ein Liebeslied in Gegenwart des Gedankens an den Tod. "Last of my kind" lässt einen Mann zu Wort kommen, ohne Studium, ohne Hoffnung, die Familienfarm ein Parkplatz. "Bin ich der Letzte meiner Art?", fragt er. In "Cumberland Gap" singt ein Junge aus den Appalachen darüber, wie es sich lebt, jetzt, wo niemand mehr die Kohle haben will, die Vater noch aus dem Boden geholte. "Saufen bis zum Umfallen."

Rollensongs, in denen der erklärte Trump-Gegner Isbell sich denen nähert, die anders denken als er. Country, verrufen als Klischee-Musik, gewinnt hier eine Tiefe und Klarheit, die derzeit in der gesamten Rockmusik einzigartig ist. Zum Schluss singen Isbell und Shires dann auch noch "Something to Love", ein Liebeslied an Lieder, an Musik und das eine Ding, was dir hilft, weiterzumachen, wenn alles dunkel wird.

Ein Duett, zum Weinen schön.

Freitag, 28. Juli 2017

Das geheime Online-Leben unserer Kinder


Was suchen die Jüngsten, wenn sie vor dem Rechner sitzen? Die Antwort auf diese Frage wird viele Eltern erschrecken.

Danach befragt, sind die Antworten klar. Natürlich suchen Kinder im Netz nach Stars, nach Comics, Fußball, Witzen und lustigen Filmen. Soweit die offizielle Realität. Doch wie sieht es wirklich aus? Was interessiert Kinder, wenn ihnen kein Erwachsener über die Schulter schaut?

Eine Frage, der der Virenschutz-Konzern Kaspersky Lab jedes Jahr mit einer Untersuchung nachgeht. Kaspersky hat hier Zugang zu Daten, über die sonst kaum jemand verfügt: Die mit Virenschutzpaketen ausgelieferten Kindersicherungsmodul e liefern zwar anonymisierte, aber unbestechliche Statistiken.

Die aktuelle Auswertung zeigt, dass das Interesse der jüngsten Computer- und Internetnutzer an Kommunikationsmedien und Computerspielen im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist. Die Suchanfragen nach Alkohol, Tabak und Drogen sowie nach Software, Audio und Video dagegen nehmen zu. Und das nicht nur, aber ganz besonders auch bei deutschen Kindern.

Zwar zielen fast zwei Drittel aller Suchanfragen von Minderjährigen weltweit auf Webseiten von sozialen Netzwerken, E-Mail-Diensten, Chats und Messenger-Plattformen. Doch insgesamt verloren diese harmlosen Bereiche in einem Jahr bemerkenswerte zehn Prozent an Interesse. Während Alkohol, Tabak und Betäubungsmittel um fünf Prozent auf nun 14,13 Prozent zulegten und damit jetzt sogar deutlich vor Computerspielen liegen, die mit 9,12 Prozent mehr als zwei Prozent verloren haben.

Zuwächse verzeichnet auch der Bereich Software, Audio und Video, der sich auf über sechs Prozent Anteil an allen Suchanfragen beinahe verdoppelt hat. Hier dürfte es sich oft um die Suche nach illegalen Downloadmöglichkeiten handeln. Der Kauf im Netz hat es dagegen schwer: E-Commerce-Seiten und auch Erwachseneninhalte, bei Kaspersky wohl die Beschreibung von Sexseiten, spielen im Kinderzimmer keine große Rolle.

„Kinder nutzen den klassischen Desktop-Rechner nur noch für Webseiten, zu denen es keine mobile App gibt“, erklärt Kaspersky-Analystin Anna Larkina. Der fallende Anteil bei Computerspielen müsse nicht bedeuten, dass die Kids weniger oft spielen. „Vielmehr konzentrieren sie sich hier auf wenige Webseiten, die dauerhaft genutzt werden.“

Die Analyse zeigt auch die teilweise große Unterschiede bei der Internetnutzung von Kindern in verschiedenen Ländern. So sind Kommunikationsmedien im arabischen Raum, in Lateinamerika und der ehemaligen Sowjetunion gefragt.

In Deutschland ist dafür das Interesse an Alkohol und Drogen größer - mehr als ein Viertel aller Google-Anfragen aus deutschen Kinderzimmern (Vorjahr 22,8 Prozent) galten Alkohol, Tabak oder anderen Drogen. Das sind zehn Prozent mehr als im globalen Durchschnitt. Online-Kommunikation liegt hierzulande mit 28,49 Prozent nur noch knapp vorn. Dahinter folgen Computerspiele (16,62 Prozent), Software, Audio, Video (11,57 Prozent) und E-Commerce (7,59 Prozent).

Samstag, 22. Juli 2017

Linkin Park: Mit dem Brett im Bett


Auf ihrem sechsten Album "The Hunting Party" dreht die ehemalige Nu-Metal-Band die Verstärker auf wie nie zuvor.

Erst in der Rückschau sieht die Karriere dieser Band aus wie am Reißbrett entworfen. Die musikalische Vision, der Linkin-Park-Chef Mike Shinoda Mitte der 90er zu folgen beschloss, wirkt angesichts der weltweiten Erfolge des Sextetts aus Los Angeles einfach zu schlüssig und zu konsequent umgesetzt. Als hätten Shinoda, sein Sänger Chester Bennington und der Rest der Truppe stets schon lange vorher gewusst, welcher Stilwechsel ihrem Image als Überraschungsband der Metal-Szene gut tun würde.

Vielleicht aber ist es andersherum. Vielleicht sind Mike Shinoda und sein Schulfreund Brad Delson, die die Idee zu der Band, die später Linkin Park heißen würde, schon im Jahr 1991 hatten, wirklich nur ihrem Instinkt gefolgt. Haben erst Metal gemacht, der sich hörbar vom üblichen Schwermetall mit akrobatischem Anspruch an die Musiker abhob. Dann Metal und Rap versöhnt. Sind weitergeeilt zur Fusion von Metal mit Elektronik. 

Und stehen nun mit ihrem sechsten Album vor einer neuen Definition des Begriffs Härte. Zumindest für den Bereich des harten Rock, der immer zugleich auch auf die Verkaufshitparaden schielt. "The Hunting Party" ist ein dröhnender, stampfender und schreiender Bastard aus zwölf Songs, die von Gitarren dominiert werden, trotzdem aber weder an Metallica noch an Limp Bizkit erinnern. Dabei sollte ursprünglich alles ganz anders werden. "Ich habe einige Alternative-Pop-Demos gemacht, die klangen, als könnten sie in das reinpassen, was das Radio derzeit spielt", beschreibt Mike Shinoda.

Erst die Erkenntnis, dass er selbst eigentlich überhaupt keine Lust auf die so erfolgreiche Art Balladen-Indie-Songs und Rock-Pop-Hymnen hatte, brachte den 37-Jährigen zum Umdenken: Hart sollte das neue Album werden, bretthart. Und die nach über 50 Millionen verkauften Alben im Rockolymp angekommene Band zurückführen zum musikalischen Ethos der Anfangstage, als sie aufbrach, einfach ihr eigenes Ding zu machen und auf dem Weg dahin alle Konventionen zu zerschmettern.

"Keys to the Kingdom" fängt dann auch an, als sollte jeder zufällige Hörer sofort zum Verlassen des Saales veranlasst werden. Chester Benningtons Stimme wird durch die Mixhölle gejagt, ein Gitarrengewitter wie einst von Helmet bricht los. "No control" schreit Bennington, es rappt, es brummt, die musikalische Struktur fällt zwischen einer zarten Melodie und jenseitigem Brüllen auseinander. Das ist hier das Konzept. "Wir sind nicht zufrieden / wir sind hungrig" heißt es in einem kurzen Begleitpoem, "jetzt ist nicht die Zeit, nachzuschauen, ob irgendjemand folgt, jetzt ist Zeit, aufzubrechen ins Unbekannte."

Das allerdings so unbekannt natürlich auch nicht ist. Das fiese Zischen in "War" erinnert an die punkigen Zeiten von Guns'N'Roses, die Melodie von "Rebellion" an Nik Kershaws "The Riddle" und das mit Klavier verzierte Instrumental "Drawbar" mit Tom Morello von Rage Against the Machine an der Gitarre gemahnt schon fast an eine der unvergänglichen Pink-Floyd-Hymnen Marke "Atom Heart Mother". Das darauf folgende "Final Masquerade" ist dann sogar eine lupenreine Ballade.

Keyboards nebeln über ein stur stampfendes Schlagzeug, die Gitarren singen im Chor und das Heavy-Herz blutet wie ehemals bei Jon Bon Jovis "Blaze Of Glory". Erst zum großen Finale kommt die Wucht zurück, versteckt in einem Pelz aus soundtrackartigen Soundschleifen, die von Marschgitarren abgelöst werden. Das Giftige, Strenge und Laute weicht hier einem Wechselspiel von elegischen und energischen Momenten. 

Ein bisschen klingt das, ja, wie am Reißbrett entworfen.

Samstag, 15. Juli 2017

Der Wutbürger



Ich schnaufe beim Joggen, obwohl es bergab geht. Das Holperpflaster, die Straße am Kindergarten. Alles frei, der vordere Fuß setzt auf, der hintere kommt. Und von links schießt ein silberfarbener Golf heran, ungebremst. Hinterm Lenkrad die Karikatur eines Autofahrers aus dem Witzheftchen: Jägerhütchen in beige, beige Outdoorjacke, weiße Socken in Sandalen, braune Hose.

Zentimeter vor meinem linken Knie stoppt die Stoßstange. Und schon kommt Jägerhütchen aus seiner Kabine geschossen. Er ist etwa Mitte 60, nicht dick, aber im Zustand fortschreitenden körperlichen Verfalls. "Ehhh, spinnst du", brüllt er noch im Öffnen der Fahrertür. "Du wohl eher", entgegne ich etwas kurzatmig. Ich bin stehengeblieben, zwei Meter von Jägerhut entfernt, etwa Fahrbahnmitte. Ich laufe hier seit 15 Jahren. Und wenn mein Fuß auf der Fahrbahn ist, dann dürfen alle Linksabbieger warten.

Das sage ich Jägerhütchen, der es anders sieht. "Reingesprungen" sei ich ihm, was nicht sein kann, weil er mit dem Heck noch immer auf der Straße steht, von der er kommt. Dort stauen sich inzwischen drei Autos, was den Jägerhut nicht stört. "Mal klarmachen" werde er mir die Verkehrsregeln, keucht er, nachdem ich ihm höflich bedeutet habe, was er mich kann. Der Golf des Mannes trägt ein Kennzeichen aus einer Gegend, wo sie Fleisch noch mit den Zähnen essen und auf den Straßen die PS-Zahl entscheiden lassen, wer Vorfahrt hat. Das hier ist Stadt, sage ich dem Jägerhut, da funktioniert das anders.

Glaubt er nicht. Der Jägerhut verschwindet für einen Moment wieder im Führerstand. Und dann taucht das ganze Männchen als Karikatur eines Wutbürgers wieder auf: In der Hand trägt der Safarimann jetzt einen fünfzig Zentimeter langen Knüppel, beste Buche, etwa vier Zentimeter stark. "Dir zeig´ ich´s gleich", ruft er, während er sich zu seiner vollen Körpergröße von 1,65 aufrichtet.

Ein Fehler. "Du machst einen großen Fehler", warne ich in Erinnerung an Abwehrreflexe aus der Schulzeit. Abschrecken durch Gelassenheit. Die Sonnenbrille hilft. Jägerhut wird langsamer, der Knüppel sinkt ein wenig. "Ruf lieber vorher noch jemanden an, damit dein Auto nicht die Kreuzung blockiert, wenn sie dich ins Krankenhaus fahren", höre ich mich sagen. Er ist jetzt nicht mehr sehr entschlossen, wirklich ernst zu machen. "Wenn du den Knüppel nicht in zwei Minuten im Hintern stecken haben willst, machst du dich besser vom Acker", schiebe ich hinterher, um einen Ton drohender Sachlichkeit bemüht.

Aber die Kränkung, Unrecht zu haben, vor einem Publikum, das inzwischen nicht mehr nur die Leute in der drei Autos hinter ihm, sondern auch ein halbes Dutzend Spaziergänger auf der anderen Straßenseite zählt, wiegt wohl schwerer. Er ist noch immer nach vorn unterwegs.

Volles Risiko. "Na, komm schon", rufe ich. An dem Punkt, so war das wenigstens früher, drehen die meisten ab.

Aber Jägerhütchen ist anders. In ihm pocht die Wut des Landbewohners auf die fremden Sitten der Stadt. Er mag sich benachteiligt führen, von der Regierung betrogen, von den Parteien, von der Rentenversicherung. Er ist nicht mehr bereit, das hinzunehmen, deshalb hat er ja den Knüppel griffbereit dabei. Und jetzt ist der Augenblick, wo er sich entschließt, zurückzuschlagen. Gegen mich. Obwohl ich ja weder die Regierung bin noch eine Partei noch die Rentenversicherung. Der Knüppel geht wieder nach oben und der Sandalenfuß kommt auf mich zu. Ende aller Gespräche.

Ich reiße mir die Regenjacke von der Hüfte, wo sie vorsichtshalber hängt. Gerade noch rechtzeitig. Als der erste Schlag kommt, fange ich ihn fast schon beiläufig mit der Jacke ab. Beide Handgelenke drehen sich ein wie hundertmal im Training geübt. Eine Schlaufe, die sich zuzieht und ihm den Buchenknüppel aus der Hand reißt. Jägerhut verzieht das Gesicht, als ihm meine freie Rechte eine Sekunde später kurz angesetzt auf die fleischige Nase kracht. Er taumelt jetzt und ehe er sich erholen kann, setze ich mit dem rechten Fuß nach. Sicher ist sicher. Von unten auf die Zwölf, Treffer. Jägerhut knickt ein wenig ein und bückt sich dabei direkt in meine Linke, die als Haken von unten kommt.

Wieder auf die Nase. Der Jägerhut purzelt vom Kopf, auf dem Outdoorwestenimitat von Karstadt glänzen Blutstropfen. "Ich habe dich gewarnt", knurre ich, ehe ich ihm die Rechte noch mal prophylaktisch aufs Ohr dresche. Meine Augen suchen nach dem Knüppel. Ahh, da ist er. Jägerhütchen ohne Jägerhut stöhnt leise, ich greife mir das Holz und knalle es ihm im Hochkommen von links gegen das Knie. Irgendetwas knackt und bricht, der Linksabbieger fällt nach rechts um und rührt sich nicht mehr.

Hinter seinem Golf hupt jetzt einer. Mehrere Passanten telefonieren, vermutlich mit der Polizei. Sollen sie doch, denke ich, er hatte ja den Knüppel. Er hat angefangen. Und was hat er davon geahbt.Ich bin jetzt in Euphorie, Adrenalin überall. Die vier Schritte zum Auto gehe ich ohne einen Gedanken daran, was ich dort will. Aber siehe: Auf dem Beifahrersitz Zigaretten, ein Feuerzeug, in der Fahrertürablage ein hübsch gefaltetes Putztuch.

Zack, habe ich den Tank geöffnet. Wupps, den Lappen in den Stutzen gewürgt. Und zisch angezündet. Ich lasse das Feuerzeug fallen, drehe ab und trabe ruhig davon. Der fährt nie wieder quer, denke ich zufrieden, während schwarze Wolken hinter mir aufsteigen

Aber natürlich nicht wirklich, denn in der Realität endete die Geschichte an der Stelle, wo ich "Na, komm schon" rufe.

Jägerhütchen wollte dann doch lieber nicht.

Kluge Wahl, so im Nachhinein betrachtet.

Donnerstag, 13. Juli 2017

Seltsame DDR-Sitten: Eingaben an den roten König


Ob Schimmelpilze an der Wand oder mangelnde "Brillenversorgung" - DDR-Bürger zeigten beachtliches Geschick, ihren Staatsrat mit Bitt- und Beschwerdebriefen, den "Eingaben", zu nerven. In den Behörden türmten sich die Wutschreiben der Bürger zu Bergen, aber helfen konnte auch Erich Honecker nur selten wirklich. 


15 lange Jahre hatte Siegfried Ebert eine Schafsgeduld. Dann, im Sommer 1986, platzte ihm der Kragen. Ebert war ein ganz normaler DDR-Bürger - wenn man mal davon absieht, daß ihm ein Mehrfamilienhaus in der Halleschen Straße in Merseburg gehörte, durch dessen Dach schon während der 74er Fußball-WM der Regen tropfte. Nach 15 Jahren griff Ebert zum allerletzten Mittel: "Seit zwölf Jahren", schrieb er an den "Sehr geehrten Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker", "versuche ich mit den örtlichen Organen, das Dach meines Hauses neu eindecken zu lassen, aber es führt kein Weg dahin."

Immer wieder werde er vertröstet, immer wieder fehle es an Handwerkern, Material und Fonds. "Das ständige Streichen der Bilanzen", jammert Ebert, "sorgt für einen fortschreitenden Verfall des Daches." Bereits jetzt hätten verschiedene Wände einen "hohen Durchnässungsgrad", es regne den Mietern teilweise schon in die Wohnung. Was soll denn nun werden? "Herr Honecker", gestand Ebert dem großen Vorsitzenden im fernen Berlin, "ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin verzweifelt."

Fehlte eine Gehwegplatte, schrieb man eine Eingabe


Erich Honecker selbst, von dem Ebert wohl irgendwie gehofft hatte, er werde es nicht tatenlos hinnehmen, daß einer seiner Bürger "verzweifelt" bleibt, hat den Brief vermutlich nie gelesen. Wie Tausende und aber Tausende ähnliche Schreiben, landete er in der Abteilung "Eingaben" des Staatsrates der DDR. Hier wurden Ratlosigkeit und Verzweiflung akribisch verwaltet, wurden
Hilferufe analysiert und in Ordnern voller Bürgerjammer sorgfältig archiviert, hier leitete man "Maßnahmen" ein und Anliegen weiter.

Seit den fünfziger Jahren etablierte sich das Eingabenschreiben nach und nach als ein Stück unverwechselbarer DDR-Kultur. Fehlte vor dem Haus eine Gehwegplatte - schrieb man eine Eingabe. Wurde die Bushaltestelle am Sportplatz gestrichen - schrieb man eine Eingabe. Bekam man keinen Werkstattermin oder keine Ersatzteile oder kein Zeitungsabonnement oder keinen Platz in der Kneipe oder keine Wohnung - man schrieb eine Eingabe. Egal, ob es um Fragen der "Brillenversorgung" oder um die Bettensituation" in den DDR-Krankenhäusern ging, um Wohnungsprobleme, Versorgungsengpässe bei Südfrüchten, Ausreisewünsche oder Verwaltungsfilz.

Jedem Bürger stand es frei, staatliche Organe, Parteisekretäre oder beliebige andere Instanzen per Eingabe damit zu belästigen. Mit dem Absenden des entsprechenden Briefes wurde jedes Anliegen zum verwaltungstechnisch erfassten Vorgang: Die "zuständigen Organe" mussten innerhalb einer festgesetzten Frist darauf antworten.

Für Gabriele Schulz begann es mit einem kleinen, handgeschriebenen Brief an den Rat der Stadt Pasewalk. "Seit Jahren", schrieb Frau Schulz, "wohnen mein Lebensgefährte und ich mit unserer kleinen Tochter nun schon in einem Haus, das baupolizeilich gesperrt ist. Wir holen jeden Tropfen Wasser aus dem Keller, waschen uns in einer Schüssel. An den Wänden blüht der Pilz!" Die
Verwaltung vertröstete. Einmal. Gabi Schulz schrieb an den Rat des Kreises. Zweimal. Gabi Schulz versuchte es mit einem Durchschlag an die SED-Kreisleitung. Dreimal. Das war dann einmal zu viel. Jetzt tat Gabriele Schulz, was nur die Mutigsten wagten: Sie griff zum letzten Mittel und schrieb auf blauliniertem Schulschreibpapier, was im DDR-Volksmund ehrfurchtsvoll flüsternd eine "Staatsratseingabe" genannt wurde.

Denn wenn gar nichts mehr ging, wenn das zuständige "staatliche Organ" den lästigen, weil störrisch beschwerdeführenden Bürger aus dem Büro warf, ging im DDR-Zentralismus immer noch etwas. Für jede unlösbare Frage, jedes trotzig von der Bürokratie ausgesessene Problem gab es eine höhere, eine allmächtige Instanz, eine letzte Möglichkeit, Gerechtigkeit zu erlangen: "Von den territorialen Organen erwarte ich mir keine Hilfe mehr", schrieb Holger Müller aus Riesa an den "lieben Genossen Honecker", "aber Sie haben ja die Möglichkeit, sich von oben für die Lösung meines Problems einzusetzen".

Honecker hatte. Er konnte alles. Und infolgedessen erwartete man alles von ihm. Um die Revidierung von "Gerichtsurteilen in Scheidungssachen" wurde der Allmächtige mit derselben Selbstverständlichkeit gebeten wie um Besorgung von Pkw-Ersatzteilen Marke Skoda oder "devisenpflichtigen West-Medikamenten".

Die Eingaben an den Staatsrat der DDR erzählen die Geschichte der DDR als Alltagsgeschichte ihrer Bürger. Dokumente zwischen Aufbegehren und Unterwürfigkeit, die heute zu Zehntausenden ordentlich gebündelt in der Coswiger Außenstelle des Bundesarchivs lagern. Die einen bettelten um "Unterstützung beim Kauf einer Badewanne", andere hingegen eröffneten dem Staatsratsvorsitzenden freimütig: "Ich bin überhaupt nicht damit zufrieden, daß Sie meine Eingabe ,weitergeleitet` haben. Ich darf doch wohl von Ihnen erwarten, daß Sie sich auch persönlich mit den Problemen eines Bürgers ihres Staates befassen."

DDR-Bürger entwickelten ein beachtliches diplomatisches Geschick und ein gerüttelt Maß an Zynismus im Briefverkehr mit ihrem höchsten Staatsorgan. Mario Freiberg aus Waltershausen am Harz rieb den verhassten Bonzen die eigenen Parolen unter die Nase: Dass Funktionäre bevorzugt Neubauwohnungen bekommen, sei für ihn Ausdruck eines "gestörten Verhältnisses zwischen den Klassen und Schichten", ließ er den "Genossen Honecker" wissen. Franz Metzger aus Neubrandenburg hingegen eröffnete provokativ, daß ihm "langsam Zweifel an der Wohnungspolitik der SED" kämen, um später versöhnlich "Mit sozialistischem Gruß" zu schließen.

Der langsame Niedergang des ersten Arbeiter- und Bauernstaates hat in den Eingaben unverkennbar Spuren hinterlassen. Was in den Fünfzigern als seltene Einzeltat begann, schwoll später zur wahren Briefflut. Während sich Partei- und Staatsfunktionäre die "ständige Festigung des Sozialismus" im Land vorheuchelten, konstatierte der "Sektor III" beim Staatsrat Monat für Monat eine "weiter steigende quantitative Tendenz". Sektor III war für die Eingabenerfassung und -bearbeitung zuständig. "Bis zu 170 Eingaben täglich" zählte Sektorenleiter Fritz Glaser im Jahr 1973. Und dabei blieb es nicht. Allein für den Bezirk Halle wurden aus anfangs einigen hundert Eingaben jährlich bis Mitte der Achtziger nahezu 7.000. Auch die Rostocker und die Dresdner, vor allem aber Leipziger und Berliner griffen immer öfter wutentbrannt zur Feder.

"Sektor III" zeigte sich der Welle gewachsen. Jeder eingehende Brief, mit einer numerierten Karteikarte versehen, löste hinter den Kulissen eine Welle hektischen Aktionismus aus. Der Einsender bekam einen Eingangsbescheid, die kritisierte Behörde hingegen den schriftlichen Auftrag, für Lösungen zu sorgen und anschließend Bericht zu erstatten. Sektor III seinerseits
durchleuchtete die eingehenden Briefe im "Infas"-Stil: Arbeiteranteil und Frauenquote, "Vielschreiber" und "Übersiedlungsantragsteller", getreulich wurde alles erfasst und ausgewertet.

Die Lösung der Probleme allerdings beförderte das wenig. Wie auch sollte man zum Beispiel "instabile Versorgungsverhältnisse", die immer wieder beklagt wurden, ohne zusätzliche Zuteilungen beheben? Wie hundert Dächer mit fünf Dachdeckern und einem Karton Ziegel flicken? Wer repariert 20 Pkw Wartburg mit einem einzigen Zahnkranz? Wie weist man 376 Pflegebedürftige in ein Heim ein, in dem kein einziger Platz mehr frei ist?

Der mit den Jahren zu einem Stück originärer DDR-Kultur gewachsene Moloch "Eingabenwesen" hatte genaugenommen keinerlei Nutzen. Er verteilte den Mangel einfach nur zu denen um, die keine Eingabe schrieben.

Die Mitarbeiter des Sektor III müssen sich dessen durchaus bewusst gewesen sein. Und sie behielten ihr Wissen nicht etwa für sich. "Die Mehrzahl der Anliegen der Bürger", schrieb Sektorenleiter Glaser über zwei Jahrzehnte regelmäßig in seine internen Berichte nach oben, "ist berechtigten Ursprungs." Viele seien aber dennoch "nicht wie gewünscht zu lösen".

Detailliert listeten die monatlichen Eingabenanalysen die Schwachpunkte des Systems auf. Fehlerhafte Arbeitsweisen, bürokratisches Verhalten, herzloser Umgang der staatlichen Organe mit Bürgeranliegen seien "unten" an der Tagesordnung, berichtete Glaser an Staatsratschef Willi Stoph.


Gab es keine Ersatzteile, schrieb man eine Eingabe

Die Unzufriedenheit stieg und damit auch die Zahl derjenigen, die versuchten, "die Lösung ihrer Probleme mit Druck zu erzwingen". So verlangten immer mehr Bürger aus unterschiedlichen Schichten die sofortige Lösung ihres Wohnungsproblems. "Wenn wir nicht bis zum 15. 8. eine neue Wohnung haben", wetterte Herbert J. aus Parchim, "könnt ihr uns gleich die Ausreise
fertigmachen oder wir schicken Bilder, wie wir als DDR- Bürger leben, in die ganze Welt. Wir leben ja nicht wie Menschen, sondern wie Tiere!"

Solche Briefe wurden natürlich einmal mehr kopiert. "Übersiedlungsersuchen wurde dem MfS zugeleitet", vermerkt eine Notiz, "Sicherheitsorgane wurden informiert" eine andere.

Aber sie wurden auch bevorzugt bearbeitet. Augenoptikermeister Ebert aus Merseburg hingegen, der still leidend 18 Jahre lang um die Reparatur seines Daches gekämpft hatte, überlebte das Ende der langersehnten Bauarbeiten nur um wenige Tage. "Im Herbst 1989", erzählt seine Witwe Ruth, "kamen ja endlich die Handwerker." Doch über deren "Pfuscharbeit" habe sich ihr Mann "so sehr
aufgeregt, dass das sein armes Herz nicht mehr mitmachte."

Spätere Beschwerden seiner Frau über die Pfuscharbeit gingen in den Wende-Wirren unter. Das Dach des Hauses in der Halleschen Straße ist noch immer nicht komplett saniert. Ruth Ebert hat sich irgendwann damit abgefunden. "Heute", seufzt die Rentnerin, "weiß man ja gar nicht mehr, wo man sich beschweren soll."

Donnerstag, 6. Juli 2017

Styx: Reise in die Ewigkeit


Im 45. Jahr nach ihrer Gründung kehrt die US-Band Styx mit dem Album „The Mission“ aus einer Jahrzehnte währenden Pause zurück.

Styx, das ist der Todesfluss, der an der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades fließt. Styx, das ist aber auch eine Rockband, die eben den Beweis antritt, dass ewiges Leben möglich ist: „The Mission“ ist nach 14 Jahren Pause das erste neue Album der Band, die Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre weltweit riesige Erfolge feierte. Und es ist ein Album, an dem mit James Young nur noch eines der Gründungs- oder langjährigen Originalmitglieder mitgewirkt hat.

Natürlich, auch Tommy Shaw ist da, der Gitarrist, der in den erfolgreichsten Jahren zwischen 1975 und 1984 an heute längst klassischen Alben wie „The Grand Illusion“ und „Paradise Theater“ mitgewirkt hatte. Und Bassist Chuck Panozzo spielt auch wieder mit. Aber weder Sänger und Mitgründer Dennis DeYoung noch Chucks Bruder John Panozzo zählen noch zur 1990 von James Young wiedergegründeten Truppe, zu der Tommy Shaw erst zurückkehrte, als DeYoung und Chuck Panozzo sie erneut verlassen hatten.

Rock’n’Roll-Zirkus der Superstar-Art, für die die Band aus Chicago schon immer stand. Als in England schon die Punk-Revolution kochte, spielten die fünf Musiker aus Illinois zusammen mit Supertramp, Saga, dem Electric Light Orchestra und Fleetwood Mac die Lordsiegelbewahrer der großen Rockkunst. Songs wie das Folk-Stück „Boat On A River“ vom Album „Cornerstone“ aus dem Jahr 1979 und die 1983 zum dauerpräsenten Hit avancierende Single „Mr. Roboto“ etablierten Styx in der Liga der Arena-Bands jener Tage, die mit hoher musikalischer Könnerschaft eine perfekte Rockmusik ohne Leidenschaft und Seele spielten.

Theatralisch, fantasiebegabt, immer auf der Suche nach der großen Pose und dem Lied, das das ganze Leben erklärt und die Hörer tief in der Seele packt, so klingen Styx auch heute noch. James Young, der inzwischen auch Sänger der Band ist, wird vom alten Kollegen Tommy Shaw unterstützt, dazu kommen mit Bassist Ricky Phillips, Schlagzeuger Todd Sucherman und Keyboarder Lawrence Gowan drei Mitmusiker, die den klassischen Styx-Sound täuschend echt nachzustellen verstehen.

Alles da, was das Fanherz begehrt: Die Hardrock-Gitarren, die dreistimmigen Chöre, zu denen Tommy Shaw, Lawrence Gowan und James Young immer wieder zusammenfinden, der Synthesizer-Schaum, der über allem liegt, aber auch Boogie-Woogie-Strecken wie in „Hundred Million Miles from Home“. Und wie damals auf „Paradise Theater“, das auch von der DDR-Plattenfirma Amiga veröffentlicht wurde, gibt es wieder eine durchgehende Geschichte, die die 14 meist überraschend kurzen Lieder miteinander verbindet.

Eine Reise zum Mars bildet die Kulisse für das späte musikalische Abenteuer, in das sich Young & Co. gewohnt fingerfertig und fantasiebegabt stürzen: An Bord des Raumschiffs Khedive schlüpfen Shaw, Young und Gowan in die Rollen der Crew, die im Auftrag des - von Tommy Shaw ausgedachten - Global Space Exploration Program unterwegs durch die Weiten des Weltalls ist.

Eine harmonische Reise, auf der die Band zeigt, dass sie in allen Stilrichtungen beschlagen ist. Ein wenig Prog-Rock wird mit Anleihen bei Yes-Psychedelika gemischt, „The Greater Good“ hört sich an wie eine verschollene Queen-Hymne und „Time may bend“ erinnert an das unvergessene „Snowblind“ vom „Paradise Theater“-Album. Klänge, so blank und glänzend wie eine echte Marsrakete, bereit zum Flug in die Ewigkeit.


Dienstag, 4. Juli 2017

Separatisten in Nordamerika

Ein Jahr hatten sie sich vorbereitet, eine eigene Armee gegründet und eigenes Geld herausgegeben. Am 4. Juli 1776 war es dann soweit. Der Kontinentalkongress, in dem Delegierte aus den 13 britischen Kolonien Nordamerikas sich zusammengefunden hatten, um die Behandlung der Amerikaner durch die Briten als Bürger zweiter Klasse zu beenden, verabschiedete die Unabhängigkeitserklärung als Dokument des eigenen Willens, sich vom Mutterland in der alten Welt zu lösen und einen eigenen Staat aus der Taufe zu heben.

Thomas Jefferson, Sohn eines Pflanzers und studierter Jurist, hatte die Erklärung geschrieben, mit der sich die Untertanen des englischen Königshauses selbst ermächtigten, ihre Untertanenschaft zu kündigen. Der König, so heißt es da, habe eine Reihe von Rechtsbrüchen begangen, seine Macht missbraucht, Krieg gegen die eigene Bevölkerung in den Kolonien begonnen, die Rechtsprechung behindert und die Bürokratie vergrößert, so dass seinen einst treuen Bürgern das Recht zuwachse, „die staatlichen Bindungen an das Mutterland zu lösen“. Im Namen der Kolonien unterzeichneten 56 Delegierte das Dokument, das damit ihrer Ansicht nach Rechtskraft erlangte.

In London sah man das anders. Seit Monaten schon führten Truppen der Kolonisten und Einheiten des Königs Krieg miteinander, der sich nun verschärfte. Britische Einheiten griffen New York an, die amerikanische Front auf Long Island brach zusammen. Die geschlagenen Reste seiner Einheiten konnte George Washington nach Brooklyn zurückziehen, später flüchtete seine Kontinentalarmee nach Manhattan. Das Kriegsglück wendete sich erst Monate später wieder. Weitere fünf Jahre kämpfen Amerikaner und Briten, schließlich aber auch Franzosen und Spanier weiter gegeneinander, ehe die Briten nach der Belagerung von Yorktown in Virginia kapitulieren und Großbritannien die Unabhängigkeit der Kolonien anerkennen muss.

Mehr vom Independence Day in der Neuen Zürcher

Samstag, 1. Juli 2017

Damals in Leuna: Erinnerung an Helmut Kohl

Helmut Kohl war nicht nur der Vater der Einheit und der Mann, der sich in Halle gegen Eierwerfer wehrte, sondern auch der Politiker, der über den kleinen Dienstweg nach Paris dafür sorfte, dass in Leuna heute noch Chemie existiert. Nichts Genaues weiß man nicht, aber Zeitzeugen, die ganz nah an den Ereignissen teilhatten, erinnern sich an Lustreisen nach Paris, an vom Gastgeber spendierte leichte Mädchen und Unmengen Alkohol. dann war es soweit, der französische Staatskonzern Elf Aquitaine rettet Leuna. Wie und warum, welches Geld wohin floß und welche Gegenleistungen versprochen wurden, ist bis heute unbekannt. Aber der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert liegt mit den in seinem Thriller "Der nützliche Freund" entworfenen Theorien womöglich nicht allzuweit weg von der Wahrheit.

Das ist das eine, auch von Untersuchungsausschüssen nicht geklärt. Das andere ist, wie es damals von unten aussah. Und zwar so*.

Der Wind ist eisig hier draußen. Graue Regenschauer hängen über dem Baufeld, auf dem eine einsame Planierraupe ihre Kreise zieht. Die Gleisverlegearbeiten der Reichsbahn gleich nebenan sind gegen den Bauplatz, auf dem in knapp zwei Jahren die größte Einzelinvestition in den neuen Bundesländern entstehen soll, eine richtige Großbaustelle. Leuna, Minuten nach der Nachricht aus Berlin, daß Treuhandanstalt und das französische Elf Aquitaine den Streit um den Neubau der Leuna-Raffinerie mit einem Kompromiß beigelegt haben. Jetzt steht fest: Die 4,3 Milliarden Mark teure Raffinerie wird gebaut.

Doch nirgendwo Jubel, nirgendwo Begeisterung. „Mich selber betrifft doch das Ganze ja gar nicht", denkt Kioskbesitzerin Ursel Schröder, die ihren Wagen gleich gegenüber dem Werkszaun geparkt hat. Aber vielleicht, hofft sie, kämen dann ja mehr Gäste zum Essen. Andere Hoffnungen? Nein, andere Hoffnungen verknüpfe sie nicht mit dem Projekt. Ähnlich denken viele. „Für mich ist es sowieso zu spät", sagen die Älteren, „ob das noch was nützt, bin ich mir nicht sicher", befürchten die Jungen. Leuna, zu DDR-Zeiten noch Arbeitsplatz von mehr als 30 000 Chemiewerkern, hat in den letzten vier Jahren zuviel durchgemacht, als daß hier noch jemand spontan in Euphorie ausbrechen würde - „bloß weil irgendwer mal wieder verkündet, daß jetzt alles gut wird". Dasselbe, sagt ein knochiger Arbeiter an der Bushaltestelle, habe man schon viel zu oft gehört: „Und immer war es Verarsche".

Eher sachlich sehen es andere. Der Leunaer Dezernent für Hauptverwaltung, Georg Schicht, hat zwar durchgesetzt, daß, seit die Ungewißheit um die Raffinerie in den letzten Tagen überhandnahm, die Kommune um das Werk auch die Treuhandmitteilungen gefaxt bekommt - diesmal aber wollte es Schicht möglichst schnell wissen. „Den ganzen Tag", erzählt er, „habe ich am Radio gehangen". Bis die Nachricht kam. „Mir fiel ein Stein von Herzen", freut er sich, „nicht nur wegen der mindestens 8 000 Arbeitsplätze, die jetzt sicher sind." Er spricht von der Freifläche, die längst als Wohngebiet verplant ist. 150 Wohnungen sollen dort entstehen. „Aber da existiert doch nur ein Interesse, wenn die Leunaer Arbeit haben." Und es geht um das Gewerbegebiet am Rande von Leuna. „Wissen Sie", macht Schicht eine Rechnung auf, „wir wollen schon in Kürze die ersten Gewerke heranholen."

Zulieferer, Dienstleistungen, Mittelstand. „Hoffentlich klappt das, denn wir sind doch auch auf die Gewerbesteuer angewiesen." Radio gehört hat auch Uwe Thomas. „Denn natürlich ist jede Investition wichtig", meint der Tankwart, der die Minol-Tankstelle direkt vor dem Werkstor betreibt, gestellt, wie werden die Leute ausgesucht - „keiner weiß was, keiner sagt was." Sicher sind sich die Beschäftigten in der Raffinerie nur über eines: „Wir sind jetzt 1 200 Leute in der alten Raffinerie, unddie bauen sicher keine neue, um genausoviel Menschen zu beschäftigten. Also, sagen sie, werden „wohl viele die Tasche packen müssen, wenn die alte Raffinerie zumacht".

Aber wenigstens habe so einige eine halbwegs sichere Perspektive. „Wir hoffen nur, daß es nicht so wird, daß die Letzten, die hier das Licht ausmachen, dann keinen Platz mehr im neuen Werk finden."

*Text vom März 1994

Sonntag, 25. Juni 2017

Reisen nach Russland: Im nahen Osten

Die Hauptstadt des früheren großen Bruders der DDR ist inzwischen wieder eine Reise wert.


Nicht ganz drei Stunden braucht die Bombardier CRJ100 der russischen Fluglinie Rusline für die 1 748 Kilometer von Leipzig nach Moskau. Ein Katzensprung in den nahen Osten, der kaum teurer ist als eine Autofahrt in den Schwarzwald, allerdings bei Touristen nicht ganz so beliebt.

Gegen Russland spricht immer etwas: Putins strenge Herrschaft und die Rückeroberung der Krim, die Waffenhilfe für den syrischen Machthaber Assad und die angeblichen Hackerangriffe auf westliche Demokratien, mit denen der Kreml im Wochenrhythmus Schlagzeilen produziert. Zudem gilt Moskau als teuer, kriminell und schmutzig. Warum also dorthin fliegen, solange es Rom, Paris und Barcelona gibt?

Vielleicht weil vieles, was über Russland und seine Hauptstadt geglaubt wird, gar nicht stimmt. Die mit rund 13 Millionen Einwohnern größte Stadt Europas ist in Wirklichkeit weder besonders teuer noch gefährlich. Was den Schmutz betrifft, wird jeder Reisende, der Halle, Leipzig oder Berlin kennt, staunend bemerken, dass es in ganz Moskau keine Zigarettenkippe und kein Bonbonpapier auf dem Boden gibt. Und an den Wänden der Millionenstadt nicht mehr als eine halbe Handvoll Graffiti-Schmierereien.

Unentwegt wird überall gefegt, der Marmor in den legendären U-Bahn-Stationen glänzt ebenso wie die Straßen der Innenstadt, die regelmäßig von Sprühfahrzeugen der Stadtwirtschaft blankgewienert werden. Regelmäßig heißt hier: Einmal aller zwei Stunden.

Von der Wirtschaftskrise, in die die westlichen Sanktionen wegen der Krim-Annexion Russland gestürzt hat, ist in der Hauptstadt nichts zu sehen. Überall wird gebaut, mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr (siehe „Russland erleichtert Einreise für Fans“) entstehen neue Stadien, auf Brachflächen in der City werden Hotels errichtet und hinter potemkinschen Fassaden aus Planen mit aufgemalten Fenstern sanieren Bauarbeiter die letzten historischen Gebäude, die noch nicht frisch geputzt sind.

Die Stadt selbst ist für Touristen einfach zu verstehen, weil der Rote Platz mit dem Kreml als zentraler Orientierungspunkt immer schnell wiederzufinden ist. Moderne Hotelzimmer fünf Fußminuten vom Kreml entfernt gibt es für um die 80 Euro pro Nacht, Frühstück bieten nach dem „Starbucks“-Vorbild gestaltete russische Café-Ketten wie Shokoladia an. Abends locken zahllose Restaurants nicht nur mit russischer, italienischer oder griechischer Küche, sondern auch mit Spezialitäten aus Weißrussland, Armenien oder Indien.

Eine Weltstadt, allerdings im Schwebezustand zwischen sozialistischer Vergangenheit und der Entdeckung des Globalismus. In den berühmten Kaufhäusern GUM und ZUM finden sich dieselben Edelmarken wie auf den Edelboulevards von New York und London, die Läden hier sind ebenso leer wie die Preise astronomisch. Touristischer ist es auf dem Arbat, einer der ältesten Straßen der russischen Hauptstadt, die heute von Straßenmusikern und Zeichenkünstlern dominiert wird. Auf beiden Seiten der Straße finden sich Caféhäuser, Galerien und Geschäfte, in denen von der Matroschka über das Putin-T-Shirt bis zum Sowjetarmee-Mantel alles angeboten wird, was auf westliche und chinesische Touristen exotisch und sowjetisch wirken könnte.

Ist der Flirt mit der kommunistischen Vergangenheit hier ebenso Kalkül wie bei den Doppelgängern, die sich rund um den Roten Platz als Stalin, Lenin oder Rasputin fotografieren lassen, bleibt der allgemeine Umgang der Russen mit den 69 Jahren Sowjetunion von großer Ernsthaftigkeit geprägt. Die Lenin-Denkmale stehen noch, vor den Gedenktafeln für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges liegen Blumen, und Pflichtsehenswürdigkeiten wie das Kosmonautenmuseum, das Denkmal von Konstantin Ziolkowski, eines Wegbereiters der Raumfahrt, und das Gelände der Allunionsausstellung, die offiziell „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ heißt, strahlen immer noch die überwältigende Monumentalität der Stalin-Zeit aus. Himmelhoch wie die Statuen für die Eroberer des Weltalls sind auch die im „Park Pobedu“ westlich des Stadtzentrums, in dem die Russen ihres Sieges gegen Hitlerdeutschland gedenken. Auf einem weitläufigen Gelände am Ausgang der mit 84 Metern Tiefe am weitesten nach unten gegrabenen U-Bahn-Station findet sich neben einem Museum eine nachgebaute Bunkerstellung, umstellt von Panzern, Flugzeugen und Geschützen.

Davon abgesehen wirkt Moskau, in der Vergangenheit oft als Verbrechenshochburg kritisiert, wie eine friedliche und freundliche Stadt. Auch die jungen Moskauer sprechen eher selten Englisch, aber immer bemühen sie sich weiterzuhelfen. Selbst die Milizionäre - oft Burschen mit lichtem Bartpflaum - lächeln für Fotos und kramen für Auskünfte ein paar Brocken Deutsch heraus. Im Pub, der russisches Craft-Bier zu deutschen Preisen ausschenkt, beantwortet Architekturstudent Alexej die Frage, wie man mit einem russischen Durchschnittseinkommen in Moskau leben kann. „Das weiß keiner“, sagt er. „Aber wenn du Moskau liebst, machst Du es einfach.“

Samstag, 24. Juni 2017

Kraftklub: Die Axt aus dem Osten


Im fünften Jahr nach ihrem Debütalbum schlägt die Erfolgsband aus Chemnitz auf „Keine Nacht für Niemand“ neue Töne an.

Links der Neubaublock aus alten Zeiten, daneben der Philosophenkopf, den die Einheimischen kurz „Nüschel“ nennen. Und davor die fünf Herren mit K, in weißen Polo-Shirts wie immer,  rote Hosenträger festgeschnallt und auf einer improvisierten Bühne versammelt. „Spring aus dem Fenster für mich“, singt Felix Brunner, der bei der Chemnitzer Rockband Kraftklub am Mikrophon steht und auch beim neuen Hit der fünf Sachsen zeigt, wie Ironie geht.

Natürlich singt die Menge, die zum Spontankonzert der Lokalhelden in die Brückenstraße gekommen ist, begeistert mit. Und natürlich ist es nicht wirklich ein Spontankonzert, das Felix Brunner, sein Bruder Till am Bass, die Gitarristen Karl Schumann und Steffen Israel und Drummer Max Marschk hier aufführen. Nein, Kraftklub feiern mit solchen Auftritten auf Straßen, in Hinterhöfen oder auf einem Lkw ihr neues, inzwischen drittes Album „Keine Nacht für Niemand“.

Raketenstart in Sachsen


Das muss so sein, denn Kraftklub sind fünf Jahre und drei Alben nach  ihrem Raketenstart aus Sachsen an die Spitze der Charts ein Top-Thema. Das Quintett spielt in einer Hit-Liga mit den Toten Hosen, Rammstein und dem Rostocker Rapper Marteria, spielt in ausverkauften Arenen und bekommt Einladungen zu den angesagtesten Festivals.

Daran war 2009, als der damals noch als Rapper auftretende Felix Brunner sich der Rockband seines Bruder Till anschloss, nicht zu denken. Die beiden Söhne des Künstlerehepaares Ina und Jan Kummer, das zu DDR-Zeiten mit der Avantgardegruppe AG Geige Furore gemacht hatte, zielten  eigentlich auch gar nicht auf den großen Pop-Markt. „Adonis Maximus“, die erste offizielle Veröffentlichung, vermählte Rap und Rock und unwiderstehliche Tanzbeats und ätzte böse gegen rundgelutschte Schlagerstars.  Mit der Anti-Metropolenhymne „Ich will nicht nach Berlin“ war es dann eben doch passiert. 20 Jahre nach den Prinzen hatte Sachsen wieder eine Top-Ten-Band.

Die sieht nun rot.  War das Debüt „Mit K“ noch ganz weiß gehalten, der Nachfolger „In Schwarz“ dann wie ein Negativbild ganz schwarz, so leuchtet der Streichholzaugen-Titel von „Keine Nacht für Niemand“ blutrot. Ein Zeichen, denn Kraftklub haben ihren musikalischen Horizont im dritten Anlauf entscheidend erweitert. Zu Punk und Hip Hop, Metal, TexMex und Glam-Rock-Riffs kommen diesmal Streicher, Beatles-Harmonien und  augenzwinkernde Verneigungen vor  Helden der Kraftklub-Musiker. Einer davon ist Sven Regener, Sänger und  Kopf der Band Element of Crime, deren fast zehn Jahre alter Song „Am Ende denk’  ich immer nur an dich“ hier nicht nur zitiert, sondern von Regener selbst mitgesungen wird.


Nachtvorstellung der Verrückten


Nicht der einzige Gast in dieser Nachtvorstellung der Verrückten, deren Titel auf das 45 Jahre alte Scherben-Album „Keine Macht für Niemand“ anspielt. Auch Wu-Tang-Clan Rapper Ol’ Dirty Bastard, die Britpopper Blur, Depeche Mode, die  Kumpels von Deichkind und Die Ärzte werden zitiert.

Und nachgemacht:  In „Dein Lied“, einer Ballade, in der ein enttäuschter Liebender seiner  Verflossenen hinterherheult,  heißt es provokativ „Du verdammte Hure, das ist dein Lied“. Geht gar nicht, schallte es augenblicklich von den Tugendwächtern der Popkultur, denen der Rollensong eindeutig zu weit ging, künstlerische Freiheit hin oder her. Felix Brunner hat die Vorwürfe ironisch gekontert. „Muss man bei seinen Texten immer eine Gebrauchsanweisung mitliefern?“, fragt er. Für ihn sei der Einsatz des Streichorchesters in einem Punksong mehr Provokation als die Verwendung eines Wortes, das ein betrogener Liebhaber durchaus auch im echten Leben verwenden könnte.

Erledigt. Mit dem Selbstbewusstsein seiner 27 Jahre räumt der gerade so noch in der DDR geborene Kraftklub-Texter die Vorwürfe so beiläufig ab wie seinerzeit die Kritik an der Kraftklub-Uniform aus Baseballjacken und Polo-Shirts. Kraftklub, die anfangs nie politisch sein wollten, sich später aber ganz entschieden gegen die Rock-Kollegen von Frei.Wild positionierten, sind heute die Axt aus dem Osten, die die Einsicht in die Notwendigkeit politischer Korrektheit grinsend in Stücke schlägt.

Rock kann nicht den Konsens suchen, wenn er richtig rocken will. Und ein Liedtext ist nicht immer das Seelenbild des Mannes, der ihn singt.

Kraftklub: Keine Nacht für Niemand, Vertigo Berlin

Freitag, 23. Juni 2017

Fundstücke am Rande der Gerechtigkeit


Beim Amtsgericht in Halle wird eigentlich nach Gerechtigkeit gesucht. Dabei geht aber auch ständig etwas verloren, allerdings niemals so ganz: Eine ordentliche deutsche Behörde führt ordentlich Buch über alle Fundstücke.

Wer also seine Taschenbibel vermisst, seine beiden Industrieschaber oder die Anwaltsrobe - bitte im Foyer melden!

Samstag, 17. Juni 2017

17. Juni 1953: Der Tag X in Halle

Szenen aus Halle, die der Schriftsteller Titus Müller in seinem Buch über den "Tag X" fast dokumentarisch beschreibt.

Der Leipziger Schriftsteller Titus Müller führt mit seinem spannenden Geschichtsdrama „Tag X“ in die Zeit des Arbeiteraufstandes vom Sommer 1953. Im Mittelpunkt seines Buches steht das, was damals in Halle geschah.


Auf einmal stehen alle Räder im Waggonbau Ammendorf still. Die Arbeiter sammeln sich auf dem Hof und brüllen den Parteisekretär nieder, der sie zurück an die Werkbänke reden will. Dann marschieren sie Richtung Innenstadt, ohne Befehl und ohne Anführer. Immer neue Arbeitskollektive schließen sich an. Ein schweigsamer Strom, der mehr und mehr Menschen aus den umliegenden Betrieben ansaugt. Die Staatsmacht sieht es geschockt, unfähig zur Reaktion.

Ausnahmezustand im „Maschinenraum der DDR“, wie der Leipziger Schriftsteller Titus Müller den damaligen Bezirk Halle in seinem neuen Buch "Der Tag X"  nennt. In jenem Juni 1953 ist das Volk auf der Straße, die Einheitspartei verbarrikadiert sich. Als einige Demonstranten versuchen, die Stadtleitung der SED zu stürmen, fallen Schüsse. Später am Tag wird Blut fließen, ehe sowjetische Panzer rollen und den Aufstand rücksichtslos niederschlagen.

Doch es ist nicht nur die einzige große Rebellion der DDR-Bevölkerung gegen das System, die Titus Müller beschäftigt. Ihm geht es auch in seinem zwölften Roman wieder um ein Zeitbild, das Geschichte in mehreren Ebenen lebendig werden lässt. Wie zuletzt bei „Berlin Feuerland“, einer Geschichte vor dem Hintergrund der Märzunruhen des Jahres 1848, stellt der 39-Jährige seine erfundenen Figuren in echte historische Kulissen, in denen sie stellvertretend für ihre wirklichen Zeitgenossen agieren.

Der Waliser Ken Follett hat diese Methode der Geschichtsdramastisierung zuletzt mit der auch den 17. Juni berührenden „Jahrhundertsaga“ perfektioniert. Titus Müller hält die Perspektive mehr am Boden, er schildert in „Tag X“ nur ein Jahr. Es gelingt ihm aber ebenso gut wie dem britischen Auflagenmillionär, glaubhafte Charaktere auf die historische Bühne zu stellen.

Seine Hauptheldin hier ist die Schülerin Nelly, die sich in einem Land zurechtfinden muss, das nicht einfach zu verstehen ist. Jahre zuvor haben sowjetische Soldaten ihren Vater mit nach Russland genommen, wo er für Stalin forschen muss. Nelly hat Fragen dazu, die ihr niemand beantworten will. So landet sie in der Jungen Gemeinde - und das in einer Zeit, in der die DDR gegen die Kirchen mobil macht.

Während in Moskau Stalin stirbt und das Machtgefüge im Sozialismus ins Rutschen gerät, wird Nelly zur Staatsfeindin erklärt. Sie fliegt von der Schule, verliebt sich in den Uhrmacher Wolf, der wiederum versucht, ihr über seinen Funktionärsvater zu helfen und dabei in die Fänge der Stasi gerät. In Halle hat die alleinerziehende Arbeiterin Lotte ähnliche Probleme - der Alltag ist hart, die Zukunft düster. Hoffnung könnte nur noch eine Veränderung von allem geben.

Parallel blendet Müller nach Bonn, wo ein Sowjet-Spion für seinen ambitionierten Chef Lawrenti Beria ein Tauschgeschäft über die DDR anbahnt, und nach Moskau, wo Funktionäre um das Erbe Stalins rangeln. In Berlin wird derweil eine konsternierte SED-Führung zwischen dem eigenen Volk und den Weltmacht-Interessen der Schutzmacht im Osten zerrieben.

Titus Müllers Geschichte ist ein Komprimat von vielem, was damals gewesen sein könnte, und anderem, das wirklich war. Adenauer tritt auf, Globke, Churchill und Chruschtschow intrigieren, Ulbricht bettelt, und der von seiner guten Sache überzeugte Minister Fritz Selbmann tritt den Demonstranten ungeschützt gegenüber. In echt wird Ulbricht ihn später wegen „abweichender Meinungen“ kaltstellen lassen.

Müllers temporeiches, spannendes Spiel mit der Wirklichkeit bleibt nah an der tragischen Wahrheit. Im richtigen Leben hieß der vor dem Roten Ochsen erschossene Student nicht Marc König, sondern Gerhard Schmidt (hier die wahre Geschichte), aber er war wirklich 27 und nur zufällig in die versuchte Stürmung des Gefängnisses geraten. Auch dass die DDR-Führung seinen Tod später instrumentalisierte, um mit einem Opfer „westdeutscher Provokateure“ von der eigenen Verantwortung abzulenken, ist wahr. Ebenso wie der Versuch der SED-Spitze, die erhöhten Arbeitsnormen nach den ersten Protesten zurückzunehmen.

Doch der Zug der Zeit war da schon auf den Schienen, die Machtprobe unausweichlich. Am 17. Juni rollen die Panzer, am Abend wird das Kriegsrecht verhängt. Am 18. Juni ist Halle eine belagerte Stadt, die Proteste sind erstickt. Am 26. wird Beria in Moskau verhaftet, der Kampf um Deutschland ist beendet. Der Massenmörder, der sich als Reformer sah, wird im Dezember als britischer Spion verurteilt und sofort erschossen. Zurück bleiben Lotte, Nelly und Wolf, die nichts davon verstehen und noch viel DDR vor sich haben.

Titus Müller: „Tag X“, Blessing,
400 Seiten, 19,99 Euro

Freitag, 16. Juni 2017

Roger Waters: Der Mann, der Pink Floyd bleibt


Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem letzten Großwerk spielt Roger Waters auf "Is this the life we really want? noch einmal den großen Ball als großer, trauriger Bedenkenträger. Kein Zweifel: Waters ist immer noch und mehr denn je der alte zornige Mann, nur jetzt nicht mehr jung.

Mehr als drei Jahrzehnte ist sein Ausstieg bei Pink Floyd her, aber wenn Roger Waters ein Album macht, ist der 73-Jährige locker in der Lage, den Sound eines Floyd-Albums zu reanimieren. Auch auf "Is this the life we really want?", seinem erst dritten Werk seit der Trennung von Gilmour, Mason und Wright, ist das so. 

"When we were young" startet das Album mit Drums und Klavier, Waters gibt den Weisen vom Berge, der zurückschaut und verspricht, man könne heute noch mal den Sound von damals hören.

 Und wirklich. Die zwölf Songs, die Waters irgendwann in den 20 Jahren seit "Amused to Death" geschrieben hat, zitieren Pink Floyd in der Darkside-Phase, zeigen aber inhaltlich den zornigen alten Mann, der so ganz und gar nicht mit der Welt zufrieden ist, in der er und sein Publikum leben. 

Das macht aus dem geborenen Melancholiker, der inzwischen mit leicht gebrochener Stimme singt, noch keinen ekstatischen Rocker, aber in seinen Texten ist der Israel-Gegner, Trump-Hasser und Medienkritiker deutlich wie immer. "The Last Refugee" schildert das tragische Ende einer Flucht über das Mittelmeer und "Broken Bones" betrauert die vergebene Chance, nach dem II. Weltkrieg Freiheit statt des "american dream" zu wählen. 

Roger Waters´ Weltbild war schon immer kompliziert und einfach zugleich, seine Musik sanft wie enervierend, mehr Hörspiel als Songzyklus. "Life" ist genauso, bis zum finalen "Part of me died", das pathetisch Unversöhnlichkeit beschwört. Roger Waters wird sich nicht entschuldigen. Nie, singt er. Dazu klingt Musik, als stamme sie von der dunklen Seite des Mondes.

Samstag, 10. Juni 2017

Kap Verde: Geheimnisvolle Inseln

Nur sechs Stunden Flug entfernt liegt ein völlig unbekanntes Ganzjahres-Feriengebiet.

All der weiße Sand, die glattgeputzten Boards, die Schussfahrt von der Düne, sie sind Arbeit für Frank Hennicke. Der Morro d’Areia - Hügel des Sandes - ist die drittletzte Station der Inseltour, die der Chef von Boavista-Tours mit Besuchern fährt. Eine Wüste direkt am Meer, rechts endlos weite karibisch blaue Wellen, links die karge Steinlandschaft von Boa Vista, der drittgrößten der kapverdischen Inseln, die nur zwei Flugstunden hinter den Kanaren liegen. Die aber, niemand weiß das besser als Frank Hennicke, der Boa Vista vor sechs Jahren zu seiner neuen Heimat gemacht hat, „genausogut auf einem anderen Planeten liegen könnten“.

Endlose Strände


Denn trotz der überschaubaren Entfernung, der endlos langen, unberührten Strände und der abwechslungsreichen Natur auf den insgesamt neun bewohnten Inseln kennt kaum jemand die vor rund 570 Jahren entdeckte Inselgruppe 600 Kilometer vor der Küste des Senegal. Wie alle anderen Inseln des Archipels war auch Boa Vista vor der Entdeckung durch die Portugiesen vor rund 550 Jahren unbewohnt.

Erst der ein halbes Jahrhundert später beginnende Sklavenhandel machte aus den Inseln, die bis dahin nur von einer kleinen Militäreinheit eher symbolisch besetzt worden waren, einen wichtigen Vorposten des portugiesischen Weltreiches. Später aber verlor die Kolonialmacht das Interesse, die Briten trieben noch ein wenig Salzhandel und nutzen den Hafen von Mindelo auf São Vicente, um ihre stets kohlehungrigen Dampfschiffe zu versorgen. Dann versank Kap Verde, so benannt nach dem Cabo Verde (Grünes Kap) an der Westküste Afrikas, bei dem Schiffe nach Westen abbiegen mussten, um die Inseln zu finden, wieder in der Vergessenheit.

Dort leben die rund 550 000 Kap Verdianer heute noch. Erst Mitte der 90er eröffnete ein Italiener das erste Hotel auf Boa Vista, erst vor einem Jahrzehnt begann die sozialdemokratische Regierung, den Tourismus als größtes Wachstumsfeld der Zukunft zu entwickeln.

Eine unglückliche Entscheidung, von der heute noch zahlreiche Bauruinen künden. Wo kurz vor der weltweiten Finanzkrise riesige Hotelkomplexe und Appartmentsiedlungen aus dem Boden schossen, stemmen sich heute kahle Betongerippe in den Wind. Vielen Investoren ist das Geld ausgegangen, klamme Hotelgruppen haben ihre Pläne wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte ändern müssen. Der erhoffte Aufschwung des Tourismus wurde um eine Jahrzehnt zurückgeworfen.
Was der Atmosphäre auf Boa Vista heute gut tut. Außer einem großen Hotel, das an vergleichbare Mega-Anlagen in der Türkei oder Tunesien erinnert, verteilen sich Urlauber in ein paar wenige eher familiäre Häuser wie den immer noch vom italienischen Gründer betriebenen Marine Club Beach Resort nahe der Inselhauptstadt Sal Rei.


Infrastruktur fehlt


Eine Situation, die Auswanderer Frank Hennicke wohltuend findet, auch wenn er weiß, dass mit jedem zusätzlichen Touristen zusätzliches Geld in das Land strömt. Kap Verde rangiert in der Uno-Liste der ärmsten Länder derzeit auf Platz 122 von 187, direkt zwischen dem Irak und Marokko. Es fehlt an medizinischer Versorgung für die Einheimischen, manche Orte haben nur stundenweise Strom, Wasser muss in viele Dörfer per Wasserwagen gebracht werden. 90 Prozent aller Lebensmittel, aus denen zahlreiche Bars und Restaurants typisch kreolische Greichte zaubern, werden importiert, der Löwenanteil des Bruttoinlandsproduktes stammt aus den Überweisungen der Kap Verdianer, die im Ausland leben und arbeiten. „So lange die Infrastruktur nicht da ist, reicht es nicht, einfach mehr Bettenburgen zu bauen.“

Der Flughafen von Boa Vista etwa gleicht derzeit noch einem niedlichen Kiosk mit Landebahn, das Dach der Empfangshalle ist komplett offen. Warum auch nicht, es regnet ja ohnehin nie auf dieser Insel, die zwölf Monate im Jahr Sonne, Temperaturen um die 25 Grad, immer aber auch leichten bis mäßigen Wind vom Meer her haben. Das Rätsel, warum ganz Boa Vista dennoch nur drei Windkraftanlagen besitzt und keinen Solarpark, löst sich mit Blick auf die derzeitige Energieversorgung: Vor Jahren setzte die Regierung auf Dieselgeneratoren und gab den Erbauern der Anlagen eine Abnahmegarantie für den Strom. Der Bau von Windrädern ist auf Kap Verde deshalb dreimal teurer als in Deutschland, Solarpanele hingegen rechnen sich trotz des ewigen Sonnenscheins nicht, weil Salz, Wind und Sand ihre Oberflächen in kürzester Zeit zerstören.

Ideale Bedingungen aber gibt es nicht nur für Surfer und Taucher, sondern auch für ganz normale Strandurlauber, die von der eher dörflich wirkenden Hauptstadt Sal Rei im Nordwesten bis hinunter nach Curral Velho im Süden unendlich lange Sandstrände finden, an die sich stundenlang niemand verirrt.

Menschen finden sich eher am Mercearia Elvis ein, dem Kaufmannsladen des ältesten Ortes Bofareira, hinter dem es ins schroffe Gebirge der Ostseite geht. Hier treffen sich die Ausflügler, die vom Wrack der 1968 in einem Sturm vor der Nordküste gestrandeten Santa Maria kommen. Das Schiff, heute nur noch ein malerisch zerfallener Rostberg, liegt am Ende einer halsbrecherisch zu befahrenden Straße, bewacht von wilden Eseln, Ziegen und Kapuzineraffen, die als Haustiere auf die Insel kamen, mittlerweile aber einen festen Platz in der überschaubaren Fauna des Archipels haben.

www.boavista-tours.com


Montag, 5. Juni 2017

Big Brother im Bundestag: Erich Mielkes feuchter Traum


"Der Bundesrat hat in seiner 958. Sitzung am 2. Juni 2017 beschlossen, dem vom Deutschen Bundestag am 18. Mai 2017 verabschiedeten Gesetz zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises gemäß Artikel 84 Absatz 1 Satz 5 und 6 des Grundgesetzes zuzustimmen", heißt es auf der offiziellen Seite des Ländergremiums lapidar. Im Bundestag hatte die Mehrheit von Schwarz-Rot zuvor für das Gesetz votiert, wie die grün mitregierten Länder sich in der Abstimmung im Bundesrat verhalten haben, ist nirgends vermerkt. Klar ist jedoch: Das neue Gesetz öffnet die Türen weit zu einem Überwachungsstaat ganz neuer Qualität. Erich Mielke, der Chef der Staatssicherheit der DDR, hat vom Ausmaß dessen, was das als "Drucksache 391/17" öffentlich kaum wahrgenommene Gesetz möglich machen wird, nicht einmal feucht geträumt.

Denn die neue Bestimmung sorgt nicht nur dafür, dass die bisher von 90 Prozent der Deutschen verschmähte und ignorierte Möglichkeit, die elektronischen Komponenten des Personalausweises freischalten zu lassen und zu nutzen, künftig von Amts wegen freigeschaltet werden. Sondern sie gestattet es "Polizeibehörden des Bundes und der Länder, dem Militärischen Abschirmdienst, dem Bundesnachrichtendienst, den Verfassungsschutzbehörden, Steuerfahndungsdienststellen, dem Zollfahndungsdienst und den Hauptzollämtern“ nebenher aus, die Datenbanken, in denen die Personalausweis-Passbilder der Deutschen gespeichert sind, automatisch zu Fahnungszwecken zu nutzen.

Dazu braucht es keinen richterlichen Beschluss, nicht einmal ein staatsanwaltschaftliches Ersuchen. Die befugten Behörden bekommen -bis Mai kommendes Jahres einfach einen eigenen Zugang zu den Lichtbild-Archiven, in denen sie dann abprüfen können, was immer sie wollen, sobald es ihnen nötig scheint. Was und warum das ist, bleibt Geheimnis der jeweiligen Behörde. Weder Bürger, die Gegenstand einer Recherche geworden sind, noch Datenschützer erhalten Informationen darüber.

Ein mächtiges Werkzeug, das künftig noch mächtiger werden wird, wenn Gesichtserkennungprogramme, wie sie Google und Apple bereits entwickelt und - zumindest außerhalb Deutschlands - eingeführt haben, immer treffsicherer werden. Da der Personalausweis nicht nur ein elektronisches Passbild enthält, sondern auch die Fingerabdrücke des Inhabers, ist die Identifizierung eines Menschen nach einem Abgleich eines Fotos, das zum Beispiel mit einer Überwachungskamera gemacht wurde, ein Kinderspiel. Der Abgleich könnte automatisch erfolgen, zugegriffen werden könnte, befürchten Datenschützer, eines Tages auch auf die Kameras des Maut-System, die derzeit noch nur benutzt werden dürfen, um Fotos von Lkw-Kennzeichen zu machen.

Im Augenblick schließt die Politik eine solche flächendeckende Überwachung noch aus. Doch die Geschichte der Vorratsdatenspeicherung (VDS) lehrt, dass die Betonung immer auf "noch" liegt: Als die zuvor als verfassungswidrig abgeschaffte VDS zum zweiten Mal eingeführt wurde, wurde festgelegt, dass die von Providern zu speichernden Verbindungsdaten und GPS-Positionen ausschließlich bei der Verfolgung schwerer und schwerster Straftaten genutzt werden dürfen, also etwa bei Mord wie im Fall der 2015 in Halle ermordeten Studentin Mariya Nakovska.

Der Vorsatz hielt nicht lange. Eben erst hat die Bundesregierung die Liste der Delikte verlängert, bei denen Kommunikations- und Standortdaten abgefragt werden dürfen: Neben Delikten wie Völkermord, Hochverrat, Mord und Totschlag oder Verbreitung von Kinderpornografie sollen Ermittler künftig auch bei einfachem Einbruchdiebstahl auf die Daten zugreifen können. Die Bundesregierung ließ sich dabei auch nicht von einem Urteils des EuGH irritieren, der die Vorratsdatenspeicherung zwischenzeitlich als "rechtswidrig" verworfen hatte.

Keine zwei Jahre waren seit der Wiedereinführung der VDS vergangen und schon war sie vom Werkzeug der letzten Not zum polizeilichen Alltagsinstrument gegen Trivialkriminalität geworden. Ebenso schnell könnte es bei der Nutzung der Lichtbildarchive der Personalausweisregister und ihrer Verknüpfung mit den biometrischen Datenbanken der Fingerabdrücke und hochintelligenten Gesichtserkennungsalgorhitmen gehen. Big Brother wird es dann einfach wie nie: Sobald das Bild eines Verdächtigen vorliegt, reicht ein Tastendruck, um seinen Namen und seine Daten zu ermitteln.


Samstag, 3. Juni 2017

Little Steven: Der kleine Boss mit dem Kopftuch


Er spielte schon mit Bruce Springsteen zusammen in einer Band, als den allenfalls ein paar Leute rund um Ashbury Park/New Jersey kannten. Als der spätere "Boss" sich an die Arbeit zu seinem dritten Album "Born to run" machte, holte er seinen alten Gitarren-Kumpel Steven Van Zandt dann in seine E-Street-Band - der Rest ist Rockgeschichte. 

Springsteen feierte Welterfolge, van Zandt, genannt "Little Steven", stand mit Gitarre und Kopftuch neben ihm, bis er sich Mitte der 80er entschloss, eine Solokarriere zu starten. Die führte den heute 67-Jährigen in große Hallen und kleine Säle, Little Steven trat als politischer Aktivist auf und versammelte neben Springsteen auch Lou Reed, Bono, Bob Dylan und Peter Gabriel als "Artists United Against Apartheid" um sich.

Musik aber machte er weiter, seit Mitte der 90er sogar wieder mit Springsteens E-Street-Band. Kein Wunder, dass "Soulfire", das eben erschienene siebte Solo-Album des zuletzt als Schauspieler in "Sopranos" und "Lilyhammer" erfolgreichen Mannes aus Massachusetts klingt, als hätte der Boss selbst Hand angelegt. 

Das kommt allerdings nicht davon, dass Little Steven Springsteen nachäfft, sondern eher daher, dass er den Sound seines alten Freundes über Jahre geprägt hat wie kein anderer Musiker. 

Wenn hier nun van Zandts "I'm coming back" klingt wie ein verschollenes Stück des Megastars, wenn die Bläser in "Soulfire" schwitzen und das schon 1977 mit dem Boss zusammen geschriebene "Love on the wrong side" vom Klavier eingeleitet wird, dann ist das großer, klassischer Stadionrock im Springsteen-Stil. 

Little Steven spielt mit seiner Band The Disciples Of Soul am 14. Juni auf der Parkbühne im Leipziger Clara-Zetkin-Park. Karten für das Konzert gibt es hier: mawi-concert.de

Mittwoch, 31. Mai 2017

Oldham singt Haggart: Ver­nei­gung vor einem Riesen



Country, wie er früher war. Der einmal zum Bonnie Prince Billy rückverwandelte Will Oldham wandert auf Merle Haggarts Spuren.

Neben Johnny Cash und Willie Nelson war Merle Haggard immer der leise, angenehme Typ, der ohne Schlagzeilen auskam und manchmal den Eindruck erweckte, er meine seine Dorftrottel-Hymne "Okie from Muskogee" ernst.

Das hat er nie getan. Viele andere Lieder hingegen schon - und die sind es, die sich Bonnie Prince Billy, der bürgerlich Will Oldham heißt und 33 Jahre jünger als der im vergangenen Jahr verstorbene Haggard ist, herausgesucht hat, um sie neu einzuspielen. Ein Vorhaben, mit dem sich nicht viel gewinnen lässt. Oldham ist zwar geadelt, seit Johnny Cash einen seiner Songs neu einspielte. Aber insgesamt blieb der Mann aus Kentucky stets zu eigensinnig in seinem musikalischen Ausdruck, als dass ihn das Mainstream-Country-Publikum wirklich hätte als einen der seinen adoptieren können. 

Insofern: Ein bisschen wie Haggard, der "Working man's poet", der im Gegensatz zu Cash Jahre im Gefängnis zugebracht hatte und wusste, wovon er sang. Oldham verzichtet hier darauf, Haggards Lieder zu modernisieren oder ihnen seinen Stempel aufzudrücken. Die 16 Songs werden respektvoll gespielt, sparsam instrumentiert und von Oldham beseelt gesungen.

All das Verstaubte, das Haggards Klassikern wegen ihrer Entstehungszeit bisweilen anhängt, bläst der stille Star des alternativen Country vorsichtig beiseite. Und unter der Patina der frühen Jahre, als Countrysänger Cowboyhut tragen mussten, dafür aber zur besten Sendezeit im Fernsehen liefen, kommen kleine, feine Kuschellieder zum Vorschein.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Spammer: Danke für den Fisch


Es ist eine Chance, die jeder nur einmal im Leben bekommt. 23 Millionen Euro liegen auf einem Konto in Nigeria bereit, hinterlassen von einem Zentralbankmitarbeiter, der gerade erst bei einem Autounfall gestorben ist. Seine Tochter sucht nun verzweifelt nach einem Weg, das Geld ins sichere Ausland zu schaffen. „Werte Herr“, schreibt sie in einer Mail, „bitte könne helfe mich bei dies Transaktion und geben Deine Kontonummer?“

Kein Mensch würde das tun, oder doch keiner, der noch einigermaßen bei Verstand ist. Zu viele Rechtschreibfehler, zu hanebüchen die Geschichte, die die vermeintliche Millionenerbin aus Afrika erzählt. Dennoch klingen Millionen sogenannter Scam-Mails, die sich unter hundert Billionen Spam-Mails finden, die alljährlich unverlangt in Milliarden E-Mail-Postfächern landen, ähnlich: Krude ist die Grammatik, absurd die Rechtschreibung, egal ob auf Englisch oder Deutsch.

Die Botschaft der Mails, die entweder Millionengewinne versprechen oder zur Kontoprüfung auffordern, wird von den meisten Empfängern gar nicht mehr wahrgenommen - misstrauisch geworden durch die verräterische Form, wird der Inhalt in den Papierkorb geschoben. Ja, wenn die Spammer etwas schlauer wären, sagen sich viele Nutzer. Dann würde man vielleicht auf ihre Betrugsversuche hereinfallen. Aber so? Niemals! Bei der Rechtschreibung, dieser Grammatik und den durchsichtigen Tarngeschichten merkt doch jeder sofort, dass hier Kriminelle unterwegs sind, die nach Opfern suchen.

Genau das aber ist die Absicht der Absender von betrügerischen E-Mails, wie Cormac Herley aus der Research-Abteilung des Software-Riesen Microsoft in einer Studie nachgewiesen hat. „Warum sagen nigerianische Betrüger, dass sie aus Nigeria kommen?“, hat er das Papier überschrieben, in dem das Rätsel der offenkundig stets von völlig unfähigen Betrügern abgefassten Scam-Mails gelöst wird.

Eine mathematische Frage, wie Herley nachweist: Für den höchsten Profit müsse der Betrüger nicht versuchen, möglichst viele potentielle Opfer zu finden. Sondern anstreben, die zu erwischen, die die höchste Wahrscheinlichkeit versprechen, dass sie am Ende wirklich auf den Betrug hereinfallen. Die atemberaubend schlechte Rechtschreibung, zwischengemischte russische oder Thai-Schriftzeichen und eine Grammatik, bei der alles durcheinandergeht, funktionieren im milliardenschweren weltweiten Scam-Geschäft wie ein Idiotenfilter.

Denn schwierig am Verschicken von betrügerischen Mails ist nicht die erste Aussendung, die darauf spezialisierte Programme automatisch und millionenfach vornehmen. Sondern die Fortführung der Kommunikation mit den Angeschriebenen, die tatsächlich auf obskure Millionenangebote aller Art antworten.

Scammer kalkulieren knallhart: Würden auf 500 Millionen verschickte seriös wirkende Mails 100 Millionen Menschen antworten, bräuchte der Versender der Scam-Mails rund 200.000 Mitarbeiter, von denen jeder am Tag 500 Mails beantworten müsste. Hier lässt sich nichts mehr automatisieren, weil jede Antwort individuell ausfällt und deshalb auch individuell beantwortet werden müsste.

Die Wahrscheinlichkeit, dass im weiteren Mailwechsel vielen auffallen würde, dass es hier letztlich um Betrug geht, wäre dennoch hoch - ein Großteil der teuren, weil nicht von Computerprogrammen zu erledigenden Arbeit wäre vergeblich. Anders, wenn von Anfang an so plumpe Anschreiben verschickt werden, dass die meisten Adressaten sie sofort löschen. Wenn dann auf 500 Millionen Mails nur 200 Leute antworten, sind darunter, so die eiskalte Rechnung, bestimmt fünf oder zehn, die sich am Ende betrügen lassen.


Mittwoch, 3. Mai 2017

TV-Start: Sieg über den Klassenfeind


Als die DDR mal ganz vorn war: Vor 65 Jahren siegte die Arbeiter- und Bauernrepublik im Rennen um den Fernseh-Sendestart in Deutschland.

Eine Kiste, groß wie ein Schrank, links mit Stoff abgespannt und rechts für ein Glasfensterchen in Postkartengröße geöffnet: Heute vor 60 Jahren brachte der "Leningrad T2" aus sowjetischer Produktion das Fernsehen nach Deutschland. In der ersten Sendung kurz vor dem Weihnachtsfest 1952 durfte Stalin zuerst auf den Bildschirm - rein zufällig fiel der Start des offiziellen Betriebes des DDR-Fernsehens auf den Geburtstag des Führers der internationalen Arbeiterklasse. 

Was für ein Triumph über den Klassenfeind! Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) im Westen hatte zwar schon im November zwei Jahre zuvor mit der Ausstrahlung eines Versuchsprogrammes begonnen. Doch beim regelmäßigen Sendebetrieb hatte der Deutsche Fernsehfunk der DDR die Nase vorn. Erst vier Tage nach den Berlinern zog die Konkurrenz vom NWDR nach, die aus einem Bunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg zuerst einen Film über die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes "Stille Nacht" sendete. 

Kalter Krieg im Äther, allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In ganz Ostdeutschland gab es nicht mehr als 80 Fernsehgeräte. Obwohl einige davon in sogenannten Fernsehstuben standen, in denen Sendungen kollektiv angeschaut werden konnten, konnten nicht mehr als ein paar hundert Zuschauer die Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" mit Sprecher Herbert Köfer oder sowjetische Dokumentationen verfolgen. Dennoch war sich die Führung der SED offenbar schon sehr früh darüber im Klaren, dass im Äther eine unsichtbare Front entstand, die von eigenen Truppen gehalten werden musste. 

Im Januar 1952 hatten sich DDR-Präsident Pieck, Ministerpräsident Grotewohl und der kommende starke Mann Walter Ulbricht im Sendezentrum in einer Baracke in Adlershof gemeinsam von der Wirksamkeit der neuen Propagandawaffe überzeugt. Vor allem die Aussicht, neben 2,3 Millionen <>-Bürgern auch rund 2,2 Millionen Menschen im Westen mit eigenen Sendungen erreichen zu können, führte wohl zur Beschleunigung der Umsetzung der Fernseh-Pläne, deren Ausarbeitung die Sowjetische Militäradministration bereits 1949 in Auftrag gegeben hatte. 

Nachdem der NWDR sein Testprogramm auf einer Messe öffentlich vorgestellt hatte, geriet die <> zudem unter Druck. Die Europäische Wellenkonferenz hatte der DDR Sendefrequenzen zugewiesen, die an den Klassenfeind im Westen verloren zu gehen drohten, wenn sie nicht benutzt würden. Kurt Heiß, damals Generalintendant des DDR-Rundfunks, warnte im Sommer 1952: "Wir müssen jetzt jeden Tag mit mehr als einer Stunde draußen sein, zu einer feststehenden Zeit, um die Frequenz zu belegen." 

Das gelang zwar, doch viel problematischer war im Osten der eklatante Mangel an Empfangsgeräten. Von der staatlichen Weisung an die volkseigene Industrie, "diese in ihrem Aufbau unerhört komplizierten Apparate zu einem möglichst geringen Preis herauszubringen, um Fernsehen für jeden erschwinglich zu machen", wie es in einer Veröffentlichung hieß, war im Laden nichts zu sehen. Im VEB Sachsenwerk Radeberg wurden nach sowjetischen Bauplänen zwar Leningrad-Fernseher hergestellt. Doch die meisten mussten als Teil der Reparationszahlungen in die UdSSR geliefert werden. Der Rest ging für stolze 3 500 Mark über den Ladentisch - das durchschnittliche Jahresgehalt eines DDR-Bürgers. Es ging folglich weniger um echte Erfolge an der Fernsehfront als vielmehr um Prestige. 

Zumal eine wirkliche Konkurrenz der Sender in Ost und West anfangs schon technisch ausgeschlossen war: Adlershof sendete Bild und Ton in der OIR-Norm, Hamburg verwendete die ICCR-Norm. Wer es schaffte, die auf Einkanal-Betrieb ausgelegten "Leningrad"-Geräte auf den Empfang des Westsenders umzustellen, sah entweder das Bild. Oder er konnte den Ton hören. Der Erfolg im Wettlauf um den Starttermin blieb dann auch der einzige Sieg des DDR-Fernsehens über den technisch und finanziell überlegenen Westen. 

Während die regelmäßigen Sendungen im Osten bis Ende 1955 als "Versuchsprogramm" firmierten, lief "drüben" schon seit Weihnachten 1952 der reguläre Sendebetrieb mit Übertragungen wie vom Fußballspiel Deutschland gegen Jugoslawien, Shows und Fernsehspielen. Dahin kam das nun Deutscher Fernsehfunk (DFF) genannte Fernsehen der DDR erst zum 2. Januar 1956, rein zufällig der 80. Geburtstag von DDR-Präsident Wilhelm Pieck. 

Jetzt standen schon ein paar Tausend Fernseher vom im Funkwerk Halle hergestellten Typ Sonata FT 55 in den Wohnzimmern zwischen Rügen und Riesa. Zehn Jahre nach dem Fernsehstart hatten zwei Millionen DDR-Haushalte einen Fernseher, 1969 startete das zweite Programm - sechs Jahre nach dem Zweiten Deutschen Fernsehen in der Bundesrepublik. 

Samstag, 22. April 2017

Fischer-Z: Widerstand gegen den Wohlstand


Alles in allem sind es kaum elf Jahre gewesen, in denen John Watts den Namen Fischer-Z abgelegt und versucht hatte, unter seinem eigenen Namen an die großen Erfolge der 80er Jahre anzuknüpfen. Das gelang nicht, vielleicht auch, weil der studierte Psychologe sich nie dümmer stellte, als er ist.

Watts verband Liedermacherei und Rock, Pop und Multimedia, er reiste um die Welt und sang mit Musikern aller Kontinente, und bald schien es, als komme es ihm gar nicht mehr auf das Ergebnis seiner Bemühungen um neue Musik an, sondern nur noch um den Weg dorthin.

Aber natürlich ist der inzwischen 62-Jährige auch eitel. Wer mit Mitte 20 in Welthits wie "Marliese" und "Berlin" gezeigt hat, dass schwerer Inhalt und leichte Form bis an die Spitze der Charts klettern können, mag im Herbst seiner Karriere nur ungern dauerhaft in kleinen Klubs vor zwei Handvoll alten Fans auftreten. John Watts hat also den alten Bandnamen Fischer-Z aus dem Archiv geholt und eine neue Ära für die einstige New-Wave-Combo ausgerufen.

40 Jahre nach Bandgründung ist zwar außer ihm keines der Ursprungsmitglieder mehr dabei, aber Fischer-Z war schon immer ganz allein Watts' Baby, sein Sprachrohr, seine Stimme. "Building Bridges", bei ganz penibler Zählung wohl Album Nummer zwölf mit dem Schriftzug Fischer-Z auf dem Cover, unterstreicht den virtuellen Charakter dieser Formation durch den intimen Kreis, der es eingespielt hat. Neben Watts selbst ist da der Schlagzeuger und Percussionist James Bush, dazu Tochter Leila Watts und Mitproduzent Nick Brine als Backgroundsänger.

Ein Solowerk also, das in elf Songs hundert Prozent Watts bietet. Die zickige Gitarre ist hier, die Stimme wie eine überspannte Klaviersaite, die Bläsersektion aus dem Keyboard. Dazu kommen die Melodien, die immer an die großen Momente von "Cruise Missiles" und "The Worker" erinnern. Damals hatte Watts Politik und Beziehungskrisen in luftigen Pop gegossen, der dennoch wie ernsthafte Rockmusik gehört werden durfte.

Das versucht er hier wieder. "Building Bridges" startet mit abgeschlagenen Köpfen in Damaskus, blendet über auf Szenen aus der Finanzkrise, schimpft über den Mindestlohn und ruft die Besitzlosen zum Widerstand gegen den Wohlstand: "Die, die nichts haben, brauchen eine lautere Stimme!" Der weitgereiste Pop-Philosoph, allen Ehrgeizes ledig, sinniert öffentlich über die Leiden der Welt, über die Flüchtlingskrise und die alles zermalmende Kraft des Internets.

Gallig ist er dabei, die Stimme quengelt bei "Barbara Sunlight" ein höhnisches "heirate mich" und bei "Umbrella" verwandelt Watts "Paint it black" von den Rolling Stones in die Liebeserklärung eines alternden Mannes an ein junges Mädchen. "Shrink" ist dann ein Zwiegespräch des Sängers mit einem Alter Ego diesen Namens, in dem die verrückten Zeiten zu verrückter Musik beklagt werden. Watts darf das, denn er kann es, auch ganz allein.