Samstag, 17. November 2018

AKA Elektrik und Biox Ultra: Warum die DDR Werbung abschaltete


Wer ihn damals jeden Abend sah, kann die Melodie noch heute mitsingen. „Baden mit Badusan, Badusan, Badusan“! Oder auch „AKA Elektrik, in jedem Haus zu Hause“. Viel mehr hatten die sogenannten "Verbrauchertipps" im DDR-Fernsehen nicht zu bieten - aber die beiden Werbespots, die natürlich nicht so heißen durften, haben Ewigkeitscharakter für die Generationen, für die sie die erste Begegnung mit Werbung waren.

In den 60ern hatte die DDR angefangen, mit dem Aufbau des Sozialismus im Land auch Werbung zu machen. Zwischen 1959 und 1976 wurden rund 4 000 Werbesendungen im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Wenig im Vergleich zum Westen, viel aber für einen Staat der Bückwirtschaft, in dem sich begehrte Waren nur über Beziehungen besorgen ließen.

In einer funktionierenden Planwirtschaft hätte planmäßig für nichts Werbung gemacht werden müssen, weil jederzeit planmäßig und bedarfsgerecht produziert worden wäre. Die Praxis allerdings  sah anders aus: "Tausend Tele-Tips", die am Vorabend ausgestrahlte Fernsehwerbesendung,  sollte Schluss machen mit dem Verstecken der "beachtlichen neuen Erzeugnisse des Siebenjahresplanes in einem verhängten Schaufenster", das das SED-Organ Neues Deutschland kritisiert hatte. Während politisch mit Slogans wie "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" Reklame für den Sozialismus gemacht wurde, sollte Werbung für Küchenmaschinen, Mopeds und Kaffeefilter zeigen, wie modern die DDR ist und wie gut es ihren Bürgern geht.


So kam der Minol-Pirol in die Welt, es gab eine "HO-Frühjahrsmode", Kofferradios vom VEB Stern-Radio Rochlitz und Berlin-Kosmetik, "Biox Ultra - die gute Zahnpasta" und "Esda - der Qualitätsstrumpf" wurden neben dem "Wartburg - ein zuverlässiger Wagen" angepriesen, obwohl der ohnehin nur auf Vorbestellung zu haben war. Laut eigenem Statut wollte das Werbefernsehen "auf Leitbilder orientieren, die dem entwickelten gesellschaftlichen System des Sozialismus entsprechen". Der Schriftsteller Uwe Johnson beobachtete diese Bemühungen von Westberlin aus und schrieb 1964 im Tagesspiegel: "Es werden aber tatsächlich Waren angepriesen, Seifen, Suppen, Sorten, und erstaunlicherweise mit den bekannten Mitteln der Übertreibung und anderer dreister Rhetorik."

Alles wie überall, nur aus heutiger Sicht unbeholfen und daher sympathischer. "Mein Mann und Fewa-flüssig, die beiden sind Gold wert", sagt eine Hausfrau, die mit demselben Spruch und anderem Markennamen auch in der ARD hätte auftreten können.

Die Werber fingen sich damit Kritik ein, zumal sie meist Ladenhüter bewerben mussten, die auch mit Werbung niemand haben wollte. Eier zum Beispiel, die immer beworben wurden, wenn es zu viele gab. 1972 kam dann ein Spot für einen  Geschirrspülautomaten heraus, eine Revolution der DDR-Küchen, die in einer Überflutungswelle endete. Der Spot verschwand. "AKA Elektrik" blieb, die Abkürzung stand für: "Aktiv auf dem Markt - Konzentriert in der Handelstätigkeit - Aktuell im Angebot".

Mitte der Siebzigerjahre war plötzlich Schluss mit „AKA Elektrik, in jedem Haus zu Hause“  und dem  legendären Unterleibswasser "Yvette Intim", das "nach Meinung namhafter Frauenärzte" eigentlich auch "jeder Mann" verwenden sollte. Die Werbesendung „TTT“ endete kommentarlos, indem sie aus dem Programm flog.  Zuvor hatten die Minister der DR-Regierung ganz demokratisch beschlossen, dass Werbung Quatsch sei, weil ohnehin nichts Neues mehr auf den Markt kam.

Erst Mitte der 70er-Jahre bemerkten die zuständigen Entscheidungsträger, dass da kaum noch etwas zu bewerben war und beendeten den 17-jährigen Feldversuch. Da half es auch nicht, dass wenigstens ein 1965 produzierter Spot dem Ideal der sozialistischen Fernsehwerbung schon recht nahe gekommen war. Mann und Frau sitzen am gedeckten Tisch: "Weißwein ist so recht das Getränk unserer Zeit. Für unseren Optimismus. Weißwein für glückliche Menschen, die sich gemeinsam über Vollbrachtes freuen."

Mittwoch, 14. November 2018

Blockchain: Wie die DSGVO in Europa die Zukunft beendet hat


Blockchain-Anwendungen gelten als Basis für neue Geschäftsmodelle. Eigentlich. Denn mit ihrer neuen Datenschutzverordnung aber macht Europa die breite Nutzung der neuen Technologie dauerhaft unmöglich.

Mit dem Höhenflug der virtuellen Währung Bitcoin Ende vergangenen Jahres rückte der Begriff Blockchain zum ersten Mal in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Das schnelle Geld lockte, der steile Anstieg auf bis zu 20 000 Dollar für einen einzigen Bitcoin verführte viele, auch ein paar Euro auf das zu setzen, was nach Meinung vieler Experten ein Stück Zukunft mitten in der Gegenwart ist.

Allerdings nicht, weil Blockchain-Geld wie Bitcoin, Ethereum, Ripple oder IOTA schnelle Gewinne verspricht. Sondern weil die Technologie, die hinter den sogenannten Kryptowährungen steckt, zahllose andere Anwendungen ermöglicht. Bei jeder Blockchain - zu Deutsch so viel wie „Blockkette“ - handelt es sich um eine Art elektronisches Fahrtenbuch, an dem viele Teilnehmer schreiben. Jeder Nutzer hat Einsicht in alle Transaktionen, die Daten liegen nicht bei einem einzelnen Anbieter wie etwa bei Google, Amazon oder Facebook, sondern auf vielen dezentralen Computern zugleich. Dennoch sind sie nicht manipulierbar, weil jeder später geschriebene Eintrag für die Echtheit aller früheren garantiert: Was einmal in der Blockchain steht, ist nachträglich nicht veränderbar - so wie ein zwei Monate alter Eintrag in einem Fahrtenbuch nicht korrigiert werden kann, weil sich sonst automatisch die Endsumme ändern müsste.

Eine solche Buchhaltung braucht keinen Buchhalter mehr, Überweisungen benötigen keine Bank, die Abrechnung etwa von Stromkosten geschieht automatisch und Mietverträge oder Interneteinkäufe können über sogenannte Smart Contracts geschlossen werden. Die Initiatoren der sozialen Netzwerke minds.com und steemit.com nutzen eine Blockchain, um Facebook Konkurrenz zu machen. Das niederländische Startup Channels dagegen baut einen Messenger auf Blockchainbasis und die Macher von Dtube.com setzen auf ein dezentrales Youtube ohne den Datenhunger des Originals.

Die Blockchain bietet damit die Möglichkeit, das vielkritisierte Datenmonopol der Internetriesen aufzuheben. Zudem: Eine Zensur von Inhalten, die über Blockchain-Netzwerke oder - Messenger verbreitet werden, ist so wenig möglich wie ein Auslesen privater Daten durch Werbenetzwerke oder Behörden.

Ein Ziel, das auch die im März in Kraft getretene neue europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verfolgt. Ausgerechnet das über Jahre entwickelte Projekt aber droht nun, Blockchain-Anwendungen in der EU für die Zukunft rein  rechtlich gesehen unmöglich zu machen.

Schuld daran ist Artikel 17 der DSGVO, der ein „Recht auf Löschung“ festschreibt. Danach kann jeder Mensch verlangen, dass Betreiber von Internetseiten oder soziale Netzwerke von ihm hinterlassene Daten löschen, wenn er das wünscht. Eine Vorgabe, die sich bei einer Blockchain-Anwendung nicht realisieren lässt, weil jede nachträgliche Veränderung der quasi wie die Steine eines Hauses aufeinandergeschichteten Blöcke den gesamten Bau zum Einsturz bringen würde.

Ein Problem, das der grüne EU-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht „eine besondere Herausforderung für Blockchain-Anwendungen“ nennt, „da hier eine nachträgliche Veränderung von einmal eingegeben Datensätzen nicht mehr möglich ist“. Der 35-jährige Politiker gilt als Vater der DSGVO, er hat die Grundzüge der Verordnung entworfen und sechs Jahre lang für den verschärften Datenschutz gekämpft. Heute verweist er darauf, dass es ja Versuche gebe, „Blockchain-Anwendungen mit anonymisierten Daten oder mit ausdrücklichem Verzicht Betroffener auf nachträgliche Löschungsmöglichkeiten zu entwickeln“. Albrecht gesteht zu, dass das „mit einem besonderen Aufwand verbunden“ wäre, gelänge es denn, eine Lösung zu finden.

Aber bisher gibt es die ohnehin nicht, so dass Albrecht einen Ausweg nur darin sieht, dort, wo nicht gelöscht werden kann, „die Notwendigkeit fortgesetzter Datenverarbeitung zu rechtfertigen“. Die DSGVO lässt es zu, Daten trotz Löschwunsch weiterzuspeichern, wenn eine ausreichende Begründung vorliegt. Damit ließe sich „Recht auf Vergessenwerden“ aushebeln - zumindest, bis Gerichte anders urteilen.

Spätestens dann aber wäre Europa einmal mehr abgekoppelt von einer neuen Entwicklung, die in den nächsten Jahren den Alltag von Millionen verändern wird. Jan Phillip Albrecht allerdings sieht das nicht so dramatisch. Beim Recht auf Vergessenwerden gehe es „ja eigentlich um das De-Indexieren von Suchmaschinenergebnissen“, versichert er.

Personenbezogene Daten, die in einer Blockchain gespeichert werden, seien davon nicht betroffen, liest er aus der DSGVO, was dort nirgendwo steht. Aber besser so, denn bei dezentralen Netzwerken wie Steemit.com fehlt es schon am von der EU-Richtlinie erwähnten „Verantwortlichen“, dem Löschwünsche gemeldet werden müssen.

Sonntag, 11. November 2018

Erinnerung: Drei lange Jahre ohne dich


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann


Steffen Drenkelfuß starb am 11. November 2015 mit nur 45 Jahren.

Drei Jahre


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann



Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.


Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

Steffen Drenkelfuß bei Facebook

Samstag, 27. Oktober 2018

Paddeltour durch Schweden: Blauer wird es nicht


Die Wolken hängen niedrig über dem Lelang-See, das Wasser ist spiegelglatt und ruhig und der Wind endlich eingeschlafen. Das Kanu läuft wie von selbst über den ersten einer ganzen Kette von kleinen und größeren Seen, die sich südlich von Lennartsfors zur schönsten Paddellandschaft Schwedens verbinden. Etwas Geschick erfordert es, den Rufknopf an der Schleuse zu finden, über die es vom Foxen, an dem das Scandtrack-Camp Höglund liegt, hinüber zum nächsten See geht. Doch die Fahrt durch das stellenweise kaum zwei Meter breite Schleusenwasser lässt die mühsame Suche vergessen. Drei Staustufen hat die Schleuse, ein erstes Abendteuer.

Durchs blaueste Blau unter blauem Himmel ziehen die Boote danach weiter über den See, das Wasser ist tief, die Ufer sind grün, die Möwen kreischen. Dann öffnet sich der Blick durch einen Engpass auf zwei kleine Inseln: Die Sonne strahlt über blauem Wasser, Enten umkreisen die Kanus, Fische springen und ein paar Paddelschläge entfernt wartet ein Biwakplatz.


Das Stückchen Wiese gehört ganz der Gruppe. Bauen Paddler ihre Zelte auf, fahren die meisten anderen Paddler vorüber. Es gibt genug Biwakplätze für alle. Wie weit weg die Welt ist, von hier aus gesehen, zeigt die Reaktion von einem vorüberpaddelnden Paar aus Schweden: Halle? Nein, nie gehört. Leipzig? Nein, kenne er nicht. Berlin? Tut ihm auch leid, unbekannt. Noch ein paar Tipps zur besten Angelstelle am Ufer und nein, der Brukshandel im Dorf hat leider zugemacht. Zum Glück ist in den Verpflegungstonnen von Scantrack Essen für eine Armee.


Es ist die große Entschleunigung, die sich beim Wasserwandern auf dem schwedischen Lelang wie von selbst einstellt. Selbst in der Hochsaison sind die Seen leer, kaum ein Mensch begegnet den Paddlern, dafür aber Wildvögel im Dutzend. Das riesige Gebiet in Mittelschweden präsentiert sich in üppigem Grün, wie ein letzter Urwald, wie aus der Zeit gefallen unter malerischen Sonneuntergängen, die jeden Abend neu und immer anders daherkommen.

Die Fahrt mit dem Bus hat 17 Stunden gedauert. Doch dafür entschädigen die Tage auf dem glasklaren Wasser und die Nächte an aufgeräumten Biwakplätzen, auf denen sich immer genug Holz für ein Lagerfeuer findet. Rund 90 Kilometer lang ist die Paddelroute, die wir zurücklegen, einmal von Lennartsfors über Gustavsfors bis nach Värwik und zurück. Wir sehen Kirchen und Lachsfarmen, schmale Känale und breite Seen, trotzen Gegenwind und Sonne und lassen uns treiben, als gäbe es nichts anderes mehr.

Reisebericht Paddeltour Masuren

Sonntag, 21. Oktober 2018

Breshnew, Che und Honecker: Die Rolex-Revolutionäre


Gerade steckt die Berliner SPD-Politikerin Sawsa Chebli in einem veritablen Shitstorm von rechts, weil sie eine Rolex Datejust für 7000 Euro trägt. Dabei hat das bei linken Politikern eine lange Tradition. Am Arm trugen Erich Honecker und Leonid Breshnew, Mao und Fidel Castro am liebsten aus gerechnet diese sehr kapitalistische Uhr.


Nikita Chruschtschow scherte ein wenig aus. Der Mann, der Stalin als Führer der Sowjetunion nachfolgte, entschied sich für den rechten Arm , um seine Uhr zu tragen. Eine Abweichung von der sozialistischen Norm, die prominenten Führern der Linken den linken Arm für die Uhr vorzuschreiben schien. Und noch eine. Chrutschschow bevorzugte eine Uhr aus sowjetischer Produktion. Viele andere seiner kommunistischen Führungskollegen dagegen setzen auf Produkte einer ganz besonderen und sehr kapitalistischen Firma.

Fidel Castro und Che Guevara, Erich Honecker und Leonid Breshnew, sie alle trugen ihre Uhr links, als hätten sie das so miteinander verabredet. Und noch erstaunlicher: Genau wie der rumänische Machthaber Nicolae Ceausescu, der chinesische Revolutionsführer Mao Zedung und sein libyscher Kollege Muhammar Gaddafi entschieden sie sich für Uhren der 1905 vom Kulmbacher Uhrmacher Hans Wilsdorf in Genf gegründeten Edel-Uhrenschmiede Rolex.

Genosse Rolex. Ein größerer Widerspruch zwischen behauptetem Anspruch und Wirklichkeit ist kaum denkbar. Rolex-Uhren gelten bis heute als Statussymbole ohne jedes Understatement: Modelle wie die von Che Guevara anfangs bevorzugte Seamaster sind klobig und sie glänzen golden oder silbern, eine drehbare Lünette strahlt zweifarbig und statt auf Lederarmbänder setzt der größte Luxusuhrenhersteller der Welt auf dicke Kettengliederbänder. Rolex steht nicht für Eleganz und Feingeist, sondern für Protz und Prahlerei. Technisch sind die Uhren aus der Schweiz zuverlässig. Geschmacklich aber ein Fall für Rüpel-Rapper, neureiche Sportler und überbezahlte Schauspieler.

Unter 4 500 Euro ist heute keine Rolex-Uhr zu haben, doch auch in der Zeit des Kalten Krieges waren die Schweizer Edeluhren nicht billiger. Fidel Castro trug dennoch gleich zwei - eine Rolex Day-Date, eingestellt auf Kuba-Zeit. Und eine Submariner, eingestellt auf Moskauer Zeit. Die behielt Castro auch um, als er Chruschtschow 1963 in Moskau besuchte. Bilder zeigen den Kubaner an einem Tisch im Kreml sitzend, Chruschtschow gegenüber. Castro hat eine Zigarre im Mund und zwei Rolex am Handgelenk.

Die Liebesaffäre des Revolutionärs mit Rolex hatte wohl schon vor der Revolution begonnen. Als seine Kämpfer dann Havanna einnahmen, ließ der Maximo Lider alle Uhren im kubanischen Rolex-Hauptquartier requirieren. Später beschenkte er Mitkämpfer mit der Beute: Che bekam erst die Seamaster geschenkt - Wert etwa 10 000 Euro. Später kam eine GMT Master dazu, heute 25 000 Euro wert.

Es ist nicht bekannt, ob es Castro war, der die Rolex-Manie in den Ostblock brachte. Klar aber ist: Unter den offiziell anspruchlos lebenden Führern der sozialistischen Welt galten teure Uhren stets als lässliche Sünde. Lenin brachte sich aus dem Exil einen Chronometer der Manufaktur Moser mit. Sein Nachfolger Stalin besaß eine Sammlung aus Taschenuhren von Tissot und Cartier. Und Chinas Führer Mao Zedung ließ in die Datumsanzeige seiner Date Just chinesische Zahlen schreiben, um immer up to date zu sein.

In der Führungsetage des sozialistischen Weltreiches war keine andere edle Uhrenmarke so verbreitet wie Rolex. Leonid Breschnew liebte nicht nur schnelle Autos und Ray-Ban-Sonnenbrillen aus den USA, er machte auch die gelbgoldene Rolex Datejust - ein Modell, wie es jetzt Sawsan Chebli trägt - zum Standard für Revolutionäre. Erich Honecker hatte bald eine Uhr vom selben Modell. Als er Breschnew 1979 zur Feier des 30. Jahrestages der DDR empfing, umarmten sich zwei Markenbotschafter: Sowohl Honecker als auch Breschnew trugen eine Rolex Datejust in Gold.

Die edlen Zeitmesser und die nach außen bescheiden lebenden Staatsführer, das passt nicht richtig zusammen. Doch Breschnew bekam seine Rolex-Uhren offenbar von Staatsgästen geschenkt, die um seine Vorliebe für westliche Statussymbole wussten. Honecker dagegen konnte dank der Geschäftstüchtigkeit seines Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski ab 1987 in einem DDR-Rolex-Shop Uhren kaufen, die sogar mit dem von Rolex für die DDR vergebenen Ländercode 301 graviert waren.

In einem eigenen Laden neben der Rezeption des Grand Hotels in der Berliner Friedrichstraße wurden in der Endzeit der DDR von einem Rolex-Verkaufsagenten im staatlichen Auftrag Rolex-Uhren an Gäste aus dem Westen verkauft. Alle bekamen in die offiziellen Begleitpapiere einen Stempel des Grand Hotels, wie der Uhren-Blogger Walter Castillo herausgefunden hat.

Neben der Rolex Datejust in Stahl-Gold-Ausführung mit Jubileeband war auch ein massives Goldmodell im Angebot, das wohl im Dezember 1989 einen letzten Käufer fand. Danach löste sich das Schalck-Imperium Kommerzielle Koordinierung auf und der Rolex-Laden verschwand mit der Republik, die sich von ihm Rettung aus ihren finanziellen Engpässen versprochen hatte.

Der einzige Rolex-Träger der DDR war Erich Honecker allerdings nicht. Manfred Buder, Kapitän des DDR-Eishockey-Nationalteams, hatte 1961 bei der Eishockey-WM 1961 in Genf eine Rolex Oyster mit der Registriernummer D64656 als Präsent erhalten, eingepackt in eine Schatulle, die dem Genfer Eishockeystation nachgebildet war. Vor zweieinhalb Jahren landete das kaum getragene Einzelstück bei einem Auktionshaus, das es für 4 000 Euro an den Mann brachte.

Wo Erich Honeckers Rolex geblieben ist, ist hingegen ebenso unklar wie der Verbleib von Castros und Breshnews Edeluhren-Sammlung. Che Guevara soll zumindest eine seiner Rolex getragen haben, als er am 9. Oktober 1967 um 13.10 Uhr im bolivianischen Dschungel hingerichtet wurde. Von da an verliert sich die Spur dieser Revolutionsuhr, nicht aber die Spur von Rolex in der Geschichte der Diktatoren, Alleinherrscher und Revolutionäre: Heute trägt der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un eine Rolex, der chinesische staats- und Parteichef Xi schwört auf die Schweizer Uhr und auch IS-Chef Abu Bakr al-Baghdad zeigte sich auf Fotos schon mit Rolex. Am rechten Arm, denn so schreibt es der Koran vor.


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Sonntag, 23. September 2018

Hermann Zickert: Der Warren Buffett aus dem Mansfeld

"Arbeiten Sie mit Ihrem Kapital! Streben Sie nach Rente, nicht nach Kursgewinn! Kaufen Sie nur marktgängige Sachen! Lassen Sie sich nicht durch Versprechungen blenden! Prüfen Sie, bevor Sie kaufen! Fragen Sie nicht den Bankier um Rat! Versäumen Sie nicht rechtzeitigen Verkauf! Machen Sie keine Bankschulden!" Ratschläge, die Hermann Zickert gab, eine Art Warren Buffett aus dem Mansfelder Land.


Zickert war der Sohn eines Fleischermeisters aus Eisleben, besuchte das Gymnasium in Sondershausen und wurde zum Börsenpionier in Deutschland: Seiner Zeit weit voraus, gilt der 1885 geborene Börsehai als Gründer der modernen Finanzmarktanalyse. Die von ihm entworfenen Werkzeuge benutzen die Analysten von n-tv bis zum Bundeswirtschaftsministerium bis heute.

Zickert war aber nicht nur ein Erneuerer des finanztechnischen Denkens, sondern auch ein Mann mit klaren Prinzipien. In Heidelberg promoviert, gründete er später die Fachzeitschrift "Spiegel der Wirtschaft", wollte sich und seine Ideen aber von niemandem vereinnahmen lassen. Noch ehe Hitler die Macht ergriff, flüchtete Zickert vor dem "schweren psychologischen Druck" (Zickert) in der Heimat nach Liechtenstein, um "einen freieren, weiteren Blick zu gewinnen".

Gerade noch rechtzeitig. 1936 verboten die Nazis den Vertrieb seiner Zeitschrift in Deutschland. Zuvor hatte Zickert sich über die Konjunkturprognosen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute lustig gemacht: "Wenn so große Institute in ihren Forschungsergebnissen so gründlich versagen", schrieb er, "wie muss dann die Planwirtschaft aussehen, die sich auf solche Wahrheiten aufbaut!"

Zickert überlebte den Krieg im Exil, später wurde er mit seinem Blatt und seinen Lehren zum Berater unzähliger Kleinanleger. Der vergessene Börsenpionier starb 1954 in Liechtenstein.

Freitag, 21. September 2018

Dean Teed: Genosse Cowboy und der rätselhafte Tod


Als Dean Reed vor 32 Jahren starb, war er fast vergessen. Sein Tod hat seitdem für Spekulationen gesorgt - obwohl der Sänger, der heute 80 Jahre alt werden würde,  freiwillig aus dem Leben geschieden war.Er hatte die Ranch in Texas gegen ein Seegrundstück nahe Berlin getauscht, den Erfolg in den amerikanischen Billboard-Charts gegen Auftritte in der FDJ-Sendung "rund", den Jubel des Madison-Square-Garden gegen den Applaus der Menschen im Arbeiterklubhaus Bitterfeld.

Dean Reed, dessen Leiche ein aufmerksamer Wasserschutzpolizist am 17. Juni 1986 am Schilfgürtel in der Nähe des Badestrandes südlich des Zeltplatzes Nummer 2 am Zeuthener See entdeckte, ließ Zeit seines Lebens keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er stehen wollte. Der Sohn eines Mathelehrers, aufgewachsen auf einer Hühnerfarm in Weath Ridge unweit von Denver/Colorado, sah sich als Sänger des besseren, des moralisch sauberen Amerika. Reed war an der Seite der "fortschrittlichen Menschen" unterwegs, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Dabei war Dean Cyril Reed, mit zehn Jahren auf Wunsch des Vaters an einer Kadettenakademie eingeschrieben, überhaupt nur zufällig Popstar geworden. Als er nach dem Abschluss an der Highschool quer durch die USA fuhr, vermittelte ihm ein Tramper, den er mitgenommen hatte, den Kontakt zum Chef der Plattenfirma Capitol. Dort macht der Hobbymusiker, bis dahin nur aufgefallen, weil es ihm einmal gelang, ein 110-Meilen-Rennen gegen ein Maultier zu gewinnen, Probeaufnahmen, die ihm auf einen Schlag einen lukrativen Sieben-Jahres-Vertrag einbringen.
Schnell wird der große Mann mit den strahlend grünen Augen ein kleiner Star.

Mit Songs "Summer Romance" entert er die Hitparaden, bald hagelt es Filmangebote und Touranfragen aus dem Ausland. Dean Reed, von Fans umschwärmt und von den Frauen vergöttert, schwebt durch die frühen Jahre seiner Karriere: Das Leben ist ein Traum, die Welt viel größer, als es von Wheat Ridge aus den Anschein hatte.

Vor allem in Südamerika lieben die Menschen den "Magnificent Gringo", der jedem offen entgegentritt, nicht belehrt, sondern sich lieber belehren lässt. Vor aller Augen wird aus dem naiven Country-Sänger ein politisch denkender Künstler, der seinen eigenen Kopf hat. In Peru schreibt Dean Reed seiner Regierung einen Brief, in dem er gegen amerikanische Kernwaffentest protestiert, er freundet sich mit linken Gewerkschaftern an und fährt als Delegierter zum Weltfriedenskongress nach Helsinki.

Danach ist Dean Reed nicht mehr derselbe. Er besucht die Sowjetunion und darf dort sogar auf Tournee gehen. Während die Fans in den USA ihn vergessen haben, liegen sie ihm zwischen Moskau und Perm zu Füßen. Reed ist hier der Ersatz für Beatles und Stones. Schließlich verschlägt es ihn in die DDR, wo er auf einem Festival einen Chile-Film vorstellt und sich auf der Party danach Hals über Kopf verliebt.

Es ist der letzte Wendepunkt im Leben des Genossen Cowboy, der in den 13 Jahren bis zu seinem rätselhaften Freitod für die einen zum roten Elvis und für die anderen zum roten Tuch wird. Den DDR-Mächtigen gilt der Seitenwechsler als Glücksfall. Reed wird direkt von der Abteilung Agitation des SED-Zentralkomitees betreut. Der Paradiesvogel im grauen DDR-Kulturbetrieb dreht Filme und spielt Platten ein, besucht Kubas Revolutionsführer Fidel Castro und Palästinenserchef Jassir Arafat. Er dreht das große Rad im kleinen Staat und avanciert nach Ansicht des "People's Magazine" zum "größten Star der Popmusik von Berliner Mauer bis Sibirien".

Doch die großen Tage neigen sich dem Ende zu. Zwar findet Dean Reed nach der Trennung von seiner ersten DDR-Frau in der Schauspielerin Renate Blume schnell eine neue große Liebe. Mit der Sommerkino-Klamotte "Sing, Cowboy, Sing" gelingt ihm sogar ein echter Kassenknaller. Der Exotenbonus aber, den der Kommunist mit US-Pass in den 70ern noch genoss, hat sich verbraucht. In den 80ern ist Reed für viele DDR-Bürger nur ein staatsnaher Stetson-Träger, der keine Ahnung vom wirklichen Leben in seiner Wahlheimat hat.

Reeds Platten liegen wie Blei in den Läden. Neue Filmprojekte werden ihm zwar noch angeboten, aber nicht mehr verwirklicht. Dem Mann, der seiner Umwelt ganz amerikanisch stets beweisen wollte, dass er der Beste ist, tut das weh. Dean Reed beginnt zu trinken. Parallel streckt er seine Fühler zu alten Freunden nach Amerika aus, um vorzufühlen, wie es denn wäre, wenn er zurückkäme.

Anfang Juni 1986 erleidet er einen Herzanfall. Kurze Zeit darauf droht er nach einem Streit mit seiner Frau, sich umbringen zu wollen. Am Donnerstag, es ist der 11. Juni, setzt er sich abends ins Auto, um nach Babelsberg zu fahren. Dort ist Dean Reed nie angekommen - in Reeds Lada findet die Polizei vier Tage darauf einen 15-seitigen Abschiedsbrief: "Mein Tod hat nichts mit Politik zu tun", schreibt Reed darin, "aber ich kann keinen Weg finden aus meinen Problemen."

Dienstag, 18. September 2018

Frank Turner: Ein Mann mit Mission



Er zählt sie immer noch, seine Auftritte. Vom ersten an, den er damals im September vor 14 Jahren spielte, als sich seine Band Million Dead aufgelöst hatte, kommt der britische Musiker und Sänger Frank Turner bis heute auf 2 223 Live-Shows, in denen er seinen Lagerfeuer-Punkrock von großen und kleinen, manchmal aber auch von keinen Bühnen gesungen hat. Immer sprüht der 36-Jährige vor Temperament, immer zündet er sein Publikum an, weckt er Begeisterung bis hin zur schieren Euphorie.

Ein langer Weg, der inzwischen in die großen Hallen und - bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London - sogar in die Stadien der Welt geführt hat. Doch Turner, in Bahrain geboren, im südenglischen Winchester aufgewachsen und im Elite-Internat Eton ausgebildet, hat sich den Erfolg auf die harte Tour erarbeitet. Seit zwölf Jahren spielt er nie weniger als 160 Konzerte im Jahr, meist aber über 200. Alle zwei Jahre gibt es ein neues Album, das stets Turners Philosophie folgt: Ehrliche Musik, handgemacht, quer zum Zeitgeist gedacht und nie auf kommerziellen Erfolg kalkuliert.

Der Mann mit dem Dreitage-Bart und dem Universitätsabschluss in Europäischer Geschichte bleibt seiner Mission auch beim Nachfolger seines bislang erfolgreichsten Werkes "Positive songs for negative people" treu. "Be more kind", zu deutsch ein Aufruf, freundlicher zueinander zu sein, in Zeiten, in denen Wut, Zorn und Hass die Welt zu regieren scheinen, ist eine Sammlung von 13 Songs, die Turners Fähigkeit, nach Belieben unwiderstehliche Melodien zu erfinden, mit seinem Händchen für Sounds zwischen Rock und Folk verbinden, dazu aber erstmals auch fast schon poppige Synthesizer addiert.

Ein Album, das mehr sein will als Musik, denn Frank Turner, der seine Karriere mit entschieden politischen Texten startete, hat beschlossen, dass es Zeit ist, dorthin zurückzukehren, wo er einst mit Million Dead und dem ruppig eingespielten Liebeslied "Smiling at strangers on trains" angefangen hatte. "Stop asking musicians what they think", heißt es in "1933", einem Lied, das zu zackigen Akkorden den Karl-Marx-Spruch von der Geschichte zitiert, die sich als Farce wiederholt. Ehe Frank Turner mit kippender Stimme warnt: "Glaub' bloß nicht, dein brennendes Haus sei die Morgendämmerung".

Es ist viel schlimmer. "Die Welt draußen brennt mit einem neuen Licht", reimt Turner, "aber es wärmt mich nicht." In 45 Ländern der Erde hat Frank Turner seine 2 223 Konzerte gespielt, er war nicht nur in Wohlfühlzonen wie Deutschland, Estland oder den USA unterwegs, sondern auch in Indien, Sierra Leone und Südafrika. Das weitet den Blick, das brachte Turner zur Überzeugung, dass er zwar keineswegs die Verpflichtung habe, seine Ansichten zu äußern. "Künstler müssen das nicht, sie können mit ihrer Kunst ausdrücken, was immer sie wollen", sagt er. Das sei aber nur die eine Seite. "Die andere ist, dass jeder Künstler natürlich das Recht hat, sich zu allem zu äußern."

Turner, in den vergangenen zehn Jahren Mitbegründer einer Rockschule, in der Leute wie Jake Bugg, Passenger, Jayke Orvis oder Chuck Ragan sich abwandten vom traditionellen Rockgeschäft und eine Rückkehr zu den wahren Werten des Rock predigten, der Echtheit über Vermarktungschancen stellt, zieht mit seiner Stammband The Sleeping Souls alle Register zwischen Wut auf die Welt, Tröstung der Enttäuschten und Wunschgesang. Im sparsam instrumentierten Opener "Don't worry" umarmt eine sanfte Melodie die Mühseligen und Beladenen. "Du bist nicht allein", heißt die Botschaft, die am Ende ein summender Chor zu gospelartigem Klatschen singt. Es folgt "Little Changes", ein Stück über Entfremdung, in dem Turner angstlos raunt, dass die großen Dinge sich schnell ändern können, wenn "wir die kleinen Dinge ändern". Welche? Der Titelsong gibt Frank Turners einfache Antwort: In einer Welt, die sich entschlossen hat, verrückt zu werden, hindert uns doch niemand daran, wenigstens nett zu einander zu sein.

Der Sänger selbst ist es bloß nicht, wenn es seinen aktuellen Lieblingsgegner Donald Trump betrifft, den er mit dem betont holprigen Kracher "Make America great again" verhöhnt, den er schon schrieb, ehe Trump gewählt wurde. Danach aber fährt der Ex-Punk und Pop-Philosoph die Schmeichler, Schüttler und Überlebenshymnen auf. "Brave Face", "There she is" und "21st Century Survival Blues" zeigen Frank Turner als unübertroffenen Meister der großen Gefühle. Leise und laut, mitsingkompatibel und dahingehaucht - der nette Punk-Missionar weiß genau, was er kann.

Direkt zum Künstler:
www.frank-turner.com

Montag, 3. September 2018

Horror: Letzte Schlacht mit Happy End


Die Anerkennung von denen, auf deren Anerkennung er nie Wert gelegt hat, ist spät gekommen. Aber Stephen King, inzwischen jenseits der 70, hat sowieso nicht gewartet auf das Lob des Feuilletons, den National Book Award und die Anerkennung der großen Hollywood-Studios. Also zumindest nicht öffentlich.

King, der sein Debüt „Carrie“ mit Mitte 20 in einem ärmlichen Wohnwagen schrieb, wenn ihm der Brotjob als Englischlehrer Zeit ließ, hat einfach geschrieben, immer weiter, Bestseller auf Bestseller, von einer treuen Fangemeinde weggefressen wie von Säure. 77 Bücher hat King in den letzten 44 Jahren produziert, zuletzt sogar in schnellerer Abfolge als Anfang des Jahrtausends. „Der Outsider“, sein neuestes Werk, ist das neunte neue Buch in den letzten fünf Jahren, nicht mitgerechnet allerlei Kurzgeschichten und Kurzgeschichtensammlungen.

Das ist einerseits so viel Stoff, dass auch dem Meister des milden Grusels allmählich die Sujets ausgehen. Andererseits aber führt dieser Mangel an bahnbrechend neuen Ideen King zum Glück genau dorthin zurück, wo er einst mit „Carrie“ startete und auch später immer wieder seine besten Momente hatte: In eine kleine Stadt, zu einfachen Leuten mit überschaubar komplexen Problemen. Menschen, die sich seit Jahren kennen, die einander vertrauen. Bis eines Tages etwas geschieht, das alles auf den Kopf stellt, was alle bis dahin voreinander geglaubt und gewusst haben.

In Flint City im Bundesstaat Oklahoma, den der erbitterte Trump-Gegner King gewählt haben mag, weil sich hier - im Gegensatz zu seinem üblichen Handlungsrevier Maine - eine Mehrzahl der Wähler vor zwei Jahren für Trump entschied, endet die Normalzeit mit einem grausamen Mord an einem kleinen Jungen. Für Detektive Ralph Anderson kein schwerer Fall: Es gibt jede Menge Zeugen, die den Täter gesehen haben, Fingerabdrücke und DNA-Spuren. In einem Akt demonstrativer Staatsgewalt lässt Anderson den Täter Terry Maitland festnehmen, während die Nachwuchs-Baseballmannschaft des allseits beliebten Familienvaters sich gerade müht, das Halbfinale der Meisterschaft zu überstehen.

1 500 Augenzeugen. Eine Vorverurteilung wie ein Fallbeil. Nichts wird mehr gut werden in dieser Geschichte, die sich liest wie ein Kriminalroman von John Grisham. Denn der angebliche Täter hat ein felsenfestes Alibi, er kann es nicht gewesen sein, weil er unter Zeugen ganz woanders war. Was also ist die Wahrheit? Gibt es überhaupt eine? Oder zwei?

Stephen King spielt mit alternativen Fakten, mit abweichenden Wirklichkeiten und der Wahrscheinlichkeit, dass es zwischen Himmel und Erde vielleicht doch mehr Dinge gibt, als Schulweisheit sich erträumen kann.

Sherlock Holmes Satz „Wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische, obwohl unmöglich, unweigerlich richtig“ ebnet den Weg in eine zweite Romanrunde, in der aus der Kleinstadtnovelle um die Geschichte eines zu Unrecht beschuldigten Vorzeige-Amerikaners die - lose - Fortsetzung von Kings Trilogie um „Mr Mercedes“ wird. Zwar ist deren Hauptheld Bill Hodges tot, doch in dessen findiger Ex-Assistentin Holly Gibney findet Ralph Anderson eine - im Kampf gegen den Mercedes-Killer Brady Hartsfield übersinnlich gestählte - Mitstreiterin.

Ein Schlüsselroman über amerikanische Verhältnisse in der Ära Trump, in der die Monster sich verwandeln, die Silhouetten, Gesichter, ja, gar Fingerabdrücke von Nachbarn, Freunden und Verwandten annehmen. Und Realität nicht mehr ist, was wirklich ist. Sondern was sein könnte: Der nette Mann von nebenan ein Killer und Kannibale, seine Frau der Komplize, sein ganzes Leben Fassade. Den Mob, der vor dem Gericht auftaucht, nichts wirklich wissend, aber nach sofortigen Konsequenzen verlangend, könnte Stephen King aus der deutschen Gegenwart abgemalt haben.

Aber letzten Endes schreibt King, der kommenden Monat 71 Jahre alt wird und schon zwei Monate später ein neues, wenn auch recht dünnes Buch namens „Erhebung“ herausbringen wird, weder Detektivromane noch Politthriller. „Der Outsider“ wird hier nicht erklärt oder begründet, er braucht keine Motivation als die, eben das sein zu müssen, was Kings Helden nie sind: Böse.

Was aber ist das Rezept, um diese Schlacht des Guten gegen das Schlechte zu gewinnen, in dem Krieg, den Stephen King in all seinen Büchern beschreibt? Nun, der von Schuldgefühlen gequälte Polizist Anderson, die von ihrem Vorbild verlassene Privatdetektivin Holly Gibney und ihre bunte Schar Verbündeter finden, was heute kaum noch jemand sucht: Glauben, was wahr ist. Sagen, was klar ist. Einander vertrauen und nicht auf die Einflüsterungen derer hören, die ganz andere Interessen haben. Dann gibt es auch ein Happy End. Mit Tränen zwar. Aber bis zum nächsten Mal.

Donnerstag, 23. August 2018

Gerhard Gundermann: Der tiefe Fall von "Grigori"

Er wollte damals nichts mehr sagen. Gar nichts. Er wollte auch nicht, dass noch etwas geschrieben wird. "Lasst mich doch in Ruhe", meckerte Gerhard Gundermann damals, 1995,, "ich hab' genug am Hals wegen dieser Kiste." Die Kiste, das ist Gundermanns Vergangenheit. Mit elf Jahren Verspätung kehrte sie zurück: "Gundi", der singende Baggerfahrer, der in den neuen Bundesländern als eine Art Sprachrohr ostdeutschen Selbstbewußtseins galt, war zwischen 1976 und 1984 nicht nur Texter und Komponist für den FDJ-Singeklub "Brigade Feuerstein" gewesen. Sondern nebenbei auch noch der "IM Grigori" der Staatssicherheit.

Als Grigori gab Gundermann Briefe von Freunden ans MfS weiter. Er meldete Singeklub-Kollegen, die sich von einer Westtournee Funkgeräte mitbrachten. Und er teilte dem "Organ" alles mit, was er über die intimen Kontakte einer Bekannten zu einem französischen Bauarbeiter wusste. Gundermann war ein guter Spitzel. Der IM sei "ehrlich und zuverlässig", lobte sein Führungsoffizier, seine Berichte wurden als "umfassend und objektiv" geschätzt. Das MfS belobigt den "Kämpfer Grigori" mit der "Arthur-Becker-Medaille" und einer Obstschale, wie in Andreas Dresens neuem Film "Gundermann" zu sehen ist..

Alles wie immer


Und nun steht er da: Im blauweiß gestreiften Fleischerhemd wie immer, die Augen hinter der großen Goldrandbrille versteckt wie immer, und alle paar Minuten mit der Nase schniefend. Wie immer.

Nur die Leute beobachteten ihn seitdem reservierter, schien ihm. Aber das könne Einbildung sein. Viele wüssten es ja noch gar nicht. Denen sagte er es dann selber: "Ich habe mit dem MfS geredet", schnüffelte Gerhard Gundermann im Konzert gleich nach dem ersten Lied ins Mikrophon, "und dazu stehe ich." Jetzt, wo die Akte nun mal "raus" sei, wie Gundermann es nennt, wolle er "offensiv damit umgehen". Die Fans hier in Berlin, wo Gundermann den ersten Auftritt nach der "Kiste" hatte, klatschten solidarisch.

Die Karriere des Sängers aber, der hauptberuflich nach wie vor als Förderbrückenführer in einem Tagebau bei Cottbus arbeitet und in Ostdeutschland nicht zuletzt dieser Tatsache wegen als moralische Institution galt, war zu Ende. Alle Türen, die dem Vierzigjährigen gerade noch weit offenzustehen schienen, waren plötzlich zugeschlagen. Die große Plattenfirma, bei der Gundermann einen lukrativen Vertrag hatte unterschreiben sollen, zog ihr Angebot zurück als brenne es lichterloh.

Alle ziehen sich zurück


Aus einem neuen Verlagsdeal wurde auch nichts. Und Radio Brandenburg, bis dahin so etwas wie Gundis Haussender, richtete ihn genüsslich hin. Sie spielten das Stück "Ich mache meinen Frieden", denn da singt Gundermann: "Wer mich angeschissen hat / will ich nicht mehr wissen." Und  dann "Sieglinde", die Nummer, in der Gundermann einer verräterischen Freundin zu flotten Rockrhythmen verzeiht: "Sie sagen / Du hast mich belauscht / doch außer Dir hat mir nie einer zugehört / und schneller als das Wasser rauscht / hab' ich dir meine paar Geheimnisse diktiert". Dazu zwei, drei Zitate aus der Akte - das gab einen schönen Widerspruch zwischen Poesie und Petzbericht.

Auch Vivi Eikelberg, Chefin des Berliner Managementbüros Eikelberg's, das damals unter anderem Heinz Rudolf Kunze und Hermann van Veen vertrat, konnte für Gundermann nichts mehr tun. "Nach dieser Sache hat Gerhard keine Zukunft mehr im Westen", bedauert die Managerin, die mit dem "hochtalentierten Texter und Komponisten" eigentlich schon handelseinig war. Das mit der Stasi, das hatte Gundermann ihr gleich gesagt. "Aber mehr so nebenbei", erinnert sich Vivi Eikelberg. Es sei auch alles ganz harmlos gewesen.

Inzwischen hat auch die Managerin die Akte "Grigori" gelesen und hat ihre Meinung ändern müssen: "Er hat ja doch Sachen getan, die man kaum entschuldigen kann." Nun ja. Zum Glück war der Vertrag noch nicht unterschrieben, die Platte noch nicht produziert. Anderenfalls, Vivi Eikelberg kennt das Geschäft, wäre es schlimmer gekommen: "Wir machen eine Platte, gehen auf Promoreise, und pünktlich packt irgendwer die Akte auf den Tisch."


Hätte ja geredet


Ein späterer Zeitpunkt wäre noch schlimmer gewesen, dachte auch Klaus Koch. Koch ist Inhaber von Gundermanns Plattenfirma Buschfunk. "Er hätte nicht so lange schweigen dürfen", meint der Produzent. Wenn der Gundi gleich in die Offensive gegangen wäre? Vielleicht hätte das was geändert? Gelegenheiten gab es. Neulich zum Beispiel, als er diesen Auftritt beim ZDF-Talk zum Thema "Stasi-Akten - Deckel drauf?" hatte. Gundi musste bloß singen. Geredet hat er nicht.

Warum auch? "Wenn mich einer gefragt hat", sagt Gundermann, "habe ich's ja immer zugegeben." Im übrigen hat Gerhard Gundermann beim Stichwort "Stasi" stets zuerst an seine Opfergeschichte gedacht. Sechs Jahre unterm Brennglas. Parteiausschluss, Auftrittsverbot, Westreisesperre.

Das abgehörte Telefon. Erst später ist ihm eingefallen, dass da noch was war. Muss etwa zu der Zeit gewesen sein, als die Rundfunkmoderatoren Bertram und Kuttner in dicken Schlagzeilen als "Inoffizielle" geoutet wurden. "Ab dem Moment war der Gundi kein Mensch mehr", erinnert sich seine Frau Conny. "Du musst vor die Leute gehen, du musst das erklären", redete sie ihrem Mann zu. Doch da war der versprochene Verlagsvertrag, der große Plattendeal und die nächste Tour. Und überhaupt. Was erklären? Und wie? "Hätte ich etwa zwischen zwei Stücken sagen sollen: Ich war auch dabei - und nun machen wir mal wieder Musik?"


Akte komplett abgetippt


Mittlerweile hat Gundermann seine Akte Wort für Wort in seinen Computer getippt, "um das mal im Zusammenhang lesen zu können". Er hat nun doch seine Opferakte beantragt, in der Hoffnung, man könne "damit alles ein bisschen relativieren". Die Gauck-Behörde hat ihn bisher bloß vertröstet. Ein, zwei Jahre könne das schon dauern mit der Akteneinsicht. Ein, zwei Jahre, schätzt Vivi Eikelberg vom Managementbüro, werde es wohl auch dauern, bis "ein bißchen Gras drübergewachsen ist" und man es noch mal versuchen könne. Wenn überhaupt.

Bis dahin klappert Gundermann seine "Opfer" ab. Einer hat ihn zwar bei sich zu Hause empfangen, aber dann einfach nicht mit ihm geredet. Ein anderer gestand, die letzten Jahre immer Angst gehabt zu haben, Gundermann könne seinen Namen in seiner Opferakte finden.

Der dritte, vor siebzehn Jahren von seinem Singeklub-Kollegen Grigori bezichtigt, illegal Funkgeräte in die DDR geschmuggelt zu haben, hat bloß gelacht. Der Mann managt heute die Gruppe Keimzeit, Gundermanns Ostrock-Kollegen.

Die Funkgeräte, ist ihm jetzt eingefallen, hat er immer noch. Die haben nie richtig funktioniert.

Gundermann im Maulbeerbaum


Mittwoch, 22. August 2018

Sie sind unter uns: Goethes Begegnung der 3. Art


Es ist nicht irgendwer, der da an einem Septembertag des Jahres 1768 aus seiner Postkutsche steigt, ein paar Schritte zur Seite tritt und plötzlich wie erstarrt stehenbleibt. "Es blinkten in einem trichterförmigen Raume unzählige Lichtlein", beschrieb er später. "Eine Art wundersam erleuchtetes Amphitheater", von dem der Zeuge noch fast 45 Jahre später wissen wird, "dass das Auge davon geblendet wurde" und "dass sie flimmerten, aber nicht stillsaßen, sondern hin und wieder hüpften, sowohl von oben nach unten als umgekehrt und nach allen Seiten".

Johann Wolfgang von Goethe, kein Geringerer war der Postkutschenpassagier, war fasziniert, berauscht, beeindruckt. Und ratlos, denn eine Erklärung für das Phänomen, das er später in seiner Autobiografie "Dichtung und Wahrheit" beschrieb, fiel ihm partout nicht ein. Goethe, obschon Universalgelehrter und einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, wusste nichts von Außerirdischen. Er sah nur, verstand aber nicht.

In den "Atlas der außerirdischen Begegnungen" (Frederking & Thaler, 29,99 Euro), den der französische Schriftsteller Bruno Fuligni zusammengestellt hat, schaffte es der deutsche Dichterfürst nur wegen seiner blumigen Beschreibung des Unerklärlichen. Fuligni, selbsternannter "Experte für Geheimarchive" griff sie dankbar auf, als er daranging, eine Weltkarte der Welträtsel zu entwerfen. Von den prähistorischen Astronauten, die Felsritzungen aus dem Mesolithikum zeigen - samt Handfeuerwaffe und Navigationsgerät - über das Leuchtkreuz, das die französische Stadt Migné anno 1826 plötzlich erleuchtet haben soll, bis zum "Tor zur Innenwelt", über das der russische Schriftsteller Antoni Ossendowski auf seiner Flucht vor Lenins Revolutionären zufällig irgendwo in der Mongolei gestolpert sein will, bleibt keine Legende unerwähnt, so erstaunlich unmöglich sie auch klingt.

Dänikens Idee, bei den Kratzzeichnungen in der peruanischen Steinwüste könne es sich um einen "Flugplatz" handeln, wird ebenso erwähnt wie der Alien-Kirchengründer Emanuel Swedenborg und die brasilianische Ufo-Insel Trindade, auf der 48 Menschen im Jahr 1958 einer Ufo-Landung beigewohnt haben wollen.

Es fehlt keiner der bekannten spektakulären Fälle. Wohl aber einige der am besten dokumentierten Ereignisse aus Ostdeutschland - so ein angeblicher Ufo-Überflug über Halle, bei dem fünf Polizeibeamte im Februar 1985 zwischen 23.40 und 23.50 Uhr von vier Orten im Stadtgebiet aus dieselbe Beobachtung eines nach Norden fliegenden Objektes machen, das dann plötzlich zerplatzt. Obwohl die Staatssicherheit damals sofort ermittelt und Minister Erich Mielke selbst auf dem Laufenden gehalten wird, findet der diensthabende MfS-Major Herbert Jeschke keine Hinweise auf einen Absturzort des von einem der Volkspolizisten als "zigarrenähnlich" beschriebenen Flugkörpers, der von einem anderen Zeugen als eher "länglich-viereckiger Körper" wahrgenommen worden war.

Der Vorfall blieb geheim, obwohl die Uno schon 1978 ihre Resolution 33/426 verabschiedet hatte, die die Mitgliedsstaaten dazu aufforderte, "geeignete Schritte zur Untersuchung außerirdischen Lebens einschließlich unidentifizierter fliegender Objekte" zu unternehmen.

So eifrig die USA war, die allein im Air-Force-"Projekt Blue Book" 12 618 Ufo-Sichtungen anhäufte, so zurückhaltend wurde in Deutschland mit dem Thema umgegangen. So erklärte der damalige Staatssekretär Peter Altmaier am 12. Juni 2008 , dass es "keine Erkenntnisse über Sichtungen sogenannter Ufos bzw. Außerirdischer in Deutschland" gebe. Entsprechend seien auch keine Akten über Ufo-Sichtungen vorhanden.

Sonntag, 5. August 2018

DDR-Geschichte: Honeckers vergessener Aufstand gegen Moskau



An den 16. April 1983 erinnert sich Egon Krenz noch ganz genau. Damals wird der Chef der DDR-Jugendorganisation FDJ aus dem "Großen Haus" angerufen, wie die FDJ-Funktionäre unter sich den Sitz des SED-Zentralkomitees nennen. Am Apparat: Erich Honecker, höflich wie immer, weiß Krenz heute noch. "Komm doch bitte gleich mal rüber", habe der Generalsekretär und Staatschef gesagt.

Anfang eines geheimen Aufstandes


Es ist der Anfang eines Aufstandes, der bis heute geheim geblieben ist. Krenz, damals mit Mitte 40 der jüngste Großfunktionär der DDR und damit automatisch hochgehandelt für die Nachfolge des 25 Jahre älteren Staats- und Parteichefs Honecker, glaubt zuerst an ein Personalgespräch. Wird aber in den folgenden Stunden zum eigenen Erstaunen Honeckers geheimer China-Botschafter.

Eine Mission in den Haarrissen der Blockpolitik, wie Krenz in seinem Buch "China - wie ich es sehe" (Edition Ost, 160 Seiten 12,99 Euro)  beschreibt. Seit sich die Sowjetunion und China nach Stalins Tod überworfen haben, weil dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow und Chinas Parteiführer Mao Zedong im Streit um die Führung der kommunistischen Weltbewegung immer härter aneinandergerieten, hält auch die DDR strikte Distanz zum Regime in Peking, obwohl das die DDR als einer der ersten Staaten anerkannt hatte. Dankbar kein aber gibt es nicht in der Weltpolitik.

Denn der große Bruder in Moskau erzwingt Gefolgschaft, China ist weit weg, der russische Rock näher als die chinesische Hose. So kommt es 1963 bei einem SED-Parteitag während der Rede des als Gast geladenen Chinesen Wu Xiuquan zu demonstrativen Tumulten. SED-Delegierte versuchen, den Gast mit Lärm und Getöse zu zwingen, seine als sowjetfeindlich begriffene Rede zu beenden. Wu antwortet danach kalt: Er habe nun ja die "Zivilisation" der deutschen Genossen kennengelernt.


Neuanfang ohne Moskau


20 Jahre danach ist Mao, der Massenmörder und selbsternannte Prophet des großen Sprungs zum Kommunismus, tot. Und Erich Honecker unzufrieden damit, dass die sowjetische Führung dennoch nie versucht hat, so Krenz, "eine große sozialistische Gemeinschaft vom chinesischen Meer im Osten bis an die Elbe und Werra im Westen zu bilden". der DDR-Staats- und Parteichef sieht in genau so einer Allianz eine Möglichkeit - vielleicht die letzte - den schwindenden Einfluss der selbsternannten sozialistischen Ländern auf die Weltpolitik zu stärken und den stagnierenden Ausbau des sozialistischen Weltsystems wieder in Fahrt zu bringen.

Aus Honeckers Sicht ergibt sich eine Gelegenheit zu einem ersten Schritt daraus, dass mit Hu Yaobang ein Mann die Führung der KP Chinas übernommen hat, den Honecker noch aus seiner Zeit an der Spitze der FDJ kennt. Yaobang sei ein Freund aus Jugendzeiten, erzählt er Krenz, den er, Honecker aber nicht direkt kontaktieren könne, ohne den Zorn Moskaus zu erregen.

Einsatz Krenz, Ball über die Bande. Der FDJ-Chef wird beauftragt, mit dem Chef einer chinesischen Zeitung, der sich in der DDR aufhält, zu sprechen, um diesem mitzuteilen, dass die DDR großes Interesse an guten Beziehungen zu Peking habe. Der Mann werde diese Botschaft dann an Hu Yaobang weitergeben, Moskau zwar schäumen, aber "wenn man dich dafür kritisiert", gibt Honecker Krenz mit, "kann ich das auf deine Unerfahrenheit schieben."


Honeckers Manöver gegen Gorbatschow


Das Manöver glückt. Es beginnt ein "intensiver Delegationsaustausch zwischen Berlin und Peking", wie Krenz es nennt. Die erhoffte Annäherung zwischen Moskau und den chinesischen Brüdern allerdings gelingt weder unter Juri Andropow noch unter Nachfolger Michael Gorbatschow, für den DDR-Abgesandte wie Wirtschaftschef Gerhard Schürer sogar direkte Botschaften entgegennehmen. Das Verhältnis aber bleibt angespannt, Gorbatschow lässt alle Avancen unbeantwortet. Für Egon Krenz endet sein chinesisches Abenteuer im Desaster: 1989 besucht der Hoffnungsträger der SED-Reformer China und danach lobt er das Massaker vom Tian'anmenplatz als Beitrag zur "Wiederherstellung der Ordnung".

Noch vor Antritt der Nachfolge Honeckers ist der Kronprinz verbrannt.




Donnerstag, 26. Juli 2018

The Alarm: Ein neues Kapitel


Rory Macdonald und Mike Peters gingen mit ihren Bands Runrig und The Alarm stets eigene Wege. Im vierten Jahrzehnt drehen der Schotte und der Waliser noch einmal auf.

Es ist eine Stimme aus der Vergangenheit, die da zu vorsichtigen Gitarrenakkorden „Ohoho“ ruft. Rockpalast 1984, Markthalle Hamburg, auf der Bühne vier Männer mit hochtoupiertem Haar und akustischen Gitarren. Eine Band wie eine Mischung aus Robert Smith von The Cure und Bob Dylan, im Mittelpunkt ein blonder Schlacks, der vom „Blaze of glory“ singt und von einem Marsch für die Freiheit.

Der Mann heißt Mike Peters, die Band nennt sich The Alarm. Neben den irischen Kollegen von U2 und den Schotten von Big Country sind die vier Mittzwanziger aus dem Örtchen Rhyl in Wales die Spitze einer neuen Generation von Gitarrenbands inmitten eines Heeres aus Gruppen, die eher elektronische Musik machen. The Alarm zeichnet zudem aus, dass die Gruppe, zu der anfangs auch der spätere World Party-Gründer Karl Wallinger gehört, elektrisch verstärkte Akustik-Gitarren verwendet, um ihren hymnischen und immer wieder auf die walisischen Wurzeln verweisenden Folkrock zu spielen. Eine Gemeinsamkeit, die sie mit den schottischen Kollegen von Runrig verbindet, die ein paar Jahre früher als reine Folkband starteten, später Rockelemente einbauten und wenig später mit dem Album „The Cutter and the Clan“ zum ersten Mal in der Hitparade auftauchten.

Dreißig Jahre und zwei gänzlich gegensätzlich verlaufende Karrieren sind die geistesverwandten 80er-Veteranen zurückgekehrt, auch das aber wieder auf ganz verschiedenen Wegen. Während Runrig sich mit einem Doppel-Album namens „Best of Rarities“ von ihrem Anhang aus sogenannten Riggies verabschieden, schlägt Mike Peters mit dem zwölften Alarm-Album „Equals“ nach acht Jahren Studiopause ein neues Kapitel für die legendäre Band auf. Auf die ersten „Ohohos“ in „Two Rivers“, dem Opener des Werkes, folgen plötzlich elektronische Beats, beim nächsten Song „Beautiful“ klingen US-Punkbands an, ehe das Titelstück balladesk beginnt wie der Bandklassiker „Eye of a hurricane“.

Mit knapp 60 hat sich Peters, Mitte des vergangenen Jahrzehnts zweimal schwer an Krebs erkrankt, noch einmal neu erfunden. Kritisch wie schon seinerzeit mit „Across the boarder“ oder „Hardland“ vermählen Peters, Gitarrist James Stevenson, Bassmann Craig Adams und Drummer Derek Forbes Springsteen-Attitüde und Folkrock-Gefühl. Schmutzig, handgemacht und immer wieder mit unwiderstehlichen Melodien versehen, ist das sechste Album der Ende der 90er Jahre neuformierten Gruppe deren vorläufiges Meisterwerk. The Alarm, einst wie Runrig Vorreiter auch beim Versuch, Rockmusik mit Texten in gälischer und walisischer Sprache zu machen, klingen geerdet, zugleich aber frisch wie eine Newcomerband, die noch Spaß daran hat, Dinge auszuprobieren und ohne Vorfestlegungen draufloszuspielen.

Runrig, seit den allerersten Anfängen in den 70er Jahren die Familiencombo der Macdonald-Brüder, die zeitweise zu dritt im Lineup vertreten waren, versucht dergleichen gar nicht erst. „Best of Rarities“ ist ein Nachruf aus eigener Feder, eine Zusammenstellung von zum Teil wieder gälisch gesungenen Live-Aufnahmen aus den Jahren 1993 bis 2016, aufgehübscht mit einer Neueinspielung des schwergewichtigen Abschiedsstückes „Somewhere“, das besonders gut passt, weil sich Runrig nach 45 Jahren auf der Bühne in diesem Sommer mit einem letzten gewaltigen Open-Air-Konzert verabschieden wollen. „The Last Dance“ überschrieben, sollte dieses finale Konzert im City Park im schottischen 36 000-Einwohner-Städtchen Stirling die Bandgeschichte mit einem letzten großen Hymnensingen beenden. Die Karten für das Konzert am 18. August waren so schnell vergriffen, dass die Macdonald-Brüder ein zweites Konzert am Vortag planen, um dem Andrang einigermaßen beikommen zu können.

Mike Peters jagt derweil noch anderen Träumen nach: Wie in den großen Tagen, als seine Band versuchte, den US-Markt zu knacken, geht der 59-Jährige diesen Sommer auf US-Tournee. Der „Mann in der Tarnjacke“, wie ihn der Filmemacher Russ Kendall in einer abendfüllenden Dokumentation über den Weg zum Ruhm, den Kampf gegen die schwere Krankheit und die Rückkehr auf die Bühne nannte, will es noch einmal wissen. Mit guten Argumenten: Seit Songs von The Alarm immer öfter als Unterlegmusik in Netflix-Serien wie „„Tote Mädchen lügen nicht“ verwendet werden, entdecken neue, junge Hörer das Schaffen der Waliser.

Die ersten Testkonzerte im Mai in New York waren ausverkauft.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Berlin 1988: Springsteen bricht die Mauer


Im Juli 1988 spielte Bruce Springsteen in Ostberlin - Das größte Konzert der DDR-Geschichte blieb das letzte. Offiziell waren 160 000 Karten verkauft, mehr als 200 000 Menschen gekommen: Zusammen mit Bruce Springsteen sangen sie am 19. Juli 1988 "Born In The USA" - ein Abgesang auf die DDR.

Nach anderthalb Stunden ging nichts mehr. "Ich musste mich ausklinken", erinnert sich Dirk Götze an den Tag vor 20 Jahren, an dem die trübe DDR zur Deutschen Demokratischen Rockrepublik wurde. Eine Woche zuvor erst hatte die Nachrichtenagentur ADN gemeldet, dass beim "5. Berliner Rocksommer der FDJ der US-Rockstar Bruce Springsteen" auftreten werde. Eine Völkerwanderung zur Radrennbahn in Berlin Weißensee setzte ein, die für den Merseburger Springsteen-Fan Dirk Götze erst irgendwo in Reihe 15 endet, direkt vor der Bühne. "Da war so viel Alarm, dass ich den Rest von der Seite aus ansehen musste."

Es ist kein Konzert wie jedes andere - auch für den US-Musiker nicht. Sechs Jahre zuvor war der Sohn eines Taxifahrers aus New Jersey zum ersten Mal in Ostberlin gewesen. Springsteen hatte sich die Mauer angeschaut - und seinem Manager Jon Landau seitdem in den Ohren gelegen, ihm ein Konzert im Ostblock zu organisieren.

Ein utopisches Vorhaben. Immerhin gilt Bruce Springsteen, obschon Kritiker amerikanischer Zustände, den Genossen als unverbesserlicher US-Patriot. 1984 aber darf plötzlich seine Platte "Born in The USA" in der DDR erscheinen. Und als die Freie Deutsche Jugend (FDJ) 1987 beginnt, die gefürchteten Rockkonzerte im Westteil Berlins mit eigenen Pop-Festivals zu bekämpfen, ist der flugs zum Arbeiterkind umdeklarierte Rocker ein naheliegender Kandidat. Springsteen macht es der FDJ leicht. Eine Million in DDR-Mark will er als Gage, für 340 000 Mark mehr willigt seine Plattenfirma sogar ein, das Konzert in Fernsehen und Radio übertragen zu lassen.

Vom frühen Morgen des denkwürdigen Dienstag an wälzt sich ein endloser Strom von Jugendlichen nach Berlin. Ausnahmsweise gibt es die Karten zum Preis von 19,95 Mark plus fünf Pfennig "Kulturabgabe" nicht nur für ausgewählte FDJler und Bestarbeiter. So sind die Züge überfüllt, aus Trabis hängen selbstgemalte US-Fahnen, aus Kassettenrecordern dröhnen Hits wie "Hungry Heart" und "Glory Days".

Springsteen, begleitet von einem 140-köpfigen Tross, sitzt da schon in einem Zelt im Backstage, nur geschützt von einem Schild an der Tür, auf dem "Please knock and wait" steht. Kurz nach sieben springt er auf die Bühne, lässt die Gitarre zu "Badlands" bellen und badet im Jubel der Massen, die die Wiese bis zum Horizont füllen. US-Fahnen werden geschwenkt, das anwesende Stasi-Kommando beschränkt sich darauf, die Fans zu bitten, sie nicht direkt in die Kameras zu halten. "Ein Eingreifen", vermerkt ein Beamter, "war nicht nötig und nicht möglich."

Nur Springsteen, von seinen Fans "The Boss" genannt, kommandiert hier. Als er bemerkt, dass sein Konzert von der FDJ unter dem Motto "Nikaragua im Herzen" angepriesen wird, grummelt es kurz. Dann werden die Plakate abgehängt. Jetzt aber ist auch dem Musiker klar geworden, dass hier kein normales Konzert läuft. Springsteen bittet seinen Fahrer Georg Kerwinski, ihm einige Sätze auf Deutsch aufzuschreiben: "Ich bin nicht hier für oder gegen eine Regierung", will er sagen, "ich bin hier, um Rock'n'Roll zu spielen - in der Hoffnung, dass eines Tages alle Mauern umgerissen werden."

Springsteen nestelt schon nach dem Zettel, als Jon Landau draußen den Text liest und das Wort "Mauern" sieht. Mauern geht gar nicht, weiß der Ex-Journalist. Während die Band das Intro zum Dylan-Song "Chimes Of Freedom" spielt, schickt er Kerwinski eilig auf die Bühne, um dem Boss stattdessen "Barrieren" ins Ohr zu brüllen.

Diplomatisch, aber nicht diplomatisch genug: DDR-Fernsehen und Radio blenden das Grußwort des amerikanischen Gastes aus. Die Botschaft aber ist längst angekommen. Barrieren, Mauern, Ost und West? Was zählt das, wenn 200 000 ostdeutsche Kehlen "Born To Run" singen und ein Mädchen aus Thüringen bei "Dancing in the Dark" auf der Bühne mit dem Boss tanzen darf.

"Das war das größte Konzert, das wir je gemacht haben", beschreibt Springsteen später. Etwas habe in der Luft gelegen an jenem magischen Juli-Abend des Jahres 1988, glaubt Springsteen, der sich immer noch "gut an einzelne Gesichter in der Menge" erinnert und daran, dass "die Leute US-Flaggen aus Kleidungsstücken zusammengeflickt" hatten. Fahnen der Sehnsucht, Symbole dafür, dass die DDR am Ende war. 16 Monate später fällt die Mauer, alle Barrieren werden umgerissen.

Dirk Götze ist bis heute Springsteen-Fan.

Samstag, 30. Juni 2018

Defa-Filmlegenden: Trompeterlied im Schweinsgalopp

Es beginnt, wie solche Filme immer beginnen. Nur ein bisschen schneller. Der Trompeter hat wohl Jagdwurst gefressen, würde der Hallenser sagen, denn am Anfang des Defa-Filmes „Das Lied vom Trompeter“ eilt das bekannte Trompeterlied im Schweinsgalopp vorüber.

Das ist dennoch der echte, der völlig unverfälschte Konrad-Petzold-Klassiker aus dem Jahr 1964: Im Garten hinter dem Volkspark steht Günther Simon als Ernst „Teddy“ Thälmann, und schickt seinem Freund Fritz Weineck mit bebender Stimme ein paar rührende Worte hinterher. Dann reißen sich alle die Mützen vom Kopf. Fred Delmare als Kleckchen. Jürgen Frohriep. Und Rolf Römer.

Die Trompete weint aus dem Off herein. Der größte hallesche Lokalmythos der Neuzeit, er war jahrzehntelang vergessen, obwohl nicht nur die Trompetergeschichte selbst, sondern auch ihre Übersetzung in Propaganda-Kunst ein ganz und gar hallesches Thema war. Otto Gotsche, Sohn eines Eisleber Bergmannes, Widerstandskämpfer, Künstler und später SED-Funktionär, schrieb die ebenso rührende wie klassenkampftaugliche Tragödie des jungen Fritz Weineck auf, der die Musik liebt, aber im Kugelhagel einer arbeiterfeindlichen Soldateska stirbt, weil er seine Klasse nicht verrät. Vor dem Mauerbau geschrieben, wurde das Buch drei Jahre später zum Drehbuch.

 Die Defa-Gruppe „Konkret“ drehte an den Originalschauplätzen, so dass die 81 Minuten zu einer Zeitreise in ein Halle werden, dessen Hinterhöfe, Straßen und Plätze, Backsteinmauern und Ladeninschriften die 20er Jahre auch in den 60ern noch gut nachzustellen wussten. Horst Jonischkan spielt den Fritz Weineck als Träumer, der durch Glaucha läuft oder am Saaleufer sitzt und Mundharmonika spielt. „Ich möchte so gern Musik machen“, sagt er und schaut verloren über den Fluss.Es wird anders kommen, denn die Zeiten sind so.

 In satten Schwarz-weiß-Tönen mit Hilfe des Totalvision-verfahrens sparsam auf 35-Millimeter-Film, dennoch aber im Kino-Breitbildforma gedreht, benutzt der spätere Indianerfilm-Spezialist Petzold die Biografie des Bürstenbinders, der im Roten Frontkämpferbund seine Klassenwurzeln entdeckt, als Leinwand, auf der ein Zeitpanorama nach SED-Lehre abläuft: Reiche tragen Pelze, horten Würste und sprechen mit keifender stimme. Arme teilen gern, reden nachdenklich und tragen ihr Schicksal mit kämpferischem Mut. „Die Brigade Halle schlägt Dich kurz und klein, Du Arbeiterschwein“, singt die Konterrevolution im Keller, während Fritz Weineck sich schon entschlossen hat. „Ich lenk´ sie auf mich, ihr nehmt die Gewehre“, sagt er.

 Diesmal kriegen sie ihn noch nicht, doch der Kampf geht weiter und am Ende ist Fritz tot. Die Szenen im Volkspark, der viel kleiner scheint als in Wirklichkeit, sind beeindruckend dicht komponiert, doch die Dramaturgie folgt keiner Logik, sondern den Erfordernissen des politischen Kampfes: Der Saalschutz der Arbeiter formiert sich vor Teddy, dem Führer und KPD-Präsidentschaftskandidat. Ein heute nur noch als „Leutnant Pietzger“ bekannter Schutzpolizist schießt dennoch, während Fritz warnend seine Trompete bläst. Frauen schreien. Die Kamera wackelt. Ein Geländer bricht. Panik. Tod. Fritz springt Helga Göring bei, die seine Mutter spielt. Von hinten naht ein Schupomann und schießt ihm in den Rücken.

Eine Legende ist geboren, die auf DVD weitergeht.  Der Agitprop-Film von einst ist der Kultfilm von heute.


Filme aus Halle: „Fritz Weineck“ Horst Jonischkan spielt auch in der Konrad-Wolf-Verfilmung „Der geteilte Himmel“ mit, die auf Basis des gleichnamigen Buches von Christa Wolf entstand, das die Autorin während ihrer Jahre in Halle geschrieben hatte. Deshalb wurde auch in Halle gedreht, unter anderen im Waggonbau Ammendorf. Wolf hatte zuvor schon „Professor Mamlock" in Halle gedreht, vor allem eine Villa zwischen Kirchtor und Neuwerk spielt in dem Film eine große Rolle.

Drehort für den 2005 vom New Yorker Museum of Modern Art in New York gefeierten Film „Das zweite Gleis“ war dagegen der Güterbahnhof in Halle, "Rabenvater" mit Uwe Kickisch entstand im Jahr 1986 dann hauptsächlich in Halle-Neustadt. Die unweit von Halle gelegenen Muschelkalkhänge von Köllme wiederum dienten beim Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" als Kulisse, während "Das Fahrrad“ Heidemarie Schneider in der Rolle einer alleinerziehenden Mutter Anfang der 80er Jahre zeigt, die in Halles Altstadt mit DDR-typischen Problemen fertigwerden muss.


Donnerstag, 21. Juni 2018

Gundermann: Vernunft verlangt Verzicht


Rocksänger, Baggerfahrer, Samurai: Der Cottbusser Sänger und Dichter Gerhard Gundermann war in seinen besten Jahren nichts weniger als die Stimme Ostdeutschlands in der westdeutsch dominierten Rockmusik. Gundermann starb heute vor 20 Jahren, seine Lieder aber bleiben gültig. Ebenso dieses Interview, das fünf Jahre vor seinem Tod entstand.


Frage: Du hast ganze vier Jahre geschwiegen, ehe Deiner Debütplatte "Männer, Frauen und Maschinen" das Album "Einsame Spitze" folgte, den "Siebten Samurai" zu produzieren hat dagegen nur ein Jahr gedauert.

Gundermann: Auch vor "Einsame Spitze" hatte ich immer genug Material, eine Platte zu machen. Und gewollt habe ich auch, klar. Aber ich bin ja auch doof. Gleich nach der Wende bin ich zur Ariola gegangen und habe denen mein Zeug gegeben. Da denkste dann: Wenn ich jetzt bei denen war, darf ich erstmal mit keinem anderen reden, bis die ja oder nee gesagt haben. Die haben aber nicht mal nee gesagt bis heute. So nach einem Jahr habe ich das endlich mitbekommen und mich dann doch mal anderswo umgehört. Und so sind wir dann bei Buschfunk untergekommen.

Frage: Als einer der letzten deutschen Sänger läßt Du Dir die Bezeichnung "Liedermacher" gefallen...

Gundermann: Ja, ich weiß, vor einem Jahr oder so da stand immer in der Zeitung: Ha, Liedermacher sind jetzt out, weil man kann ja jetzt alles in die Zeitung schreiben. Aber ich habe mich ja nie als Zeitungsersatz verstanden, auch in der DDR nicht. Erstens habe ich immer Lieder gesungen, das hat die Zeitung auch damals nicht gemacht (lacht). Und zweitens, auch wenn damals Erich Honecker auf dem Thron saß und heute sitzt da Helmut Kohl - die meisten Dinge auf der Welt funktionieren doch unabhängig davon. Und über die denke ich eigentlich nach, über die mache ich auch Lieder. Nicht darüber, ob der Honecker nun vor Gericht gekommen ist oder was. Mich interessieren ganz andere Themen.

Frage: Und welche?

Gundermann: Menschen, Arbeit, Umwelt. Nimm mal die Arbeit. Da habe ich vor Jahren schonmal ein Programm drüber gemacht, jetzt mach' ich wieder eins, weil ich denke, daß ich einen neuen Erkenntnisstand dazu habe, daß ich zu Antworten gelangt bin, die auch andere interessieren könnten.

Frage: Die Antworten, die Du auf Umweltfragen gibst, haben aber viele Leute schwer verstört. Für Deine Forderung, eine "grüne Armee" zu gründen, hat sich Gundermann, der Pazifist, gar den Vorwurf eingehandelt, ein "Ökofaschist" zu sein. Meinst Du denn solche Vorschläge ernst?

Gundermann: Mit dem Vorwurf kann ich leben, weil ich sie ernst meine. Grüne Armee ist keine Poesie. Das Schlüsselerlebnis ist für mich ein Fernsehbericht so vor zehn Jahren gewesen. Damals hat der Bundesgrenzschutz in Italien bei der Beseitigung von Erdbebenschäden geholfen - und genau für solche harten Sachen brauchst Du harte Leute, die richtig kämpfen können. Bloß, daß der Feind nicht die Armee von nebenan, sondern was anderes, viel Schlimmeres ist. Guck Dich doch um: Die Welt geht kaputt. Meiner Meinung nach hilft da keine Kosmetik mehr. Wenn wir es noch schaffen wollen, die Kurve zu kriegen, brauchen wir Armeen gegen die Wüste, müssen wir schleunigst sämtliche Kapazitäten, die im Militär stecken, an diese entscheidende Front werfen. Dazu braucht es natürlich den entsprechenden politischen Willen.

Frage: Da der illusorisch ist, sagt das ja zugleich, daß wir es nicht schaffen werden.

Gundermann: Das weiß ich nicht genau. Früher, da habe ich die beiden großen Weltlager immer als zwei Kämpfende am Fuße eines Berges gesehen. Und vom Berg kommt so ein Riesenbrocken runtergerollt, genau auf die zu. Nun können sie sich entscheiden: Entweder, sie hauen sich weiter und werden überrollt, oder sie tun sich zusammen und versuchen das aufzuhalten. Es ist ganz anders gekommen.

Frage: Einer der beiden Kämpfer ist abgetreten.

Gundermann: Und das ist der Punkt. Niemand hätte doch vor fünf Jahren dran geglaubt, daß der Konflikt sich so auflöst. Deshalb ist es doch nicht so, daß ich an nichts mehr glaube. Nur: Ich halte jetzt alles für möglich - da hab` ich ja eine gewisse Schule durch, wie wir alle hier im Osten. Und deshalb denke ich auch, daß da noch gewisse Möglichkeiten sind. Die westliche Welt ist doch auch im Wandel, das ist doch alles tieferschüttert, das muß man doch sehen.

Frage: Du siehst einen Wandel zum Positiven?

Gundermann: Ich bin Anhänger der Theorie von der neunten Welle. Die sagt: jede Generation hat 30 Jahre Zeit, ihre Ideale und Vorstellungen zu verwirklichen, ehe alles anders kommt. Das kannst Du in den USA ziemlich genau nachvollziehen - alle 30 Jahre steigt da ein Demokrat auf den Präsidentensessel, alle 30 Jahre kommt ein Versuch der Erneuerung. Und wir hängen da irgendwie dran.

Frage: Eine Mechanik, ein Automatismus, Zufall oder Gottvertrauen?

Gundermann: Es gibt Zusammenhänge, die ich nicht durchschauen kann, die aber doch irgendwie funktionieren. Es ist ja objektiv so: Du kannst Gesetze machen wie Du willst, wenn die Leute zu Zehntausenden über die Oder schwimmen, dann kannst Du nur damit leben oder schießen. Und dann führen wir in hundert Jahren wieder Prozesse.

Frage: Wie sieht Deine Lösung aus?

Gundermann: Wenn das Wohlstandsgefälle auf 300 Kilometer Entfernung fünf menschliche Generationen ausmacht - von der Industriegesellschaft bis in den Feudalismus - dann werden die hier herkommen, wenn wir es nicht schaffen, unseren Wohlstand da rüber zu exportieren. In der Physik gibt es die einfache Regel vom Wasser, das in verbundenen Gefäßen immer gleich hoch ist. Da kannst Du Wasser sagen oder Wohlstand. Wir, also die DDR, waren der erste Schritt, dieses Gefälle auszugleichen.

Frage: Triffst Du beim Versuch, die ganze Welt so leben zu lassen, wie wir leben, aber nicht an andere Grenzen?

Gundermann: Natürlich. Deshalb ist das auch nicht möglich. Und weil nicht alle auf unser Wohlstandsniveau hochkommen können, werden wir wohl runtergehen müssen. So, daß es für alle reicht. Wir müssen abgeben, bis sich das alles auf eine Art Nullpunkt eingependelt hat. Lebensstandard wie in Polen meinetwegen, aber den für alle. Und das reicht auch zu - denn ein Pole ist ja ein Fürst gegen andere, noch Ärmere.

Frage: Wie soll sich soviel Vernunft und Verzicht durchsetzen?

Gundermann: Durch Katastrophen. Das geht nur durch Katastrophen. Wenn sich die Klimaveränderungen, die wir ja längst haben, erst auf die Nahrungsmittelversorgung auswirken, dann werden die Leute wach. Der Druck der Ereignisse wird uns keine andere Wahl als die Vernunft lassen. Ich hoffe nur, daß der Druck der Ereignisse groß genug ist, damit wir reagieren, aber nicht so groß, daß wir nicht mehr reagieren können. In diese geschichtliche Sekunde müssen wir springen, unsere Konzepte vorholen und Lösungen anbieten. Wichtig ist, daß wir dann auch welche haben!

Frage: Dein Wendetrauma?

Gundermann: Wenn Du so willst. Wir haben damals immer dran gesägt, gesägt, gesägt - aber nie gedacht, daß das Ding, also der Staat, wirklich mal umkippt. Ich hab' zum Beispiel nie für die Schublade gearbeitet. Ich habe immer nur gemacht, was machbar war. Das war falsch. Als dann die Wende kam und die alten Herren gingen, als plötzlich alles möglich war, stand ich mit leeren Händen da. Weil ich blöde war. Passiert mir beim nächsten Mal in dreißig Jahren nicht wieder. Ich arbeite jetzt vor, damit ich was zu sagen habe, wenn ich dann gefragt werde.

Frage: Was macht eigentlich Dein anderes Ich, der Baggerfahrer Gundermann?

Gundermann: Der macht ABM. Unseren ganzen Betrieb haben sie dichtgemacht und zu so `ner Sanierungsfirma umgeschmiedet. Wir reparieren jetzt das, was wir früher kaputtgemacht haben.

Samstag, 16. Juni 2018

Alter Schlachthof Halle: Aufgerissene Eingeweide



Ganz zuletzt floß nur noch Kunstblut, einen Abend lang. Die Kapelle Gwar war zu Gast im Alten Schlachthof von Halle, einem aus Backsteinen gemauerten Stück Geschichte der einstigen Industriemetropole an der Saale. Seitdem verrottet und zerfällt das mäandernde Gelände direkt an den Gleisanlagen der Bundesbahn in aller Ruhe.

Nur gelegentlich kommen Grafittimaler und Verfassungsfeinde, um sich im Hinterhof zu sonnen und verbotene Parolen an die Fliesenwände zu krakeln. Autodiebe haben hier, wo früher Tiere zu Tausenden den Weg allen Fleisches gingen, um die unersättliche Stadt zu füttern, ihre überzählige Beute abgestellt. Zuhälter parken nicht mehr benötigte Wonnewagen. Aus dem Mauerwerk aber dringt kein Blut aus, nirgends, es ist totenstill, keine verlorene Kuhseele und kein Geist eines gemeuchelten Schweins spukt durch den Hallen.

"Vendetta" hat jemand mit augenfälliger Rechtschreibschwäche auf einen Wohnanhänger geschmiert, nebenan lagern arbeitsscheue Zeitungszusteller seit Jahren günstig die Blätter, die sie eigentlich austragen sollen. Vor drei Jahren brannte der Schlachthof zum ersten Mal, seitdem haben die feuer nie wieder richtig aufgehört, obwohl der Besitzer einmal wechselte und dann gleich noch einmal und frühere Pläne vom Aufbau einer neuen Art von Nachbarschaft angesichts dessen, was die neuen Investoren hier schaffen wollen, sehr bescheiden wirken.

Allein, es tut sich nichts. Das Areal am Güterbahnhof mit weitläufigen Markthallen, Wasserturm und Verwaltungsgebäude steht leer und verfällt, Handel, Künstleratelier, Wohnungen, bisher ist alles Schall und Rauch und bröcklige Wände. Das Projekt, wenn es wird, soll groß werden, riesig, die Krönung eines neuen Boomviertels, als das das Rathaus die nebenstehende Siedlung schon vor langer Zeit ausgerufen hat.

Mittwoch, 30. Mai 2018

Spukhafte Fernwirkung: Als Einstein Gott Vorschriften machte


Albert Einstein veröffentlichte 1905 die spezielle Relativitätstheorie und revolutionierte die gesamte Physik - für viele eine harte Nuss. Ein weiterer Versuch populärer Erklärung.


Albert Einstein ahnte nur, dass es jenseits der Physik noch etwas geben muss. Heute gilt die Quantenphysik als letzter Stand der Wissenschaft - verstehen aber kann sie nur, wer sie sich von kundigen Männern wie Anton Zeilinger erklären lässt. Ein ganz klein wenig Hexerei ist dabei. Stellen wir uns Folgendes vor: Zwei Photonen, also Lichtteilchen, die mit Hilfe eines Lasers und eines Prismas im Labor miteinander "verschränkt" wurden - in einfachen Worten. Diese Photonen sind winzig klein, man kann sie nicht sehen, man weiß nur, dass sie da sein müssen. Und weil sie da sind, weiß man, dass eines von ihnen die bestimmte Eigenschaft A hat, während das andere die bestimmte Eigenschaft B in sich trägt. Welche Eigenschaft das eine hat, hängt ganz davon ab, welche im anderen enthalten ist.

Zu kompliziert? Schwer verständlich? Das fand Einstein auch. Also machen wir es doch gleich noch ein bisschen schwieriger: Keines der beiden verschränkten Teilchen kennt seine eigene Eigenschaft. Denn die wird erst festgelegt, wenn ein Beobachter von außen sie zu ergründen versucht - wie zwei Würfel mit nur zwei Buchstaben, die erst eine Zahl zeigen, wenn sie geworfen worden sind. Dann aber, und das ist wirklich wahr, entscheidet sich nicht nur das eine Quant für Eigenschaft A oder B. Sondern ganz automatisch auch das andere - hat ein Würfel das "A", zeigt der andere das "B" und umgekehrt. Und nun halten wir uns mal fest, denn was jetzt kommt, ist mehr als nur ein bisschen Hexerei: Dabei ist völlig egal, welcher Abstand zwischen beiden Teilchen liegt. Und gleichgültig, dass es keinerlei Verbindung zwischen ihnen gibt.

Albert Einstein nannte das einst "spukhafte Fernwirkung" und er hatte ernsthafte Zweifel daran, ob er eine Welt akzeptieren könne, in der Wirkungen ohne Ursachen möglich sein sollen. Was heute als einer der Grundlehrsätze der Quantenmechanik gilt, war Einstein ein rotes Tuch. Schließlich hatte er doch die Lichtgeschwindigkeit als theoretisch höchstes Tempo überhaupt mathematisch nachgewiesen. Und die verschränkten Photonen kümmerte das überhaupt nicht! Sie "beamten" sich offenbar Informationen in Null-Zeit, also ohne jede Verzögerung zu, und das ohne Verbindung miteinander. Irgendwo, vermutete der Vater der Relativitätstheorie, müsse da noch etwas sein, das alles erkläre. Bis Niels Bohr, auch er ein großer Physiker, ihm eines Tages entgegenschleuderte: "Hören Sie endlich auf, dem Herrgott Vorschriften zu machen, wie er die Welt gestaltet."

Und im Bauplan des Kosmos ist Einsteins "spukhafte Fernwirkung" nun mal ein Fakt, wie der Wiener Physik-Professor Anton Zeilinger auf einer eben erschienenen Doppel-CD gleichen Namens ausführt. Die, als Teil einer populärwissenschaftlichen Hörbuch-Reihe im Kölner Supposé-Verlag erschienen, versucht, Leuten die Quantenphysik zu erklären, die bei dem Wort allein schon an langweilige Gleichungsketten und endloses Formelgewimmel denken. Ein Vorhaben, das Zeilinger, im vergangenen Jahr Leiter eines Aufsehen erregenden Experiments, bei dem es erstmals gelang, Lichtteilchen durch ein Glasfaserkabel unter der Donau hindurch zu beamen, mit Wiener Charme und nahezu ohne Fachausdrücke erledigt. Locker plaudernd beschreibt der 60-jährige Experimentalphysiker eine Welt, in der ganz andere Gesetze gelten als in unserem Alltag. Eine Welt ist dies, in der Dinge zugleich da und dort sein können und in der der Zufall kein Ergebnis von beeinflussbaren Faktoren, sondern reine, pure Willkür ist.

Zeilinger, ein wuschliger Charakterkopf von Reinhold-Messner'schem Format, bemüht einprägsame Beispiele, um klarzumachen, was die Welt im Innersten zusammenhält. "Wenn ein Spiegel genau halb durchsichtig ist", beschreibt er, "geht die Hälfte des Lichtes hindurch und die andere Hälfte wird reflektiert." Soweit, so gut. Was aber geschieht mit einem einzelnen Photon, das auf den Spiegel trifft? Wird es zurückgeworfen? Oder durchgelassen? "Niemand weiß das", sagt Anton Zeilinger, "nicht einmal das Photon selbst."

Und all unsere Wissenschaft kann daran nichts ändern. Einstein meinte einst, die Welt könne gar nicht so verrückt sein, wie uns die Quantenmechanik glauben machen will. "Heute aber wissen wir, die Welt ist so verrückt", zitiert Anton Zeilinger seinen amerikanischen Forscherkollegen Daniel Greenberger. Im Reich der Quanten können Teilchen an verschiedenen Orten zugleich sein, und auch die Regel, dass Dinge selbst dann existieren, wenn sie niemand sieht - wie die Sonne, die auch scheint, wenn keiner hinschaut -gilt nicht mehr. 


Das ist im ersten Moment verstörend. Männer wie Anton Zeilinger aber sehen vor allem "Die Schönheit der Quantenphysik" (CD-Untertitel) und die Fülle der neuen Möglichkeiten, die in Einsteins "spukhafter Fernwirkung" stecken. Schon hat Zeilingers Team so genannte Quantenzustände kilometerweit über die Dächer von Wien hinweg transportiert. Und schon basteln andere Forscher an Computern, die auf Quantenbasis funktionieren - dann stünde eine Revolution ins Haus, die alle bisherigen technischem Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte in den Schatten stellen wird.

Nur das Beamen größerer Objekte oder gar ganzer Menschen bleibt wahrscheinlich für immer Science-Fiction: "Allein die Information über die Quantenzustände eines Menschen, die zum Beamen übertragen werden müssten, würden einen CD-Stapel von 1 000 Lichtjahren Länge füllen", weiß Zeilinger. Ein Lichtjahr sind knapp 10 Billionen Kilometer - selbst mit bester Technik würde die Übertragung dieser Daten Ewigkeiten dauern. Der britische Quantencomputerexperte Samuel Braunstein hat das einmal gallig kommentiert: "Natürlich wäre es einfacher zu laufen."