Freitag, 4. März 2016

Wahlserie SPD: Wahlkampf 0.0 bei der Arbeiterpartei

Ohne Gegenwehr ergibt sich die einst so stolze SPD in das Schicksal kommender Bedeutungslosigkeit. Die Partei führt keinerlei Wahlkampf, die Homepage der Spitzenkandidatin enthält gerademal ein einminütiges Video, das automatisch startet, aber nach dem Satz "Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, unser Sachsen-Anhalt steht vor großen Herausforderungen" auch automatisch stoppt. Dazu gibt es angegraute Neuigkeiten aus dem Februar und den Hinweis auf ganze sechs Termine von Frau Budde in den letzten 14 Tagen vor der Wahl, die eigentlich stets als "heiße Phase" bezeichnet werden.

Hier ist "heiß" nicht mal frühlingshaft. Die SPD scheint alle Bemühungen um Wählersympathien bereits aufgegeben zu haben. Bei Facebook werden Veranstaltungen von Anfang Februar abgekündigt, bei Twitter ist Budde gar nicht vertreten. Ihr Landesverband hat dort zuletzt vor einer Woche ein Lebenszeichen hinterlassen. Bei Youtube hat die Wahlkampfzentrale den einminütigen Werbefilm mit Katrin Budde am 2. März eingestellt - elf Tage vor der Wahl und mit großem Erfolg - nach 48 Stunden hatten ihn schon ein Dutzend Menschen gesehen.

Doch ob die alle Katrin Budde wählen werden, ist unklar. Denn inhaltlich argumentiert die unsichtbare Spitzenfrau konsequent an allen Fragen vorbei, die die Menschen derzeit beschäftigen. Der Wahlspruch "Es ist Zeit für einen neuen Aufbruch: Sachsen-Anhalt kann mehr" klingt nicht nur wie in der Assiette gebacken, er ist auch so gemeint. Irgendwie geht es um "gute Arbeit für gutes Geld", "wirtschaftlichen Aufbruch", "Bildung für alle", "Gemeinschaft und Sicherheit" und ein "weltoffenes Land" - das Übliche halt. Nichts, was einen Wähler hinter dem Ofen hervorlockt.

Das ist Wahlkampf 0.0 im festen Glauben, es werde auch so schon irgendwie reichen, wieder ein paar Ministerposten abzubekommen. Doch nach den letzten Umfragen sieht es danach im Moment überhaupt nicht aus.

So gesehen sind die 15 Prozent, die Katrin Budde wählen wollen, noch erstaunlich viel.

Donnerstag, 3. März 2016

Streamingboxen: Strom ist in der kleinsten Hütte


Mit neuartigen Sticks machen Amazon, Google und eine Reihe anderer
Anbieter den inzwischen so beliebten TV-Boxen Konkurrenz.


Wie so oft war der amerikanische Hightech-Konzern Apple seiner Zeit voraus, als Firmenchef Steve Jobs im März 2007 „nur dieses eine Ding noch“ vorstellte. Es war ein kleines schwarzes Kästchen, runde Ecken und ein paar Steckdosen. Mit 40 Gigabyte Speicherplatz war der Apple TV aus heutiger Sicht üppig bestückt, aber seinerzeit waren selbst DSL-Anschlüsse noch recht langsam, wer einen Film im Internet sehen wollte, tat eben gut daran, ihn vorher abzuspeichern.

Der Apple TV ist nie ein richtig großer Erfolg geworden. Dafür aber wurden es Nachfolgemodelle von Konkurrenten. In den USA schaffte die Online-Videothek Netflix das Kunststück, eine ganze Kompanie von Playern der Hersteller Roku, LG, Samsung und Microsoft zu beliebten Wohnzimmer-Accessoires zu machen. In Deutschland brauchte Amazons Fire-TV-Box knappe zwei Jahre, um in Millionen Haushalten einen Platz zu finden. Und auch Google landete mit seinem Nexus-Player einen Achtungserfolg.

Aber schon scheint sich das Zeitalter der sogenannten Network-Player dem Ende zuzuneigen. Sowohl Google als auch Amazon setzten zuletzt stärker auf preisgünstigere Sticks zum Anschluss von TV-Geräten ans Internetfernsehen. Rund 40 Euro spart, wer den Fire-Stick statt der Fire-TV-Box kauft, im Google-Universum ist der Chromecast-Stick sogar 64 Euro billiger als der Nexus-Player.

Was aber büßt man ein, wenn man sich für die günstigere Variante entscheidet? Welche Funktionen haben die Boxen, über die die Sticks nicht verfügen? Welche Vorteile gibt es, welche Nachteile?
Klar ist, dass Sticks, wie sie Amazon und Google, aber auch Samsung, Hama und zahlreiche weitere Firmen anbieten, einem anderen Prinzip folgen als TV-Boxen. Statt eines kleinen Computers, der ins heimische Wlan eingeklinkt wird und Signale von dort selbst verarbeitet, sind Sticks nur kaum fingergroße Empfangseinheiten von bereits verarbeiteten Signalen. Für den Zuschauer ist das nicht entscheidend, denn der Unterschied ist bei laufendem Film oder einem Youtube-Clip nicht zu sehen. Bei der Programmwahl aber macht er sich doch deutlich bemerkbar.

Denn wo eine TV-Box auch funktioniert, wenn kein PC, Laptop, Tablet oder Smartphone in der Nähe ist, benötigt der TV-Stick dringend ein externes Bedienpult. Das liegt an der grundsätzlichen Funktionsweise: Die TV-Box nimmt selbständig Verbindung mit dem Internet auf und kann hier - mit dem Fernseher als Bildschirm - über eine Fernbedienung durch Filmlisten, Apps und zu eigens optimierten Internetseiten gesteuert werden. Der TV-Stick dagegen, über die HDMI-Buchse an den Fernseher gesteckt, bleibt ohne Steuerungsgerät trotz Netzanbindung über Wlan blind und stumm: Er sieht nichts, sendet nichts und lässt sich zu nichts gebrauchen.

Erst mit der Kopplung an ein Smartphone oder einen Computer spielt der Stick die Vorteile aus, die er trotz des niedrigeren Preises hat. Entscheidend ist dabei vor allem, dass es sich um ein vergleichsweise offenes System handelt. Während die Fire-Box, aber auch der Nexus-Player gefangen sind im Biotop der Amazon- beziehungsweise der Google-Play-Bibliothek, ist es dem Chromecast völlig gleichgültig, welche Inhalte er an den Fernseher überträgt. Im Grundsatz gilt einfach: Alles, was an Internet-Inhalten auf einen Bildschirm übertragen werden kann, lässt sich mit einem Klick auch auf dem Fernsehbildschirm zeigen. Einzige Voraussetzung ist die - kinderleichte - Installation einer Steuerungsapp wie Google Cast, die es mit einem Klick ermöglicht, den Inhalt des Computer- oder Smartphonebildschirms auf das TV-Gerät zu übertragen. Die Einrichtung braucht keine Computerkenntnisse, nach zwei Minuten läuft alles.

Und das heißt, wirklich alles. Zwar hat Amazon seinen Fire-Stick auf die eigene Prime-Filmfarm geeicht. Doch beim Chromecast und bei den Sticks der freien Anbieter ist die Freiheit nahezu grenzenlos. Egal, ob Playstore, Prime, Netflix oder Maxdome, was am Rechner läuft, läuft auch auf dem Fernseher. Ohne Arbeit an PC oder Laptop zu stören: Ist ein Film erst einmal gestartet, kann weitergearbeitet werden, ohne dass neu aufgerufene Fenster am PC erscheinen.

Dienstag, 23. Februar 2016

Warum man bei Facebook Dinge sieht ... und andere Dinge nicht


Facebook benutzt schon lange geheime Formeln, um die Beziehungen der Mitglieder untereinander zueinander zu berechnen. Jetzt zieht auch Twitter nach.

Das größte Geheimnis der größten Internetseite der Welt liegt jeden Tag offen vor rund einer Milliarde Augen. Aber niemand sieht es, keiner kann es ergründen, viele sehen es nicht einmal, weil sie zwar sehen, was sie sehen. Sich aber nie fragen, was sie eigentlich nicht sehen.

Dabei liegt genau hier der Grund versteckt, der Facebook zum weltweit größten sozialen Netzwerk gemacht hat: Was auf den ersten Blick aussieht wie eine einfache Pinnwand, an die jeder schreiben, Fotos heften oder Filme pinnen kann, ist in Wirklichkeit ein bewegliches Gebilde. Nicht alles, was Nutzer hier hinterlegen, ist für andere Nutzer wirklich zu sehen. Ganz im Gegenteil: Nur ausgesuchte Beiträge von ausgesuchten Mitgliedern aus dem eigenen Freundeskreis werden deren Freunden auf deren eigener Seite angezeigt. Kein Eintrag, den jemand bei Facebook macht, erreicht alle seine Freunde - zumindest nicht, wenn er mehr als ein Dutzend hat.

Allerdings ist es keineswegs Willkür, die hier regiert, sondern ein ausgeklügelter Algorithmus, der dafür sorgt, dass jedes Facebook-Mitglied den Eindruck hat, nichts Wesentliches zu verpassen, was seine Freunde treiben. Obwohl jeder, der bei Facebook mitmacht, in Wirklichkeit den größten Teil all dessen verpasst, was seine Freunde dort treiben.

Dass das gelingt, ist das Erfolgsgeheimnis der Seite.

Und es gelingt. Die meisten Facebook-Nutzer glauben bis heute, dass sie in dem Moment, wenn ihre Profilseite öffnen, sehen, was ihre Freunde gerade so alles geschrieben haben. Eigentlich aber funktioniert Facebook ganz anders: Im selben Augenblick, in dem ein Nutzer sein Profil öffnet, scannt der Algorithmus hinter der Seite jeden einzelnen Eintrag jedes einzelnen Freundes auf der Freundesliste des Betreffenden, der aus den zurückliegenden sieben Tagen stammt. Dazu prüft die Formel alle Gruppen, zu der der Nutzer gehört und alle Einträge, denen er ein Like gegeben hat. Das Ganze - für den Durchschnittsnutzer etwa 1 500 Einträge - wird in Echtzeit nach Wichtigkeit geordnet: Oben die Posts, die der Nutzer wahrscheinlich wichtig finden wird. Weiter unten die, die ihn vermutlich nicht allzusehr interessieren.

Geordnet wird das Gewimmel, das bei emsigen Nutzern mit langer Freundesliste zehn- oder gar 20 000 Einträge umfassen kann, nach einer mathematischen Formel. Grundsätzlich gilt: Je enger die Beziehung zwischen Absender und Empfänger, je häufiger deren Interaktionen und je kürzer die vergangene Zeit seit Veröffentlichung, desto höher schätzt die Maschine die Relevanz eines Inhaltes für den Empfänger ein. Allerdings haben die Software-Entwickler im kalifornischen Menlo Park den Newsfeed-Algorithmus seit den Anfängen von Facebook immer weiter verfeinert. Inzwischen beachtet er nicht mehr nur die oben genannten drei, sondern mehr als 100 000 Einflussfaktoren.

Richtig verstehen muss der Algorithmus menschliche Beziehungen dazu gar nicht. Es reicht völlig, wenn er dem nahekommt, was Nutzer erwarten. Die haben gern den Eindruck, nichts verpasst zu haben, sie wollen sich zugleich unterhalten, aber dabei nicht überfordert werden. Gäbe es den Facebook-Algorithmus nicht, wären sie das schnell: Selbst Mitglieder mit einer kleinen, vielleicht 35 Personen umfassenden Freundesliste hätten bei einem Besuch täglich schon mehr als 100 Posts zu lesen, wenn jeder ihrer Freunde nur drei Einträge oder Kommentare täglich hinterließe. Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat aber über 300 Freunde - das macht täglich 900 neue Beiträge. Mit Grausen würden sich die Menschen abwenden.

Konkurrent Twitter, mehr Kurznachrichtenseite als soziales Netzwerk, hat es mit einer sogenannten Timeline versucht. Nutzer sehen hier immer, was zuletzt von den Leuten geschrieben wurde, denen sie folgen - was auf Facebook-Deutsch übersetzt heißt: mit denen sie befreundet sind. Das Problem hier: Wer vielen Leuten folgt, die vielleicht noch viel schreiben, sieht immer nur die letzten paar Minuten. Wer wenigen folgt, bei dem tut sich dafür stundenlang nichts. Ein Dilemma, auf das Twitter nun reagiert hat, indem es ankündigte, Nutzern künftig die interessantesten Tweets zuerst anzuzeigen, auch wenn sie schon älter sind.

Was interessant ist, soll auch bei Twitter ein Algorithmus errechnen, der aus der Lebendigkeit der Beziehungen zwischen zwei Nutzern, der Popularität von Tweets insgesamt und anderen Faktoren Vorschläge erarbeitet, die den Nutzern unterbreitet werden sollen. „Wenn wir Inhalte finden, die beliebt oder revelant sind, dann blenden wir ihn vielleicht in deine Timeline ein“, kündigte Twitter-Mitarbeiter Trevor O’Brian.

Die erste Reaktion der stets kritischen Twitter-Nutzer war hier ein Proteststurm: Nun werde man auch bei Twitter nicht mehr sehen, was man sehen wolle.

Sondern nur noch, wovon das Netzwerk wolle, dass man es sehe, hieß es.

Freitag, 19. Februar 2016

Stilkritik Wahlplakate: Der Elefant in der Wahlkabine

Seltsam kraftlos wirkt er, der Wahlkampf zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Jahre 2016. Keine Landesthemen, keine kantigen Gegenentwürfe, kein Grundsatzstreit zwischen den Landtagsparteien. Von Anfang an, auch wenn es niemand sagte, drohte der Wahlkampf zu einer Wiederaufführung von Peter Hacks "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" zu werden. Ein Elefant ist im Raum, den jeder sehen kann. Gerade deshalb darf niemand über ihn sprechen.

Der dunkle Schatten einer wie auch immer zweistellig abschneidenden AfD hing über dem eigenartig einhelligen Meinungsstreit der anderen Parteien, zuerst unausgesprochen. Schließlich aber, als die Umfragen bedrohlich zu werden begannen, auch eingestandenermaßen.

Was bleibt aus der Zeit davor, als die übliche Wahlkampfroutine noch versprach, zumindest etwa die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger an die Urne zu locken, sind die Wahlplakate, die meist Monate vor Beginn der gern "heiß" genannten letzten Wahlkampfphase gestaltet und in Auftrag gegeben werden.

Es sind diesmal mehr noch als in früheren Jahrgängen Dokumente erschütternder Schlichtheit, Sammlungen von für wirkmächtig gehaltenen Schlagworten und Ausweise des kleinsten gemeinsamen Nenners, die das zu tausenden an Laternenpfählen hängen. Das möchte der Linken-Kandidat Swen Knöchel "Der Zukunft Rechnung tragen", die Grünen plakatieren "Grün für Mutter Natur", die SPD möchte "niemanden zurücklassen" und der CDU-Mann belässt es gleich dabei, nur seinen Namen zu nennen.

Wo letztes Mal noch Versprechen waren ("Wir streichen keine einzige Schule", SPD, "Soziale Politik nur mit uns, wir haben machbare Konzepte", Die Linke, "Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Jobmotor", CDU) ist nun eine große Leere, bis zum Rand gefüllt mit irrealem Nonsens: Der eine Spitzenkandidat ernennt sich zum "Wirtschaftskenner" und "Frauenversteher". Der andere verspricht "gute Löhne". Der dritte, immerhin Ministerpräsident und selbsternanntes Zugpferd seiner Partei, taucht erst gar nicht auf.

Es ist, als würden alle gerade so noch das tun, was sie tun, weil sie es eben tun müssen. Es gibt keine Leidenschaft, keinen Esprit, keine Überraschungen auf den Pappträgern, die für die meisten Wähler das einzig sichtbare Vorzeichen der Landtagswahl sind. Was sie sehen, sind zwei-, drei- oder höchstens vierfarbige Plattitüden. "Jung - authentisch - fair" stellt sich eine Kandidatin vor, ohne zu verraten, ob sie das ist oder die Welt es werden soll. Die grüne Plakatserie setzt auf eine rätselhaft-verschlüsselte Kombination von absurden grünen Plakaten mit dem aufgedruckten Wort Grün und grünen Forderungen wie "Grün für Mensch und Tier". Darunter abgebildet sind lustige Kinderzeichnungen eines Kuhkopfes, eines Kückengesichts und einer rosa Schweineschnauze.

Durchschnittliche Intelligenz reicht offensichtlich nicht, die Botschaft zu dekodieren. Was ist jetzt Grün? Das Schwein? Das Huhn? Wo ist der Mensch? Und was macht die Sonne auf dem anderen Plakatmotiv, das Grün für Mutter Natur verspricht?

Klarer wird es, wo sich die miteinander um Wählerstimmen ringenden Parteien unabgesprochen  auf gemeinsame Positionen einigen konnten. Wulf Gallert, Kandidat der Linken für den Posten des Ministerpräsidenten, sichert zu: "Ich kann, ich will, ich werde". Die CDU will da nicht nachstehen und sagt selbstbewusst: "Wir können, wir wollen, wir werden".  Regieren, scheint gemeint zu sein.

Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Ist noch irgendwer in der Nähe, der auch nichts zu sagen hat? Das aber mal loswerden will? "Das ist keine Wahl wie jede andere", schreibt die FDP und es klingt wie damals die Ankündigung im Schwarzweiß-Fernsehen, der folgende Sänger sei "bekannt aus Funk und Fernsehen". "Jetzt sprechen die Jungen", sekundiert ein anderes Plakat. Was sagen sie denn?

 "Gemeinsam besser leben", plakatiert die SPD, deren Spitzenkandidatin auf den Slogan „Es ist Zeit für gute Löhne“ vertraut, der, so versichert sie, „nicht zufällig gewählt“ sei. Nein, vielmehr kombiniert er den Slogan einer Kampagne der Linken im Saarland mit dem Werbespruch eines bundesweiten Essenbringedienstes.

Das hört sich nicht einmal so an, als gehe es um was. Schon gar nicht wirkt es, als habe dieser Wahlkampf in Wirklichkeit einen, alles andere überstrahlenden Inhalt. Denn ausgerechnet der kommt hier vor wie Voldemort in den Harry-Potter-Büchern: Die Flüchtlingskrise ist zwar das Thema, über das alle reden, an dem sich alles entscheiden wird.

Aber sie ist auch das, worüber nicht plakatiert werden darf, ein blinder Fleck, der ganz und gar der äußersten Rechten überlassen wird.






Dienstag, 16. Februar 2016

Teures Eis: Ende für die Eissporthalle


Kein Bagger in Sicht an dem Tag, an dem das Ende der Eissporthalle in Halle beginnt. Dafür sind einige Schaulustige gekommen, die Auftakt zum Abriss der 48 Jahre alten Halle beiwohnen wollen. Ein älteres Ehepaar etwa hat seinen Morgenspaziergang auf die Peißnitz verlegt, aus gutem Grund. „Ich habe viele Jahrzehnte in der Halle gearbeitet“, sagt die kleine Frau im Anorak. Bei Chemiepokal und Handball-WM, bei Konzerten, bei Eishockeyspielen und beim Pressefest habe sie hier am Tresen gestanden, beim öffentlichen Eislaufen Schlittschuhe ausgegeben. „Und nun guckt man hier rein und sieht nur Trümmer.“

Was waren das für Jahre, erinnert sich auch ihr Mann. „4500 begeisterte Leute in der Halle, als Dynamo Berlin damals hier im Europapokal gespielt hat.“ Die ältere Dame weiß noch genau, wie das eines Abends danach war. „Wir hatten die ganzen Tageseinnahmen in der Kasse“, sagt sie, „und ich bin dann mit 10000 Mark in der Tasche über die dunkle Peißnitz nach Hause gelaufen.“



Heute ebenso unvorstellbar wie damals der Gedanke, eine Halle zu zerstören, nur weil ein Gesetz das vorschreibt. „Die haben auf der einen Seite jemanden, der eine Viertelmillion bietet, um die Halle zu kaufen“, schimpft ein Mann, der zum Fotografieren gekommen ist. „Und auf der anderen Seite geben sie eine Viertelmillion aus Fluthilfemitteln aus, um die Halle abzureißen.“ Nach seiner Rechnung mache das eine halbe Million Euro, die Stadt und Land investierten, um keine Eissporthalle mehr zu haben. „Würden sie das Geld sparen, hätten sie eine halbe Million gespart, eine halbe Million eingenommen und eine intakte Kletterhalle, die sogar noch Arbeitsplätze schafft.“

Es ist zum Kopfschütteln, da sind sich die frühen Zaungäste des Abrissauftaktes einig. Wenn das Gesetz so sei, müsse man eben in Magdeburg fragen warum. „Genug Zeit dazu ist doch gewesen“, glaubt der Hobbyfotograf. Dass die Flut 2013 das Gebäude wirklich so stark beschädigt habe wie behauptet, glaubt kaum einer von denen, die nostalgische Erinnerungen mit der üblicherweise nur „Eishalle“ genannten Eissporthalle verbinden. Hochwasser habe es immer gegeben und immer sei es danach gleich weiter gegangen. „Da drin ist ja bis auf die Eismaschinen nichts, was kaputtgehen kann.“

Das Landgericht Halle hatte das anders gesehen und der Stadt recht gegeben, die Eissporthalle als „wirtschaftlichen Totalschaden“ eingestuft hatte, um mit Hilfe von Fluthilfemitteln eine neue bauen zu können. Weil das heißt, dass eine Sanierung sich nicht lohnt, da sie teurer wird als ein Neubau, muss die alte Halle zwingen verschwinden, ehe die neue gebaut werden kann. Die früheren Pächter hatten den Totalschaden stets bestritten und von Wiederherstellungskosten im einstelligen Millionenbereich gesprochen. Doch der Neubau einer Eishalle einige hundert Metern entfernt am Stadtrand der Neustadt läuft schon. Er wird mit etwa 21 Millionen Euro aus dem Fluthilfetopf finanziert.

Dazu muss die alte Halle weg, weil die Fluthilferegularien nur einen Ersatz erlauben, nicht aber einen zusätzlichen Neubau, Nachhaltigkeit hin, gesamtgesellschaftliche Rechnung her. Bis Anfang Februar wird das Gebäude entkernt, dann fällt mit der Hülle die Silhouette weg, die den großen Platz am Rande der Peißnitzinsel seit 1968 geprägt hat.

Ende Mai soll der Abriss abgeschlossen sein.

Noch aktiv: Petition gegen den Abriss

Samstag, 13. Februar 2016

Nachruf: Reinhard Fißler kämpft nicht mehr

Ich sehe ihn noch vor mir, auf der Bühne in der alten Eissporthalle in Halle. Es war irgendwann Ende der 70er/Anfang der 80er, wir waren Kinder und hatten noch nicht viele Rockkonzerte gesehen.

Und dann das. Bei "Kampf um den Südpol" kam diese lange Instrumentalphase, Reinhard Fißler kniete in diesen Minuten auf der Bühne, unter rotem Licht, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen.

Dann kam er wieder hoch und sang den Schluss. Gänsehaut.

Was bleibt nach dem Tode,
wenn der Name nicht bleibt?
Und wie bleibt der Name,
wenn Geschichte er schreibt?
Was bleibt nach dem Tode,
wenn nicht bleibt, wenn nicht bleibt der Ruhm?
Was bleibt nach dem Tode:
große Tat, großes Menschentum.
Was bleibt nach dem Tode,
wenn nicht bleibt, wenn nicht bleibt der Ruhm?
Was bleibt nach dem Tode:
große Tat, großes Menschentum.
Was bleibt nach dem Tode...

Heute morgen um 6.20 Uhr ist Reinhard Fißler nach vielen Jahren schwerer Krankheit eingeschlafen. Der Abriß der Eissporthalle soll am kommenden Montag beginnen.


Mittwoch, 3. Februar 2016

Die Rödelschen Formeln: Das wollte der Merseburger Professor Kanzlerin Merkel sagen


Der Merseburger Chemieprofessor Thomas Rödel hatte Glück. Obwohl er mit einer Protest-Aktion eine Rede Angela Merkels gestört hatte, verlor er weder seine Professur, noch musste er disziplinarische Konsequenzen tragen. Die Hochschule Merseburg akzeptierte, dass Rödel sich dafür entschuldigte, dass er bei einem Festakt im Fraunhofer-Institut Halle ein Plakat hochgereckt und mehrere Sätze in Richtung der Kanzlerin gerufen hatte. Fall erledigt.

Ein Rätsel aber blieb ungelöst zurück: Was stand auf dem Plakat, das der um seine Kinder besorgte Thomas Rödel der Kanzlerin hatte zeigen wollen? Neben dem alten Adenauer-Slogan "Keine Experimente" hatte der Hochschullehrer dort eine Reihe von geheimnisvollen Formeln aufgeführt, die seiner naturwissenschaftliche geschulten Kollegin Merkel wohl eine Botschaft vermitteln sollten. Deren Sinngehalt und Schlüssigkeit der Öffentlichkeit aber verschlossen blieb.

Dabei fällt eine Übersetzung ins Allgemeinverständliche nicht allzu schwer. Die erste Rödelsche Formel etwa, angeordnet auf einem Zeitstrahl von 1982 bis 1998 - lautet (D+EU) d HK = 1U - zu Deutsch also Deutschland plus EU durch Helmut Kohl gleich eine Union, wobei das mathematische Symbol U hier für eine Vereinigung der Mengen A und B steht.

Kontrastierend dazu zeigt die Rödelsche Formel Nummer 2 auf dem Zeitstrahl 2005 bis 2016 dieselbe Struktur, aber ein anderes Ergebnis. (D+EU) d AM = 0U heißt es hier, also Deutschland + EU durch Angela Merkel ist gleich keine Vereinigung der Mengen A und B. Rödel benutzt hier offenbar das "d", das in der Differentialrechnung zur Ableitung der Funktion f nach x dient, als einfachen und einprägsamen Ersatz für das klassische / im Sinne von Geteilt durch. Das ist keine klassische Formelsprache, aber verständlich.

Für Rödel folgt als Konsequenz der Rödelschen Formeln I und II zwingend die Formel AM ∉ U (D) ∧ AM ∉ U (EU), die augenscheinlich zu keinem anderen Ergebnis führt, als dass Angela Merkel für den Europamathematiker aus Merseburg der größte gemeinsame Teiler (∉) von Europa ist. Da Thomas Rödel die Erfüllbarkeit seiner Formel hier ohne freie Variablen betrachtet, ist ihre Erfüllbarkeit äquivalent zur Wahrheit.

Das Ergebnis der rödelschen Rechnerei ist Adenauer: Keine Experimente.

Eine Gegenprobe durch Regierungsmathematiker steht derzeit noch aus.






Freitag, 22. Januar 2016

In Erinnerung an einen Erklärer



Ein Fundstück, das ihn als genau das Schlitzohr zeigt, das er auch gewesen ist: Steffen Drenkelfuß, seinerzeit Stadtsprecher in Halle, erfüllt den Wunsch des MDR, das Phänomen der überall in der Stadt angeklebten Streetart-Fliesen zu erläutern.

Steffen Drenkelfuß selbst hatte keine Ahnung, was das ist und wozu es dient, wer es macht und weswegen. Vor der Kamera aber knipste er einfach die Kundigkeit an. Und erklärte das Unerklärbare.

Er fehlt.

Dienstag, 12. Januar 2016

Bil­der­flut vom Erd­be­glei­ter

Mit mehr als zehntausend Fotos hat Kipp Teague vom Project Apollo Archive beim Fotoportal Flickr den wahrscheinlich größten Bestand an Bildern von der Mondlandung hochgeladen, der bisher öffentlich verfügbar war. Mehr als 40 Jahre nach der letzten bemannten Mondmission steht damit ein nahezu unerschöpflicher Schatz an Fotos von den verschiedenen Mondmissionen in hoher Auflösung zur Verfügung.

Darunter sind faszinierende Fernaufnahmen der Erde, fotografiert aus dem Mondorbit, Bilder aus den Raumfahrzeugen, aber auch Fotos der Raumfahrer bei ganz alltäglichen Verrichtungen und akrobatischen Außeneinsätzen. Ganz besonders interessant ist der Umstand, dass oft nicht nur einzelne Bilder, sondern fortlaufende Filmrollen veröffentlicht wurden, die Einblicke in den Alltag der Raumfahrer ermöglichen. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa unterhält auf Flickr zusätzlich noch ein offizielles Fotoarchiv namens "Nasa on the Commons", das weitere Fotos der Mondmissionen enthält.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Jemen: Die im Inneren brennende Nation


Graue Gipfel, ein Himmel wie aus Seide, subtropische Täler und Wüsten voller Wolkenkratzer aus Lehm: Der Jemen, einst Reich der Königin von Saba, war einmal ein bekanntes und beliebtes Reiseland. Mittlerweile aber ist er Schauplatz der Schlachten fremder Staaten, ein failed state, geplagt von Stammeskriegen, Drogenhandel und Islamismus. Eine Ursachensuche fällt nicht schwer, denn wo 1950 noch 4,3 Millionen Menschen lebten, werden sich 2025 schon 43 Millionen drängen. Nach Überzeugung des Bremer Zivilisationsforschers Gunnar Heinsohn entsteht so eine "im Inneren brennende Nation", die unter einer so gewaltigen Bevölkerungsexplosion leiden, dass zahllose dritt- und viertgeborene Söhne keinerlei Karrierechance innerhalb der Gesellschaft haben.


Die Häuser von Thula liegen wie graues Geröll am Fuße der Felsen, die unvermittelt aus dem flachen Land wachsen. Eine Autostunde von Sanaa, wo die Teerstraßen enden, ist der Himmel blank wie frisch geputzt und wolkenlos blau. Darunter lehnt Helmut am Stadttor und wartet auf Besucher, die Hände malerisch auf seinen "Janbíya" genannten Dolch gestützt. Seit der 17-Jährige, der eigentlich Abdul heißt, nicht mehr zur Schule geht, schlägt er sich als Touristenführer durch. "Aber es kommen nicht mehr so viele Leute", sagt Abdul, der sich extra für deutsche Besucher Helmut nennt, "früher war mehr los."

Jetzt aber liegt das malerische Städtchen mit den weißbemalten runden Fenstern still in der Mittagssonne. Silber-Händler hocken in ihren Ständen, eine alte Frau treibt ihre Kuh die Gasse entlang. Nachdem das deutsche Außenministerium vor Jahren eine Reisewarnung für den Jemen ausgab, machen sich die Neugierigen aus dem Westen rar, die früher als endloser Strom durch die uralte Stadt auf 2 600 Metern Höhe flanierten. 

Helmut aber hat von ihnen Deutsch gelernt, von dem einen dieses Wort, vom nächsten jenes. "Heute", grinst er, "würde das nicht mehr funktionieren." Denn Jemen, das klingt selbst für welterfahrene Deutsche zuallererst nach Entführung und erst viel später nach Geschichte, Kultur und Königin von Sabaa. "Das ist sehr schlimm", klagt Moammed Al-Asadi, Chefredakteur des "Yemen Observer", "aber es ist eben so."

Und so lange es so ist, bleiben die Zeiten nur Erinnerung, in denen der Jemen eines der angesagten Reiseziele für entdeckungslustige Individualtouristen aus aller Welt war. Zum Leidwesen vonAbdulnasser Alschuaibl, der in der DDR studiert hat und heute als Reiseleiter für die Abu Taleb Group (ATG) arbeitet. Wenn es Arbeit gibt.

Im Alltagsleben des Landes, das ebenso reich an Geschichte wie an imposanten Naturdenkmälern ist, herrschte für eineige Zeit wirklich wieder Normalität. Wo noch Anfang der 2000er Jahre jeden Morgen eine Autokarawane gebildet wurde, um Waren und Reisende unter Armeebewachung sicher durch die Berge etwa in die nördlich gelegene Stadt Mahrib zu bringen, durfte jeder fahren wie und wann er mochte. Es gab keine Versorgungslücken, keine Feindseligkeit Westlern gegenüber.

Doch die Idylle hielt nicht lange.  Zwischen den kahlen Gipfeln der Dreitausender um Sanaa und den glühend heißen Tälern, die hier Wadi genannt werden, entfaltet der Krieg inzwischen wieder seine ganze Gewalt. Außerhalb ist gar nicht nmehr klarm,w er warum gegen wen kämpft. Stämme gegen den Westen, gegen die Regierung? Rebellen gegen die Regierung, Al Kaida gegen die Bedeutungslosigkeit? Aufständige gegen Korruption? Die Landschaften sind hart, staubig und schwer auf den ersten Blick nicht ins Herz zu schließen. Umso größer aber war früher die Freundlichkeit der Menschen, die den im Jeep vorüberfahrenden Fremden nicht nur begeistert nachwinkten, sondern bei jeder Pause herbeiströmten, um zu schwatzen.

Wo sind die heute ale hin? Wie konnte das alles passieren? Neben der starken Prägung durch den Islam haben sich unter den stolzen Jemeniten Sitten und Gebräuche erhalten, die nirgends sonst existieren. Das Qat-Kauen etwa, das eine ganze Wirtschaftsbranche antreibt, die einzige im Land, die wirklich funktioniert, weil sie riesige Gewinne abwirft. Kaum ist es Mittag geworden, schwärmen die Männer aus, sich ihre Tagesportion Qat-Blätter zu besorgen. Die wird dann am Nachmittag allmählich zerkaut und in der Backe verstaut. "Das verhindert, dass man müde wird", lobt Abdulnasser Alschuaibl, "so ähnlich wie Kaffee." Eine Angewohnheit, die sich die Jemeniten nicht nehmen lassen. Wie das Tragen ihres "Janbíya", der - in Bauchhöhe in den Gürtel gesteckt - unpraktisch ist, aber als Statussymbol gilt.

Und auf Statussymbole wird viel Wert gelegt. Außerhalb der Städte, in denen das Mitführen von Waffen verboten ist, tragen noch immer viele Männer ihre Kalaschnikow, meist alte, klapprige Modelle, draußen in den Bergen gibt es zuweilen auch spontane Schießübungen von einem Berg zum anderen. Oder ist das schon wieder der Krieg?

Halle/Saale historisch: Wie Halle-Neustadt gebaut wurde



Samstag, 2. Januar 2016

Handymarkt: Ende des mobilen Wunders

Ein Jahrzehnt nach dem ersten Smartphone ist die Luft raus aus dem mobilen Markt.

Das neue Zeitalter begann am 9. Januar 2007, als Apple-Chef Steve Jobs bei der Macworld Conference in San Francisco auf die Bühne trat und dem staunenden Publikum das erste iPhone präsentierte. Eine Revolution, die in nicht einmal zehn Jahren seitdem die ganze Welt verändert hat. Dem Smartphone-Pionier Apple folgten zahlreiche weitere Hersteller wie Samsung, LG und Microsoft. Inzwischen besitzen weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen schlaue Telefone mit Touchscreen.

Doch der weitere Weg, das verraten die Verkaufszahlen des zurückliegenden Jahres, wird kein so leichter mehr sein. 2015 wird voraussichtlich das erste Jahr sein, in dem der Smartphonemarkt nur noch einstellig gewachsen ist. 9,8 Prozent mehr smarte Handys konnten 2015 abgesetzt werden, hat die International Data Corp. berechnet.

Damit sind 2015 etwa 1,43 Milliarden neue Smartphones verkauft worden - so viel wie nie zuvor, allerdings eben erstmals nicht zweistellig mehr als vorher.

Ein Trend, der nach Ansicht der Marktforscher anhalten wird. Vor allem der Absatz in Entwicklungsländern wie China, Indien und Indonesien habe das Wachstum in den letzten Jahren getrieben. Der Markt in China aber sei mittlerweile gut gesättigt. Wie in den meisten westlichen Ländern überwiege im Reich der Mitte die Anzahl der Käufer, die ihr altes gegen ein neues Smartphone tauschen, die derjenigen, die zum ersten Mal eins kaufen, so die IDC. Der chinesische Markt wachse deshalb noch weniger als der weltweite. Nach letzten Prognosen kam der gesamte chinesische Markt in diesem Jahr nur noch auf ein Wachstum im niedrigen einstelligen Bereich.

Damit stößt die Smartphone-Industrie erstmals an Grenzen, auch weil der in vielen Ländern verbreitete Analphabetismus, grassierende Armut und das Fehlen von Hochgeschwindigkeitsnetzen immer noch Millionen Menschen vom mobilen Internet ausschlössen. Dennoch gelten der Nahe Osten und Afrika nach Angaben von IDC-Programm-Direktor Ryan Reith für die Zukunft als Hoffnungsträger. Hier rechnen die Forscher mit Wachstumsraten von um die 50 Prozent, weil immer mehr Firmen immer günstigere Smartphones anbieten.

Im Westen hingegen geht der Trend zu edleren Geräten. In den USA übertraf der Absatz des iPhone 6s am sogenannten Black Friday in diesem Jahr den vom vergangenen um 36 Prozent. Der Verkauf des Samsung Galaxy S6 legte sogar um 68 Prozent zu.

Freitag, 18. Dezember 2015

Neue Leiden des jungen O.


Der Ton macht die Musik im ersten Roman des aus Halle stammenden Theaterregisseurs Dirk Laucke. Schnoddrig ist der, ein langes, selbstvergewisserndes Selbstgespräch des Erzählers Phillip, der mit seinem Leben hadert, wie das Heranwachsende häufig tun. In "Mit sozialistischem Grusz", einem 200-seitigen Bändchen zwischen Paperback und Leinenbindung, hat der Held allen Grund dazu: Das Leben im Bitterfeld der bundesrepublikanischen Gegenwart ist grau, der Alltag trist, die Mutter irgendwann in den Westen weggelaufen und der arbeits- wie antriebslose Vater nur noch ein Schatten früherer Tage. Dann fängt er auch noch an, auf einer alten "Erika"-Schreibmaschine wirre Briefe an die abwesende Frau Honecker zu schreiben, aus Sorge um den antriebslosen Sohn, der auch mal was aus sich machen müsste. 

Die "ß"-Taste klemmt, deshalb muss Hermann Odetski ersatzhalber immer ein "s" und ein "z" in die Tastatur hacken. Eine Adresse von Margots chilenischem Exil existiert im Haushalt auch nicht, so dass der Vater den Sohn beauftragt, die Anschrift irgendwie mit diesem Internet rauszukriegen.
Der Beginn einer Vater-Sohn-Geschichte, die zwischen absurder Groteske und erdverbundenem Gegenwartsroman schwankt. Die Schnapsidee, die ehemalige Volksbildungsministerin um Erziehungshilfe zu bitten, schafft die Basis, auf der die beiden längst wort- und verständnislos nebeneinanderher lebenden Männer wieder miteinander kommunizieren können.


 Für Laucke, der zuletzt im ebenso gefeierten wie angefeindeten wie angefeindeten Theaterstück "Ultras" gezeigt hat, wie nah er der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu kommen bereit ist, lässt seinen scheiternden Hauptdarsteller Phillip sprechen wie seinerzeit Ulrich Plenzdorf in "Die neuen Leiden des jungen W." seinen Edgar Wibeau reden ließ. Streng subjektiv, detailgenau und selbstkritisch, dabei ironisch ohne Schenkelklopfen und bekifft, ohne berauscht zu sein.


So ein Buch hat ein Ende, aber ein Happy End kann es nicht haben. Hier kommt irgendwann ein Hochwasser, der Vater rafft sich wieder auf, Frau Honecker wird nicht mehr gebraucht. Phillip geht nun doch nach Berlin.


Montag, 14. Dezember 2015

Karl die Große: Er­wach­se­n-Pop mit Stil und Verstand




Wäre Sven Regener, der Sänger der Berliner Deutschrock-Band Element of Crime, eine Frau, dann würde er vielleicht so klingen wie Wencke Wollny. Die ist Sängerin der Leipziger Band mit dem schönen Namen Karl die Große - und die wiederum hat mit "Dichter bei den anderen" gerade ein Debütalbum vorgelegt, das nicht nur im musikalischen Ausdruck an den lapidaren, knochentrockenen Stil der Regener-Truppe erinnert.

"Dichter bei den anderen" vermeidet die große Geste zugunsten lakonischer Beschreibungen. In "Meer" begleitet eine zart gezupfte Gitarre Wollny, die "Karl" genannt wird und mit ihrer Körpergröße von 1,86 Metern Namenspatin des Quintetts war. "Siebenmeilenstiefel" beginnt mit Elektro-Geblubber, stampft dann aber in einem schrägen Jazz-Rhythmus voran. Mit Posaune, Klarinette, Bass, Gitarre und Keyboards haben die fünf Studenten der Leipziger Musikhochschule alles zur Verfügung, um manchmal so zu klingen wie der späte Sting, manchmal aber auch wie die deutschen Kapellen Fink oder Erdmöbel.

Das Eigene, das Wollny, Posaunistin Antonia Hausmann, Klarinettist Simon Kutzner, Gitarrist Yoann Thice und Schlagzeuger Clemens Litschko hier einbringen, steckt nicht nur in der Mischung, sondern auch in Texten voller Widerhaken. Clueso-Fan Wencke Wollny spielt mit Worten, bricht Harmonien, reimt doppeldeutig "halt dich fest/woran du glaubst".

Heraus kommt Kopfmusik, sechsmal Kammerklang wie in "Weitergehen" und "In Ketten". Karl die Große ist der Sound für kalte Winterabende mit viel Zeit zum Nachdenken. Eine Entdeckung, die zu hören lohnt.

Zum Video der Band:
www.bit.ly/karldiegroße

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Der Sound zum Buch zum Film zum Pullover


Internet-Händler kennen ihre Kunden besser als die sich selbst - Psychogramm entsteht aus Netzwerk von Daten

Wie klingt Harry Potter? Welchen Sound hat Erich Fromm? Und was liest, wer Jennifer Lopez hört? Dass ausgerechnet Marius Müller Westernhagen Leute fasziniert, die Romane von Stephen King sammeln, läßt sich vielleicht noch denken. Doch dass auch Menschen, die Montak Chias Sex-Ratgeber "Öfter, länger, besser" lesen, dabei an des dünnen Barden Lippen hängen, hätte wohl niemand gewusst.

Gäbe es nicht Jeff Bezos, Chef und Gründer des weltgrößten Internet-Buchladens amazon.com. Der jedoch erkannte schon vor Jahren, dass ein Internet-Shop seine Kunden nicht einfach mit einem Angebot von ein paar hunderttausend Büchern und CDs allein lassen darf. Nein, wie der Händler vom Tante-Emma-Laden an der Ecke muss er seine Besucher und ihre Vorlieben kennen.


Wenn solches Wissen Macht ist, ist Bezos deutsche Dependance amazon.de unglaublich mächtig. In der Datenbank des eCommerce-Pioniers webt eine komplexe Software aus den Datenspuren von täglich zehntausenden Besuchern ein deutsches Psychogramm, das vielleicht mehr über den Gemütszustand der Nation verrät als mancher schlaue Aufsatz. 


Denn Amazon weiß: Wer Harry Potter liest, liebt die Beatles. Wer sich für den neuen John Grisham vormerken läßt, verkürzt die Wartezeit bis zum Erscheinen mit dem Abhören des Albums "Black & Blue" von den Backstreet Boys. Und späte Interessenten für Karl Marx' "Kommunistisches Manifest" lesen zwar nebenbei hin und wieder beim Anarchisten Ernest Mandel. Musik aber hören sie dabei offenbar nicht.

Kein roter Faden durch die Daten. Zwischen den gesammelten Hits der US-Schauspielerin Ally McBeal, besonders ausdauernd gehört von den Leserinnen des Standardwerkes "Machiavelli für Frauen", und dem Wiso-Buch "Börseneinführung", dessen Käufer sich häufig gleich noch die Craig-David-CD mit dem feinen Titel "Born To Do It" einpacken lassen, schimmert ein weites und weitestgehend unentdecktes Reich, in dem Nachbarn leben, die wir nicht kennen, und Freunde, von denen wir so gut wie nichts wissen.


Oder wer ist das sonst, der Liebesromane von Marc Levy kauft, die "Solange Du da bist" heißen - und sich dazu die zuckersüße CD "It's only love" von Simply Red anhören mag? Der Christoph Ludewigs Existenzgründerbibel "eCommerce im Internet" schmökert und derweil Metallica samt Sinfonieorchester aus den Boxen ballern läßt? Der schließlich zu Erich Fromms Werk "Die Lust des Liebens" den gottesfürchtigen Soul der Söhne Mannheims auflegt? Die amazon-Datenbank, die sich aus Verkaufszahlen, zufälligen Übereinstimmungen und auffälligen Häufungen nährt, erzählt die Geschichte des Deutschland von heute als Geschichte deutscher Vorlieben. Nichts bleibt ihr verborgen.


Wer Bestseller-Bücher von Joanne K. Rowland oder Thomas Harris ("Hannibal") liest, ist empfänglich auch für Bestsellermusik von Madonna, U2 und Jennifer Lopez. Doch dem Individualisten, der mit Daniel Colemann auszieht, die "Emotionale Intelligenz" zu erforschen, gleicht er dennoch aufs Haar: Was dem einen Mark Knopflers unaufregendes Alterswerk "Sailing To Philadelphia", ist dem anderen das schummrige Summsen auf Jimmy Smiths traurigem Album "Dotcomblues".


Es gibt keinen persönlichen Geschmack mehr im Konsum, alles ist Mainstream, Kalkulation, Marktnische. Jede Kombination ist nur ein wiederkehrendes Muster, das verarbeitet, gespeichert und als Matrix bereitgehalten wird. Häufig aber ist die Empfehlungssoftware, die nichts von Stil und Geschmack ahnen kann, mutiger als es jeder menschliche Händler wäre. Sie deckt auf, was wir nie wissen wollten: Dass Freunde der samtenen Greatest Hits von Sting von Zeit zu Zeit mit Eugen Drewermann in der Sofaecke versinken, um in "Das Eigentliche ist unsichtbar" die Geschichte des "Kleinen Prinzen" tiefenpsychologisch zu deuten.


Wobei Drewermann-Leser gleichermaßen auch potentielle Santana-Hörer sind, die dieser Tage vergleichsweise häufig zu Patricia Cornells Thriller "Brandherd" greifen, dessen Käufer wiederum James Pattersons "Sonne, Mord und Sterne" längst im Regal stehen haben. Direkt neben dem schwülwarmen "Lovers Rock" von Sade und Enyas Säusel-Pop auf "A Day Without Rain" übrigens.
Solches Wissen verwirrt nur noch. Wenn einer Joachim Witts "Bayreuth II" besitzt, ist er dann wirklich ein potenzieller Leser von Jens Oliver Haas' Büchlein "101 Gründe, ohne Frauen zu leben"? Muss, wer Rainald Goetz liest, zwingend den Schrägrock von Tocotronic ertragen können? Und warum sind die Anhänger von Horrorautor Dean Koontz auch Bewunderer von Fräulein-Wunder Britney Spears?


Psychologie muss versagen vor der Vielzahl der Wege, die im Datendickicht von Harry Bloch zu Udo Lindenberg, von Akardi Strugatzki zu "Best of Deep Purple" und Radioheads "Kid A" führen. Die ganze Welt ein Geflecht aus Referenzen. Kunstgeschmack ein Gebäck aus sich überlagernden Links. Der Speicher weiß alles und verrät doch nichts. Laut Amazon.de bevorzugen die Leserinnen des "Machiavelli für Frauen" nicht nur die kratzbürstige Ally McBeal. 


Sondern auch den Gleitcreme-Pop von Lionel Richie.

Montag, 7. Dezember 2015

Facebook löscht immer öfter

Das hat ja nicht lange gedauert vom Wunsch zur Wirklichkeit. In seinem neuen Bericht zu Regierungsanfragen berichtet das soziale Netzwerk Facebook, dass die Zahl der erfüllten Löschungswünsche aus Deutschland stark angestiegen ist. Insgesamt bekam die US-Firma im ersten Halbjahr 2 344 amtliche Aufforderungen aus Deutschland, die Daten von 2 716 Nutzern herauszugeben. In einem Drittel der Fälle kam Facebook den Auskunftsersuchen nach.

188 mal wurden daraufhin Inhalte gelöscht, die als "Hassbotschaften" gelten oder den Holocaust leugneten. Im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr ist das eine auffallende Steigerung: Damals hatte Facebook nur 34 Löschwünsche erfüllt.

Auch weltweit ist die Zahl der auf Anfrage von Behörden oder Nichtregierungsorganisationen gelöschten Inhalte um 112 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden 20 568 Einträge gelöscht. Die Zahl der Anfragen nach Nutzerdaten stieg auf 41 214.

Zuletzt hatte die EU sich durch ihr oberstes Gericht noch als sicherer Ort für daten aller Art inszenieren lassen.

Samstag, 5. Dezember 2015

Stanislaw Petrow: Der unbekannte Retter der Welt

"Wir wurden auf Tempo trainiert", sagt der Mann, der die Welt vor dem atomaren Untergang rettete, "dass jemand nachdachte, war in diesem System nicht vorgesehen." Stanislaw Petrow, heute 75, war so gesehen ein Fehler im System, ein Mann am falschen Platz, ein Rädchen, das nicht funktionierte wie es funktionieren sollte. Petrow, das kaputte Teilchen, hat damit die ganze Welt vor einem atomaren Schlagabtausch bewahrt.

Es war der 26. September 1983, als der studierte Radioelektroniker Dienst als Chef in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung hatte. Oberstleutnant Petrow saß vor dem Vorwarnsystem, das sich melden sollte, wenn die USA versuchten, einen Erstschlag mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die UdSSR auszuführen. Die programmierte Reaktion war klar: Noch ehe die US-Sprengköpfe einschlügen, soll Petrow die eigenen Atomraketen der Sowjetunion starten.

Plötzlich heult schrill die Sirene auf. Signaltafeln informieren zudem, dass ein US-Raketenstart "höchste Glaubwürdigkeit" habe. Petrow mag das aus einem Gefühl heraus nicht glauben. Dreißig Minuten bleiben, bis das Geschoss einschlagen wird. Petrow denkt nach, unter Zeitdruck. Er glaubt nicht an den Angriff, für den alle Hinweise sprechen. Er meldet seinem Vorgesetzten: Fehlalarm.

Eine einsame Entscheidung, die den Erdball vor dem nuklearen Holocaust rettet, dem Retter aber Ärger einbringt. Weil seine Entscheidung richtig war, bleibt Petrow unbehelligt. Doch weil er während der Minuten, in denen er entschieden hatte, kein Protokoll führte, versagt man ihm den verdienten Orden. Später stellt sich heraus, dass das sowjetische Frühwarnsystem Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana für Raketenstarts gehalten hatte.

Unbemerkt verstorben: Atomkrieg: Der stille Tod des Retters der Welt



Freitag, 4. Dezember 2015

Oper an der Straßenecke

Frank Chaim Mylius ist bekanntlich der Paul Potts von Halle. Nach Jahren, die der in Budapest ausgebildete Kantor Kneipengäste mit seinem Gesang beglückte, überrascht er nun hin und wieder auch Passanten nach Mitternacht mit ausgesuchten Opernmelodien. Auswärtige staunen da, "was bei Euch hier so los ist", wundern sie sich. Erfahrene Nachtschwärmer dagegen singen kurzentschlossen mit - Mylius selbst übergibt die Bluetoothbox dann einen zufällig in der Nähe stehenden Zuhörer und erläutert mit rudernden Armen, wie die richtige Atemtechnik für "Nights in white satin" funktioniert.


Sonntag, 29. November 2015

Nachruf auf Steffen Drenkelfuß: Das Schicksal, dieser miese Verräter


Ich bin nicht hier, um zu gewinnen,
ich bin am Leben, um es zu verlieren.
Wo nichts verloren wird, ist nichts zu finden,
wer sich wärmen will, muss erstmal frieren.

Gerhard Gundermann



Beim Fußball hat er immer im Sturm gestanden. Natürlich im Sturm, ganz vorn, wo die Tore gemacht werden. Steffen Drenkelfuß war kein fleißiger Läufer, keiner, der das Spiel lenken wollte. Hier nicht. Hier, auf dem Platz, war er der, der seinen wuchtigen Körper mit ein paar schnellen Schritten in Position brachte und abschloss. Er war zielsicher, er war zur Verwunderung seiner Gegenspieler sogar schnell. Er war genau der, der er sein wollte. Ein Macher, ein Vollender. Ein Mann, der seinen Platz hatte und ihn ausfüllte.


Im Leben hat Steffen Drenkelfuß nach diesem Platz gesucht. Er liebte die lauten Runden, in denen über Gott und die Welt geredet wurde, die Abende am Lagerfeuer, an denen immer noch ein letztes Bier getrunken wurde, ehe es ins Zelt ging. Begann er zu erzählen, von den wilden Zeiten im Café Fusch, von seinen Reisen nach Afghanistan und Russland, von den Geschichten aus der Geschichte, die er liebte wie vielleicht kaum etwas sonst, dann wurden die Runden leise und alle hörten zu. Steffen Drenkelfuß war dann ein Menschenmagnet, ein wortgewandter Welterklärer, der allen einfachen Wahrheiten misstraute, weil er aus der Geschichte, die für ihn immer auch die Lebensgeschichte seiner geliebten Großmutter war, wusste, dass die Dinge nie einfach sind.

Steffen Drenkelfuß hielt es weniger mit den Gewinnern, die die Geschichte schreiben. Sein Herz schlug für die Verlierer, für die, die es versucht hatten und gescheitert waren.

Für sich selbst sah er das nicht vor. Meister seines Lebens zu sein, ein Mann, der seinen Weg geht, das war das Bild, das er von sich selbst hatte. Steffen Drenkelfuß war der Mann auf dem Kapitänsplatz hinten im Paddelboot, wenn es nach Schweden oder Polen ging. Tagsüber fuhr er ganz vorn im ersten Boot und abends war er der, der die Härten des Outdoorlebens bei jedem Wetter in vollen Zügen genoss – am liebsten nur in eine Plane gewickelt, der er seit der Armeezeit die Treue hielt. Er war ein Romantiker, er schlief auf einer Matte, die dreimal geflickt war, denn er hing an Dingen, die gelebt hatten.

Lange suchte er auch nach dem Ort, an dem er seine Fähigkeiten zeigen und verwenden konnte. Zum Glück für alle, die er auf seine Reise von der Universität zur Zeitungsredaktion, zum MDR und in die Stelle als Sprecher eines italienischen Hightech-Unternehmens mitnahm. Legende ist seines raue Imitation eines früheren MDR-Chefs, den er mit blitzenden Augen nachahmte. Auch seine absurden Anekdoten aus dem halleschen Rathaus hätten es verdient gehabt, ein Buch zu füllen. Und nie ließ er einen Zweifel daran, wie sehr er Falschheit und Größenwahn verachtete, wie sehr es ihn traf, wenn Aufschneider und Heuchler das Sagen hatten.

Steffen Drenkelfuß hätte es nie zugegeben, weil er sich für einen Realisten hielt. Doch er träumte von einer Welt, in der Leistungen zählen und nicht Bürokratie, Falschheit und das, was er Geschwätz nannte. Er selbst hat auf sich nie Rücksicht genommen, um seinem eigenen Anspruch an Leistung gerecht zu werden. Er arbeitete, akribisch, ausdauernd. Und wenn Freunde ihn brauchten, als Computerexperten, als Zuhörer, als Freund, war er da. So sehr, dass er oft den Vorwurf hörte, dass er nicht vergessen solle, dass da noch ein anderes Leben im Leben sein müsse.


Aber auch das hatte er, etwa wenn er am Pool bei seinen Eltern auf der Sonnenliege saß und bei einem Bier Gespräche mit seinem Vater  führte. Wenn er in Oebisfelde auf Fotopirsch zur Grenzerbank ging, aus der er mit seinen Bildern ein Kultmotiv machte. Oder wenn er abends zu Hause saß und über Max Höltz, Ernst Ottwalt oder Nestor Machno las. Bücher, die ihn beeindruckten, konnte er kapitelweise auswendig nachsprechen. Mit Gesten und ganzem Körpereinsatz holte er die Vergangenheit dann ins Heute. Er war begeistert und begeisterte andere. Er war lebendig. Er war glücklich.

Auch in der Musik. Er war dann melancholisch, romantisch, still. Gerhard Gundermann, Christian Haase, Natalie Merchant waren seine Säulenheiligen, immer wieder fand er aber auch zurück zum Punk seiner Jugendjahre. Den zornigen jungen Mann, der er damals gewesen war, trug Steffen  auch jenseits der 40 noch irgendwo in sich. Milde können andere sein, sagte er. Steffen urteilte präzise und schnell, sein moralischer Kompass schlug sicher aus, und wenn er eine Position gefunden hatte, dann verteidigte er sie vehement. Bis das letzte Bier ausgetrunken und das Feuer zu kalter Asche heruntergebrannt war.

Steffen Drenkelfuß ist am 11. November 2015 gestorben.
Er ist nur 45 Jahre alt geworden.

Steffen Drenkelfuß bei Facebook

Montag, 23. November 2015

Im digitalen Loch

Bei der Auswertung der Vorschläge für eine "digitale Agenda" für Sachsen-Anhalt hatte ich das Land als einziges bundesweit beschrieben, das im Breitband-Atlas "bei schnellen Anschlüssen flächendeckend nicht über Versorgungsquoten von 50 Prozent hinauskommt".

Die Karte oben illustriert, was gemeint war. Ein großes, graues digitales Loch.

Datensicherheit: Ungeschützt auf offener See

Auch wenn die Politik nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes den Eindruck zu erwecken versucht: Nutzerdaten sind auch in Europa keineswegs vor Zugriffen sicher.


Heiko Maas freute sich demonstrativ. „Das Urteil ist ein starkes Signal für den Grundrechtsschutz in Europa“, sagte der Justizminister direkt nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes, der die bisher geltenden Regeln zum Schutz der Daten europäischer Bürger auf Speicherservern in den USA verworfen hatte. Zu unsicher seien die Daten dort, zu leicht könnten Geheimdienste und Regierungsbehörden Zugriff auf Inhalte nehmen, die der Privatsphäre der Nutzer von Diensten wie Facebook, Google oder Twitter zuzuordnen sind. Für Heiko Maas müssen diese Daten einem „fundamentalen“ Schutz unterliegen. „Die Daten europäischer Verbraucher müssten auch in den USA effektiv geschützt werden“, forderte der Minister mit deutlicher Betonung auf dem „auch“.

Datenspeicher an der Hintertür

Das allerdings existiert nur in der Fantasie des SPD-Politikers, der gerade dabei ist, die vom Bundesverfassungsgericht als grundgesetzwidrig verworfene Vorratsdatenspeicherung wieder einzuführen. Nach den bisher vorliegenden Entwürfen ist dabei geplant, dass Ermittler und andere „auf die Gefahrenabwehr spezialisierte Behörden“ - womit wohl Geheimdienste gemeint sind - Verbindungs- und Standortdaten nicht nur abrufen dürfen, wenn sie Terrorismus oder schwere Straftaten verfolgen wollen. Sondern bereits dann, wenn der Verdacht besteht, dass Straftaten „mittels Telekommunikation begangen“ worden sein könnten.

Das ist keine Tür zur Vollüberwachung, sondern ein Scheunentor, das es künftig nahezu unbegrenzt erlauben würde, auf gespeicherte Kommunikationsdaten zuzugreifen. Telekommunikationsfirmen sollen Verbindungsdaten zehn und Standortdaten vier Wochen aufbewahren, bei Mobiltelefonen werden auch alle Angaben gespeichert, „aus denen sich die geografische Lage und die Hauptstrahlrichtungen der die jeweilige Funkzelle versorgenden Funkantennen ergeben“. Rückwirkend lässt sich so feststellen, wer wann wo gewesen ist und mit wem er gesprochen hat - selbst die EU-Kommission meldete dagegen Bedenken an.

Denn schon ohne behördliche Speicherpflicht ist Deutschland nicht eben ein Musterland des Datenschutzes, wie die Transparenzberichte der drei großen Internetfirmen Google, Facebook und Twitter zeigen. Mit 3 114 Anfragen nach Nutzerdaten, die deutsche Behörden in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres an Google stellten, rangiert Deutschland in absoluten Zahlen auf Rang 3 weltweit. Davor liegen nur noch die USA und Großbritannien. Wobei die USA viermal so viele Einwohner zählen. Prozentual gesehen gibt es damit ein Fünftel mehr Anfragen aus Deutschland als aus den USA. Weltweit sind nur die britischen Behörden noch datengieriger.

Die Zahlen bei Facebook sehen nicht viel anders aus: 2 132 Mal wollten Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte zwischen Juli und Dezember 2014 Auskunft über deutsche Facebook-Benutzer haben. Zum Vergleich: Aus den Niederlanden kamen 84 Anfragen, aus Dänemark 33, aus Norwegen 22 und aus Island ganze zwei.

Selbst beim weniger weit verbreiteten Kurznachrichtendienst Twitter forschen deutsche Regierungsstellen emsiger als in den meisten Nachbarländern nach Nutzerdaten. Während Irland, die Schweiz, Dänemark oder Schweden höchstens ein-, zweimal im Jahr nähere Angaben zu Urhebern von bestimmten Tweets zu erfahren wünschen, stieg die Zahl der aus Deutschland abgefragten Nutzerkonten seit 2012 von einem auf immerhin 34 im halben Jahr. Dabei geht es meist nicht um gerichtlich geprüfte und von einem Richter erlassene Verfügungen, Nutzerdaten herauszugeben. Sondern um Anforderungen von Ermittlungsbeamten, die allenfalls von Staatsanwälten bestätigt wurden.

Getarnte Wahrheiten

Zugriffe von Geheimdiensten sind in den Transparenzberichten der Internetriesen nur verklausuliert dargestellt, bei Facebook etwa als „Nationale Sicherheitsschreiben“, die nur „in Bandbreiten bis 1 000“ angegeben werden dürfen.

Diese Höchstzahl wird jeweils ausgeschöpft, und darin nicht enthalten sind die im Rahmen der vom Whistleblower Edward Snowden enthüllten Spionage-Programme XKeyscore, Prism und Eikonal direkt an den Glasfaserkabeln der großen Netzknoten abgeschöpften Datenmengen.

Auf die hatte sich der Europäische Gerichtshof in seinem Urteil gegen das „Safe Harbor“-Abkommen zwischen EU und Vereinigten Staaten bezogen. Weil die US-Internetfirmen zwar versprächen, die Daten europäischer Nutzer zu sichern, die US-Regierung jedoch bei Bedarf nur die nationale Sicherheit als Begründung nennen müsse, um diese Zusicherung auszuhebeln, seien Server in den USA eben kein sicherer Hafen, hieß es.

Sicherer aber sind Daten auch in Deutschland und dem Rest Europas nicht, das haben die Snowden-Dokumente über die Kooperation des deutschen BND und des britischen Government Communications Headquarters (GCHQ) mit der NSA gezeigt. Aus streng geheimen Dokumenten ging beispielsweise hervor, dass das Innenministerium die NSA um Hilfe bei der Überwachung des Internet-Telefondienstes Skype bat. Später fragten deutsche Stellen die US-Partner, ob sie Informationen, die geheimdienstlichen Absaugaktionen der NSA entstammten, als Beweis in Gerichtsverfahren verwenden dürften.

Durften sie nicht, denn das Ausmaß der Ausspähung sollte natürlich verborgen bleiben. Demselben Zweck dient jetzt der Beifall für das Urteil des EuGH: Je lauter er dröhnt, umso weniger sind die Stimmen vernehmbar, die Zweifel an der Sicherheit des Datenschutzes in der EU anmelden.

Montag, 16. November 2015

Rockhaus: Alte Lieder, große Gefühle


So kommt das, wenn man mal einen Moment weg war. "Es gibt nicht mehr so viele Klubs hier in Leipzig", sagt Mike Kilian, Sänger der Band Rockhaus, "und die, die es gibt, fragen dann auch noch ,Wer seid ihr?'"

Das ist, 25 Jahre nach dem letzten Nummer-Eins-Hit und im Jahre sechs des Neustarts nach einer fast 15 Jahre währenden Pause, nicht so verwunderlich. Und auch nicht so schlimm, denn mit der traditionsreichen Moritzbastei haben die fünf Berliner für ihre laufende Tour zum neuen Album "Therapie" ja doch eine geradezu ideale Konzerthalle gefunden.


Prallvoll ist der Saal wie kürzlich schon in Halle und in Döbeln. Und Rockhaus, in der ewigen DDR-Hitparade für alle Zeiten auf Platz 2 direkt hinter den Puhdys, belassen es nicht dabei, alte Kracher wie "Bleib cool" zu spielen. Der Schwerpunkt liegt erstmal auf neuen Stücken wie "Gegenverkehr", die spielt das Quintett viel muskulöser und kantiger als auf dem Album.

Mittelpunkt der Show ist wie stets Sänger Mike Kilian, der mit seiner Dreieinhalb-Oktaven-Stimme alle Nuancen zwischen samtigem Kuscheldeckensound und straff gespannter Klavierseite abdeckt. Mal ist er Freddie Mercury, dann kurz mal Michael Jackson, mal haucht er zart, dann schreit er, dass die Gewölbewände wackeln.

Das Programm reicht von den aktuellen, eher privaten Songs bis zu politischen Stücken wie "Wir" vom Vorgängeralbum "Treibstoff" und geht dann immer weiter in der Zeit zurück. Reinhardt Repke am Bass, Reinhard Petereit (git), Heinz Haberstroh (dr) und Keyboarder Carsten Mohren spielen jetzt "Mich zu lieben" und "Träume", das Lied von den verlorenen Illusionen, die düstere Ballade "Gefühle" und begleitet von einem euphorischen Chor das nagelneue "Kaleidoskop", das sofort auf Augenhöhe mit den alten Hymnen ist.


Nach zwei Stunden krönt das Finale dann natürlich der größte Rockhaus-Hit "I.L.D.", diesmal mit einem Keyboardsolo im Hammondstil. Falls jemand fragt: Rockhaus, das sind die, die auch wie Dylan klingen können.


Samstag, 14. November 2015

Apparat: Elektroden in Ekstase

Ein Boxset zeigt Sachsen-Anhalts unbekannten Star Sascha Ring, der aus Quedlingburg stammt, sich Apparat nennt und derzeit der erfolgreichste Künstler des Landes ist.

Weit weg von normaler Diskomusik, ja, von Musik überhaupt ist das, was Sascha Ring als junger Mann gemacht hat. Knapp über 20 war der gebürtige Quedlinburger, als er unter dem Namen Apparat sein Debütalbum „Multifunktionsebene“ einspielte, eine Sammlung introvertierter Geräuschkollagen, die ohne Gesang und Melodie auskommen.

Es scheppert hier zärtlich, es knirscht, rauscht und Töne wallen vorüber, die Lieder heißen „Nato“ und „Fuckedup“ und sie lassen kaum erahnen, dass hier ein kommender Superstar der elektronischen Musik seine ersten, vorsichtig tastenden Schritte geht.

In einem Boxset gebündelt mit der EP „Tttrial and Eror“ und dem zweiten Album „Duplex“ hat das Berliner Label Shitkatapult die frühen Werke des heutigen Dance-Gurus, der auch mit dem DJ-Duo Modeselektor zusammen als Band Moderat Hitparadenerfolge sogar in Großbritannien feierte.
Hier aber ist noch der pure Apparat zu hören, ein Frickler und Soundbastler, der nach einer ganz eigenen Methode Musik macht. Apparat lässt selbstprogrammierte Algorithmen Tonsignale per Zufallsgenerator verändern, daraus entsteht eine Art dahinfließender Soundstrom, der an La Düsseldorf und Roedelius erinnert.

Sascha Ring, der mittlerweile ein großes Stück Richtung Mitte der Popwelt gerückt ist, nennt diese Arbeitsweise „de-beautified“, also „entschönern“. Doch das Ergebnis ist keineswegs unschön. Zwar fehlen vor allem am Anfang, bei den ganz frühen Soundbasteleien, die heute so prägnanten Beats ebenso wie die echten Instrumente, mit denen Sascha Ring etwa bei den MTV-Live-Sessions auftrat - als erster Künstler aus Sachsen-Anhalt.

Doch der repetitive Grundton ist bereits zu hören, auch die Einbeziehung von nicht-elektronischen Klangerzeugern nimmt spätestens mit dem rhythmisch orientierten Album „Duplex“ zu. Dass Ring als „Apparat“ eine ideale Besetzung für die Herstellung von Film- und Theatermusiken wäre, ist hier schon zu hören.

 Als würde er unsichtbare Landschaftsaufnahmen untermalen, kombiniert der Musikapparat aus dem Harz Geräusche aller Art mit überwiegend elektronisch erzeugter Musik. Es gibt gelegentlich Gesang wie in „Wooden“ und hin und wieder scheinen die Soundschichten auch komplett jeden Zusammenhalt zu verlieren wie etwa im fast fünfminütigen „Schallstrom“, das den Eindruck macht, als sei es eigentlich aus vier verschiedenen Kompositionen zusammengesetzt.

130 Minuten Musik enthält die Box insgesamt, der größte Teil davon ist mehr Ambient als Techno, mehr Traum- als Tanzmusik. Wo Apparat später gediegene Unterhaltungsmusik für Erwachsene gemacht hat und es mit Moderat sogar schaffte, aus den gemeinsamen Techno-Wurzeln verstörend eingängige Pop-Songs zu züchten, sind die 29 Kompositionen hier noch Rohstoff, Ideenhalde und ungeordnetes Klangchaos. Den anderen Apparat, den Apparat von Schönklang und Harmonie, gibt es derzeit auf Live-Tournee.

Termine hier:
www.apparat.net

Dienstag, 10. November 2015

Smartphones - digitale Tagediebe

Smartphones - die kleinen Alleskönner ändern den Alltag, sie ändern die Gesellschaft - vor allem aber scheinen sie inzwischen jeden einzelnen Menschen zu ändern.

Was für eine Frage! Lieber das Handy mit in den Urlaub nehmen oder eine Zahnbürste? Die Antwort ist doch klar, zumindest für eine Mehrheit der zwischen 18- und 45-jährigen Deutschen: Natürlich bleibt die Zahnbürste zu Hause, wie eine aktuelle Studie des Reiseportals Expedia ergab. Logisch, denn ohne Handy geht diese Generation nicht mal mehr zum Bäcker um die Ecke. Geschweige denn auf zwei Wochen Strandurlaub auf Mallorca.

Nicht einmal acht Jahre nach dem historischen Abend, an dem Apple-Chef Steve Jobs das erst iPhone vorstellte, haben die Mobiltelefone mit den Touchscreens den Alltag, die Gesellschaft, vor allem aber jeden einzelnen ihrer Nutzer verändert. Neue Krankheiten wie Whatsappitis und das Phubbing genannte Dauerstarren auf den kleinen Bildschirm in der Hand machen sich breit. Menschen laufen blind durch Städte, weil sie eine Navi-App beobachten. In Kneipen wird gewischt und gelesen, gepostet und geknipst statt zu diskutieren und zu argumentieren.
Alexander Markowetz von der Uni Bonn hat jetzt untersucht, was Smartphones mit Menschen machen - nämlich ganz knapp und grausam gesagt "abhängig, unproduktiv und unglücklich".

Markowetz, Juniorprofessor für Informatik, weiß, wovon er spricht. Der Forscher hat - ironischerweise mit Hilfe einer App die von Informatikern und Psychologen der Universität Bonn zu Forschungszwecken entwickelt worden war - die Handy-Nutzung von 60 000 Personen ausgewertet, die freiwillig über die App "Menthal" Daten an ihn zu liefern bereit waren. Das Ergebnis der Massensammlung ist erschreckend. Im Durchschnitt aktivierten die Besitzer 53 Mal am Tag ihr Handy. Sie unterbrechen damit alle 18 Minuten ihre jeweilige Tätigkeit, mit der sie gerade beschäftigt sind ein Reflex, dem viele schon unterbewusst nachgehen.

"Smartphone-Apps funktionieren wie Glücksspielautomaten", glaubt Markowetz, "wir betätigen sie immer wieder, um uns einen kleinen Kick zu holen". Das Verhalten sei kein exklusiver Tick der Jugend, es ziehe sich vielmehr durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. "Wir erleben die Entstehung des Homo Digitalis, der einen Großteil seiner Tätigkeiten mittels digitaler Medien abwickelt", sagt Markowetz, der die Entwicklung inzwischen schon bedenklich findet. "Ein Großteil der Zeit verbringen die Menschen mit Social-Media-Anwendungen wie Facebook, WhatsApp und Spielen."

Die digitale Realität verdrängt die Wirklichkeit, was weiter weg passiert, ist im Zweifelsfall wichtiger als das, was unmittelbar erlebt wird. Das Wort Echtzeit bekommt eine neue Bedeutung, seit dank Internet-Flatrate jede Information jederzeit sofort abrufbar ist. Kein Grund mehr für Diskussionen, Wikipedia liefert umgehend Fakten.

Für dramatisch hält Alexander Markowetz dabei besonders die ständigen Unterbrechungen. "Sie erlaubten es nie, sich einer Tätigkeit vollauf zu widmen", urteilt er. Die Folgen seien Unproduktivität und mangelndes Glücksempfinden, weil irgendwo immer das Gefühl herrsche, etwas zu verpassen.

Mittwoch, 4. November 2015

Magix Video deluxe 2016: Fern­seh­stu­dio fürs Wohn­zim­mer


Video deluxe 2016 ist das bislang ausgefeilteste Programm der deutschen Firma Magix - aber es fordert den Rechner mehr als seine Vorgänger.

Ruckelt er zu stark, ist dein Rechner zu schwach, so sieht es aus bei Video deluxe 2016, der neuesten Programmvariante des gleichnamigen Filmstudioklassikers der Berliner Softwareschmiede Magix. Seit 2001 hat sich das Schnitt- und Bearbeitungsprogramm zum meistverkauften zumindest in Europa gemausert - und die inzwischen 22. Version des kompletten Fernsehstudios fürs Wohnzimmer tritt an, diese Führungsposition zu verteidigen.

Magix hat die bewährte Software dazu ein weiteres Mal aufgebohrt und neue Funktionen implementiert, um auf der Verarbeitungsseite mit den immer höheren Anforderungen immer hochauflösender Kameras mitzuhalten. Deshalb auch das Ruckeln und das Auseinanderfallen der Synchronität von Bild und Ton bei Anwendern, deren PC die Minimalvoraussetzungen von Vierkernprozessor mit 2,8 GHz und 2 GB Arbeitsspeicher nicht erfüllt.

Alle anderen aber haben mit Video deluxe 2016 ein mächtiges Werkzeug in der Hand, fast schon professionell Filme schneiden zu können. Dazu wird das Rohmaterial - erstmals erlaubt Magix auch 4K-Filme - einfach aus dem eingeblendeten Verzeichnis auf die Arbeitsoberfläche gezogen, die sich nicht allzusehr verändert hat. Einziger wirklich sichtbarer Unterschied leider: Die Tonspur wird nicht mehr wie bisher komplett angezeigt, sondern nur noch in einer Art Sparvariante, in der sie kaum zu erkennen ist. Klarer Rückschritt, der sich auch in den Standardeinstellungen nicht dauerhaft beheben lässt.

Alles andere aber ist gut überlegt und intuitiv auch von Neulingen zu bedienen. Deluxe 2016 akzeptiert das Einfügen von Material aller gängigen Video- und Bildformate, an Bord ist die Videostabilisationssoftware Mercalli V4 (in der Premium-Variante), dazu gibt es eine umfangreiche Bibliothek mit lizenzfreier Musik, die es erlaubt, eigene Videos etwa zu Youtube zu laden, ohne dort eine Sperrung wegen Urheberrechtsverletzungen zu riskieren.

Alle Elemente von Vorschaubildschirm bis Bearbeitungsspuren lassen sich verschieben, vergrößern oder ausblenden, fertige Vorlagen für Übergänge, Schnitte und sogar ganze Filme ersparen das mühsame Herumfummeln per Hand. Auch die Unterlegung von Bildern mit Musik im Takt lässt sich jetzt automatisieren: Der integrierten Takterkennungsassistent analysiert die untergelegte Musik und schneidet Videosequenzen ins selbe Tempo. Ist das eigene Filmprojekt dann fertig stabilisiert, zusammengeschnitten und auf Takt mit Musik unterlegt, lässt es sich im Format der eigenen Wahl exportieren.

Direkt zum Programm:
www.magix.com

Dienstag, 3. November 2015

Steil nach oben zum Olymp


Die Besteigung des geheimnisvollen Olymp ist erst lockere Wanderung und wird dann zu einem echten Kletterabenteuer: Fast senkrecht geht es hinauf zum Thron der Götter.

Leicht vorstellbar, warum Göttervater Zeus sich ausgerechnet dieses Bergmassiv als Wohnsitz ausgesucht hat. Nicht so besonders hoch, nicht so besonders kalt und auch nicht so weit weg vom Strand des strahlend blauen Mittelmeers. Und doch weit oben, fast ständig umweht von undurchdringlichen Wolkenfahnen. Der Olymp, der eigentlich kein Berg ist, sondern ein ganzes Gebirge, versteckt seine Gipfel Mytikas (2 918 Meter), Skolio (2 911 m), Stefani (2 909 und Skala (2 866 m) vor den Augen der Menschen.

Die aber nun genau das erst recht neugierig macht. Wie einst der Held Odysseus, der sich am Mast festbinden ließ, um die Sirenen selbst zu hören, kommen Trekker und Wanderer heute zu Hunderten, um hinaufzusteigen zum Thron des höchsten Griechengottes, in dessen Nähe auch Poseidon, Hera, Apollon, Athene und etliche andere Götter wohnen sollen.

Es ist eine Wanderung, die mit Anlauf quer durch die Geschichte führt, bevor sie schweißüberströmt in abgelegene Bergregionen steigt, in denen einzigartige Orchideenarten, Panzerkiefern und Hornkräuter wachsen, wie Reiseleiter Archelaos Biehler beschreibt. Und die danach mit einem gemütlichen Spaziergang entlang der aufgegebenen alten Bahnlinie der griechischen Staatsbahn OSE zwischen Thessaloniki und Athen endet. Zehn Meter neben dem zugewucherten Gleis schlagen die Wellen an einen einsamen Strand.

Griechenland ist im Jahr fünf der großen Krise ganz anders als erwartet. Thessaloniki, Ausgangspunkt für alle Wandertouren zum Olymp, ist eine Stadt, die vor Leben vibriert. Kneipen und Bars sind voll, elektronische Musik donnert nächtelang durch eine Innenstadt, die kein Atemholen kennt. Tausende junger Leute schieben sich von Theke zu Theke, es spielen Bands, es locken Ausstellungen und Festivals. 80 000 bis 100 000 Studenten leben hier in einem Ballungsraum, den rund eine Million Menschen bevölkert. "Es gibt niemanden unter 30, der nicht Riesenschulden schleppt", sagt Archelaos Biehler, der Physik studiert und seit drei Jahren für den deutschen Reiseveranstalter Hauser arbeitet. Aber, sagen sie hier, man könne sich ja deswegen nicht das Leben nehmen.

Es muss weitergehen und es geht ja auch immer weiter, trotz Sparpaket und Wahlen und Protesten. Die Griechen, die sich hier oben im Norden des Landes als Erben des großen Makedoniers Alexander des Großen sehen, sind stolz auf ihren neuen und alten Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Der habe Europa die Faust gezeigt, auch wenn er sie anschließend doch wieder zum Handschlag ausstrecken musste, beschreibt ein Mann in einem Café in Thessaloniki die Lage aus seiner Sicht. Das sei immerhin gut gewesen für die Würde der Griechen, die vorher "komplett kaputt" gewesen sei. "Der Sommer war hart und die Saison ganz kurz und schlecht", erzählt der Wirt der Cafeteria Caravel im Hafenstädtchen Glifa, "erst die Finanzkrise, dann die Flüchtlinge". Aber jetzt werde bestimmt bald alles besser.

Oben in den Meteora-Klöstern, im Pindos-Gebirge in der Nähe der Stadt Kalambaka, wird schon wieder gebaut, mit EU-Mitteln, wenn auch nicht zur Freude von Klosterexpertin Penoglou Pinelopi, die entschuldigend mit den Achseln zuckt. Ein ganzes Stück Berg haben sie abgetragen am Kloster Metamórphosis, einer vor Jahrhunderten von Mönchen atemberaubend auf eine 600 Meter hohe Felsspitze gesetzten Burg, trotz Unesco-Welterbestatus. "Sie wollen das Klostermuseum vergrößern", erklärt Pinelopi. Das ist allerdings auch bitter nötig, denn auf den Straßen zu den sechs noch bewohnten und besichtigungsbereiten von insgesamt 24 großen und kleinen christlichen Krähennestern stauen sich Touristenbusse vor allem aus den orthodoxen Bruderländern Serbien und Russland.

Wie still ist es dagegen im Enipeas-Canyon, der direkt in den Olympus-Nationalpark führt. Hinter dem Örtchen Litochoro öffnet sich das Bergmassiv zu einer langen Schlucht, die neben einem malerischen Flusslauf gemächlich ansteigt. Vier Stunden dauert die Wanderung durch den Canyon, in dem der mythische Sänger Orpheus einst von rasenden Frauen zerrissen worden sein soll. Mittendrin beginnt es aus Kannen zu gießen. Griechenland im Spätsommer, auch das anders als gedacht.

Das im II. Weltkrieg von deutschen Truppen zerstörte Kloster Agios Dionysios ist heute unerreichbar. Dafür klart es in den Tagen darauf wieder auf. Vom Parkplatz in Prionia auf 1 100 Metern Höhe geht es nun zur Spilios-Agapitos-Hütte, von der aus früh am Morgen der Gipfelsturm beginnt.

800 Höhenmeter durch spärlicher werdende Vegetation. Geröll liegt auf blankem Fels. Der Weg ist schmal und ein streunender Hund schließt sich der Wandergruppe schwanzwedelnd an. Es geht aufwärts, an Steinpyramiden vorbei über abfallende Hänge. Hinter einer Biegung dann die Himmelsleiter, ein Felseinschnitt, der fast senkrecht hinaufführt zu Zeus' Thron. Ohne den bergkundigen Archelaos Biehler wäre die Gruppe vermutlich vorbeigestiefelt. So aber geht es angeseilt und mit Berghelm steil nach oben, auf Händen und Knien, durch Wolkenfetzen in den blauen Himmel hinein. Nur einen Moment bleibt auf dem Gipfel Zeit, den Schweiß abzuwischen und ein Foto zu machen. Dann möchte der Göttervater wieder seine Ruhe haben.

Weitere Informationen:
www.hauser-exkursionen.de
www.griechenland-wanderungen.de


Mittwoch, 28. Oktober 2015

Korrektur: Lincoln oder Washington, Hauptsache ich

"Washington in Washington. Und ich", schreibt Renate Künast unter ein Foto, das die Bundestagsvizepräsidentin vorm Denkmal von Abraham Lincoln zeigt. Und wo ist dieser Washington?

Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien, Lincoln oder Washington, Hauptsache Künast.