Samstag, 21. April 2018
Bell, Book & Candle: Auf einmal auf Deutsch
Zwei Jahrzehnte nach ihrem internationalen Riesenhit "Rescue me" sind Jana Groß, Andreas Birr und Hendrik Röder mit ganz neuen Tönen zurück. Die Band, die bisher immer englisch sang, hat plötzlich deutsche Texte.
Kommen, gesehen werden und ganz hochschießen an die Spitze, das passierte damals, als Andreas Birr und Hendrik Röder sich aufmachten, mit Sängerin Jana Groß in ihre zweite Karriere zu starten. Zu DDR-Zeiten waren Birr - schon hörbar Sohn von Puhdys-Chef Dieter "Maschine" Birr - und Röder, Sohn von Puhdys-Keyboarder Peter Meyer, als "Rosalili" erfolgreich gewesen. Doch der Ruhm hielt nicht über den Mauerfall, die Band löste sich auf.
Der Neustart gelang erst, als Hendrik Röders Freundin Jana Groß den Wunsch äußerte, ihr musikalisch beschlagener Lebensgefährte könne ihr doch mal eine Band zusammenstellen: Bell, Book & Candle. Zwei Jahre probten beide mit dem alten Rosalili-Kollegen Birr. Dann knallte "Rescue me" in die Hitparaden. Und für einen Moment sah es nicht nur für die Plattenfirma ganz so aus, als habe Deutschland wirklich eine neue Pop-Sensation mit internationalen Marktchancen.
Doch wer Jana Groß und ihre Kollegen damals erlebte, wie sie barfüßig, leicht angeschickert und bester Laune durch ein Bierzelt am Ostseestrand rockten, ahnte, dass die Ambitionen des Trios eher nicht auf die Rockarenen der Welt zielten. Verlässlich lieferte das Trio eingängige Pop-Songs auf der Höhe der Zeit. Doch ein Erfolg wie "Rescue me" gelang nie wieder.
Zusammen mit Ingo Politz, der alle Alben von Bell, Book & Candle produziert hat, haben die drei Berliner sich nun noch einmal neu erfunden. Jana Groß hatte früher schon deutsche Texte für die Band Eisblume geschrieben, die Politz ebenso wie die Kollegen von Silbermond produziert. Für das neue Album "Wie wir sind" lässt die Sängerin nun die verbalen Hüllen fallen: Erstmals verzichtet Groß, die alle BBC-Texte schreibt, auf die sichere Verkleidung und den Schutz der fremden Sprache, wenn sie über ihre Gefühle, ihr Leben und ihren Blick auf die Welt singt.
"Wie wir sind" ist eine Platte, die mit dem folklorisierten Pop-Rock der frühen Tage nichts mehr zu tun hat. Statt akustischer Gitarren gibt es hier elektronische Clubbeats, spitze E-Gitarrenriffs, U2-Bässe wie in "Woran glauben wir" und Melodien, in die sich sogar Helene-Fischer-Fans verlieben werden. "Alles ändert sich, alles ändert mich", singt Jana Groß, die nicht mehr an Dolores O'Riordan von den Cranberries erinnert, sondern eher an Stefanie Kloß von Silbermond oder Anna Loos von Silly. Erwachsen klingt sie, eine Frau, die viel erlebt hat und nun Zeit zum Zurückschauen findet. "Es gibt Menschen, die sind Lieder / und du bis ein Liebeslied / deine Worte sind Musik", reimt sie in "Liebeslied" und bei "Déjà-vu" klingt es fast, als sei das Rap, was sie da zu einem stampfenden Rhythmus vorträgt.
Die 49-Jährige, eine imponierende Sängerin sowieso, entpuppt sich hier als originelle Dichterin, die es schafft, klischeefrei über die ewigen Popmusik-Themen zu schreiben. "Wir waren ein Kartenhaus / das kriegt man wieder aufgebaut", heißt es in "Ich bin wie keine", einem Abschiedsschmerzstück, in dem die Betrogene sich "farblos" findet und den Verflossenen warnt, es sich noch einmal zu überlegen: "Sieh mich an / dann wirst du sehen, was ich meine / ich bin wie keine".
Zwei Jahre haben Groß, Röder und Birr an den dreizehn Songs geschraubt, die nun eine Art Neuerfindung ihrer Band nach fast einem Vierteljahrhundert sind. Damals, als alles losging, sei die Entscheidung für englische Texte eine ganz selbstverständliche gewesen, hat Jana Groß erklärt. Musik wie die von Bell, Book & Candle schien ihren Machern selbst unmöglich mit deutschsprachigen Texten.
Als sich dann Jahre später Gruppen wie Juli, Silbermond und Wir sind Helden auf Deutsch vorwagten, schien es dem Berliner Trio nicht angeraten, auf den Zug aufzuspringen. "Aber jetzt war es einfach an der Zeit zu gucken, ob uns was einfällt." Eine richtige Entscheidung, das glaubt Jana Groß jetzt schon. Nie zuvor seien so viele Menschen auf sie zugekommen und hätten sie auf ihre Texte angesprochen. "Die Leute sagen, ich hab das genau so erlebt, wie du das gerade gesungen hast", erzählt die BBC-Sängerin über ihre ersten Erfahrungen mit einem Publikum, das sie versteht. "Da haben wir danach schon gedacht, was wir haben die ganzen Jahre verpasst?
Es war Produzent Ingo Politz, der die drei, die ihre Band einst nach einem Hitchcock-Film benannten, sanft auf die neue Sprachspur schob. Dort sucht Jana Groß nun erfolgreich nach einer gereiften Version der Leichtigkeit des Anfangs, nach Texten ohne Tabus, und Liedern, die vom Leben erzählen, wie es ist: Mit Liebe, Lachen, Tod und Leiden, Kindern und Kerlen und der Hoffnung, dass es Grund zur Hoffnung gibt.
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Samstag, 14. April 2018
Trekking in Nepal: Anderthalbmal Everest
Es ist bloß ein Bus, ein ganz unspektakulärer Bus, der Trekker zum Start bringt, die es nicht in die beiden bekannten nepalesischen Wandergebiete am Everest und rund um die Annapurna zieht, sondern in das dritte, noch recht neue Gebiet am 7 246 Meter hohen Langtang Lirung. Allerdings: Die paar Kilometer bis zum Tourstart in Sundarijal sind kaum weniger abenteuerlich als der atemberaubende Anflug aufs Everest-Gebiet. Enge Straßen, steile Abgründe, wilder Verkehr.
Umso stiller wird die Welt am ersten Berg, einem auf Flachländer monströs wirkenden Zwerg, den nur die einheimischen Führer nehmen, als existiere er gar nicht. Hari und Hari heißen die beiden Sherpas der Trekking-Gruppe, Udaya Sharma ist der erfahrene, Deutsch sprechende Reiseleiter. Hari eins, der stets lächelnde Mann in der blauen Daunenweste, wird die kommenden zwei Wochen immer vorn laufen, eine nie schwitzende Wandermaschine, die immer wieder "Pistare, Pistare" mahnt. "Langsam, langsam" übersetzt Hari Bahadur Tamang, der in Kathmandu Rechnungswesen studiert und als zweiter Sherpa am Ende der Wandererschlange geht, damit niemand den Anschluss verliert.
Das ist in den ersten Stunden der auf zwölf Tage aufgeteilten 160-Kilometer-Tour (Etappenbeschreibung) durch das Helambu-Tal bis ins Langtang-Gebiet mit dem Fast-5 000er-Gipfel des Tsergo-Ri noch wichtig. Doch wer zum Trekking nach Nepal fliegt wie die topfitten Mittfünfziger-Freundinnen Ewa und Rosi oder der 74-jährige Weltreisende Herbert, der weiß, dass das hier kein Wettrennen wird, sondern ein Ausdauerlauf. "Stetig gehen", empfiehlt Udaya Sharma, der ebenso stetig für Trink- und Teepausen sorgt. Noch kraxelt der Trupp auf 2 000 Metern herum, doch bei einem geplanten Anstieg bis auf 4 600 Meter allein für die Passüberschreitung ist die Höhenkrankheit eine reale Gefahr, die nur durch penibel befolgte Verhaltensregeln eingedämmt werden kann. Langsame Akklimatisierung hilft. Langsames Gehen. Viel trinken. Und immer wieder aufsteigen, um kurz vorm Übernachten in tiefere Lagen zurückzutauchen.
Eine Plage ist der Regen, mit dem sich die Monsunzeit Anfang Oktober von Nepal verabschiedet. In den dichten, mit rotem Holz bewachsenen Wäldern des Shivapuri-Nationalparks ist es subtropisch warm. Hier leben Rote Panda, aber auch Blutegel, die auf heimtückische Überfälle spezialisiert sind. Je feuchter, desto emsiger sind die Tiere zugange. Trekker stehen vor der Wahl, die Regenhosen anzuziehen und von innen schweißnass zu werden. Oder sie im Hauptgepäck zu lassen, das von acht bestaunenswerten Trägern jeden Tag im Eiltempo ans Ziel gewuchtet wird. Dann wird man nass geregnet.
Doch jede Trekking-Tour durch Nepal bringt zuerst einmal den Abschied von allem, was in der westlichen Zivilisation wichtig scheint. Auf irgendeiner Höhe ist immer die letzte Dusche erreicht. Meist ist das Toastbrot den Lodge-Küchen da lange ausgegangen. Im Langtang aber, zwischen dem bedächtigen Trott die Hänge hinauf und herunter, geht es noch schneller: Am Tag drei stellt Wolfram, der sein Regenzeug daheim vergessen hat, plötzlich fest, dass man "eigentlich sowieso nur braucht, was man hat".
Und so ist es auch. Man geht weiter und immer weiter, nass oder trocken. Die Berge werden höher, die Luft bleibt feucht, die Stimmung ist fantastisch. Am dritten Abend etwa sitzt der gesamte durchweichte Verein um den rußenden Ofen im Hauptraum einer Lodge in Thare Pati. An jedem Nagel und jeder Leine hängen ein T-Shirt, eine Jacke, eine Hose. Hier drinnen muss es riechen wie in einem brennenden Stall. Aber alle trinken Ginger-Tee und "Everest"-Bier, kauen Dal Bhaat aus Linsen, Reis und Curry und lachen über die Witze, die Udaya Sharma reißt.
Wenn einer der Haris am Morgen erst einmal "Gemma, gemma" gesagt hat, was nicht Nepali ist, sondern Bayrisch, gibt es nur noch das Gehen, die Berge, den Weg und das Tagesziel. Das heißt heute Laurebina-Pass: 4 610 Meter hoch liegt der Übergang vom subtropisch geprägten Helambu-, ins eher alpine Langtang-Gebiet. Pistare weichen die Bäume, später die Sträucher, schließlich auch das Gras. Gebetsfahnen und Mani-Steine paradieren an der Strecke, dann kommt der Suriya-Peak in Sicht und die Wandergruppe liegt sich mit den Sherpas in den Armen, glücklich über den gemeinsamen Gipfelerfolg. In den Jubel hinein beginnt es aus einem aufklarenden Himmel sanft zu schneien. Das Panorama ist imponierend: Die Annapurna-Range ist zu sehen, dazu der Manaslu und die schneebedeckten Berge, die die Grenze zu Tibet bilden. Anschließend geht es gemächlich abwärts und auf 4 300 Metern Höhe warten die strahlend blauen Gosainkund-Seen, die Hindus wie Buddhisten heilig sind.
Von Laurebina Yak aus sind am nächsten Morgen die schneebedeckten weißen Riesen der Langtang-Himal-Range zu sehen. "Gemma, gemma, pistare, pistare!", rufen die Guides. Los, los! Die Wolken liegen wie ein Meer aus aufgeplusterter Watte im Tal vor der "Mount Rest"-Lodge. Eine deutsche Bäckerei bietet so etwas wie Apfelkuchen an - willkommene Abwechslung nach fünf Tagen mit Fladenbrot und Nudelsuppe.
Die Route, auf der im Unterschied zu den Trekkinggebieten am Everest noch kaum Reisegruppen unterwegs sind, schlängelt sich nun entlang des Langtang-Flusses langsam Richtung Osten in die Höhe. Dichter Dschungel, in dem der in Nepal nicht verbotene Hanf wild wächst, geht dabei allmählich in sonnenüberflutete Hochebenen über. Vormittags heißt es drei, vier Stunden gehen, unterbrochen von Pausen und stets pistare, pistare! Nachmittags noch einmal, gemma, gemma, den Blick auf die langsam näherrückenden Gletscher und Gipfel am Ende des Tales gerichtet. Bis zu tausend Höhenmeter täglich fordern selbst geübte Bergwanderer, aber der Körper gewöhnt sich an das Laufen ebenso wie an die dünnere Luft. Die Strecke lenkt ab: Yaks und Dzo-Mos, eine Kreuzung aus Yak und Rind, stehen zuweilen mitten auf dem Pfad, Träger mit schwerem Gepäck hasten in halsbrecherischem Tempo vorüber, an den Füßen nur ein paar Badelatschen.
Die Langtang-Region ist unverkennbar arm. In den paar Jahren, seit die Wanderroute durch das Land der Tamang-Völker und der nepalesischen Tibeter größere Aufmerksamkeit findet, haben Trekinggruppen die Ursprünglichkeit der Gegend noch völlig unberührt gelassen. Natürlich gibt es überall Cola, Bier und gelegentlich sogar Strom und Internet. Doch auf der Strecke zwischen den winzigen Örtchen ist die Natur pur und die Zivilisation ein fernes, mit jedem Tag weiter verblassendes Gerücht.
Die Tour bleibt sportlich bis hinauf nach Kyanjin Gompa, dem Ort, der mit dem Aufstieg auf den bis auf knapp 5 000 Meter aufragenden Tsergo Ri den höchsten Aufstieg des Trails bringt. Steil und staubig ist der Pfad hinauf, steinig der Weg. Aber dann stehen alle oben, eine gefühlte Handbreit nur von einem Himmel entfernt, dessen Blau blauer ist als alles, was man je gesehen hat. Die Gipfel ringsum sind noch ein bisschen höher, jaja. Aber am Ende der zweieinhalb Wochen werden für die Wanderer sagenhafte 12 000 Meter Steigung auf dem Höhenmesser stehen. Anderthalb Mal der Weg hinauf zum Gipfel der Welt. Darauf ein "Everest"-Bier, mindestens.
Nach dem großen Beben: Eure Spendengelder bei der Arbeit
Drei Strecken führen zu den Bergriesen im Himalaya-Gebirge:
Neben den Routen um Annapurna und im Everest-Gebiet ist die Tour durch das Helambu- und Langtang-Gebiet die dritte Strecke, auf der sich Wanderer den Bergriesen des Himalaya-Gebirges nähern können.
Reise: Bestes Wanderwetter herrscht von März bis Mai und von Oktober bis November.
Anreise: Flug bis Kathmandu, dann weiter mit dem Bus zum Startpunkt rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt in Sundarijal.
Fitness: Ausdauer für Tagesetappen mit bis zu tausend Höhenmetern ist nötig. Durch den langsamen Anstieg von 1 300 auf 4 900 Metern ist die Gefahr für eine Höhenkrankheit aber geringer als in anderen Wandergebieten.
Währung: Ein Euro entspricht etwa 130 nepalesischen Rupien. Ein großes Bier kostet im Berg 500 Rupien, eine Cola 250.
www.hauser-exkursionen.de
Umso stiller wird die Welt am ersten Berg, einem auf Flachländer monströs wirkenden Zwerg, den nur die einheimischen Führer nehmen, als existiere er gar nicht. Hari und Hari heißen die beiden Sherpas der Trekking-Gruppe, Udaya Sharma ist der erfahrene, Deutsch sprechende Reiseleiter. Hari eins, der stets lächelnde Mann in der blauen Daunenweste, wird die kommenden zwei Wochen immer vorn laufen, eine nie schwitzende Wandermaschine, die immer wieder "Pistare, Pistare" mahnt. "Langsam, langsam" übersetzt Hari Bahadur Tamang, der in Kathmandu Rechnungswesen studiert und als zweiter Sherpa am Ende der Wandererschlange geht, damit niemand den Anschluss verliert.
Das ist in den ersten Stunden der auf zwölf Tage aufgeteilten 160-Kilometer-Tour (Etappenbeschreibung) durch das Helambu-Tal bis ins Langtang-Gebiet mit dem Fast-5 000er-Gipfel des Tsergo-Ri noch wichtig. Doch wer zum Trekking nach Nepal fliegt wie die topfitten Mittfünfziger-Freundinnen Ewa und Rosi oder der 74-jährige Weltreisende Herbert, der weiß, dass das hier kein Wettrennen wird, sondern ein Ausdauerlauf. "Stetig gehen", empfiehlt Udaya Sharma, der ebenso stetig für Trink- und Teepausen sorgt. Noch kraxelt der Trupp auf 2 000 Metern herum, doch bei einem geplanten Anstieg bis auf 4 600 Meter allein für die Passüberschreitung ist die Höhenkrankheit eine reale Gefahr, die nur durch penibel befolgte Verhaltensregeln eingedämmt werden kann. Langsame Akklimatisierung hilft. Langsames Gehen. Viel trinken. Und immer wieder aufsteigen, um kurz vorm Übernachten in tiefere Lagen zurückzutauchen.
Eine Plage ist der Regen, mit dem sich die Monsunzeit Anfang Oktober von Nepal verabschiedet. In den dichten, mit rotem Holz bewachsenen Wäldern des Shivapuri-Nationalparks ist es subtropisch warm. Hier leben Rote Panda, aber auch Blutegel, die auf heimtückische Überfälle spezialisiert sind. Je feuchter, desto emsiger sind die Tiere zugange. Trekker stehen vor der Wahl, die Regenhosen anzuziehen und von innen schweißnass zu werden. Oder sie im Hauptgepäck zu lassen, das von acht bestaunenswerten Trägern jeden Tag im Eiltempo ans Ziel gewuchtet wird. Dann wird man nass geregnet.
Doch jede Trekking-Tour durch Nepal bringt zuerst einmal den Abschied von allem, was in der westlichen Zivilisation wichtig scheint. Auf irgendeiner Höhe ist immer die letzte Dusche erreicht. Meist ist das Toastbrot den Lodge-Küchen da lange ausgegangen. Im Langtang aber, zwischen dem bedächtigen Trott die Hänge hinauf und herunter, geht es noch schneller: Am Tag drei stellt Wolfram, der sein Regenzeug daheim vergessen hat, plötzlich fest, dass man "eigentlich sowieso nur braucht, was man hat".
Und so ist es auch. Man geht weiter und immer weiter, nass oder trocken. Die Berge werden höher, die Luft bleibt feucht, die Stimmung ist fantastisch. Am dritten Abend etwa sitzt der gesamte durchweichte Verein um den rußenden Ofen im Hauptraum einer Lodge in Thare Pati. An jedem Nagel und jeder Leine hängen ein T-Shirt, eine Jacke, eine Hose. Hier drinnen muss es riechen wie in einem brennenden Stall. Aber alle trinken Ginger-Tee und "Everest"-Bier, kauen Dal Bhaat aus Linsen, Reis und Curry und lachen über die Witze, die Udaya Sharma reißt.
Wenn einer der Haris am Morgen erst einmal "Gemma, gemma" gesagt hat, was nicht Nepali ist, sondern Bayrisch, gibt es nur noch das Gehen, die Berge, den Weg und das Tagesziel. Das heißt heute Laurebina-Pass: 4 610 Meter hoch liegt der Übergang vom subtropisch geprägten Helambu-, ins eher alpine Langtang-Gebiet. Pistare weichen die Bäume, später die Sträucher, schließlich auch das Gras. Gebetsfahnen und Mani-Steine paradieren an der Strecke, dann kommt der Suriya-Peak in Sicht und die Wandergruppe liegt sich mit den Sherpas in den Armen, glücklich über den gemeinsamen Gipfelerfolg. In den Jubel hinein beginnt es aus einem aufklarenden Himmel sanft zu schneien. Das Panorama ist imponierend: Die Annapurna-Range ist zu sehen, dazu der Manaslu und die schneebedeckten Berge, die die Grenze zu Tibet bilden. Anschließend geht es gemächlich abwärts und auf 4 300 Metern Höhe warten die strahlend blauen Gosainkund-Seen, die Hindus wie Buddhisten heilig sind.
Von Laurebina Yak aus sind am nächsten Morgen die schneebedeckten weißen Riesen der Langtang-Himal-Range zu sehen. "Gemma, gemma, pistare, pistare!", rufen die Guides. Los, los! Die Wolken liegen wie ein Meer aus aufgeplusterter Watte im Tal vor der "Mount Rest"-Lodge. Eine deutsche Bäckerei bietet so etwas wie Apfelkuchen an - willkommene Abwechslung nach fünf Tagen mit Fladenbrot und Nudelsuppe.
Die Route, auf der im Unterschied zu den Trekkinggebieten am Everest noch kaum Reisegruppen unterwegs sind, schlängelt sich nun entlang des Langtang-Flusses langsam Richtung Osten in die Höhe. Dichter Dschungel, in dem der in Nepal nicht verbotene Hanf wild wächst, geht dabei allmählich in sonnenüberflutete Hochebenen über. Vormittags heißt es drei, vier Stunden gehen, unterbrochen von Pausen und stets pistare, pistare! Nachmittags noch einmal, gemma, gemma, den Blick auf die langsam näherrückenden Gletscher und Gipfel am Ende des Tales gerichtet. Bis zu tausend Höhenmeter täglich fordern selbst geübte Bergwanderer, aber der Körper gewöhnt sich an das Laufen ebenso wie an die dünnere Luft. Die Strecke lenkt ab: Yaks und Dzo-Mos, eine Kreuzung aus Yak und Rind, stehen zuweilen mitten auf dem Pfad, Träger mit schwerem Gepäck hasten in halsbrecherischem Tempo vorüber, an den Füßen nur ein paar Badelatschen.
Die Langtang-Region ist unverkennbar arm. In den paar Jahren, seit die Wanderroute durch das Land der Tamang-Völker und der nepalesischen Tibeter größere Aufmerksamkeit findet, haben Trekinggruppen die Ursprünglichkeit der Gegend noch völlig unberührt gelassen. Natürlich gibt es überall Cola, Bier und gelegentlich sogar Strom und Internet. Doch auf der Strecke zwischen den winzigen Örtchen ist die Natur pur und die Zivilisation ein fernes, mit jedem Tag weiter verblassendes Gerücht.
Die Tour bleibt sportlich bis hinauf nach Kyanjin Gompa, dem Ort, der mit dem Aufstieg auf den bis auf knapp 5 000 Meter aufragenden Tsergo Ri den höchsten Aufstieg des Trails bringt. Steil und staubig ist der Pfad hinauf, steinig der Weg. Aber dann stehen alle oben, eine gefühlte Handbreit nur von einem Himmel entfernt, dessen Blau blauer ist als alles, was man je gesehen hat. Die Gipfel ringsum sind noch ein bisschen höher, jaja. Aber am Ende der zweieinhalb Wochen werden für die Wanderer sagenhafte 12 000 Meter Steigung auf dem Höhenmesser stehen. Anderthalb Mal der Weg hinauf zum Gipfel der Welt. Darauf ein "Everest"-Bier, mindestens.
Nach dem großen Beben: Eure Spendengelder bei der Arbeit
Drei Strecken führen zu den Bergriesen im Himalaya-Gebirge:
Neben den Routen um Annapurna und im Everest-Gebiet ist die Tour durch das Helambu- und Langtang-Gebiet die dritte Strecke, auf der sich Wanderer den Bergriesen des Himalaya-Gebirges nähern können.
Reise: Bestes Wanderwetter herrscht von März bis Mai und von Oktober bis November.
Anreise: Flug bis Kathmandu, dann weiter mit dem Bus zum Startpunkt rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt in Sundarijal.
Fitness: Ausdauer für Tagesetappen mit bis zu tausend Höhenmetern ist nötig. Durch den langsamen Anstieg von 1 300 auf 4 900 Metern ist die Gefahr für eine Höhenkrankheit aber geringer als in anderen Wandergebieten.
Währung: Ein Euro entspricht etwa 130 nepalesischen Rupien. Ein großes Bier kostet im Berg 500 Rupien, eine Cola 250.
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Standort:
Langtang, Nepal
Donnerstag, 29. März 2018
Kabinett de Maiziére: Die Abwickler der DDR
Die Minister der ersten und letzten demokratisch gewählten DDR-Regierung schauen in einem umfangreichen Interview-Band zurück auf die kurze Zeit an der Spitze eines untergehenden Staates.
Nicht viel mehr als 100, 130 und für manche auch 175 Tage dauerte dieses letzte, allerletzte Kapitel der 40-jährigen DDR-Geschichte. Die im März 1990 eilig gewählte Regierung des früheren Kirchenmusikers Lothar de Maiziere trat ihr Amt im April an. Und sie hatte eigentlich nur eine Aufgabe: Die Arbeiter- und Bauernrepublik besenrein übergeben, wenn das große Ziel der deutschen Einheit endlich erreicht ist.
Eine Selbstmordmission, wie die 17 Frauen und Männer beschreiben, die als Volkskammerpräsidentin, Ministerpräsident oder Ministerinnen für immer die Letzten ihrer Art bleiben werden. Sie alle waren Amateure, manche wie der spätere SPD-Außenminister Markus Meckel oder DSU-Innenminister Peter-Michael Diestel durchaus machtwillig. Andere dagegen - wie der aus Magdeburg stammende Landwirtschaftsminister Peter Pollack oder Jugendministerin Cordula Schubert - blieben in ihrer Amtszeit durchgehend höchst verwundert über das Amt, das ihnen die Geschichte da plötzlich zugespielt hatte.
Politiker, die keine sind, regieren einen Staat, der keiner mehr sein will - die Einblicke, die der vom Leipziger Filmproduzenten Olaf Jacobs herausgegebene Interviewband „Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte“ gibt, zeigen einen in der Historie einmaligen Vorgang aus der Innensicht. Während es draußen auf den Straßen brodelt, die Menschen politisiert sind wie nie, Unsicherheit grassiert und kaum noch staatliche Institutionen anerkannt werden, sitzen die letzten DDR-Minister vor einem Berg Abwicklungsarbeit.
Unter normalen Umständen wäre das alles überhaupt nicht zu schaffen gewesen, das sagen sie alle, von Sabine Bergmann-Pohl, einer aus Eisenach stammenden Ärztin , über den wehrdienstverweigernden Pfarrer Rainer Eppelmann, der Verteidigungsminister wird und sein Amt sofort in „Abrüstungsminister“ umtauft, bis hin zum Merseburger Karl-Hermann Steinberg, der als Umweltminister eher ein Industrieabschaltminister sein wird. Aber es sind eben keine normalen Umstände mehr, wenn ein Staatsfeind plötzlich die Sicherheitsbehörden führt und eine Fachschuldozentin aus Wengelsdorf auf einmal als Handelsministerin dafür sorgen muss, dass 16 Millionen Bürgerinnen und Bürger trotz Wirtschaftskrise, Freiheitseuphorie und Einheitssehnsucht etwas zu essen auf dem Tisch haben.
Mehr als ein Vierteljahrhundert Abstand tun den Berichten der Protagonisten dieser letztlich 174 Tage langen Zwischenzeit gut. Ohne noch Rücksicht auf Empfindlichkeiten von Parteien und früheren Kollegen nehmen zu müssen, sprechen die Ministerinnen und Minister a.D., die sich nach bundesdeutschem Recht nicht einmal so nennen dürfen, Klartext. Überfordert sind sie gewesen, anfangs oft allein beim Versuch, den übernommen SED-treuen Verwaltungsapparat auf die die neue Linie zu bringen.
Es war immer zu viel Arbeit und immer zu wenig Zeit, die Hilfe aus dem Westen blieb undurchsichtig und die Spielregeln mussten mitten in der laufenden Partie gelernt werden: Als Volkskammerpräsidentin Bergmann-Pohl per Fax mit einer Ablehnung des Einigungsvertrages im Parlament droht, wenn nicht eine Übergangsregelung zur Versorgung der Abgeordneten nach dem Einigungsakt vereinbart werden, sticht das Büro ihrer Bundestagskollegin Rita Süssmuth das Papier an die Presse durch.
Es sind diese Details, die die Berichte interessant machen. Wenn Lothar de Maiziére seinen Anspruch beschreibt, in den Einheitsverhandlungen mit Helmut Kohl keinen „Kaufvertrag, sondern einen Gesellschaftsvertrag“ zustandebringen zu wollen, schwingt die leise Ahnung mit, dass die andere Seite auch mit einem einfachen Kauf zufriedengewesen wäre. de Maiziéres Amateurtruppe kämpft dagegen an, während sie gleichzeitig mit Stasivorwürfen umgehen muss, LPG-Bauern demonstrieren und die riesigen Industriekombinate immer mehr Mitarbeiter auf die Straße setzen.
„Nicht vergnügungssteuerpflichtig“, nennt Lothar de Maiziére seinen Posten als Ministerpräsident und aus heutiger Sicht würde er sich und seine Minister doch mit „zwei bis drei“ benoten. „Wir waren unendlich fleißig und haben vieles auch richtig eingeschätzt.“
Vieles auch nicht, aber es gab keine Vorbilder, keine Muster und immer nur einen Versuch, wie Peter Michael-Diestel sich erinnert, der den Deutschen aus heutiger Sicht ein „Defizit in Dankbarkeit“ attestiert. Diestels Ministerkollege Markus Meckel, der zuletzt als Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge amtierte, ist weit weniger zufrieden. Der Sozialdemokrat sieht im Rückblick viel Unseriosität am Werke. Auch schmerzen den im Sommer 1990 im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes von seinem Amt zurückgetretenen Ex-Außenminister bis heute spürbar persönliche Verletzungen.
Dass ihm die Entwürfe der DDR-Seite zum Einigungsvertrag nicht von seinem Ministerpräsidenten und Koalitionspartner zur Einsicht gegeben wurden, sondern er sie informell aus dem Bonner Kanzleramt bekam, das hat Meckel nie verwunden.
Montag, 26. März 2018
Wieder Wessi: Dann geh´ doch rüber
Auf einmal waren wir in der "Zeit". Das ist ungewöhnlich, denn dorthin schafft man es nicht so einfach als Journalist aus Sachsen-Anhalt. Aber die Geschichte fing eigentlich anders an. Es war eigentlich bloß um ein Buch gegangen, das ich vorgestellt hatte. Ein Buch, in dem sich zwei Wissenschaftler mit political correctness beschäftigten und damit, wie gutgemeinte Sprachregelungen vermeintlich unsere Gesellschaft zerstören. Ich hatte das Buch eher beschrieben als kritisiert, ich bin schließlich kein Wissenschaftler, ich kann schlecht beurteilen, wie richtig oder falsch ist, was Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich in ihrem Buch „Es war doch gut gemeint“ als "PC-Ideologie" brandmarken. Deshalb musste es so reichen, ein Angebot zum Nachlesen und Nachdenken.
Es gab danach zahlreiche Mails und Online-Kommentare, überwiegend geschrieben von Leuten, die das Buch wohl nicht lesen werden, aber mal grundsätzlich Bescheid geben wollten, dass sie das mit der PC alles ganz unerträglich finden. Auch ein Kollege aus Berlin schickte mir eine Mail. Die warnte mich dringend, ein solches Buch doch besser beim nächsten Mal nicht vorzustellen. Das spiele nur den Falschen in die Hände. Damit dies nicht geschehe, gebe es "notwendige Tabus“, denn immerhin stehe hier die „Zukunft der Demokratie“ auf dem Spiel.
Wieder wider die "Falschen "
Ich war verblüfft. Den Falschen in die Hände spielen, das hatte ich zum letzten Mal vor 30 Jahren gehört. Damals in der DDR war es üblich, dass öffentliche Äußerungen rituell daraufhin abgewogen wurden, ob sie dem "Klassenfeind" in die Hände spielen könnten. Positionen, die in solchem Verdacht standen, durften keinesfalls eine sogenannte "Plattform" bekommen. Entsprechend antwortete ich dem älteren, in Westdeutschland geborenen und sehr viel erfahreneren Kollegen. "Ich denke nicht, dass du uns sagen muss, wo die Grenzen des Sagbaren sind", schrieb ich, "wir sind so neu hier, immer noch, wir sind da viel empfindlicher als Du."
Es entspann sich daraus ein Dialog, dem bald ein weiterer Kollege beitrat und der flugs beiderseits ein gewisses Unverständnis auszudrücken begann: Wie könne man nur die DDR und unser heutiges Deutschland miteinander vergleichen, hieß es aus Berlin. Was erlaube es ihm, antworteten der hallesche Kollege und ich, uns nahelegen zu wollen, welche Erinnerungen aktuelle Ereignisse und Erlebnisse in uns wachrufen dürfen und welche nicht?
Der Kollege stellte nachdrücklich klar, dass "notwendige Tabus einer freien Gesellschaft heute und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit vor 1989" selbstverständlich nichts miteinander zu tun hätten. Nur bei uns klang dieser Sound genau wie der von früher, als Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit bedeutet, manches nicht zu sagen. Oder besser gleich: Zu denken.
Derselbe vorgekaute Kram in genau derselben indoktrinären Absicht dargeboten, wie wir ihn in der echten, nicht in der von Menschen mit der Gnade der Westgeburt versehenen später mühsam anstudierten DDR erlebt haben. Das auszusprechen, konnte die Sorgen des besorgten Kollegen nicht mindern, eher im Gegenteil. "Dass so kluge Leute wie ihr so denkt, wie ihr denkt, vergrößert meine Sorge noch", schrieb er.
Ich zitiere das alles aus eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Mails nur, weil, wir werden es weiter unten sehen, ich selbst auch zitiert worden bin, ungefragt und als namenloser "Ostdeutscher", obwohl ich doch schon mehr als die Hälfte meines Lebens im Westen lebe.
Ende in Sprachlosigkeit
Irgendwann endete der Dialog jedenfalls in Sprachlosigkeit. Wir hatten einander offensichtlich nicht überzeugen können. Wir schrieben etwas von Arroganz. Die letzte Mail aus Berlin bekundete tiefe Enttäuschung.
Es war die Art Enttäuschung, wie sie früher mancher Missionar empfunden haben muss. Sie kennen solche Geschichten sicher: 20 Jahre lang hat er alle Kümmernisse eines leider noch kannibalisch lebenden Stammes von Südseeinsulanern mitgetragen. Und nun muss er entdecken, dass seine Schützlinge gerade einen Kessel für ihn anheizen. Oder der Ethnologe, der nach vielen Jahren des Lebens in einer ihm völlig fremden Kultur selbst glaubt, er sei ein integraler Teil seiner Gastkultur. Nur um festzustellen, dass der Flieger, der am Flughafen auf ihn wartet, ihn auf alle Zeiten zu einem Fremden machen wird. Oder aber der Bienenforscher, der seine Völker immer gegen den Vorwurf verteidigt hat, sie würden unnötig stechen. Und nun unter Schmerzen konstatiert, dass sie das auch bei ihm selbst tun.
Solche Enttäuschung kann nicht in ein paar Mails vergraben bleiben. Sie muss raus, denn sie erfordert Konsequenzen. Der Berliner Kollege begriff sich ja bislang öffentlich als "Wossi", er hatte sogar Bücher über die fremden Stämme im Osten geschrieben, in denen er kundig erklärte, wie die DDR wirklich war, was für Menschen sie produziert hat und wie man das alles verstehen müsse. Er mochte den Osten erklärtermaßen, ein Freund des Ewigfremden sozusagen, der sich sogar für ostdeutsche Nazis entschuldigte. Nicht alle Ossis seien welche. Danke.
"Ich bin wieder der Wessi", heißt der Text in der "Zeit", der laut Unterzeile die "Geschichte einer Entfremdung" erzählt und uns, die beiden DDR geborenen und aufgewachsenen Berufskollegen, neben der ostdeutschen Schriftstellerin Monika Maron ungefragt als Zeugen anführt für eine Entwicklung, die den Mann, der von sich sagt, er habe "den Osten immer so verteidigt", nun zwingt, sich loszusagen.
Ein Akt der Überhöhung
Dabei ist erschütternd nicht der Akt der Überhöhung, sondern die fröhlich Sach- und Gesetzeslagen durcheinanderwirbelnde Argumentation. Maron etwa bekommt für ihr Beharren darauf, dass es einen Unterschied gebe zwischen Deutschen, die vor 1989 aus der DDR in den Westen gingen, und Geflüchteten, die heute nach Deutschland kommen, den Ukas zugestellt, sie halte sich "qua Nationalität für etwas Besseres". Oder wenn nicht, dann wolle sie sich "gegen die intellektuellen, politischen und moralischen Konsequenzen imprägnieren, die es notgedrungen hat, wenn man zwischen dem Flüchtling aus Bautzen und dem aus Homs keine substanzielle Differenz erkennt".
Es ist nun aber nicht Monika Maron, sondern das Grundgesetz, das den Unterschied macht. Es kennt eben deutsche Staatsbürger und Menschen, die keine deutschen Staatsbürger sind. Was dazu im Sozialkundeunterricht der alten Bundesrepublik gelehrt wurde, lässt sich von hier aus nicht mehr ermitteln. Im Staatsbürgerkundeunterrricht der DDR, von dem noch mehr die Rede sein wird, ritt der Mann mit dem Engels-Bart, der meine Klasse betreute, jedenfalls so oft auf dem "Alleinvertretungsanspruch" der Bundesrepublik herum, dass wir Schüler irgendwann Bescheid wussten: Wir alle waren Bundesbürger, die ganze Zeit, von der Stunde unserer Geburt an! Nur eben im falschen Land und ohne Zugang zu unseren Reisepässen.
Gelänge es aber einem von uns, irgendwie hinüber zu kommen, müsste er dort kein Asylverfahren durchlaufen und nicht mal bitte, ich will bleiben, sagen. Nein, er verwandelte sich einfach aus dem Bundesbürger im Wartestand in einen mit aktivem und passivem Wahlrecht.
Qua Nationalität etwas Besseres
Qua Nationalität etwas Besseres, weil es das Grundgesetz so will, nicht Monika Maron, die das weiß, weil sie selbst in den Westen übersiedelte. Ohne Asyl beantragen zu müssen.
Aber darf man das so sagen? Als "Ostdeutscher", der ja doch nur ein karges viertel Jahrhundert in Freiheit gelebt hat und bis zu seinem 25. Geburtstag nicht im Grundgesetz lesen durfte? Oder wird man damit selbst im Handumdrehen zu einem der "Falschen", die unser Mann in Berlin säuberlich in Töpfchen sortiert, auf die er - vielleicht nur aus Höflichkeit und rücksichtsvollem früherem Naheseinglauben - nicht die Kurzform dessen schreibt, was er stattdessen in den gefühlvoll vagen Satz packt: "Es treibt mich in den Wahnsinn, dass der verordnete DDR-Antifaschismus viele einstige DDR-Bürger gegen jede Form des Antifaschismus ein für alle Mal immunisiert zu haben scheint." Ja, er ist ohne Zweifel fest überzeugt, nicht nur etwas über "notwendige Tabus", sondern auch etwas über den "verordneten DDR-Antifaschismus" zu wissen und dessen fatale Wirkungsspur bis heute nachverfolgen zu können.
Wo wir die verordneten Rituale schon damals mit der inneren Beteiligung von Toten absolviert haben, schreibt er, der keine Stunde mit dem Mann mit dem Engelsbart verbracht hat, dem faulen Zauber, an den nicht einmal die ausführenden Unterzauberer selbst noch glaubten, eine bis heute anhaltende Wirkung zu. Secondhand-Geschichte, authentisch wie ein Märchenbuch.
Vergleichsverbot
Was könnten die, die es erlebt haben, dagegen sagen? Nichts, denn wir "zwei Ostdeutsche, die meinen, die (westdeutsche) Political Correctness von 2018 sei vergleichbar mit dem Staatsbürgerkundeunterricht von vor 1989", so der Autor, wissen ja nicht einmal diesbezüglich, wovon wir reden. Im Gegensatz zu ihm haben wir zwar ein paar hundert Stunden Stabü-Unterricht nicht nur erlebt, nein, jeder von uns hat sogar ein paar Dutzend Stunden so erfolgreich gestalten können, dass Diskussionen vom Lehrer abgebrochen wurden, weil sie aus Sicht des Lehrertisches in die falsche Richtung liefen.
Dennoch scheinen wir Zeitzeugen nun ganz selbstverständlich nicht nur nicht die Deutungshoheit darüber zu haben, ob und wie sehr der DDR-Staatsbürgerkundeunterricht mit seinen Denkschablonen und Sprachvorgaben uns an die heutige Praxis politisch korrekten Sprechens erinnern darf. Wir haben nicht einmal mehr eine Stimme in der Diskussion darüber, was wir erlebt haben und was das heute mit unserer Fähigkeit zur Mustererkennung macht.
Das Urteil bleibt anderen vorbehalten. Die aus ihrer Enttäuschung darüber, dass sie uns, die damals so großherzig aufgenommenen "Ostdeutschen", schon für viel weiter gehalten hatten, keinen Hehl machen. So gut haben wir es hier, und so wenig dankbar sind wir doch. Dass wir meinen, aus unseren Erfahrungen nun noch eigenständige Bewertungen ableiten zu dürfen.
Es ist ein fast hörbares Kopfschütteln im Text. "Spätestens in dem Augenblick wusste ich, dass Debatten keinen Sinn mehr haben", heißt es in der "Zeit" zu dem Moment, wo der wohlmeinende, tolerante und trotz so mancher schrägen ostdeutschen Eigenart bisher um Integration bemühte Autor sich aus tief empfundenem Verantwortungsbewusstsein abwenden muss. "Es geschieht das, was meine Freunde 1989 befürchteten – ein Vierteljahrhundert, nachdem er sie eingerissen hat, baut der Osten neue Mauern."
Der Osten. Diese Landschaft ohne eigene Elite, ohne eigene Publizistik, ein Landstrich im Begriff, die Spuren der eigenen Geschichte demontiert zu bekommen. Wunder geschehn. Es verbietet sich, da mitzutun. "Ich bin jetzt wieder der "Wessi", der ich vor meinem Umzug 1992 war", geht der Kollege den einzigen noch möglichen Weg zurück, dorthin, woher er kam.
Heimat sei schließlich da, "wo man verstanden wird und seine Mitmenschen versteht", schreibt er am Ende, irgendwie nun doch qua Geburtsort etwas Besseres. Doch was muss, das muss. "Ich habe mich vom Osten wieder entheimatet und er sich von mir."
Uns fällt das eben nicht so leicht.
Samstag, 10. März 2018
Medien: Die Angst vor der 5. Gewalt
Das Journalisten-Ehepaar Petra Gerster und Christian Nürnberger hat ein Buch zur Verteidigung der vielkritisierten "Lügenpresse" geschrieben. Aber der Plan der beiden Insider geht nicht richtig auf.
Man tut eigentlich nur, was man immer getan hat. Und auf einmal ist alles anders. Petra Gerster ist irgendwann eine Wandlung aufgefallen, die sie nicht verstanden hat. Die Chefmoderatorin der "heute"-Nachrichten im ZDF empfing Signale eines Vertrauensverlustes, die Leute vor dem Schirm schimpften häufiger, "Lügenpresse" hieß es plötzlich auch in Richtung des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, bei dessen Frauenmagazin "Mona Lisa" Gerster einst ihre Karriere begonnen hatte.
Damals in den 90ern, so erinnert sie sich, sei ein Grundvertrauen dagewesen zwischen Zuschauern und Journalisten, zwischen Sender und Empfänger. Die Bürger könnten sich nicht zu jeder Detailfrage eine eigene Meinung und ein sicheres Urteil bilden, meint Gerster, sie müssten denen vertrauen, die Experten auf ihrem Gebiet seien. "Erodiert dieses Vertrauen, erodiert die Demokratie", glaubt Petra Gerster, die zusammen mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Christian Nürnberger, ein Buch geschrieben hat, das nach den Ursachen des Vertrauensverlustes sucht und vor seinen Folgen warnt.
Es ist ein Buch aus der Innenperspektive, das sich bemüht, denen draußen zu erklären, wie das Nachrichtengeschäft läuft. Dass das überhaupt nötig ist, analysieren Gerster und Nürnberger, liege überhaupt nur an jener fünften Gewalt, die sich den drei verfassungsmäßigen Legislative, Judikative und Exekutive und jener aus sich selbst heraus wirksamen 4. Gewalt der Medien ungebeten angeschlossen habe. Soziale Netzwerke, "ohne deren Existenz der Vertrauensverlust marginal geblieben wäre", wie die Autoren vermuten.
Das ist auch schon das ganze Problem. Nicht eine Berichterstattung, die zumindest von Teilen der Zuschauer als bevormundend oder manipulativ empfunden wird, sehen Petra Gerster und Christian Nürnberger als Ursache des angespannten Verhältnisses zwischen den etablierten Medien und ihrem Publikum. Sondern die sozialen Netzwerke: Anfangs nur vereinzelt vorgetragene Kritik von Laien an den journalistischen Profis habe durch Facebook, Twitter und Co. zu einer "nie dagewesenen Gegenöffentlichkeit" geführt. Die nicht ernst genommen, sondern von den Kritisierten als unsinnig weggewischt worden sei. "Woraus die Kritiker ableiteten, dass sie recht hatten."
Es ist nun, wo das Kind im Brunnen liegt, ein ehrenwertes, aber mühseliges Unterfangen, die "Verunsicherten, die Fragen und Zweifel haben, aber noch empfänglich sind für Argumente", davon zu überzeugen, dass dem nicht so ist. Zumal, wenn sich beide Autoren entschließen, ihre Argumentation mit den üblichen Beweisen zu begründen. So sind Facebook und Twitter natürlich auch hier wieder "Medien, die tagtäglich eine Überdosis Gift aus Lügen, Gerüchten, Verschwörungstheorien, Aberglauben und Fake News verspritzen". Eine Behauptung, die die täglich allein bei Facebook eingestellten zwei Milliarden neuen Kommentare, die überwiegend weder Gift noch Lüge noch Aberglauben enthalten, einfach für unwichtig erklärt, um in der "Überdosis Gift" einen bequemen Schuldigen an der wachsenden Kritik an der eigenen Arbeit zu finden.
Das "Misstrauensvotum", von dem Gerster und Nürnberger selbst schreiben, es ist bei den beiden Autoren nicht angekommen. Wenn es dann darum geht, zu erklären, dass etwa ARD und ZDF keine "Staatssender" sind, dann arbeitet sich das Autorenduo ausschließlich am ZDF ab. Das Verfassungsgericht hatte dessen Verwaltungsrat 2014 als "zu staatsnah" bezeichnet und gefordert, dass der Anteil von Politikern von 40 Prozent auf ein Drittel reduziert werden müsse. Das sei auch geschehen, führen Gerster und Nürnberger an - seit Juli 2017 seien unter den zwölf Mitgliedern nur noch vier Vertreter von Bundesländern.
So wahr das ist, so richtig ist auch, dass es nebenan bei der ARD ganz anders aussieht. Im MDR-Verwaltungsrat haben zum Beispiel bis heute fünf von sieben Mitgliedern ein Parteiticket. Nur zwei der Frauen und Männer, die den Auftrag haben, die Geschäftsführung der MDR-Intendantin zu überwachen, sind im bürgerlichen Beruf als Professoren an einer Universität unabhängig. Alle anderen sitzen in einem Landtag, waren früher einmal Bürgermeister, Abgeordneter oder im Vorstand ihrer Partei.
Ein Umstand, der Gerster und Nürnberger ebenso entgangen zu sein scheint wie der, dass die unabhängige "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten", die derzeit jährlich rund acht Milliarden Euro an die öffentlich-rechtlichen Anstalten verteilt, alles andere als eine "unabhängige" Institution ist. Die Mitglieder des Gremiums werden nicht öffentlich nominiert oder gewählt. Sondern, so heißt es im Gesetz, von den "Ländern entsandt" - also von den Ministerpräsidenten ausgewählt.
Handverlesen, was am Ende herauskommt. Vom früheren persönlichen Minister-Referenten über einen ehemaligen Fraktionsassistenten im Landtag, dem Ex-Chef einer Senatskanzlei und früheren Staatssekretär bis hin zum einstigen Abteilungsleiter in einem Ministerium und dem früheren Volontär eines der Sender, denen die KEF Geld zuteilt, ist alles vertreten, was nicht direkt ein Parteiamt hat. Aber so nahe dran ist, dass das "unabhängig" im Namen nach Etikettenschwindel riecht.
Nichts, was von Gerster und Nürnberger zu erfahren wäre. Erzählen die beiden alten Nachrichtenkämpen von Machtkonzentrationen im Medienbereich, dann am liebsten über die im Ausland: Die altbekannten Rubert Murdoch und Silvio Berlusconi tauchen da auf, neun Seiten lang. Die deutschen Pressezaren dagegen sind auf drei Seiten abgehandelt. Schließlich seien Hubert Burda und Frank Otto zwar "auch schwer reiche Medienunternehmer", aber beide verstünden sich "eher als Kaufleute denn als politisch agierende Verleger". Das Medienimperium der SPD, die über die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH Miteigentümerin von 40 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von etwa 2,2 Millionen verkauften Exemplaren ist, kommt gar nicht vor.
Es ist natürlich schwer, einem Buch zu trauen, das seine Wahrheiten so offenkundig selektiv auswählt. Wenn Gerster und Nürnberger in der Folge von den Umständen berichten, unter denen Nachrichten entstehen, verarbeitet, verbreitet und am Ende gesendet werden, dann tun sie das faktenreich und anhand von vielen Beispielen auch sehr anschaulich.
Doch auch hier streift das schreibende Paar die wichtigsten Punkte nur wie versehentlich: Eine Klage von Reporter ohne Grenzen gegen den Bundesnachrichtendienst (BND) wegen dessen Bespitzelung von Journalisten wird erwähnt. Das Urteil Bundesverwaltungsgerichtes, das es dem BND seit Dezember 2017 verbietet, Verbindungsdaten aus Telefongesprächen von Reporter ohne Grenzen zu speichern, nicht.
Noch lässiger fliegen Gerster und Nürnberger über das "im Oktober verabschiedete Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung" (VDS) - gemeint ist wohl der Oktober 2015, vergessen wurde, dass die VDS trotz des Parlamentsbeschlusses zur Wiedereinführung bis heute ruht, weil Gerichte und europäische Institutionen ernsthafte Bedenken wegen ihrer Verfassungsmäßigkeit und ihrer Übereinstimmung mit Europarecht hegen.
Wer solche Fehler macht, muss eigentlich über Fake News schweigen.
Mittwoch, 7. März 2018
Digitalisierung: Als Helmut Kohl die Zukunft begrub
Nein, es sind nicht die Grünen schuld, dass es mit dem Internet nicht richtig läuft in Deutschland.. Zwar machte die damals noch alternative Partei in ihrem Wahlprogramm gegen die Informations- und Kommunikationstechniken Front: Die Grünen lehnten eine "Informatisierung der Gesellschaft" ab und brandmarkten die "Computerisierung und informationstechnische Vernetzung" als Mittel zur Unterdrückung. In einem Parteitagsbeschluss unterstützten die Grünen den Widerstand gegen die neue Technik und forderten eine "bedürfnisorientierte Technikentwicklung". Abgelehnt würden die "Digitalisierung der Fernsprechnetze" und ein Aufbau von Glasfasernetzen, unterstützt ein Stopp des Kabel- und Satellitenfernsehens sowie ein Ende des Internet-Vorläufers Bildschirmtext (BTX).
Doch das Ende des Anfangs von Deutschland als einer der weltweit führenden Hightech-Nationen markierte jemand anders. Bundeskanzler Helmut Kohl, ein erklärter Freund der Wirtschaft, stellt kurz nach seinem Amtsantritt entscheidende Weichen so, dass die damalige Bundesrepublik beim Ausbau der für das Internet bis heute notwendigen Infrastruktur so entscheidend ins Hintertreffen gerät, dass die bereits seit fünf Jahren als Staatssekretärin für den Digitalausbau amtierende CSU-Politikerin Dorotheee Bär den Beginn ihrer zweiten Amtszeit mit der Forderung feiern kann, es müsse nun "mehr Tempo bei der Digitalisierung" her.
Tempo, das seinerzeit unter Kohls Vorgänger Helmut Schmidt durchaus vorhanden war. Im April 1981, also vor fast 40 Jahren, wurde während einer Kabinettssitzung der Beschluss gefasst, die damals noch staatseigene Bundespost zu beauftragen, "den zügigen Aufbau eines integrierten Breitband- und Glasfasernetzes vorzunehmen", wie es in einem Sitzungsprotokoll heißt. 1985 sollte der Startschuss fallen, bis 2015 wollte Schmidt die gesamte alte Bundesrepublik mit einem Glasfasernetz aufrüsten, das damals wie heute als zukunftsweisende Möglichkeit gilt, Daten zu übertragen.
Die Pläne waren fertig. Pro Jahr sollten drei Milliarden D-Mark ausgegeben werden, insgesamt also nach heutigen Preisen etwa 45 Milliarden Euro. Ein Schnäppchen in Zeiten, in denen allein der Bund pro Jahr rund die doppelte Summe ausgibt, um den Ausbau durch private Unternehmen zu fördern. Und damit bisher nur erreicht hat, dass Deutschland auf Platz 28 von 32 Staaten bei der Versorgung mit Glasfaser-Netzen liegt.
Der Grund dafür ist der Regierungswechsel. Als Schmidt ging und Kohl kam, hatte die Glasfaser keinen Freund mehr im Kanzleramt. Kohl war eng verbunden mit dem Medienmogul Leo Kirch, dessen Interesse galt dem Ausbau von Kabelnetzen zur Versorgung mit den neuen Fernsehsender Sat1 und RTL, auf die auch die CDU setzte. Mit der „geistig-moralischen Wende" von 1982 wurden die Glasfaserpläne auf den Müll geworfen und unter dem damaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling stattdessen technische Ausbau der Verkabelung mit Kupferkabeln vorangetrieben. Schwarz-Schillings schade war das nicht: Erst kurz vor der Ernennung zum Minister verkaufte er die Anteile an der Firma, die den Ausbau übernahm.
Aus dem Ziel, Deutschland zum Vorreiter beim Einsatz von Glasfaser-Technologien zu machen und damit Vorteile für die Exportwirtschaft zu sichern, wurde nichts.
Bis heute.
Doch das Ende des Anfangs von Deutschland als einer der weltweit führenden Hightech-Nationen markierte jemand anders. Bundeskanzler Helmut Kohl, ein erklärter Freund der Wirtschaft, stellt kurz nach seinem Amtsantritt entscheidende Weichen so, dass die damalige Bundesrepublik beim Ausbau der für das Internet bis heute notwendigen Infrastruktur so entscheidend ins Hintertreffen gerät, dass die bereits seit fünf Jahren als Staatssekretärin für den Digitalausbau amtierende CSU-Politikerin Dorotheee Bär den Beginn ihrer zweiten Amtszeit mit der Forderung feiern kann, es müsse nun "mehr Tempo bei der Digitalisierung" her.
Tempo, das seinerzeit unter Kohls Vorgänger Helmut Schmidt durchaus vorhanden war. Im April 1981, also vor fast 40 Jahren, wurde während einer Kabinettssitzung der Beschluss gefasst, die damals noch staatseigene Bundespost zu beauftragen, "den zügigen Aufbau eines integrierten Breitband- und Glasfasernetzes vorzunehmen", wie es in einem Sitzungsprotokoll heißt. 1985 sollte der Startschuss fallen, bis 2015 wollte Schmidt die gesamte alte Bundesrepublik mit einem Glasfasernetz aufrüsten, das damals wie heute als zukunftsweisende Möglichkeit gilt, Daten zu übertragen.
Die Pläne waren fertig. Pro Jahr sollten drei Milliarden D-Mark ausgegeben werden, insgesamt also nach heutigen Preisen etwa 45 Milliarden Euro. Ein Schnäppchen in Zeiten, in denen allein der Bund pro Jahr rund die doppelte Summe ausgibt, um den Ausbau durch private Unternehmen zu fördern. Und damit bisher nur erreicht hat, dass Deutschland auf Platz 28 von 32 Staaten bei der Versorgung mit Glasfaser-Netzen liegt.
Der Grund dafür ist der Regierungswechsel. Als Schmidt ging und Kohl kam, hatte die Glasfaser keinen Freund mehr im Kanzleramt. Kohl war eng verbunden mit dem Medienmogul Leo Kirch, dessen Interesse galt dem Ausbau von Kabelnetzen zur Versorgung mit den neuen Fernsehsender Sat1 und RTL, auf die auch die CDU setzte. Mit der „geistig-moralischen Wende" von 1982 wurden die Glasfaserpläne auf den Müll geworfen und unter dem damaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling stattdessen technische Ausbau der Verkabelung mit Kupferkabeln vorangetrieben. Schwarz-Schillings schade war das nicht: Erst kurz vor der Ernennung zum Minister verkaufte er die Anteile an der Firma, die den Ausbau übernahm.
Aus dem Ziel, Deutschland zum Vorreiter beim Einsatz von Glasfaser-Technologien zu machen und damit Vorteile für die Exportwirtschaft zu sichern, wurde nichts.
Bis heute.
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Montag, 5. März 2018
NetzDG: Die Schlinge um die Freiheit zieht sich zu
Nie zuvor blockierte der Kurznachrichtendienst Twitter so viele deutsche Nutzer wie im Moment. Erschreckender aber noch ist die Geschwindigkeit, mit der Deutschland zu einer Nation wurde, die mehr Accounts blockiert als die Erdogan-Türkei.
Im ersten Halbjahr 2017 war noch alles ganz normal. Nach dem sogenannten Transparenz-Bericht des US-Unternehmens Twitter wurden seinerzeit knapp 200 Twitternutzer zumindest teilweise blockiert - Accounts blieben offen, doch Tweets wurden teilweise öffentlich nicht mehr angezeigt. Verglichen etwa mit der Türkei eine überschaubare Zahl: In der Türkei wurden rund 20 mal soviele Accounts gemeldet und rund zehnmal so viele gesperrt.
Doch es dauerte nur ein halbes Jahr und Deutschland hat den Rückstand aufgeholt. Wie neue Zahlen zeigen, die das Internetportal Buzzfeed durch Hochrechnungen ermittelt hat, waren es ausgerechnet Deutschland und Frankreich, in denen Twitter zuletzt eine noch nie dagewesene Anzahl von Accounts blockiert. Noch vor Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes lasse der Anstieg vermuten, dass Deutschland mit 751 für Nutzer im Inland unsichtbaren Accounts inzwischen vor der Türkei liegen könnte, die nach Angaben von BuzzFeed derzeit 721 Twitterer blockiert.
Ursache des sprunghaften Anstiegs sei eine steigende Zahl von Anträgen von Regierungen, NGOs und anderen Organisationen, denen Twitter offenbar immer öfter folge. 2013 gab es nur ein entsprechendes Gesuch aus Deutschland, das Twitter damals ablehnte. Im ersten Halbjahr 2017 lag die Zahl der Anfragen dann bei 443, das ist Platz 4 weltweit, von denen ein Viertel befolgt wurde. Nur für Russland und Australien lag der Wert noch höher.
Twitter nennt den Prozess der Sperrung von Accounts oder Tweets in bestimmten Ländern nicht "Blockieren" sondern "Zurückhalten". Inhalte von in Deutschland zurückgehaltenen Accounts sind für Twitter-Nutzer in Deutschland nicht mehr sichtbar, bleiben das aber für Nutzer in allen anderen Ländern - selbst wenn diese sich nicht in einem anderen Land befinden, sondern nur in ihren Accounteinstellungen ein anderes Heimat- oder Aufenthaltsland angegeben haben.
Sowohl Twitter als auch die deutsche Agentur, die für Anfragen zur Löschung von Inhalten verantwortlich ist, hat es ablehnt, die BuzzFeed-Zahlen zu kommentieren.
Medienfreiheit: Wie deutsche Behörden US-Firmen nutzen, um InternetiInhalte sperren zu lassen
Im ersten Halbjahr 2017 war noch alles ganz normal. Nach dem sogenannten Transparenz-Bericht des US-Unternehmens Twitter wurden seinerzeit knapp 200 Twitternutzer zumindest teilweise blockiert - Accounts blieben offen, doch Tweets wurden teilweise öffentlich nicht mehr angezeigt. Verglichen etwa mit der Türkei eine überschaubare Zahl: In der Türkei wurden rund 20 mal soviele Accounts gemeldet und rund zehnmal so viele gesperrt.
Doch es dauerte nur ein halbes Jahr und Deutschland hat den Rückstand aufgeholt. Wie neue Zahlen zeigen, die das Internetportal Buzzfeed durch Hochrechnungen ermittelt hat, waren es ausgerechnet Deutschland und Frankreich, in denen Twitter zuletzt eine noch nie dagewesene Anzahl von Accounts blockiert. Noch vor Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes lasse der Anstieg vermuten, dass Deutschland mit 751 für Nutzer im Inland unsichtbaren Accounts inzwischen vor der Türkei liegen könnte, die nach Angaben von BuzzFeed derzeit 721 Twitterer blockiert.
Ursache des sprunghaften Anstiegs sei eine steigende Zahl von Anträgen von Regierungen, NGOs und anderen Organisationen, denen Twitter offenbar immer öfter folge. 2013 gab es nur ein entsprechendes Gesuch aus Deutschland, das Twitter damals ablehnte. Im ersten Halbjahr 2017 lag die Zahl der Anfragen dann bei 443, das ist Platz 4 weltweit, von denen ein Viertel befolgt wurde. Nur für Russland und Australien lag der Wert noch höher.
Twitter nennt den Prozess der Sperrung von Accounts oder Tweets in bestimmten Ländern nicht "Blockieren" sondern "Zurückhalten". Inhalte von in Deutschland zurückgehaltenen Accounts sind für Twitter-Nutzer in Deutschland nicht mehr sichtbar, bleiben das aber für Nutzer in allen anderen Ländern - selbst wenn diese sich nicht in einem anderen Land befinden, sondern nur in ihren Accounteinstellungen ein anderes Heimat- oder Aufenthaltsland angegeben haben.
Sowohl Twitter als auch die deutsche Agentur, die für Anfragen zur Löschung von Inhalten verantwortlich ist, hat es ablehnt, die BuzzFeed-Zahlen zu kommentieren.
Medienfreiheit: Wie deutsche Behörden US-Firmen nutzen, um InternetiInhalte sperren zu lassen
Samstag, 24. Februar 2018
Goitzsche Front: Der Bitterfelder Weg
Zum ersten Mal seit Tokio Hotel vor knapp zehn Jahren hat es wieder eine Band aus Sachsen-Anhalt an die Spitze der deutschen Albumcharts geschafft. Diesmal steht kein Masterplan und kein Großkonzern hinter dem Phänomen.
Erstmals seit 2009 steht wieder eine Band aus Sachsen-Anhalt auf dem Spitzenplatz der deutschen Albumcharts. Goitzsche Front aus Bitterfeld, vor zwei Jahren mit ihrem Album "Mon(u)ment" schon wie aus Nichts auf Platz 6 gelandet, sitzen mit ihrem neuen Werk "Deines Glückes Schmied" auf dem Hitparadenthron. Vor knapp zehn Jahren war es die Magdeburger Teenie-Gruppe Tokio Hotel, die mit einem solchen Erfolg Furore machte für ein Bundesland, dessen Rockmusikszene kaum je für überregionales Aufsehen sorgt. Und nun jetzt sind es vier junge Männer aus Bitterfeld: Christian Schulze, Maxi Beuster, Pascal Bock und Tom Neubauer, die ihre Band vor zehn Jahren eigentlich nur als Spaßkapelle gegründet hatten, dann aber immer deutlicher merkten, dass da mehr geht.
Der Unterschied zu Tokio Hotel könnte nicht größer sein. Kamen die schon mit ihrer Debütsingle überall ins Fernsehen, weil ein großes Teenie-Magazin den Hype gezielt anheizte, sind es bei ihren Nachfolgern die sozialen Netzwerke, die den Erfolg tragen. Videos wie „Der Osten rockt“, „Menschlich“ oder „Männer aus Stahl“ kommen auf Millionen Abrufe und lassen damit etablierte Ostbands der alten Garde wie Silly, Karat und die Puhdys um Längen hinter sich. Inzwischen spielen die vier Musiker regelmäßig vor ausverkauftem Haus, jedes Konzert wird angegangen wie ein Endlauf bei Olympia, höchste Konzentration, dann alles geben, was da ist.
Das sei alles nicht geplant gewesen, beschreibt Gitarrist Maxi Beuster, der als letzter zur Band stieß, die der heute seine Familie nennt. Irgendwie aber funktionierte es, irgendwann bemerkten die vier Bitterfelder, dass sie zusammen etwas zustandebringen können, was in vielen Menschen eine Saite zum Schwingen bringt. Niemand hier hatte die Absicht, Größen wie Ed Sheeran, Justin Timberlake, Helene Fischer oder Peter Maffay in den Charts hinter sich zu lassen. Aber nun ist es passiert: „Deines Glückes Schmied“, ein handfestes, gefühlsseliges und erdigen Album, angefüllt mit 16 Hymnen an das Leben, die Liebe und das Leid, katapultiert Beuster, Schulze, Bock und Neubauer in Sphären, von denen sie nicht einmal geträumt haben.
Aber darauf hingearbeitet, das haben sie, ohne Kompromisse zu machen. Echt sein, sich nicht anpassen und machen, was man selbst für richtig hält - seit der 29-jährige Bock und seine Kindergartenkumpel Schulze und Neubauer ihre Band vor neun Jahren mit wenig Können und viel Euphorie gründeten, sind die Musiker aus Bitterfeld diesem Grundsatz treu geblieben. Es ging nie um Image, Stromlinienform und Mode. „Sondern darum, zu machen, was man glaubt, tun zu müssen“, wie Bock sagt. Maximilian Beuster, mit 23 der Jüngste der Band, bestätigt das. „Wir sind wirklich nicht nur Bandkollegen, sondern die allerbesten Freunde.“
Immer noch müssen die Bandmitglieder Urlaub nehmen, um auf Tour gehen zu können. Demnächst geht es los - erst solo, dann als Anheizer für die Kollegen von Frei.Wild. Eine neue Herausforderung. "Vor so vielen Leuten haben wir noch nie gespielt", sagt Maximilian Beuster und es klingt nach Respekt und Vorfreude. Der legendäre Bitterfelder Weg, er führt weiter, immer weiter. Mal sehen, bis wohin, sagen sie selbst.
Konzerttrermine in diesem Jahr
Standort:
Bernsteinweg, 06749, Deutschland
Freitag, 23. Februar 2018
Saale-Paddeln: Ein Traum von einem Fluss
Jahrzehntelang galt die Saale als vergifteter Strom. Heute finden Paddler hier idyllische Landschaften. Das weiß nur leider niemand.
Es ist still an dieser engen Stelle vor der malerischen Brücke, an der der Fluss seine ganze Kraft durch eine kaum 30 Meter breite Engstelle presst. Eine Minute, länger schwimmt niemand gegen die Strömung an. Ein Flussregenpfeifer tiriliert, ein paar Frösche quaken. Die Blätter der Bäume am Ufer rauschen. Am Ufer gegenüber geht die Sonne unter.
Wäre nicht der Zug, der gerade nebenan über die Brücke donnert, die Wiese am Parkkiosk von Rolf Wintermann könnte irgendwo an einem schwedischen Flüsschen oder weit im Osten an den masurischen Seen liegen. Spiegelndes Wasser, endloses Grün, völlige Einsamkeit. Doch was sich hier bei Dehlitz, einem winzigen Flecken zwischen Weißenfels und Bad Dürrenberg, tief ins Tal duckt, ist nicht der berühmte Paddelfluss Krutynia und es ist auch kein schwedischer See in den Nordmarken. Sondern die Saale, ein Gewässer, dem noch immer das Image anklebt, stinkend, schmutzig, giftig und überaus hässlich zu sein.
Abschied von der Kloake
Nicht zufällig natürlich. Noch vor einem Vierteljahrhundert war der Fluss, der bei Zell im Fichtelgebirge entspringt und über Thüringen kommend Richtung Elbe fließt, tatsächlich mehr Kloake als Fließgewässer. Leuna, Buna und unzählige andere Fabriken leiteten ihr Abwasser mehr oder weniger ungeklärt ein. Das Saalewasser, eine braune Brühe mit unverwechselbarem Geruch, kroch schaumgekrönt durch die Landschaft. Kaum ein Fisch mehr, kaum noch Leben. Vorbei die Tage, als der 17-jährige Joseph von Eichendorff von Gimritz bis nach Trotha schwamm und der Schwimmverein Schwan am Ufer "Gut Nass, Hurra!" jubelte. Statt "silbern glänzender Wellen", wie sie der begeisterte Saale-Schwimmer Johannes Teller Anfang des vergangenen Jahrhunderts beschrieb, nur stickiger Chemienebel. Mitte der 80er <
Ein Ruf, der dem Fluss bis heute nachhängt - und das völlig zu Unrecht. Nicht nur, weil sein Wasser längst das Prädikat "chemisch gut" trägt. Sondern auch, weil die Saale alles hat, was sie zu einem beliebten Paddel- und Kanurevier machen könnte: Unberührte Natur mit fliegenden Bussarden und Graureihern, Bachstelzen, Enten und Nutrias, eine touristische Infrastruktur mit Zeltplätzen und Gaststätten, Sehenswürdigkeiten an beiden Ufern und zwischen ihnen einen Strom, der jedes Boot gemächlich schiebt, so dass das Paddeln auch mal unterbleiben kann.
Alles das hat die Saale. Nur Paddler und Kanuten hat sie kaum. Nach einer Untersuchung der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalts halten derzeit nur sechs Prozent der Deutschen die Saale-Unstrut-Region für eine Wassersport-Gegend. "Manchmal kommen zwei, manchmal zwölf", sagt Rolf Wintermann, der in Dehlitz die letzte Verpflegungsstation vor dem weltvergessenen Stück Strecke nach Merseburg betreibt. Das ist der Andrang an einem Wochenende. "Da ist immer mehr los", sagt Wintermann, der seinen Kiosk mit Anlegesteg und Zeltwiese nur nebenbei betreibt. "Leben kann man davon nicht.
Die Zahlen machen es deutlich. Anfang der 90er, als über den wahren Zustand der Saale berichtet werden durfte, wagten sich keine 500 Paddelboote pro Jahr auf den Fluss. Doch je sauberer die Saale später wurde, desto beliebter wurde sie. Fast 8 000 Boote waren 2009 zwischen Naumburg und Barby unterwegs, so viel wie seither nie wieder. Letztes Jahr zählten die Schleusenwärter des Wasserstraßenamtes Magdeburg nicht einmal mehr 5 500 Boote, die zwischen Frühjahr und Herbst auf dem Fluss unterwegs waren. Selbst die Unstrut, die bei Naumburg in die Saale mündet, zieht mehr als dreimal so viele Freizeitkapitäne in Kanadiern und Faltbooten an.
Wenn die Saale bepaddelt wird, dann "gehört die Strecke Camburg - Naumburg zu den am stärksten frequentierten Abschnitten", beschreibt Matthias Beyersdorfer, der Geschäftsführer des Fördervereins Blaues Band e.V. Auch die 90 Kilometer zwischen Halle und der Mündung in die Elbe werden nach Erfahrungen des halleschen Bootsvermieters Thoralf Schwade häufiger befahren als die Strecke von Naumburg nach Halle. Dabei ist die Saale gerade hier eines dieser von Menschen und Massentourismus noch völlig verschonten Gebiete, nach denen Paddler und Kanuten in ganz Europa suchen.
Dennoch setzt am Blütengrund in Naumburg am Morgen nur eine einzige Familie in Faltbooten ein, erfahrene Paddler, bei denen jeder Handgriff sitzt. Vom Start weg ist die Strömung kräftig; die Unstrut, die 400 Meter flussaufwärts in die Saale fließt, drückt mehr als die Morgensonne. Naumburg liegt nur ein paar hundert Meter hinter dem rechten Ufer, ist aber vom Wasser aus genau so unsichtbar wie es später die meisten Dörfer entlang der Route sein werden.
Das Wasser ist klar, kein "Blaues Band", wie die Werbeschilder am Ufer suggerieren, aber ein grünbraunes, das im Licht glitzert. Die Schönburg Ludwig des Springers taucht auf, danach Schloss Goseck. An der Oeblitzschleuse bietet Peter Frick Wasser- und Radwanderern Essen und kalte Getränke. Eine Stunde weiter wartet schon das Bootshaus eines Rudervereins. Es wäre Platz für zahlreiche Paddler, auf dem gemütlich dahinschlängelnden Fluss und auf der Terrasse. "Aber Paddler sind eher selten", sagt die Kellnerin.
Obwohl die Förderservice GmbH der Investitionsbank des Landes den Wassertourismus auf der Saale seit 20 Jahren auf Messen und neuerdings auch im Internet vermarktet, sind nirgendwo welche zu sehen. Stattdessen kommt Weißenfels in Sicht und mit der größten Stadt auf der Strecke auch das Gefühl, dass die alte Saale noch nicht ganz tot ist - hinter der Brückenmühlenschleuse riecht sie nur so.
Masterplan Tourismus
Hier tauchen auch unübersehbare Hinterlassenschaften des Hochwassers von 2013 auf, das den Wassertourismus auf der Saale, der Teil des Masterplan Tourismus 2020 ist, um zehn <
Zum Glück endet Sachsen-Anhalts hässliches Stück Wasserseite bald. Nun wird das Saaletal wieder zu einem verwunschenen Ort, an dem Outdoorfans und Freizeitkanuten durch waldige, grüne Einsamkeit treiben. Hinter Rolf Wintermanns Kiosk gibt es keine Verpflegungsmöglichkeiten mehr, nur Hindernisse. Die meisten Schleusen sind jetzt auf Selbstbedienung ausgelegt. Funktioniert eine nicht, geht unter Umständen auch niemand ans Telefon. Die noch von Wärtern betreuten Hebewerke dagegen sind wochentags geschlossen und am Wochenende nur halb besetzt. Der Masterplan für Touristen: Wer Kanu und Gepäck nicht umtragen will, übt sich in Geduld.
www.blaues-band.de
www.bootsverleih-halle.de
www.saale-unstrut.de
www.bootsverleih-halle.de
Samstag, 17. Februar 2018
FDJler mit Fingern am Hintern: Wir DDR-Amerikaner
Der Tabubruch ist komplette Handarbeit. Sieben Zentimeter lang, fünf breit und mit klitzekleinen Mäusestichen hinten an die Tasche der Jeanshose genäht. Ein Affront aus Baumwolle, der Klassenfeind auf Unterwandertour in der DDR Ende der 70er Jahre. Schwurfinger, die das Victory-Zeichen zeigen, das ist schrecklich genug, denn in der finalen Phase des Kalten Krieges zählt nicht mehr, dass dessen Erfinder Winston Churchill seinerzeit einem Land vorstand, das gegen den sogenannten Hitlerfaschismus verbündet war mit dem Bruderland der DDR, der großen sozialistischen Sowjetunion. Es kann ja auch nicht zählen, denn die ideologischen Kriegsführer im Westen haben den Stoffpatch mit der Schwurhand mit den amerikanischen Farben zum Überbringer einer klaren Botschaft gemacht. Wir werden siegen. Ihr werdet verlieren.
Nachdem die willige Freundin das „Aufnäher“ genannte Stück Stoff auf die Jeans gepappt hatte, wurde der Träger der Hose zum Verkünder der Wahrheit des Gegners im Ringen der Systeme. Egal, ob die Jeans eine Levis, Wrangler, Edwin oder Wisent war, wo das Victory-Zeichen in US-Flaggenfarben prangte, schrillte der Klassenkampf-Alarm. Lehrer bezogen ideologische Schützengräben, Direktoren luden in ihr Büro, Pionierleiter eilten mit Bastelscheren durchs Treppenhaus, um den Angriff der 5. Kolonne Washingtons auf das Herz des sozialistischen Bildungssystems abzuwehren.
Das von einem sogenannten Sowjetmenschen entworfene und der Uno vom sozialistischen Brudervolk geschenkte Schwerter-zu-Flugscharen-Symbol zu tragen, war schrecklich. Doch die Schwurfinger des amerikanischen Imperialismus übertrafen alles. Eltern mussten antreten und ihren Nachwuchs gegen den Vorwurf des Verrats an den Grundsätzen von Frieden, Freundschaft und Solidarität verteidigen. FDJ-Leitungen waren gezwungen, ihr Nichteingreifen mit Blindheit zu entschuldigen. Fiel ein Victory-Aufnäher einer Volkspolizei-Streife auf der Straße auf, hieß es „mitkommen, Klärung eines Sachverhaltes“.
Und der ließ sich nie mit dem Hinweis klären, dass der staatsfeindliche Aufnäher aus dem befreundeten Ungarn oder von einem Straßenmarkt im RGW-Bruderland Polen stammte. „Wir sind hier in der DDR“, sprach der Wachtmeister da, „hier gelten unsere sozialistischen Gesetzlichkeiten.“ Die eine völkerverbindenden Verbindung von DDR-Boxerjeans, steif, unausbleichbar und mit abspringenden Knöpfen, mit Amerikanergruß aus einer polnischen Kellernäherei nicht vorsah.
Eben das machte es ja so spannend. Je weiter weg Amerika in der DDR-Propaganda rückte, je mehr aus Amerikanern bluttrünstige, mordgierige, die Welt unterjochende Monster wurden, desto reizvoller schien es, selbst Amerikaner zu sein, und sei es nur ein bisschen, durch lange Haare, Jeans und ein Stück Stoff am mageren Teenager-Arsch. Ein Risiko war ja auch kaum dabei, denn außer einer Stellungnahme, abzugeben vor dem FDJ-Kollektiv, das Mühe hatte, nicht in Gelächter auszubrechen, drohte höchstens ein Tadel beim Morgenappell. Erwischt zu werden brachte damit auch noch Anerkennung von allen, die auch lieber Amerikaner gewesen wären als kleines Neubaukind.
Donnerstag, 8. Februar 2018
Vollendete Einheit: Erstmals kein Ostdeutscher unter den Ministern
Zahlen lügen nicht, auch nicht die über den Zustand der deutschen Einheit, ausgedrückt durch die Zahl der gebürtigen Ostdeutschen am Kabinettstisch. Dort saß all die Jahre seit der Wiedervereinigung stets mindestens ein gebürtiger Ostdeutscher im Ministeramt: Lange war das Hans-Dietrich Genscher, später Wolfgang Tiefensee, schließlich Manuela Schwesig. Es galt auch als Symbol, dass Ostdeutschland wenigstens irgendwie in der Regierung vertreten war - so wie die Parteien stets darauf achteten, dass die einzelnen westdeutschen Landesverbände ja nach Stärke vertreten waren, so galt der Ossi im Regierungsamt als wichtiges Signal in die neuen Länder: Ihr seid vertreten, ihr seid dabei, ihr werdet nicht nur verwaltet, er regiert selbst mit.
Nie reichte die Zahl der Ostdeutschen zwar, ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung zu repräsentieren - sowohl bei CDU als auch bei SPD, der FDP und den Grünen waren die Landesverbände in den alten Ländern immer stärker. Aber der neuen Großen Koalition fehlt nun erstmals nicht nur die Kraft für „Visionen“, wie die Linke beklagt. Sondern auch die Kraft, an bisher üblicher Symbolik festzubehalten. Was sich da in Berlin demnächst als neue Regierung zusammenfindet, wird, bleibt es bei der derzeit bekannten Besetzung der Ämter - die erste bundesdeutsche Regierung ohne jeden ostdeutschen Minister - selbst 1958, 1968, 1978 und 1988 saßen mehr Leute mit einem Geburtsort östlich der Elblinie als Minister im Kabinett als im Jahre 2018.
In dem liegt die Quote bei genau Null. Ein Zustand, der keineswegs normal, sondern Ausdruck einer Entwicklung ist, die bereits seit einigen Jahren anhält. Wo rein rechnerisch zwei bis drei Minister im Osten geboren sein müssten, ist es keiner. Dafür stammen zwei von der Saar und drei aus Bayern.
Das könnte ein Zufall sein. Doch es ist wohl keiner. In der scheidenden Groko werden 57 von 60 Staatssekretärsstellen von gebürtigen Westdeutschen besetzt. Bis zum krankheitsbedingten Wechsel in Schwerin waren drei von sechs ostdeutschen Ministerpräsidenten gebürtige Westdeutsche (inkl. Berlin). In der Landesregierung von Sachsen-Anhalt sitzen derzeit so wenige ostdeutsche Minister wie noch nie seit 1990. Kein Wunder: Nach den Ergebnissen einer Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena besetzen Ostdeutsche bundesweit nur 1,7 Prozent der Führungspositionen.
Wenig für 17 Prozent der Bevölkerung. Natürlich: Die in Hamburg gebürtige Bundeskanzlerin wird gern als Ausgleich bemüht, in dem der Geburtsort zur Nebensache erklärt wird. Wichtig sei nur die Sozialisation Merkels in der DDR, nicht ihre Herkunft. Doch diese Argumentation lenkt eher vom Phänomen ab: Neben Angela Merkel sitzen im Vorstand der CDU ausschließlich gebürtige Westdeutsche.
Warum ist das so? Warum ist die Vertretung Ostdeutscher in den gesellschaftlichen Institutionen, Parlamenten und in wirtschaftlichen Leitungsfunktionen heute niedriger als sie jemals nach 1990 war?
Statt die Frage zu stellen und nach einer Ursache des rätselhaften Phänomens zu suchen, haben sich die Groko-Verhandler entschlossen, Normalität durch Verzicht auf die Symbolik einer Beteiligung Ostdeutscher an der Leitung von Ministerien zu behaupten.
Wo es nach 28 Jahren, in denen eine ganze Generation, die die DDR nur als Kind und Jugendlicher erlebt hat, Universitäten absolvierte, um heute mit Mitte 40 über eine Ausbildung und einen Erfahrungsschatz zu verfügen, der sich kaum von westdeutschen Altersgenossen unterscheiden dürfte, eigentlich eine Veränderung hin zu mehr ostdeutscher Repräsentanz geben müsste, wird sie weniger. Schließlich sind die, die da jetzt kommen, keine gelernten DDR-Lehrer mehr, keine sozialistisch sozialisierten Funktionäre und keine durch den Verlust ihrer Arbeitsplätze gleich nach der Vereinigung frustrierten Altkader.
Und trotzdem tauchen sie nicht auf. Sind das fortgesetzte Zufälle? Oder sind Ostdeutsche zu dumm? Unqualifiziert? Haben sie nicht die richtigen Verbindungen? Treten sie falsch auf? Einen Grund muss es geben, aber wo die Frage nicht gestellt wird, wird er im Dunkeln bleiben.
Das wirklich Frappierende dabei ist nicht der Fakt an sich, sondern die Aussage die er trifft: Wie ein kompletter Ostverzicht im Osten ankommen wird, konnte man sich selbst in dem Raumschiff ausmalen, in dem die Groko-Verhandler seit Wochen durch ihren eigenen Kosmos geflogen sind. Sie haben offenbar dennoch vor, darüber hinwegzusehen. Weil die Kraft nicht für soetwas auch noch reicht. Weil dort Westdeutsche mit Westdeutschen über ganz andere Dinge verhandeln. Weil es vielleicht auch schon völlig egal ist.
Man weiß es nicht. Aber mehr muss im Osten auch niemand wissen über die Bedeutung, die Ostdeutschland in den kommenden dreieinhalb Jahren haben wird.
Ostdeutschland: Ein Land ohne eigene Eliten
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Samstag, 3. Februar 2018
Werkunterricht in der DDR: Das geheimnisvolle Holzstück
Ein Holzstück, eigenartig geformt, glattgeschliffen und von rätselhafter Bedeutung. Das Holz ist weich, Buche vielleicht, es hat ein paar Druckstellen und am Rand ist hier und dort etwas weggesplittert. Ein benutzter Gegenstand, augenscheinlich nicht aus einer Fabrik, sondern aus der Hand eines Laien. Passgenau gefertigt für einen Zweck, der heute ein Rätsel ist: Im Werkunterricht der Polytechnischen Oberschule der DDR war der Holzklotz zumindest in Schulen, deren Einzugsgebiet in Neubaustädten lag, Pflicht.
In den Kellern der Schulen, wo sich die Werkräume mit ihrem Duft aus Holzspänen, Lötkolben, Kanalisation und Kinderschweiß befanden, schnallten sich bereits die Jüngsten aus der 1. Klasse Schürzen um und begannen, an Werkstücken zu feilen, Vogelhäuschen zu zimmern und Löcher in Plastikstücke zu bohren, aus denen Brieföffner wurden, die dann zu Weihnachten stolz verschenkt und von den Eltern glücklich angenommen wurden, wiewohl jeder über zehn wusste, dass sie niemals von irgendjemandem benützt werden würden.
Der Werkunterricht, später erweitert um die fürchterliche Fächer Einführung in die Sozialistische Produktion und Produktive Arbeit, dienten dazu, der nachwachsenden Generation erste handwerkliche Fertigkeiten für das Leben in einem Land zu vermitteln, das ohne das weitverzweigte Netz aus Dienstleistungen auskommen musste, das heutige Gesellschaften auszeichnet. Einen Nagel einschlagen, eine Schraube drehen, Zangen benutzen und Löcher bohren – der DDR-Mensch, der nach den Idealvorstellungen seiner proletarischen Führung ein polytechnisch gebildetes Wesen von hohem Intellekt, großer Bildung, leidenschaftlicher Liebe zur Kultur und fabelhafter handwerklicher Geschicklichkeit sein sollte, begann früh, sich die ersten Überlebenstechniken anzueignen.
Das Holzstück zu formen, aus einem groben Scheit, gehörte dazu. Es musste zugesägt werden, dann angerissen, schließlich mit einer Raspel bearbeitet und dann mit Feile und Sandpapier seidenweich gestriegelt werden. Die seltsame Form verdankte sich der vorgesehenen seltsamen Nutzung: Das Holzstück war dafür gedacht, ins standardisierte Fensterprofil der Neubauwohnungen geschoben zu werden, wo es als Ausgleich für die häufig fehlenden Thermostate für Lüftung sorgte.
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Standort:
Halle (Saale), Deutschland
Donnerstag, 1. Februar 2018
Donots: Im Gegenwind surfen
Kurz vor dem ersten Vierteljahrhundert der Bandgeschichte setzen die Donots aus dem Münsterland mit dem zweiten deutschsprachigen Album Maßstäbe.
Als der weltenbummelnde Punk Frank Turner ihnen damals vor fünf Jahren beim Album "Wake the Dog" bei einem Song half, war das ein Ritterschlag. Als Rise Against-Gitarrist Tim McIlrath wenig später bei "Das Neue bleibt beim Alten" in die Saiten griff, war klar, dass Anerkennung für schnelle, scharfe Punkmusik nicht von der Sprache abhängt, in der gesungen wird. Mit "Karacho" wechselten die Donots vor drei Jahren dann wirklich und vollständig vom Englischen ins Deutsche.
Aus der Band, die zwei Jahrzehnte lang Punk im Stil von The Clash, Sham 69 und The Jam gemacht hatte, wurde ein Quintett, das auf Augenhöhe mit den Toten Hosen, Sportfreunden Stiller und Tocotronic spielte. Nur dass Sänger Ingo Knollmann, sein Bruder Guido an der Gitarre, der zweite Gitarrist Alex Siedenbiedel, Bassist Jan-Dirk Poggemann und Trommler Eike Herwig ein ganz klein wenig energischer zur Sache gehen. "Lauter als Bomben", das neue Werk der Punkband aus Ibbenbüren, ist ein lautes, rebellisches Album aus donnernden Drums, rotzigen Gitarren und leidenschaftlichem Gesang, das an Vorbilder wie The Offspring, Green Day oder die Dropkick Murphys erinnert.
Auch im politischen Anspruch, der die Münsterländer nicht nur mit Green Day, sondern auch mit den Mecklenburger Kollegen von Feine Sahne Fischfilet und Jennifer Rostock verbindet. Hemdsärmlig rocken die fünf Musiker hier "Geschichten vom Boden" und sie drohen "Keiner kommt hier lebend raus", ehe "Alle Zeit der Welt" und "Das Dorf war LA" ein wenig Tempo herausnehmen. Das Fundament der Musik ist immer klassischer Punk, etwa Marke Social Distortion oder The Alarm. Doch wie viele Bands haben auch die Münsterländer zugleich Heavy Metal und Folk als Einfluss entdeckt. Guido Knollmann spielt hier schon auch mal den Ansatz eines Gitarrensolos und die Rhythmusgruppe wechselt das Tempo vom T.Rex-Shuffle zum schwermetallischen Rumba in "Rauschen".
Bruder Ingo erzählt seine Kleinstadtgeschichten mit großer Inbrunst. "Von genug nie genug, von zu wenig viel zu viel, werden wir jemals reichen?" antwortet er in "Aschesammeln" auf Konstantin Weckers Klassiker "Genug ist nicht genug". "Eine letzte Runde" nimmt dann einen Reggae-Rhythmus, um vom Ende einer langen Kneipennacht zu berichten: "Wenn wir jetzt gehen, dann gemeinsam, und wenn es sein muss vor die Hunde, noch eine letzte letzte Runde."
Ein Stimmungslied mit Hoho-Chor, das den schweren Ton der meisten übrigen Songs ein wenig aufbricht. Davon abgesehen aber geht es hier hauptsächlich darum, im "Gegenwind surfen" zu lernen. Widerstand leisten gegen die Verwertungslogik der Wirtschaft, gegen die Verführbarkeit für populistische Losungen, gegen die Versuchung, alles immer und sofort zu brauchen.
"Man hat die Verantwortung, bei rechter Hetze dagegenzuhalten", hat Ingo Knollmann erklärt, als ihn das Jugendmagazin "Neon" zur Motivation seiner Band befragt hat, sich immer wieder und unumwunden in den Kampf gegen neue Nazis und altes faschistisches Gedankengut zu stürzen. Es gehe darum, Jugendliche nicht mit den falschen Gedanken allein zu lassen, sondern ihnen Orientierung zu geben, so gut man könne. "Wenn man als Band die Kids da draußen wirklich unmittelbar mit Herz und Kopf erreichen kann, dann sollte man das auf jeden Fall tun", glaubt Knollmann.
"Lauter als Bomben" ist denn auch ein politisches Album geworden, ohne in plumpe Propaganda abzustürzen. Die Botschaft der Donots ist dennoch jederzeit klar, aber sie wird nicht mit ermüdender Penetranz gesungen wie bei manchen gutwilligen Kollegen. Im Visier haben Lieder wie "Der Trick mit dem Fliegen" oder "Apollo Creed" zuallererst den Bewegungsapparat, die Refrains schreien nach Hallen, die jedes Wort mitsingen. Aber die werden die fünf Musiker auf der anstehenden Tour zur Genüge zu hören bekommen.
Dienstag, 30. Januar 2018
Meister aus Halle: Der leise Tod einer Fussball-Legende
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| Werner Stricksner (Mitte) bei einem Spiel gegen Lok Leipzig im Jahr 1955, das am Ende 2:2 ausging. |
Turbine Halle ist der letzte DDR-Fußballmeister, den Halle hatte. Und auch wenn Werner Stricksner damals im historischen Jahr 1952 nur ein einziges Spiel an der Seite von Legenden wie Herbert Rappsilver, Heinz Schleif, Horst Ebert I, Walter Schmidt, Otto Knefler und Erich Haase machte, war der 1926 geborene Hallenser doch Teil der legendären Meistermannschaft. Stricksner erlebte den histroischen 2:1-Auswärtssieg bei Turbine Erfurt, der die Meisterschaft perfekt machte, nicht auf dem Platz. Doch tausende mitgereiste Anhänger feierten auch den 25-Jährigen als Teil der bis heute letzten Fußballelf aus Halle, die eine Spielzeit einer höchsten Liga als Tabellenführer abschloss.

Deren Ende kam allerdings schneller als gedacht. Turbine rutschte erst ins Mittelmaß, dann kam aus der Parteibürokratie die Anweisung, dass die Oberligamannschaft zum neugegründeten Sportclub Chemie Halle-Leuna wechseln müsse. Es brauchte angeblich 34 Sitzungen, bis die widerstrebenden Spieler mit Druck und guten Worten und der Drohung, sonst nie wieder Oberligafußball spielen zu dürfen, bereit waren, Turbine zu verlassen und künftig für Chemie Halle-Leuna aufzulaufen. Auch Stricksner, der nach seinem Debüt noch weitere sieben Spiele für Turbine machte, spielte nun für Chemie. Er kam auf weitere 18 Oberligapartien - weniger als seine Namensvettern Diethart und Lothar, denn es lag von Anfang an kein Segen auf der von oben herbeigepressten Neugründung, die schon ein Jahrzehnt später erneut umgebaut und zum bis heute existierenden Halleschen FC wurde.
Schon am 24. April 1955 machte Chemie nach einer verheerenden Debütsaison sein letztes Oberliga-Spiel. Die Hallenser gewannen zwar mit 2:1 gegen den Armeeverein ZSK Vorwärts Berlin. Aber der Abstieg war amtlich. Auch in der Liga, in der Werner Stricksner zum Stamm gehörte, der den sofortigen Wiederaufstieg schaffen sollte, rangierte die junge Sockoll-Elf lange nur auf Platz 2 hinter dem Favoriten aus Jena.
Erst als der vor 25000 Zuschauern mit 4:2 aus dem halleschen Kurt-Wabbel-Stadion geschossen wurde, durften die Heuer, Klaus Hoffmann, Oelze; Bierbäum, Imhof; Lehrmann, Lehmann, Schmidt und Stricksner vom Aufstieg träumen. Im Dezember 1956 holten sich die Chemie-Fußballer dann durch einen 2:1-Sieg über Vorwärts Berlin vor 25 000 Zuschauern in Magdeburg dann auch noch sensationell den FDGB-Pokal. Unter Trainer Horst Sockoll lief neben Spielerlegenden wie Klaus Hoffmann, Robert Heyer, Wolfgang Knust, Werner Lehrmann, Walter Schmidt, Dieter Rauschenbach und Günter Imhoff auch Stricksner auf.
Der Abwehrrecke, der damit Meister und Pokalsieger war, beendete wenig später seine seine Spielerkarriere und wechselte auf die Trainerbank der Bezirks-Juniorenauswahl, der Nachwuchsabteilung des SC Chemie und der DDR-Juniorenauswahlmannschaft. Hauptberuflich als Sportlehrer tätig, trainierte Stricksner nebenher die Bezirksligaelf der BSG Motor Ammendorf. Mit der schnupperte der blonde Hallenser noch einmal Oberligaluft: Vor 1500 Zuschauern unterlag seine Elf 1962 im FDGB-Pokalspiel gegen den hochfavorisierten Meisterschaftsanwärter SC Empor Rostock.
Jetzt ist Werner Stricksner im Alter von 91 Jahren gestorben.
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